Ausgabe 
25.12.1914
 
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Brückenbogen und drangen in die Stadt ein. Niedriggelegene Stabttcilc, Tiefenweg, kleine Mühlgasse, Löwengasse u. a. standen oft tagelang unter Wasser, hierzu kam noch, daß der jetzt zugeworfene Stadtbach, der alle möglichen Rbwässer und Unrat aufnehmen mußte, überstieg und in die Beller drang. Brankheitsfälle, ja selbst Epidemien, blieben dann in der Negel nicht aus.

Bevor die Eisenbahn gebaut war und der ganze Reise­verkehr sich noch mit Post- und Familienwagen abwickelte, war am Walltor*) der lebhafteste Verkehr, vort stand die Post für Personen-, Brief- und Paketbeförderung mit der Posthalterei, dort hielten alle Beisewagen an, alle ankommen- den und durchreisenden Fremden stiegen dort ab oder nahmen in den zunächstgelegenen Gasthöfen Erfrischungen ein. Rls Gasthöfe ersten Banges galten das Einhorn, der Rappen und der Prinz Earl. Vas varmstädter Haus wurde mehr von einfachen Reisenden, und die Gasthäuser zum Schwanen, zum Löwen und Hirsch mehr von Fuhrleuten aufgesucht.

Rn Bierbrauereien fehlte es nicht, da die Wirte mit wenig Rusnahmen ihr Bier selbst brauten. Es bestanden die Brauereien von Loos, Lotz, Bönig, Busch, Herbert, Magnus, Führer und weidig, die nebenbei flottgehende Wirtschaften betrieben. Eine sehr besuchte Bier- und Branntweinwirtschaft war nochins Bramme"; auf dem Loosschen, später Lenzschen Felsenkeller fanden sich zumeist die Schüler Liebigs und ältere Mediziner ein. Ruf der Pulvermühle hatten die Star- kenburger, in Ebels Baffeehaus die Hessen und im Rdler am Walltor die Teutonen ihre Bneipen.

Der schönste vor der Stadt gelegene vergnügungsort war der Busch'sche hetzt Steins) Garten. Dort wurden alle bürger­lichen Festlichkeiten und Bälle abgehalten, und Sonntags war er von Familien stark besucht. Rls weitere sonntägliche Rus- flugsorte kamen noch der Schiffenberg, die Badenburg, der Gleiberg, der Haardthof und die heuchelheimer Mühle in Betracht.

Dem gesellschaftlichen Leben diente als Vereinigung der Familien von Professoren und Staatsbeamten der Blub, den bürgerlichen Breisen zur Rbhaltung von Bällen das Basino. Rußerdem fanden Sonntags an den besuchtesten vergnügungs­orten noch Tanzbelustigungen statt, an denen jedermann teil­nehmen konnte. Für musikalische Unterhaltung sorgten einige Gesang- und ein Bonzeriverein.

Vas geschäftliche Leben stand erst am Rnfang seiner Entwicklung. Die Tabaksfabriken von Gail und Schirmer waren schon da, auch größere Geschäfte wie die Weberei von homberger, die Großhandlungen von Windecker, hast und Noll, die Weinhandlung von Rsmus, die Buchhandlungen von heyer, Ricker und Ferber, die Buchdruckereien von Brühl und Lichtenberger, die Rpotheken von Mettenheimer, Witte und von St. George, sowie die größeren Ladengeschäfte von Bücking, Tasche und Pistor, aber sonst zeigte sich in den Ge­schäften noch wenig Verkehr.

Die meisten Läden waren eben nur für kleinbürgerliche Verhältnisse zugeschnitten. Die zum verkauf ausgebotenen waren stellte man vielfach an der Straße auf, oder man legte sie in gerade nicht anziehender weise hinter kleine etwas vor­gebaute Schaufenster. Der Bundenraum diente in der Regel zugleich als Hauseingang, war nicht heizbar, und die armen Ladendiener erfroren sich im Winter stets Hände und Füße.

Sm Handwerk bestanden noch die Zünfte,' tüchtige Mei­ster und Gesellen wurden herangebildet, und in manchen Ge­werben wie bei Schreinern, Schlossern, Spenglern und Vrechs-

*}fltn Iüalltor" ist die heutige Walltorstratze undvor dem Walltor" die Marburger Straße gemeint.

lern sind mitunter wahre Meisterstücke geschaffen worden, doch blieb der verdiente Lohn oft weit hinter dem Rufwand an Zeit, Mühe und Geschicklichkeit zurück. Die Strumpf­weberei von Gebrüder Busch am Breuz mag schon von einiger Bedeutung gewesen sein: denn zuweilen war der ganze Breuz- platz ringsum mit Strümpfen bestellt, die frisch eingefärbt und auf Brettformen gezogen, dort trocknen sollten. Dieses und noch andere Gewerbe wie Leineweber, Weißgerber, Nagelschmiede existieren jetzt nicht mehr.

Im allgemeinen war die Bevölkerung Gießens bieder und rechtschaffen, nachbarlich, hilfsbereit, sparsam und fleißig. Sie besaß einen gesunden Sinn, Hellen verstand und einen schlagfertigen Mutterwitz, der in der kernigen Gießener Mundart seine treffende Wirkung selten verfehlte. (Forts, folgt.)

Sin pfälzischer Musikant.

Erzählung von Heinrich Bechtolsheimer.

(Fortsetzung.)

Rls der Tag der Hochzeit, bei der wir spielen sollten, herankam, war alles bei meiner Bapelle in Ordnung. Sch hatte meinen Musikanten oft genug «ingeschärft, wie sie sich zu verhalten hätten. RIle mußten frisch rasiert erscheinen und für diesen Tag auch ihr mehr oder weniger struppiges haar vom Friseur bearbeiten lassen. Der Nikolaus Janfon sah ganz verändert aus, als sein sonst wirr durcheinander liegendes und über die Stirn herabhängendes haar mit Hilfe von Po­made und Gel schön geglättet war. Unsere Rnzüge ich hatte sie genau so belassen, wie Fritz Binder sie eingeführt hatte - waren noch neu, so daß wir mit ihnen Staat machen konnten. Der Wilhelm von Felden hatte den üblichen Musi­kantenfehler: sein Durst war ungewöhnlich stark entwickelt. Darum sagte ich ihm am Tage vor der Hochzeit:Morgen läßt du Bier und Branntwein einmal weg, wir gehen zu feinen Leuten!" Dem Tobias Wagenschmidt empfahl ich, sich Gesicht und Hände gründlich mit Seife zu waschen und sich die Fingernägel zu putzen. Endlich meinen Iugendbekannten Gottfried Beiper bat ich, seinen losen Mund im Zaune zu halten und sich ja nicht zu erlauben, einen der anwesenden Hochzeitsgäste anzureden.

So marschierten wir wohl vorbereitet nach dem uns be- zeichneten Hotel. Zunächst spielten wir während des Essens. Mehrere Male mußte ich meine Leute ermahnen, nicht zu viel nach der Festtafel zu schauen, die allerdings mit den feinsten Leckerbissen überladen war. wenn die Musikanten zu viel nach dem Tische sehen, kommen leicht falsche Töne aus ihren Instrumenten heraus. Rls die Tafel zu End« war, wurde uns in einem Nebenzimmer ein feines Essen aufgetragen, dann spielten wir zum Tanz. Ich erzielte an diesem Rbend mit meiner Bapelle einen vollen Erfolg. In einer Tanzpause ließ mich Mynheer van der Smitten zu sich rufen, klopfte mir mit seiner schweren Hand auf die Schulter, bot mir ein Glas mit Thampagner an und sagte freundlich:Ich bin mit Ihren Leistungen sehr zufrieden, wenn wieder eins von meinen Bindern Hochzeit hat, so müssen Sie wieder spielen."

Eine ganze Rnzahl von Herren kamen zu mir, lobten mein Spiel und schrieben sich meine Rdresse auf.

von diesem Tage an bekam ich viele Rufträge zu musi­kalischen Darbietungen. Ich spielte mit meiner Bapelle bei Familienfesten, in Vereinen, bei Rusflügen an den Strand und konnte meiner Frau nach Hause berichten, daß alles glänzend gehe, hatte ich keine Rufträge, so fuhr ich mit meinen Leuten nach Zandvoort oder in die anderen Seebäder und fand überall einen guten Verdienst. lFortsetzung folgt.)