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Die Prüfung : Roman aus einem Konzentrationslager / Willi Bredel
Entstehung
Seite
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,, Herr Heildiener, Sie müssen..."

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Schon gut, ich seh' schon, ich habe mich viel zu lange auf­gehalten."

Die nachfolgenden Tage beschäftigt Torsten nur die eine Frage: wie kann ich den Heildiener beeinflussen? Aus gefühlsmäßigen und konjunkturellen Gründen ist der zu Hitler gekommen, das ist klar. Aber er beginnt politisch zu denken. Stößt auf Probleme und Zusammenhänge, die er nicht durchschauen kann. Da muẞ man unbedingt nachhelfen.

Frage für Frage wirft Torsten auf und versucht sie in der klarsten und verständlichsten Art zu beantworten. Und ungeduldig wartet er auf einen neuen Besuch des Heildieners.

Am Sonnabendnachmittag rast Wachtmeister Lenzer von Zelle zu Zelle und schließt die Türen auf. Dann schreit er: ,, Einzelhäftlinge! Raustreten!"

Fast gleichzeitig kommen die Gefangenen aus ihren Zellen. Er­staunt sehen sie sich um; sie wissen nicht, was das zu be­deuten hat.

Torsten betrachtet seine beiden Nebenmänner. Der links von ihm ist ein alter, hinfälliger Mensch mit riesigen Bartstoppeln und kahlen Flecken im Haar. Sein rechter Nebenmann ist ein langer Kerl mit schmalem Gesicht und einer Brille. Er steht vorn­übergebeugt und macht einen kranken, gebrochenen Eindruck. Die meisten Gefangenen haben lange Bartstoppeln. Unbeholfen stehen sie vor ihren Türen und schielen auf ihre Nebenmänner. Einige grinsen verlegen. In den zu langen oder zu kurzen schwarzbraunen Zuchthauskleidern sehen sie kläglich und ver­lottert aus.

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