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Von 1846 bis 1853 : Erinnerungen aus Verlauf und Folgen einer akademischen und politischen Revolution / von einem weiland Gießener Studenten und badischen Freischärler [Rudolph Fendt]
Entstehung
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IV

und ein ſcherzhaftes Lied vor dem Brautgemache zu ſingen, mit meinen vorhin vorgetragenen, freilich ſehr modernen Knüttelverſen gehuldigt, iſt es mir ein Bedürfniß, zugleich in Proſa einer alten Pietätspflicht zu genügen, zu deren zwangloſer Erfüllung ſich mir wohl kaum eine paſſendere Gelegenheit bieten dürfte, als in unſerm heutabendlichen Kreiſe des mit Damen und Ehrengäſten erweiterten famoſenrunden Tiſches. Es iſt einer der Schlußverſe meines Epithalamium's, zu dem ich einen nachträglichen Commentar geben möchte.

Meine Damen und Herren! Es ſitzt als eigentlicher Jubel⸗ greis dieſes heitern Abends ein Mann unter uns, dem ich endlich einmal Auge in Auge post tot discrimina rerum meine herzliche Dankbarkeit als wenigſtens nicht ganz mißrathener Schüler öffent⸗ lich ausſprechen muß. Es iſt Herr Oberſtudienrath Dr. Georg Thudichum, der ehemalige Director des Gymnaſiums zu Bü⸗ dingen, jener kleinen alma mater der oberheſſiſchen Heimathsprovinz, der ich ſelbſt die Grundlagen meiner klaſſiſchen Bildung verdanke. Ich habe abſichtlich bemerkt, ich ſei ſeinwenigſtens nicht ganz mißrathener Schüler, und er ſelbſt, der mir freilich beim Abgange das Maturitätszeugniß Nr. 1 gegeben, wird nicht nur am Beſten verſtehen, was ich meine, ſondern mich dafür längſt im Stillen amneſtirt haben. Aber wenn ich auch in jugendlichem Uebermuth als der bekannteL... junge von 1848, wie mich mein ehemaliger Freund C. Scriba in ſeinemWetterauer Boten mit höchſt poetiſcher Eleganz bezeichnete, gar manche Ertravaganzen, ſo zu ſagen, politiſche Studentenſtreiche mir habe zu Schulden kommen laſſen, wozu er bedenklich den Kopf ſchütteln mußte, ſo wird er mir doch gerne zugeſtehen, daß ich mindeſtens die Grundzüge der Phyſiognomie, welche er einſt ſeinen Schülern aufzuprägen verſtand, bis auf den heutigen Tag nicht verwiſcht habe. Ich war und bin eben circa 20 Jahre jünger, als er.Jugend hat nicht immerTugend, und wenn ich ihm auch nicht vollſtändig mehr mit Georg Herwegh erwiedern kann:

Schilt mir nicht die blonden Locken, nicht die ſtürmiſche Geberde! Achtung euren Silberflocken! Doch dem Gold gehört die Erde! denn leider! iſt das ehemalige Gold meiner weilandimpertinent blonden Haare ſchon ſtark mit Silber verſetzt ſo gilt es doch