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Stadtgeſpräche, benüzte die dem Papiere anvertrauten Herzensergießungen zu Papillotten, ließ dieſe dann— gleichſam aus Verſehen— am Boden liegen, damit Andere, doch ja nicht etwa das Kammermädchen, ſelbe aufleſen und die Beweiſe ihrer errungenen Siege finden ſollten. In Theatern, Konzerten, bei Soireen— überall ſah ſie ſich von Männern umrungen, die ihr mit Liebesbli— ken den Hof machten, und die Mutter ſaß daneben, ließ ſich von den jungen Herren die Hände küſſen und lachte vergnügt in ſich hinein. So waren bald ein Paar Jahre voll von Triumphen und Lorbeern verfloſſen— ſonderbar genug, Miß Mary war nicht mehr der Abgott der Männerwelt, ſie war nicht mehr die geſuchte, geprieſene, in Gedichten beſungene Herzenseroberin. Ihr glaubt viel— leicht, ſie ſei minder ſchön geworden, oder das liebliche Geſichtchen haben etwa die Poken entſtellt? O nein! Miß Mary war zur blühenden Jungfrau heran— gewachſen, doch ſie hatte die Achtung der Männerwelt verloren und das ſchönſte Mädchen dünkte ihnen häßlich— denn Koketterie macht häßlich! Als ſie ſah, daß der Kreis ihrer Verehrer immer kleiner und kleiner wurde, da bot ſie erſt alle Künſte weiblicher Koketterie auf, ſie ſchmähte alle anderen Mädchen, goß den Geifer ſchändlicher Verläumdung über ſie aus, die Ehre Anderer galt ihr nichts, ſie ſpielte damit, als wäre es ein unbedeutendes Blümchen, das man nach Belieben zerzauſen kann, überall drängte ſie ſich hinzu, am auffallendſten ging ſie gekleidet, und je mehr ſie zu gefallen ſuchte, deſto mehr Mißfallen erregte ſie, ſie wollte Intereſſe erweken und ihr Lohn war— Verachtung. Um dieſe Zeit traf es ſich, daß ein junger Mann, Namens Emil, öfter als Verwandter Her— ford's Haus beſuchte. Emil war ein ſchlichter, gerader offener Junge, deſſen Herz bereits ſeine Wahl getroffen hatte; doch hatte ſich Mary vorgenommen, ſie müſſe den jungen Mann erobern, und gälte der Preis ſelbſt ihr Leben! Sie erwies ihm viele Aufmerkſamkeiten, die Emil, gutherzig u. arglos, dankbar erwi— derte— dabei aber blieb er ſeiner Liebe treu und nichts vermochte ihn wanken zu machen. War Emil der armen Mary anfangs auch ganz gleichgiltig: ſo fügte es doch das verhängniß volle Schikſal, daß in dem Buſen des Mädchens eine un— glükſelige Leidenſchaft für den jungen Mann ſich entzündete. Je höher ſich Ma⸗ ry's Liebe zu Emil ſteigerte, die ſie ihm oft mit Hintanſezung aller weiblichen Würde zu verſtehen gab, deſto mehr wuchs Emils Abneigung gegen ſeine Ver— wandte. Um keine der möglichen Minen unbeachtet zu laſſen, verſuchte ſie es auch, Emils Verlobte bei dem treu Liebenden zu verdächtigen, ihr jene Fehler aufzubürden, deren ſie ſich ſelber nur zu wohl ſchuldig fühlte. Und die Folgen dieſer Verläumdung? Emil zog ſich immer mehr zurük, nicht aber von ſeiner Braut, von deren Tugend er feſt überzeugt war, ſondern von Herford's Hauſe und früher, als es ſonſt wohl geweſen wäre, feierte er glüklich und zufrieden ſein Vermählungsfeſt. Solche offenbare Zurükſezung, ſolch' öffentliche Kompro— miſe konnte die Kokette nicht ertragen; ſie, die einſt Gefeierte, ſtand nun allein und verlaſſen, ſie, der ſo Viele die aufrichtigſte, heißeſte Liebe geſchworen, konnte nun kein liebendes Herz mehr finden, das ſie mit Millionen aufgewogen hätte! Liebe geben und geliebt werden, das iſt das Glük des Weibes, wehe der, die ſich dieſes Schazes verluſtig gemacht! Ein gebrochenes Herz, tief verlezte Eitelkeit brachten das arme unglükliche Geſchöpf der Verzweiflung nahe; in dieſer furcht— baren Kriſis wagte ſie den ſchreklichen Schritt, ihrem zerriſſenen Leben ein Ende zu machen; ſie nahm Gift; den raſtloſen Bemühungen der Aerzte gelang es,


