1885 piele u ler. 3. Deinen des Gen em 20. Mai L en. erre ber No mit aufgehobe 22. caffe. cage von ee. eck Wwe, ! ichteten bequemen Lage ftattung ben ganz geredt ter Speisen it) und eines Riedelel. BurgSorge getragen. sch. AAAAA Original HNSTON mbinierte treide reidemäben. irte! nur eine Renstadt 56. ALE 1868. gen rung. Rr. 135. Zweites Blatt. Insertionspreis: Die einspaltige Betitzeile für ganz Oberbeffen, bie Kreise Bezlar und Marburg 10 Pfg. fonft 15 Pfg. Reklamen die Betitzeile 30 resp. 40 Pfg. Redaktion u. Haupterpedition: Gießen, Seltersweg 83. Fernsprechanschluk Nr. 362. Samstag, den 10. Juni 1905. Gießener 14. Jahrgang. Abonnementspreis: abgeholt monatlich 50 Bfg., in's Haus gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen viertel jährl. Mr. 1.50. Gratisbeilagen: Oberhessische Familienzeitung( täglich) und die Gießener Seifenblasen( wöchentlich). Das Blatt erfd eint an elleu Werktagen nachmittags. Neueste Nachrichten ( Gießener Tageblatt) Anabhängige Tageszeitung ( Gießener Zeitung) für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen. Pfingstmorgen. 26 28 aiglöckchen läutet im Morgenwind, Da hören's die Vöglein im Traum, Und breiten ihre Flügel geschwind, Und jubeln von Baum zu Baum. Die Blumen duften, es schäumt der Bach, Und tausend Zweige flüstern es nach 3m jungen Frühlingshain: „ Das Fest der Freude zog ein!" Und über der Ströme Silberband, Weit über Berg und Tal, Trägt es ins fonnbeglänzte Cand Der Glocken festlicher Schall; Da lauschen die Herzen dem heil'gen Klang, Da ziehen im brausenden Chorgesang Die Lieder zum Himmelszelt, Zu preisen den Schöpfer der Welt. Unter der Maienlaube. Skizze von Erna Baldwin. ( Nachdruck verboten.) In der duftenden Laube von Maienzweigen, in die die Beranda der kleinen Villa dort draußen vor dem Tore heut berwandelt ist, sitzt ein greises Paar am wohlgedeckten Raffeetisch. Es ist erst 8 Uhr morgens, aber schon prangen zwischen den Prunkstücken aus Großmütterchens Porzellanschrank, die heut zu Ehren des Pfingstfestes hervorgeholt worden sind, farbenfrohe Blumensträuße, die Kinder und Enkel, wie alljährlich, dem aiten Paar in aller Frühe als Zeichen der Liebe gebracht. Auf ein Stündchen hat es im ganzen Haus von hellem Lachen und frohem Kinderjubel geschalt- jetzt ist es wieder still geworden um die beiden Alten. Die licen Besucher sind hinausgezogen in die frühlingsschöne Gotteswelt, Pfingsten zu feiern am Herzen der grünenden, blühenden Natur. Heut Abend erst werden sie zurückkehren und den beiden, die dort einsam zurückgeblieben find, erzählen von all den süßen Wundern, die sie geschaut und erlebt. Großvater und Großmutter aber unter der Maienlaube träumen von alten schönen Tagen, da auch sie durch die Som. merpracht dahin wandelten. Damals war's, als blühe und dufte die ganze sonnige Welt für sie allein, als sei sie nur ein Abglanz dessen, was in ihrem Innern sich regte, wo auch alles Schönste und Tiefste auferblüht war unter dem holden Sonnenschein der gegenseitigen Zuneigung. Die Böglein auf schaukelnden Zweigen schienen alle, alle nur ein einzig Lied zu kennen, das sie jauchzend zum Himmelsblau emporjubelten: Ihr Glücklichen, singt, weil das Leben noch mait, Noch ist die goldne, die blühende Zeit, Noch sind die Tage der Rosen!" Jahr auf Jahr ist vergangen, ein jedes hat Rosen gebracht, Rosen und Dornen, Freuden und Schmerzen. Viele Bflichten, Sorgen, Mühsale und Entbehrungen sind des jungen Ehepaares Teil gewesen, in allem aber haben sie Geliebte Svinber thres Gottes führende Hand gespürt. haben ihr Haus belebt und sind eins nach dem anderen von dannen gezogen, die Eltern einsam lassend. Aber auf dem freundlich milden Antlig der alten Frau, wie in den edlen Zügen des silberhaarigen Mannes liegt immer noch etwas bon dem Sonnenglanz jener ersten Tage, nicht funkelnd und strahlend wie damals, aber still und friedvoll wie der holde Abendschein. Sanft beugt sich die schlichte Frauengestalt zu dem Sessel ihres Mannes hinüber und mit einen: Strauß blühender Rosen, die ihr ihr jüngstes Enkelkind gebracht, berührt sie seine Hand. Heute war es, weißt du noch?" sagt sie mit einfacher Innigkeit. Und wie er sich zu ihr wendet, wie ihre Blicke und Hände so voll herzlich vertrauender Liebe ineinander ruhen, da fühIen sie, daß es auch heute noch in ihren Herzen klingt und fingt: „ Noch sind die Tage der Rosen!" Pfingstbräuche. Das liebliche Pfingstfest ist dasjenige unserer Feste, das am wenigsten des Schmuckes von Menschenhand bedarf, da dies die Natur selbst mit verschwenderischer Pracht übernimmt. Brangt doch die Erde ringsum in ihrem hochzeitlichen Festgewande, dessen zarte grüne Falten durchstickt sind von tausend und abertausend der duftigsten Blüten, und der Vögel Jubelchor mischt sich mit dem rauschenden Gemurmel der Quellen. Auch die Pfingstbräuche alter Zeit bedienten sich nur des schlichten Grüns zum trauten Symbol. Noch heute sehen wir in Thüringen die Brunnen zur Pfingstfeier im festlichen Schmude prangen. Schon Wochen vorher ziehen Kinder in den ländlichen Gemeinden von Haus zu Haus, um kleine Beiträge für jenen Pfingstbrauch zu sammeln. Kränze werden gebunden, Girlanden aus Tannengrün geflochten, Gewinde aus buntem Papier und fünstlichen Blumen hergestellt, Fahnen und Bandschleifen angefertigt. Am Abend vor Pfingsten werden vier schlanke Lärchenbäume aus dem Walde geholt, deren unterer Stamm von den Blättern entfleidet wird; diese Bäume werden ini Viered um den Brunnen eingerammt, und nun werden all die Kränze, Ketten und Gewinde von Baum zu Baum gezogen. So erhält jedweder Brunnen sein Festkleid. Wenige wissen, daß diese liebliche Sitte einem uralten Brauch aus heidnischer Vorzeit entstammt. Die alten Germane:: pflegten zur Frühlingszeit den mit verjüngter Kraft mächtig anschwellenden Quellen Opfer darzubringen. Auch die Maienfeste gemahnen an die altheidnische Frühlingsfeier. Der Maienbaum" hat nur seine Krone behalten, sein Stamm ist spiegelblank abgeschält, damit die Riciterer nicht gar leicht haben, wenn sie sich die verlockenden Preise in Gestalt von Messern, Tüchern, Tabakspfeifen, Mügen, Geldbeuteln usw. aus seiner Krone herabholen wollen. Die lustige Person" darf bei diesem Pfingst- Maienfeste nicht fehlen, ein komisch gekleideter Jüngling reitet auf einer Ruh rückwärts, den Schwanz als Bügel führend. Eine höchst eigenartige Erscheinung sind die sogenannten„ Laubmänner"; halbwüchsige Burschen sind vom Kopf bis zu den Füßen in frisches Birkenlaub gehüllt, plößlich kommen sie aus einem Gebüsch hervor, eine Gerte schwingend, und„ Laubmann",„ Laubmann" tönt es jubelnd von allen Seiten. Durch Markt und Gassen, Wiesen und Felder geht die oft tolle Jagd nach dem„ Laubmann". Und wenn ihn ein Mägdlein erhascht, so wird aus beiden für die Feiertage ein bergnügtes Paar und im Anschluß daran oft aus dem wilden„ Laubmann" ein zahmer, gefügiger Ehemann seiner Partnerin vom Pfingstfeſt. In einzelnen Gegenden zeigt es sich auch, daß dem deutfchen Volfe noch gar viel von dem Reiterblute seiner VorCasseler Schirmfabrik Seltersweg 9 ==Th. Budde& Co. 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Man reitet aber auch nicht nur im wilden Jagen auf den vom Alpenbauern wegen ihres lebhafteren Temperamentes bevorzugten Hengsten über die Dorfaue, um den am Ziele winkenden goldenen Dukaten samt der Blumenfrone zu erringen; denn der Pfingstritt hat vielfach auch einen religiösen Inhalt angenommen, indem die ländliche Kavalkade sich in feierlichem Zuge um die Grenzen des Gemeindeterritoriums bewegt, wobei man durch das Absingen andachtsvoller, frommer Lieder den Segen des Himmels auf die Fluren herabwünscht, auf denen das Korn in grünen Wogen wallt, der Sense der Schnitter entgegenreifend. Pfingstfreuden. Festplauderei von Heinz Anja. ( Nachdruck verboten. Die zehn Tage nach Himmelfahrt sind vollendet, auf dem Markt prangen die Pfingstmaien und die besorgte Familienmutter überschlägt die Stullenanzahl, die zum Feſtausflug einzupacken ist. Herr Johann Wolfgang von Goethe kommt zu Ehren, denn alle Welt zitiert mit Wohlbehagen die Worte Es ist aus dem ersten Gesang des Reinecke Fuchs:" Pfingsten, das liebliche Fest, war gekommen." wirklich da und zur rechten Zeit, das liebliche Fest, und mehr wie in anderen Jahren übten ein fröhliches Lied die neu ermunterten Vögel; jede Wiese sproßte von Blumen in duftenden Gründen, festlich heiter glänzte der Himmel und farbig die Erde." Wie lange wird es noch dauern, dann verstummen die leicht beschwingten Kammermusici des Früh lings. Familienforgen treten an die Stelle der schwärmerischen Poesie; auch der ausgiebigste Inrische Dichter produziert nicht mehr in so ausgedehntem Maßstabe, wenn erst die Königin seiner Muse am Kochtopf steht und Brei für die freischende Nachkommenschaft quirlt. Aber noch vereinigen sich alle Stimmen und Stimmchen zu dem unendlichen Kanon: Pfingsten, das liebliche Fest ist gekommen." Herr Goethe hat genau zugehört und die Sache niedergeschrieben. An bunter Toilette mangelt es der farbigen Erde wirklich nicht. Die würzige Nelfe haucht ihren Wohlgeruch, der Goldregen läßt seine gleißenden Trauben herniedertropfen, lief am bescheidenen Grund legen die blau- und rotsammetenen Stiefmütterchen ihren Teppich, der Schwarzdorn zeigt feusche Nöschen und schon stehen die Rosen in prunkender Fülle. Wie sollen sich da die Menschen nicht auch mit den Farben der jungen Jahreszeit schmücken. Das Gros der Schmetterlinge schläft noch in der unscheinbaren Raupenhülle. Und doch fehlt es nicht an dem Seidenglanz, an den lichtfreudigen Farbentönen und der duftigen Grazie der Sommervögel. Die schönere und schwächere Hälfte des Menschengeschlechts ist in der Jettzeit ganz erfüllt von der hohen ihr zugewiesenen Aufgabe, ein Schmuck zu sein und eine Zier. Weiß und zart getönt sind die Gewänder, auf den schwarzen und blonden Köpfchen nicken die Frühlingsgedichte der Puhmacherin, und im Herzen regt sich, soweit es noch nicht den allerseits beliebten Halt- und Stützpunkt für sein Verlangen nach Zärtlichkeit und Liebe gefunden hat, ein Ahnen und Drängen, ein Regen und ein Rufen. Wer mit Bedacht zur Dämmerzeit durch die grünen Gassen der Parkanlagen wandelt, der wird erkennen, wie viel knospendes Glück der Frühling zeitigt und wie viel füße Geheimnisse auf allen Prämiiert beschickten Ausstellungen. Mar Arnold Sieb- und Drahtwaren- Geschäft Reuenweg 2 Gießen liefert Neuenweg 2 d. I zu vermieten. Siervon ift Drahtgeflechte f. Einfriedigungen eine ev. schon früher zu beseßen. Gebrüder Zutt, Gießen. Liebigstraße 58 ift ab 1. Juli eine schöne 4 b. 5-3immerwohnung mit allem Zubehör ebent. mit Bleiche und Gartenanteil preiswert zu vermieten in allen Längen, Breiten und Mustern. Uebernahme ganzer Einfriedigungen in Eisen- und Holz- Konstruktionen. 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Pfingsten ist das Fest der Ausflüge, der Vergnügungsreisen, der Visiten bei der neugekleideten Mutter Natur " Madam, mie haben Sie geschlafen, die lange Winterszeit?" ,, Vortrefflich, ich habe mich ausgezeichnet erholt- finden Sie nicht, daß meine grüne Toilette mit den Blumenapplikationen und den Demanttautropfen mir gut steht?" , Gewiß, und dabei so billig," seufzt Herr Krause und Streift mit scheuem Seitenblick die indisch- seidene Bluse der holden Gattin, den eleganten Taffetrock, die Blumenwippe der Aeltesten, das Battistkleid der Jüngsten mit den echt goldenen Knöpfen. Er selbst hat es vorgezogen, im vorjährigen hübsch mit Benzin und Fleckenseife hergerichteten und aufgebügelten Anzug zu gehen. Er sieht fast wie neu aus, und das geringschäßige Lächeln des vorbeistolzierenden Modenjünglings fümmert ihn nicht weiter. Was schadet es im Kreise der fröhlichen Gesichter der Seinigen und im Anblick der festfreudigen Menschenschar um ihn her glättet sich auch das sorgenschwere Antlig des geplagten Gatten und Papas; er faßt die teure Hälfte wie in den ersten Tagen ihres jungen Eheglücks unter und knurrt vergnüglich: ... Pfingsten, das liebliche Fest, ist gekom. men!" Pfingstglocken - Friedensgeläute. [ Politische Wochenschau.] Nach den Sorgen und Mühen arbeitsreicher Wochen läuten die Glocken das Pfingstfest ein. Freudige Stimmung zieht in die Herzen; Haß und Mißgunst, die sich allenthalben auf den Markt des Lebens in den Vordergrund drängen, müssen scheu zurückweichen. Wie einst an jenem ersten Pfingstfest der Geist Gottes sich auf die Apostel herabsenkte, um ihnen Kraft zu geben in allen Widerwärtigkeiten, in deni harten Ringen zur Verbreitung der Wahrheit und der milden Lehre der Menschenliebe, so soll am Pfingstfest die Hoffnung aufleben auf das Eindringen des Geistes der Friedfertigkeit und der gegenseitigen Duldung in das Leben der Staaten und Völker. Kindlein, liebet euch untereinander" war das Wort des Lieblingsjüngers Johannes, das er der Gemeine bis an sein Lebensende immer wieder einschärfte. Die Liebe aber gebiert den Frieden. Und zum Frieden mit uns selbst, zur Verträglichkeit mit den Nachbarn sollen die Pfingstglocken mahnen. Deutschlands großer Dichter schließt nicht vergeblich sein unsterbliches Lied von der Glocke mit dem Wunsche ab: Friede sei ihr erst Geläute". Das wäre ein echtes und rechtes Fest, wenn die Pfingstglocken für die streitende und leidende Welt das Friedensgeläute brächten. Mit dem kaiserlichen Hause hat das ganze deutsche Volt tn vergangener Woche das Freudenfest der Hochzeit des Kronprinzen gefeiert. Und an das Freudensgeläute Geschäfts- Verlegung. Meiner werten Kundschaft zur gefl. Nachricht, daß ich mein Spengler- und Installations Geschäft bon Kanzleiberg 5 nach dem von mir gekauften Hause der Hochzeit knüpft das Friedensgeläute des Pfingstfesfes an. In Freuden geeinigt das Herrscherhaus mit der gesamten Nation, in Frieden geeinigt das Land mit seinen Nachbarn. Die fürstlichen Gäste, die sich zur Hochzeitsfeier von überall her eingefunden, haben Berlin wieder verlassen und tragen in alle Welt die Kunde, wie hier der Monarch in treuer Fürsorge dem Volk, das Volk in trener Liebe dem: Monarchen verbunden ist. Unter diesen Gästen waren nicht am wenigsten bemerkt die Vertreter Frankreichs, deren Anwesenheit Zeugnis dafür ablegte, daß der Jahre reinigende Kraft" auch schmerzliche Erinnerungen abzuschwächen und auszulösen vermag. Alte Gegnerschaft wird durch gegenseitige Achtung überwunden. Und Achtung hat Deutschland gewonnen, durch seine kriegerischen Taten zuerst, dann durch) seine Friedensliebe, die immer ersichtlich) blieb, auch wo die Verhältnisse es mit sich brachten, daß es seine Stellung mit Ernst wahren mußte. Jeder Versuch einer Ueberhebung Deutschland gegenüber zwingt Deutschland zu einer nachdrücklichen Korrektur des Kurzsichtigen, der die tatsächlichen Machtverhältnisse so unzutreffend beurteilt und in dem Wahne befangen ist, Deutschlands Recht könne irgendwo in der Welt einfach ignoriert oder gebeugt werden. Der französische Minister des Auswärtigen Herr Delcassé ist so furzsichtig gewesen. Sein Abkommen mit England über Marokko hatte ihn in den Glauben versetzt, daß die freie Hand, die ihm England Maroffo gegenüber gegeben, ihn zum Herrn von Marokko made. Leisen Winken war er unzugänglich, selbst deutliche Vorstellungen wollte er nicht verstehen; und so konnte ihm nicht erspart werden, daß er vom Kaiser von Marokko mit allen seinen Ansprüchen schroff zurückgewiesen wurde. Diese Blamage wirkte namentlich durch ihre Oeffentlichkeit vernichtend. Herr Delcassé mußte 31: rücktreten. Er wurde von seinen Kollegen förmlich verjagt. Es scheint, als hätte er in der letzten Stunde noch das Maß seiner Sünden zum Ueberlaufen gebracht, indem er, die Gewissenlosigkeit des napoleonischen Ministers Olivier, des Mannes mit dem leichten Herzen", überbietend, zur Teckung seiner Eitelkeit und zur Rettung seines Portefeuilles einen europäischen Krieg zu entzünden versuchte. Er wurde ertappt und abgetan. Von allen seinen Landsleuten weint ihm nur einer nach: der Oberst Marchand, der seit sechs Jahren sich darauf vorbereitet, die Rolle eines Generals Boulanger zu erneuern, weil er gleich diesem eine Abenteurernatur ist. " Es flint wie innerer Widerspruch, wenn man sagt, daß zumeilen der scheinbare Ausbruch des Krieges den Beginn des Friedens bedeutet, während die voraufgegangenen Kriegsdrohungen schon der wirkliche Krieg waren. Ein Blick auf Schweden Norwegen zeigt, daß das scheinbar Widerspruchsvolle buchstäbliche Wahrheit ist. Die bereinigten Staaten Schweden und Norwegen, die einem König gehorchten, standen tatsächlich miteinander auf Kriegsfuß wähfreilich ohne Schießen und Blutvergießen rend noch König Oskar über beide Länder regierte. Jetzt tönt Friedensgeläute, nachdem Norwegen seinen Austritt aus der Union erklärt und eine neue Regierung eingesett bat, an deren Spize König Oskar nicht steht. Und nachdem - - Spezial- Offerte in kompletten Grosser Steinweg 14 Schlafzimmern. verlegt habe. Gleichzeitig empfehle ich mich in allen in mein Fach einschlagenden Arbeiten, wie Gas-, Wasser-, Kanalisationês u. Epenglerarbeiten in sauberer Ausführung bei billigster Berechnung. 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I englischem zweitürigem Spiegelschrank offeriere mein: dies geschehen, hat der norwegische Storthing zum erstenma seit vielen Jahren an den König Oskar mit der Mitteilung von seiner Absetzung freundliche und sympathische Worte ge. richtet. Der Unionskrieg ist aus, die Union ist vorüber, und die nicht mehr vereinigten Staaten fönnen sich vor trefflich vertragen. Die Norweger wollen sich sogar des ab. gesetzten Königs jüngeren Sohn als König erbitten und sie meinen das im vollen Ernst. Der Krieg ist eben vorüber, da er gerade zu beginnen schien, der Frieden ist hergestellt, da man ihn eben gebrochen glaubte. Standesamt- Nachrichten der Stadt Gießen. Geborene. Am 30. Mai. Dem Taglöhner Heinrich Leinberger eine Tochter, Marie Elise; Gerber Heinrich Kraft 3. ein Sohn; Am 1. Juni. Buchbinder Ludwig Benner ein Tochter, Luise Helene Auguste; Fuhrmann Albert Schmidt ein Sohn, Friedrich Albert; Metzgermeister Hermann Euler eine Tochter; Bureaugehilfen Ludwig Heinrich Bieper eine Tochter, Johanna Helene Marie; 2. Raufmann Karl Bour geois eine Tochter; Tapezier Wilhelm Rohrbach ein Sohn, August; Bauaufseheraspiranten Daniel Bolster eine Tochter, Raroline; 3. Institutsdiener Florenz Goffelmeyer eine Tochter, Martha Margarete; Dienstmann Christian Noll eine Tochter; 5. Former Ludwig Ott eine Tochter; Fuhrtnecht Heinrich Dig eine Tochter; Läcker Heinrich Mom. berger eine Tochter, Elisabethe Erneftine. Aufgebote. Am 3. Juni. Philipp Peter Karl Inderthal, Eisenbahnassistent dahier mit Lina Reuning in Nidda. 5. Datar 2 pper, Raufmann in Brüssel mit Lilli Raz dahier. 6. Ferdinand Nennstiel, Kaufmann dahier mit Elise Enders hierselbst. Eheschließungen. Am 3. Juni. Florian Rasprowicz, Hilfsschaffaer dahier mit Elisabeth Werner hierselbst. Franz Stein, Lehramtsassessor in Dieburg mit Emma Hanstein dahier. 8. Auguft Wehrheim, Lehrer dahier mit Karoline Müller hierselbst. Gestorbene. Am 2. Juni. Balthaser Weber, 65 Jahre alt, Landwirt dahier. 4. Karl Ludwig Schmidt, 61 Jahre alt, Rechnungsrat dahier. Anna Baiß, 7 Mte. ait, Tochter des Lagerarbeiters Raspar Baitz dahier. Wilhelmine Zirbus, geb. Schäfer, 38 Jahre alt, Ehefrau des Formers Anton Birbus dahier. 7. Marie Ratharine Rockel, 45 Jahre alt, Ehefrau des Bahnwärters Balthaser Rockel dahier. 8. Augufte Winheim, geb. Prinz, 90 Jahre alt, Witwe des Landrichters Karl Ludwig Winheim, dahier. Verantwortlich: für die Politik und den Inseratenteil: Ibin Klein, für den#brigen Inhalt: Georg Sorn, beibr in Globen Neu! Achtung! Neu! Fahrrad- Versand- Geschäft Joh. Fr. Schaaf, Wetzsteinstr. 44 GIESSEN Wetzsteinstr. 44. Compl. Fahrräder mit Garantieschein à Mk. 71, 78, 86, 96 etc. Mk. 335 Pneumatik- Fahrrädermäntel m. 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Die Ueberschätzung der gelehrten Berufe hat zeitweilig wohl in weniger nachdenkenden Kreisen den Blick von dem inneren Werte des Handwerks abschweifen lassen, aber ihm nichts von seiner Bedeutung zu nehmen vermocht. Tritt der Handwerksmeister, der Gefelle in der Jeztzeit nicht mehr gewaffnet aus der Werkstatt auf den Markt, um bei wichtigen politischen Entscheidungen seine Meinung mit der Kraft des Armes zu verteidigen, drehen sich vielmehr die Kämpfe hauptsächlich um wirtschaftliche und berufliche Fragen und werden durch Stimmrecht und öffentliche Rede ausgefochten, jo bildet doch wie ehemals das Handwerk eine solche wichtige Grundlage für den modernen Staat, daß die Gesetzgebung nicht achtlos an ihm vorbei gehen kann. In alter Zeit, in den schweren Wirrnissen des Mittelalters, war der zünftige Mann mehr wie einmal gezwungen, mit Einsetzung des eigenen Lebens an der Entwickelung des öffentlichen Lebens teilzunehmen. Im Jahre 1300 hielt König Philipp von Frankreich Hochzeit in dem reichen Brügge, wo die Königin Johanna nach ihrem eigenen Wort 600 Königinnen" fand Die Herren so kostbar gingen die Frauen Brügges. legten den Zünften die Kosten des Empfanges auf, und Pieter de Koning, der Zunftmeister der Weber, ein Mann bon sechszig Jahren, aber Hauptsprecher der Unzufriedenen, mußte ins Gefängnis und später als Verbannter aus Flandern. Er kehrte aber 1302 zurück, und die Zünfte, die Weber boran, reinigten die Stadt von den Franzosen und Fran30senfreunden; 3500 derselben wurden in den Straßen erschlagen, und als ein französisches Heer ins Land rückte, siegten die Bürger am 11. Juli bei Kortryk in der SporenIm Jahre 1316 belagerten die norddeutschen schlacht. Fürsten Stralsund. Aber am 22. Juni abends fielen die Bürger über die Belagerer her, die Hutfilzer voran, und nahmen im Hainholz den Herzog Erich von Sachsen geDie Bäder fangen, worauf die andern abzogen. nechte von München befamen anno 1322 den faiserlichen Adler in ihr Banner, und auf ihrem Hause stand lange Jahrhunderte ein Reim zur Erinnerung an die Schlacht bei Mühldorf, in der sie den Kaiser aus der Bedrängnis durch das Als Ludwig XIV. österreichische Heer herausschlugen. - sich 1681 Straßburgs bemächtigte, war es nur ein einziger Schneider, noch dazu ein verwachsener Siebenzigjähriger, der die handfesten Zünftler vergebens mahnte, die Da stand es 1365 noch anders. FrantStadt zu halten. reich und England hatten Frieden miteinander geschlossen und 40 000 Söldner waren unbeschäftigt. Die Banden, die man ,, Engländer" oder„ Lomparden", auch die große Kompagnie" nannte, fielen von Mezz her in das schöne Elsaß ein, plündernd, mordend und zerstörend. Vergeblich wartete man auf Kaiser Karl IV., der im nahen Selz weilte. Da zogen die Me 3ger mit ihren Bannern vor dem Münster auf und verlangten stürmisch, gegen die unmenschlichen Landschinder geführt zu werden. Die Banditen, das schnelle Aufgebot der Städte fürchtend, flüchteten schleunig. Endlich noch etwas von den Schustern. Ihre Innung zu Schleswig hatte den Prinzen Knut Laward, Sohn Eriks I., aufgenommen und zum Zunftältesten erwählt. Er wurde 1131 von dem Prinzen Magnus ermordet, und die Schuster ruhten nicht eher, als bis sie den Mörder gefangen und nach ihren Statuten, die den Tod eines gemordeten Bruders am Täter zu rächen befahlen, gleichfalls erschlagen hatten. Lofe Blätter Die kürzeste Predigt, die wohl je gehalten worden ist, ist aus dem Munde des bekannten englischen Satirikers Jonathan Swift( geb. 1667, gest. 1745) geflossen. Als Inhaber einer ansehnlichen firchlichen Pfründe hielt er sich in herkömmlicher Weise einen Vikar, der für ihn predigte, war aber gehalten und verpflichtet, einmal im Jahre und zwar an demieniaen Sonntage, an welchem für die Armen des Sprengels follettiert wurde, in persona das Wort Gottes zu verkündigen. Er betrat die Kanzel, las die Textworte der Schrift, Sprüche Sal. 19, 17 vor: Wer sich des Armen erbarmt, der leihet dem Herrn" und fügte folgende Worte hinzu:„ Liebe Leute! Wenn euch diese Bürgschaft genügt, - Sprach's und verließ die so gebt ruhig euer Geld her. Kanzel. " Schuldig und Schuldig. Bei den Vermählungs- Feierlichkeiten Ludwigs XVI. hatte sich eine Stadt ganz besonders angestrengt. Ihre Deputierten erhielten dafür das Kompliment: Sie hätten alles getan, was sie zu tun schuldig Einer der Deputierten, den dieser stolze gewesen wären. Ton verlegt haben mochte, erwiderte darauf:" Und alles, was wir getan haben, sind wir noch schuldig." Eitelkeit und Schmeichelei. Ein junger Abbé in Paris war in einer Gesellschaft von einem Anwesenden sehr gelobt worden. Als der letztere sich entfernt hatte, fragte der Abbé sehr selbstgefällig:" Um Verzeihung, wer war der fremde Herr, der mir so viele Artigkeiten gesagt hat?" Ein an wesender Gelehrter versezte:„ Es ist ein ganz gemeiner Schmeichler." " Das Reich des Wiffens DOO Die Vögel und die elektrischen Leitungsdrähte. Wer hätte nicht schon mit Verwunderung das Spatzenvolk auf den Telegraphen- und Telephondrähten sizen sehen und sich gefragt, ob ihnen der elektrische Strom in den Drähten nichts anzuhaben vermag. Die für stärkere Ströme beſtimmten Drähte, also namentlich Oberleitungen von elektrischen Straßenbahnen, würden für einen Vogel unbedingt lebens gefährlich sein, aber die Spazzen scheinen das auch zu wissen, denn sonst müßte man wohl häufiger elektrisch hingerichtete Vögel zwischen den Geleisen finden, was unseres Wissens überhaupt noch nie vorgekommen ist. Es entsteht daraus die Frage, ob ein Vogel gleichsam ein Gefühl für die Elektrizität in einem Draht besigt, ehe er ihn als Ruhepunkt wählt. Es muß wohl so sein, daß die Vögel einen besonderen Instinkt dafür haben, der sie davon benachrichtigt, ob eine elektrische Gefahr für sie vorhanden ist oder nicht. Man hat auch darin eine Erklärung gesucht, daß die Vögel sich nur auf Eisendrähte sezen, auf Kupferdrähte aber nicht. Die Beobachtung hat jedoch gelehrt, daß sich Schwalben gelegentlich auch auf kupferne Telephondrähte niederlassen. Man sollte, was ja leicht auszuführen ist, noch etwas genauer darauf achtgeben, wie es damit bestellt ist. Vorläufig hat man die Annahme nicht von der Hand weisen können, daß die Vögel ein stärkeres Gefühl für Elektrizität besigen, als der Mensch, und dadurch schon vor der eigentlichen Berührung mit einem Leitungsdraht gewarnt werden Empor. Laß das Zagen, trage mutig Deine Sorgen, deine Qual. Sei die Wunde noch so blutig, Heilen wird sie doch einmal. Nur empor den Blick gewendek, Und durch düsteres Wolkengrau Bricht zuletzt, daß es dich blendet, Glorreich noch das Himmelsblau. Bum Nachdenken. Das Kleine in einem großen Sinne behandeln, ist Hoheit des Geistes; das Kleine für groß und wichtig halten, ist Pedantismus. Immer behalte getreu vor Augen das Höchste, doch heute Strebe nach dem, was heut du zu erreichen vermagst. Die Liebe wird durch den Zweifel verwundet, durch die Untreue getötet und durch das Vergessen begraben. Auflösung des Scherzrätsels aus vor. Nr.: Ein - nie. r. 135. Samstag den 10. Juni Oberhessische Familienzeitung. Tägliche Unterhaltungs- Beilage bet Gießener Neueste Nachrichten. Maring bar bener Verlagsdeudoret, vorm. Wilh. Reller'sche Buchdruckerei( gegr. 1788); vestid: Ibin klein 26. Fortsetzung.)' Aus Leidenschaft Kriminal- Roman von Reinhold Ortmann Was er jetzt noch sagte und tat, sie hörte und erlebte es wie in einem Traum. Klar und deutlich verstand sie zu lezt nur das eine, daß er sie bat, zu ihrer Schwester zu gehen und sich ihr zu vertrauen, denn sie vor allen müsse die große Neuigkeit erfahren. Und sie war auch durchaus bereit, diesem Verlangen zu entsprechen, denn daran, daß sie ein Ereignis wie dies vor Margarete geheimhalten könnte, war ja gar nicht zu denken. Aber als sie sich dann in dem Musik zimmer allein sah, ohne recht zu begreifen, weshalb Herbert sie so schnell und mit einer so auffallenden Hast verlassen, da entfiel ihr mit einemmal all der Mut, dessen sie für ein solches Geständnis doch so notwendig bedurft hätte; sie kam sich gar nicht mehr wie eine glückliche Braut vor, sondern bielmehr wie eine höchst strafwürdige arme Sünderin, und das Weinen war ihr um ein Beträchtliches näher als das Jubeln und Lachen. Ganz zerknirscht ließ sie sich wieder auf den Klaviersessel nieder, und da saß sie noch, als nach mehr als einer Viertelstunde ihre Schwester eintrat, die ahnungslos gekommen war, sie zum Frühstück zu rufen. Mein Gott, Jenny, was ist dir? Wie siehst du aus?" war die erste bestürzte Frage der jungen Frau. Aber es hatte nur noch eines solchen Wortes bedurft, um die Schleusen zu öffnen, die bis dahin den heftig andrängenden Tränen strom zurückgehalten. Schluchzend warf sich Jenny an die treue, schwesterliche Brust, an der sie ja bis zu diesem Tage noch immer eine Zuflucht gefunden in allen Nöten ihres jungen Lebens, und wenn sie auch um nichts in der Welt jezt ein Wort hätte herausbringen können von dem, was zwischen ihr und Herbert von Gilsa geschehen, so bedeutete es ihrem bedrängten Herzen doch eine tröstliche und köstliche Erleichterung, daß sie sich ausweinen konnte, ohne sogleich mit endlosen Fragen nach der Ursache dieser Tränen gequält zu werden. Denn Margarete fragte nichts mehr, nachdem ihre ersten Worte ohne eine Erwiderung geblieben waren, und nachdem sie auf dem Flügel dasselbe zusammengerollte Blatt hatte liegen sehen, das Herbert ihr vor einer halben Stunde gezeigt. Er mußte also inzwischen hier gewesen sein, und es bedurfte feines ungewöhnlichen Scharfsinns, mm sie erraten zu lassen, daß Jennys Aufregung in irgend einem Zusammenhang stand mit seiner Person. Vielleicht, ja wahrscheinlich hatte er auch ihr von seiner unmittelbar bevorstehenden Abreise gesprochen, und in den heißen Tränen des armen Kindes offenbarte sich nun mit elementarer Gewalt eine Empfindung, deren es sich selbst bis dahin kaum bewußt geworEs war die nächstliegende und natürlichste den sein mochte. Erklärung, die Margarete dem seltsamen Benehmen ihrer Schwester geben konnte, und es war eine Erklärung, die sie selbst auf das schmerzlichste zu erschüttern schien; denn sie sah sehr traurig aus, und es war etwas unendlich Mitleidsvolles in der Art, wie sie das weiche Haar der Weinenden liebevoll streichelte. Mein teures Herz!" sagte sie nur.„ Mein armer Liebling!" ( Nachdruck verboten. Daß hinter ihnen abermals die Tür des Musikzimmers aufgegangen war, sie hatten es beide überhört, und erst das wohlbekannte Aufstampfen des Stockes, auf den Frau von Gilsa sich beim Gehen zu stützen pflegte, ließ sie bestürzt auseinander fahren. So heftig erschrat Jenny bei dem Anblick der alten Dame, deren Wohltaten sie durch den abscheulichsten Undank vergolten zu haben vermeinte, daß sie das Gesicht in den Händen verbarg und Miene machte zu fliehen. Aber ein Zuruf der Frau von Gilsa hielt sie zurück. Nicht doch, liebes Kind! Ich komme, Sie als mein Töchterchen zu umarmen, und Sie wollten sich vor mir vertecken?" Jenny ließ die Arme sinken, aber sie blieb wie angevurzelt an dem Fleck, auf dem sie eben stand, und wagte es toch immer nicht, ihre Augen zu der Sprechenden zu ergeben. Es schien ihr undenkbar, daß sie ihren freundlichen Worten die rechte Deutung gegeben habe und daß dieselben wirklich nichts anderes bedeuten sollen, als eine mütterliche Zustimmung zu ihrem Verlöbnis mit Herbert. Aber die nächste Minute schon machte all ihrem Zweifeln und Bangen ein Ende, denn sie fühlte sich zärtlich umschlungen und hörte die bewegte Stimme der Frau von Gilsa dicht an ihrem Ohre: Mach mir meinen armen Jungen glücklich, geliebtes Kind! Gib ihn dem Leben und der Freude wieder, und ich werde niemals aufhören, dir dafür zu danken!" Da stand er auch schon in der offenen Tür, strahlend vor Glück, und in seiner ganzen männlichen, edlen Schönheit, die jezt kein schwermütiger Schatten mehr verdunkelte, fein häßsich bitterer Zug entstellte. Mit einem klingenden Jubelruf eilte er auf die zärtliche Gruppe zu, zog die von all dem unverhofften Glück ganz überwältigte Jenny an sich und neigte sich zu dem lächelnden Antlitz seiner Mutter herab, um es voll dankbarer Zärtlichkeit zu füssen. Gott segne euch)," sagte sie, meine Kinder, und jeder Hoffnung, die jetzt in euren Herzen blüht, gebe er Erfüllung!" Nun erst gedachte Jenny auch der Schwester, die statuenhaft unbeweglich am Flügel stand, totenbleich und mit halbgeschlossenen Augen. Sie machte sich los und flog auf sie zu: ist es dir denn auch ,,, meine liebe, einzige Marga - recht? Vergib mir, daß ich dich nicht vorher gefragt habe! Aber es kam alles so plößlch, so unerwartet! Ich selber habe ja bis zu diesem Augenblick noch nicht daran geglaubt!" Die junge Frau preßte sie ungestüm an sich und sagte ihr liebevolle, beglückwünschende Worte. Jenny aber war es, als sei es eine ganz andere, die da zu ihr sprach, so fremd flang ihr die Stimme der Schwester. Und nun trat auch Herbert hinzu, um sich lächelnd wegen seines etwas higigen Vorgehens zu entschuldigen und um die nachträgliche Einwilligung Margaretens zu erbitten. Bürnen Sie mir nicht, weil ich Ihnen die Schwester rauben will," sagte er herzlich. Sie sollen darum wahrlich nichts von ihrer Liebe verlieren und sollen vielmehr einen Retlamen Seffen, bie Kreife We Jufertionspreis .136. Rebattion u. Haupt Ber De In Weimar if ziehung" zusamme eine Reform unfer nen oder vielmeh zuführen. Denn Wir haben, nen, angeregt d fdhulmäßig unte ziehungsreform für die den Interesse weite Berechtigung zu abiturienten ei abiturienten und sehr eifert Berpostengefedh Schulen", in der Stampf nicht b teilt mund Dr. 24. Bruder gewinnen, borausgesetzt natürlich, daß Sie mich in dieser Eigenschaft akzeptieren wollen." Sie gab ihm Antwort, eine freundlich zustimmende Antwort zwar, doch in einem Ton und mit einem Ausdruck, die ihn ebenso fremd anmuteten, als Jenny der Glückwunsch der Schwester erschienen war. Dann schickte man sich an, in das Speisezimmer hinüber zu gehen, wo der Diener wohl schon seit einer Viertelstunde mit dem Frühstück auf die Herr. schaften wartete. Herbert bot seiner Mutter den gesunden Arm, während Jenny sich zutraulich an seine rechte Seite schmiegte. Margarete aber fand einen Vorwand, noch zurückzubleiben. Sie mußte jetzt allein sein, war es auch nur auf wenige Augenblicke. Denn ihre Kraft, sich zu beherrschen, war dem Zusammenbrechen nahe, und nicht vor den Augen der andern durfte sie den Kampf auskämpfen gegen die sündigen Wünsche und die sträflichen Regungen in ihrem Herzen, deren sie sich erst in dieser Stunde klar bewußt geworden war, und um derentwillen sie sich verachtete und verdammte. Sie legte die Hände über die Augen, und in ihrer gemarterten Seele schrie es: Mein Gott, mein Gott! Wohin wollte ich mich verirren? Und warum mußte mir diese Prüfung auferlegt werden auch noch diese?" Niemals bis zu dem gegenwärtigen Augenblick hatte sie sich danach gesehnt, daß ihr Gatte zurückkehren möge. Der zuweilen auftauchende Gedanke an eine solche Möglichkeit hatte sie vielmehr stets mit Bangen und Entsetzen erfüllt, und sie hatte ängstlich vermieden, ihm weiter nachzuhängen, wie ja auch ihre Umgebung geflissentlich vermied, von Rudolf Aldenhoven und seiner geheimnisvollen Reise zu sprechen. Nun aber wünschte sie inbrünstig, daß er heute oder morgen kommen möge, um sie hinwegzunehmen aus diesem Hause. Denn es dünfte sie tausendmal leichter, ein freudloses Dasein an der Seite des ungeliebten Mannes zu führen, als unter der Maske wunschloser Freundschaft neben dem Geliebten zu leben, dem gegenüber sie wohl ihren Worten und Blicken, doch nimmermehr ihren sündigen Gedanken gebieten konnte. Siebzehntes Rapitel. Der Frühling war gekommen; aber er zeigte sich den Bewohnern der guten Stadt Hartenstein nicht als ein lieblicher, lächelnder Knabe, der mit linden Lüften, mit Veilchenduft und Vogelgezwitscher die Herzen der Menschen erfreut, sondern als ein recht verdrießlicher, mürrischer Geselle, dem rauhe Winde und prasselnde Hagelschauer vorderhand noch die liebsten Spielgenossen waren. Man hüllte sich fröstelnd in dicke Gewänder, wenn man genötigt war, über die Straße zu gehen, und mochte daheim des warmen Ofens noch nicht entraten. Schüchtern nur wagten sich an Busch und Baum die ersten Knospen hervor, und auch in dem Garten, der die einsam gelegene Villa des Amtsrichters umgab, sah es noch noch immer beinahe winterlich kahl und öde aus. Es war Abend, und Roger Norwood saß allein in seinem Arbeitszimmer. Ein Schubfach seines Schreibtisches war geöffnet, und er hatte demselben eine Photographie entnommen, in deren Betrachtung er nun schon seit mehreren Minuten ganz versunken schien. Es war ein Bild Margaretens, das sie gleich nach der Verlobung auf seinen Wunsch hatte anfertigen lassen, ein überraschend gut gelungenes Porträt, das den ganzen Liebreiz ihres feinen Gesichtchens wiedergab. Die Augen des Mannes glühten in leidenschaftlichem Feuer, während sie unverwandt auf die schönen Züge gerichtet waren; aber sein Antlik war düster, und das vorgeschobene, start entwickelte inn wie die beiden tief eingeschnittenen Linien an den Mundwinkeln gaben ihm einen Ausdruck grausamer Härte und abstoßender Brutalität. „ Es ist genug! Ich ertrage es nicht länger. Und einmal muß es ja doch geschehen!" Er legte die Photographie in das Schubfach zurück, und eben hatte er den Schlüssel gedreht, der es versperrte, als nach bescheidenem Klopfen der alte Gärtner eintrat, der neben seinen anderen leichten Verrichtungen auch die Boten gänge für die Bewohner der Villa besorgte. Ich habe die Arznei für die gnädige Frau aus der Apotheke geholt," sagte er.„ Soll ich sie gleich hinaufbringen?" Nein, Tassen Sie sie nur da," erwiderte Norwood, indem er das nach herkömmlicher Art verschlossene Fläschchen in Empfang nahm. Meine Frau wird ja sogleich zum Abendessen herunterkommen. Gibt es sonst etwas Neues?" ,, Nicht daß ich wüßte, Herr Norwood! Ich wollte nur fragen, ob ich heute abend hier noch gebraucht werde?" ,, Ach, wegen des Kriegervereinsfestes, an dem Sie natürlich auch teilnehmen wollen?" Jawohl! Unsereins hat ja so selten mal ein kleines Vergnügen!" " Und es wird wahrscheinlich sehr spät werden, ehe Sie nach Hause kommen nicht wahr?" ,, Nun ja, die Stunden plaudern sich bei solcher Gelegenheit rasch genug weg. Und in der Nacht hat mich hier ja doch niemand nötig. Der Hektor bleibt da, und zur Bewachung der Villa ist der viel tauglicher als ich." Das will ich meinen," sagte Roger Norwood lächelnd. ,, Gehen Sie nur getrost und genießen Sie von Ihrem Vergnügen so viel, als Sie vertragen können." Der Alte bedankte sich und verließ das Zimmer. Nachdem er noch eine Minute lang gewartet hatte, verriegelte Roger Norwood hinter ihm die Tür. Behutsam löste er dann die Schleife der kleinen Schnur, welche die Papierkapsel über dem Pfropfen der Medizinflasche festhielt, und entkorkte die Phiole. Demselben Schreibtischfach, in welchem sich Margaretens Bild befand, entnahm er ein anderes, winzig kleines und mit einer wasserhellen Flüssigkeit gefülltes Fläschchen. Von seinem Inhalt goß er vorsichtig etwa die Hälfte in die rot gefärbte und scharf riechende Arznei, um dann durch kräftiges Schütteln eine möglichst innige Mischung zu be= wirken. Als er diesen Zweck vollständig erreicht glaubte, ging er daran, die Medizinflasche wieder zu verschließen, und verfuhr dabei mit solcher Geschicklichkeit, daß selbst bei genauer Untersuchung sicherlich niemand auf den Verdacht gekommen wäre, sie sei schon einmal geöffnet worden, seitdem sie die Apotheke verlassen. Nachdem er dann auch die kleinere Bhiole an ihren vorigen Plaz zurückgestellt und den Schreibtisch sorgsam verschlossen hatte, entriegelte Roger Norwood die Tür und ging durch das anstoßende Wohngemach in das Speisezimmer, wo die Köchin eben mit dem Decken des Tisches für das Abendessen fertig geworden war. " ,, Sie können das dritte Couvert wieder fortnehmen," sagte er, der Doktor wird heute nicht kommen." Schön, Herr Norwood! Befehlen Sie, daß ich die gnädige Frau gleich rufe?" " Ja, Sie mögen meiner Frau melden, daß ich sie erwarte. Und dann sorgen Sie, daß wir bald etwas zu essen bekommen. Ich bin sehr hungrig." Die Köchin, die mit ihrem Dienst bei den feinen Amerikanern", wo man sich Marktgroschen in Fülle machen konnte, außerordentlich zufrieden war, eilte so schnell hinaus, als ihre nicht mehr sehr jugendlichen Beine es nur immer gestatten wollten, und wenige Minuten später erschien Panchita in der Tür. ,, Entschuldige, wenn ich dich warten ließ, Roger! Aber ich vermutete nicht, daß du dein Arbeitszimmer schon so früh verlassen würdest." Sie war schön wie immer, aber ihre Voraussage, daß sie frank werden würde, wenn sie zu längerem Aufenthalt in diesem Hause verurteilt sei, schien sich entweder bereits erfüllt zu haben oder doch der Erfüllung sehr nahe zu sein. Denn ihre Wangen waren hagerer geworden, und unter ihren Augen lagen bläuliche Schatten, die sie freilich nur noch größer und leuchtender machten. Ihr Wesen war scheu und befangen. Schon in ihrer Art zu sprechen und sich zu bewegen, offenbarte sich etwas von der quälenden Furcht, die sie seit dem Tage ihrer Wiedervereinigung mit dem Gatten verzehrte, von der Furcht, ihm zu mißfallen, statt ihn durch ihre Gegenwart zu erfreuen, ihn zu reizen, statt ihn zu geminnen. Sie war gewöhnt, daß er ihr kurz und herrisch begegnete. An den Fingern einer Hand hätte sie die beglückenden Augenblicke herzählen können, wo er ihr unter vier Augen etwas wie das Wiederaufglimmen einer wärmeren Empfindung gezeigt hatte, so ritterlich, rücksichtsvoll und freundlich er sie auch im Beisein der Dienstboten oder des Doktor Langschmidt behandelte. Und darum war sie im ersten Moment fast erschrocken, als er, der bei ihrem Eintritt am Fenster gestanden hatte, auf sie zukam und ihre Hand erfaßte. Du siehst schlecht aus," sagte er, und ich glaube beinahe, du fieberst. Fühlst du dich heute angegriffener als sonst?" Ich fühle mich vollständig wohl in dem Augenblick, wo du daran denkst, dich um mein Befinden zu bekümmern." päischen Juden bewohnt sind und zusammen ungefähi 650 000 Einwohner zählen. Sind nun auch die Hälfte dieser Leute in dem in Broo klyn belegenen neuen jüdischen Ansiedelungsrayon in un früheren, kaum mehr menschenwürdigen Behausungen, sc sind doch die übrigen Lebensbedingungen die gleichen ge blieben. Das ist sehr liebenswürdig, doch wohl nicht ganz buchbergleich bessere sanitäre Verhältnisse gebracht, als in ihren stäblich zu nehmen. Du mußt dich wirklich mehr schonen, Panchita! Ich erkenne zu spät, daß das deutsche Klima in der Tat nicht für dich taugt, und daß wir besser getan hätten, sogleich nach Amerifa zurückzukehren, wäre es auch um den Preis eines nicht unbeträchtlichen Vermögensverlustes ge= wesen." Roger, wenn es in Wahrheit nur das ist, was dich hier festhält, so laß uns diesen Verlust hinnehmen und fortgehen! Werden wir denn nicht immer noch reich genug sein?" Du nimmst es mit Geldangelegenheiten sehr leicht, wie es scheint," sagte er lächelnd. Aber wenn dir denn wirklich so viel daran gelegen ist.. ,, Roger!" schrie sie auf, und wie ein heller Strahl der Glückseligkeit brach es aus ihren Augen. Ist das dein Ernst? Wir werden diesen entseßlichen Ort verlassen? Und du wirst dich endlich endlich meiner erbarmen?" ( Fortsetzung folgt.), Ein Riesenghetto. Von Dr. Arthur b. Gerau. ( Nachdruck verboten.)' Weder Warschau, die größte Judengemeinde Europas mit 270 000 Seelen, noch London mit zirka 180 000 Juden, noch auch Amsterdam mit seinen 25 000 in der Jodenbreestraat und um diese herumwohnenden Juden, können sich mit dem Riesenghetto von Newyork vergleichen. Auch äußerlich haben sie wenig Aehnlichkeit miteinander, bis auf das Gepräge einer wuchtigen Armut. Darin mögen sie von Warschau wohl übertroffen werden, wo aber keine Kulturverhältnisse mit in Betracht kommen, so wenig wie etwa im Mellah von Tanger, wo die jüdischen Einwohner kaum in elenderen Verhältnissen leben, als in Warschau. Auch das Bondoner Ghetto, dessen Zentrum Houndsditsch( Hundsgraben, Bundsgrube) und Petticoatlane( Unterrocksgäßben) bilden und von weitem schon das Gepräge furchtbaren Elends verrät, hat trotzdem nicht das düstere Einerlei des alten Newyorker Ghettos. Die kleinen einstöckigen Häusshen der außerhalb der Londoner City sich endlos hinziehen den Straßen dieses Städtegoliaths, lassen allenthalben Licht und Luft herein. Die kleinen, an keinem Londoner Hause fehlenden Gärtchen gewähren den Bewohnern bei gutem Wetter einen freien Aufenthalt. Die Ghettobewohner von Newyork müssen solcher Annehmlichkeiten samt und sonders entraten. Vier- und fünfstöckige Häuser, die tief in die Höfe hinein und mit ebenso hohen Hinterhäusern zusammengebaut sind, daher sich auch gegenseitig des Lichts berauben, beherbergen viermal so viele Menschen, als der dichtest bevölferte Stadtteil Newyorks. Auf einem Raum, der unter normalen Verhältnissen für etwa 75 000 Seelen berechnet ist, wohnen hier über 400 000 Seelen in fürchterlicher Enge susammengepfercht. Es ist daher leicht verständlich, daß nirgendwo sonst sanitäre Maßregeln so erschwert sind, wie In diesem Stadtteil, der zu den ältesten Newyorks gehört. Eigentlich kann man heute nicht mehr von nur einem dewy rts Ghetto sprechen, seitdem, infolge der Rechtlosigeir der russischen Juden, jährlich hunderttausend zum Wanderstab greifen und jenseits des Ozeans eine neue Heimat juchen. Seitdem Newyork durch eine zweite Brücke mit Brooklyn zu einem zusammengehörenden Gemeinwesen verbunden ist, hat sich auch in diesem Stadtteil ein neues Ghetto mit bereits 350 000 jüdischen Einwohnern etabliert. Aber dieses neue jüdische Settlement", in welches sich aus dem alten Newyorker bereits über 100 000 Bewohner hineinbegeben und letzteres etwas entvölkert haben, hat nur wenige Nachteile dieses alten. Kleine, nur für zwei bis drei FamiHolzhäuser in den durchwegs neuen lien eingerichtete Straßenteilen, bieten fast alle hygienischen Vorteile, welche im alten Ghetto fehlten, und jedes Haus hat einen kleinen Garten. So gibt es heute eigentlich zwei jüdische Stadtviertel in Groß- Newyork, die fast ausschließlich von osteuroWer an sonnigen Tagen, an denen Newyork so reich ist über den Broadway wandelt, wo ein Geschäftsleben sonder gleichen die Ansicht erweckt, daß gar nicht genug Menschen zur Bewältigung gefunden werden könnten, ahnt kaum, wi viele Tausende arbeitsloser Menschen hier leben. Wer über die von Menschen übersäeten Straßen der Westseite geht oder fährt und den unerhörten Lurus in Kleidung, Equipagen, Schaufenstern und Restaurants beobachtet, wer das schiel undurchdringliche Gewühl eleganter Erscheinungen verfolgt das mit einbrechender Nacht immer mehr zunimmt, um all nur denkbaren Lebensgenüsse durchzukosten, ahnt wohl kaum, daß nur wenige Straßenbreiten weiter, an beider Wasserkanten, Tausende und Tausende von Menschen nich wissen, womit sie den Hunger stillen, für die Ihrigen Brot hernehmen und für die Nacht ein Obdach finden sollen. Auch im Ghetto herrscht des Nachts reges Leben, auch dort wogen, wenn um sechs Uhr abends Geschäfte und Fabri fen schließen, unübersehbare Menschenmengen durch die Straßen. Aber sie streben nicht, wie auf der Westseite, Ge. nüssen und Vergnügungen zu es sind müde, abgearbeitete Menschen, die nach Hause eilen, um ihren Hunger zu stillen und auszuruhen. Das sind aber noch keine Hungernden und Heimlosen. Sie haben sich tagsüber ihr Brot und eine Wohnung erarbeiten können und sind damit zufrieden. Aber im Ghetto wohnen über zweihunderttausend jüdische Schnei der und Schneiderinnen, Müßenmacher u. dergl., die in ihrer dumpfen Wohnung vom Morgengrauen an bis oft nach Mitternacht über ihre Maschine gebeugt, arbeiten. Für sie bringt die hereinbrechende Nacht noch keine Feierstunde, sie müssen noch weiterarbeiten, so gut wie die Straßenhändler unter ihrem Fenster, die ihre ärmliche Ware in langgezogenen Rufen ausbieten. Selbst wenn drunten auf den Gassen in später Nachtstunde allmählich das auf Erwerb und Arbeit gerichtete Großstadtleben abebbt, ſizen diese Heimarbeiter noch über ihren Nähmaschinen, um ein färgliches Brot zu erringen. Männer mit weißen Bärten, frühgealterte Frauen, Jünglinge und Mädchen, oft noch halbe Kinder, siten an den Fenstern, ohne einen Blick auf das Wogen in den Gassen oder auf die alle paar minuten vorüberdonnernden Hochbahnzüge zu werfen. Dazu haben sie keine Zeit, die färglich bezahlte Arbeit muß zur beſtimmten Stunde abgeliefert werden, wenn eine Mahlzeit auf den Tisch kommen soll. Die Nähmaschinen raffeln und die Gedanken stumpfen ab. Wenn aber diese Maschinen eines Tages stille stehen, keine Arbeit geboten wird, wie dies bei periodischen Geschäftsstockungen gar nicht selten ist, dann flopft ein unheimlicher Gast an die Tür der überfüllten Wohnung, der Hunger. Wie Verzweifelte eilen dann die Familienväter durch die Straßen der Riesenstadt, um Arbeit zu erspähen. Arbeit, welcher Art sie auch sei, um welchen Bettelpreis sie auch sei. Ein furchtbares Gespenst eilt neben den angsterfüllten Mann her: hungernde, um Brot weinende Kinder, von Entbehrungen erschöpfte Eltern, eine entfräftete Gattin und Obdachlosigkeit. Der Hausherr wartet nicht lange, einige Tage, der nachsichtigste einige Wochen; aber dann kommen die bekannten und gefürchteten Männer, welche die paar armselig möblierten Stuben ausleeren, den Hausrat auf die Straße setzen und die Wohnung abschließen. Wohin dann? wohin die Alten und wohin mit den Kleinen? Ja, wenn sie das nur wüßten! Erst wenn alle Mittel erschöpft, alle Versuche um Arbeit gescheitert sind, lenkt der Arbeitslose seine Schritte nach einer der vielen Wohltätigkeits- Institutel Da liegen aber bereits tausend und abertausend dringende Gesuche vor, die Aussichten auf Hilfe sind gering, und um eine Hoffnung ärmer tritt er wieder auf die Straße. Nur sein unverwüstlicher Optimismus ist die erhaltende Kraft, die dem russischen Juden alle Unbilden des Schicksals überwinden hilft. Dieser starke Optimismus begleitet ihn nach den fernen Verbannungszielen Sibiriens, er treibt ihn über das Meer und yerläßt ihn selbst in den Stunden des größten Elends nicht. Musika Anab berzehrt): hohes C." Mama Anabe Mama."