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Die Prüfung : Roman aus einem Konzentrationslager / Willi Bredel
Entstehung
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Lenzer geht andern Tags, nachdem er Zirbes abgelöst und heim­lich in Saal 1 und 2 die bestellten Rauchwaren abgegeben hat, in die Zelle zu Koltwitz. Der liegt, weiß wie ein Toter, auf der Pritsche und starrt mit aufgerissenen Augen gegen die Decke. ,, Na, Koltwitz, was ist denn mit Ihnen los?"

Koltwitz blickt auf Lenzer und dann wieder, ohne ein Wort zu sagen, zur Decke. Neben Koltwitz liegt ein handfester Strick. Lenzer nimmt ihn in die Hand und betrachtet ihn.

,, Was soll dieser Strick, Koltwitz?"

,, Hat man mir gestern hereingeworfen!" Während er dies leise, fast hauchend antwortet, rinnen ihm die Tränen über das Gesicht. Lenzer haßt die Juden, doch das kann er nicht gutheißen. Wenn Koltwitz unbedingt sterben soll, dann nicht so, dann soll man ihn niederschießen. Ein Arschvoll zur rechten Zeit" kann nach seiner Meinung nie schaden, aber dies langsame Totprügeln ist erbärmlich.

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,, Koltwitz, kann ich etwas für Sie tun? Wollen Sie Kaffee haben? Guten, echten Kaffee?"

Der Gefangene schüttelt nur leicht den Kopf.

Wenn ich hier Wache habe, wird der fortan nicht mehr ge­schlagen, gelobt sich Lenzer.

Der Kalfaktor Kurt von A 1 räumt im Keller auf. Er war in der Winterhuder Stadtleitung und kennt Kreibel von der politischen Arbeit her. Immer, wenn die Luft rein ist, huscht er an seine Zellentür und teilt ihm Neuigkeiten mit. Trotz strengstem Zeitungsverbot im ganzen Lager kommen hin und wieder mit der Wäsche oder durch den Besuch einige Zeitungen auf die Säle. Auch erfahren die Gefangenen auf den Sälen dieses oder jenes durch die Wachtmeister. Auch spitzen die Kalfaktoren bei den Gesprächen der Wachtmeister die Ohren.

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