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Die Prüfung : Roman aus einem Konzentrationslager / Willi Bredel
Entstehung
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Torsten entdeckt ein neues Spiel. Er findet in den Verästelungen der Buche Porträts, Landschaften, Karikaturen, Zahlen. Die kleinsten Andeutungen genügen; die Phantasie ersetzt das Fehlende... Eine kleine Brücke, über die eine altmodische Kutsche fährt... Ein niedersächsisches Bauernhaus mit einem runden Vollmond darüber... Feurige, kraftstrotzende Reiter, sie bewegen sich sogar, wenn der Wind in die Zweige fährt... Torsten sucht nach Zahlen, und wie er eine 3 findet, versucht er sie mit sich in Verbindung zu bringen. Wie lange noch? Drei Monate? Drei Jahre? Er sieht in den Ästen deutlich eine 9. Neun Monate oder neun Jahre? Neun Monate, das wäre im Juli nächsten Jahres. Im Juli...

Zwischen diesen Spielereien und Träumereien rafft er sich auf und treibt Gymnastik, macht sein tägliches Pensum: fünfund­zwanzig Kniebeugen, zwölf Liegestützen, zwölf Rumpfroller. Dann wirft er sich wieder, von den Anstrengungen der Gymnastik angenehm ermattet, auf seinen Schemel, träumt wieder in den Himmel, in das Astgewirr der Buche...

... Anna

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wo wird sie sein, was wird sie anfangen?... Wie wird sie sich durchschlagen?...

.. Tetzlin... Er hätte ihm nicht so kalt und abweisend ant­worten dürfen... Aber er war doch selber fast am Ende ge­wesen... Ach, auch Tetzlin hätte durchhalten sollen... Es war kein Verrat, Erpressung war es...

... Chemnitz . Ja, Chemnitz , dort wird bestimmt gearbeitet. Be­stimmt. Die Genossen lassen nicht locker. Ob der große Ossig aus dem Eisenwerk noch immer die Zeitung macht?... Groß­artiger Bursche, dieser Metallarbeiter. Geschickt, klug und ge­wissenhaft... Und der alte Wiese, der Holzarbeiter mit der ver­krüppelten Hand? Ob der noch Org- Leiter ist?... Und der schmächtige Bratsche, dem Noskesoldaten 23 ein Auge ausge­

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