Täglich kommen Zugänge, täglich werden Genossen in das Untersuchungsgefängnis überführt, hin und wieder kommt auch der„ Erlöserengel" und bringt Entlassungen.
Jeden Nachmittag sitzen Kreibel und die Genossen zusammen. Kreibel erzählt von den ersten Parteitagen der russischen Sozialdemokratie, den theoretischen Differenzen, der Spaltung, erzählt von der historischen Rolle Lenins , den ersten Massenkämpfen der russischen Arbeiterklasse und der Revolution von 1905. Die Kursusarbeit wird immer gefahrvoller. Unter den Zugängen sind jetzt häufiger unbekannte Leute, sehr oft Mitglieder der NSDAP und der SA, die irgendwie widerspenstig geworden waren. Auch rückfällige Kriminelle werden als asoziale Elemente eingeliefert. Wie Geschwüre werden sie in der Gemeinschaft der Politischen empfunden. Kreibel hätte gerne die Schulungsarbeit aufgegeben. Das Risiko wird immer größer. Aber die Genossen drängen und wollen von Auflösung des Zirkels nichts wissen. Schlimm empfindet Kreibel die Abende. Die kriminellen Elemente bringen einen neuen Ton in die Flüsterunterhaltungen. In derben Anspielungen wird über sexuelle Dinge gesprochen, bis in die Nacht werden auf den Pritschen Witze geflüstert und Zoten gerissen. Kreibel kann dann keinen Schlaf finden. Nie, selbst in der Einzelhaft nicht, litt er so unter der zwangsweisen Enthaltsamkeit, wie jetzt, wo er unter Menschen ist. Es gibt bittere Stunden, lange, qualvolle Nächte...
Er beobachtet aufmerksamer die Genossen und findet, daß sie alle unter diesem anormalen Leben leiden; aber ernsthaft wird nicht darüber gesprochen.
Einige Genossen schnitzen aus alten Besenstielen Figuren, meist nackte Frauengestalten; andere zeichnen viel, gewöhnlich allein. Nie wollen sie zeigen, was sie zeichneten. Die jungen Genossen erzählen sich besonders gern lustige Liebesaffären, die sie breit
20 Bredel, Prüfung
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