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Arztschreiber in Buchenwald : Bericht des Häftlings 996 aus Block 39 / Walter Poller ; mit 4 Original-Lithographien von Richard Grune
Entstehung
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Hund der Kompanie war. Wäre Melingo nicht im Revier gewesen, uns hätte etwas gefehlt. Wäre Melingo nicht gleich nach der Überwindung der Lungenentzündung an Blinddarmreizung oder sonstwas erkrankt, uns wärenicht wohl gewesen. Und als es einmal absolut nicht mehr weitergehen wollte und der Tod schon guten Abend gesagt hatte, da machte Perth- ein jüdischer Arzt, der eigentlich gar nicht im Revier sein durfte-die einzige während meiner Zeit zu Heilzwecken in Buchen- wald vorgenommene Bluttransfusion, die sich auch Ding ansah, weil er so etwas vorher noch nie gesehen hatte, der Herr SS.-Arzt. Und Melingo blieb uns erhalten. Und als er bei der Rippenfellentzündung wochenlang mit dem Schlauch lag, aus dem unablässig der Eiter tropfte, und dann der achttägige Essenentzug über das Lager verhängt wurde, da hätten wir ihm unseren letzten Bissen gegeben, denn es war nach- gerade Ehrensache geworden, Melingo mußte am Leben bleiben.

Was aber entdeckte ich in Melingos pplitischer Akte? Sie war etwas umfangreicher als gewöhnlich. Wiederholt hatte Schriftverkehr mit dem

Sicherheitshauptamt über ihn stattgefunden. Wahrscheinlich war man

von verschiedenen Seiten um seine Freilassung bemüht, und mehrfach waren Führungsberichte über ihn ausgestellt. Und da hieß es einmal, daß er ungemein faul bei der Arbeit sei. Das andere Mal, daß er immer noch keine Besserung zeige und in letzter Zeit sogar nach mehrfacher Ver- warnung bestraft werden mußte. Als ob es so etwas wie Verwarnung überhaupt im Lager gab! Dann nochmals: Melingo zeige immer noch keinen Eifer bei der Arbeit, er müßte immer wieder verwarnt werden und arbeite nur bei strenger Aufsicht.

Melingo? Unser Sorgenkind? Arbeitet nur bei strenger Aufsicht? Ach, seht euch doch den Mann an, der da sterbenskrank im Bett liegt! Der kann doch gar nicht arbeiten und hat auch noch nie im Lager gearbeitet. Und doch steht es schwarz auf weiß da: arbeitet nur bei strenger Auf- sicht. Konnte es mir noch eindringlicher klargemacht werden, mit welcher Gewissenlosigkeit hier in diesen Führungsberichten gelogen wurde?

Und wie häufig habe ich von nun an feststellen können, daß die ganzen Führungsberichte erstunken und erlogen waren! Ich zweifle nicht eine Sekunde daran, daß auch meine Führung in diesen Berichten entsprechend war, trotzdem ich niemals verwarnt, bestraft oder sonst- wie aufgefallen war.

Einmal erhielt unser Kamerad Ernst U., der beim Revier als Schreiber beschäftigt war, einen Brief von seiner Frau mit heftigsten Vorwürfen. Sie habe nun schon über fünf Jahre auf ihn gewartet. Er habe ihr doch

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