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Die Prüfung : Roman aus einem Konzentrationslager / Willi Bredel
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lastung, werden die Proleten in den Streik oder auf die Barri­kaden geschickt. Zum Wohle der russischen Sowjets fließt in allen Ländern und fließt ganz besonders bei uns in Deutschland wertvolles Arbeiterblut."

Ein paar Gefangene sind aufgesprungen. Keiner grinst mehr; alle blicken erbittert auf den geifernden Rittmeister. Schnee­mann ergreift das Wort:

,, Ich habe einmal ähnliche Gedankengänge geäußert", beginnt er ,,, seitdem hab' ich oft darüber nachgedacht. Heute weiß ich, daß sie falsch sind. Warum? Weil wir keine engstirnigen Nationalisten sein müssen. Es ist eigentlich selbstverständlich, daß wir zu einem Land stehen müssen, in dem die Arbeiter­klasse herrscht! Selbst dann, wenn dem einen oder dem andern manches an den dortigen Verhältnissen nicht gefällt. Soviel ich weiß, spielt die Nationalitätenfrage bei Lenin eine große Rolle, und selbst im engen Bunde der Sozialistischen Sowjetrepubliken ist die nationale Selbstverwaltung und Selbstbestimmung garan­tiert. Darum stehe ich heute nicht mehr zu meinen früheren, reichlich kurzsichtigen Auffassungen. Nur bin ich der Ansicht, daß die Kommunisten auch in den einzelnen Sektionen diese nationale Selbstbestimmung pflegen sollten."

Die Kommunisten blicken auf Welsen und Dietzsch. Von diesen erwarten sie die notwendigen Erwiderungen.

Welsen fühlt die Blicke der Genossen; er weiß, sie erwarten jetzt, daß er dem Sozialdemokraten und dem Nazi die Grund­probleme des proletarischen Internationalismus erklärt.

Aber Welsen schweigt. Er traut diesem Freiherrn von Borring­hausen und Höltling nicht.

Dietzsch versteht Welsens Schweigen nicht; er ließe lieber ihn sprechen, denn er fühlt sich seiner Sache nicht ganz sicher. Und tatsächlich widerspricht er sich schon nach den ersten Sätzen.

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