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Die Prüfung : Roman aus einem Konzentrationslager / Willi Bredel
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des gemeinsamen Feindes, müßten sie doch zusammenhalten. Daß sie ihn nicht verprügelt haben, findet er, obgleich gerade er aus Furcht Bedenken gehabt hat, nun hinterher großartig. Aber warum den Menschen durch die allgemeine Verachtung so kränken? Nein, Miesicke findet das Verhalten der Kommunisten nicht in Ordnung.

Wie er den Sozialdemokraten anspricht, sehen viele zu ihm hin; doch keiner sagt etwas. Schneemann gibt Miesicke auf alle Fragen bereitwilligst Antwort, dankbar, daß einer das allgemeine Schwei­gen bricht. Miesicke erfährt, daß Schneemann Betriebsrat bei den Gaswerken und Abgeordneter der Hamburger Bürgerschaft gewesen ist, daß er verhaftet worden sei, weil er die Arbeiter der Staatsbetriebe zu illegaler Tätigkeit aufgerufen habe. Doch er versichert, daß er niemals Angeberdienste für die Polizei geleistet habe, auch nicht, als seine Partei die Polizei leitete. Miesicke findet Gefallen an Schneemann; er ist unterhaltsam, man kann mit ihm über alles reden, über Reisen, Familie, sogar über Ge­schäfte, und er schließt sich ihm enger an. Schneemann ist auch in Unterhaltungen toleranter als die Kommunisten, er läßt auch andere Ansichten gelten, und wenn Miesicke seine verworrenen politischen Äußerungen macht, fällt er nicht gleich, wie die Kom­munisten, über ihn her, als habe er eine Todsünde begangen. Miesicke und Schneemann unterhalten sich über die Nazis, da­bei bemerkt Schneemann hämisch: ,, Ich bin ja auch ein Faschist, müssen Sie wissen, ein Sozialfaschist nämlich!"

Das hört ein Arbeiter, der neben ihnen sitzt. Da kann er nicht mehr an sich halten, dreht sich um und fragt: ,, Dor bild'st du di woll noch wat op in?"

Schneemann und Miesicke überhören diese Bemerkung.

,, Mok di hier man bloß nicht musig, sonst sett dat doch noch'n Morsvull!"

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