Es ist Sonntag. Ein herrlicher Oktobermorgen. Die Sonnen- streifen brechen durch das bunte Laub der Bäume, die jenseits
“der Gefängnismauer stehen. Die Äste tragen schwer an gelben
Birnen und roten Äpfeln. In der Ferne fährt klingelnd ein Milch- wagen durch die Straßen Fuhlsbüttels. Über dem Zuchthaus kreist am wolkenlosen Himmel das rote Flugzeug des Wetter- dienstes vom nahen Flughafen.
Auch in der Anstalt herrscht Feiertagsstille.
Die Einzelhäftlinge sitzen mit verschränkten Armen auf ihren Schemeln und träumen in den Himmel hinter den Gitter- quadraten ihres Zellenfensters oder wandern ruhelos umher. Die Häftlinge in den Dunkelzellen kauern, wie alle Tage, in irgendeinem Winkel und phantasieren von Licht und Sonne und Bäumen und Vögeln; sie sind blind, sie wissen nicht, wie schön dieser Herbstsonntag ist.
Oberscharführer Harms hat Sonntagsdienst. Er spielt in der Ge- fängnisschule auf der Orgel. Die Akkorde durchdringen feierlich das schweigende Gefängnis. Doch einige Pfeifen sind defekt, zwischen bestimmten Tönen faucht es nur. Harms untersucht den Schaden und sieht, daß aus der Orgel einige Pfeifen voll- ständig entfernt sind.„Das ist aber doch die Höhe!” brummt er, geht in die Wachtstube und teilt seine Entdeckung Zirbes mit. „Ja, weißt du das denn nicht?” erwidert der ganz erstaunt.„Das ist herrliches Zinn, da lassen wir Panzerkreuzer von bauen. Geht ausgezeichnet. Einige auf Saal 4 haben erstaunliche Handfertig- keit darin!”
„Was laßt ihr aus den Orgelpfeifen bauen?“
„Panzerkreuzer! Kleine Potemkins! Mußt sie dir mal zeigen lassen. Teutsch hat einen, Meisel meines Wissens auch!”
„Und, da wird einfach die Orgel demoliert?“
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