290 unter dem Druke weiſer Einſchränkung. So kam es denn auch, daß Miß Mary — doch halt, wer wird denn gar ſo ſpinnſtubenmaͤßig regelrecht erzählen? wir können ja einmal den Verſuch machen, die Geſchichte von hinten anzufangen und mit der Kataſtrophe beginnen. Die gütige Leſerin betrachte daher das bis jezt Geſchriebere als gar nicht geſchrieben, nehme das Blatt noch einmal in die ſchöne Hand und leſe nun meine Erzählung, wie folgt:
Mein Freund Richard und ich beſuchten vor einigen Jahren die Weltſtadt London; unter den vielen Sehenswürdigkeiten derſelben intereſſirten, mich als jungen Mediziner, die Humanitätsanſtalten vor allen anderen. So kamen wir auch eines Tages in das dortige Irrenhaus. Von allen Krankheiten ſind doch die Geiſteskrank heiten die ſchreklichſten, die furcht barſten; iſt es ja doch der Geiſt, der den Werth des Menſchen beſtimmt, der ihn über das Animaliſche erhebt, der ihn näher bringt der Gottheit, von der er ausgegangen und der Geiſtes— kranke ſteht da als Bettler, der ſein höchſtes Gut verloren; er iſt nicht mehr er hat aufgehört, Menſch zu ſein, es iſt die leere Form, ein gewöhnliches Thier in Menſchengeſtalt, eine Maſchine, ein Automat, der ſich regt, der ſich bewegt, ohne zu denken! Lebt der Geiſteskranke? kann der Körper ohne Geiſt leben? ſoll man ein inſtiktmäßiges Vegetiren, ein maſchinenmäßiges Ein⸗ und Ausathmen leben nennen? Das Thier lebt; es ward geſchaffen, um nach ſeinem Inſtinkte zu leben, es erfüllt ſeinen Beruf, es eefüllt den Zwek ſeiner Seſtimmung— doch der Menſch ward zu Höherem geboren, ihm ward der Geiſt als Mitgift auf die Pilgerreiſe gegeben, dieſer ſoll ihn lenken, durch die Wil— lenskraft ſoll er Herr ſeiner Handlungen ſein und der Geiſteskranke hat dieſen koſtbaren Demant gegen werthloſes Glas eingetauſcht! Wahrlich dieſes menſch⸗ liche Elend, wenn dieſer Ausdruk hinlänglich bezeichnend iſt, erregt die tiefſte Theilnahme, das aufrichtigſte Mitgefühl.— Wie oft hat ſchon das Lachen eines Narren Andrer Thränen entlokt, wie oft hat ſchon die kindiſche Freude eines Irrſinnigen den bitterſten Schmerz in fremde Bruſt gepflanzt!— Unter den vielen Irrſinnigen erregte ein junges Mädchen meine ganz beſondere Aufmerk- keit— ein junges Mädchen ſagte ich? ja wohl jung, aber alt dem Ausſehen nach, bleich, hager, die Wangen tief eingefallen und aus den tiefen Augenhöh— len blizte ein Paar feuriger Augen hervor, die 24: jährige Stirne bedekten die Falten eines 60⸗jährigen Weibes, das Kinn lag weit vor, das rabenſchwarze Haar hing in wilder Verwirrung über die ſpindeldürren Arme herab, kaum war die Blöße des eingeſchrumpften Körpers dürftig bedekt— es war ein Bild des Jammers, ein Bild des Entſezens!—„Ihr holt mich wohl zur Hochzeit?— nur ſchnell!— windet mir den Kranz um die Stirne— führt mich ins Braut— gemach!— ach, mein theurer Emil!“ ſo ſchrie ſie mit gellender, ohrenzerrei— ßender Stimme und milder und ſanfter fuhr ſie dann fort:„Ei, ihr guten Leute, ſo hört mich doch— Miß Mary will heirathen— nicht wahr, ſie wird Emil heirathen?“ dann fuhr ſie wieder plözlich auf:„Wie 21 er liebt mich nicht 2] er ſtößt mich von ſich?!— er hört mich nicht?!— Emil! Emil!“ und erſchöpft ſank ſie bewußtlos nieder auf ihr Krankenlager, um ſich zu neuen Qua—
len zu erholen. (Beſchluß folgt.)
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