ausmalen. Alle werden langsam zernagt und erdrückt von dem trostlosen Einerlei der Haft, deren Ende keiner weiß..
In dies triste Gefangenendasein platzt eines Tages eine Nachricht, die mit einem Schlage jeden einzelnen hochreißt und mit neuen Hoffnungen erfüllt. Der Kalfaktor kommt und klopft leise.
Welsen ruft um Ruhe und horcht an der Tür.
„Nathan?“
„Ja, was hast du?”
„Mensch, Erni, mach keinen Unsinn!”
„Im Ernst, in Wien ballern sie wie verrückt. Hunderte Tote. Die Arbeiter haben ganze Stadtteile besetzt.”
„Und die österreichische Sozialdemokratie?”
„Na, die macht so halb und halb mit. Der Schutzbund hat den Laden geschmissen.”
„Ich glaub? dir das nicht!”
„Red’ doch keinen Unsinn, die ganzen Zeitungen stehen voll. Wenn ich kann, besorg’ ich aus der Wachtstube eine Zeitung und steck’ sie euch zu.”
„Ja, mach das! Nicht vergessen!”
Gedankenvoll verläßt Welsen die Tür. Er kann noch immer nicht glauben, was ihm eben mitgeteilt wurde. Revolution in Paris und Österreich ? Was geht denn eigentlich draußen in der Welt vor? Das kommt ja alles rascher, als jeder erwartet. Und ausgerechnet in Österreich ? Der sozialdemokratische Schutzbund wagt den bewaffneten Aufstand? Wie mag das alles zusammenhängen? Was kann dabei rauskommen? Er wendet sich an die mit fragen- den Gesichtern um ihn Stehenden.
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