SSE u e. 2 S r Ir Fr Sri Serge 1 4 i- 14 e — ä— N Organ für die Interessen der Provinz Oberhessen und der Nachbargebiete. Redaktion: Gießen Bahnhoffraße 23 Ferusprecher 2008. des werktätigen Volkes 0 5 Crpedition: Gießen Bahnbofstraße 23 Ferusprecher 2008 Di„ Volksseitung erscheint jeden Werktag vormittag in Gießen. Der Hbonmemegtepteiz mit den Beilagen„Das Blaft der Frau und, Land⸗ irtschaftsiche Beilage 8 monatlich 3000.— Ml. einschl. Bringerlohn. Wurch die Post bezog. 5000— ek. einschl. Bestellgeld. Einzelnumm. 120.— Mk Verantwortlicher Redakteur: J. Vetters. Für den Inseratenteil verantwortlich; R. Strohwig. Verlag von Hermann Neumann& Cie. sämtlich in Gießen. Druck: Verlag Offenbacher Abendblatt G. m. b. H. Offenbach a. M Der Anzeigenpreis beträgt für die Millimeterzeile(35 mm breit) oder deren Raum lokal 60.—. 2 6 200.— Mk. Ben größeren Aufträgen oder Wiederholungen wird entsprechen⸗ t., auswärts 80.— Mk., die Retlamemillimeterzeile der Rabatt gewährl— Anzeigen⸗Annahme bis 6 Uhr abends. Nr. 67 Gießen, Mit woch, den 21. März 1923 18. Jahrgang Shialdemokratie und Kohlenfteuer. Am 20. März 1922 hat der Reichstag die Kohlensteuer von 30 auf 40 Prozent erhöht. Unzweifelhaft bedeutete diese Erhöhung eine weitere Belastung des gesamten Volkes, auch der industriellen Produktion. Darüber war sich auch die Sozialdemokratie klar. Doch trotz schwerer Bedenken ver- langte die außenpolitische Lage die Erhöhung. Das Kohlen- steuergesetz wurde aber befristet und läuft am 31. März 1923 b, sodaß sich jetzt der Reichstag erneut mit der Kohlensteuer beschäftigen mußte. Die sozialdemokratische Reichstagsfraktion hat der Ver⸗ 3 des Kohlengesetzes nur widerwillig zugestimmt. Für sie war entscheidend die Tatsache, daß die Ermäßigung der Kohlensteuer noch lange keine Ermäßigung der Kohlen- preise bedeutet. Im Gegenteil, es bestand die Gefahr, daß die Ermäßigung der Steuer den Anlaß zu einer Er- höhung der Preise für Kohlen bringen wird. Aber selbst wenn das nicht der Fall wäre, so würde bei gleichen Kohlen- preisen kaum eine Verbilligung der Industrieprodukte ein⸗ treten. Dafür aber würde in die Reichsfinanzen ein ge⸗ waltiges Loch gerissen werden. Bei der ungeheuren Schulden⸗ last des Reiches würde das weitere Anspannung der Noten- presse bedeuten, also der Form der Besteuerung der Massen, die am unsozialsten ist. Ferner ist im§ 11 des Gesetzes fest⸗ gelegt, daß der Reichsminister der Fingnzen nach Anhörung des Reichskohlenrats mit Zustimmung des Reichsrats eine Ermäßigung der Steuer eintreten lassen kann, wenn die wirtschaftlichen Verhältnisse, besonders der Stand unserer Währung dies erforderlich machen. ö Die Deutschnationalen haben nun, um ihre Steuerscheu zu vertuschen, ein ungeheures Geschrei über die Haltung der Sozialdemokratie angestellt. Sie machen uns den Vorwurf, daß wir die Kohle, und damit auch den Hausbrand, für die minderbemittelte Bevölkerung ganz ungeheuerlich verteuert haben. Wie verhält sich das in Wirklichkeit Die Kohlenpreise werden vom Reichskohlenrat gemein- sam mit dem Reichskohlenverband festgesetzt. Das Reichs⸗ wirtschaftsministerium hat zu prüfen. ob die Kohlenpreis⸗ Herhöhungen sich in den erforderlichen Grenzen bewegen, und davon seine Zustimmung abhängig zu machen; nur mit dieser Zustimmung können Preiserhöhungen in Kraft treten. Nun steht unzweifelhaft fest. daß die Kohlenpreise in den letzten 7 Monaten ganz ungeheuerlich verteuert wurden, während die Kohlensteuer von 40 Prozent seit dem 1. April 1922 in Kraft ist. Der Kohlenpreis für Ruhr⸗Fettförder⸗ kohle wurde gesteigert am 1. August 1922 von 1513 Mk. pro Tonne bis 9. Februar 1923 auf 123 356 Mk. pro Tonne, also um das 81fache. Wir bemerken ausdrücklich nochmals, daß diese Steigerung eintrat, nachdem die Kohlensteuer bereits 5 Monate bestand. An dieser Preiserhöhung wirkten alle bürgerlichen Parteien mit, und immer wieder wurde von den Zechenbesitzern hervorgehoben, daß ohne diese Preis- erhöhungen die Werke nicht bestehen können. Soweit auch die Vertreter der Bergarbeiter sich Preiserhöhungen gegen- über nicht ablehnend verhielten, befanden sie sich in einer Zwangslage. Denn die Grubenbesitzer machten jede weitere Lohnerhöhung von der Erhöhung der Kohlenpreise abhängig. Die bürgerlichen Parteien müssen aber daran erinnert wer⸗ den, daß der Sozialdemokrat Robert Schmidt als Reichs⸗ wirtschaftsminister wiederholt Einspruch gegen die fort⸗ gesetzte Kohlenpreiserhöhung erhob und teilweise auch Herab⸗ setzungen der geforderten Kohlenpreise eintraten. Das ist jetzt anders geworden. Seitdem Dr. Becker das Wirtschafts⸗ mmisterium leitet, sind keine Beanstandungen mehr vor⸗ genommen worden. Auch die Reichseisenbahn als größter Kohlenabnehmer gab stets bedingungslos die Zustimmung zu jeder Kohlenpreiserhöhung. Es war ja übrigens auch die Auffassung des Herrn Stinnes, eines Mitglieds der Deutschen Volkspartei, daß die Kohlenpreise ungeheuerlich erhöht werden müssen. Also nicht die Sozialdemokratie ist für die Verteuerung der Kohle verantwortlich, sondern die⸗ jenigen, die die Kohlenpreise allein in den letzten 7 Monaten um das Ztfache steigerten. Auch der Einwand verstummt nicht, daß die Löhne der Bergarbeiter und die hohen Materialpreise für den Bergbau die Schuld an den hohen Kohlenpreisen tragen. Aber auch dieser Vorwand ist unberechtigt. Die Schichtlöhne der Berg⸗ arbeiter wurden in den letzten 7 Monaten folgendermaßen erhöht: Hauer Arbeiter der Gesamtbelegschaft. August 1922 352,70 Mk. 300,64 Mk. Febr. 1923 14 893,.— Mk. 12 165,— Mk. Für beide Arbeiterschichten stieg der Schichtlohn um das 42 fache, während der Kohlenpreis im gleichen Zeitraum um das 8ssache gesteigert wurde. 5 Unzweifelhaft werden der Hausbrand und die Unter⸗ nehmungen der Gemeinden durch die Kohlensteuer stark be⸗ Die Lage im Ruhrgebiet. Die große Kundgebung in Hamm am letzten Sonntag hat gezeigt, daß es um die deutsche Sache nicht schlecht bestellt ist. Wer Gelegenheit nimmt, mit den maßgebenden Instanzen, Arbeitgebern und Arbeitnehmern, über die Wirt⸗ schaftslage, die Verhältnisse auf dem Arbeitsmarkt, kurzum über alles das zu sprechen, was für einen glücklichen Aus⸗ gang des uns aufgezwungenen Kampfes entscheidend ist, muß ebenfalls bestätigen, daß Poincarés Hoffnung auf eine baldige Kapitulation Deutschlands nicht im geringsten gerechtfertigt ist. Gewiß kostet der Kampf an der Ruhr Deutschland ebenfalls außergewöhnliche große wirtschaftliche Opfer, deren Folgewirkungen nicht von heute auf morgen in Erscheinung treten. Aber es heißt bewußt der deutschen Sache Schaden zufügen, wenn auf Grund dieser wirtschaft⸗ lichen Opfer Schlußfolgerungen gezogen werden, die im Ausland den Eindruck erwecken müssen, daß Deutschlands Kapitulation bevorsteht! Wie liegen die Verhältnisse in Wirklichkeit? Die Lebens- mittelversorgung im gesamten besetzten Gebiet ist aus⸗ reichend. Infolge der Verkehrsschwierigkeiten auf der Eisenbahn muß die Ware mit anderen Transportmitteln an Ort und Stelle befördert werden. Die besonderen Fracht⸗ kosten wirken sich stark auf die Preise aus, sie tragen zum Teil dazu bei, wenn die Löhne der Arbeiter- und Ange- stelltenschaft der privaten Industrie im Industriegebiet bis jetzt noch nicht im Verhältnis zu den hohen Aufwandskosten für die Lebensweise stehen. Deshalb muß man sich auf neue Lohnverhandlungen gefaßt machen. Bei dieser Gelegenheit könnte das Reichswirtschaftsministerium wieder gut machen, was es durch die Behandlung bestimmter Arbeiterschichten im Innern Deutschlands aus Anlaß neuer Lohnverhand-⸗ lungen indirekt der deutschen Abwehrfront geschadet hat. Durchaus zufriedenstellend ist die Lage auf dem Ar- beitsmarkt. Arbeitslose gibt es im Innern des Industrie⸗ gebiets kaum. Soweit sie vorhanden sind, wird ihnen durch Notstandsarbeiten Arbeitsmöglichkeit gegeben. Links⸗ rheinisch liegen die Verhältnisse nicht so gut. Hier gibt es eine ganze Reihe von Arbeitslosen infolge der Verkehrs- schwierigkeiten, ferner durch den sich bemerkbar machenden Rohstoffmangel. Die Tabakindustrie liegt restlos lahm. Dagegen brauchte bisher nicht ein deutscher Hochofen ausge⸗ blasen zu werden, während in Frankreich fast zwei Drittel aller Hochöfen stillgelegt wurden. Der hierzu notwendige Kalk wird im besetzten Gebiet selbst gewonnen und ist in genügendem Maße vorhanden. Auch an den sonst not- wendigen Rohstoffen besteht bisher kein Mangel. Die Berg⸗ werke weisen natürlich einen starken Produktionsrückgang auf. Sie fördern heute fast ausschließlich nur noch den Selbstverbrauch und den Bedarf für Industrie und Ge⸗ meinden im Ruhrgebiet. Das sind ungefähr 50 Prozent der bisherigen Förderleistung. Schon daraus ergibt sich, daß der Ertrag der französischen Beuteunternehmungen an Kohle und Koks nicht groß sein kann. An der Versorgung der Ge— meinden mit Kohle ist die Besatzung selbst interessiert, um Wasser und Licht zu erhalten. Deshalb unterläßt sie die Ein⸗ griffe in die Kohlenversorgung der Gemeinden. Der Verkehr auf der Eisenbahn ist infolge der Beschlag⸗ nahme großer Strecken sowie det besten Maschinen und Wagen nur notdürftig. Aber ebenso notdürftig ist der Ver— kehr der Franzosen auf den militarisierten Eisenbahnlinien. Bisher haben sie auf den ihrer Aufsicht unterstehenden Strecken einen geregelten Betrieb nicht zustande gebracht. Lediglich das Notdürftigste an Proviant wird gefahren; ab und zu sieht man einen Reklame-Personenzug ohne Passanten Die deutsche Bevölkerung lehnt es ab, die von Franzosen gefahrenen Züge zu benutzen. An diesem Ver⸗ halten hat auch die Einrichtung französischer Bureaus zur Werbung von Passanten nichts geändert. Man ist deshalb * nn rer lastet. Die Sozialdemokratie hat deshalb verlangt, daß trotz der Beibehaltung der Kohlensteuer der Hausbrand verbilligt wird, ebenso die Kohlen für gemeinnützige Anstalten. Das ist auch beschlossen worden. Ferner wurde beschlossen, daß die aus der Kohlensteuerstundung noch rückständigen Be— träge sofort eingezogen werden. Abgelehnt wurde dagegen unser Verlangen, für die gestundeten Beträge Verzugszinsen zu erheben. Leider ist es trotz aller Bemühungen nicht ge— lungen, diese Bestimmungen ins Gesetz zu bringen. Die Sozialdemokratie hat also alles getan, um die Interessen der Verbraucher zu schützen, ohne die Reichs- finanzen zu gefährden und den Industriellen Profite zuzu— schanzen. Sie wird ferner jetzt mit allem Nachdruck dafür eintreten, daß der Preisabbau bei dem Abbau der Kohlen- preise beginnt, wobei gleichzeitig eine Ermäßigung der Kohlensteuer eintreten kann. dazu übergegangen, zweifelhafte Personen gegen Bezahlung in den Zügen zu befördern. Aber auch hier haben sich nur wenig zweifelhafte Naturen gefunden. Neuerdings ge⸗ statten die Franzosen wieder die Ausfahrt deutscher Lebens⸗ mittelwagen. Diese Wagen wurden bisher zurückgehalten, sodaß die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln dem Reich täglich eine große Menge guter geschlossener Güterwagen kostete. Diese Maßnahme der Besatzung war als Entgelt für die Zurückhaltung deutscher Kohlenwaggons aus dem Ruhrgebiet gedacht. f Leider verschuldet der Bureaukratismus, der die Eisen⸗ bahndirektionen des Westens auszeichnet, manchen Verlust an Material und Geld. In Duisburg hat man den Fran⸗ zosen bisher z. B. dreimal das Vergnügen der Beschlag⸗ nahme von Lohngeldern gemacht. Das war nur möglich, weil die Lohnauszahlungen trotz der wiederholten Beschlag⸗ nahmen immer wiedr am gleichen Ort und zu gleicher Zeit vorgenommen wurden. Und warum? Weil nach den Aus⸗ sagen der Beamten eine Verfügung, die die Auszahlung der Löhne an einem andern Orte als sonst bestimmte, nicht vor ⸗ lag. Diese Verantwortungslosigkeit hat dem Reich bisher hunderte von Millionen gekostet. Dem gleichen Geist ist der Verlust von mehreren Milliarden für Material zu ver⸗ danken, das von den Franzosen beschlagnahmt worden ist, obwohl wochenlang Zeit war, es in Ruhe an einen sicheren Ort abzutransportieren. Was gedenkt der Herr Reichs⸗ eisenbahnminister gegenüber diesem Bureaukratismus zu unternehmen? N Außer dem Bureaukratismus in der Eisenbahnver⸗ waltung des Westens wird das hetzerische Treiben organi⸗ sierter deutschvölkischer Banden im besetzten Gebiet zur Ge⸗ fahr für unsere gerechte Sache. Der Vorsitzende des Deut⸗ schen Bergarbeiterverbandes, Genosse Husemann, hat die Regierungsmitglieder am Sonntag in Hamm aus guten Gründen, die man hoffentlich inzwischen auch in Berlin er⸗ fahren hat, auf die Treibereien der Rechten aufmerksam ge⸗ macht. Hier muß gehandelt werden, wenn man die deutsche Arbeiterschaft bei der Stange halten will. Alles in allem gibt die Lage im Ruhrgebiet borläufig keinen Anlaß zu Befürchtungen über die Haltung der Ab⸗ wehrfront. Wenn das so ist, dann trägt hieran die deutsche Arbeiterschaft den wesentlichen Anteil. Sie hat zum Teil Haus und Hof geopfert, Verhaftungen und Ausweisungen über sich ergehen lassen und wird wahrscheinlich noch viel mehr ertragen müssen. Sie erwartet hierfür keinen Dank, aber sie verlangt zum mindesten ebenfalls Opfer der besitzen⸗ den Schichten des Volkes, für die jene erst kürzlich im Reichs⸗ tag verabschiedeten Steuergesetze hier nicht als Kennzeichen betrachtet werden. zor neuen Reparationsvorschlägen. Eine Anzahl englischer Korresvondenten in Berlin hatten an ihre Blätter berichtet, daß Anzeichen für eine Be⸗ reitschaft der deutschen Regierung, neue Reparations⸗ vorschläge auszuarbeiten, vorlägen. Der Londoner Ver⸗ treter der Vossischen Zeitung versichert nunmehr, daß diese Meldungen bei allen englischen Parteien die günstigste Auf⸗ nahme gefunden hätten, denn„wäre die deutsche Regierung bereit, in diesem Augenblick bestimmte, klar begründete und ausreichend garantierte Reparationsvorschläge zu machen, so würde diese Tatsache schon an sich auch im Falle, daß die Endziffern von Frankreich abgelehnt werden dürften, klärend auf die politische Lage einwirken und eine Lösung in der nächsten Zukunft beschleunigen.“ „Ein gut fundiertes deutsches Angebot würde,“ so hat eine über die politschen Anschauungen der englischen Re- gierung gut informierte Persönlichkeit dem Vertreter der Vossischen Zeitung erklärt,„in der gegenwärtigen Lage die Frage klären, ob Reparationen oder Annexionen das Haupk⸗ ziel der französischen Politk sind und wie ernst die gegen Annexionen gerichteten Erklärungen Poincarss gemeint sind. Der Ausgang einer solchen moralischen Offensive wird auf alle Fälle von entscheidender Bedeutung sein für die Ein⸗ stellung der öffentlichen Meinung in England und Amerika, die zweifellos eine wesentliche Vorbedingung für das etwige Interessement Englands an die Lösung des Repa⸗ rationsknotens ist. Dies könnte nur von einem neuen Faktum ausgehen.“ Belgiens Stellung gegen Frankreich. Das Zentralorgan der belgischen Sozialdemokratie, der Peuple, versichert, daß er aus indirekten wie aus verschiedenen dazu ermäch⸗ tigen Quellen wisse, daß nicht nur die Regierungen Englands und Italiens in Paris und Brüssel Schritte unternommen haben, um die 80 politischen Ziele des französisch⸗belgischen Vorgehens an der Ruhr 9„9„9„„ kennen zu lernen, fondern daß auch der belglsche Minksfer⸗ präsident und der belgische Außenminister auf der Brüsseler Konferenz bei Poincars mit Nachdruck die Bedenken zur rache gebracht haben, die Belgien hat, sich weiter in eine Politik tschleppen zu lassen, die es von England entfernte. Wenn die französische Regierung die moralische Isolierung wagen wolle, so könne das kleine Belgien, dessen Daseinsgrundlage der inter⸗ nationale Friede und die internationale Eintracht sind, sich derselben Gefahr nicht aussetzen. Aufmerksam verfolgt man daher in Belgien den immer stärker werdenden Druck der öffentlichen Weinung Englands auf die dortige Regierung, und es hat den An⸗ schein, als ob in den Kreisen der belgischen Regierung eine festere Haltung Englands gegenüber der französischen Regierung begrüßt wird, weil dadurch die eigene Stellung gegenüber den allzu weit⸗ 2 polftischen Zielen der Regierung Poincaré nur gestärkt kamm. w Auch Genosse de Bronchere beschäftigt sich mit dem Beschluß der Brüisseler Konferenz, das Ruhrgebiet erst nach und nach wieder zu räumen, entsprechend den Zahlungen Deutschlands: Das sei keine vernfinftige Lösung des Problems. Die Konferenz habe vergebens eine vermittelnde Lösung gesucht zwischen einer napoleonischen Er⸗ oberungs⸗ ung einer Aufbau⸗Politik; diese Vermittlung gebe es nicht. Das einzig Erfreuliche sei, daß man nunmehr wisse, daß die bel⸗ ische Regierung zum mindesten gewissen Exzessen der Poin⸗ ré⸗Politik Widerstand entgegenzusetzen trachte. Wenn sich die belgische Regierung schon habe zur Ruhrbesetzung ver⸗ leiten lassen, so müsse sie fetzt, um die Situation zu retten, sich ent⸗ schlossen an die beim Einmarsch abgegebenen Erklärungen halten und die logischen Folgerungen daraus ziehen. Die Erfahrung habe ge⸗ zeigt, daß das Ruhrgebiet als Pfand getrogen habe. Die Ausbeutung durch Besetzung habe sich als unmöglich erwiesen. Wolle man aber das besetzte Ruhrgebiet als Druckmittel auf Deutsch⸗ land benutzen, so könne man nur Deutschland und sich selbst tninieren aber niemals aus dieser gemeinsamen Katastrophe Milliarden für Reparationen ziehen. Wolle man also dieses Pfand bis zur Bezahlung behalten, so hieße das, bis zum St. Nimmerleins⸗ tag in Essen bleiben. Es gäbe also nur einen Ausweg: das schlechte Pfand gegen ein besseres auszutauschen. Man müsse die Gesamtschuld Deutschlands vernünftig berechnen und dafür dann auf dem Wege von Verhandlun⸗ gen zu einem wirklichen, nicht territorialen, sondern wirtschaftlichen Pfand, kommen. Die Formel„Im Ruhrggebiet bleiben bis zur voll⸗ ständigen Zahlung“ müsse geändert werden in: Das Ruhrgebiet ver⸗ lassen, sobald die Bezahlung der Reparationsschuld annehmbar gatuntiert ist. N g Frankreichs Erfolge. Die Pariser Zeitung Europe Nouvelle schreibt am 10. März A. a.„Minister Le Trocquer hat Anfang Februar drei aufsehen⸗ erregende Reisen ins Ruhrgebiet unternommen, von denen seine Umgebung verkündete, sie seien nur der Anfang einer in großem aßstabe unternommenen regelmäßigen Inspektionstätigkeit. Le rocquer hat durch die Nachrichtenbureaus sogar verbreiten lassen, für diese Inspektionsreisen ihm ein Flugzeug zur Verfügung gestellt worden sei. Seitdem ist Herr Le Trocquer aber niemals wieder weder zu Fuß noch zu Roß, weder in einem eigenen noch in einem Militärzug, geschweige denn durch die Luft nach dem Ruhrgebiet gekommen. Was hätte er auch inspizieren sollen? Die VBergwerke? Man hat darauf verzichtet, sie in Betrieb zu nehmen. Die Eisenbahn? Der General Paijot versucht jetzt, sie in Gang zu bringen. Das Ruhrgebiet ist dem Militär überlassen und Hacke und Wasserwage sind durch das Schwert vertrieben. Als der Berg nicht zu Mohamed kam, kam Mohamed zum Berg. Als Le Trocquer nicht Herrn Coste in Essen besuchte, kam Herr Coste nach Paris. Er ist wegen seiner Schweigsamkeit bekannt. In kurzen Worten hat er sich über die Rolle, die man ihn in Essen spielen lasse, beklagt. Er sei nach Essen gegangen, um das Ruhrgebiet zu kontrollieren und in Betrieb zu nehmen. Wenn nichts zu kon⸗ strollieren sei, müsse man in Betrieb nehmen. Man solle ihm die notwendigen Truppen zur Verfügung stellen, dann würde er in ein Bergwerk nach dem anderen eindringen, um die Halden zu leeren. Der Minister aber hat ihm erwidert:„Ja, wir zwei würden große Dinge verrichten, wenn man uns handeln ließe. Aber man will nichts mehr von der Betriebnahme wissen. Man ist jetzt für die lockade. Außerdem habe nicht ich etwas über die Soldaten zu ssagen, wenden Sie sich an General Degoutte!“ Das aber hat Herr Coste nicht getan. Er hat sich wieder auf die Bahn gesetzt und ist mit einem Zuge, ohne in Düsseldorf auszusteigen, nach Essen ge⸗ fahren. Hier im Kaiserhof hat er zusammen mit seinen 40 In⸗ ern seine geistlichen Uebungen wieder in völliger (ĩKlosterstille aufgenommen.“ Die Hofen de Unternehmens. Der französische Finanzminister hat dem Jinanzausschuß der Kammer eine schriftliche Mitteilung über die Kosten der Ruhrbe⸗ saßung überreicht. Darin schätzt er die Kosten für die Monate Januar bis April einschließlich auf 196 Millionen Fran en, von nen 36 Millionen Franken auch für den Unterhalt der Truppen in den Garnisonen zu zahlen gewesen wären, so daß sich die. Mehr⸗ kosten für die militärische Besetzung nach der amtlichen Berechnung auf 160 Millionen Franken belaufen. Verbot der Nuhrhilfe. Beschlagnahme von Geldern. Die alliierte Rheinlandkommission hat im altbesetzten Gebiet an die Ortsbehörden nachstehendes Schreiben gesandt: a Kommission beschlossen hat, im besetzten Gebiet jeden Verein oder Komitee der Ruhrhilfe oder gleichartigen Organi- sationen zu verbieten. Auch die Geldsammlungen, Verkauf von Freimarken, Auszahlungen von Unterstützungen, die im Zusammenhang mit diesen Organisationen stehen, sind streng verboten.“. Auf Grund dieses Schreibens sind bereits in einer Reihe von Städten Beschlagnahmungen von Geld erfolgt. In Reydt haben die Belgier 100 Millionen der Stadt, 5 Millionen für Erwerbslose, und 68 Millionen von der Reichsbank, welche für die Eisenbahner bestimmt waren, be⸗ schlagnahmt. In München⸗Gladbach sind 10 Millionen be⸗ schlagnahmt worden, die ebenfalls für die Erwerbslosen bestimmt waren. In Hainsberg sind 102 Millionen beschlag⸗ nahmt worden. In Krefeld machen die Belgier die größten Anstrengungen, um festzustellen, wo die Gelder für die Ruhrhilfe und die Erwerbslosenfürsorge niedergelegt sind. Bis jetzt ist es ihnen aber nicht gelungen, irgendwelche Gelder in Krefeld aufzufinden. In Duisburg wurde gestern der Angestellte Remens von der holländischen Rheinschiffer⸗ Organisation von den Velgiern verhaftet, weil er die hollandischen Matrosen, die auf den belgischen und fran⸗ zösischen Schiffen in Arbeit standen, veranlaßt hatte, von den Schiffen herunterzugehen und die Arbeit einzustellen. Reichsta sabgeordneter Quaatz als Geisel verhaftet. Aus Essen wird gemeldet, daß Reichstagsabgeordneter Quaatz, Handelskammersyndikus Dr. Volmer und der Direktor des Barmer Bankvereins. Mordan, von den Franzosen verhaftet worden sind. Die Besatzungsbehörde bezeichnet diese Mäßnahme als eine Vergel⸗ tungsmaßregel für die Ermordung eines französischen Postens, die angeblich in der Nacht vom Samstag auf Sonntag erfolgt sein soll. Der verhaftete Reichstagsabgeordnete Dr. Quaatz, Dr. Volmer, sowie der Direktvor des Barmer Bankvereins Morian sind in das Zuchthaus zu Werden gebracht worden. Die Verhafteten sind als Geiseln festgenommen worden, weil in der Nacht vom Samstag zum Sonntag ein französischer Posten erschossen worden war. Der Täter ist unerkannt entkommen. 0 Auch der Reichs bankdirektor Pechold und sämtliche Leiter der Großbanken in Essen sind verhaftet worden. Nachdem der Geschäftsführung der Handelskammer Essen be⸗ kannt geworden war, daß die Franzosen den Reichstagsabgeordneten, Geh. Regierungsrat Dr. Quaatz als Geisel festgenommen hatten wurde sie sofort bei dem kommandierenden General Fournier vorstel⸗ lig und wies daraufhin, daß Herr Quaatz seit Oktober v. J. nichts mehr mit der Geschäftsführung der Handelskammer in Essen zu tun habe. Wenn sie den Syndikus der Essener Handelskammer als Geisel nehmen wollen, sollten sie Herrn Quaatz sofort freilassen und sich an den derzeitigen Geschäftsführer Dr. Rechlin, der da und da wohne, halten. Die dargufhin von den Franzosen gestellte Forderung, der betreffende Herr soll sich sofort persönlich stellen, wurde selbstverständ⸗ lich abgelehnt. l General Fournier hat durch Maueranschlag die Festnahme der Geiseln bekannt gegeben und hierin ausdrücklich erklärt, daß der Mörder des französischen Soldaten unbekannt ist. Die Geiseln wür⸗ den in Freiheit gesetzt, sobald der Urheber der Tat übergeben werde. Falls der Schuldige nicht entdeckt würde, behält sich der General vor, der Stadt Essen eine Geldstrafe aufzuerlegen, deren Höhe noch nicht festgefetzt werden soll. Die Ursache der Verhaftungen. Die angestellten Ermittelungen über die Vorgänge in der Nacht vom Samstag auf Sonntag, in deren Verlauf ein französischer Soldat und der 38 jährige Buchdruckereibesitzer Kurt Schulte ermordet worden sind, haben einwandfrei ergeben, daß Schulte ohne jeden Anlaß erschossen worden ist, insbesondere, daß er als Täter bei dem Anschlag gegen die französischen Soldaten keines⸗ wegs in Frage kommen kann. 8 Die in der Nacht vom Samstag auf Sonntag, ungefähr gegen 3% Uhr, alarmierte Feuerwehr zur Herkulesstraße fand Schulte mit einem Schuß in den Hinterkopf auf der Straße liegend. Nach Angabe eines Zeugen sollen drei Franzosen ihn erschossen haben. Die Franzosen hätten sich den Erschossenen angesehen und wären dann eilig fortgegangen. Die Feuerwehr besorgte einen Kranken⸗ wagen, um den anscheinend Toten abzuholen. Inzwischen kam „Ich beehre mich, Ihnen mitzuteilen, daß die hohe * Soldateutod. 5 Das Eisenbahnungllick bei Friemersheim hat den Fran wie erst 1 wird, viel mehr Opfer gekostet als sie an Nach einwandfreien Mitteilungen blieben 60 Soldaten tot starben infolge ihrer schweren Verletzungen. Außerdem bis jetzt mehr als 50 Pferde erschossen werden. Politische Uebersicht. Noßbach und Ehrhardt. Leutnant a. D. Roßbach, der bereits zweimal verhafte aber immer wieder freigelassen wurde, ist am Samstag en. neut sestgenommen worden. In Wannsee, seinem Stamm. quartier, hielt er am Samstag abend eine Versammlung al, die von der Polizei aufgelöst wurde. Er selbst wurde hierba von Beamten der Abteilung 1& des Berliner Polizel. präsidiums in Haft genommen. Die Festnahme stützt sio auf zahllose Vergehen Roßbachs gegen die Republikschuk. gesetze. Daß er Ministermorde plante und ebenfalls mt Neichswehroffizieren und Mannschaften dunkle Pläm schmiedete, dürfte bei seiner Veranlagung kein 9 nehmen. i Leider ist auch jetzt wieder zu befürchten, daß man schlimmsten aller Verschwörer wieder laufen läßt. 5 gegen Roßbach vorliegende Material ist geradezu erdrücken, erlaubt jedoch aus bestimmten Gründen eine restlose Ben öffentlichung nicht. Wir könnten es daher nicht begr f wenn dieser Mann, der Gesinnungsgenossen zu fortgesetzten Morddrohungen an preußische Minister verleitet und zm Ausführung von Mordtaten selbst Pläne schmiedet, jet zum dritten Male entlassen würde, nur weil der juristisch i-Punkt fehlt.— Am Montag haben die Freunde Roßbach bereits bei den zuständigen Stellen ihre Wünsche auf Haft entlassung vorgebracht. Uebrigens schwebt gegen den Ver, hasteten noch ein Verfahren wegen Ermordung zweier Ar beiter während des Kapp⸗Putsches in Mecklenburg. Der Prozeß gegen den Kapitänleutnant a. D. Ehrhard dürfte, wie bereits mitgeteilt, in einigen Wochen beginnen Bekanntlich steht Ehrhardt nicht nur unter der Anklage des Hochverrats, sondern auch des Meineids, da er unter seinem Eid als„Eschwege“ über sich selbst falsche Angaben gemacht hat. In diese Angelegenheit ist auch die Prinzessin v. Hohen. lohe verwickelt, die, wie wir bereits bei der Verhaftung Ehrhardts meldeten, ebenfalls unter ihrem Eide erklärt hal nicht zu wissen, daß der angebliche„Eschwege“ der gefuchte Kapitänleutnant a. D. Ehrhardt ist. Die Unterfuchung hal aber ergeben, daß sie nicht nur Ehrhardt, sondern auch seiner flüchtigen Freunde beherbergt hat. e Ehrhardt ist übrigens in ein Lazarett überführt worden da seine Gesundheit durch die Untersuchungshaft gelitten und er sich vor einigen Tagen bei einem Sturz die inn Hand gebrochen hat. Diese plötzliche Krankheit scheint uns nach den bei verschiedenen politischen Verbrechen gemachten Erfahrungen hinreichend verdächtig. Ist sie etwa der erste Schritt des Hochverräters auf der Flucht in die golden Freiheit? g 1 Zur Rettung des„verratenen Ehrhardt“ hat die Führ schaft der Deutschvölkischen Freiheitspartei, die Aban v. Graefe, Wulle und Henning, sich jetzt an die Rechts partejen gewandt und ihre Unterstützung für einen Antrag erbeien, in dem der Reichstag die Reichsregierung ersuchen soll, dem„im Kriege um sein Vaterland hochverdienten Korvettenkapitän a. D. Hermann Ehrhardt sofortige Haft 9 r Der Deserteur. 5 Roman von Robert Buchanan. „ So oft diese und ähnliche Gedanken durch ihr erhitztes Gehirn jagten und sie zwangen. Rohan zu verdammen, reg⸗ ten sich gleichzeitig tief in ihrem Innersten Gewissensbisse, denn bis zu jener verhängnisvollen Begegnung am Kreuze hatte sie noch nie so deutlich empfunden, wie fern ihre Seele und ihre Gedankenwelt derjenigen Rohans stand. Ganze Welten schienen sie zu trennen. Und von jener Stunde an bis zum heutigen Tage regte sich ost eine Stimme in ihrem Her⸗ zen, die ihr bald leise, bald gebieterisch sagte:„Du verstehst ihn nicht, wie ihn alle deinesgleichen nicht verstehen! Er steht meilenhoch über Euch!“ Etwas in seinen Blicken und Worten hatte sie damals verwirrt und sie seine geistige und mora⸗ lische Ueberlegenheit dunkel empfinden lassen. Diese Empfin⸗ dung wollte sich nicht mehr unterdrücken lassen; sie wuchs und ließ die Liebe nicht einschlafen, ja, sie bekleidete Rohan wieder mit jener physischen Kraft die das Weib aus dem Volke bei dem Manne ihrer Wahl sucht und anbetet. Sie stellte sich ihn lieber als schlecht und verrückt vor, als Erzfeind ihrer Anschauungen und der kaiserlichen Sache, denn als gewöhnlichen Feigling und Angstmeier. Aber ob Feigling oder Chouan oder beides— er blieb verschollen, und wenn er lebte, woran die meisten zweifelten, so wußte kein Mensch: wo und wie. Die rote Schnapsnase Pipriacs vermochte weder im Dorfe, noch außerhalb desselben seine Spur zu entdecken. Hunderte von Spionen lauerten darauf, das Blutgeld zu verdienen— vergebens. Schließlich ver⸗ breitete sich die Privatansicht des guten Curs allgemein und man nahm an, daß Nohan Gwenfern sich entweder von einer hohen Klippe gestürzt habe oder im Meer ertrunken sei. Als bereits viele Wochen verstrichen waren, begann sogar Mar⸗ celle das Schlimmste zu befürchten und ihre stillen Vorwürfe verwandelten sich in tiefe Trauer: aber sie konnte sich der⸗ selben nicht hingeben, denn sie hatte ihre Mutter zu trösten, die Hausarbeit zu verrichten, zum Brunnen zu gehen— kurz, jede Stunde des Tages war mit Arbeit ausgefüllt. Hätte sie sich ganz ihrem Kummer hingeben können⸗ sie wäre sicherlich zugrunde gegangen; so aber fand sie Trost und Ab⸗ lenkung in ihrer Arbeit. Ihre Wangen wurden wohl von Tag zu Tag bleicher, ihre Augen immer matter, aber ihr Gang blieb fest und sie behielt den Kopf hoch. Nie kam eine Klage über ihre Lippen, sie trug ihren Kummer für sich. Nur wenn sie sich hie und da abends zu Mutter Gwenfern schleichen oder ihren Kopf in den Schoß Genovevas drücken konnte, fand ihre bedrückte Seele durch Tränen Erleichte⸗ rung. Zu den Sorgen um ihre Brüder und Rohan gesellte sich noch eine neue. Mikel Grallon, den sie nie recht leiden ge⸗ mocht und den sie schon lange im Verdacht hatte, ein Auge auf sie geworfen zu haben, trat jetzt als offener Bewerber um ihre Gunst hervor. Nicht, daß er sie selbst mit seiner Wer⸗ bung belästigte— das hätte gegen die Kromlaixer Etikette verstoßen. Diese erforderte, daß der Jüngling, der sich um eine Maid bemüht, zuerst ihren Eltern und Verwandten Höflichkeiten erweise, sich mit ihnen ins Einvernehmen setzte, sich über die Vermögensverhältnisse und die Mitgift der Braut informiere und seine eigene Lage bekanntgebe. Mikel Grallon war ein wohlhabender Mann und ge⸗ hörte einer wohlhabenden Familie an. Er besaß sein eigenes Boot und war ein äußerst geschickter Fischer; auch gegen seine Person ließ sich absolut nichts einwenden, denn er galt als ein nüchterner, sparsamer und tüchtiger Bursch, war also eine begehrenswerte Partie. Ein besonders angenehmer Patron war Mikel Grallon dennoch nicht; die schmalen, dünnen Lippen, die kleinen, listigen Augen mit den darüber zusammengewachsenen buschigen Brauen deuteten durchaus nicht auf einen vor⸗ nehmen Charakter hin; der auf den kurzen, breiten Schultern sitzende Kopf war zu klein, um symmetrisch zu sein. Seine Gesichtszüge glichen eher geschlossenen Blättern als offenen Blüten und trugen nicht den gutmütigen Ausdruck, den den Wind Männern, die viel auf offener See sind, aufzuprägen pflegt. Man bemühte sich vergebens. darin zu lesen, sin bildeten nicht den Spiegel seiner Seele. Auf seinen Lippen schwebte stets ein verbissenes, geheimnisvolles Lächeln. Be⸗ zeichnend für seinen Charakter war die zähe Standhaftigkeit mit der er ein Ziel verfolgte. Was er sich vornahm, das setzte er früher oder später durch, wenn er sich auch nicht immer sehr lauterer Mittel bediente. 5 Marcelle schien nicht sonderlich erbaut, als sie seine „Werbung“ wahrnahm. Obgleich diese anfangs nut aus zwei- bis dreimal wöchentlich abgestatteten Abendbesuchen bestand, während welcher er kanm ein Wort mit ihr wechse be, fühlte sie sich beunruhigt. Jedesmal, wenn er in die K f trat, suchte sie nach einer Ausrede, um sich aus dem Hause entfernen zu können. Gelang ihr das nicht, dann wurde sie stets von einer fieberischen Unruhe erfaßt, denn Mikel Grallon wandte den ganzen Abend kein Auge von ihr u verfolgte jede ihrer Bewegungen mit bewundernden Bli. Jannick, der Grünschnabel, hatte die Sache bald und machte Grallon zur Zielscheibe seines Spottes. Er w nicht einmal durch das Geschenk eines neuen Bandes fir“ seinen Dudelsack zum Schweigen zu bewegen. Es macht. ihm unendliches Vergnügen, Marcelle zu necken. Zu seine“ Ueberraschung mußte er aber wahrnehmen, daß sie feine. spöttischen Bemerkungen und Anzüglichkeiten ee früher mit schlagfertiger Entrüstung beimzahlte, sondern site still duldete oder überhaupt nicht beachtete. Eine schwerke Last lag auf ihrem Herzen, eine entsetzliche Anast und. zweiflung. Die Außenwelt schien für sie jedes Interesse der, loren zu haben. Sie lauschte nach einer Stimme aus Meere oder dem Grabe; selbst in ihrem Schlaf lauschte — aber die Stimme ließ sich nicht vernehmen. (Jortsetzung folgt.) —— K — 2 5 entlafsung zu erwirken oder aber zumindestens auf einen beschleunigten Abschluß des gegen ihn geführten Unter- suchungsverfahrens zu dringen.“ Sämtliche Abgeordnete der Rechtsparteien haben es abgelehnt, sich für den Hoch⸗ verräter einzusetzen, worüber die Leute von der Freiheits- partei natürlich sehr böse sind. Sie schimpfen über die ehe⸗ maligen Generäle und Admirale, die sich als einstige Vor⸗ gesetzte Ehrhardts unter den Abgeordneten befinden und es nicht für nötig halten,„für die Freiheit eines so hochver⸗ dienten echt deutschen Mannes wie Ehrhardt eine Lanze zu brechen.“ Die Schuld an dieser Haltung ist nach der Ansicht der Graefe, Wulle und Henning darin zu suchen, daß auch die sogenannten nationalen Parteien ihre Partei über das Vaterland stellen. Damit ist bewiesen, daß Ehrhardt und in trauter Gemeinschaft mit ihm die Führer der deutsch⸗ völkischen Freiheitspartei die einzigen sind, die das Vaterland über alles stellen. 1 750 Milliarden für die Wittelsbacher. Die bayerische Republik, repräsentiert durch die Bayeri⸗ sche Volkspartei, die offen verfassungsseindliche deutsch⸗ nationale Mittelpartei nebst deren, zwischen Räterepublik und angestammtem Herrscherhause hin- und herpendelndem bauernbündlerischen Anhang, hat sich nicht entblödet, der Familie Wittelsbach als Schmerzensgeld für den Verlust ihres Thrones 750 Milliarden Papiermark zuzuschanzen. Als klug rechnende sorgsame Hausväter begnügten die Wittelsbacher sich mit einer baren Liebesgabe von nur 60 Millionen, da sie den Schwerpunkt ihrer Forderungen von Beginn der vier Jahre dauernden Verhandlungen an auf die Ueberlassung von Sachwerten gelegt hatten. Als solche kommen an erster Stelle in Betracht über 7000 Hektar vor- züglicher Staatswälder, dann Güter. Liegenschaften, Schlösser und Kunstschätze sowje Wohnungsrechte in den 1 8 verschiedener Landesteile. Damit aber das bayeri⸗ sche Volk die Erinnerung an die Dynastie nicht aufgibt, wer ⸗ den Teile der sehr zahlreichen Familie recht häufig von dem ihnen eingeräumten Rechte der unentgeltlichen Benutzung zweier Proszeniumslogen in den beiden Staatstheatern Ge⸗ brauch machen. Der Zweck dieser„Abfindung“ läuft darauf hinaus, den Glanz der Familie Wittelsbach aufrechtzu⸗ erhalten und die Wiederherstellung der Monarchie etappen⸗ weise herbeizuführen; so können die Prinzen und Prinzeß⸗ chen durch ihr Theaterprivileg auch persönlich dem Volke nähertreten. g Die bayerischen Reaktihnäre haben mit einem Eifer und einem Geschick, die sie niemals für das Reich oder die bayerische Republik aufwendeten, die Sache so gebreht, daß sie im Landtage bei der uu ern Parteikonstellation glatt durchgehen mußte. orarbeit hatten die Kronjuristen, insbesondere der Reichstags⸗ abgeordnete Dr. Beyerle, in ausreichender Weise geleistet. Sollte es sich doch um eine reine Rechtsfrage, beileibe nicht um eine politische Angelegenheit handeln. Da aber die Regierung selbst in der Begründung ihrer Vorlage zugestehen mußte, auf wie wacke⸗ ligen Füßen das„Recht“ der Wittelsbacher stand, so verlegte man ich auf die„gemütliche“ Seite und ließ das Milliardengeschenk als sustandspflicht des demokratischen Staates erscheinen, als Gegen⸗ tbr 1 Verdienste der Wittelsbacher um das Wohlergehen res Volkes.. a Der von der Regierung mit den Wittelsbachern abgeschlossene „Vertrag“ ließ weder eine Abänderung noch eine Prüsung ihrer nsprüche zu. Alles war hinter den Kulissen abgemacht Was mmerte sich die Gefolgschaft der reaktionären Landtagsmehrheit zum die historische Tatsache, daß durch das Zivillistengesetz die Apanageansprüche der Wittelsbacher den Charakter üffentlich⸗ rechtlicher Ansprüche erlangt hatten die durch die Revolution be⸗ seitigt waren? Was um die Freigebigkeit eines an einem Mil⸗ liardendefizit krankenden Staates, der angesichts einer sich täglich steigernden Not des arbeitenden Volkes einer qutsituierten Sippe Milliarden zuschiebt und ihr fürstliche Wohngelegenheiten ver⸗ schafft, wo Millionen fleißiger Menschen in Löchern hausen müssen? 4 Um dem Werke monarchistischer Liebestätigkeit die rechte Weihe zu geben, schuf man unter der Firma eines „Ausgleichsfonds“ eine öffentlich rechtliche Stiftung, die ihrem Wesen nach nichts anderes ist als ein Fideikomm's zu⸗ gunsten der Wittelsbacher. Die Verwendung dieses Fonds liegt ganz in ihrer Hand; nur bei Veräußerungen aus die⸗ sem Fonds steht dem Staat ein Vorkaufsrecht u. Sollten Lee Toten verbrennung. Heilige Flammen, o kehrt, kehrt wieder zurück, und gereinigt werde des Tods hinfort schnöde verpestete Luft! Möge zu Staub der Bestattende wieder die Leiche des Freundes sanft auflösen, und sanft sink' in die Asche der Schmerz! eder in reinlicher Urne, zunächst der bevölkerten Wohnung, ruhe der köstliche Rest aller Geliebten um uns! Die Bla etta⸗Spiele. Der Maler Blachetta ist der Urheber dieser Idee. Eine Heine Gruppe zum Teil junger Menschen mit einer mehr oder we⸗ niger starken darstellerischen Befähigung setzt jedes Privatinteresse hintan, ungeachtet der bedenklichen Tatsache, daß dabei auch ihre zukünftige, Lebensexistenz gefährdet ist, um abseits jeder öffentlich onerkannten Kunstbetätigung dennoch in weite Kreise der Bevölkerung die Idee ihres Führers hineinzutragen. Blachetta ist nicht der erste, der als typisch deutscher Ideologe solches versuchte. Aehnliche Ver⸗ suche mit der gleichen Gosinnung wurden vor ihm von andern Per⸗ sönlichkeiten erfolgreich eingeleitet. Hierher gehören auch die Haas⸗ Berkow⸗ Spiele. Schließlich rechtfertigt der Erfolg jedes noch so gewagte Unternehmen. All das ist ein Weg zur Erneuerung unserer dramatischen Kunst, die eben von Krise zu Krise um einen einheit⸗ lichen Stil ringt. Vielleicht bleibt für Dilettanten dieser Weg der am wenigsten schwierige. Mit einfachen Mitteln einfache Exeignisse aus dem Menschenleben, die symbolische Deutung geradezu fordern, dar⸗ zustellen, dazu bedarf es eines intensiven sprachlichen Ausdrucksver⸗ mögens und ekstatisch allgemein verständlicher Bewegungen, die weder ö noch erlernt erscheinen dürfen. Die technisch vollkommene Ausbildung eines Berufskünstlers scheitert da leicht an zuviel Ge⸗ Kaufigzeit komfliztecter Mittel. Gefangs⸗ und Tanzeinlagen geben den Blachetta⸗Splelen sinngemäße rhythmische Unterbrechungen, in denen sich die Erregung des Hörers sammeln kann und etwas be⸗ ruhigt wird. Mufik macht den prosaisch gestimmten Menschen an⸗ dächtig umd leitet sein Inneres aus dem hastigen Getriebe des All⸗ tags zu höheren Eingebungen des Geistes. Tanz lockert im Schau⸗ bedürftigen alle Hemmungen selbstiger oder gesellschaftlicher Art. So bleibt nur noch übrig, die Darstellung unabhängig zu gestalten in ihrem Gesamtausbau von allen kunsttheoretischen Eintagsforde⸗ rungen unserer Zeit, mögen sie sich zu den Gedankenkamplexen Na⸗ turalismus, Impresftonismus oder Expressionismus verdichtet haben. aber einmal, was bei der Fruchtbarkeit des Geschlechtes kaum eintreten dürfte, die Wittelsbacher bis auf das letzte Prin⸗ zeßchen ausgestorben sein, dann fallen die Schlösser, Wälder, Liegenschaften und Kunstschätze usw. wieder dem Staate zu. Bis zu dieser nebelhaften Möglichkeit haben die Anwärter der Nestauration einen Kampffonds gegen die Republik in der Hand, der gegebenenfalls sich zu einem neuen Reptilien ⸗ fonds entwickeln könnte. Frankreichs Krieg gegen ein wehrloses Volk. Dem Rheinischen Beobachter, einer Wochenschrift für das deutsche Selbstbestimmungsrecht an Rhein, Saar und Nuhr, herausgegeben von Dr. M. Scheidewin(Verlag Edmund Stein, Potsdam) Nr. 11 entnehmen wir folgendes Urteil des Holländers C. V. van Nossen über den französischen Einbruch ins Ruhrgeblet. In München deponierte kürzlich auf einem Wohltätigkeitsbazar ein hochgestellter englischer Offizier eine ansehnliche Summe mit dem Kommentar Dies zum Zeichen, wie ich jetzt über die Deutschen denke, nachdem ich sie kennen gelernt habe. Diese Re⸗ vision ist auch für viele meiner Landsleute geboten, vor allem für uns Kriegsgermanophoben! Laßt uns ehrlich sein. Der Krieg hat viele von uns aus dem Gleichgewicht gebracht, wir haben sinnlos gebrüllt⸗ und gezankt, wir haben anti⸗geflucht und pro⸗geschrien. Die gefährliche Psychose ist vorbei, die Ruhe ist zurückgekehrt, wir gehen unseren Geschäften nach und prüfen unsere Gefühle und ebertreibungen. Unser nüchterner Verstand fordert seine Rechte und straft uns mit dem einen Wort: Idioten! Wir sind leiden⸗ schaftlich antideutsch gewesen, haben die Deutschen als Hunnen, Barbaren und noch mehr hingestellt, haben uns in Ehrfurcht vor „La douce France“ gebeugtunnd wenn wir besonders arg unseren Koller bekamen, riefen wir: Jeder hat zwei Vaterländer, das seine und Frankreich. Wir hatten alles Recht der einen und alles Un⸗ recht der anderen Seite zugeteilt. In Frankreich hatten wir das ideale Menschentum, im Osten die Kinder des Teufels gefunden.. Seitdem bin ich viel in Frankr ich und Deutschland gewesen. Und diese Wahrheit hat mein ernüchterter Geist dabei jedenfalls erkannt. die Kulturvölker des Westens sind weder Engel noch Teufel. Als Meuschen sind wie Westeurcpäer höchstens die Vollendung der Mittelmäßigkeit. Die Deutschen aber Barbaren? Ach du lieber Gott. Wer glaubi noch an diese unsinnige Fabel? getrachtet man sie mit Aufmerksamkeit, so findet man Gaben und Schu ächen, Tugenden und Fehler. Aber Kriegsbarbaren? Mögen die Franzosen erst einmal ihre Geschichte von 1840 über die Er⸗ oberung von Algier nachlesen, ebe sie ein siegreiches Volk Barbaren schimpfen! Wir hatten die Franzosen auf ein hohes Piedestal ge⸗ stellt, wir betrachten das suggestive Bild mit Liebe, aber unwill⸗ kürlich kommt uns der Seufzer. Ist das unser großes Ideal? Wir hatten die Franzosen als ritterliche Figuren in den großen modernen Roman eingeführt. Wie ofr haben wir nicht gesegt: Wenn sie erst Sieger sind, wird sich zeigen, wie ein wahrhaft kultureller Sieger sich zu benehmen versteht. Sie sind es inzwischen geworden, sie zogen in friedliches Land, besetzten erober⸗ tes Gebiet und konnten der Welt ein prächtiges Vorbild von Ritterlichkeit und Humanktät geben. Und das Resultat? Daß die Besetzungsgeschichte zum Himmel schreit, daß der Ruf des edlen und hochherzigen Frankreich ins Reich der Fabel zu verweisen ist, daß sie recht zu siegen verstanden, aber den Sieg nicht würdig zu tragen wußten. Denn was hier in Deutschland geschieht, ist einfach schrecklich. Französische Arroganz und französischer Terror, französisches Un⸗ recht und französischer Militarismus auf deutsche Leisten geschuht. Alles Ableugnen von französischer Seite kann beiseitegeschoben werden, denn hier handelt es sich um Tatsachen. Der stärkste Be⸗ weis ist wohl in den Gefühlen der besetzten Bevölkerung zu finden. Wo man auch hinkommt, überall Verfluchung der Franzosen aus Herzensgrund. Zwar drückt die angelsächstsche Hand schwer, aber es bleibt die Hand eines Gentleman. Die französtsche Faust aber drückt wie die Faust eines brutalen Siegers. 6 Pharisäertum. Die eigentliche Triebkraft des Ruhr- wahnsinns ist der unter den düsteren Nebeln der Kriegs ⸗ psychose diktierte unehrliche und unsittliche Friede von Versailles, den uns Lloyd George und Clemenceau auferlegt haben. Ausgehend von ihrer These der Alleinschuld Deutschlands an dem größten Verbrechen der Weltgeschichte haben diese brutalen Pharisder die Mensch⸗ heit in brave und böse Völker eingeteilt, wobei die ersteren das Monopol für Recht und Gerechtigkeit besitzen und sich als moralische Engel alles erlauben dürfen, die letzteren aber Kinder des Teufels sind, gegen die man sich furchtlos alles erlauben darf. Ganz wie die antiken Kultur⸗ völker gegenüber den„Barbaren“, die mittelalterlichen Christen gegnüber den„Heiden“ empfanden und handelten. „Gottlob, daß ich nicht bin wie dieser Zöllner da!“ Uebrigens genau nach dem Rezept unserer Alldeutschen, die dem degenerierten Frankreich und dem perfiden Albion(und den 5 eden x W Der Geist der Dichtung muß daraus die künstlerische Einheit schaffen. Das ist den Blachetta⸗Spielern gelungen, von technischen Mängeln abgesehen. Worauf es im Grunde ankommt, das ist nicht, es ist ein Geschehen, einer spricht so, ein zweiter wieder anders, sondern was gespielt wird, welcher geringe Aufwand an Gedanken, der gerade wegen seiner Bescheidenheit so eindringlich wird, dem seelisch erreg⸗ baren Menschen zur Vertiefung seines Lebens eingeimpft werden soll. Der Kultsinm eines Volkes webt immer aus vielen Fäden, die in ihrer Mannigfaligkeit verwirren, leicht klare, dem Auge gemein⸗ verständliche Bilder aus dem Chaos des Lebens. Karl Stock. Die Salzblockade. Unter dem Titel„Weltbetrachtungen eines Japaners“ veröffentlicht der Verlag„Ausland und Heimat“ eine an die deutsche Oeffentlichkeit gerichtete Schrift, deren Verfasser, ein japanischer Gelehrter, sich S. Ikeda nennt. Dieses kleine Werk enthält einige recht hübsche Aufsätze, darunter die folgende Erzählung: Es gab einmal in der japanischen Lehnszeit zwei berühmte Fürsten, Takehda Shingen, Flürst von Kai, und Uyesugi Kenshin, Fürst von Echigo, deren Gebiete benachbart waren. Ständiger Streit herrschte zwischen ihnen, der aber nie zu einer Enibscheidung führte. Denn beide Fürsten geboten über annähernd die gleiche Macht, und sie waren gleich hervorragend als Persönlichketten wie als Kriegshel⸗ den. In einem ihrer Kriege num schickte ein dritter Fürst, der gerade kein Freund von Uyesugi, aber Takeda auch nicht besonders günstig gesinnt war, nicht die gewohnte Salzsendung an Takeda. Da Kai rings von Bergen umschlossen und vom Meer entfernt gelegen ist und Japan kein Steinsalz hat. sondern alles Salz aus dem Meere gewinnt, so war damit Takekdas Land einer vichtigen Salzblockade zutsgesetzt und die Bewohner von Kai gerketen in große Not, zumal die Japaner noch viel mehr als endere Völker auf Salz angewiesen sind. Als der Flirst von Echigo davon hörte, ließ er sofort aus seinem eigenen Lande Salz an Takeda schicken, indem er sagte:„Durch Krieg will ich meinem Feinde Abbruch tun; ich darf aber nicht ein ganzes Volk an seiner Gesundheit schädigen, indem ich ihm die nötige Nah⸗ rung vorenthalte.“ Diese Geschichte ist jedem Japaner von Kindheit an vertraut, ja ans Herz gewachsen, und sie gilt ihm als Vorbild echt ritterlicher Gesinnung.— An ste mußte ich beständig denken, als im Welkrieg die Alliierten über Deutschland die Blockade verhängten umd das ganze deutsche Volk durch Hunger bekriegten; und ich war sehr erstaunt darüber, daß sie sich so ganz anders verhielten als der japanische Lehnsfürst aus dem Mittelalter. Wer hat nun besser und richtiger gehandelt, Uyesugi oder die Alliierten? Die Darstellung bedi mur diefer Formen rein handwerklich le er ee en 1425 darzustellenden Handlung. minderwertigen Semiten) entgegenstellen. die germa ran edelmenschen Eine bürgerliche Zeitung über Reichs⸗ präsident Ebert. Ueber die Persönlichkeit des Reichspräsidenten urteilt auf Grund der Beobachtungen seines letzten Besuchs in Baden die bürgerliche Karlsruher Zeitung vom 19. Februar 1923 wie folgt: „Nachzutragen wären ein paar Bemerkungen über den Eindruck, den die Persönlichkeit des Reichs präsidenten bei diesem Besuch hinterlassen hat. Und da können diese Bemerkungen nur gipfeln in der erfreulichen Feststellung, daß das ganze Auftreten des Reichspräsi⸗ denten, seine Art sich zu geben, in allen Kreisen den denkbar besten Eindruck hervorgerufen hat. Reichspräsident Ebert besitzt eine beachtenswerte rednerische Begabung, er spricht klar und sachlich, eindring⸗ lich und überzeugend. Sein Auftreten ist das eines be⸗ sonnenen und klugen Mannes, der weiß, wie groß die Veranwortung ist, die auf seinen Schultern lastet. Wenn es darauf ankommen sollte, den Typus des deutschen demokratischen Staatsmannes zu zeichnen, so würde der Reichspräsident ein gutes Vorbild für diesen Typus abgeben. Er verfügt über die nötige Schlicht⸗ heit, aber auch über die notwendige Würde. Es ist ganz der Mann aus dem Volke, ganz der Mann, der sich mit jedem anderen Volksgenossen verständigen kann, aber gleichzeitig auch wieder der Repräsentant eines großen Staates. In seinen Reden und sonstigen Kundgebungen findet Ebert meist den richtigen Ton nationaler Würde und Entschlossenheit. Da er sich dabei von allen hurrapatriotischen Phrasen fernhalt, weiß er mit diesen seinen Reden auch das Herz des einfachen Mannes zu packen. Sicher ist. daß der Reichspräsident auch in weit rechtsstehenden Kreisen hohe Achtung genießt. Daß durch alle diese Momente die Einmütigkeit des deutschen Volkes bedeutsamerweise gestärkt wird, liegt auf der Hand. Weiter aber ist klar, daß auch der repu⸗ blikanische Gedanke, die Ideee des neuen Staates, an Werbekraft gewinnen muß, wenn der oberste Reprä⸗ sentant der Republik bei allen Schichten des Volkes, mit denen er in Berührung kommt, einen derartig vorteil⸗ haften Eindruck hinterläßt. Dessen wird sich jeder freuen, der selber ehrlich auf dem Boden des neuen Staates steht. Und diese Freude wird ihm auch dann nicht vergällt wer⸗ den, wenn uns die nächste Zujunft vielleicht noch härtere Opfer und damit größere Schwierigkeiten im Innern aufbürdet.“ Mit dieser objektiven Würdigung der Persönlichkeit des sozialdemokratischen Reichspräsidenten vergleiche man die ge⸗ hässigen Anwürfe deutschnationaler Blätter, denen Ebert so oft ausgesetzt gewesen ist. Lokale Parteinachrichten. Moethilft für die B. S. P. D. Bezirksverband Hefen. Für die Nothilfe der V. S. P. D. sind ferner Saber Beigeordneter Schulte⸗Worms 10 000. Aröoeiterse etãr Saxer⸗Worms 5000. Minister Raab⸗Jfungstadt 2. Nate 5000. Reg.⸗Rat Karcher⸗Darmstadt 5000/ Bürgermeister Ritzel⸗ Michelstadt 5000 /. Oberschulrat Diehl⸗Darmstadt 5000, Ge- nosse E V. Sstenbach 5000/ Gen. Chr. St und H. H.⸗Offenbach je 3000 /. Landtagsabg. Anthes⸗Sprendlingen 2000% Gen. Bum⸗ Friedberg 1000 /, Gen, Blei⸗Seligenstadt 500 J. Cen. Thönges⸗ Burg⸗Gräsenrode 500. Gen. Funk⸗Leihgestern 500. Gen. W. Pfeiffer ⸗Birklar 150 /. Tellersammlung in Grüningen i. Obh. 500 /. Tellersammlung in Saasen i. Obh. 150 l. Zusammen 52 342.— Mark bereits quittiert 43 700.— Mark insgesamt 96 042.— Mark. * 6. Agitationsbezirk Gießen, Alsfeld, Lauterbach. Kursus für Wohlfahrtspflege und Jugendfürsorge. An die Ortsvereinel Auf Veranlassung des Landeswohl⸗ fahrtsausschusses findet für den 6. Agitationsbezirk ein Kursus be⸗ stehend aus 4 Vorträgen zur Einführung in das Reichsjugendwohl⸗ fahrtsgesetz in Gießen im Gewerkschafts haus statt: Sonntag, den 25. März, nachmittags 2½ Uhr: 2. Vortrag: a) Die Jugendwohlfahrtsbehörden nach dem Reichs⸗ jugendwohlfahrtsgesetz. b) Die Jugendämter, ihre Zusammensetzung. Ver⸗ fassung und Verwaltung. Referent: Dr. Aaron, Rechtsanwalt, Gießen. Sonntag, den 8. April, nachmittags 2½ Uhr: 3. Vortrag: Wohlfahrtspflege und Jugendfürsorge in der Praxis und ihre Anwendung und Durchführung durch die Organe der Gemeinden. Referent: Beigeordneter Delp-Darmstadt. Sonntag, den 22. April, nachmittags 27 Uhr: 4. Vortrag: Die rechliche Stellung zwischen Eltern und Kind und das Vormundschaftswesen. Ref.: Rechtsanwalt Homberger, Gießen. Wir erwarten bestimmt, daß sich unsere Genossinnen und Ge⸗ nossen im besonderen diesenigen, die in der sozialen Fürsorge tätig sind, zahlreich betelligen. Um es den weiblichen Mitgliedern entfernter Ortsvereine zu ermöglichen, an dem Kursus teilnehmen zu können, wird das Fahr⸗ geld verglitet. 1 Mit Parteigruß! J. A.: H. Häuser. 0* Soztaldemokratischer Kreiswahlverein Friedberg⸗Büdingen. Sonntag, den 25. März d Js. vormittags 9 Uhr findet in Butzbach bei Gen. Verszinski, Schloßstraße, die diesjährige ordentliche 8 Bezirkskonserenz statt. Tagesordnung: 1. Die politische Lage. Referent Gen. Widmann. Offenbach. 2. Ein Gang durch die Wirtschafts⸗ geschichte. Referent Gen, Schilling. Lollar. 3. Vorstandswahl. 4. Anträge Verschiendenes. Der umfangreichen Tagesordnung halber bitte um zahlreiches und pünktliches Erscheinen. Mit Parteigruß! Die Bezirksleitung: J. A.: Miitiertfür die Sberhestshe Boltzeinug e e Stern, Orledel. PF Carl Frensdorf. Gießen w ne A Herren-Bekleidung N Billige Preise! 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Unter den Büschen, unter den Hecken gab es ein Lockern, Sichheben und Strecken, Keime trieben und Säfte stiegen,— Wind kam, die schwanken Zweige zu wiegen,— Alles in einer linden Nacht: Lenz war erwacht 1 Doch als er Umschau hielt im Gelände, wo er am ehesten Gaben spende, kam ihm die Welt so verändert vor: Nirgends mehr helle lachende Lichter, überall ernste und bleiche Gesichter, daß ihm das Herz im Leibe fror Tücke fauchte und Mißgunst und Hassen! War denm die Welt ganz von Liebe verlassen und von Hunger und Elend bedroht? Wucher vergiftete alle Quellen und vor den Türen und auf den Schwellen hockte grinsend Gevatter Tod. Ja, die Welt ward ein Reich der Tücke! Und der Frühling verhüllte die Blicke,— machtlos ihm all' sein Wollen erschien! Doch, wo er hintrat mit rosigen Füßen, sah man dennoch die Blumen sprießen und die kahlste Erde ward grün! Und es hörten die Sonnenstrahlen nicht auf, goldige Kringel zu malen: alles ward wieder Glanz und Pracht! Und dem Elend, so schwer es auch drückte, ward von neuem der lichtuntzückte, freudenspendende Lenz erwacht! L. 7 5 RNuhrhilfe. . An das Gewerkschaftskartell Gießen gingen weiter ein: Personal der Heil⸗ und Pflegeanstalt Gießen 14 900.—% del iter der Firma Bänninger, Gießen 108 350 Arbeiter d. Hartstein⸗Industrie, Nieder⸗Ofleiden 113 050.— Transportarbeiter Gießen 4 600 Dien Gebern besten Dank. Gewerkschaftskartell Gießen und Umgegend. Metallarbeite— + Metallarbeiter der Firma Kaufmann Gießen 11 380.— 4 — Stadtverordneten⸗Versammlung. (Schluß) Dis Beerdigungen auf dem neuen Friedhofe sollen vom Id 1 April ab nur des Nachmittags vorgenommen werden. Für die ben,„ Wsnahmsweise Zulassung einer Beerdigung am Vormittag ist ein 12(ebührenzuschlag, der auf dem jeweiligen Arbeitslohn beruht und — diammen mit den übrigen Gebühren entsprechend zu verändern Str.“ zj erheben. Die Höhe derseiben wird jetzt auf 2000 Mark im An mmer und 6000 Mark im Winter festgesetzt. Die Versamm⸗ be dug stimmt dem zu.— Die Wiegegobühren an den städt. 75 kagesl werden mit sofortiger Wirkung auf 10 Mark pro Zentner — —— 22 — ele W * N * N bbdtischen Arbestern abschloß wird genehmigt. N teöht, die Mindestgebühr soll 80 Mark betragen.. . Dem Abschluß eines Nebentarifs, den die Stadtverwal⸗ bag mit Zustimmung der Bau⸗ und Betriebsdeputation mit den Der Tarif ist 4 1. Januar in Kraf: getreten.— Für die Lohnerhöhung städeischen Arbeiter vom 15. Februar bis 31. März wird der erorderliche Kredit in Höhe von 30 210 000 Mark bewilligte. Die Endtverwallung wird ermächtigt, die jewells vom Rhein⸗Main⸗ Pbeitgeber⸗Verband sestgesetzten Löhne auszuzahlen. 1 Als Veitrag zum Arbeitgeberverband wird ein didit von 20 000 Mark bewilligt. 4 Die Zuständigkeit der Vergebung von Arbeiten ud Lieferungen innerhalb des Rahmens der bewilligten Fbbedite wird ab 1 Januar wie folgt erhöht: für die Direktoren „ städtischen Werke bis 1.5 Millionen Mark, für den Oberbürger⸗ wfiister bis zum Betrage von 3 Millionen Mark, mit Zustimmung e Finanzausschusses bis zu 6 Millionen Mark. Der Aktiengesellschaft Gießener Volksbad wird ein dorlehen von 1 Million Mark gewährt.— Bierau wünscht dabei, a; Karten zu billigerem Preise für Arbeiter zur Verfügung ge⸗ 0 elt werden möchten. Das Schulgeld für die höhere Mädchenschule wird u jährlich 6000 Mark und für die erwellerte Mädchenschule auf 500 Mark mit Wirkung vom 1. April 1929 an festgesetzt. Es bt vorbehalten diesen Betrag nötigenfalls einer weiteren Geld⸗ mwertung anzupassen. Für Schülerinnen beider Schulgruppen, geren Eltern ober sonstige Unterhaltungspflichtige nicht in Gießen, iber in Hessen, wohnen wird ein Schulgeldzuschlag von 50 vom ssundert, für Schülerinnen, deren Eltern pp. nicht in Hessen woh⸗ ein solcher von 100 Prozent erhoben. Ausländer zahlen den sachen Grundbetrua. Das Schulgeld kommt in zwei Zielen i Erhebung und zwar das erste Ziel sofort und das andere Ziel n 1. Oktober 1923. Stadtv. Schmahl beantragt, von Aus⸗ ndern den 20sachen Betrag zu fordern. Der Antrag wird an⸗ bommen gegen die sozialdemokratischen Stimmen. Freie Lornmittel an der Volks⸗ und Fort⸗ ungsschule. Die Schuldeputation und der Finanzaus⸗ beantragen: der Antrog der Fraktion der U. S. P.„die mittel in den Volksschulen unentgeltlich abzugeben“, wird ab⸗ ühnt. Es sind wie bisher freie Lernmittel nur für die Kinder kremittelter Gemeindeeinwohner auf Kosten der Stadt zu be⸗ beffen, mit der Maßgabe, daß im Schuljahr 1923 die Einkommens⸗ deze bei einem schulpflichtigen Kinde auf 400 000 Mark festgesetzt id. Für jedes weitere Kind unter 18 Jaheen soll die Einkom⸗ eesgrenze um 100 000 Marf erhöht werden. Kinder mit eigenem stkommen über 72 000 Mark bleiben bei der Kinderzahl unbe⸗ Jiocsichtigt; der hierfür erforderliche Kredüt von 5 Millionen erk wird bewilligt. Bea De. Seib führt aus daß die Ver⸗ 9 klichung des Antrages der U. S. P. vom vorigen Jahre die Lebt ca. 25 Millionen Mark kosten würde. Mit dem vorge⸗ Iuggenen Betrage könnten 900 Kinder die Lernmittel goliefert 9 den.— Stabtv. Schmidt weist darauf hin daß die Preise Bücher und der Übrigen Lernmittel derart gestiegen sind, daß zrmg bemittelte Leute ihren Kindern die Sachen nicht anschafsen innen. Es wäre daher im Inleresse der Erziehung und des Hulbetvebs eine Pflicht der Stadt, die notwendigen Sachen zu Atbassen. Redner wendet sich im Weiteren gegen die Einwen⸗ irgen, die gegen die Lieferung freier Lernmittel vorgebracht uden.— Mindessens sollte man die Einkommensgrenze bis zu freie Lernmittel gewährt werden follen, auf 900 000 Mark zufsetzen. Beide Anträge werden jedoch abgelehnt: der rug ber Ausschüsse würd angenommen.— Für Schreib⸗ materialien und Lernmittel flir Volks⸗ und Fort⸗ bildungsschule wird der früher bewilligte Kredit auf 500 000 Mark erhöht. Für Oelen der Fußböden in den Schulgebäuden werden 2391514 Mark bewilligt.— Für die Benutzung von zwel Konfirmandensalen der evangelischen Gesamtgemeinde würd 15 000 Mark jährlich Vergütung bewilligt. Die Sanitätskolonne dankt für den ihr gewährten Zuschuß. Hilfe werde geleistet ohne nach Bezahlung zu fragen.— Wegen der Schiffenberg⸗Frage(der als Tierschutzinstitut in An⸗ spruch genommen werden sollte) hat eine Studenten⸗Vereinigung eine Eingabe an die Stadt gerichtet. Diese Eingabe wird für erledigt erklärt.— Zum Schluß erfolot eine längere Aussprache über die Milch⸗ versorgung, wozu Beig. Dr. Seib längere Ausführungen macht. Jugendfürsorge und Wohlsahrtapflege. Mit diesem Gegenstand beschäftigte sich ein Kursus, der am Sonntag nachmittag im Gewerkschaftshause abgehalten wurde. Im Auftrage des Bezirksvorstandes eröffnete Genossin Noll am Sonntag nachmittag im Gewerkschaftshause den Kursus für Jugendfürsorge und Wohlfahrtspflege. Sie wies auf die Bedeu⸗ tung der Vortragsreihe, die nun beginne, hin, schilderte in großen Umrissen den Werdegang des Jugendgerichts- und Jugendpflege⸗ gesetzes und erteilte dann dem Referenten, Gen. Rechtsanwalt Dr. Aaron, das Wort zum Vortrag. Der Referent sprach über das Jugendgerichtsgesetz in klarer, allgemein verständlicher Weise. Er führte zunächst aus, welche Voraussetzungen überhaupt erfüllt sein müssen, um ein Strafverfahren gegen einen Jugend⸗ lichen von 14 bis 18 Jahren einzuleiten, dabei betonend, welche milderen Bestimmungen das neue Gesetz enthält und ging dann dazu über, den Aufbau des Verfahrens bis zum abschließenden Ur⸗ teil zu erläutern, wenn ein Jugendlicher eine Tat begangen, welche eine strafrechtliche Verfolgung erheischt. Der Referent legte hierbei im besonderen dar, daß sich das ganze Verfahren nur in engster Fühlungnahme mit dem auf Grund des Jugendwohlfahrts⸗Gesetzes zu errichtenden Jugendamt voll⸗ zieht, daß das Jugendamt berechtigt ist, dem Jugendlichen einen Beistand zu stellen, daß die Verhandlung gegen einen Jugendlichen nicht mehr öffentlich geführt wird, daß dem Jugendlichen, wenn eine Bestrafung erfolgt, schon gleich im Urteil eine Bewährungsfrist ge⸗ währt wird, daß neben der Verurteilung zur Strafe gleichzeitig auf Erziehungsmittel erkannt werden kann, daß an Stelle bes seit⸗ herigen gericktlichen Verweises, welcher eine Bestrafung darstellte, welche in den Strafregistern als Vorstrafe geführt wurde, die ge⸗ richtliche Verwarnung tritt, welche nicht als Strafe in das Straf⸗ register eingetragen wird, usw. Durch Gegenüberstellung des neuen Gesetzes mit den früher geltenden Bestimmungen zeigte er die wesentlichen Verbesserungen des neuen Gesetzes auf dem Gebiete der Jugendstrafrechtspflege, dessen Grundtendenz sich dahin zusammenfassen läßt: Erziehungs⸗ mittel statt Strafe. Der Beifall der Versammlung dankte dem Referenten für seine belehrenden Ausführungen. In der Aus⸗ sprache erteilte der Referent auf einige Fragen aufklärende Ant⸗ wort. Allgemein wurde bedauert, daß der Besuch des Vortrages nicht zufriedenstellend war. Die Genossinnen und Genossen sollten wirklich durch regere Anteilnahme die Bestrebungen der Partei und die immerhin nicht geringe Arbeitsleistung eines Referenten dankbar anerkennen und igen. Genossin und Genossen waren anwesend aus Nieder⸗Gemün⸗ den, Lollar, Beuern, Daubringen, Staufenberg und Gießen. Zu den folgenden Vorträgen wird unbedingt die Entsendung von Vertretern von allen Ortsvereinen des 6. Agitationsbezirks erwartet, zumal das Fahrgeld sofort vergütet wird. Den 2. Vor⸗ trag am Sonntag, den 25. März, nachmittags 2% Uhr im Gewerk⸗ schaftshause hält nicht, wie vorgesehen, Genosse Dr. Aaron, sondern Genossin Quarck aus Frankfurt a. M. Die Genossinnen und Ge⸗ nossen werden jedoch schon jetzt gebeten, die Oberhessische Volks⸗ Farunf genau daraufhin nachzusehen, ob der Vortrag, mit Rücksicht arauf, daß die Referentin von auswärts kommt, auch bestimmt stattfindet; eine entsprechende Bekanntmachung erfolgt. — Gegen Völlerei und Alkoholmißbrauch. Im letzten Amtsver⸗ kündfgungsblatt richtet das Kreisamt Gießen eine Bekanntmachung an die Bürgermeistereien und die Gendarmerie⸗Stationen, in der Anordnung gegeben wird, gegen die Trunkenbolde streng einzuschrei⸗ ten. Die Polizeibeamten haben dafür zu sorgen, daß Betrunkene so rasch als möglich von der Straße verschwinden, sie sollen in Ge⸗ wahrsam genommen werden, bis sie wieder nüchtern geworden sind. Außerdem follen die Polizeibeamten Anzeige aus Artikel 219 des Polizeistrasgesetzes erheben, fernerhin der Gemeindebehörde von je⸗ dem Falle anstößiger Trunkenheit Kenntnis geben, um Einleitung geeignete Fürsorgemaßnahmen zu veranlassen. Auf die Wirtschaften, in denen Betrunkenen Alkohol verabreicht wurde, soll besonderes Augenmerk gerichtet und die betreffenden Wirte verwarnt, unter Umständen gegen die Wirte mit dem Antrag auf Konzessionsent⸗ ziehung vorgegangen werden.— Es kann nichts schaden, wenn gegen Völlerei und Trunkfucht vorgegangen wird, ob man das Uebel aber durch Zwangsmaßnahmen ausrotten wird, ist fraglich. Die Sekt⸗ fäufer wird mon jedenfalls nicht erwischen, die halten meistens ihre Gelage zu Hause ab.... Was der Polizei in die Hände fällt, dürfte sich aus den„untersten“ Volksschichten rekrutieren.— Nach Artikel 219 des hessischen Polizeistrafgesetzbuches sollen Trunkenbolde, welche im Zustande ihrer Trunkenheit öffentliches Aergernis erregen, mit Haft von 5—14 Tagen belegt werden. — Vrotmarken⸗Ausgabe findet morgen, Donnerstag, 22. und Freitag, 23. März in den Brotmarkenbezirken statt. Für die Be⸗ zugsberechtigten mit den Anfangsbuchstaben A—dK am Donnerstag, für L—3 am Freitag. Auf die Bekanntmachung im heutigen Blatte sei hiermit aufmerksam gemacht. — Posthelser als Briefmarder. Am Samstag wurde hier ein Posthelfer in Haft genommen, welcher auf seinen Bestellungen ein Hauptaugenmerk auf Briefe aus Amerika hatte, diese auf ihren Inhalt umtersuchte und in einigen Fällen die in den Briefen vorgefundenen Dollarnoten an sich nehm. Die so in seinen Besitz gekommenen größeren Gelbbeträge vergeudete er beim leidenschaft⸗ 7 Kartenspiel, das besonders in einem hiesigen Café betrieben wird. — Mißglückter Schwindel. Ein Schwindler, der in anderen Städten Kognak erbeutt hatte versuchte am Samstag einen hiesigen Gesckäftsmann dadurch hineinzulegen, daß er 8 Flaschen Koanak telephonisch nach einer bestimmten Wohnung bestellte. Der Geschäfts⸗ inhaber schickte die 8 Flaschen Kognak in das betreffende Haus. Der Schwindler verpaßte den Ueberbringer und der Inhaber war vor Schaden bewahrt. Vor dem Schwindler wird gewarnt. — Verhaftete Schwindler. Festgenommen wurde am 16. März der 18jährige Sohn eines hiesigen Handelsmannes, der hier und in anderen Städten auf sehr großem Fuße lobte, ohne einer geregelten Arbeit nachzugehen. Um in Besitz von Geld zu kommen, stellte er bei Einkäufen Schecks aus, ohne überhaupt ein Konto zur Deckung zu haben. Die so erhaltenen Waren verschleuderte er. Das Geld ver⸗ praßte er.— An demselben Tage wurde der 19jährige Sohn eines früheren Geschäftsinhabers festgenommen, welcher es verstanden hatte, frühere Schuhlieferanten seines Vaters zu täuschen, ihnen für mehrere Millionen Mark Schuhe abschwindelte und die Schuhe auf dem kürzesten Wege umsetzte. Das so erhaltene Geld verjubelte er in lockerer Gesellschaft. — Heuchelheim. In der am 14. März stattgefundenen Ge⸗ meinde ratssitzung wurden 12 Gegenstände beraten. Zwen Gesuche um Uebeclassuna von Bauplätzen wurden befür⸗ wortet. Die Bedingungen, ob dieselben mit Wiederkaufsrecht im Erbbaurecht abgegehen werden soll in einer nächsten Sitzung beschlossen werden.— Ein Antrag des Heinrich Gernandt, Käse⸗ fabrik, um Ueberlassung eines Geländestreisens von zirla 24 Quadratmeter zur Errichtung eines Wasserabflusse⸗ wurde genehmigt unter der Bedingung, daß das fragliche Gelände bei etwaigem Bedarfsfalle der Gemeinde zum gleichen Kaufpreise zu⸗ rückgegeben werden soll.— Die Herrichtung eines Stalles für den Gemeindeeber wurde beschlossen.— Die seitherigen, noch sehr niedtigen Wiegegebühren wurden zu etwas zeitgemäßeren Sätzen festgesetzt.— Für ein Stück Großvieh 200 Maxk, ein Schwein 150 Merk und Kleinvieh 100 Mark.— Die Friedhofs ⸗ polizei⸗Verordnung wurde gutgeheißen, und eine Er⸗ höhung der Vergütung für Erbbegräbnisse auf die nächste Sitzung vertagt.— Die von der Gemeinde angeschafften Särge sollen je⸗ dem Gemeindeangehörigen bei Bedarf auf Autrag zur Verfügung gestellt werden und zwar gegen eine Vergütung nach der Leistungs⸗ fähsgkeit des Antragstellers welche von der Finanzkommission fest⸗ gesbellt werden soll.— Die vom Kreisamte sestgesetzten Ge⸗ bühren für Feuervisitation von 1000 Mark für einen halben Tag und 2000 Mark für den ganzen Tag wurden gutge⸗ heißen.— Die Vergütung für den Törster wurde auf 30 000 Mark und für den Oberförster auf 15 000 Mark erhöht.— Das Gehalt der Krankenschwester wurde auf 30 000 Mart monatlich festgesetzt bei freier Wohnung. Licht und Brand.— Zu Beisitzern und Stellvertretern des Mieteänigungs⸗ amtes wurden außer den seitherigen noch Georg Cloos Schuh⸗ macher und Albert Volkmann. Sattler, neu hinzugewählt.— Die Anschaffung der erforderlichen Küchengerätschaften für die Mäd⸗ chenfortbildungsschule wurde beschlossen.— Die v Elektrizitätswerk Gießen vorgeschlagenen Neuanlagen im O Heuchelheim konnten wegen der ungeheuren Kosten nicht befür⸗ wortet werden, da in der Gemeinde keine Mittel vorhanden. g. — Watzenborn⸗Steinberg. In der Gemeinderatssitzung am 8. März wurde die Ermittelung und Festsetzung der Rentensätze für Alt⸗ und Kleinrentner dem Finanzausschuß überwiesen.— Auf Antrag wurden 2 Personen als Ortsbürger aufgenommen. Der Unterbringung und Fürsorgeerziehung eines zu Ostern schulentlasse⸗ nen Jungen wurde vom Geeminderat zugestimmt.— Zwecks Be⸗ schaffung von Holz für Wohn ungsbauende sollen Ermitte⸗ lungen beim hessischen Staat eingezogen werden. Die Finanzierung des Wohnungsbaues wird zurückgestellt.— Für Ruhrspende innerhalb unserer Gemeinde gingen ein 230 Pfd. Roggen, 1174 Pfd. Gerste und 81910 Mk. in bar.— In der Gemeinderats⸗ sitzung im 17. März wunde die Errichtung einer Mä 0 bildungsschule wegen der derzeitigen unsicheren Finanz⸗ und Wirt⸗ schaftsverhältnisse und wegen der Beschaffung von Lehr⸗ und Lern⸗ mittel bis zum Jahre 1924 zurückgestellt.— Dem Wirtschaftsbund der gemeinnützigen Wohlfahrtseinrichtungen Deutschlands soll auf Grund ungenügender Auklärung über diese Körperschaft vorläufig nicht beigetreten werden.— Wegen unnützen Wasserver⸗ brauchs aus dem Ortsnetz der Wasserleitung durch einen Mühlen⸗ besitzer, wird von diesem als Entschädigung 20 Pfund Weizenmehl für Ortsarme gefordert. Dieses Mehl soll unter 5 Ortsarme zu Ostern verteilt werden.— Die Anordnung zur ihrung des Reichsmietengesetzes, wie sie das Kreisamt festgesetzt hat, wird angenommen. Ebenso werden die neuen Hundertsätze der Reichs⸗ miete, vorbehaltlich der Zustimmung durch die Mieter und Ver⸗ mieter, angenommen.— Die Finanzierung der Wohnungsbauvor⸗ habenden wird an den Finanz⸗ und Bauausschuß zur ü Regelung überwiesen. Es soll ein Bauprogramm ausgearbeitet ö einer Bürgerversammlung vorgelegt werden.— Auf Antrag wer⸗ den wieder 4 Personen els Ortsblürger aufgenommen.— Einem Antrag auf Renovierung und Vergrößerung des Rathauses wird zugestimmt. Ein diesbezüglicher Voranschlag soll angefertigt und ein Techniker gehört werden.— Den Schuldienern wird eine ein⸗ malige Teuerungszulage in Höhe eines Monatsgehaltes bewilligt, außerdem soll Schuldiener Fellmeth für Lichtgeld eine weitere Ent⸗ schädigung von 2000 Mk. erhalten.— Die Forderung des Wasser⸗ wärters wird abgelehnt weil durch diese Bewilligung der Vertrag durchbrochen würde, hingegen wird ihm auf sein Gehalt von 25 000 Mark eine Zulage von 15000 Mark ab 1. April 1923 bewilligt.— Der Schreibgehilfe auf dem Bürgermeisterbureau wird auf seinen Antrag von Gehaltsstufe 2 in 3 versetzt.— Dem zweiten Feldschütz Schmidt wird sein Monatsgehalt von 5000 Mark auf 18 000 Mark ab 1. März 1923 erhöht.— Die Vergütung der Friedhofswärter für 1 Grab wird von 1200 auf 4000 Mark festgesetzt.— Die Hol z⸗ hauer sollen das nach dem Tarif zustehende Holz erhalten.— Die Holzversteigerung im Gemeindewald wird vom Gemeinderat genehmigt. Es wurde bei der Versteigerung ein Erlös von 25 723 000 Mark erzielt, ausschließlich des Holzes für Minderbe⸗ mittelte. Minderbemitteltenholz erhalten in unserer Gemeinde neun⸗ zehn Personen.— Die Fürsorge für die K. B. und E. B. wird von der Gemeinde übernommen, in der Weise, daß die K. B. hierher in ihr Wohnhaus zieht. Die Anstaltspflege wird vom Gemeinderat ab⸗ gelehnt. Die E. B. foll in privater Pflege in der Landwirtschaft untergebracht werden.— Alsdann wurden noch 2 Tagesordnungs⸗ punkte nichtöffentlich verhandelt, weil es sich bei diesen Punkten um persönliche Angelegenheiten handelte. Dis reichhaltige Tagesordnung fand erst nach der 2. Morgenstunde ihr Ende. 15 — Grünberg. Morgen, Donnerstag, den 22. März findet hier ein Viehmarkt statt. Der Auftrieb darf in der Zeit voe 7-8% Uhr vormittags stattfinden. Kreis Alsfeld⸗Lauterbach. X. Alsfeld. Gemeinwirtschaft Ob erhessen. Der Stbadtvorstand verhandelte kürzlich üder den Beitritt zur Gemein⸗ wirtschaft Oberhessen. Nachdem die Angelegenheit vorher schon in der Finanzkommission gründhch durchberaten war, der Bürger⸗ meister noch etwa gewlinschte Aufklärungen gab, wurde der Bei⸗ tritt einstimmig beschlossen. n. Alsfeld. Der Bruderkampf in Ruhlkirchen. Im benachbarten Ruhllirchen hat am vorigen Samstag der jiingere Sohn des Müllers Lang seinen älteren Bruder Karl im Verlause eines Streits durch Revolverschüsse erheblich verletzt. Der jüngere der zusammen mit dem älteren Karl im väterlichen Gute tätig ist, hatten in letzter Zeit wiederholt Streit. Man ver⸗ mutet, daß die Ursache wohl davin liegt, daß der Vater beabsichtigt, das Amvesen(Mühle) und Landwirtschaft dem älteren, unver⸗ heirateten Karl zu übergeben und den jüngeren verheirateten Gott⸗ fried beisette zu setzen. Am letzten Samstag wollte nun der Gott⸗ fried nach Alsfeld fahren, um Geschäfte zu erledigen. Bevor er den Weg ant spat. gina er. da er nicht in der Mühle, sondern im Dorse wohnt. nochmals in die Mühle, um etwas Mehl mit nach eld zu nehmen. Bei dieser Gelegenheit gerieten die beiden Brüder wieder in Streit, in dessen Verlauf der ältere Karl mit einer Schaufel auf den jüngeren Gottfried losgeng. Um sich zu wehren, zog nun der jüngere Gottfried einen Revolver und schoß auf den Bruder, der in Arm und Hals getrofsen liegen blieb. Der Tätec hat sich darauf dem Gerichte freiwillig gestellt. Obwohl der Verletzte ansangs schwer darniederlag, hat sich der Zustand bis jetzt vecht gut gebessert sobaß anzunehmen ist, daß der Geschossene mit dem Leben davonkommen würd. e. Ilbeshausen. In Hochwaldhausen wurde in das Sommer— hales des Herrn Prof Dr M Flesch aus Fraukfurt vorige Woche eingebrochen und verschieders Gegenstände gestohlen. Der Eligen⸗ Tamer S7. Kleine Nachrichten. Es w 210240 000, Der Mackt wurde bei langsamem Handel geräumt. Frankfurt a. M., 19. März. börse. Bei Weizen Mk. (la Plata) 90—94 000, Erbsen Wir geworden. Schnelligkeit * erraum zusammen. uund rauchende imer Sate des Somftertaus imc Anbau vergrößert und de⸗ ab sühtiot ständigen Aufenthalt in Hochwaldhausen zu nehmen. Frankfurt a. M., 19. März. Frankfurter Viehmarkt. Auftrieb 117 Ochsen, 42 Bullen, 963 Färsen, 168 Kälber, 148 Schafe und 1179 Schweine, sowie 23 amerikanische und 20 dänische Rinder. n bezahlt für einen Zentner Lebendgewicht: Ochsen Mk. 120240 000, Bullen Mk. 140— 200 000, Färsen und Kühe Mk. 120 bis 240 000, Schafe Mk. 90—170 000, Kälber feinster Qualität Mk. mittlerer Qualität Mk. 170—200 000, Qualität Mk.—.—, Schweine umter 80 Kilo Mk. 200— 250 000, von 80-100 Kilo Mk. 250—270 000, über 100 Kilo Mk. 260— 280 000. Frankfurter Getreide⸗ schwächerer Geschäftslage wurden bezahlt für je 100 Kilo 8790 000, Roggen Mk. 85—88 000, Gerste Mk. 70 bis 78 000, Hafer, inl., Mk. 4560 000, ausl., Mk. 7780 000, Mais (Mixed) Mk. 90—95 000, Weizenmehl Mk. 135—170 000, Roggenmehl 108115 000, Kleie Mk. 40—45 000, Mk. 120.150 000, Biertreber Mk. 50— 52 000. Brand des Staatstheaters in Wiesbaden. Das Staatstheater, das frühere königliche Theater, ist Sonntag abend aus bisher nicht aufgeklärter Ursache ein Raub der Flammen erfahren darüber folgende Einzelheiten: Minuten nachdem die letzten Zuhörer die Vorstellung von Wagners WMRiengi“ verlassen hatten, ertönte aus dem Hause eln dumpfer Knall, dem sofort ungeheure Stichflammen aus allen Fenstern des Kulissen⸗ 8 bauses folgten. Wenige Minuten später lohten haushohe Flammen in den dunklen Nachthimmel auf und verbreiteten sich mit rasender l über das Kulissenhaus, den Zuschauerraum und die 1 8 Die Feuerwehr konnte sich nur auf die Rettung der Nach⸗ 1 sebäude beschränken, über denen ein ungeheurer Funkenregen ing. Krachend stürzte nach etwa 20 Minuten die große Kuppel Zuschau⸗ Nach knapp dreistündigem waren von dem stolzen Bau nur noch kärgliche Mauerreste 0 verwah Stunde übersehen läßt, nicht zu Schaden. Ueber die mutmaßlichen Ursachen meint der Intendant Dr. Hagemann, der sich hrend geringerer Wenige rascht wurde, daß vielleicht an der Gasleitung etwas nicht in Ord⸗ nung gewesen sei, daß möglicherweise auch Kurzschluß in Frage komme.— Soweit es möglich ist, wird der Theaterbetrieb im soge⸗ nanmten„Kleinen Haus“ dem früheren Residenztheater fortgeführt.“ An einen Wiederaufbau st vorerst nicht zu denken. Ein derartiger Bau würde ungezählte Milliarden verschlingen. Das Staatstheater wurde vor genau 30 Jahren in der Zeit von 1892—94 nach den Plänen von Fellner und Helmer erbaut. 1901 und 1902 erhielt das Pvachtgebäude, das auch theatertechnisch mustergültig war, einen von Baurat Genzmer im Barock gehaltenen Anbau(Foyer usw.), der im Innern herrliche Dekorationen enthielt. e Großer Platindiebstahl. Aus einer Hanauer Fabrik wurde in einer der letzten Nächte eine Platinstange vom 50 Zentimeter Länge und 4 Millimeter Dicke die mit Iridium legiert ist gestohlen. Der Wert des ge⸗ stohlenen Objektes beträgt viele Millonen Mark. Von dem Täter fehlt jede Spur. Im Berliner Gistmordprozeß wurden am Freitag die Sachverständigen vernommen. Auf Befragen bestätigt der Sachverständige Brünning, daß dom Klein kurz vor dem Tode große Mengen Arsenik zugeführt morden seien, daß damit mehrere Menschen getötet werden konnten. Es entspinnt sich darauf eine lange Auseinandersetzung darüber, ob der Zeuge Nebbe infolge einer ärztlichen Kur arsenikhaltige Medi⸗ kamente gebraucht hat. Seine Frau und seine Schwiegermutter, die beiden Angeklagten, behaupten, daß sie ein Rezept gesehen hätten, das gegen eine schwere Geschlechtskrankheit angewendet werden sollte, wie ein Apotheker der Frau Nebbe gesagt habe. Der Zeuge Nebbe bestreitet das entschieden. Das Gutachten war nicht einheitlich. Allerdings waren alle Sachverständigen darin einig, daß beide Angeklagten eine durch erbliche Belastung bedingte Beschränktheit aufweisen und über das Vorhandensein einer homosexuellen Anlage bei beiden An⸗ geklagten, in höherem Maße bei der Nebbe. Die letztere sei der aktive männliche Teil. Daraus entspringe das Hörigkeitsverhält⸗ nis, in dem zu ihr die Klein gestanden habe. Um so größer war der Widerstreit der Meinungen in der Beurteilung der Zurech⸗ nungsfähigkeit aus dem§ 51 des Strafgesetzbuches heraus. Sani⸗ tätsrat Dr. Otto Juliusberger erklärte: Bei dem pfuchischen Infan⸗ tilismus der Angeklagten, bei der krankhaften Störung ihres Ge⸗ fühlslebens kann ein vorsichtiger und gewissenhafter Seelenarzt um⸗ möglich sagen, ob der§ 51 zutrifft oder nicht. Nach Sanitätsrat Dr. Magnus Hirschfeld lag das Verhängnisvolle darin, daß die Eltern zweimal, irregeleitet durch das Schlagwort„die Frau gehöre zum Manne“ die Angeklagte Klein zur Ri ckkehr zwan⸗ gen, während die Natur sie wieder zur Ehefrau noch zur Mutter bestimmt hat. Die Zurechnungsfähigkeit der Angeklagten war stark vermindert und sie haben gleichsam wie unter einer fixen Idee ge⸗ Brandes in Frankfurt aufhiert und von der Trauerhbotschaft über⸗ der Sauitätsvat Dr. Leppmann. Seiner Ausicht nach kamm § 51 unter keinen Umstänben in Frage. Die krankhaften Anteile des Seelenlebens beider Angeklagten waren durchaus nicht so, zwingend, daß sie nicht hätten anders handeln können. 1 Das Urteil lautete gegen Frau Klein auf vier Jahre ö fängnis und Frau Nebbe auf ein Jahr sechs Monate Zuchthaus. Beide Angeklagte wurden zu sechs Jahren Ehrenrechtsverlust ver⸗ urteilt. Die mitangeklagte Frau Riemer wurde freigesproch Ein Milliardenbankrott. Bei der Milliarden insolvenz am Ge⸗ treidemarkt handelt es sich, wie die Vossische Zeitung meldet, um die Firma K. A. Richter in Sorau. Wenn 0 e Teil der Verluste die Proz inz zu tragen hat, so ist doch als K anzunehmen, daß auch einige Berliner Getreidefirmen ziemlich stark beteiligt sind. Man hosft aber, daß der Zusamenbruch keine wel⸗ teren Kreise ziehen werde. Die Angaben über die Höhe der Ver⸗ bindlichkeiten schnanlen zwischen 5 und 8 Milltarden Mark. Die Firma soll besonders in Maisgeschäften bedeutende Ver⸗ luste erlitten haben. 0 Dollarstand unverändert: 20800 Mark. 0 8 1 N 1 ee 0 a eee 2 4 Aus den amtlichen Bekan machun en. Das Aimntsverkündigungsblatt für das Kreisamt Gießen ulm. Nr. 22 vom 16. März enthält: Benutzung von Schulräumen durch Vereine und dergleichen.— Schlemmerei und Alkoholmißbrauch.— Besteuerung der Klaviere, Automaten und Musikwerke, Luxus wagen und Luxus reitpferde.— Errichtung einer Zwangsinnung der Bm⸗ umternehmer und Maurermeister im Landkreis Gießen.— Erhöhung der Schlachtgebühren im Kreise Gießen.— Schweinemarkt im Lich. Viehmarkt in Grünberg.— Viehseuchen.— Festsetzung der Getreide⸗ preise für das vierte und fünfte Sechstel der Umlage, Ernte 1922.— Dienstnachrichten.— Feldbereinigung Stangenrod.— Gefunden, verloren. N Gesunden, verloren. Das Polizeiamt Gießen gibt bekannt: u der Zeit vom 15. Februar bis 1. März 1923 wurden in hiesiger Stadt gefunden: 1 Kinderhandschuh, 2000 Mk., 1 Treppenpfostenknopf, 1 Damenring, 1 Lederhandschuh, ö Taschentuch 1 Schlauch von einer Autoluftvumpe, 1 Hundeleine auß Gurtband, 1 Hufeisen, 1 wollenes Umhangtuch, 1 Rolle Zwim 1 Geldmäppchen, eine große Anzahl Schlüssel; verloren: ein schwarzes Ledertäschchen mit Inhalt, 1 sülberne Brosche(Johanniter kreuz), 5000 Mk., 1 braunes Paket mit 1 weißen Tischläufer, eine wasserdichte gelbe Pferdedecke, 1 mattgoldene Blusennadel 1 braun⸗ lederne Brieftasche mit Inhalt, 4 Brotkarten 89 000 Mk. Die Ab⸗ holung der gefundenen Gegenstände kann an jedem Wochentag von des handelt. uf einen schroff entgegengesetzten Standpunkt stellt sich 2 Dollar-Schatzanweisungen des Deutschen Reiches garantiert von der Reichsbank, am 15. April 1926 mit 120 0% rückzahlbar. dla ban Bahnhofstrasse Telephon 1403 1 Disconto-Gesellschaft, n Stücke zu 5, 10, 20, 50 und 100 Dollar. Zeichnung vom 12. bis 24. März d. Js. Zeichnungen wer den bei den unterzeichneten Zeichnungsstel len 1 entgegengenommen. Prospekte mit den näheren Bedingungen f liegen bei allen Zeichnungsstellen auf und werden auf Wunsch empfiehlt in nur zuverlässiger Humensamen, ferner sehr preiswert seidefreien FPtsürdliche Sckannkmaf Bekanntmachung. „Nutzholzversteigerung der Stadt Gießen.“ Aus den Waldungen der Stadt Gießen und zwar aus den Forstwarteien: Hangelstein(Förster Lotz, Wieseck) Gießen 1(Förster Brück, Rödgen) Gießen II(Förster arft, Forsthaus Hochwart) Gießen III(Förster Geißel, Gießen soll nachverzeichnetes Nutzholz in 45 Losen öffentlich meistbietend versteigert werden: 918 Fichtenstämme III., IV, Va und Vb Klasse asse 6382 Fichtenderbstangen J. u. II. Kl. 310,56 Fm = 356,12„ 1710 Fichtenreisstangen„ 2103 Stämme Kiefernbauholz II., III., IV. und V. Kl.= 917541„ 13 Stämme Kieferuschnittholz J., II. und III. stl.= 2291 1 Weißtannenstamm III. Kl. In 18 Lärchenstämme Il. und V. Kl.— 6,0 . Sämtliches Holz ist aufgearbeitet, sowie mi Ausnahme der Dir und Reisstangen— entrindet. Das Stammholz ift ohne Rinde gemessen und, sowen erforderlich, au die Abluhrwege gerückt; die Stangen sind fämtlich mit Rinde gemessen und liegen an den Abfuhrwegen. Ent ernung von der nächsten Bahn⸗ station 5 bis 7 Km. Losever zeichnis und Versteigerungs⸗Bedingungen können gegen Einsendung von 100 Mt. von hier be⸗ zogen werden. Die Versteigerung findet am Mittwoch, deu 4. April 1923, vormittags 10½% Mor beginnend, in der hiesigen Gastwirischaft Zur Liebigs⸗ höhe statt. Wegen Besichtigung des Holzes wende man sich an die obengenannten Förster. Nähere Auskunft erteilt die Oberlörsterei Gietzen. Gietzen, den 17. ärz 1923 wer een Haferflocken ab. vn 900 Graupen, ß ver. 900 due bemse- Bohnen, wee an 860“„. 18. 920 und 10—12 Uhr vormittags und 3—5 Uhr e außer an Sams f tagen beim Polizeiamt, Zimmer Nr. 3, erfolg Tagesnnge hot! 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Is, vor zutags 10 Uhr bei dem Unterzeichneten einzureichen. Zuschlagssrist 1 Wo e. Gießen, den 17. Mär; 1923. Der Regierungsva rat bei der Kreisverwaltung: Cellarius. Welaunt machung. Die städtischen Sandgruben sind wieder eröffnet und wird Sand wie im Vorjahre ausgegeben. Amn Montag, Dienssag und Miliwo nn aus der Grube im Stadtwald nächst der Rödgerstraße; im Donnerstag, Freilag und amseng aus der Grube unterhalb der Liebighöhe Die Sanopreise werden in den Gruben durch Anschlag bekanutgegeben. Gießen, den 15. März 1923. 140⁵ Gußeiserner Kochherd neu, billig zu verkaufen. 140 Oftanlage 7. 110 in a en Größen zu billigsten Preisen. J. P. 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