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Arztschreiber in Buchenwald : Bericht des Häftlings 996 aus Block 39 / Walter Poller ; mit 4 Original-Lithographien von Richard Grune
Entstehung
Seite
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stellen von den ,, Grünen" besetzt. Das war für die Politischen und für das gesamte Lagerleben ein schwerer Schlag.

Man muß wissen, daß ein Kapo im Lager über die Mithäftlinge eine ungeheure Macht hatte, eine Macht, die so groß war, daß er selbst über Tod und Leben seiner Mithäftlinge entscheiden konnte. Die Lagerleitung hatte den Kapos mit voller Absicht diese Machtposition überlassen, denn sie fand so sogar aus den Reihen der Häftlinge willfährige Werkzeuge ihrer brutalen Vernichtungspolitik. So leicht es natürlich der Lager­leitung war, einen miẞliebigen Kapo zu beseitigen, so schwer war es den Mithäftlingen. Die Tatsache, daß zunächst alle Kapostellen von Grünen besetzt waren, hat sich sehr zum Unheil ausgewirkt. Bei der natürlichen Abneigung der kriminellen Elemente gegen die politischen Häftlinge und bei der Gegensätzlichkeit dieser beiden Welten bedurfte es eines langen, schweren Weges, bis die Kapostellen den kriminellen Elementen immer mehr und mehr entwunden werden konnten.

Als ich in das Lager eingeliefert wurde, war der 1. Lagerälteste ein grüner Häftling namens Richter, der bei der Lagergründung den­selben Posten innehatte, dann einige Zeit Kapo der Strafkompanie ge­wesen und nun wieder zum Lagerältesten ernannt worden war. Er war ein untersetzter, breitschulteriger, verschmitzt dreinblickender Bursche. Was mit ihm los war, glaube ich durch zwei Tatsachen deutlich genug demonstrieren zu können.

Der Häftling, der uns Zugängen am Tage meiner Einlieferung in das Lager auf dem Appellplatz in geschwollener Form den Informations­vortrag hielt, war Richter. Er schilderte uns im großen und ganzen die uns da noch unglaublichen Lagerverhältnisse richtig und seine Bemer­kung, daß er das Aufhängen von Häftlingen selbst besorge, war nicht etwa eine renommierende Übertreibung, sondern entsprach durchaus den Tatsachen. Der zweite Häftling, der die auffallende Wandlung in Richters Haltung herbeigeführt hatte, war Hans Schulenburg, der seiner­zeit Lagerpolizist war und sich mit seinem korrekten Verhalten großer Sympathie im Lager erfreute. Richter, der viel ,, Dreck am Stecken" hatte, wußte, daß er in der Hand von Hans Schulenburg war, der ihn jedoch aus seiner grundsätzlichen Einstellung nicht ,, hochgehen" ließ. Aber was wußte Richter schon von der grundsätzlichen Einstellung eines politischen Häftlings!? Er glaubte, sich die persönliche Sympathie durch unterwürfige Speichelleckerei erwerben zu können. Darum dieser plötz­liche ,, Witterungsumschlag". Er war, wie wir Häftlinge es nannten, eine ,, Radfahrernatur": Krummer Buckel nach oben, treten nach unten

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Und die zweite Tatsache: Als Richter dann doch endlich von seinem