ö — ö N — ö ö Freie Hessische Zeitung. Alles durch das Volk. Jeder Arbeit ihr Lohn. Nr. 9. Gießen, Donnerstag den 6. April 1848. Die freie Hessische Zeitung erscheint wöchentlich dreimal(Dienstags, Donnerstags und Samstags). Der Preis für die Stadt Gießen ist 1 fl. vierteljährlich, die Landgrafschaft Hessen-Homburg und das Gebiet der freien Inseralle aller Art werden von der Verlagsbuchhandlung und gespaltene Petitzeile berechnet. ———————————— ... Ueber die Reorganisation der Kirche und Schule. (Schluß.)„. Ae Ae Eine weitere Seite dieses Systems ist das bisher gegen die älteren Geistlichen befolgte Beigeben von Vicaren. Es kommen gewöhnlich solche Fälle nur da vor, wo eine gute Pfründe ist. Der ältere Geistliche bezieht die Pfründe und findet den Vicar mit einer ziemlich kleinen, oft mit ihm er— handelten Summe ab. Die Vicare wechseln in solcher Stelle wie Knechte und Mägde bei ihren Dienstherrn, und die Gemeinde wird— ruinirt. Schändlich ist ein solches Verfahren, wenn der Geistliche, der die Pfründe bezieht, noch im besten Mannesalter ist, also noch recht gut seine Stelle versehen könnte.— Auch müssen bei solcher Gelegen— heit die s. g. Stolgebühren abgeschafft werden. Wie mancher Arme würde gern an dem Grabe seines Vaters oder Bruders Worte des Trostes aus dem Munde seines Geistlichen hören, aber ach! die großen Kosten für Sarg und Küster machen ihm weitere Ausgaben unmöglich, wenn er nicht selbst mit seiner Familie für die nächsten Tage am Hungertuche nagen soll. Nur die Thräne des Armen folgt dem Armen ins Grab: kein Geistlicher begleitet seinen Sarg, kein Trostwort wird an seiner Ruhestätte gesprochen. Fast möchte es einem bedünken, es seien die Geistlichen nur wegen Erhaltung ihrer selbst da oder um die Gewissen der Reichen zu beschwichtigen und die Armen auf das Jeunseits zu vertrösten. Aber, klagt ein Geistlicher, meine Besoldung ist gering und nun auch noch die Stolgebühren verlieren! Was soll ich, was soll meine Familie anfangen?— Auch dieses mag wahr sein, aber es entspringt einzig aus dem Mißverhältniß von sehr starken und sehr dürftigen Besol⸗ dungen. Der Geistliche muß so gestellt sein, daß nicht materieller Druck auch geistigen Druck hervorruft. Wo solches Mißverhaͤltniß waltet, da kann von einer Wirksam⸗ keit desselben nicht die Rede sein.— Sollten aber wohl bis— her Geistliche mit reicher Pfründe— im Vollgenuß des Lebens— die Stolgebühren wenigstens den Armen erlassen haben? Wir bezweiflen sehr eine große Anzahl solcher Ehrenmänner zu finden. Mancher mag wohl, wenn er etwa diese Zeilen liest, denkend in seine Brust greifen und pater peccavi stammeln, aber zu spät: einen solchen schönen für die übrigen Theile des Großherzogthums Hessen, Stadt Frankfurt 1 fl. 15 kr. vierteljährlich, der Buchdruckerei von W. Keller angenommen und mit 3 kr. für die für das Kurfürstenthum Hessen, das Herzogthum Nassau, ohne den Bringerlohn.— Gedanken hat nie sein egoistisches Ich in seinem Herzen aufkommen lassen.— Der protestantische Geistliche ist der kirchlichen Gemeinde erster Bürger; bildet mit seinen Genossen den Lalen gegen— über keinen besonderen Stand. Clerus und Laien im eigent— lichen historischen Sinn giebt es bei den Protestanten nicht. Der Geistliche steht bloß in seinen amtlichen Functionen der kirchlichen Gemeinde gegenüber, wahrend er in der staat⸗ lichen Gemeinde mit jedem anderen Gliede derselben auf gleicher Stufe steht.— a Da Kirche und Schule bis jetzt noch innig in einan— der verwachsen sind, so wird durch eine Neugestaltung der ersteren, auch eine wesentliche Veränderung mit der letzteren vorgenommen werden müssen. Sind kirchliche und stagtliche Gemeinde von einander geschieden, so muß dieses auch Kirche und Schule sein. Die Schule nämlich ist eine we⸗ sentliche Anstalt des Staates, besonders des Staates der die Freiheit seiner Bürger liebt. Er muß die Bildung aller Classen seiner Bürger befördern, weil hierdurch nur allein seine Existenz gesichert ist. Die Schule wird somit für alle geboten, während der Besuch der Kirchen und Andachts— häuser ganz dem Ermessen jedes Einzelnen anheimgestellt bleibt. Dem Staate kann es nicht einerlei sein, was seine Bürger thun, muß es aber einerlei sein, was sie glauben. Die Kirche ist eben eine Privatanstalt, die zwar unter dem Gesetz, aber nicht unter der besonderen Leitung des Staates steht. Die kirchliche Belehrung wird daher eine andere als die staatliche sein. Die Kirche mag für die Belehrung ihrer Mitglieder Sorge tragen; für den nöthigen Unterricht seiner Bürger muß dagegen der Staat sorgen. Der Staat errichtet Schulen und bestellt die Lehrer, deren Stellung so unab⸗ hängig als möglich von der Kirche sein muß. Jeder Staats⸗ bürger ohne Unterschied der Religion ist zum Besuche solcher Schulen verpflichtet, deren Lehrgegenstände daher niemals aus dem Gebiete irgendwelcher Religionsgesellschaft herge— nommen werden dürfen. Mit einem Worte: die Schule wird zur Communalschule, deren Schüler vor allem zu Bürgern des Staates, nicht zu Mitgliedern irgendeiner Religionsgesellschaft gebildet werden sollen. Der Lehrer wird Staatsdiener, seine Stellung eine freiere, unabhängigere; die Anforderungen des Staates an denselben werden dadurch 34 aber auch gesteigert. Auf das Erziehungsinstitut der Lehrer muß der Staat eine besondere Sorgfalt verwenden, weil er diesen das höchste Gut des Staates, seine Bürger zur Erziehung anvertraut.— Durch diese Reorganisation der Kirche und Schule, verbunden mit der Emancipation aller Religionen und Confessionen, wird zwar die Idee des ausschließlich christlichen Staates schwinden, aber die Idee der Humani— tät in ein neues Stadium ihrer Entwicklung eintreten. Die Toleranz— ohne Indifferentismus zu sein— wird die bisber schroffen Gegensatze verwischen und in der Man— nigfaltigkeit eine höhere Einheit erstrebt werden. Der Mensch wird als Mensch die Bühne der Geschichte betreten, das Reinmenschliche das bewegende Prinzip der Neu⸗ zeit werden, und alles Andere sich als dienendes Glied zur Realisirung seiner Bestimmung ihm unterordnen.— Mögen aus der Zahl der Geistlichen die Reformatoren der Kirchenverfassung erstehen, mögen sie die Aufgabe un— serer Zeit begreifen und nicht etwa auf halbem Wege steben bleiben, sondern muthig und ernst den großen Dom der Freiheit— der Freiheit auf allen Gebieten, also auch auf dem der Religion— erbauen helfen. Unsere jetzige Regierung wird mit Freuden zu diesem Werke die Hand reichen, andere Regierungen werden folgen— und das deutsche Volk wird bei solcher Neugestaltung der Kirche und Schule seine Geist— lichen und Lehrer achten und lieben lernen. Gießen am 21. März 1848. Schaub. Demokratie. Republik. Constitution. Die gewaltige Zeit eilt jetzt so rasch und ihr sausendes Rad wirft uns immer neue Ereignisse mit solcher Blitzes— schnelle entgegen, daß die Meisten, in altgewohnte Verhält— nisse eingelebt und an einen so schnellen Fortschritt der Dinge nicht gewöhnt, kaum zu folgen und in die neue Welt sich zu finden wissen. Die Sonne des neuen Tages hat uns wie im Schlafe überrascht. Mancher zwar ist rasch aufgesprungen, hat das festliche Kleid angezogen, oder das Werk, das der Tag ihm gebot, frisch begonnen; viele aber sitzen noch da, reiben sich die Augen, wollen den eignen Augen nicht trauen, und wissen nicht, von alten Träumen noch umnebelt und von der Wirklichkeit wie von neuen Träumen verwirrt, was sie aus alle dem machen sollen. Neue Sachen bringen neue Worte mit sich, und auch in diese neuen Worte der neuen Zeit weiß man sich nicht zu finden. Davon hatten wir vor 8 Tagen hier ein Beispiel, wo so viele an das Wort demokratisch, als ob es wunder was für Fährlichkeiten in seinem Schooße berge, durchaus nicht anbeißen wollten. Und wie ist auch hier die rasch fortschreitende Zeit so bald die Lehrerin geworden! Die demokratisch-constitutionelle Monarchie, auf welche in einer Adresse an ihren freisinnigen Deputirten zu dringen manche Gießer Bürger damals kaum sich ent— schließen konnten, sie ist seitdem in Frankfurt überall offen verkündet und vertheidigt worden, sie ist dort das Stichwort gewesen der conservativen Partei. Und was will man sich gegen das Wort sträuben, da wir der Sache nach die Demokratie oder Volksherrschaft haben? Denn das ist doch das allen politischen Bewegungen der Gegenwart Gemeinsame: Eine energische Erhebung der Ge— sammtheit des Volkes gegen die Willkür eines Einzelnen, oder Einzelner, verbunden mit dem entschiedenen Willen, Vorsorge zu treffen, daß eine solche Willkür nie wieder die Herrschaft an sich reißen könne. Freilich verbindet Mancher mit dem Worte Volk abentheuerliche Vorstellungen. Man hat sich gewöhnt, bei dem bisherigen starren Gegeusatze von Regie— renden und Regierten nur die letzteren als Volk zu be— zeichnen. Das genze die Regierung unterstützende stehende Heer von Soldaten und von Beamten des Staates und der Kirche zählte nicht als Volk mit; auch alle die, deren Existenz vorzugsweise an die Regierung und ihre Helfer geknüpft ist, Gelehrte, Künstler, Kaufleute, sowie diejenigen Gewerbtreibenden, welche dem Luxus, der Kunst oder Wis⸗ senschaft dienen, wollten zum Volke nicht mehr gezählt sein. Als solches blieben nur noch die übrigen Gewerbtreibenden, die Bauern und Arbeiter übrig, wohl auch von den Andern als das„gemeine Volk“ bezeichnet. (Schluß folgt.) Politische Rundschau. Am Montag wurde die berathende Versammlung deut— scher Männer zu einem Ziele gebracht und als das wichtigste Resultat erscheint die Abstimmung über einen Antrag von Soiron, der dahin lautete:„die Versammlung wolle von dem Programm der Siebener-Commission Umgang nehmen und beschließen, daß die Beschlußfassung über die zukünftige Verfassung Deutschlands einzig und allein der National- versammlung überlassen bleibe.“ Bei der ersten Abstimmung vertheilten sich die Stimmen für und wider den Antrag in der Weise, daß die Secretaire nicht sagen konnten auf wel⸗ cher Seite die Majorität sei: die Linke verlangte nun Ab— stimmung durch Namennennung; es wurde indessen, nachdem Soiron einige Erläuterungen gegeben hatte, daß nämlich die constituirende Versammlung mit den Fürsten Verträge machen könne oder nicht, noch einmal durch Aufstehen votirt und hier ergab sich fast Einstimmigkeit. Hiermit hat also die consti⸗ tuirende Versammlung, welche in vier Wochen zusammen⸗ kommen muß, die Haupteigenschaft einer solchen erlangt, nemlich die, über die zukünftigen Geschicke des Vaterlandes unbedingt und allein zu entscheiden, und zwar hat sie dieselbe erlangt durch Einstimmigkeit der Anwesenden. Alles andere trüt gegen diesen wichtigen Beschluß in den Hintergrund, denn weder war die Versammlung competent, über die Grund— lagen der Verfassung des deutschen Volkes irgend etwas zu beschließen, noch sonst dem Ausschuß Vollmachten zu ertheilen. Die ausgetretene Minorität stimmte bei diesem Beschlusse nicht mit, denn sie trat erst nach der Abstimmung wieder in den Saal ein, in welchem sie mit lebhaftein Applaus empfangen wurde. Es hatte nämlich kurz nach Eröffnung der Sitzung 35 am Sonntag der Präsident Mittermaier der Versammlung die Mittheilung gemacht, daß er gestern Abend noch den Bun— despräsidialgesandten, Grafen Colloredo-Waldsee, mit den letzten Beschlüssen der vorberathenden Versammlung bekannt gemacht und von diesem die Versicherung erhalten habe, daß der Bundestag den Wünschen und Beschlüssen der vorbera— thenden Versammlung bereitwilligst entgegenkomme, daß alle von dem Bundestag erlassenen Ausnahmsgesetze und Beschlüsse als aufgehoben und beseitigt zu betrachten seien und daß dies überall kundgegeben werden solle; dem Präsidenten sei ferner persönlich von dem Grafen Colloredo-Waldsee mitgetheilt worden, daß alle jene Bundestagsgesandten, denen ihr Gefühl sage, daß ihre Wirksamkeit von der Billigung und dem Ver— trauen der Nation nicht getragen sei, ihre Entlassung bereits gegeben hätten oder unverzüglich geben würden. Auf diese Mittheilung erbot sich Itzstein, die Ausgetretenen zum Zurück— kommen zu bewegen; er schlage aber vor, die Wahlen für den Ausschuß der Fünfzig bis zum Nachmittag auszusetzen, damit die Ausgetretenen an den Wahlen theilnehmen könnten. Da indessen die Stimmzettel bereits am Morgen geschrieben und abgegeben waren, so wurde nur beliebt, daß es einem Jeden freistehen solle, den seinigen zurückzunehmen und einen andern zu verfassen, und daß ferner mit dem Scrutinium gewartet werden solle, bis auch die Stimmzettel der Minorität abgegeben seien. Bis 1 Uhr solle das Wahlgeschäft geschlossen sein.— Eine längere Discussion fand am Montag über die Frage statt, was der Ausschuß der 50 zu thun habe und ob ihm nicht eine magna charta aller der Volksrechte vorzulegen sei, die jeder Deutsche beanspruchen könne und müsse. Es waren mehrere dahin lautende Anträge vorgelegt worden, namentlich von Jaup und Venedey, die indessen ihre Erledi— gung durch den bereits oben erwähnten Antrag von Soiron fanden, so daß sich also einzig und allein die constituirende Versammlung mit allen diesen Fragen zu beschäftigen hat, namentlich auch mit der wichtigen socialen Frage— den Zu— stand der arbeitenden Classe betreffend, die, von mehreren Rednern angeregt wurde. 5 Namen der in den permanenten Ausschuß zur Vorberei— tung der Einberufung des deutschen Parlaments gewählten 50 Mitglieder und ihrer Ersatzmänner: Mitglieder: Wiesner(Oesterreich); Itzstein(Baden); R. Blum(Sachsen); Jacobi(Königsberg); Kolb(Rhein— bayern); Abegg(Breslau); Soiron(Baden); Simon(Bres— lau); Schott(Würtemberg); Murschel(Würtemberg); Ra— veaur(Rheinpreußen); Spatz(Rheinbayern); Eisenmann (Bayern); Schleiden(Schleswig); Matthy(Baden); Gülich (Schleswig⸗Holst.); Freudentbeil(Hannover); Gr. Bissingen (Oesterr.); Stedmann(Rheinpr.); Venedey(Rheinpr.); Schnelle(Mecklenburg); Siemens(Hannover); Jürgens (Braunschweig); Zacharia(Hannover); Wippermann Kassel); Lehne(Rheinhessen); Biedermann(Nassau); Rüder(Olden— burg); Hergenhahn(Nassau); Buhl(Baden); Nonne(Hild— burghausen); Kierulf(Mecklenburg); Heckscher(Hamburg); Cetto(Rheinpreußen); Duckwitz(Bremen); Behn(Lübeck); Schwarzenberg(Kassel); Brunck(Rheinhessen); Mappes (Frankfurt); Pagenstecher(Preußen); Wilhelmi(Preußen); Briegleb(Coburg); Blachiére(Kurhessen); v. Closen(Bayern); Paur(Bayern); Reh(Darmstadt); Mack(Würtemberg); Meyer(Preußen); Wedemeyer(Preußen); Kanzler Wächter (Würtemberg). 5 Ersatzmänner: Hecker(Baden); Leue(Rheinpreußen); Schaffrath(Sachsen); Vogt(Gießen); Joseph(Sachsen); Jucho(Frankfurt); Tafel(Würtemberg); Ernst Leisler (Nassau); Schweikart(Würtemberg); Zitz(Rheinhessen); Runge(Mecklenburg); Struve(Baden); Aßmann(Braun— schweig); Graf Reichenberg(Schlesien); v. Sybel(Marburg); Wesendonk(Rheinpreußen); Rödinger(Würtemberg); Jul. Meyer(Osnabrück); Hoff(Mannheim); Brentano(Baden); Strecker(Mainz); Rießer(Hamburg); Eisenstuck(Sachsen); d'Ester(Cöln); Wurm(Hamburg); Hepp(Rheinpreußen); Riedl(Baiern); Wigard(Dresden); Detering(Hannover); Plange(Preußen); Ronge(Preußen); v. Diemar(Würtem— berg); Hildebrand(Marburg); Peter(Baden); Bürgers Cöln); Schlöffel(Breslau); Pelz(Rheinpreußen); Jung— hanns II.(Baden); Titus(Baiern); Fürst(Posen); Wuttke (Leipzig); Depener(Dessau); Nohl(Preußen); Pelz(Preu— ßen); Haustein(Sachsen); Wiedemann(Baiern); Schmitz (Preußen); Prell(Baiern); Christmann(Rheinbaiern); Mohr(Rheinhessen). N Der Ausschuß nahm nachher in einer Versammlung im Kaisersaal die Wahl ihres Präsidenten, Vicepräsidenten und der Secretäre vor. v. Soiron wurde Präsident, Blum und Abegg Vicepräsidenten, Briegleb, Venedey und noch ein Dritter wurden Secretäre. Die Angelegenheiten von Schleswig-Holstein gestalten sich immer ernster. Dänemark ist nicht Willens seine An— sprüche aufzugeben, und rechnet auf die Hülfe Rußlands. Dieses wird sich aber wohl hüten, in diesem Augenblicke die Fackel des Krieges nach Deutschland zu schleudern, nach Deutschland, dessen neuer zum Riesenhaften erwachter Volks— geist diese asiatische Macht in ihre natürlichen Grenzen zurückdrängen und sie bis ins Tiefste erschüttern würde. Für sich allein scheint es Schleswig-Holstein mit Dänemark aufnehmen zu können, aber bereits sind auch Zuzüge von Freischaaren aus dem Süden Deutschlands unterwegs; so unter Andern viele Heidelberger Studenten. Auch Englands Flotte droht, und wenn sich Rußland einmischte, würde Albion nicht zögern, diesen seinen ärgsten und gefährlichsten Feind anzugreifen, und Deutschlands Bundesgenosse zu wer— den. England täuscht sich nicht über die seitherige russische Freundschaft; es weiß sehr wohl, wie ihm diese ehrgeizige Macht in allen seinen indischen Grenzländern auf die schlauste und gefährlichste Weise entgegenstand, und erwartet mit Begierde eine Ursache zum Angriff. Auch Preußen hat Truppen an der holsteinischen Grenze zusammengezogen. Eine größere Anzahl richtet sich nach Posen, denn nach den gegenwärtigen Conjecturen kann in beiden Ländern der erste Zusammenstoß mit Rußland Statt finden. d Der König von Dänemark hat einen Aufruf an seine holsteinischen Unterthanen erlassen, gute Kinder zu sein und zu ihm zurückzukehren. Der Mitunterzeichner heißt Knuth. Ist das vielleicht der ominöse Herr Knuth von den Ufern der Newa? Das österreichische Kaiserreich scheint mehr und mehr seiner Auflösung entgegen zu gehen und in seine Bestand— theile zerfallen zu wollen. Wird nicht unbedingt und ohne diplomatische Winkelzüge den Volkswünschen nachgegeben, so werden dem Hause Habsburg bald nur seine Erbländer bleiben. In Wien sitzen immer noch die alten Zöpfe hinter den grünen Tischen und begreifen ibre Zeit nicht. So haben sie den Ungarn die verlangte unabhängige verantwortliche Regierung nicht bewilligt. Als der Erzherzog Stephan diese Nachricht aus Wien nach Presburg brachte, bemäch— tigte sich die düsterste Stimmung der ganzen Stadt. Nach der Vorlesung des Reseriptes vor den beiden Ständekammern erklärte der Ministerpräsident, daß die Nation mit diesem Reseript nicht zufrieden sein könnte und er und seine Col⸗ legen ihre Stellen niederlegen müßten. Der Erzherzog ist abermals nach Wien gereist, und will ebenfalls abdanken, wenn er in Wien keinen besseren Bescheid erhält.— Auf dem flachen Lande herrscht große Unzufriedenheit unter den Adlichen über die Aufhebung des Robots und der Zehnten, und es ist leicht möglich daß es zwischen ihnen und den Bauern zum blutigen Kampfe kommt. Der Palatin von Ungarn ist nach Preßburg zurückge⸗ kommen. Der Kaiser hat die Resolution zurückgenommen. Wie vollständig ist die Niederlage des infamen Metter— nich'schen Regierungssystems! Die Böhmen haben provi⸗ sorische Bewilligung aller ihrer Forderungen erhalten, und daß sie dieselbe auch definitiv erhalten und sich ihre Frei⸗ heiten bewahren werden, dafür bürgt uns der tiefe ernste Sinn des Volkes. Alle Schranken des Verkehrs, alle Censur, alle Jesuiten mit dem Gifte ihrer Volkserziehung haben nicht vermocht, den Geist des neunzehnten Jahrhunderts von dem Eintritt in die östreichischen Staaten abzuhalten, und wie krüppelhaft erscheint uns nun die Politik jenes Staats— mannes, auf dessen Grab man einst die Worte wird schreiben können:„er war die Ursache des Verfalls des einst mäch— tigen Oestreich“. g Auch das alte conservative England scheint großen Ver— änderungen in seinem Innern entgegen zu gehen. Dort ist auch wahrlich viel alter Plunder in Kirche und Staat, na— mentlich in der erstern; Irland nimmt täglich eine drohendere 36 Stellung an, und man sieht wahrlich nicht ab, wie Reformen die Gährung noch dämpfen können. Denn in Irland hat die Krankheit der Gesellschaft gar verschiedene Ursachen: ein Adel als alleiniger Landbesitzer, eine Kirche mit großen Ein— künften, die protestantisch ist, während doch die Masse des Volkes sich zum katholischen Glauben bekennt, eine bettelhafte, hungernde Bevölkerung, die den eingedrungenen Fremdling aus tiefster Seele haßt, der kein Hoffnungsstrahl einer Ver⸗ besserung ihrer Lage winkt— wo ist hier ein Heilmittel ausser einer vollkommnen neuen Vertheilung des Grundeigen— thums, oder ausser Agrargesetzen, die dieser in ihrer Wirkung ganz gleich kommen? Es wäre ein großes Beispiel der Geschichte, wenn diese schreienden Mißbräuche auf dem Wege friedlicher Reform abgeschafft werden könnten, es wäre der größte Triumph, den die englische Verfassung feiern könnte, das glänzendste Zeugniß für den Vorzug volksthüm— licher Institutionen über den absoluten Polizeistagt, der die Hülle nur unter gewaltigen Zuckungen und Krämpfen durch— bricht, und seine Reformen nur auf dem Wege der Revo⸗ lutionen vollbringt; aber offen gestanden, wenn wir auch glauben, daß England auf dem Wege der Reform sich von den überwuchernden Auswüchsen seines Staates und seiner Kirche befreien wird, namentlich durch die moralische und friedliche Emancipation des Arbeiterstands vermittelst der Association, durch Geltendmachung der Arbeit gegen das Capital— so zweiflen wir fast— und wir sprechen aus eigener Anschauung— daß auf gleichem friedlichen Wege das irische Volk sich von seinen langjährigen Unterdrückern befreien wird. Die Polen in Posen sind wirklich übel daran, die Deutschen aber noch mehr, denn die ersten wollen nicht deutsch, die letzten nicht polnisch werden. Auf der Versamm⸗ lung in Frankfurt waren aus demselben Bezirk Deputirte beider Nationalitäten zugegen. Die Deutschen sind in der Minorität, doch nur an Zahl, die sie durch Reichthum und Bildung ersetzen. Eine Abtrennung der deutschen Bezirke, und Aufnahme derselben in den deutschen Bund wird wohl das einzige Auskunftsmittel sein, denn wir Alle wünschen daß Polen innerhalb seiner natürlichen Grenzen frei und mächtig werden möge. Verantwortlicher Redacteur: E. Dieffenbach, unter Mitwirk. von M. Carriere u. C. Vogt. Aufforderung an die Männer und Frauen von . Gießen. Schleswig-Holstein, das alte deutsche Land, hat sich von Dänemark losgerissen und ist von nun an auf ewig mit Deutschland verbunden. Seine Geschicke werden die uns— rigen sein, jede Gefahr die ihm von Aussen droht, droht auch uns, greift unsere nationale Selbstständigkeit und Ein— heit an. Deutsche Männer und Frauen! schon hat der Däne die Grenze Holsteins überschritten, aber nur mit schwacher Macht, denn Dänemark ohne die deutschen Pro— vinzen ist kein starkes Land. So lange der russische Czar nicht zu Hülfe kommt, ist Schleswig-Holstein stark genug, Waffen und an Geld. sein Unterdrücker zurückzuweisen; nicht an Männern, die die Waffen führen, fehlt es dem Volke, wohl aber an Darum haben die Vertreter Schles— ei der Versammlung deutscher Vaterlands— wig-Holsteins b nicht das Bedürfniß freunde in Frankfurt dieses Bedürfuiß, von Freischaaren, mitgetheilt, es hat sich dort ein Comité ebildet, und in einer am Montag im Wolfseck abgehaltenen Versammlung flossen zahlreiche Beiträge ein. Wir sind bereit, auch in Gießen Beiträge anzunehmen, uns mit dem Frankfurter Comité in Verbindung zu setzen, und demnächst uͤber die Verwendung der Gelder zu berichten. Die Redaction der freien hessischen Zeitung. Verlag der J. Ricker' schen Buchhandlung.— Druck von W. Keller. 7 7 . . 0 8 2