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Die Prüfung : Roman aus einem Konzentrationslager / Willi Bredel
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lich. Er hat ihn leise flüsternd gefragt, wie lange er schon in Ein­zelhaft sei, aber keine Antwort erhalten. Auch wenn ihm ein anderer zuflüstert, antwortet er nicht, nickt höchstens kaum merklich oder blinzelt. Unterhalb des Ohrs, am Halse, bemerkt Torsten bei ihm einen geschwollenen dunklen Fleck. Es sieht aus, als sei er gewürgt worden.

Die Kranken der Station A 2 sind abgefertigt, gleich ist Torsten an der Reihe. Jeder, der ins Arztzimmer tritt, muß seinen Namen melden. Aspirin, Rizinusöl und weiße Tabletten zur Nerven­beruhigung, das sind die Standardmedikamente des Heildieners. Torsten ist neugierig: was wird er schlucken müssen?

Sein Vordermann humpelt ins Arztzimmer und meldet: ,, Schutz­haftgefangener Koltwitz!"

Koltwitz? Hätte er sich eigentlich denken können. Ein mensch­liches Wrack, dieser mißhandelte Jude. Torsten horcht ange­strengt ins Arztzimmer.

... zahle jede Kaution, Herr Heildiener, wenn ich in richtige Behandlung komme, ins Krankenhaus oder in eine Klinik! Ich stelle eine Kaution, ich laufe nicht weg! Wirklich nicht!"

,, Kaution stellen? Wieviel dächten Sie denn zu stellen? Zehn­tausend Mark?"

,, Jawohl, Herr Heildiener!"

,, Auch fünfzigtausend Mark?"

" Jawohl!"

,, Haben Sie denn soviel Geld?"

-

,, Ich... habe es nicht aber... ich habe reiche Verwandte!" ,, Und Sie meinen, die würden für Sie die Kaution erlegen?" " Jawohl, Herr Heildiener, das würden sie tun!" ,, Daraus wird nichts, mein Lieber, so korrupt sind wir nicht! Das Dritte Reich ist keine Weimarer Republik . Sie wissen doch, früher konnten sich die Hamburger Millionäre aus dem Zucht­

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