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Geopfertes Volk : der Untergang des polnischen Judentums / M. Chersztein ; deutsche Übertragung von Jolanta Münch
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einen guten Mantel trug, wälzte ich mich nach dem Beispiel anderer im Staub, um den Mantel schmutzig zu machen, damit er den Deutschen nicht in die Augen fiel.

Am Abend begann man, sich in den Wohnungen zu verteilen. Bett­stellen gab es nicht. Man schlief auf der Erde. Schon am selben Abend hielten die Deutschen Haussuchungen. Unter dem Vorwande, nach Waffen zu suchen, nahmen sie Schmucksachen weg. Als die Frauen hörten, was in den Nachbarhäusern geschah, versteckten sie Schmuck und Uhren.

Als das Ghetto mit Menschen vollgepfropft war, begann die innere Organisation. Die Verwaltung, oder der Kahal " zog aus der Straschun­gasse 6, wo der Raum zu klein geworden war, in das Schulbüro in der Rudnicka. In der Verwaltung waren dieselben Leute wie in der Straschungasse, aber keiner amtierte lange infolge der vielen Verhaf­tungen der Mitglieder des Kahals ". Es wurde ein Arbeitsamt" ge­bildet, vier Reviere der jüdischen Polizei" J. O.-D.( Jüdischer Ordnungs­Dienst) mit Kommissaren als Leitern. Man ging auch daran, Werk­stätten zu schaffen.

Es entstanden eigentlich zwei Ghettos, die beide mit Menschen bis zur Unmöglichkeit überfüllt waren. Trotz des engen Raumes betrug die Bevölkerung mit denen, die aus der Provinz hereingebracht worden waren, an die 300 000 Seelen. Das erste, größere Ghetto umfaßte einen Teil der Rudnickastraße, der durch einen Holzzaun abgetrennt war und alle benachbarten Straßen bis zur Deutschen Straße. Das Tor lag an der Rudnicka. Das zweite Ghetto war eigentlich eine Fortsetzung des ersten und war nur durch die breite Deutsche Straße vom ersten abgetrennt. Es erstreckte sich von der Rudnicka abwärts, umschloß alle engen jüdischen Gassen bis zur Synagoge des Wilnaer Gaons.")

Das große Tor an der Rudnicka mit dem Wachhäuschen war mit litauischem Militär und Gestapo besetzt. Durch dieses Tor gingen die Gruppen, die zur Arbeit befohlen waren. Es gab auf der entgegen­gesetzten Seite noch eine kleine Pforte, die zum zweiten Ghetto führte. Die Straßen, die an das Ghetto grenzten, waren mit hohen Bretterzäunen abgeschlossen, die oben noch mit Stacheldraht besetzt waren, sie wurden Tag und Nacht von litauischer Polizei bewacht. Alle Wohnungen und Läden innerhalb des Ghettos, die nach außen gingen, wurden geräumt und die Fenster und Ladentüren mit Brettern zugenagelt.

Infolge der Überfüllung gab es nicht für alle Leute Wohnungen. Viele saßen auf den Höfen um kleine Feuer, verzweifelt, übermüdet, von Sorgen gebeugt.

*) religiöses Oberhaupt, talmudische Autorität.

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