Acht Genossen sitzen in der Saalecke am Fenster um Kreibel herum. Darunter der Jungkommunist Walter Körning, der immer noch über Rippenschmerzen klagt— man hat ihn drei Nächte hintereinander im Keller verprügelt—; der blasse Heinrich EI- genhagen, der stets wie vom Weinen gerötete Augen hat und als einziger auf dem Saal täglich einen Viertelliter Milch bekommt, weil sein Magen, nach einem Selbstmordversuch mit rostigen Nägeln, zerrissen ist; auch Otto Siebel und Welsen. Heute soll Kreibel die Geschichte der russischen Bruderpartei erzählen. Kesselklein hat die Wache an der Tür. Zwei weitere Genossen separieren unauffällig die kleine Gruppe von den übrigen. Den ganzen Tag war Kreibel aufgeregt. Lange hat er mit sich gerungen, ob er es überhaupt machen soll. Er weiß genau, was ihm bevorsteht, wenn die Nazis dahinterkommen. Was würden die Genossen aber von ihm denken, wenn er zurückschreckte? Er darf sich nicht feige zeigen, komme nun, was da wolle. Was würde Torsten an seiner Stelle tun? Der würde freudig die Ge- legenheit benutzen, Genossen politisch zu schulen. Hier drinnen kann er sich den Genossen nicht entziehen. Wird er entlassen, ist das was anderes; da kann er aus ihrem Gesichtskreis ver- schwinden. „Genossen”, flüstert er,„wir wollen uns über, sagen wir, Ar- beitergeschichte unterhalten, und zwar über die Geschichte der russischen Arbeiter, ihrer Parteien, Theorien und Revolutionen. Vorher aber will ich euch eine kleine Geschichte erzählen.” Einige Gefangene, die an den langen Tischen vor Schach -. brettern sitzen, Skat oder Rommee spielen, sehen zu dem kleinen Kreis hin. Sie wissen, daß es immer dieselben sind, die sich dort . zusammenfinden, aber sie tun so, als kümmere es sie nicht. Nur Schneemann sieht häufiger hin, und wenn der Kreis beisammen ist, läuft er gewöhnlich unruhig durch den Saal.
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