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Die Prüfung : Roman aus einem Konzentrationslager / Willi Bredel
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Der Schnee ist geschmolzen. Auf dem Gefängnishof stehen große, lehmige Pfützen. Vom Meer brausen Sturmwinde heran, pfeifen durch die Telegraphendrähte, knacken Äste von den kahlen Bäumen und umtoben heulend die Häuser. Gleich ge­hetzten Seglern jagen tiefhängende, rauchgraue Wolken vor dem Winde. Regenmassen prasseln herab, die der Sturmwind über­mütig gegen die Häuser und über die Felder fegt.

Rauh und finster sind diese Tage, an denen der Winter vertrieben und dem Frühling der Weg gebahnt wird.

Im Gefängnis ist es still, wie auf einem Schiff im Sturm. Außer dem Posten, der mit hochgeschlagenem Kragen, das Gewehr im Arm, dicht an der Mauer auf und ab geht, ist keine Menschen­seele zu erblicken. Die Wachtmeister sitzen in ihrer Stube am heißen Grogglas. Die Einzelhäftlinge hocken frierend in der Ecke der kahlen Zelle, an der das dünne Heizrohr entlang läuft. Die Gefangenen auf den Sälen paffen Pfeifen und Zigaretten, gehen mürrisch und maulfaul aneinander vorbei. Einige liegen auf den Pritschen und starren in die vorbeijagenden Wolken­fetzen. Einer legt sich ununterbrochen Karten. Wenn er gerade festgestellt hat, daß er diese Woche noch entlassen wird, erfährt er sogleich darauf, daß es nichts wird. Verzweifelt befragt er immer und immer wieder die Karten. Walter Körning summt gedankenlos: Wenn uns der eigene Bruder verrät..." Aber hält erschrocken inne, als Fred Kolberg, ein beleibter Hafenarbeiter, ihn grimmig wie ein Raubtier anknurrt: Laß das Gewimmer!" Auf dem Saal ist es trist und unfreundlich; es ist, als drücke die

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