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ter ſagte immer, junge Männer mit ernſten Geſichtern wären allein die ge⸗ fährlichen“. Und die Autorität der Mutter übrachte die Tante immer zum Schweigen.
An einem Abende ſpät trat einſt ein Student in den Laden, als Nina allein darin ſaß. Er ſezte ſich neben dem Ladentiſche nieder, nahm ein dalie⸗ gendes Meſſer und fing dem Anſcheine nach an damit zu ſpielen, aber aus ſei⸗ nem Geſichte ſprach heftige Aufregung. Das arme Mädchen hatte noch nie Verzweiflung geſehen, meinte, der junge Mann ſei betrunken und blieb, um am ſicherſten Beleidigungen zu entgehen, feſt auf dem Plaze. Mit einemmale ergriff der Student das Meſſer, faßte das Mädchen bei den Haaren und dro⸗ hete ihr mit dem Tode, wenn ſie nicht augenbliklich und ohne einen Laut von ſich zu geben, ihm ihr Geld gebe. Statt ſich ruhig und augenbliklich zu fü⸗ gen, ſchrie ſie in der Angſt nach Hilfe und rang mit ihm. Hätte der Jüng⸗ ling nicht ſelbſt in dieſem Augenblike des Wahnſinns Mitleid gefühlt, ſo war ſie ſicherlich verloren, denn ihr Ringen half ihr nichts und das Meſſer ſtand ihr auf dem Buſen, als einige Vorübergehende und die Nachbarn ihr Hilferu⸗ ſen hörten, hereindrangen und ihn ergriffen. Ohne weitere Fragen überlieferte man ihn den Dienern der Gerechtigkeit, die ihn unmittelbar zur Polizek führten, wohin Nina zu folgen aufgefordert wurde. Ihre Ausſage wurde aufgeſchrieben und ſie mußte dieſelbe ſodann unterzeichnen. Sie that es in dem Gedanken, daß ſie ſich nicht die mindeſte Uebertreibung habe zu Schulden kom— men laſſen. Als ſie die Feder weglegte, verſicherte ſie der Beamte, ſie könne ſich auf völlige Genugthuung verlaſſen, da ihre Ausſage nicht blos ſonnen⸗ klar, ſondern auch durch das Geſtändniß des Gefangenen beſtätigt werde; dann ſezte er noch hinzu:„Fürchten Sie ſich nicht, Sie werden ihn bald in dem gelben Anzuge ſehen,“ womit er auf die Farbe deutete, welche die zu lebens⸗ länglicher Zwangsarbeit verurtheilten Verbrecher tragen müſſen. Erſt bei die— ſen Worten gedachte ſie an die Strafe; ſie fuhr erſchroken auf, ſah den Poli⸗ zeibeamten bittend an und ſagte:„Das hoffe ich nicht, Herr; er hat mich nicht
beraubt, mich nicht verlezt, nicht im mindeſten. Bitte, geben Sie mir das Papier wieder; wahrhaftig, ich bedauere, daß ich hierher gekommen bin.“ Man ſagte ihr, er befinde ſich in den Händen des Geſezes, und es ſtehe weder in ihrer noch in der Macht des Geſezes, ihn zu erlöſen; das Geſez, nicht der Richter, ſtrafe den Verbrecher; ſie dürfe ſich durchaus keinen Vorwurf von Härte machen, wie auch der Ausſpruch des Gerichts lauten möge. Sie wußte darauf nichts zu antworten und konnte bloß die Bitte wiederholen, ihr das Papier zurükzugeben, worauf nur ein Lächeln antwortete und man ihr ſagte, ſie ſei ein Kind.„Geben Sie mir das Papier wieder; es möge nichts weiter geſchehen. Wenn ich ihm verzeihen kann, warum können Sie es nicht!“ Dar⸗ auf nannte man ſie ein thörichtes Kind. Nina ſah ſich nach dem Gefangenen um, aber er war bereits in den Kerker abgeführt worden.„Ach, Gott!“ ſprach ſie,„wie unglüklich macht mich dies! Ich weiß, Herr, ich bin, wie Sie ſagen, ein Kind; aber können Sie ein Kind ſo elend machen?“ Der Ve- amte ſprach nun ſanfter, verbreitete ſich über die Unmöglichkeit, ihrem Wun⸗ ſche zu will fahren, und damit wurde ſie entlaſſen.
Die Tante wartete zu Hauſe, hocherfreut über dieſe glükliche Rettung bon einem Räuber und Mörder. Nina antwortete kaum darauf, ſondern legte


