in einer Minute Gedenken seinen Willen zur Volksgemeinschaft!"
Nach diesen Worten schließt er die Zellentür wieder zu und geht in den Saal 2. Müde, gelangweilt, eigenartig arrogant, die Arme verschränkt, die Stirn in Falten gezogen, wiederholt er: ,, In einigen Minuten werde ich ein Pfeifsignal geben, dann erhebt ihr euch von den Plätzen und steht so lange stramm, bis ich ein zweites Pfeifsignal gebe. Ganz Deutschland bekundet heute, am 9. November, am Tage des marxistischen Revolutionsverbrechens, in einer Minute Gedenken seinen Willen zur Volksgemeinschaft!"
In jede Einzelzelle zu gehen und sein Sprüchlein herzusagen, dazu ist er zu bequem; er stellt sich auf dem Korridor hin und brüllt durch die hohle Hand:
,, Achtung, Einzelhäftlinge, wenn ein Pfeifsignal ertönt, hat sich jeder unterm Fenster in strammer Haltung aufzustellen!" Dann geht er in den Keller, zu den Dunkelhäftlingen. Ein mattes elektrisches Licht bescheint die Steinwände und die dicken Eisentüren, hinter denen die Häftlinge in Einsamkeit und Finsternis liegen. Meisel stellt sich am Fuß der Treppe auf und schreit: ,, Achtung, Dunkelhäftlinge, wenn ein Pfeifsignal ertönt, hat sich jeder an der Stelle, wo das Fenster ist, in strammer Haltung aufzustellen!"
Meisel hört, wie er die Treppen hinaufsteigt, die Wachtmeister der anderen Stationen gleichfalls die Gefangenen instruieren. Er sieht nach der Uhr. Noch sechs Minuten. Eine geniale Idee, denkt er, auf die Art jeden einzelnen zu zwingen, über die Volksgemeinschaft nachzudenken. Dieser Goebbels ist doch ein kluger Kopf. Einfälle hat der. Sogar die Feinde des Dritten Reiches werden gezwungen, die Volksgemeinschaft zu respektieren...
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