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Wo seine Zeugen sterben, ist sein Reich : Briefe der enthaupteten Lübecker Geistlichen und Berichte von Augenzeugen / zsgest. von Josef Schäfer
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ZWEI RELIGIONSSTUNDEN BEI KAPLAN. MÜLLER

Eine ehemalige Schülerin, die ausführlich über den Religionsunterricht des Kaplans Prassek spricht (der Aufsatz wird demnächst veröffentlicht), hat auch zwei Religionsstunden bei dem vertretenden Kaplan Müller beschrieben:

Weil es ein stiller, sonniger Abend war, saßen wir auf dem Balkon an der Rückseite des Pfarr- hauses. Ringsum sangen die Vögel und es duftete nach Blüten. Wir waren besonders guter Dinge. Da kam Kaplan Müller:Es hat wohl wenig Zweck, daß ich in eurem Stoff fortfahre, Ich halte euch einen Vortrag über Askese und Mönchstum. Ich mußte nämlich gerade ein Referat darüber schrei- ben, deshalb sind mir die Gedanken noch so ge- läufig. Wir Mädchen reagierten mit einemhu in allen Tonarten. Die Jungen grinsten. Er sah uns erstaunt an. Dann sagte er mit einem kleinen

versteckten Lachen in den Augenwinkeln:Das Thema ist gerade richtig für euch. Wartet, ich hole mein Material. Als er wiederkam, stellte er nur eine Schale mit Konfekt auf den Tisch. Dafür erntete er lauten Jubel.Was sollen wir außer- dem tun?" fragte er.Was Schönes, meinten wir.

Soll ich euch von einer Reise als Student auf dem Balkan erzählen? ,O, ja!"

An Hand eines sauber geführten Tagebuches mit sehr feinen Photographien(er war leidenschaft- licher Amateurphotograph) folgten wir mit be-

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