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Geopfertes Volk : der Untergang des polnischen Judentums / M. Chersztein ; deutsche Übertragung von Jolanta Münch
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Schreien der Frauen und Kinder in den Nachbarhäusern hören, in denen Haussuchungen gehalten wurden.

Am nächsten Tage ging ich wieder zur Arbeit. An meine Gruppe trat ein deutscher Offizier heran und suchte sich fünf Leute zur Arbeit aus. Ich war darunter. Nach der Arbeit befahl man mir und einem zweiten, sich am nächsten Tag wieder zu stellen. Wir erbettelten uns eine Arbeitsbescheinigung.

Auf Befehl des deutschen Kommandanten wurden die Ältesten der Judengemeinde ernannt, deren Aufgabe es war, die Befehle der deut­schen Behörden auszuführen. Die Amtszeit eines solchen Vorsitzenden dauerte niemals lange; bei der belanglosesten Sache, die als Nicht­befolgung einer Anordnung ausgelegt wurde, erfolgte sofort Verhaftung. Die Vorschriften für die jüdische Bevölkerung wurden immer schärfer. Es wurde verboten, sechzehn der wichtigsten Straßen zu betreten, verboten, auf dem Bürgersteige zu gehen. Nur der Fahrdamm durfte benutzt werden. Die Lebensmittelgeschäfte wurden getrennt, besondere Geschäfte für die polnische und litauische, besondere für die jüdische Bevölkerung wurden geschaffen. Damit wuchs der Hunger noch mehr. In den Läden für die Christen, deren Anzahl groß genug war, konnte man einkaufen, ohne Schlange zu stehen. Die Zahl der jüdischen Ge­schäfte war sehr gering, infolgedessen war der Andrang fürchterlich, so daß die Deutschen mit geladenen Gewehren die Schlangen in Ordnung hielten. Ich habe selbst gesehen, wie eine Frau vor einem Deutschen weinte und klagte, daß sie seit vier Tagen kein Brot gehabt hätte. Man mußte tagelang warten, bevor man in den Laden kam. Es gab besondere Lebensmittelkarten für Juden, andere für die übrige Bevölkerung. Auf jedem Abschnitt der jüdischen Karten befand sich der Aufdruck:" Zydas ", Darauf bekam man täglich 120 g Brot. Das war die Hälfte der Zuteilung für Polen , die täglich ½ kg bekamen. Die Litauer bekamen noch mehr. Und diese 120 g waren die einzige Zuteilung für die jüdische Bevölkerung.

Die Deutschen gaben immer wieder neue Verordnungen heraus, die immer mehr Unheil für die jüdische Bevölkerung verhießen. Schließlich erschien eine Verordnung über das Tragen von Abzeichen, die infolge des raschen Wechsels der deutschen Kommandanten immer wieder anders lautete. So mußte man anfangs auf Brust und Rücken weiße, runde Flecken mit dem gelben Zionsstern und Jude" in der Mitte tragen, dann einige Tage dasselbe in Form einer Armbinde, später wieder auf Brust und Rücken Flecken mit dem gelben Stern und J.

Beim plötzlichen Wechsel der Anordnung verhaftete die litauische Polizei diejenigen, die sich der Anordnung nicht fügten, oder genauer, die nichts von ihrer Abänderung wußten.

Beim Abriegeln einzelner Häuser blieb es nicht. Unter dem Vor­wande, daß Juden auf zwei deutsche Soldaten geschossen hätten,

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