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Die Prüfung : Roman aus einem Konzentrationslager / Willi Bredel
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im Gefängnis. Die Nazis haben ihn zum Stubenältesten ernannt, um ihn, den Juden, für alle Verstöße gegen die Saalordnung büßen zu lassen. Die Gefangenen durchschauten jedoch diese Absicht und vereitelten sie durch freiwillige, strenge Disziplin. Miesicke, der auf diesem Saal liegt, flüstert leise seinem Platz­nachbarn etwas zu. Der nickt, erhebt sich und ruft: ,, Der Miesicke hat ganz recht!"

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Wieso? Was ist los? Na, dann red' doch schon!" ermuntert Welsen.

,, Miesicke meint, sie werden sich an uns rächen, wenn... wenn wir das nicht ausführen. Und besonders an dir... an dir werden sie sich rächen!"

Ähnliche Bedenken werden von anderen geäußert.

,, Das, Genossen", erwidert Welsen ,,, wird uns doch niemals da­von abhalten, das Richtige zu tun. Sollten sie gegen uns Re­pressalien anwenden, müssen wir uns eben damit abfinden!" Wieder längeres Schweigen. Der Neue steht wie erstarrt; sein Gesicht ist grau und fahl geworden.

,, Ich denke, wir machen es so, wie ich vorgeschlagen hab', nicht wahr?"

Das Schweigen der Gefangenen deutet er als Einverständnis. ,, Also, Hermann, zeig dem Neuen sein Bett! An welchem Tisch ist noch ein Platz frei? Tisch drei! Ihr nehmt ihn auf. Das Bett gleich überziehen und sofort das Anstaltszeug anziehn!" Nachdem der Neue sein Bett geordnet und das schwarzbraun­gestreifte Anstaltszeug angezogen hat, setzt er sich abseits auf einen Bock am Fenster. Nicht ein einziger der achtunddreißig Ge­fangenen kümmert sich um ihn. Nur heimlich und verstohlen wirft mal dieser, mal jener einen flüchtigen Blick auf ihn. Es wird Schach und Karten gespielt, als sei nichts vorgefallen. Zwischen

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