Konntagsgrusz
Gemeinüeblatt süröir evangelisch ^irchengemeinöe
Giesrew
Nr. 50. Gieren, Weihnachten, 25. Dezember 1914. 3. Jahrgang.
Weihnachtsfreude.
Brief an die Philipper 4, 4: Freuet euch in dem Herrn allewege,
und abermals sage ich: Freuet euch!
Mr feiern diesmal ein Weihnachtsfest, wie wir es noch nicht erlebt haben: blriegsweihnachten! Mitten hinein in den Waffenlärm und das Schlachtengetöse, das jenseits unserer Grenzen tobt, tönt auch diesmal die Tngelsbotschaft: „Fürchtet euch nicht,' siehe ich verkünde euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird,' denn euch ist heute der Heiland geboren." Und daneben Klingen Worte wie das des Rpostels an unsere Seele: „Freuet euch!"
Merkwürdige Worte! Stehen sie nicht in hartem, unversöhnlichem Widerspruch zu dem wilden, ehernen Geschehen, das seit den Rugusttagen des Jahres 1914 sich vollzieht?
Sonst,-so sagt wohl mancher, mochte man das Rpostel- wort wohl beherzigen: Freuet euch! Da war Weihnachten so recht das Fest der deutschen Familienfreude. Da durfte man jauchzen und singen. Da durften die Lichter flammen an der grünen Tanne. Da durften die blinder jubeln, da durften Gaben gespendet und mit frohem Danke empfangen werden.
Uber diesmal! Müssen wir da nicht die Freude bannen? Ziemt es sich, zu jubeln, wo da draußen täglich Menschen bluten und sterben? Darf in solcher Zeit der Weihnachtsbaum in seinem fröhlichen Gefunkel aufstrahlen und die Weih- nachtssreude bei uns einziehen?
Dennoch sagen wir: Freuet euch! Die Weihnachtsfreude, auch der Lichterbaum und die Gaben der Liebe — wenn auch kleine und bescheidene, so geziemt es sich bei dem Ernst der Zeit — , sie haben auch diesmal ihr Recht. Denn sie sind, recht verstanden, ja nur Symbole für das ewige Licht und die ewige Liebe, deren Gffenbarwcrden wir an Weihnachten feiern, wie das schöne Lied sagt:
Das ewig Licht geht da herein,
Gibt der Welt ein' neuen Schein,'
Ts leucht wohl mitten in der Nacht Und uns des Lichtes blinder macht.
Wo man das nur recht empfindet, daß mit Jesus Licht in die Welt gekommen ist, nämlich fröhlicher Glaube an den Vater, der seine blinder auch durch schwere Zeiten zum Ziele
führt, Geduld und Demut, Schweres zu überwinden und eine Hoffnung, die auch den Tod überwinden kann, weil sie ein ewiges Leben bei und mit Gott kennt, wo diese Lebenskräfte Iesu auch in uns wach werden, da feiert man recht Weihnachten, da weicht die bange Sorge und alles, was uns quält, und Freude kehrt ein ins Herz. Da versteht man auch in eiserner Zeit das Rpostelwort: „Freuet euch!" in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch!"
_ h.h.
Vas Geheimnis der Weihnacht.
Tine blindheitserinnerung.
Die Morgendämmerung hüllt mich noch ein. Dann und wann nur sagt mir das Geräusch von Schritten draußen, daß der Tag schon zu leben begonnen hat. Meine Gedanken schweifen und träumen. Die Erinnerung tritt an mein Bett. Ich vermag nicht, sie zu schildern, sie ist nie dieselbe; sie kann alt sein und wieder von jüngst geschehenen Dingen berichten. Erinnerung teilt den Vorhang auseinander, lüftet den Schleier, daß ein Strahl von Leben und Licht das Ereignis erhellt und es greifbar lebendig vor dem geistigen Buge auferstehen läßt.
Ich bin wieder ein blind und mitten unter der dichtgedrängten Menschenmenge, über die sich die Decke einer hohen Halle breitet. Rbendschatten erfüllen den Raum, nur in weiten Rbständen sind Lämpchen angebracht, die notdürftige Helligkeit geben. Es soll auch nicht mehr Licht sein. Mit reger Spannung warten die Leute der Dinge, die sich im Hintergrund des Saales hinter dem Vorhang vorbereiten. Ich habe wieder wie damals die Empfindung, daß etwas unaussprechlich Festlich-Feierliches über den harrenden schwebt, wie wenn Engelschwingen die Halle durchmessen. Mein Rinderherz schlägt laut vor Erwartung. Da geschieht etwas, nur einen Rtemzug lang, dann ist es schon vorüber, aber mir ist von dem Rugenblick an zumute, als habe sich nun die heilige Nacht eigens auf mich herabgesenkt. In dem matten Lampenschein huscht eine Lngelgestalt vorüber im schneeigen Gewand, mit herrlichen Flügeln. Für den Bruchteil einer Minute erhasche ich den Rnblick eines feinen, durchgeistigten Rntlitzes, ja, dar den Stempel der Schönheit trägt, wie sie mein kindliches Rüge bis zu diesem Ereignis nur in Träumen geschau': hatte.


