graue, regenschleudernde Wolkendecke die Menschen nieder, als habe ihnen der Sturm die Lebensfreude weggeblasen. Kreibel sitzt am Ende des mittleren Tisches und blättert im ,, Lichtenstein": er will noch einmal die Beichte des Pfeifers von Hardt lesen, die Kaiser Wilhelm so gut gefallen hat, wie im Vorwort des Buches steht. Hinter ihm gehen Nathan Welsen und Schneemann auf und ab. Wenn sie an ihm langsam vorbeigehen, hört er Brocken ihrer Unterhaltung. Welsen spricht.
,,... der materialistischen Geschichtsauffassung fällt es gar nicht ein, die Rolle der Persönlichkeit zu leugnen. Die Menschen machen ihre Geschichte selbst, sagt Marx, aber..." Kreibel liest die Beschreibung der hübschen Pfeiferstochter, die so unglücklich in den schmucken Junker verliebt ist. Dann muß er wieder auf die Worte hinter sich horchen. Leise, aber eindringlich betont Schneemann jedes einzelne Wort.
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Man kann den Zufall nicht ausscheiden. Kann einer sagen, wie der Gang der Geschichte gewesen wäre, wenn beispielsweise die Schlacht bei Sadowa zugunsten der Österreicher ausgefallen wäre, wenn Napoleon bei Waterloo über Wellington gesiegt hätte, wenn die Deutschen die Marneschlacht..." Finster und unruhig schleicht Hannes Kolzen an der Tür umher. In den letzten Tagen sind drei Gefangene entlassen worden, darunter Waldemar Lohse, der neben ihm lag, mit dem er sich angefreundet hatte. Andere sind ins Untersuchungsgefängnis überführt worden. Nur er bleibt hier. Nur er erfährt nicht, ob er einen Prozeß bekommt oder ob seine Entlassung bevorsteht... Der Lohse hatte einen Brief geschrieben. Er tat so geheimnisvoll damit. Dieser Brief wird mit seiner Entlassung zusammenhängen... Wenn man bloß wüßte, was in so einem Brief drinstehen muß, um entlassen zu werden... Wenn seine Frau nicht so ein Tolpatsch wäre. Ihr Mundwerk steht keine Minute still,
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