Als erster bricht der Seemann Kesselklein das Schweigen, streichelt sich die tätowierten Arme und meint: ,, Das kann ja ganz gemütlich werden. Auf solche Chance hab' ich lange gewartet!" ,, Gar nicht erst warm werden lassen!" ruft hitzig Ali, das Saalküken. ,, Verrammen und abgeben. Wir wollen das Schwein nicht unter uns haben!"
Die Unruhe wächst. Die Drohungen steigen an. Andere stehen auf und beruhigen, beschwichtigen und fordern kaltes Blut. Der SPD - Mann steht regungslos an der Tür, erstaunt und verängstigt angesichts des Hasses, der ihm entgegenschlägt. Er wagt nicht, sich von der Stelle zu rühren.
,, Schlagt doch dem Schweinehund welche in die Fresse!" ,, Haut den Arbeiterverräter!"
In diesem wachsenden Tumult verschafft sich Nathan Welsen, der Stubenälteste, Gehör. ,, Genossen! Wir müssen genau überlegen, was wir tun. Wer der Neue ist, wissen wir. Was der sich gegen uns erlaubt hat, geht auf keine Kuhhaut. Aber ich frage euch, ist es richtig, wenn wir Kommunisten hier im Lager ihn auf Geheiß der Nazis verprügeln? Ich glaube, das ist nicht richtig, entspricht nicht unserer Gesinnung. Wann und wie wir mit ihm abrechnen, das bestimmen wir selbst. Wir dürfen die Blutarbeit der Nazis nicht unterstützen, auch nicht, wenn uns ein solcher Arbeiterverräter vor die Füße geworfen wird. Das ist meine Meinung. Äußert euch selbst!"
Langes, unschlüssiges Schweigen. Die einen nicken mit den Köpfen, andere gehen aufgeregt hin und her. Der Sozialdemokrat steht verlegen und schwer atmend an der Tür neben seinem Zeugbündel. Er blickt an allen auf ihn gerichteten Gesichtern vorbei.
Welsen hat Autorität unter den Genossen; sie geben viel auf sein Urteil. Er ist ein langjähriger Funktionär und nicht zum erstenmal
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