Aehaktlon: Gießen Vahnboffraße 23 dunspteher 2005. berhessi Organ für die Interessen des werktätigen Volkes der Provinz Oberhessen und der Nachbargebiete. Crpedition: Gießer Bahnhofftraße 23 Ferusprecher 20068. je Oberb. Volkszeitung erscheint jeden Werktag vormittag in Gießen. bre Wonnementepreis mit den Beilagen Das Blat der Frau. und 5 5 Meet Fee e re dicht este held ine enen 480 Durch die Post bezog. 3800.— Verantwortlicher Redakteur: F. Velters. Für den Inseratenteil verantwortlich: R. Strohwig. Verlag von e Neumann& Cie. sämtlich in Gießen. Druck: Verlag Offenbacher Abendblatt G. m. b. H. Offenbach a. M. Der Anzeigenpreis beträgt für die Millimeterzeile(35 mmm breit) oder deren Raum lokal 60— Mk. auswärts 80.— Mt, die Retlamemillimeterzeil. 800.— Mk. Bei größeren Aufträgen oder Wiederholungen wird entsprechen⸗ der Rabatt gewährt— Anzeigen⸗Annahme bis 6 Uhr abends. — Nr. 118 k. einschl. Bestellgeld. Einzelnumm. 120.— Mk Gießen, Montag, den 28. Mai 1923 18. Jahrgang Die Antwortnoten Englands und Italiens Haben das Angebot der deutschen Regierung für ungenügend erklärt und erwarten von letzterer neue Vorschläge. Die großen Richtlinien, die hierfür nötig wären, sind in einer bedeutenden Rede entworfen, die Genosse Her- mann Müller im Reichstag gehalten hat. Der sozialdemokratische Sprecher hat erneut und mit pürdigem Nachdruck festgestellt, daß unsere Partei nicht an 8 Kapftulation denkt, wenn sie neben dem passiven Wider⸗ Are der höchste vaterländische Bürgerpflicht ist, die Mög⸗ lichkeiten und Notwendigkeiten der Politik erwägt. Er hat 2 ll die drei politischen Probleme gezeigt, die ihr Lö⸗ re fung finden müßten, wenn ein wirklicher Friedensschluß ge⸗ lingen soll: die Höhe der Reparation, die Pfänder für die Re⸗ paration und die von Frankreich so genannte Frage der poli⸗ n U 5 Sicherheit. Er hat für diese Probleme positive Vorschläge und positive Vorbereitungen ge⸗ fordert, die eine Verständigung darüber innerhalb der Gren⸗ zen der deutschen Lebensmöglichkeit und der deutschen Selbst⸗ ständigkeit ermöglichen könnten. Und er hat speziell für die durch die englische und die italienische Note in den Vorder⸗ grund gestellte Frage der Garantien die praktisch aren Wege erörtert, die ja in der Diskussion der letzten ahre oft erörtert worden sind. Es kommt darauf an, wie private Einnahmen und privater Besitz auf vernünftige und ägliche Form der Reparation und ihrer Garantie dienst⸗ gemacht werden können: Der oft behandeltechedanke der vullihe Besteuerung der deutschen Sachwerte kommt Noch damit wieder in den Vordergrund. och ile! Das hat ja in einem vielbeachteten Zeitungsartikel auch Dr. Stresemann, der Führer der Deutschen Volkspartei, fsgelegeng Mai neuerdings erklärt. Was er da ausführt über die Notwen⸗ digkeit materieller Opfer zur Wiedergewinnung unserer kauf Souveränität, über die Aufgabe, durch wirtschaftliche Leistun⸗ N ö die Grundlage zu schaffen für einen baldigen Abzug der 2 Volk zu erhalten, auch, wenn wir dafür die Substunz der daga 3 Einzelwirtschaft angreifen müßten— das alles können wir . Sozialdemokraten unterschreiben. Wenn nur die Regierung Cuno⸗Rosenberg die Kraft aufbringt, dies den Besitzern der Ia Sachwerte: den Großgrundherren, den Industriebaronen, den Die Deutschnationalen haben zu allen diesen Le⸗ (Übensfragen nur tönendephrasen ohne Inhalt. Sie wollen die Ruhr⸗ und Rheinbevölkerung„durchhalten“ lassen; sie kün⸗ digen der Regierung die schärfste Opposition an, wenn sie — Angebote macht; selbst Stresemann kommt ihnen schon Mit den ungebärdigen Brüdern der Westarp⸗, Hergt⸗ und gell-Weth Seittertc Barbe auf der äußersten Rechten, den Deutschvölkt⸗ schen, hat Scheidemann in einer großen Rede im Reichs⸗ haft U. b. tag energisch abgerechnet, die zu einem moralisch vernichten⸗ den Gericht über die Feinde der Republik besetzten Ruhrgebiets nichts Besseres zu tun, als gewalttätig Unruhen hervorzurufen. Die französische Brutalität nimmt unmensch⸗ liche Formen an. Schon die Gleichzeitigkeit der Kriegsge⸗ richtsurteile von Werden, Düsseldorf und Mainz und ihre Il französische Militärjustiz jetzt als Hauptdruckmittel in den Dienst der Verhandlungen abgeneigten französischen Ge⸗ gen waltpolitik gestellt werden soll. Alles läßt darauf schließen, U 15 daß die Franzosen fetzt die Absicht verfolgen, durch uner⸗ Suele fälle, börte Heraus forderungen die Bevölkerung zum herzuleiten, noch drakonischer als bisher aufzutreten. Der Absicht, das tapfere rheinische und westfälische Volk von uns zu trennen und zu zermürben, dienen die fortgesetzten Massenaustreibungen namentlich von Eisen⸗ bahnerfamilien, die Raubeinbr ünche in industrielle peinlichen Paßschikanen für Personen und Fuhrwerke. Die Mark sinkt oder stürzt zu noch nicht dagewesenem — Tiefstand. Der Dollar 55 000 Papiermark! Ebenso rapid — steigen die Preise für alles Lebensnotwendige. Erneute Teuerung. Doppelte Brotpreise in Sicht! [Ruhr und Rheinkrieg beendet und die Repara⸗ tionsfrage gelöst wird. Aber wir Deutschen müssen selbst die Sache in die Hand nehmen durch kluge Angebote, die Frankreich zum Eintritt in Verhandlungen bestimmen können. Von dem nenen konservativen englischen Premier- tsschuhe, deen von Ruhr und Rhein, über die Pflicht, Reich und Devisenbesitzern des Geldhandels einleuchtend zu machen! als— Erzberger vor. Also Hochverräter und„Schädling“! wurde. Indes haben die Kommunisten in Städten des Ile U fh ut unerhörte Härte ließen keinen Zweifel darüber, daß die aktiven Widerstand zu reizen, um daraus die Berechtigung Werke, Kaufmagazine und reiche Privatwohnungen, die Alles in allem: es ist höchste Zeit. daß der unselige ninister Baldwin, dem Nachfolger des kranken Bonar Law dürfen wir zunächst nur eine Fortsetzung der zu⸗ Vorsicht gegenüber seinen mächtigen und rück⸗ ba. tenden slosen Alliierten erwarten. Wochenschau. Endlich ein Schritt vorwärts. Parteiführerkonferenz beim Reichskanzler. Heute Vormittag wird, wie der Lokal⸗Anzeiger meldet, der Reichskanzler die Parteiführer empfangen, um mit ihnen die innerpolitische Lage, vor allem die Aufstandsbewegung im Ruhrgebiet zu erörtern. Gleichzeitig wird natürlich eine Aussprache über die neue deutsche Note stattfinden. Dorten und Poincaré. Von gut informierter Seite wird uns aus dem besetzten Gebiet eschrieben: Die Franzosen geben sich heute garnicht mehr die ge⸗ kingste Mühe, die, allen Wissenden allerdings längst offenbaren engen Zusammenhänge zwischen der separatistischen Bewegung Dr. Dortens und dem Frankreich des Herrn Poincaré zu verheimlichen. Ein interessantes Beispiel: Als vor einiger Zeit an den Druckereiein⸗ richtungen des Gutenbergverlags in Coblenz, der in engster Beziehung zu Dr. Dorten steht und seinen Rheinischen Herold und den Rhein⸗ länder herausgibt, Sachbeschädigungen verübt wurden, mischten sich die Franzosen ein. Sie gingen bei den Verhandlungen so weit, die betr. Druckerei als amtliche französische Druckerei zu bezeichnen. Wir haben da also ein offenes Eingeständnis der Franzosen, daß es sich bei den literarischen und journalistischen Machwerken des Dr. Dorten um amtliche französische Publikationen handelt und nicht, wie sie so gerne der neutralen Außenwelt glauben machen möchten, um Aus⸗ brüche einer spontanen, für die Freiheit der Rheinlande eintretenden Volksstimmung. Bei der Gelegenheit stellte sich übrigens auch her⸗ aus, daß der Wächter der Druckerei einen Revolver und einen von der Besatzungsbehörde ausgestellten Waffenschein besaß, während im allgemeinen die Bewaffnung von Wächtern selbst den Banken und ähnlichen Instituten von den Besatzungsbehörden untersagt wird. Die neuen Zwangsmaßnahmen. Die von Herrn Poincars in der Kammer angekündigten neuen Zwangsmaßnahmen gegen Deutschland haben nicht lange auf sich warten lassen. Die Interalliierte Rheinlandkommisston kündigte am Freitag die Ausweisung von neuerdings 585 größtenteils der Eisenbahnverwaltung angehörenden deutschen Beamten au. Sie hat ferner angeordnet, daß ab 1. Juni von allen Kohlen⸗ und Koks⸗ transporten im besetzten Gebiet ein besonderer Passierschein einge⸗ holt werden muß, widrigenfalls die Sendungen der Beschlagnahme verfallen. Ein drittes Desret endlich ermächtigt die Besatzungs⸗ behörden zur Requisition von Arbeitskräften, Pferden und Ma⸗ terial für Wiederherstellung durch Sabotage zerstörter Anlagen. Die Nuhrunruhen. Als Ergebnis der Besprechungen des Oberbürgermeisters von Gelsenkirchen mit den Gewerkschaften wird von diesen eine Polizei auf gewerkschaftlicher Grundlage gebildet. Diese Polizei setzt sich aus je 120 Mitgliedern der Freien und Christlichen Gewerlschaften, 50 Mitgliedern der Hirsch⸗Dunckerschen Gewerkschaft und 75 Mit⸗ gliedern der Union der Hand⸗ und Kopfarbeiter zusammen. Außer⸗ dem entsandten die Gewerkschaften 8 Delegierte in das städtische Lebensmittelprüfungsamt. Diese Vereinbarungen haben die Ge⸗ werkschaften in einem Aufruf der Bevölkerung bekanntgegeben. Die Ruhe ist wieder hergestellt. Auch in Dortmund ist es ruhig. Gestern nachmittag kam es zu einem Zusammenstoß zwischen einer von Werden kommenden gut bewaffneten Hundertschaft und Polizei, die die Hundertschaft auseinandertrieb. Auf der Zeche „Ickern“ konnten Ansammlungen Aufständischer von der Polizei zerstreut werden. Auf der Zeche„Erwin“ gelang es der Polizei nur unter Anwendung von Waffengewalt die Zechenanlagen zu säubern. In Hoerde sind gestern eine Reihe von Zechen von jugendlichen Elementen stillgelegt worden. Zu größeren Unruhen ist es nicht gekommen. Es stresken heute 7 Zechen. In Bochum fanden gestern unter Teilnahme auswärtiger Elemente Demon⸗ strationsumzüge statt. Zu Ausschreitungen kam es nicht. Heute morgen sind neu in den Streik getreten die Zechen„Julius Philipp“,„Karl Friedrich“ und„Prinz Regent“. In Watten⸗ scheid⸗Stadt erzwangen gestern noch in einer Reihe von Ge⸗ schäften radaulustige Elemente Preisherabsetzungen, vor allem in Lebensmitteln. Im Amtsbezirk stehen einige Zechen im Streik. In Witten zogen gestern abend im Anschluß an eine Versamm⸗ lung kommunistische Truppen zum Wittener Gußstahlwerk und ex⸗ zwangen hier die Stillegung einzelner Teilbetriebe. Heute morgen wurde überall gearbeitet, außer an der Zeche„Franziska“, deren Belegschaft aus Furcht vor Terror nicht eingefahren ist. Die Ge⸗ werkschaften verhandeln untereinander über die Bildung einer sich aus ihren Reihen zusammensetzenden Sicherheitswehr. In Herne wird nicht gestreikt. In Buer kam es gestern abend 10 Uhr zu Demonstrationszügen, die Ruhe wurde jedoch nicht gestört. In Esssen ist es ruhig, es wird überall gearbeitet. In Rem scheid. find auch die Arbeiter der Mannesmannwerke in den Streik ge⸗ treten. Im Laufe des heutigen Tages finden Schlichtungsverhand⸗ lungen statt. Im Landkreis Hamm ist die Belegschaft der Zeche„Westen“ heute morgen nicht eingefahren. Mit einer weiteren Ausdehnung des Streiks ist zu rechnen; in Recklingshausen ist es bisher ruhig geblieben. 0 1 Weitere Ausdehnung der Straßenkämpfe. Die Unruhen im Ruhrgebiet haben mummehr auch, wie zu be⸗ fürchten war, auf Bochum übergegriffen, wo am Freitag die Ge⸗ bäude sämtlicher Zeitungen gestürmt wurden. Dabet kam es zu Kämpfen zwischen der den Ordnungsdienst versehenden Feuerwehr und den Führern der Aufständischen, von denen einige verwundet wurden. Auch kam es verschiedentlich zu Plünderungen, so daß alle Geschäfte und Gasthäuser geschlossen haben. Inzwischen hat auch die Streikbewegung weiter um sich gegriffen, so daß bis jetzt 25 Zechen stilliegen Es besteht die Gefahr, daß die Streikunruhen auch auf die Gas⸗, Wasser⸗ und Clektrizitätswerke übergreifen. Bet einem Zusammenstoß der Landjäger mit den Streikenden auf der Zeche Germania in Dortmund gab es zwet Tote. Die Franzosen lehnen Polizei ab. Der stellvertretende Regierungspräsident in Düsseldorf hat an den französischen General Davignes ein Gesuch um, Entsendung deutscher Schutzpolizei und Kriminalbeamter nach den Unxuhebezirken des Nuhrgebietes gerichtet. Der französische General hat das Gesuch jedoch abgelehnt. Auch bei dem Oberstkommandierenden Degoutte wurden Vorstellungen erhoben, die aufgelöste Schutzpolizei in den Städten Gelsenkirchen, Essen und Bochum durch Schutzpolizeibeamte aus anderen Städten zu ersetzen. Die würdige Gedenkfeier der Revolution 1848 in Frankfurt wird alle aufrichtigen Republi⸗ kaner erfreut und“ gestärkt haben. Waren die Abgeordneten der Paulskirche vor 75 Jahren ihrer Mehrzahl nach auch noch keine überzeugten Anhänger einer deutschen Republik, so wurde doch damals durch Herausarbeitung der Volks⸗ souyeränität in der deutschen Reichsverfassung der Grund zu der neuen Staatsform gelegt, die nach dem ver⸗ lorenen Weltkrieg und dem schmählichen Zusammensturz der Hobenzollern-Monarchie im Jahre 1918 für Deutschland die einzig mögliche und die einzig würdige ist. Wenn irgend etwas unsere junge Republik stärken und zum zukünftigen Frieden Euroras und der Welt bei⸗ tragen kann, so ist es die hocherfreuliche Begründung der neuen Sozialistischen Arbeiter⸗Internatio⸗ nalen(S. A. J.) die soeben von dem Hamburger Sozia⸗ listenkongreß vollzogen wurde. Politische Uebersicht. Die Warster Komödie. bleibt! Die Donnerstag abend überraschend Ministerkrise hat ein nicht minder über endes Ende ge⸗ funden. Sie hat genau eine Stunde rt. Herr Mille⸗ rand hat die ihm angebotene Demission des Ministeriums nicht angenommen und es hat anscheinend nicht sehr großer Ueberredungskunst von seiten des Präsidenten der Republik bedurft, um Herrn Poincaré zum Bleiben zu bestimmen. Ob es diesem überhaupt erust gewesen ist mit der Demission? Ein großer Teil der Pariser Blätter bezweifelt es. Oeuvre nennt das ganze Manöver unumwunden eine schlechte Komödie, die die Regierung der Lächerlichkeit preisgebe, und selbst das sehr gemäßigte Petit Journal spricht von einem offenen Konflikt zwischen der Regierung und dem r „ 2* ausgebrochene Der Senat. Ehe der französische Präsident Millerand sich am Frei⸗ tag abend nach Elsaß⸗Lothringen begab, fand um 7½% Uhr im Elysee unter seinem Vorsitz ein Ministerrat statt, in dem die durch den Senatsbeschluß geschaffene innerpolitische Lage besprochen wurde. Die Pariser Meldungen besagen, daß die französische Regierung nunmehr auf eine Strafverfolgung der Kommunisten überhaupt verzichten will. Der Kom⸗ munist Pari sei bereits am Freitag nachmittag aus der Untersuchungshaft entlassen worden. Auch Höllein würde sofort über die Grenze nach Deutschland abgeschoben werden. ernannten Mitgliedern künftig die Aufgaben Diese Verfassungsänderung müsse allerdings eines Staatsgerichtshofes ausüben. durch einen Kongreß der in Versailler vereinten Kammer und Senat bescklossen werden. Ob dies der Regierung Poincars gelingt, ist sehr fraglich. Für den Augenblick ist die durch den Senatsbeschluß geschaffene innerpolitische Situation bereinigt. Aber die allgemeine Auffassung ist, daß das Kabinett Poincaré eine sehr eruste Schlappe erlitten hat. Kwilline⸗Bayern und das Reich. Ueber das Verhältnis der bayerischen Regierung zur Reichs⸗ regierung erfahren wir heute von zuständiger Seite, daß bei der Konferenz der Ministerpräsidenten in Berlin anläßlich des letzten deutschen Reparationsangebots der bayerische Ministerpräsident aller⸗ dings eine Reihe von Einwendungen gegen die Note gemacht hat. Herr v. Knilling vermißte in ihr vor allem eine klare statistische Zusammenfassung, was Deutschland auf Grund des Friedensver⸗ trages an tatsächlichen Leistungen für die Sieger bereits vollbracht hat, dann einen mutigen Protest gegen den Einfall ins Ruhrgebiet und gegen die Art und Weise, wie die Franzosen und Belgier sich dort aufführen und schließlich eine statistische Aufstellung über die Schäden, die das deutsche Volksvermögen durch den Ruhreinbruch erlitten habe, was weiterhin eine verminderte Reparationsfähigkeit Deutschl nds zur notwendigen Folge habe. Diese Kritik des baye⸗ rischen Ministerpräsidenten sei aber auf die Note selbst von keiner Bedeutung gewesen. Denn als der Reichskanzler den versammelten Ministerpräftdenten den Wortlaut des Angebots bekannt gab, sei ie Note bereits in den Händen der verschiedenen deutschen Bot⸗ schefter in den alliierten Hauptstädten gewesen. Im übrigen lege die bayerische Regierung Wert auf die Feststellung, daß ihre Kritik an der Note der Reichsregierung keineswegs eine Oppositionsstellung gegenüber dem Kanzler selbst bedeute. Bis heute jedenfalls habe sich dichts an der Tatsache geändert, daß die Regierung Knilling in d 5 5 wie in der inneren Politik fest hinter der Regierung Cund 4 Preiserhöhungen, Lohnverhandlungen und Reichsregierung. Der Reichsarbeitsminister wird umgehend mit den be⸗ teiligten Kreisen über die Auswirkungen der im Juni be⸗ vorstehenden Brotpreiserhöhung beraten, und insbesondere ihre Folgen für den Haushalt der Arbeitnehmer feststellen. Das Ergebnis wird den in Frage kommenden Organi⸗ sationen und Behörden als Unterlage für die kommenden Lohnverhandlungen mitgeteilt werden. Wie uns amtlich mitgeteilt wird, ist der Reichsarbeitsminister sich bewußt, daß eine so starke Verteuerung des wichtigsten Volks⸗ nahrungsmittels nicht zu Lasten der Arbeit⸗ eh mer gehen darf, daß die eintretende unmittelbare und littelbare Belastung vielmehr bei den Lohnverhandlungen, ie infolge der gesunkenen Kaufkraft der Löhne ohnehin überall notwendig werden, voll abgegolten werden muß. Der Reichsarbeitsminister hat gleichzeitig mit dieser eröffentlichung den Arbeitgeber⸗ u. Arbeitnehmerverbänden seine Stellungnahme bekanntgegeben und die Schlichtungs⸗ behörden ersucht, dieser Frage ihre besondere Aufmerksam⸗ keeit zuzuwenden. b Ebenso wird die Fürsorge für die Sozialrentner, Klein⸗ en deer, Kriegsbeschädigten, Kriegshinterbliebenen und Er⸗ e der durch die Brotpreiserhöhung eintretenden Verteuerung der Lebensverhältnisse angepaßt werden. Reichsarbeitsminister hat auch die hierfür erforderlichen Maßnahmen bereits eingeleitet. Sie werden beschleunigt zum Abschluß gebracht werden, damit die Berechtigten baldigst in den Bezug der erhöhten Unterstützungen ge⸗ langen. Der dargelegte Standpunkt des Reichsarbeitsministers wird von der gesamten Reichsregierung geteilt. 55* Der Fechenbach⸗Skandal. 8 Bayerisches Justizschandmal. Der flammende Protest aller Freunde des Rechts gegen das un⸗ erhörte Urteil, das am 20. Oktober 1922 vom Volksgericht Mün⸗ chen J gegen den Schriftsteller Fechenbach gefällt wurde, ist bisher ohne jede Wirkung geblieben. Nach wie vor schmachtet Fechenbach, der Schüler, Privatsekretär und Freund des ermordeten Kurt Eis⸗ ner, hinter Kerkermauern, weil es einem bayerischen Volksgericht ge⸗ fiel, den politischen Gegner mundtot zu machen. Kammer⸗ gerichtsrat Freymuth wird in den nächsten Tagen im„Verlag der Neuen Gesellschaft“ eine Broschüre unter dem Titel„Das Fechen⸗ bach⸗Urteil“ herausbringen, der Dr. Wilhelm Thimme, der einzige Sachverständige in diesem einzigartigen Prozeß gegen Fechenbach, Ge⸗ leitworte mit auf den Weg gegeben hat. Freymuth gibt eine umfang⸗ Ben Geschichte der bayerischen Volksgerichte, denen durch ein von ehemaligen demokratischen Justizminister Bayerns Dr. Müller⸗Meiningen unterschribenes Gesetz vom 12. Juli 1919 auch Hoch⸗ und Landesverrats⸗Sachen unterstellt wurden. Man kennt die bayerischen Volksgerichte! Eine schriftliche Anklage ist nicht nötig, gegen das Urteil gibt es keine Berufung, selbst ein Wiederaufnahme⸗ ren ist ausgeschlossen. Die mit so barbarischen Strafen gegen Deutsche wülenden französischen Kriegsgerichte stehen also noch über diesen bayerischen„Volksgerichten“, denn sie kennen wenigstens eine Berufung und ein Wiederaufnahmeverfahren. Freymuth ist in der Lage, endlich das Geheimnis des Fechenbach⸗Urteils zu lüften und die Frage zu beantworten, wofür Fechenbach verurteilt wurde. Es handelt sich um das berühmte Ritter⸗Telegramm, das der bayerische Gesandte beim Heiligen Stuhl Ritter am 26. Juli 1914 an seine Regierung sandte und das Fechenbach dem Vertreter des Pariser Journal, René Payot, übergab, der es unter dem Datum„Genf, 28. April“ in Verbindung mit dem auch von Fechenbach stammenden Der 1 F in sefnem Blakt mit eigenem Kommentar u unter seinem Namen veröffentlichte. Das Telegramm hat fol⸗ genden Wortlaut: ö „Baron Ritter an die bayerische Regierung. Der Papst billigt ein scharfes Vorgehen Oesterreichs gegen Serbien. Der Kardinalstaatssekretär hofft, daß dieses Mal Oester⸗ reich standhalten wird. Er fragt sich, wann es denn sollte Krieg führen können, wenn es nicht einmal entschlossen wäre, mit den Waffen eine ausländische Bewegung zurückzuweisen, die die Er⸗ mordung des Erzherzogs herbeigeführt hat, und die in Rücksicht auf die gegenwärtige Lage Oesterreichs dessen Fortbestand ge⸗ fährdet. In seinen Erklärungen enthüllt sich die Furcht der römi⸗ schen Kurie vor dem Panslawismus. Gezeichnet: Ritter.“ Das Urteil des Volksgerichts sagt,„daß die Veröffentlichung dieser beiden Urkunden im Auslande geeignet sei, dem Vaterlande schwersten Schaden zuzufügen. Er(Fechenbach) ist daher für die mit einem Wissen erfolgte Veröffentlichung des Ritter⸗Telegramms strafrechtlich verantwortlich und hat sich eines Verbrechens des vollendeten Landesverrats schuldig gemacht“. Diesem Urteil stehen die geschichtlichen Tatsachen gegenüber, die erweisen, daß durch diese Veröffentlichung Deutschlands irgend ein nennenswerter Schaden gar nicht zugefügt werden konnte und zbgefügt worden ist. Aber die Begründung des Gerichts steht nicht nur im Widerspruch mit der Geschichte, sondern ist auch durchaus„unschlüssig und juristisch stümperhaft“. Es genügt nämlich zur Verwirklichung des Tatbestan⸗ des nicht, daß Fechenbach das Bewußtsein innewohnte, die Veröffent⸗ lichung sei geeignet, seinem Vaterlande Schaden zuzufügen, vielmehr muß nach Wortlaut und Sinn des Gesetzes„der Vorsatz des Täters darauf gerichtet sein, eine geheime Nachricht in dem Bewußtsein zu veröffentlichen, daß aus Gründen des Staatswohls die Geheim⸗ haltung einer fremden Regierung gegenüber nötig ist“. Es ist nicht erfindlich, wie die Veröffentlichung des oben abgedruckten Ritter⸗ Telegramms dem deutschen Reiche schaden sollte. Freymuth sagt: „Gerade vom Standpunkt Deutschlands aus kann das Bekanntwerden dieses Telegramms mehr nützlich als schädlich wirken. Denn Deutsch⸗ land wird ja von dem Gegenbunde gerade in schärfster Weise vorge⸗ worfen, daß es den Krieg gewollt, namentlich Oesterreich zu seinem den Weltkrieg entfesselnden Vorgehen gegen Serbien ermutigt und angetrieben habe. Welch eine starke sittliche Stütze für Deutschland, wenn es darauf hinweisen kann, daß sogar der Papst, der geborene Friedensfürst, im Hinblick auf die Ermordung des österreichischen Thronfolgers das scharfe Vorgehen Oesterreichs gegen Serbien ge⸗ billigt, also Deutschlands Standpunkt— falls dieser so kriegsschürend war, wie der Gegenbund Deutschland stets vorwirft— geleilt hat! Interessant ist auch der von Freymuth gezogene Vergleich zwischen Fechenbach und Techow, dem Lenker des Mordautos, der nicht als Mittäter, sondern als Gehilfe verurteilt wurde, obwohl er am Abend vor dem Mordtage volle Kenntnis von dem Mordplane hatte. „Techow lenkt den Wagen, von dem aus sein Gefährte Rathenau ab⸗ redegemäß ermordet— er ist nur Gehilfe des Mörders. Fechenbach gibt an Payot Schriftstücke, dieser macht daraus ohne Zuziehung Fechenbachs eine Abhandlung und veröffentlicht diese etwa 10 Tage nach Empfang der Schriftstücke mit seiner alleinigen Namensunter⸗ schrift— Fechenbach ist Mittäter.“ Das Ergebnis der Untersuchung, die Freymuth im Auftrage des Republikanischen Richterbundes angestellt hat, ist furchtbar. Der aus tiefster politischer Gegnerschaft erwachsene Spruch ist ein Fehlurteil. Niemals wäre dieses Urteil vom Reichsgericht gefällt worden, vor das die Sache von Rechtswegen gehört hätte. Mit dem Verfasser der beachtenswerten Broschlire sind wir der Auffassung, daß alle Richter und alle Menschen, die Wahrheit und Gerechtigkeit suchen, sich vereinen müssen in dem Rufe: Fort mit den bayerischen Volksgerichten! Fort 1 55 Fechenbach⸗Urteil! Heraus mit Fechenbach aus dem Zucht⸗ se 8 10 Die Auflösung der Fideikommisse. Am Mittwoch und Donnerstag befaßte sich der Gesetz⸗ gebungsausschuß des Landtags mit dem nach langer Ver⸗ zögerung endlich vorgelegten Gesetzentwurf über die Auf⸗ lösung der Fideikommisse in Hessen. In der Reichsver⸗ fassung ist die Auflösung der Fideikommisse gefordert. Die Länder haben nur die Art dieser Regelung zu bestimmen. Preußen hat die Aufhebung vorläufig durch den Verord⸗ nungsweg herbeigeführt. Der hessische Gesetzentwurf glaubte sich an diese Verordnung anlehnen zu müssen, weil von den in Hessen befindlichen 48 Fideikommissen über die Hälfte in benachbarte Länder, insbesondere Preußen, Bayern usw. hinüberragen, d. h. der Grundbesitz liegt nicht nur in Hessen, sondern zum Teil unter der Sberhoheit der Die Regierung schlug in dem Entwurf eine all lösung vor in der Weise, daß nur eine ge zulässig ist, sodaß mit dem Tode des nächsten Auflösung erfolgen muß. Von dem Vertreter d demokratischen Partei wurde an Stelle der Mf Aufhebung der bestehenden Kommisse vom 1 ab beantragt. Die Mehrheit des Ausschusses tt Entwurf der Regierung, der die Auflösun Von Seiten der Regierung und einzelnen gliedern wurden hierzu verschiedene Anträge g mit dem Entwurf in Einklang gebracht wer den fo Annahme fanden. Die sozialdemokratischen 9 dabei hauptsächlich dahin, die Auflösung der in den Dienst des Siedlungswesens zu stellen * Württemberg gegen„völrische Ver Die Stuttgarter Ortsgruppe der„Deutsch Freiheitspartei hatte für den 24. Mai eine Versamn in der Oberst Tylander(München) sprechen sollte. präsident hat aber im Auftrag des württembergischen steriums den Vortrag Xylanders mit der Begründun durch ihn ein großer Teil des württembergischen Vol ordentliche Erregung versetzt und dadurch die öffent schwerste gefährdet würde. Außerdem wurde den 9 mitgeteilt, daß auch den Herren von Graefe, Wull ming die öffentliche Vortragstätigkeit in Württemberg teres nicht gestattet sei. Gießen und umgebun Nochmals das 100 000 Mark Der Verfasser des Dixi⸗Artikels in unser vom 25. d. M. ersucht uns um Aufnahme fo satzes: In dem Artikel war erwähnt,„daß auch geglaubt haben, daß die Strafe des Schöffeng also für zu hoch gehalten haben, herunterg würde.“ Daraufhin wurde von verschiedenen lich der Einwand erhoben: Unter„Juristen“ seie nur Rechtsanwälte zu verstehen, und daß solch etwa der Verteidiger selbst, die Strafe für zu sei selbstverständlich und beweise also nichts ge⸗ rechtigkeit der Strafe.— Demgegenüber sei h drücklich festgestellt, daß auch andere„J r Rechtsanwälte, und zwar sehr kompehinte „festen Glauben“ geteilt und verschiedentlich geänßer — Die Brotpreiserhöhung unnöt Von einem Leser unseres Blattes wird uns geschrsel Die Oberh. Volkszeitung brachte in ihrer Donner die traurige Mitteilung, daß im Monat Juni der Bustp zu verdoppelt werden soll. Diese Erhöhung wird daz nicht ohne Schaden, vor allem an seiner Gesundheit können und tst es nur zu verwundern, daß die gewähl 1 schon so unterernährten Volkes keine Mittel wissen, um diesem drohenden Unheil vorzubeugen. Eß gein gangbarer Weg und zwar heißt die Losung ö brot!“ Zur Zeit verwenden wir zum Brotbacken füttern mit der Kleie das Vieh. Es hat sich nämlich l Meinung festgesetzt, die Kleie werde im menschlichen M Darm nicht verdaut und sei somit für unsere Ernährung Und das ist nicht etwa nur die Meinung von Lasen auch unter den Wissenschaftlern; wenigstens sind 90 heute über diese Frage nicht gründlich unterrichtet. Forscher Wiegner stellte dies jüngst bei seinen Untersch die Ausnutzung des Brotgetreides bei der Verdaun fest. Er schreibt:„Man muß sich in der Tat wundern ziemlich genau über die Ausnutzung verschtedener Gre Wiederkäuer Bescheid wissen, daß wir aber keine Si die Ausnutzung von beiläufig ein Fünstel bis ein n esamten Brotgetreides besitzen.“ Das Fünftel bis fie leie vom Brotkorn; und um es gleich hierherzusctze— de 2 Der Deserteur. Roman von Robert Buchanan. Als Marcelle eines Sonntags aus der Kapelle trat, erwactete Rohan sie in der Nahe. Sie trat mit ihrem ge— wohnten sonnigen Lächeln auf ihn zu und reichte ihm die Wangen zum Kuß. Er sah sehr bleich und traurig aus, aber sein Benehmen war normal. Hand in Hand schritten sie den schmalen Pfad entlang, den sie vor mehr als einem Jahr als Neuverlobte gegangen waren. Unten leuchtete und schimmerte das Meer in allen Farben; es lag so still und klar da, daß man bis auf den Grund zu sehen ver— meinte. Nachdem sie ein gutes Weilchen wortlos neben⸗ einanber geschritten waren, blieb Marcelle endlich stehen und sagte:„Wir entfernen uns immer mehr vom Hause und ich habe versprochen, nicht lange fortzubleiben.“ „Wir können ja umkehren,“ meinte Rohan. Das taten sie denn auch sofort. Kein Liebeswort kam über ihre Lippen. Als sie die Kapelle schon weit hinter dem Rücken hatten, blieb Rohan plötzlich an einer Biegung des Weges stehen, blickte gedankenvoll über die ruhige Wasserfläche und sagte: „Ich denke oft darüber nach, was er wohl jetzt tun und denken mag.“ „Wer? Von wem sprichst Du?“ fragte Marcelle ver⸗ wundert. „Napoleon! Man hat ihn koltgestellt, weit von jeder Hilfe und Hoffnung. Man nennt ihn König von Elba; selbstverständlich ist das nur Spott, denn ich glaube, seine Macht ist für immer gebrochen,“ entgegnete Rohan bewegt; seine Augen blickten starr auf einen Punkt, seine Lippen zitterten. Marcelle beschleunigte darauf erschreckt ilne Schritte, während er weiter sprach:„Meister Arfoll irrte sich dies eine Mal, als er sagte, der Kaiser sei von Fleisch und Blut wie jeder andere Mensch. Mir scheint es oft, als ob er ein überirdisches Wesen wäre, ein Schatten. wie der Schatten Gottes, denn ich kann mir nicht vorstellen, daß ein gewöhnlicher Mensch das aushalten kann! Bedenke doch, Hunderttausende von Toten, die allnachtlich an sein Lager treten und seinen Namen rufen, denn ihr Blut klebt an seinen Händen! Kein Mensch könnte das aushalten, ohne wahnsinnig zu werden!“ l Marcollo bamriff don Sinn satn e-. Morte»icht gaanz er- 105 kannte aber, daß sie eine Anklage ihres Idols bedeuteten, was ihren Zorn wachrief. Als sie jedoch in das bleiche und abgehärmte Antlitz, in die starren, ausdruckslosen Augen ihres Verlobten blickte, wurde ihr Herz wieder von Mitleid und Schmerz weich. Um ihn abzulenken, bemerkte sie sanft: „Onkel Ewen frägt oft nach Dir; er findet es unfreundlich von Dir, daß Du nie zu uns kommst.“ Rohan antwortete nicht, sondern brach in jenes schrille, unheimliche Lachen aus, das Marcelle so fürchtete und die Leute im Torfe veranlaßte, zu vermuten, daß Rohan Gwenfern nicht recht bei Troste und zeitweilig sogar gefähr— lich sei. Wieder gingen sie wortlos nebeneinander her und Marcelle wunderte sich, daß Rohan an ihrer Seite blieb, bis sie das Haus des Korporals erreichten. Hier blieb sie stehen, um sich zu verabschieden, er aber sagte ruhig:„Ich will Onkel Ewen besuchen, da er es von mir erwartet.“ Marcelle erschrak, denn das hatte sie nicht gewollt. Sie hatte den Aufgeregten bloß auf ein anderes Thema bringen wollen, als sie von Onkel Ewen sprach. Sie fürchtete eine Zusamenkunft der beiden Menschen, die so grundverschiedener Ansicht waren. Da sie sich aber nicht widersprechen konnte, beschwor sie Rohan, mit dem Onkel kein Wort über den Kaiser zu sprechen, was er bereitwilligst zusagte. Der Korporal saß wie gewöhnlich in seinem Lehnstuhl und las Zeitungen. Marcelle trat zuerst ein, neigte sich über den Alten und sagte lächelnd:„Onkel, ich bringe Dir einen Gast!“ 8 Der Korporal blickte auf und sah einen gebeugten, bleichen, grauhaarigen Menschen vor sich stehen, der ihm sehr bekannt vorkam. Er rieb sich die Augen und erkannte jetzt erst Rohan:„Bist Du es, mein Junge? Krähenseele! Du hast Dich sehr verändert. Ich habe Dich zuerst gar nicht erkannt!“ „Ja, Onkel Ewen, ich bin's!“ entgegnete Rohan gleich⸗ mütig, dann schüttelten sie sich bewegt die Hände. „Ich sage Dir, Marcelle, er ist ein tapferer Junge und hat ein Löwenherz— aber im Kopf scheint er nicht ganz richtig zu sein. Wir hätten das schon sehen müssen, als er sich weigerte, die Waffen zu ergreifen. Auch Meister Arfoll ist nicht ganz richtig im Kopfe und hat Rohan damit ange⸗ steckt— so was ist wie ein wildes Fieber. Ich vergebe ihm alles, denn er ist wirklich nicht ganz zurechnungsfähig,“ er⸗ klärte Derval. nachdem Rohan sich entfernt hatte. 1 . Daß er selbst an einer fixen Idee litt, daß Alte nicht geglaubt haben, selbst wenn man ß. hätte. 9 Vierunddreißigstes Kapitel. Revolutionäre vergruben sich gleich Maulwürfen Zusammenkünfte, die kaiserliche Garde webe Stürme, aber die neue Dynastie lag ruhig auf Pfühl, den Rosenkranz betend. Der gefangen kein Zeichen von ch. Unruhig und brütend uu seinen engen Käfig. Von Zeit zu Zeit hüt seinem Tun und Treiben, die Könige Europa nit belustigt zu— mochte der Gefangene sich auf! heiser brüllen! Als Monat um Monat verstrich, ohne daß Miene machte, zu entkommen, gab auch Kotpara alle Hoffnung auf und sprach von seinem Idol,! den Heiligen sprach, die auch nicht aufersitzen Rohan, der wieder ein häufiger Gast bei Derpaß war hörte ihm ruhig, ohne zu widersprechen, z von Tag zu Ta in der Achtung und Zune Ohms. 7 Uner dem mil„anden Einfluß seiner der zärtlichen Pflege seiner Mutter besserte sich wie der physische Zustand Rohans zusehends. Set waren zwar noch immer eingefallen und sein! aber seine Haltung wieder stramm und seine fu zu. Er hatte auch seine alten Streifzüge i und am Strande aufgenommen und Marcelle wie früher zu begleiten. Der Korporal fand de und billig.„Er hat ihr das Leben gerettet un ihm, warum sollten sie sich nicht heiraten?“ J g deren Serz durch den Verlust Hoäls von Kenntnis erlangt hatte, weich gestimmt wa diese Verbindung auch nichts mehr einzuwenden Frau war langsam ins feindliche Lager ilch Bonaparte hatte ihr drei Kinder geraubt und! in ihrer Familie angerichtet; sie betete all möge das Ungeheuer nie mehr in Frankreich 0 (Fortsetzung folat.). 1 . ö 2 SSA SAT FS SS S a nen, F. r we atishe dung d du ste gro trel wenn man 1 fett machen und das Vieh richtig füttern will, Kleie und 0 5 b otmehl füttern muß. Dem Städter ist kaum bekannt, was enberhsch Schrotmehl ist, daß es das ganze, grob gemahlene Korn, also Mehl Veni 1 samt Kleie ist. Hier gilt es Aufklärung zu verbreiten, den alten def Irrglauben über den Werk des Jeinmchls und Feinbrotes zu zer⸗ „zl stören und die richtige Schätzung des Vollkornmehls, des bis zu 100 e Prozent ausgemahlenen Getreides zum festen Besttz aller Volks⸗ N genossen zu machen. Vollmehl müssen wir zun Brotbacken ver⸗ wenden! Vollkornbrot müssen wir essen! Es ist das nährstoff⸗ eichste Brot, das es gibt! Daß dies möglich und keine Theorie ist, zeigt uns das dänische Volk. Wir schauen ja in so vielen Dingen gerne auf das Ausland. Während der Blockade haben die Dänen 1 eh 1 die gange Roggenkleie im Brotmehl gelassen, sie fügten sogar noch 9 ung Weizenkleie 919 0 und stellten daraus ein Brot her, das ihnen M eurch sein Nährstoffreichtum den Ausfall anderer Nährwerte er⸗ ssetzte, ein Brot, das unserem mit Kartoffeln versetzten bedeutend Murk überlegen war. Die Dänen taten dies auf Rat ihrer Wissenschaftler, 3 vor allem auf Veranlassung des berühmten Kopenhagener Arztes in une! Hindhede, der sogar Kriegsernährungsminister war, und sie nahme f standen sich gut dabet. Wir halten bei der Ernährung aus alter, erberbter Voreinge⸗ nommenheit vor allem den Fleischgenuß für wichtig und suchen des⸗ Ii halb die Fleischerzeugung zu steigern. Mehr Vieh soll gehalten wer⸗ den,— die hohen Fleischpreise reizen ja auch die Landwirte dazu. % Und so suchen wir recht viel Kleie und Schrotmehl für die Mästung zu bekommen. Ein Tun, das von Wissenschaftlern und einstchtigen Volkswirten schon längst als irrig hingestellt worden ist. Nicht mehr „Fleisch, sondern mehr Vollkornbrot tut uns nötig! Dies muß un⸗ ablässig unserem Volke gepredigt werden. Gewiß wird für manche Kranke Feinmehlbrot nicht entbehrt werden kömen, dem gefunden, io nichts dem arbeitenden Menschen aber goblührt vernünftigerweise das nahr⸗ 10 c hafte Vollmehlbrot. Und nicht bloß aus Gründen der Gesundheft über sei ihn antisfen wir dazu kommen, sondern auch aus wirtschaftlichen. Bei dere Imiße voller Ausmahlung unseres eigenen Brotkornes brauchten wir kaum sehr komp Getreide aus dem Ausland einzuführen und dafür bei dem schlechten identlic Stand unseres Geldes Riesensummen auszugeben. Vollkornbrot ist denklich gäuß Pilliger Feimmehlbrot, wenn man die Herstellungskosten und den Nährwert in Betrach zieht. Daß wir die im Kriege begonnene stär⸗ ug unnötz kere Ausmahlung nicht beibehalten haben, ist bedauerlich. Die Kon⸗ wird uuns gerte brot im eigenen Betrieb herzustellen. Vor allem gilt es, unse rem 0 daß sal afe für zug sumvereine mit eigenen Bäckereien sollten dazu übergehen Vollkorn⸗ . ihrer Tonne Volke klar zu machen, da es nicht zu hungern braucht, wenn es Voll⸗ t Juni der hr kornbrot ißt! En. hung wird das l Ueber die hier behandelte Sache sind während der Kriegsjahre er Gefundhat' und auch schon vorher vielfach Erörterungen gepflogen worden. Wi daßh die gewthlh der Artikelschreiber aber mit Recht bemerkt, waren die Ernährungs⸗ beine Mitlen wissenschaftler keineswegs einerlei Meinung. Soviel wir zu über⸗ rzubengen. Lg in der Lage waren, hat sich sogar die Mehrheit gegen die % Lola: I zu hohe Ausmahlung gewendet. Ganz sicher hat es aber die Mehrheit u Brotbacken 17 der Brotkonsumenten getan, von denen wohl nur wenige das Kriegs⸗ at sich nänl n brot zurücksehnen. Daß das Vollkornbrot ebenso nahrhaft ist, als n menschlichne das aus etwa nur zu 65 Prozent ausgemahlenem Mehl hergestellte, ere Ernüähna wollen wir nicht bestreiten. Doch wird von Aerzten auch behauptet, aug ven Lag, baß selbst die inneren, dünnen Schalen des Roggen⸗ oder Weizenkorns Jens ind e füx den menschlichen Magen unverdaulich seien. g mere. ses Inte) 7 0 ee Weitere Erhöhung der Erwerbslosenunterstützung. Tat wa Nachdem der Reichsrat zustimmte, ist mit Wirkung vom rscbedener 61 4. Mai an eine weitere Erhöhung der Unterstützungssätze eine Sicht 2 2 0d bs ih J für Etrwerbslose und Kurzarbeiter eingetreten. Fünftel bis W. Es gelten nunmehr folgende Sätze für den Tag: erh Ortsklasse — A B 0 Dee lit, dee Männer über 21 Jahre denn man s m. eigenem Haushalt.. 3200 3000 2800 2500 ohne eigenen Haushalt. 2800 2600 2400 2200 Kapitel. unter 21 Jahren 1950 1800 1650 1500 den. weibliche Personen 5 Inde 1 über 21 Jahre mit eigenem ee een ee 2800, 300 200 sünen„ ohne eigenen Haushalt.. 2350 2200 L880 1980 ee e e e Jahren. 1780 1650 1580 1480 h Aub Zuschuß für Ehegatten.. 1150 1050 880 850 Garde% Zuschuß für Kinder und sonst. g ruhig ale, unterhaltungsberecht. Ange⸗ Der gesallen, gehörige 98 900 850 800 ab aud N ich fett Männer über 21 bei Den, mit eigenem Haushalt „ ohne eigenen Haushalt unter 21 Jahren weibliche Personen über 21 Jahre mit eigenem 5 bessete fe Haushalt e e 7 gehende, i ohne eigenen Haushalt. 8 14100 en gen atzer 21 Jahren 10500 Die wöchentliche Unter⸗ stützung beträgt demnach für eein Ehepaar„„ Ehepaar mit 1 Kind.. 31800 gwporcl n e Ebevaar mit 2 Kindern 37500 zhepaar mit 3 Kindern. 43200 „ 6, Jahre 19200 16800 1170⁰ 15600 13200 9000 16800 14400 9900 18000 15600 10800 53 13200 11400 8700 14400 12300 9300 15600 13200 9900. foinet 0 iuß fen fehl, 20700 25500 30300 35100 22500 27600 32700 37800 24300 29700 35100 40500 uff. bis zu den Höchstbeträgen. 1 5 0 0 Die Kurzarbeiterunterstütung berechnet sich mm 1 gleichfalls nach den neuen Sätzen. 1 die Differenz zwischen dem Der Kurzarbeiter erhält Anderthalbfachen seines Arbeitsverdienstes. 0 Lag 0 der obigen Sätze und der Hälfte — 3. Verhandlungstag. Hamburg, 24. Mai 1923. Am dritten Verhandlungstag begann die Sitzung erst nachmittags Der Vormittag vereinigte die Delegierten zu einer Dampferfahrt. Vorsitzender Vandervelde teilt zunächst mit, daß als Sttz der neuen Internationale von dem Exekutivkomitee einstimmig London bestimmt worden ist. Ebenso einstimmig sind als Sekretäre Tom Shaw und Friedrich Adler gewählt. Zu Punkt 1 der Tagesordnung „Imperialistische Friedensverträge und die Aufgabe der Arbeiterklasse“ erhält zunächst das Wort Sidney Webb(England): „4% Jahre sind seit dem Waffenstillstand vergangen, der angeb⸗ lich den Krieg beenden solbte und doch herrscht im Grunde genommen immer noch der Kriegszustand. Die Anklage hierfür muß am stärk⸗ sten gegen die alten Großmächte gerichtet werden, aber auch die neuen kleineren Staaten sind im großen Maße verantwortlich zu machen. Die politische und wirtschaftliche Verwüstung ist verursacht durch die Friedensverträge. Die Urheber dieser Verträge haben die ökonomischen Momente und die Grundsätze der Moral sowie der Gerechtigkeit völlig außer acht gelassen.(Sehr wahr!) Es ist heute nicht mehr an der Zeit, über die Verantwortung flir den Krieg zu diskutieren. Die allgemeine Meinung der Welt geht dahin, daß alle Staaten und alle Regierungen die Verantwortung fiir den Krieg zu tragen haben. Jetzt gilt es, liber die Möglichkeiten des Wiede raufbaues Europas zu sprechen. Es handelt sich nicht in erster Linie darum, was die besiegten Völker leisten sollen, sondern was sie leisten können. Worauf es hauptsäch⸗ lich ankommt, ist die Wiedergutmachung der zerstörten Gebiete. Die moralische Verpflichtung hat Deutschland wiederholt anerkannt. Aber die Wiedergutmachung darf nie den Vorwand bieten für eine Unterdrückung und zur Zerstörung der Wirtschaft in Deutschland und Oesterreich. Es handelt sich vielmehr um eine reine Finanz⸗ frage. Im Vordergrund steht dabei das Problem des internationalen Kredits für Deutschland und Oesterreich. Von der Amvendung der Gewalt, das hat die Erfahrung bewiesen, kann man sich keinen Nutzen versprechen, am allerwenigsten die Gewalthaber. Die Gewalt kann nur zerstören, aber niemals wieder aufbauen; die Gewalt überredet und überzeugt niemand, und ste kann nie zu einer Verständigung der Völker führen. Sie ist unvereinbar mit den Grundsätzen einer ehrlichen Demokratie. Der demokratische Geist muß die gesamte internationale Politik durchdringen, und in diesem Geiste muß auch die Revision der Friedensverträge erfolgen.“(Lebhafter Beifall!) Zu dem gleichen Punkt der Tagesordnung nimmt dann Hilfer⸗ ding das Wort„Wir haben heute das Fazit jener Entwicklung zu ziehen, die uns solange voneinander getrennt hat, haben uns zu fragen: Wie ist die wirtschaftliche Situation, und welches sind die Folgerungen, die wir aus ihr zu ziehen haben? Der Krieg des Imperialismus ist geführt worden, um die Beherrschung der Quellen des Reichtums und hat geendet mit einer furchtbaren Zerstö rung des Reichtums, der Weltwirtschaft. Er hat weiter mit sich gebracht eine völlige Störung des Gleichgewichts der Produktion. Die am Kriege betefligten europäischen Länder verarmten. Japan und Amerika und die neutralen Länder haben ihre Produktion im raschesten Tempo erweitern können. Der Krieg hat die altgewohnten Handelswege unterbrochen und die Finanzen zerrüttet. Er hat innerhalb der einzelnen Länder eine völlige Verschiebung in dem Produktionsverhältnis geschaffen. Was der Krieg geschaffen, haben die Friedensverträge fortgesetzt. Die Urheber diefer Verträge kannten nicht einmal den Mechanismus des kapitalistischen Systems genug, um sich vor den gröbsten ökonomischen Irrtümern zu schützen. Sie gehen von dem Grundirrtum aus, daß es möglich sei, aus einer nationalen Wirtschaft große Geldbeträge in eine andere zu überflihren. In der kapitalistischen Wirtschaft be⸗ deutet eine solche Tributzahlung, sobald sie über ein gewisses Maß hinausgeht, den Zwang für die betreffende Wirtschaft, eine Schleuder⸗ konkurrenz auf dem Weltmarkt zu betreiben. Diese Steigerung des Exports sollte zu einer Zeit unternommen werden, wo die Unsicher⸗ nahmefähigkeit des Weltmarktes durch den Krieg und die Unsicher⸗ heit nach dem Kriege außerordentlich vermindert war. Die Mächte die den Versailler Vertrag gemacht haben, konnten sich über die Höhe des Tributs nicht einigen. Immer weiter wurde die Lösung hingus⸗ Der Hamburger Weltkongreß. geschoben, und noch heute ist diese Unsicherheit nicht besektigt. Es ist nicht möglich gewesen, eine vernünftige Lösung für die Repara⸗ tionsfrage zu finden. Das war anders, als die Vertreter der sozia⸗ Parteien Frankreichs, Belgiens, Englands, Italfens und Lösung seitdem listischen Deutschlands zum ersten Mal zusammentraten, um eine 1 zu suchen. Wir konnten die Richtlinien daftir aufzeigen, immer mehr als die einzig brauchbaren anerkannt sind, weil wir zusammengekommen sind nicht nur als Deutsche, Belgier, Franzosen, Italiener und Engländer, sondern auch als Sozialisten. Wir deutsche Sozlalisten fühlten uns nicht mir als die Anwälte unseres ge⸗ schlagenen Volkes und des Proletariats, das unter den Wirkungen der Friedensverträge ungeheuer leiden muß, sondern auch als ver⸗ antwortlich für das Schicksal des französischen und belgischen Prole⸗ tariats, das unter den Greueln des Krieges so Entsetzliches ausge⸗ standen hat.(Bravo!) Deshalb konnten wir uns verstehen mit den belgischen und französsschen Sozialisten. Nicht nur als Folge des Versafller Vertrages, sondern als moralische Verpflichtung des deutschen Volkes anerkennen wir die Notwendigkeiten der Reparationen. (Bravo!) In demselben Geiste arbeiten die französischen und belgischen Sozialisten. Wenn auch die Reparationen die Voraussetzungen sind für die Sicherung des Friedens, so sei doch Protest zu erheben, gegen jene Sanktionen und Gewalttätigkeiten die den Krieg im Frieden fortsetzen, und wir verstanden uns alle mit den englischen Genossen, als sie erklärten, daß die Wiedergutmachung beschränkt bleiben müsse auf die Reparation der wirklichen Schäden und daß gestrichen werden müsse die Bestimmung über die Zahlung von Militärpenstonen durch Deutschland, die den Waffenstillstandsbestim⸗ mungen widersprechen. Es wird die Aufgabe der sozialistischen Par⸗ teien in allen Ländern sein, das von uns aufgestellte Programm mit der ganzen Macht ihres politischen Einflusses auch den noch, widerstrebenden Regierungen aufzudrängen. Das ist im Augenblick unsere wichtigste praktische Aufgabe, weil der Zustand, den die Friedensverträge geschaffen haben, für das Proletariat in der ganzen Welt immer mehr zu einer Katastrophe wird. 8 Die Unsicherheit, die die Friedensverträge hinterlassen haben, macht jede vernünftige ee unmöglich. Eine nie dagewesene Inflattonswirtschaft bringt die schwersten sozialen Konsequenzen mit sich, eine Zunahme der Verelendung der Arbeiterklasse, ein fortschreitendes Sinken der Löhne. Die deutschen Löhne stellen heute im besten Falle 75 Proz. des Reallohnes im Frieden dar: das sind, in Gold ausgedrückt, nur ein Fünfzehntel der ameri⸗ kanischen und ein Fünftel der englischen Löhne. Gange Völker sterben dahin und verhungern. Die Friedensverträge haben wetter eine Balkanisterung in Europa geschassen, die für die gesamt Weltwirtschaft außerordentlich bedenklich ist. Es sind 11 neue Staatem und 5 neue staatenähnliche Gebilde geschaffen worden. Wir Sozialisten begrüßen es gewiß, daß die Nationen zur staat⸗ lichen Selbständigkeit erwacht sind(Bravo!), aber wir wollen nicht verkennen, daß manche dieser Staaten in shrer Polittk noch be⸗ haftet sind mit dem Makel der Geburt aus den impertalistischeu Friedensverträgen.(Sehr richtig!) Alle diese Staaten treiben ihre eigene Wirtschaft, Transport, Währung und Schutzzollpolktik. Durch diese Neuerrichtung von Schutzzollmauern wird die Einheit des Weltmarktes durchbrochen, und wir sind wirtschaftlich zurück⸗ geworfen auf den Zuftand vor der Bildung der großen euro⸗ päischen nationalen Staaten. Diese Politik der Ausfuhrverbote der Schutzzölle, ist umso gefährlicher, als sie erfahrungsgemäß die staatlichen Gegensätze immer mehr schürt. Aufgabe des sozialisti⸗ schen Proletariats muß sein, dafür zu sorgen, daß die ökonomischen Notwendigkeiten eines einheitlichen Weltmarktes wieder herge⸗ stellt werden.(Bravo!) Der Krieg hat weiter eine ungeheuere Verschuldung hinterlassen, eine falsche gegenseitige Verschuldung, die eine fortwährende Auferlegung von Tributzahlungen an ein⸗ zelne Staaten mit sich bringt und so diese Staaten zu Schuld⸗ 1 zu Heloten auswärtiger Staaten macht. Es ist daher not⸗ wendig, daß die Kriegsschulden zum mindesten liquidiert werden müssen durch einen gegenseitigen Verzicht der Staaten auf die Zurlickzahlung ihrer Schulden.— Wir haben weiter als Folg des Krieges einen Ausfall der Produktion in den wichtigste Staaten um die Hälfte gegenüber dem Frieden. Dadurch dt Erfüllung der Reparationsverpflichtungen in dem Ausmaß, wi sie der Versailler Vertrag und der Londoner Zahlungsplan ver langt, unmöglich. f(Fortsetzung folgt.) Arbeitersekretariat für Gießen⸗Wetzlar. In der Versammlung des Gewerkschafts⸗Kartells Gießen am 24. Mai wurde dem Antrage der beiden Kartellvor⸗ stände Gießen und Wetzlar auf Errichtung eines gemein⸗ samen Arbeiter⸗Sekretariats mit 24 gegen 9 Stimmen stattgegeben. Das Sekretariat soll seine Tätigkeit bereits om 1. Juli aufnehmen. Schon seit vielen Jahren wurde der Mangel eines Arbeitersekretariats von der Ar⸗ beiterschaft schmerzlich empfunden, nunmehr gehen die lange gehegten Wünsche ihrer Erfüllung entgegen. — Der Provinzialtag für Oberhessen tritt am Samstag, den 2. Juni, 10 Uhr vormittags im Sitzungssaal des Regierungsge⸗ bäudes zur diesjährigen ordentlichen Tagung zusammen. Die Tagesordnung umfaßt folgende Gegenstände: 1. Rechnun und Verwaltungsbericht der Provinzialkasse für 1921 Ri. 2. Nach⸗ tragsvorankchlag zum Voranschlag der Provinzialkasse für 1922 Ri. 3. Voranschlag der Provinzialkasse für 1923 Rj. 4. Rechnung und Verwaltungsbericht des Provinzialwasserwerks Inheiden für 1921 Rj. 5. Voranschlag des Provinzialwasserwerks Inheiden für 1923 Rj. 6. Rechnung und Verwaltungsbericht der elektrischen Ueberlandanlage für 1921.— 7. Rechnung und Verwaltungs⸗ bericht über den Bau der elektrischen Ueberlandanlage für 1921. 8. Voranschlag der elektrischen Ueberlandanlage für 1923. 9. Grunbsätze über Anstellungen, 10. Beitritt der Provinz Oberhessen zur„Gemeinwirtschaft Oberhessen“. — Warnung vor Preistreiberei. Eine Bekanntmachung des Kreisamts Gießen weist auf die Strafvorschriften gegen Preis⸗ treiberei hin, die durch das Notgesetz noch weiter ver schärft worden sind. Zugleich ist dafür gesorgt worden, daß jeder Fall der Preistreiberei rücksichtslos zur Ahndung gebracht wird. Der Preistreiberei macht sich schuldig: 1. wer für Gegenstände des täglichen Bedarfs Preise sordert oder sich oder einem anderen gewähren oder versprechen läßt, die einen übermäßigen Gewinn enthalten(Preiswucher); 2. wer für die Vermittlung von Geschäften über Gegenstände des täglichen Bedarfs übermäßig hohe Vergütungen fordert oder sich oder einem anderen gewähren oder versprechen läßt (Provisionswucher): „wer mit Gegenständen des täglichen Bedarfs Ketten⸗ handel treibt; 4. wer Gegenstände des täglichen Bedarfs, die zur Veräußerung bestimmt sind, zurückhält, um später einen übermäßigen Ge⸗ winn zu erzielen(Warenzurückhaltung); wer durch unlautere Machenschaften die Preise 62 5 des täglichen Bedarfs zu steigern oder sucht. Strafbar sind auch die Verabredung einer Preistreiberei sowie die Verleitung und das Erbieten zur Preistreiberet. Die Strafen flir Preistretberei sind Gefängnis und hohe Gels⸗ strafen. Für besonders schwere Fälle im Rückfall ist Zuchthaus, in besonders schweren Fällen überdies Geldstrafe in unbeschränkter Höhe angedroht. 2 für Gegen⸗ hochzuhalten S Neben diesen Hauptstrafen sind für Preistreiberei vorgesehen: Einziehung des wucherischen Gewinns, Entziehung der Handelser⸗ laubnis oder Untersagung des Handels, Ehrverlust, öffentliche Bekanntmachung des Urteils durch Anschlag im Geschäftsraum des Täters. Das Verfahren vor den Wuchergerichten ist so geordnet, daß die Strafe der Tat auf dem Fuße folgen kann. Die Straf⸗ vollstreckungsbehörden sind angewiesen, Strafen wegen Preis⸗ treiberei so schnell als möglich zum Vollzuge zu bringen. a Diese Bestimmungen sind in der heutigen Zeit leider am Platze. Das kaufende Publikum follte zu seinem Teile an der Bekämpfung des Wuchers dadurch mitwirken, daß nachweisbare Fälle von Wucher unbedingt zur Anzeige gebracht werden. Es dürfen aber auch nicht die Preise durch die Käufer überboten werden, wie das öfters noch geschieht. — Kinder aus dem Ruhrgebiet sind in verschiedenen Orten Oberhessens, besonbers im Kreise Büdingen, untergebracht 65 den. Am Freitag früß passierten ihrer etwa 250 den Gießener Bahnhof. Hier sollten sie mit Brötchen und Kaßao gespeist wer⸗ den, doch hatte der Zug so wenig Aufenthalt, daß für das vom . bereitgestellte Frühstück keine Zeit mehr übrig eb. — Vorsicht mit Tintenstiften. Es dürfte nicht genügend be⸗ kannt sein, wie vorsichtla man bei kleinen Verletzungen an den Händen mit Tintenstiften umgehen muß. In Wien hat kürzli ein Arzt einen Kranken vorgestellt, der sich mit einem Tindensti eine Verletzung am Daumen zugezogen hatte, so daß eine Operation erfolgen mußte. Die Verletzung sah zuerst harmlos aus, bald aber machte sich rings um die kleine Wunde herum eine immer weiter zunehmende Abtötung der Gewebe bemerkbar. Es sind weiter Fälle bekannt, in denen nach durch Tintenstifte ver⸗ ursachten Verletzungen die Sehnen angegriffen waren und sogar eine Amputation von Fingergliedern notwendig wurde. Man gehe daher mit Tintenstiften äüßerst vorsichtig um. Die Gefahr wird zu leicht unterschätzt . richtig frankieren! Tie Briefmarken weisen jetzt ein recht buntscheckiges Durcheinander auf. Es gibt Marken, auf denen zwar der Wert in Zahlen angegeben ist, ohne daß aber hin⸗ zugefügt ist, ob es sich um Mark oder Pfennige handelt. Des öfteren kommt es nun vor, daß in der Etle übersehen wird, welcher Gattung eine solche Marke angehört— mancher weiß es auch selber nicht—, und ein Brief wird statt mit 100 Mark mit 100 Pfennigen frankiert. Da die Postbeamten angewiesen sind, auf diese Ver⸗ wechslung zu achten und dann hohes Strafporto zu zahlen ist, emp⸗ fiehlt sich jedesmal Prüfung der Marken vor dem Aufkleben, damit man vor Schaden bewahrt bleibt. — Fahrraddiebstahl. Entwendet wurde dahier ein Fahrrad Marke„Viktoria“ mit der Fabrik⸗Nr. 542 079. Vor Ankauf wird gewarnt. Sachdienliche Mitteilungen mimmt die Kriminal⸗Ab⸗ teilung entgegen. „reis Friedberg⸗Büdingen. Vad⸗Nauheim, 25. Maf. Ein solgenschweres Auto⸗ mobilunglück ereignete sich auf der Straße nach Friedberg. Ein Wagenlenker hatte schsinbar zuviel Alkohol genossen und rannte mit seinem Wagen gegen eine landwirtschaftliche Maschine. Für die Bedrängten im Ruhrgebi Zeichnungsliste liegt in der Geschäftsstelle der Oberhessischen Volkszeitung a Ein st, der verheiratete Heizer Fritz von hier, Vater von 8 Kin. aus 5 Wagen geschleudert und lebensgefährlich verletzt, während der Wagenlenker mit dem Schrecken davon kam. Fritz wurde in das hiesige Krankenhaus verbracht. Die Unter⸗ suchung der Angelegenheit ist eingeleitet. Kleine Nachrichten. Frankfurt a. M., 25. Mai. Zu lebenslänglichem Zucht⸗ haus begnadigt. Der Artist Orth, der vor etwa Jahresfrist den hiesigen Zahnarzt Büttner ermordet und beraubte und des⸗ wegen zum Tode verurteilt wurde, ist jetzt zu lebens länglichem Zucht⸗ haus begnadigt worden. Der Hauptschuldige, der Reisende Falken⸗ vath, konnte noch immer nicht ergriffen werden. Frankfurt a. M., 25. Mai. Milch im Ueberfluß! In ben letzten Tagen hat sich die Zufuhr von Milch derart gesteigert, daß die Versorgungsberechtigten voll beliefert werden können und Magermilch ohne Karten abgegeben werden kann.— Wie lange? Frankfurt a. M., 25. Mai. Das gestohlene Brief⸗ markenalbum. Aus der Schauspielergarderobe des Neuen Theaters wurde einem Schauspieler ein Briefmarkenalbum im Werte von mehr als fünf Millionen Mark gestohlen— Hm! Hm! Frankfurt a. M., 25. Mai. Der Mehlpreis steigt weiter. Die Süddeutsche Mühlen vereinigung hat heute die Richtpreise für Weizenmehl von 340 000 auf 345 000 Mark den Doppelzentner erhöht. Noch einmal der„gefährlichste Einbrecher Deutschlands“. Zu der Festnahme des Einbrechers Karl Kinkel in Stuttgart äußert sich jetzt auch die Frankfurter Kriminalpolizei, Danach ist Kinkel schon früher wegen einer Unsumme von Einbrüchen— mehr als 70— vorbestraft worden. Als die Kunde von seiner Verhaftung in Stuttgart nach Frankfurt kam, nahm die dortige Polizei eine Durchluchung der Kinkelschen Wohnung vor, nachdem bereits Stuttgarter Beamten die Räume„gründlich“ durchsucht hatten. Der Erfolg der Frankfurter war überraschend. Denn die Stuttgarter Kollegen haten nur einen Bruchteil des Einbruchsgutes gefunden. Jetzt fanden sie u. a.: Brillantringe, Perserteppiche, Tischdecken ohne Zahl, Silbersachen, Bronzen, Schmuckftguren, Bettwäsche und viele andere Sachen. Diese jetzt aufgefundenen Sachen stammen zum größten Teile aus Frankfurter Einbrüchen und konnten teilweise ihren Besitzern wieder ausgehändigt werden. Von vielen anderen Gegenständen konnte jedoch der Eigentümer noch nicht ermittelt werden. N Kelsterbach, 25. Mai. Neue Explosion. In der Munitionsverwertungsfabrik ist abermals eine Explosion durch Ent⸗ ladung von Granaten erfolgt. Fünf Personen erlitten tödliche Ver⸗ letzungen, vier weitere wurden mit schweren Verletzungen ins Main⸗ zer Krankenhaus gebracht. Reichelsheim i. Odw., 25. Mai. Schwere Einbrüche wurden in den letzten Tagen hier verübt und die ganze Bevölkerung in Aufregung gesetzt. Den Tätern fielen Lebensmittel, Fahrräder u. a. m. im Werte von mehreren Millionen Mark in die Hände. Bei einem Einbruchsversuch war es scheinbar auf neue Fahrräder abge⸗ sehen, doch sind die Täter gestört worden. Bei einer anderen Ge⸗ legenheit wurden 4 Personen verhaftet, doch scheinen diese mit den dee 5 11 1 zu stehen. Umfangreiche Unter⸗ f uchungen eingelei 3 Zwei Todesopfer. Beim leichtfertigen Umgehen mit einem Revolver erschoß in Ri ein junger Bauernbursche ein junges Mädchen. Als er sah, was er angerichtet hatte, tötete er sich selbst. Worms, 25. Mai. Ein eigenartiger Totschlag. Im Verlauf eines Streites schlug ein 15jähriger Kürschnerlehrlüng einem 16jährigen Schreinerlehrling mit der Jaust auf den Kopf. Ded Schreinerlehrling brach tot zusammen. Die Untersuchung, ob der Tod infolge des Schlages oder durch einen Zufall eingetreten ist, wurde sofort eingeleitet. Bluttat. In Reichensachsen bei Eschwege gab ein junger verheirateter Mann auf ein junges Mädchen, das seine Begleitung ablehnte, führte Schuß ab, der den sofortigen Tod der Unglücklichen herbei⸗ Eine Feuerwerkskörper⸗Fabrik zerstört. In der chemischen Fabrik in den Zeppelin⸗Werken in Staaken bei Spandau brach ein Brand aus, der die großen Räume mit wertvollem Ausfuhr⸗ gut vernichtete. Der Brand ist durch Selbstentzündung von Pulver in der Pulvermühle entstanden. Die in dex Fabrik hergestellten Feuerwerkskörper, die zum Export nach Indien bestimmt waren, boten dem verheerenden Element reiche Nahrung. Die chemische Fabrik war nicht mehr zu retten. Bei der Pulverexplostion erlitten fünf Arbeiter Verletzungen; einer von ihnen wurde an Kopf und Händen schwer verbrannt. Mit dem Beil erschlagen. Unter dem Verdacht des Gatten⸗ mordes wurde die in der Boyenstraße 11 in Berlin wohnende Frau Siemann verhaftet. Ste erschien kurz nach 10 Uhr in der Polizeiwache und teilte mit, daß ihr Mann soeben, als er betrunken nach Hause kam, die Treppe hinabgestürzt sei und sich so schwer verletzt habe daß er, als er sich mit Mühe und Not in die Wohnung geschleppt hatte, gleich verstorben sei. Beamte wurden nach der Wohnung entsandt und fanden dort die Leiche des Stemann in einer großen Blutlache liegen. Ein Arzt stellte fest, daß der Tod wahr⸗ scheinlich durch Beilhiebe herbeigeführt worden ist. Trotzdem sie bestritt, den Tod ihres Mannes verschuldet zu haben, wurde die Frau verhaftet. Sprengattentat nahe der Wartburg. In der Nähe der Wart⸗ burg hatte der frühere Werkmeister Rothe eine Gastwirtschaft er⸗ öffnet, die kürzlich aus verschiedenen Gründen unter Entziehung der Konzession polizeilich gesperrt wurde. Das thüringische Ministerium des Innern hob jedoch die Konzessionsentziehung wieder auf und Rothe eröffnete eine neue Gastwirtschaft außerhalb der Bannmeile Eisenach auf fiskalischem Gebiet. In einer der letzten Nächte wurde nun die Gastwirtschaft von unbekaunten Tätern in die Luft gesprengt. Arbeitsrecht, Gewerkschastliches, Arbeiterbewegung. Schlichtungsausschuß der Provinz Oberhessen in Gießen. Sitzumg vom 25. Mai. Dem Zuschneiderverband und der Ortsgruppe Gießen des Allgemeinen Deutschen Arbeitgeberverbandes für das Schneidergewerbe schlug der Schlichtungsausschuß durch Schiedsspruch vor, für den April die Märztarifgehälter der Zuschneider um 15 Prozent zu erhöhen. 5 Die Vereinigten Fuhrwerksbesützer von Gießen sollen den Wochenlohn der Fuhrleute vom 14. Mat an auf 78 000 Mark und vom 28. Mai an auf 85 000 Mark erhöhen und vom 21. Mai an das Zehrgeld bei Ueberlandfahrten bis über 2 Uhr nachmittags auf 2000 Mark und bei Fahrten mit Uebenachtung auf 6000 Mark erhöhen. Der Werkzeugmaschinenfabrik Heyligenstaedt u. Cie. gab der Schlichtungsausschuß auf, vom 28. Mai an ihren Kontorputz⸗ frauen 800 Mark Stundenlohn zu zahlen. Ded Deutschen Holzarbeiterverband, dem Zentralver⸗ band der Zimmerer und dem Arbeitgeberverband für Lahngau und Oberhessen schlug er durch Schiedsspruch fol⸗ gende Urlaubsregelung für die Sägewerksarbeiter vor: 1. Die Ar⸗ beiter und Arbeiterinnen über 18 Jahren erhalten jährlich bezahlten Urlaub nach einem Jahr Beschäftigung in demselben Betrieb 3 Tage, (Werktage), nach 2 Jahren 4 Tage, nach 3 Jahren 5 Tage, nach 4 Jahren 6 Tage und nach 7 Jahren 7 Tage.f 2. Die Arbeiter und Ar⸗ beiterinnen unter 18 Jahren erhalten nach jähriger Betriebszuge⸗ hörigkeit 2 Tage bezahlten Urlaub(Werktage). 3. Ueber die übrigen Urlaubsbestimmungen haben die Parteien binnen 14 Tagen zu ver⸗ Internationale Köpfe. Inm kleinen Weinzimmer drunten im Gewerkschaftshaus tagt der Generalstab der neden Internationale. Das„Organisationskomitee für den internationalen sozialistischen Arbeiterkongreß“, der am Pfingstmontag eröffnet wird, sitzt schon den ganzen Tag. Am „ muß alles fix und fertig sein, und die Delegterten, die schon stündlich eintreffen, werden einen gut vorbereiteten Kongreß finden. Das Komitee ist die erste Organisation, in der die Vertreter Wiens und Londons sich gemeinsam befinden. Hier wird der große Zu⸗ sammenschluß der beiden Internationalen. 8 Es präsidiert heute Henderson, der englische Vorsitzende der 2. Internationale. Er tut das mit einer großen Ruhe, mit einer Ruhe, die man fast deutsch nennen könnte. Kurz sagt er den Namen des nächsten Redners heraus und sieht dann wieder, ich möchte sagen bewegungslos geradeaus. Dabei hat man das Empfinden, daß dieser Mann dennoch haarscharf aufpaßt. Da er nicht nur englisch versteht, braucht er kaum die Dolmetscher und schließt bei den Wiederholungen wohlig die Augen. Neben ihm Tom Shaw, der internationale Sekretär, Mitglied des Unterhauses und ein sehr jovialer Redner. Hier zeigt sich offenkundig ein Organisator, der die Sorgfalt selbst ist. Lebhaft verfolgt er die Debatten, spricht deutsch, englisch und frangösisch dazwischen und— hat er das Wort— mit einer überaus deutlichen Artillutation eindringlich zu dem Vorredner, deutlich sast für den, der seine Sprache nicht versteht. Der rote Kopf ist immer in Bewegung, aber in einer, die die Würde des Engländers nie vergißt. Man hat das Gefühl, daß, was dieser Mann anfaßt, Hand und Fuß hat. Auf der andern Seite Friedrich Adler. Das Mitglied des Bureaus der Wiener Arbeitsgemeinschaft, des Parteivorstandes der österreichischen Sozialdemokratie und des Nationalrats macht einen außerordentlichen sympathischen Eindruck. Daß dieser Mann mit den weichen, ja beinahe sentimentalen Zügen zwei Jahre im Gefängnis gesessen hat, weil er einen Feind des Weltfriedens erschoß und sich dann— anders als die nationalistischen Meuchler— mutig zu seiner Tat bekannte, mag man kaum glauben. Man ahnt etwas von einem Geist der Unbedingtheit, und das nimmt gefangen. Henderson ist der Mann des Ausgleichs, langsam, mit Pausen, Wort für Wort spricht er den Wunsch aus, möglichst alle Parteien, die den guten Willen zum Sozialismus haben, auf dem Kongreß und in der Internatio⸗ nale zu vereinen. Tom Shaw erläutert deren Programme und Schreiben sachlich und erklärend, und temperamentvoll spricht Adler fir die Reinheit der Idee. Gleich neben den N ästeien et einer der lebhaftesten Teil⸗ nehmer an den Verhandlungen einer der aufmerksamsten Zuhörer und häufigsten Redner: der Belgier Vandervelde. Das Profil im Schattenriß könnte man für das unseres C. A. Hellmann halten, aber es gibt da doch Unterschiede in Menge. Vandervelde ist Staats⸗ mann und nicht nur sozialistischer Politiker— das läßt sich nicht verkennen. In seinem Gesicht kann man— ein gewagtes Bild, aber ein unvermeidliches— die Geschicke Europas und die wechselreicheren seiner Arbeiterklasse lesen. Wenn Vandervelde, nachdem er, weit vorgelehnt, aufgemerkt hat, in singendem Tonfall und akzentuiertem Französisch zeigt, daß er, als Vertreter der Arbeiterpartei eines Siegerlandes zu manchem eine gemäßigtere Stellung einnimmt als die andern, so sieht man ihn gleichsam von einer Parlamentstribüne oder Regierungsbank dozieren. Der mächtige de Broucke re macht dagegen einen germanischen Eindruck. Diese beiden Belgier scheinen den Charakter eines Mischvolkes zu verkörpern. Hier die Ruhe, dort die Beweglichkeit, hier eine grundsatzfeste Vierschrötigkeit, dort eime geschickte Dialektik. Stauning, der Däne, und Broucksre haben viel Aehnliches. Der größere Däne mit eben dem Barbarossa⸗ bart, hält sich in einer leisen Passivität. * Ihm gegenüber der Engländer Buxton, der in so recht eigent⸗ lichem Sinne in diesem Kreis das englische Element vertritt, ist nicht Mitglied des Organisationskomitees. Aber man hört seine Stimme oft, weil er die deutschen Reden in seine Muttersprache überträgt. Dieser korrekte Dolmetscher mit dem scharfgeschnittenen Engländer⸗ kopf und der Brille gewinnt schnell die Sympathien. Links von ihm den Franzosen Bracke und den Russen Abramowitsch hält man für Deutsche, bis man sie sprechen hört. Bracke spricht fließend deutsch, hat ja auch manches Verdienst durch Uebersetzungen theore⸗ tischer Literatur, aber sein Französisch klingt doch überzeugend. Hier ist einer der ältesten französischen Sozialisten, ein Mitglied der Kam⸗ mer Poincarés, einer der ersten Mitkämpfer in der Internationale. Heut' tritt er weniger hervor, als sein Nachfolger Abramowitsch, der als Vertreter der in der Heimat terrorisierten Menschewiki durch⸗ aus nicht glaubhaft macht, was die bolschewistischen Pamphletisten über diese„Sozialverräter“ sagen. Vielleicht ist seine Wachsamkeit und Intransigenz gegen in ihrer Praxis nicht einwandfreie Parteien des Ostens und Südostens etwas Russisches. Wels und Crispien sind hier meist nur Beobachter. Es organisiert sich auf deutschem Boden wohl alles von selbst und etwas leichter als anderswo. Greift Wels ein— einmal geht's um den Versailler Vertrag und die Stel⸗ lung mancher Partejen dazu— dann schlägt er in diesem friedlichen Redeturnier die belehnte frische Fechterklinge. Bergriesen unter Wasser. Durch die Kabellegungen und die Ausbesserung von Kabeln ist unsere Kenntnis von der Geographie des Ozeans in letzter Zeit immer größer geworden. Es ist aber wenigen bekannt, daß es Gebirge unter der Oberfläche des Meeres ebenso gut gibt wie auf dem Festland, und daß einige dieser unter⸗ seeischen Bergketten so boch sind wie die Alpen und die Anden. Eimer der höchsten Berge unter Wasser ist Laura Ethel, der in der Mitte des Atlantischen Ozeans liegt. Dieser Bergriese ist über 12 000 Fuß hoch: der Gipfel befindet sich weniger als 200 Fuß unter der Meeresoberfläche. Dieser Berg ist von den Ozeano⸗ graphen mit Hilfe von Lotungen so oft erforscht worden, daß er ebenso gut bekannt ist wie der Mont Blanc, obgleich ihn noch niemals jemand gesehen hat. In derselben Gegend befsndet sich ein anderer unterseeischer Berg, der Mount Chamoer, der vor etwa 70 Jahren entdeckt wurde. Sein Gipfel ist etwas über 100 Fuß unter der Wasserfläche, während seine Höhe mit 10 000 Fuß angegeben wird. Der Gipfel eines anderen Mescberges, des Mout Placentia, liegt nur 30 Fuß unter dem Meoresspiegel. In einem anderen Teil des Atlantischen Ozeans ist eine Bergkette bekannt, deren verschiedene hobe Gipfel nach den Mitgliedern der englischen Königsfamilie benannt sind. Diese unterseeischen Bergriesen können, wenn sie nicht bekannt sind, den Schiffen gefährlich wer⸗ den. So gibt es im Süden des Atlantischen Ozeans eine unter⸗ seeische Gebirgskette, deren höchster Gipfel Sainthill haßt. Am Fuße dreses Berges sollen nicht weniger als 5000 Wracks liegen, die hier im Laufe der Zeit gescheitect find. folgende endgültige Regelung getreten: Vom 6. Ma Beachtung zu widmen, denn noch immer finden hier dude handeln. Bei Scheitern dieser Verhandlung bleib Schlichtungsausschusses anheimgegeben. 1 frif Zu diesen Schiedssprüchen erhielten die Partesen Erk ist. Die Butzbach⸗Licher Eisenbahn f triebseinschränkung einen Streckenarbeiter, ohne von zu strecken. Der Schlichtungsausschuß erkannte 0 stellung. Der Betriebsrat erkannte den Schiedsf Bahnwerwaltung erhielt Erklärungsfrist. 0 Die Hessische Bergwerksdirektion ersuchte den schuß gemäß§ 97 des Betriebsrätegesetzes um Erset sagten Zustimung des Betriebsrats des Kraftw zur Kündigung des Dienstverhältnisses eines dieses Betriebsrates. Der Schlichtungsausschuß erh unzuständig. Die Ersatzmitglieder, die noch nicht vertretung nachgerückt sind, haben den besonderen Schntz und 97 des Betriebsrätegesetzes nicht. l Zum Bericht vom 24. Mai 1923. 1055 Durch Entscheidung des Staatskommissars für d— liche Demobilmachung in Hessen ist an die Stelle der! 0 vom 4. Mai und 24. Mai über die Lohnregelung bei! Tonwerken und den Tonwerken Abendstern 10 die Betriebsarbeiter über 21 Jahren 1500 Mark Im vom 20. Mai bis 2. Juni 1670 Mark. Die Handwe ker erf 5 Proßent der jeweiligen Betriebsarbeiterlöhne aß Zulage. Betriebsratsmitglieder im Auffichts 0 Bisher war die Frage hart umstritten, ob die von in den Aufsichtsrat entsandten Arbeitnehmervertrese haben, an der Gene ralversammlung des Unternehmens Jetzt liegt die Entscheidung einer Beschwerdei 1 die Rechtslage wesentlich geklärt wird. Der Gen b burg hat unter dem 4. Januar folgende Entscheidung in den Aufsichtsrat der Flensburger Schiffs baugesellschsft ense Betriebs ratsmitglieder haben das Recht, an der Gene rid teilzunehmen. Der Flensburger Gewerberat begründ scheidung u. a.:„Nach S 3 des Gesetzes über die G Betriebsratsmitgliedern in den Aufsichtsrat vom 15 (Reichsgesetzblatt S. 209) haben die in den Aussich Betriebsratsmitglieder gleiche Rechte mit den übrig mitgliedern, soweit nicht im Betriebsrätegesetz und i gesetz etwas anderes bestimmt ist. Hinsichtlich der Teisahme Generalversammlung ist in den beiden genannten G. a nir direkt noch indirekt etwas anderes bestimmt. Demnuh sspeh Aufsichtsrat als Mitglieder angehörenden Betriebs Smitglied 11 das Recht der Teilnahme an den Generalversammlunten h zu, sofern die übrigen Aufsichtsratsmitglieder dieses. Unterbringung Erwerbsloser in landwirtschaftlichen e Der Umfang der Arbeitslosigkeit zwingt allgemezm daz m0 Ueberführung städtischer Arbeitskräfte in die Landwirtzchaft g ausländische Arbeiter Beschäftigung. Eine restlose Er Ausländer durch deutsche Arbeiter wird aus einer Rei den zunächst nicht möglich sein; aber es sollte nichts mv lassen werden, um planmäßig erhebliche Teile der ff werbslosen für ländliche Arbeiten zu gewinnen. minister hat in einem neueren Erlaß die Länderregt⸗ diese Aufgabe hingewiesen und größere Mittel bereitge Landesämtern zu ermöglichen, großzügiger und plan sem Gebiete zu arbeiten. Es wird auch Aufgabe der sewe in den Fürsorgeausschüssen und Landesämtern sein Ausgleich der Arbeitskräfte zwischen Stadt und Land Kräften zu umterstützen. Selbstverständlich kann solche ie nur erfolgen nach sorgfältiger Prüfung der Eignung kräfte und nur dorthin, wo Gewähr für entsprechende Unte und Verpflegungsverhältnisse gegeben ist. 1 0 0 Aus den amtlichen Bekanutmachun 1 Das Amtsverkündigungsblatt für den Kreis 8 1 25. Mai enthält: Warnung vor Preistreiberei. Bierdruckapparate.— Erwerbslosenfürsorge.— Un Ausgewiesenen.— Sitzung des Provinzialtags.— der Lehrer.— Osterferien 1924.— Pflegegelder in 0 „Alicestift“ bei Darmstadt.— Die Gebühren der Schorssteinseger 0 Zuweisung von Nadelstammholz.— Dienstnachrichten.— Ortssa ö über die Benutzung der Gemeindeviehwage zu Hungen Lollar. Ver. Soz. Wahlverein. findet in der alten Schule eine Mitgliederversammlung ordnung:„Die Bezirkskonferenz am 10. 6.“— Wir atten die 9 nossen, vollzählig zu erscheinen! 14 0 Bekanntmachung. Betr.: Festsetzung des Wertes der Sachbezüge. Der Wert der Sachbezüge, die der Versicherlessstatt des Lohnes oder Gehalts von dem Arbeitgeber eshält, wird mit Wirkung vom 1. Juni 1923 für den! Gießen-Stadt neu festgesetzt. 1 Auf die Bekanntmachung an den Anschlagi wird hingewiesen. 1 Gießen, den 23. Mai 1923. 1 7 1 Versicherungsamt der Stadt Gleßt, 1 Dr. Frey. 1 0 Hans Mangelsdorff ö Dentist wohnt jetzt ö 10 Wilhelmstrasse 10 Telefon 881 e e Pens. Lehrer sucht möbl. einfaches