2 re ö * 2 9 Jalltin: Giesen Hahnhofstraße 23 bernsptecher 2008. berhessisch Organ für die Interessen des werktätigen Volkes der Provinz Oberhessen und der Nachbargebiete. Bahubosstraße 23 Ferusprecher 2008 Verantwortlicher Redakteur: F. Vetters. Für den Inseratenteil veramwortlich: R. Strohwig. 8 0 von e Neumann& Cie., sämtlich in Gießen. Druck: Verlag Offenducher Abendblatt G. m. b. H. Offenbach a. M. Der Anzeigenpreis beträgt für die Millimeterzeile(35 mm breit) oder der Raum lokal 60.— Mt, auswärts 80.— Mt., die Reklamemillimeter ele 300.— Mt, Ber größeren Aufträgen oder Wiederholungen wird entsprechen⸗ der Rabatt gewährt— Anzeigen⸗Annahme bis 6 Uhr abends. Gießen, Dienstag, den 13. März 1923 8 s 183. Jahrgang Der schwarzweiß⸗rote Landesverrat. Französische Agenten und italienische Gelder. 1690 7 int jeden Werktag vormittag in Gi e bit i ilage“ monatli.— Mk. einschl. e E 5 ut bie bioßt beo. 0k b. einschl. Bestellgeld. une Mr er 5 e 55 — Nr. 60 ung 1 1. 1100 ndl, u ein 0 5 * a Die amtlichen Mitteilungen über die Namen der in der den Sochverratssache Fuchs verhafteten Persönlichkeiten zer⸗ * eißen den Schleier des bisher sorgfaltig gehüteten Geheim- ü nisses und widerlegen schlagend die auch im letzten Münchener ih Fhaolizeibericht wiederholte Behauptung, daß„politische oder — onst in der Oeffentlichkeit bekannte Persönlichkeiten“ bei der l.erschwörung nicht beteiligt seien. So ist Privatdozent Dr. lr nold Ruge Heidelberg eine sehr bekannte bezw. be⸗ „ chtigte Persönlichkeit, jowohl die Angelegenheit des Stett⸗ % riefes gegen diesen Antisemitenhäuptling, wie seine Be⸗ 2. eiligung an der Mörderzentrale auf Schloß Bielen in Ober⸗ 4 chlesien erregten seinerzeit begreifliches Aufsehen. Im i Firiege war Ruge einer der wütendsten alldeutschen Hetzer. N 15 Die bei weitem interessanteste Persönlichkeit unter den in Haft Befindlichen ist jedoch der Kaufmann Johann herger, der mit Ruge zusammen der Führer des Bundes Blücher“(früher„Treu⸗Oberland“) ist. Vergleicht man die Kundgebung dieses Bundes Blücher“ mit den landesverräterischen Taten seiner Führer, o hat man die politische Heuchelei in Reinkultur or Augen. Derselbe Berger, der mit einem französischen Agenten in Verbindung bat, um die wohlwollende Neutralität Frankreichs für einen p schtsradikalen Putsch in Bayern zu erzielen, schrieb in dem rogramm des Bundes„Treu-Oberland“:„Wir lehnen eden fremdländischen und fremdrassigen Einfluß auf unsere genen Verhältnisse ab und werden alles aufwenden, um nen solchen zu Fall zu bringen“ Es ist höchst bemerkenswert, daß der extreme Anti⸗ femitismus als Deckmantel landesverräterischer Umtriebe bedient hat. Die Berger, Ruge und Konsorten bekunden B., daß sie den„dunklen Drahtziehern der gegenwärtigen Beltpolitik, dem internationalen Judentum“ protzen wollen imd die Handlanger dieser Politik als todeswürdige Landes⸗ Verräter bezeichnen. Durch die gemeinschaftliche Arbeit mit Berger und Ruge ind ohne Zweifel alle Persönlichkeiten kompromittiert, die im Bund Blücher tätig waren, vor allem Regierungsbau⸗ meister Schäfer, der persönliche Vertrauens ⸗ nann General Ludend orffs seit 1918, insbe⸗ bimdere seit der Zeit des Kapp⸗Putsches. Bei der Fahnen⸗ weihe des Bundes Blücher sprach dieser Schäfer davon, daß die Kampffahnen sich im Blutvergießen noch vor der nächsten Baumblüte bewahren würden. f Die Behörden werden gut tun, sich eine Organisation besonders genau anzusehen, die nicht nur zum Landesverrat schreitet, sondern in der auch politische Mörder satzungs⸗ gemäß unterstützt werden: „Unsere Bewegung stützt sich auf Kampfnaturen und wird es sich zur besonderen ernsten Aufgabe machen, diese Kampfnaturen zu stärken, sie vor Schaden, Verleumdungen und ihre Familien vor Beeinträchtigung zu schützen.“ Es kann nicht Wunder nehmen, daß sich die politischen Pläne der Blücher⸗Leute auf die Schaffung eines katholischen Donaustaates richteten, wenn man sich daran erinnert, daß diese Leute die Organisation Oberland zu zerstören ver— suchten, weil diese ihnen als reichstreu zuwider war und sie sich in riesigem Umfang auf katholische, insbesondere italienisch⸗klerikale Gelder stützen konnten. Die Entlarvung Bergers bedeuten eine ungeheure Blamage für die gesamte sogenannte vaterländische Bewegung in München. Schwarz⸗ weißroter Landesverrat! Besonders blamiert durch die Be⸗ ziehungen zu diesem Bund Blücher ist Oberst von KXylander, der als Ehrengast in dem Bund Blücher eine schwungvolle Weiherede gehalten hal. Auch die National⸗ sozitlistische Partei steht in engstem Kartellverhältnis zu dem Bund Blücher. Der Oberkommandeur der nationalsozialisti⸗ schen Sturmabteilung, Oberleutnant Klintzsch, entbot den Bundesbrüdern vom Blücher den Gruß der nationalsozialisti⸗ schen Sturmabteilung, die in ihrem ersten Stoßtrupp ver⸗ treten war. Bei der letzten Felddienstübung am 4. März marschierte eine Abteilung Blücher in der nationalsozialisti⸗ schen Sturmabteilung. Nicht scharf genug können die Ver— suche der Polizeidirektion und der bürgerlichen Presse zurück— gewiesen werden, die der Anknüpfung landesverräterischer Beziehungen zu französischen Agenten die harmlose Deutung zu geben versuchen, daß die Emrichtung eines Bregenzer Staates nur als Mittel zur Abwehr des drohenden Bol— schewismus gedacht war. Dieser Schwindel ist zu durch— sichtig, als daß irgend ein ernsthafter Mensch darauf herein⸗ fallen dürfte. Die frauzösisch⸗belgische Konferenz in Brüssel. 0 Eein heimtückischer Plan. Heute Mittag soll die französisch⸗belgische Konferenz dn Früssel beginnen. Amtliche Pariser Pressestellen bezeichnen abs Zweck dieser Aussprache, die Ausführung der wirtschaft⸗ lichen Zwangsmaßnahmen im Ruhrgebiet zu prüfen. Man will die bereits geförderten und noch vor den Gruben liegen⸗ ben Kohlen, etwa 2 Millionen Tonnen, requirieren. Ferner i beabsichtigt, sich abermals mit der Organisation der isenbahnen zu befassen, deren Regie bekanntlich bereits br drei Wochen angekündigt wurde und zu deren Durch⸗ führung auch zwei Direktoren bestellt worden sind. Wenn man sich jetzt abermals mit dieser Frage beschäf⸗ (igt, so bedeutet das nichts anderes als ein Eingeständnis der dwanzosen und Belgier, daß es ihnen bisher trotz aller Druck⸗ aßnahmen nicht gelungen ist, den Eisenbahnverkehr auch nur dofdürftig zu eigenen Zwecken in Betrieb zu igen. Ueber Verhandlungen soll nichts gesprochen werden, so hursichern wenigstens die Pariser Blätter und die amtlichen Agenturen. Das hindert aber nicht, daß sich maßgebende sanzösische Journalisten immer wieder mit der Verhand- ingsfrage beschäftigen. Neuerdings veröffentlicht Philippe Hillet in Leurope nouvelle abermals einen Artikel zur Ne⸗ errationsfrage. Er schlägt vor, daß Deutschland während 35 Jahre jährlich 2½ Milliarden Goldmark zahlen soll. Dieser (an soll auch in Amerika als der deutschen Zahlungsfähig⸗ J 0 0 ö leit entsprechend angesehen werden. Als Garantie wünscht das Ruhrgebiet besetzt zu halten und die Truppen nur in inem solchen Maße zurückzuziehen, als Deutschland seine schulden bezahlen mürde. Das linke Rheinufer soll aus Scherheitsgründen für Frankreich einer inernationalen Kon⸗ zullkommission unterstellt werden. Das soll bedeuten, das⸗ auch die rheinischen Eisenbahnen von einer inter enbahnregie geleitet werden, wodurch etwaige f gegen Frankreich und Belgien unmöglich gemacht werden sollen. Das Saargebiet soll sofort dem Rhein⸗ land einverleibt werden und dem gleichen Statut unterstellt sein. Das dürfte bedeuten, daß das Saargebiet politisch wieder an Deutschland zurückfiele. Déutschland soll ferner auf das Rückkaufs recht der Kohlen⸗ gruben verzichten. Auffallend ist. daß eine ganze Reihe dieser Vorschläge mit denen übereinstimmt, die Pertinax vor wenigen Tagen im Echo de Paris entwickelt hat. Daraus kann die Vermutung gefolgert werden, daß beide in Uebereinstimmung mit den Pariser amtlichen Stellen arbeiten. Der Plan Millets ist diskutierbar, in der Grundlage aber für Deutschland niemals annehmbar⸗ Verhaftung von Geiseln. In Buer wurde am Samstag ein französischer Leutnant ermordet. Ein Eisenbahnbeamter, der Bürgermeister und zwei weitere Persönlichkeiten wurden als Geiseln ver— haftet. Alle Cafés und Kinos mußten schließen. Der Stadt ist eine Buße von 100 Millionen auferlegt worden. Ueber Buer wurde der Belagerungszustand verhängt. Weitere Verhaftungen. Protest eines Betriebsrates. Die französische Besatzung hat am Samstag drei weitere Mit⸗ glieder der Staatlichen Bergwerksdirektion in Recklinghausen, sowie einen Ingenieur der Bergbauinspektion in Buer ohne jede Be⸗ gründung verhaftet und ausgewiesen Zur Begine der Ruhr⸗ aktion wurden bekanntlich bereits der Präsident der Bergwerks⸗ direktion und einige Oberbergräte ihrer Heimat verwiesen. Der Generaldirektor des Eschweiler Bergwerksvereins, Dr. Westermann, der von der Besatzungsbehörde seines Amtes ent⸗ hoben worden war, ist ausgewiesen worden. Die übrigen Direk⸗ toren der Gesellschast, die gleichfalls vor einsgen Tagen verhaftet worden waren, befinden sich noch im hiesigen Gefängnis. Der am Samstag morgen von den Franzosen besetzte Bahn⸗ hof Rauxel wurde unter Mitnahme von 2 Lokomotiven und 90 beladenen Wagen wieder freigegeben. 0 In Gelsenkirchen versuchten die Franzosen am Sams⸗ tag vormittag unter Aufgebot von Infanterie, Tanks und Last⸗ kraftwagen in die zur Gelseukirchener Bergwerks A.⸗G. gehörige Gießerei Höhen einzudringen. Infolge des Protestes des Betriebs⸗ rates nahmen sie jedoch von diesem Vorhaben Abstand und be⸗ kazeitung Expedition: Gießen a sichtigten das Werk lediglich durch eine unbewaffnete Kommission. Die geforderte Bestandsaufnahme wurde verweigert. Die Beleg⸗ schaft trat in den Proteststreik. An Stelle des abwesenden Direktors wurden dessen Stellvertreter und vier Ingenieure verhaftet. In Dortmund ist der Hausmeister Schwarz vom Städt. Gymnasium, in dem französische Truppen untergebracht sind, so⸗ wie dessen 6 Brieftauben der Schutzpolizei gefunden seien. Ein Zivilist aus Brambauer wurde wegen Verteilung deutscher Flugblätter zu 12 Tagen Gefängnis unk 50 000 Mt., ein Kaufmann aus Castrop wegen Verkaufsverweigerung zu 2 Monaten Gefängnis und 25 00 Mk. Geldstrafe, ein Wirt aus Brambauer wegen Verstoßes gegen die frauzösische Preisschilder⸗ verordnung zu einem Monat Gefängnis und 20 000 Mk. Geld⸗ strafe, ein Kaufmann aus Mengede zu einem Monat Gefängnis oder 15 000 Mark Geldstrafe, ein Polizeibeamter aus Castrop wegen Nichtgrüßens zu 8 Tagen Gefängnis und 40 000 Park Geldstrafe verurteilt. 5 Von dem von den Franzosen besetzten Polizeipräsidium Essen aus wurde auf einen auf die Straßenbahn wartenden Herrn ohne jeden Anlaß geschossen. Der Schuß eee die Lunge, so daß der Verletzte in das Städtische Krankenhaus gebracht werden mußte. An der gleichen Stelle wurden einem etwa 55 Jahre alten Boten, der eine Verwandte zur Straßenbahn gebracht hatte, von einem französischen Posten, der seinen Paß verlangt hatte ohne jeden Anlaß ein Faustschlag ins Gesicht versetzt, so daß er hinstürzte. 20 bis 25 bewaffnete Franzosen beschlagnahmten bei der Holzgroß⸗ handlung Conrad in Essen 15 bis 16 Wagen Holz im Werte von eiwa 18 Millionen Mark. Die Firma hatte sich geweigert, das Holz gegen Bezahlung zu liefern. Die Ausplünderung der Bahnhöfe. In einem Bericht des Amtmanns von Wanne an den preußi⸗ schen Minister des Innern über die Besetzung des Bahnhofes am 24. Februar heißt es unter anderem: Es wurde sestgestellt, daß auf dem Bahnhof 11 Lokomotiven, 125 Güterwagen, 74 Deckwagen und 67 Personenwagen sowie ein Postwagen von den Franzosen in Richtung Recklinghausen weggebracht wurden. Auf dem Bahn⸗ hof sah es so aus, als wenn eine Räube bande gehaust hätte. In den Betriebsräumen waren alle Schränke und Schubläden eröorochen und zum größten Teil beraubt. In der TFelegraphenzentrale war alles durcheinander geworfen und die Leitungen zecstört. Die Schränke der Beamten und Arbeiter waren ebenfalls aufgebrochen und größtenteils ihres Inhaltes beraubt. Die Bahnhofsbuchhand⸗ lung wurde erbrochen und bestohlen. Auf dem Güterbahnhof war eine große Anzahl von Züterwagen aufgebrochen, Kisten und Ge⸗ päckstücke erbrochen und zum größten Teil entleert. Was nicht mitgenommen wurde, wurde zerstözt. In den Wertstätten und Schuppen sind Schränke und Schuppen eben ls erbrochen worden. Schranktüren sind als Feuer material benutzt worden. Was an Werkzeug mitgenommen wurde, kann noch nicht angegeben werden. Aus einem, einem Beamten gehßrigen Hühnerstall sind fünf Hühner gestohlen worden. Aus einem ver dein Bahnhof befindlichen Gar⸗ tengrundstück haben französische Soldaten einer felährigen Witwe drei Hühner gestohlen, ogort abgeschlachtet und mitgenommen. Anwerbung ausländischer Arbeiter. Die französische und belgische Regierung veessichem bekanntlich unter Aufwendung der größten Mittel deulfche und ausl jadische Arbeiter für das Ruhrgebiet anzuwerben. Das Organ des italienischen Gewerkschaftsbundes richtet deshalb in seiner letzten Ausgabe an die italienischen Bergarbeiter und Metallarbeiter einen Aufruf, in dem aufgefordert wird, nicht nach dem Ruhrgebiet aus⸗ zuwandern. U. a. heißt es in diesem Appell:„Italienische Aus⸗ wanderer laßt Euch nicht irreführen! Schenkt den französischen Händlern der Arbeitskraft keinen Glauben.“ Euer Elend, um Euch zu Taten zu verleiten, die jeder anständige Arbeiter weit von sich weist. Weist alle derartigen Ansinnen zu⸗ rück und wahret damit das Ansehen der italienischen Auswanderer, die brüderlich mit den sie beherbergenden Nationen zusammen⸗ leben wollen; weist sie zursick und wahret damit Eure Ehre als Bürger und Arbeiter. Wer auswandern will, der wende sich an seine Organisation und die von ihr eingesetzten Auskunftstellen und meide die Händler der Arbeitskraft, hinter deren Werk sich Betrug und Täuschung verbirdt.“ Wie sie lügen! Durch die französischen Zeitungen ging vor kurzem eine Notiz, nach der die Postzeitung einen Aufruf der freien Gewerkschaften in Düsseldorf gebracht habe, der die Bevölkerung auffordert, nicht an den Kundgebungen des Bürgertums teilzunehmen, sondern der inter⸗ nationalen sozialistischen Bewegung treu zu bleiben. Zugleich hätte die Berliner Freiheit eine Erklärung der Herren Dinneberg und Schwarz veröffentlicht, die beide kommunistische Mitglieder der Kom⸗ eide Söhne verhaftet worden. angeblich, weil bei ihnen Sie spekulieren auf mission waren welche nach Mainz geschickt wurde, um die Freilassung der Industriellen durchzusetzen. Sie hätten darin erklärt, daß sie es bedauert hätten, auch nur einen Moment den internationalen Klassen⸗ kampf zugunsten der Befreiung ihrer Bedrücker zurückgestellt zu haben. Sie würden kein zweites Mal den gleichen Fehler machen. Hierzu ist zu bemerken, daß es keine Postzeitung gibt und daß der oben angeführte Aufruf der Freien Gewerkschaften in Düsseldorf niemals erfolgt ist. Was vollends die Freiheit an⸗ langt, so hat diese seit der Verschmelzung der beiden großen sozialisti⸗ schen Parteien aufgehört zu erscheinen. Wenn die Franzosen wieder derartige Lügenmärchen aus den Fingern saugen so sollten sie doch wenigstens Zeitungen unterschieben, die wirklich existieven. Wir wissen aus der Kriegszeit, daß Lügen gerade kein Zeichen der Ueberlegenheit sind. Gerichtliches Verfahren gegen die Humauité. Gegen die kommunistische Humanits ist auf eine Klage des Kriegsministers ein gerichtliches Verfahren wegen Ver- leumdung der französischen Armee eingeleitet worden. Gleich- zeitig wurde eine gerichtliche Haussuchung bei verschiedenen kommunistischen Vereinigungen eingeleitet. Das wahre Gesicht. Der auch in Deutschland bekannt- elsässische Soz'aldemokrat Grumbach ist am Freitag aus dem Nuhrgebiet zurückgekommen und schreibt im Populaire: Die Lage i st ern st. Dabei denke er aber weniger an die Zwischenfälle, die man in Paris dementiert habe, bevor man eine Unterfuchung eingeleitet hätte, als au den Zustand des Eisenbahnwesens und der Kohlen⸗ förderung, an die Schwierigkeiten, die sich auf dem Gebiet der Ernährung zu zeigen begännen, an die gegenseitige Verärgerung und allgemeine Ungewißheit, die im Ruhrgebiet herrschten, wo alles für produktive Arbeit geschafsen sei und das sich heute in einem Zustand tödlicher Lethargie befinde. Zu einer Havas meldung, bie die Zahl der täglich verkehrenden Personen⸗ üge mit 160 und die der Güterzüge mit 51 angab, bemerlt Grum⸗ e die Zahlen machten besonders dann Eindruck, wenn man wisse, daß im Nuhrgebiet in normalen Zeiten täglich über 1000 Züge verkehrten. Was könnten die französischen Beamten mit dem kompliziertesten Eisenbahnnetz der Belt ansangen. in dem sie ständig das Gespenst der Sabotage vor Augen hätten? Bei jeder neuen Bese zung eines Bahnhofes vergrößern sich die Schwie⸗ 2 Grumbach fragt sich selbst, warum die französischen 0 wohl die Beseßung des Essener Bahnhofs erst am 9. März gemeldet haben, der schon seit 3 Tagen besetzt war. Die Agentur Radio, die sich ganz besonders durch ihren offiziösen Eifer in dieser Angelegenheit bemerkbar mache, glaube feststellen zu können, daß die militärische Besetzung Essens keinen Widerstand ausgelöst habe und daß diese in Essen ungewöhnliche Passivität einen gewissen Ueberdruß der Bevölkerung zu verraten scheine. Dazu meint Grumbach, die Gründe dieser Passivität seien viel⸗ leicht anderer Art und in erster Linie in dem dringenden Appell, sich z Kundgebung zu enthalten, zu suchen, den die deutschen Be⸗ hõ durch gewisse Zwischenfälle veranlaßt, an die Bevölkerung gerichtet hätten. Diese Passivität sei für die ganze augenblickliche Lage im Ruhrgebiet kennzeichnend. Um die politische Lage. Vor einer stark besuchten Versammlung der Magdeburger Ar⸗ beiterschaft in der gewaltigen neuerbauten städtischen Ausstellungs⸗ halle„Stadt und Land“ sprach am Samstag Genosse Wels über die politische und die französische Gewaltpolitik. Er protestierte scharf gegen den brutalen Rechtsbruch der französischen Militaristen, zu dessen Abwehr durch passwwen Widerstand die deutsche Arbeiter⸗ schaft fest entschlossen ist. Sie führt aber diesen Abwehrkampf für sich, für die deutsche Wirtschaft und das Land, das einmal ihr Land wer⸗ den soll. Ein Burgfrieden und eine gemeinsame Abwehrfront mit dem Bürgertum muß solange unmöglich bleiben, wie dieses ihr Porte⸗ monnaie höher stellt als das Reich. Mit Parteien, die den Steuer⸗ betrug begünstigen, dem deutschen Arbeiter alle Lasten aufbürden und ihn dadurch zum Paria der ganzen Welt gemacht haben, ist keine Eln⸗ heitsfront denkbar. Die Sozialdemokratie rückt weit ab von jenen Narren, die da denken und dem Volke glauben machen wollen, die Frenzosen könnten ohne Verhandlungen, vielleicht mit Waffengewalt wi über die Grenze gebracht werden. Wie der Weltkrieg, so muß auch dieser Gewaltakt einmal durch Verhandlungen beendet werden. Die deutsche Regierung muß klipp und klar ihre Verhandlungsbereit⸗ schaft erklären. Cunos Rede im Reichstag ließ diese Klarheit ver⸗ missen. Es hieß darin gleichzeitig„Deutschland will verhandeln“ und 9 mit dem Verhandlungs gerede“. Der Außenminister aber hüllt sich völlig in Schweigen. Das ist sehr bedauerlich, weil damit allen Deutungen Tür und Tor geöffnet wird. Das deutsche Volk verlangt Klarheit. Die Profitgier der deutschen Kapftalisten wirkt als innere Gefahr. Der Feind steht im Lande, und trotzdem wird der Ausbeu⸗ lumgsfeldzug fortgesetzt. Die Orbeiterschaft wird dagegen den Kampf aufnehmen, auch, wenn die Franzosen im Lande stehen. Genosse Wels Fantie f. denn sckarf gegen den a 5 er Dr. Becker, der den Lohn auf niedriger Stufe stabilisteren will, ohne aan der Auswucherung des Volkes energisch entgegenzutreten. Politische uebersicht. Ein englisch⸗industrieller Vorschlag zum internationalen Schuldenproblem. 5 Von der industriellen Gruppe des englischen Unter⸗ hauses ist neuerdings eine Denkschrift über die Regelung der internationalen Schulden ausgearbeitet worden. Es ist anzu⸗ nehmen, daß die in dieser Denkschrift aufgezeichneten Ge⸗ dankengänge sich bis zu einem gewissen Grade decken mit denen der britischen Regierung, über die Lord Balfour im Oberhaus Andeutungen gemacht hat. Der Plan weist auf die Möglichkeit eines Wirtschaftsbündnisses zwischen England, Rußland, Deutschland und den Vereinigten Staaten hin, dem selbst die stärkste Militärmacht Europas, das jetzt seine Son⸗ denpolitik verfolgende Frankreich, nicht gewachsen sein würde. Das finanzielle Rettungswerk, das noch am leichtesten be— gonnen werden könne, wird nun untersucht und zwar unter der Voraussetzung, daß England von Deutschland 920 Mill. Pfund Sterling oder 18,4 Milliarden Goldmark erhält. Es ergibt sich dann, daß Deutschland insgesamt 2 663 Mill. Pfund Sterling, also 53,26 Milliarden Goldmark, zu zahlen hätte. Auf dieser Grundlage hätten nach dem Vorschlag von den Gläubigermächten an Schulden zu streichen: Großbritan⸗ nien 1 Milliarde 280 Millionen Pfund, die Vereinigten Staaten 1 Milliarde 380 Millionen Pfund, Frankreich 421 Millionen Pfund, die übrigen Mächte 53 Millionen Pfund Sterling. Deutschland soll Garantien für die Fundierung der Schuld geben und vorerst ein Moratorium von wenigstens zwei Jahren erhalten. So groß auch die Opfer sind, die Eng⸗ land zu bringen bereit ist, erscheint es doch schwer denkbar, daß Deutschland in seiner heutigen Lage eine Schuld von 53 Milliarden Goldmark leisten kann. Diese absolute Summe ist fraglos zu hoch. Dagegen verdient der Gedanke einer finanziellen Verständigung volle Anerkennung und es ist denkbar, daß auch nur ein Versuch hierzu eine Entgiftung der außenpolitischen Atmosphäre bringen könnte. Der Vor⸗ schlag, auf einer Weltkonferenz, die aus den vorläufig noch nicht als amtlich bezeichneten englischen Anregungen sich er⸗ gebenden Konsequenzen durchzuberaten, wird und wurde von Deutschland immer geteilt. Nur müßte eine solche Konferenz in Deutschland nicht nur einen gleichberechtigten Partner sehen, sondern auch von dem unbeugsamen Willen zu einer endgültigen Lösung des Weltschulden⸗ und des Reparations⸗ problems getragen sein, und nicht wieder, wie frühere Kon⸗ ferenzen, mit einer Vertagung bis zum nächsten französischen Gewaltakt enden. 5 2 Die wirtschaftlichen Feruwirkungen der Ruhr. Der Ruhreinfall muß in seinen Feenwirkungen trotz vorüber⸗ gehender Erleichterung der Wirtschaftskrise in dem einen oder anderen europäischen Land zu einer neuen Stockung der Wirtschaft und zu neuer Arbeitslosigkeit in Europa führen. Es ist deshalb interessant, zu beobachten welche Schutzmaßnahmen gegen Arbeits⸗ losigkeit bisher in den Hauptwirtschaftsgebieten der Welt getroffen worden sind. In Oester reich verhielt man sich gegenüber der produktiven Erwerbslosenfürsorge lange Zeit abwartend, dann aber zwang das Anschwellen der Arbeitslosenziffer im Jahre 1922 zur Einführung der produktiven Erwerbslosenfürsorge nach deutschem Muster. Die Beihilsen gehen in erster Linie an öffentliche Körperschaften, in Krisenzeiten auch an Privatunternehmungen. Die Löhne müssen so gestaltet werden daß kein Anreiz zur Abwanderung aus anderen Berufen entsteht. Die Schweiz hat besonders stark auf die Produktiv⸗Gestal⸗ tung der Erwerbslosenfürsorae hingearbeltet. Ausgangspunkt bil⸗ dete die Schaffung eines Arbeitslosen⸗Fonds aus einem Teil der Kriegsgewinnsteuer. Insgesamt sind von 1918 bis Ende Januar 1922 vom Bund 164 Millionen, von Kantonen und Gemeinden 110 Millionen Frances für Arbeitsbeschaffung verausgabt worden, sehr viel mehr als für Arbeitslosenunterstützung. In Italien hat der Staat für Notstandsarbeiten viele Milliarden Lire cusgegeben. Neuerdings sind die Mittel der Ver⸗ sicherungsanstalten hierfür nutzbar gemacht worden. In Belgien wurde die Regierung im August 1921 ermäch⸗ tigt, zur Hebung der Ausfuhr den Gegenwert für Ausfuhrgeschäfte unter bestimmten Bedingungen zu gewährleisten. 250 Millionen Francs waren dafür vorgesehen. Die Gewähr beschränkt sich auf 55 v. H. des Rechnungsbetrages und auf drei Jahre. Sie erfolgt in Form einer Gutschrift der Regierung auf den Wechseln die auf den ausländischen Käufer gezogen werden. Der Käuser hat 10 v. H. des Rechnungsbetrages sefort zu bezahlen und für den Rest S chelt 5 teisten.— Auch Holland hat das belgische System der Gewährleistung für den Gegenwert bei Ausfuhrgeschästen zur Vermehrung der Arbeitsgelegenheit übernommen. Sehr umfangreich sind die Maßnahmen produktiver Abhilfe gegen Arbeitslosigkeit in England. Bis zum Herbst 1922 wur⸗ den die Aufwendungen für Notstandsarbeiten auf 50 Millionen Pfund beziffert. Für die Ansiedlung erwerbsloser Kriegstellnehmer sind 14 Millionen Pfund verausgabt worden. Sehr viel geschah für die Umschulung und Anlernung der ehemaligen Heeres⸗ und Marineangehörigen. Im Juni 1922 standen 24000 Frauen in Ausbildung als Hausangestellte Gärtnerinnen und dergleichen. Selbstverstüändlich hat Englend ähnliche Maßnahmen zur Be⸗ lebung der Ausfuhr wie Belgien getroffen und noch weiter aus⸗ gebaut. Bis September 1922 wurden Ausfuhrvorschüsse bis 21 Millionen Pfund bewilligt. Eine Erhöhung der Mittel auf 50 Millionen Pfund ist geplant. Dänemark hat sich in der Hauptsache dem deutschen Vorbild angepaßt. Auch in Schweden hat sich der produktive Gedanke be⸗ sonders stark durchgesetzt.— In der Tschechoslowakei hat die Regierung Ende des vorigen Jahres(bei 200 000 Arbeitslosen und 300 000 Kurzarbeitern) 420 Millionen Kronen für Notstands⸗ arbeiten angesetzt. Der Staat kann zu den Lohnkosten zwei Drittel beistenern. Die Vereinigten Staaten haben, ähnlich wie Belgien, besonders die Förderung dex Ausfuhr als Hilfe gegen Arbeits⸗ losigleit betrachtet. Die Staatskonferenz zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit im September 1921 hat aber auch Anstoß zu einer Reihe von Notstandsarbeiten gegeben.— Auch Canada hat viele Notstandsmaßnahmen durchgeführt.— Südamerika(besonders Chile) baut durch Notssa rbeiten seine Häfen aus. Wir sehen, daß alles in allem der Gedanke der produktiven Erwerbslosenfürsorge international überall durchgedrungen ist. Das Recht auf Arbeit das die Sozialdemokratie jahrz. 5 gefordert hat. wird allmählich in der ganzen nt. f 8 5 2 8 ausge reitag, den ruar, in Dänema Kindertransport, den Dänemark bis jetzt gesehen hat. Im ge waren es 140 Kinder, von welchen die meisten aus Essen waren. Unser Mitarbeiter empfing die Kinder in Noskilde und begleitet den Transport bis Kopenhagen. iflung. Wir sind jetzt vor Valby leiner Stat 2 E 2 . 2 2 EN 2 . 8 8 — 2 2 8 5 2 2 l 8 88 — 2 28 88 888888 schlossene Halle. Die Tür wurde geöffnet. und die kleinen ele Kinder, die wie versteinert dastanden, wurden sichtbar. Noch n haben wir ein solches Elend gesehen. Dunger leuchtete en ihren Augen. Viele von ihnen fielen fast um vor Müdigkeit ter langen Neise, und jetzt, als die Stunde der Entscheidung sch etzt, de sie nor dem großen Augenblick standen, daß sie Sende der guten Menschen n Täuemark, weiche sie Ar einig ron den schrecklichen Hungerqualen beneien wollten, kem sollten, wurden sie von Gemütsbewegung überfallen, 0 meisten brachen in lautes Weinen aus. Aber nicht nur allein d Kinder, sondern auch viele Erwachsene bekamen Tränen in Auge 5 n. 5 Außer den vielen Dänen, welche die 1 Kinder in Empfang nehmen wollten, war auch der deutsche Gesand Graf v. Bassewitz und sein Legationssekretär nebst dem Leiter Komitees, der Reichstagsabgeordnete J. P. Nielsen. anwesen 5 8 Der Gesandte begrüßte die Kinder herzlich und tröstete die me 1505 verzweifelnden damit, daß sie doch nun in Dänemark wären, un g1 es wartete ihrer alle gutes Essen und ein warmes Bett. Spä⸗ ben unterhielt sich der Gesandte mit J. P. Nielsen und bat ihn, seine 1 und der Gesandtschaft Dank für das große Werk, welches d E He u Dänen an den deutschen unterernährten Kindern erwfesen e 0 welcher in erster Linie „ P. Nielsen selbst galt. 5 1 1 wenigen Augenblicken waren die 140 Kinder, die den 1200 Ruhrkindern vorausgegangen waren, abgeliefert zu ihren Pflegeeltern.—— N 1 5 Dem Bericht, den wir dem Kasseler Parteiblatt entnehn braucht man nichts hinzuzufügen. Er zeigt, wie die Dänen, erster Linie unsere dänischen Genossen, über die Landesgrenze hinweg tatkräftige Nächstenliebe zu üben verstehen. * Der Zusammenbruch der Wohnnungsbautätigkeit. behandelt die neueste Nummer der Sozialen VBauwirtschaf In einem Artikel:„Rettet den Wohnungsbau“ und in mehreren deren Artikeln weist sie auf die ungeheuren Gefahren hin, die deutschen Volkswirtschaft, besonders den deutschen Mietern von Zusammenbruch der Wohnungsbautätigkett drohen. Sie zeigt die f wendigen Maßnahmen zur Verbilligung des Bauens und erinnert die Regierung, dem Reichstag und die Parteien an die gewaltige Verant⸗ wortung, die sie mit einer weiteren Hinauszögerung 0 ee. f Maßnahmen gegenüber den wohmungslosen und Siedlern, aber auch gegenüber der Arbeiterschaft und der ganzen deutschen Volkswirischaft übernehmen. Schon heute sind Bauarbeiter massen⸗ haft arbeitslos, weil der Baustoffwucher die Baukosten auf eine wa sinnige Höhe treibt und wefl keine Mittel zur Fortführung des ge⸗ meinnützigen Kleinwohmmgsbaues mehr vorhanden sind. Während die Lohnausgaben für eine Wohvung von 70 Quadratmeter 5 16 da 1328 fläche von Juli 1914 bis zum 1. Ja. uar 1923 um das 64 stiegen, kletterten in der gleichen Zeit die Baustoffpreise um de 20660 fache in die Höhe. Kein Wunder, daß die Wohnungsbautätig⸗ keit allmählich zum Stilliegen kommt, die Zahlen der Wohnungslosen immer mehr anschwillt und die Kleingärtner. Siedler und Boden⸗ Der Deserteur. Roman von Robert Buchanan. Marcelles Augen blitzten zornig und sie hatte eine böse Entgegnung auf den Lippen, die nur durch das Erscheinen Jan Gorons ungesprochen blieb. Er blieb einige Schritte von der Tür entfernt stehen und schien erstaunt, Marcelle zu dieser Stunde und in diesem Wetter zu sehen. „Willkommen. Jannick!“ rief ihm Marcelle zu. Er trat rasch zu den beiden Mädchen, nickte lächelnd der errötenden Genoveva zu, blickte spähend nach allen Seiten, um sich zu vergewissern, daß kein Lauscher in der Nahe sei, ehe er mit leiser Stimme sagte:„Ich habe Nachrichten, Marcelle! Er. befindet sich in unserer Nähe.“ Marcelles Lippen ware beinahe ein Freudenschrei ent- schlüpft, wenn Jan nicht warnend ihren Arm berührt hätte: „Pst! Komm ins Zimmer herein, denn es regnet stark und wir müssen uns vor Spionen hüten.“ Erst als sie die Türe hinter sich geschlossen hatten und Mutter Goron, die gerade mit vollen Backen das Feuer blies, gegenüber standen, fuhr er fort:„Man hat ihn gestern in Ploubol gesehen, ein Mann erkannte ihn und man hätte ihn fast verhaftet. Er schlug einen Gendarmen nieder und das wird seine Sache noch ver— schlimmern. Es gibt keine Rettung mehr für ihn; man wird seiner nur zu bald habhaft werden. Zuletzt hat man ihn in der Richtung von Traonili gesehen.“ Marcelle rang verzweifelt die Hände: mein Gott, er ist wahnsinnig, er ist verloren! ich für ihn tun?“ „Hast Du die Proklamationen gelesen?“ fragte Jan im Flüstertone.„An jeder Straßenecke, vor dem Kirchtor und an Eurer Türe sind welche aufgeklebt. Jedem Hausbewohner 47 „Mein Gott, Was kann ist bei Todesstrafe untersagt, einem Deserteur Obdach zu bieten oder ihm zur Flucht zu verhelfen; ferner heißt es darin, daß jeder Konskribierte, der es unterläßt, sich bei der Behörde zu melden, wie ein Hund niedergeschossen wird— ohne Gnade und Barmherzigkeit.“ Goron war tief bewegt, denn er war der einzige im Dorfe, der sich rühmen konnte, von Rohan„Freund“ genannt zu werden. Die beiden jungen Leute waren sich von Kind— heit an sehr zugetan, da ihre Charaftere viele gemeinsame Züge aufwiesen und sie sich auch an Körperkraft miteinander messen konnten. Und wer Goron im stillen beobachtet hätte, wie sein Blick aufleuchtete, als er seinem Bäschen Genoveva freundlich zunickte, hötte sich sagen müssen, daß auch er sein Herz in der gleichen Weise wie Rohan verschenkt habe. Marcelle erbleichte bis an die Lippen, als sie von den Proklamationen hörte, und dabei verschwieg er ihr noch mit⸗ leidig das Schauspiel, das er mit eigenen Augen beobachtet hatte. Mit der Pfeife im Munde, von Pipriac, seinen Gendarmen, sowie von Gildas und Hoel gefolgt, war der alte Korporal fluchend von Straße zu Straße gehumpelt, um mit eigenen Händen die Proklamationen anzukleben. Marcelle gehörte nicht zu den Mädchen, denen das Herz gleich in die Schuhe sinkt; in ihren Adern floß echtes Soldatenblut; aber diese Nachricht überwaltigte sie so sehr, daß sie auf einen Augenblick das Bewußtsein verlor. Und in dieser kurzen Zeit durchlebte sie noch einmal den glück⸗ lichen Morgen in der Kathedrale von St. Gildas; sie fühlte sich von Rohans kräftigen Armen umschlungen, fühlte seine heißen Küsse und das beseligende Glück, das sie damals durchrieselte; dann wieder sah sie ihren heißgeliebten Rohan mit wildrollenden Augen, den Kasser verfluchend, wie sie ihn an jenem furchtbaren Abend nach der Konskription ge⸗ reformer vergebens auf die Weiterführung des Heimstättenbaues und 9 der Siedlungstätigkeit warten. 1 gestel Die Haus⸗ und Grundbsitzer sehen das Heil in der völlig„freien? Guten Wohnungsbewirtschaftung. Sie sagen: Wenn die Mieten so hoch„ ali steigert werden können, daß sich die Kapitalanlage in Häusern wi Ole lohnt, und wenn alle jetzigen Beschränkungen von den Hausbe gequd genommen werden, dann würde auch wieder in großem Umfange ge kauser baut werden. Es bedarf keiner Worte, daß das nur Geflunker ist. Aang Die freie Wohnungswirtschaft würde nur den jetzigen Haus⸗ und une Grundbesitzern den Vorteil scha daß sie ihre Grundstülcke 11 0 sehen. Sie konnte und wollte nicht zugeben, daß Rohan sich 1 aus Feigheit und Furcht verstecke; sie redete sich vielmehr in der! den Glauben, daß er unter dem Zauber eines bösen Mensche 5 wie Arfoll stehe, der ihn zwinge, so unvernünftig zu handeln. an Als sie die Augen wieder aufschlug, fühlte sie sich so Vale elend und schwach, daß sie sich an den Türpfosten lehnte un Chebn wortlos in den strömenden Regen hinausstarrte. Der herr⸗ lac. liche märchenhafte Traum ihrer jungen Liebe schien durch— Tränen und Sorgen weggewischt zu sein. 4 In e „Marcelle, liebe Marcelle,“ flüsterte Genoveva liebevoll bal und streichelte der Freundin die Hand„gräme Dich nicht 9 alles wird noch gut werden.“ N Marcelle antwortete mit einem schweren Seufzer, den bleiches Gesicht, sonst so ennergisch drückte die hoffnungs ⸗ Aue loseste Verzweiflung aus. 5* „Er kann noch immer begnadigt werden,“ tröft Goron,„denn der Kaiser braucht dringend solche st Burschen wie Rohan. Wenn er sich nur melden wollte!“ Marcelle schwieg noch immer; erst nach einer langen Weile küßte sie Genoveva stumm auf beide Wangen, reichte Goron die Hand und sagte mit fester Stimme:„Jetzt ich aber gehen, Mutter wird sonst nicht wissen, wo ich so lange bleibe. Habet Dank und lebt wohl!“ 5 Wie im Traume schritt sie die lange Dorfstraße 1 Sie sah und hörte nichts spürte auch den Regen nicht, der sie, trotz des langen schwarzen Wettermantels, den sie trug, bis auf die Haut durchnäßte. 8 „Tas Meer erhob sich immer höher und brüllte mit de Winde um die Wette. Aber in ihrem Herzen tobte Sturm, der noch heftiger war, als der draußen in der aufaereaten Natur. Fortsetzung folgt.) 0 1 8 0. 1 3 5 2— Spekul N sen und diese Kapitalien in anderen D ut wird, oder nicht, das hängt von ganz anderen Dingen ab. der Vorkriegszeit war dem Haus⸗ und Grundbesitz keinerlei Beschränkung von Gesetzeswegen auferlegt und doch wurde nur zu beslinunten Zeiten eine bestimmte Zeit lang gebaut und lange Zeit lag dann die Baukenjunktur wieder darnieder. Also diese dumme Redensart von der freien Wohnungswirtschaft, die ums Wohnungen bringen könne, sollte man sich sparen. 0 An unsere Vostbezieher: Auch im März müssen wir wieder um eine Nachzahlung en suchen, da wir den Postbezugspreis bereits Ende Januar angeben mußten und nicht ahnen konnten, daß der Papierpreis abermals ganz enorm steigen würde.. Der heuligen Nummer liegt für die Postbe zieher, d. h. für bie⸗ jenigen Abonnenten, die selbst bei der Postanstalt die Oberhessische Volkszeitung bestellt und bezahlt haben, eine Zahlkarte bei, die wir Zweifel; das bedrohte Vaterland ist diese Republik, auf die jetzt keinerlei Vorstoß unternommen werden darf.“ Lieber Leser hast du nichts gemerkt? Betone nur„jetzt“ und„heute“, und du wirst den tieferen Sinn, die ganze Wahrhaftigkeit dieses ehrlichen Bekenntnisses erfassen. Die Not des gemeinsamen Vaterlandes in seinem Abwehr- kampf gegen einen grausamen Feind ist so groß, daß selbst 1 llufnahmen werden die Zerstörungsakte der Franzosen bildlich dar⸗ zellen und zeigen, daß ein Zeitungsbe vicht den Vandalismus der Een Vanhalisnuss der franzbsschen Soibatesta. Kstellt? Mußten diese Menschen sterben? In„Teja“, der letzte * bequält, durch einen Waffenstillstand betrogen und zu Zehn⸗ 4 Per Vater, Major a D. Rittergutsbesitzer, einst flotter Kavallerie⸗ HPeermögens schneidiger Offizler in väterlichen Regiment, sucht den Zerstörungswut der französischen Soldateska. Das verwüfstete Volkshaus in Herne. Dem Vorwärts ging aus Herne folgender Bericht zu: Seit dem 17. Januar war das Volkshaus, das schönste und größte eigene Versammlungslokal der sozialdemokvatischen Arbeiter⸗ chaft im Bezirk Sage Westfalen, von französischen Automo⸗ bbpl truppen in Stärke von etwa 120 Mann besetzt. Das Volks⸗ baus, welches Eigentum der örtlichen Sozfaldemokratischen Partei ist, minrde unter ungeheuren Mühen und beispielloser Opferwillig⸗ fekt der Herner fpeien Arbefterschaft gleich nach der Revolution er⸗ baut. Es war in all den Jahren der Herner Arheiterschaft eine Stätte der Kultur und des Kampfes zum Vorwärtskommen aus den Nöten der Nachbriegszeit. Am letzten Sonntag wurden die franzö⸗ sischen Truppen aus hause in andere Quartiere verlegt. Die brutale Zerstörungs wut, die räuberischen Plün⸗ derungen der französischen Truppen haben das Herner Volkshaus mm zu einer Stätte der Verwüstung und der Trostlosig⸗ keit gemacht. Von dem im großen Saal befindlichen Inventar ist fast alles verschwunden. Auf Grund der Inventuraufnahme des städtischen Besatzungsamtes fehlen 63 große Saaltische, 431 Saal⸗ stichle, 24 Stühle mit Ledersitz und 138 andere Stühle. Weiter sind 0 427 Stück Bierkrsige und aus den elektrischen Licht⸗ körpern 25 Lichtbirnen. Der große Saal wurde mit Gas geheizt, uud da die Frangosen die Gasöfen Tag und Nacht breumen ließen, ind sie vollständig durchgebrannt und unbrauchdar geworden. Das Volkshaus hatte einen weißen Innenanstrich, und die Wände liber den Oefen sind jetzt durch das fortwährende Brennen der Gas⸗ öfen total geschwärzt. Die Franzosen haben, wenn es im Saal zu tvarm wurde, Türen und Fenster geöffnet, anstatt das Gas abzu⸗ stellen. Die Prüfung der Licht⸗ und Gaszähler ergab einen Verbrauch von über 5 Millionen Mark an Gas umd elektrischem Licht. Nach dem Werlassen des großen Saales durch die Franzosen bot dieser einen aum vorstellbaven verschmutzten Eindruck. Den Stühlen, die man noch sah, waren die Armlehnen oder die Beine regelrecht ab⸗ gesägt: sie sind jedenfalls dann in die Feldklüche gewandert. Auch die Alappsitze der Galerieplätze hat man größtenteils zum Heizen ge⸗ Opaucht. Bei über hundert Klappsitzen ist der Sitz herausgebrochen. Der raum des Volkshauses ift bis auf den großen Vorhang vollständig aus geplündert. Alle Kulissen und sonstigen ö ten sind verschwunden, die Bühnenbeleuchtung demo⸗ fiert. Die Kulissen sahen wir zersägt in anderen Räumen; sie sind zu Matratzen gebraucht! Die 400 Qwadratmeter Parkett des großen Saules zeigen die Spuren der schweren Nagelschuhe der Soldaten. Das Fraktions zimmer der sozialdemokvatischen Stadtberordneten⸗ tration, in dem eine französische Schreibstube untergebracht war und von wo aus die der ösischen Zeitungen erfolgte, ist iemlich unbeschädigt geblieben; allerdings hatten Parteigenossen in ktzter Stunde vor der Besetzung den langen ovalen Konferenztisch von über einer Million Mark Wert in Sicherheit gebracht. Einen kelerxegenden Anblick boten die Aborte, und trotz der Wasser⸗ wiüllung herrschte eine verpestete Luft; teilweise haben durch Ueber⸗ b der Aborträume die Decken gelitten. Photographische wanzöstschen Truppen gar nicht wiedergeben kann. Die Herner sozialdemokratische Arbeiterschaft ist erbittert über Ob die„Herren In⸗ 9 wirklich einbilden, mit diesen Mitteln die Arbeiterschaft es Ruhrgebiets zu gewinnen? 5 Gießen und Umgebung. 5 Ein Bekenntnis zur Republik. 9 Es geschehen Zeichen und Wunder. Der deutschen diepublik ist ein großes Heil widerfahren. Der Gießener Unzeiger hat sich zu ihr bekannt. Man traut seinen Jugen nicht und doch lesen wir im letzten Wochenrückblick örtlich so:„In der Tat, heute gibt es keine grundsätzlichen Wilhelme von Gottes Gnaden der monarchistische Anzeiger heute und jetzt keinen Vor⸗ stoß gegen die Republik für erlaubt hält.„Grundsätzliche Zweifel“ will das patriotische Blatt gewiß erst dann wieder äußern, wenn besserer Frieden eingekehrt und damit die Zeit gekommen ist, politische Weltanschauungskämpfe aus⸗ zufechten. Der Anzeiger hat nämlich„Grundsätze“, und die sind zweifellos monarchistisch. Wie sehnt er die Zeit herbei, wo es ihm innere und äußere Ruhe im Vaterland gestatten wird, seine grundsätzlichen Zweifel gegen eine Sattler⸗ Präsidentschaft offen zu äußern und einen der zahlreichen zur Wiederherstellung der alten Kaiserherrlichkett in empfehlende Erinnerung zu bringen! Gewiß mit jenen unnachahmlich schwungvollen Floskeln aus dem historisch⸗poetischen Zitatensack, die dem Anzeiger ebenso zur zweiten Natur geworden sind, wie sie dem verflossenen Wilhelm II. zu Gebote standen. Wir freuen uns ungelogen auf die uns im Laufe der Zeit noch bevor⸗ stehenden Kunstgenüsse dieser Art; denn die Zeiten werden in jedem Falle noch lange ernst bleiben, und da muß für die nötige Erheiterung gesorgt werden. Eine würdige Aufgabe des Gießener Anzeigers! 5 Er, der nicht nur die Scheidemanns und Streckers so unverdrossen bekämpft, sondern auch den bösen Wirth mit seinem unseligen Diktum: Rechts steht der Feind!(da fühlt sich das Organ der Schulstraße getroffen an der Stelle, wo es empfindlich ist) stets aufs entschiedenste abgelehnt und verabscheut hat, lobt„seinen“ Reichskanzler nunmehr über die Hutschnur.„Die große Rede des Reichskanzlers Dr. Cuno war eine staatsmännische Leistung, wie wir sie lange in Deutschland nicht gesehen haben.“ Solch hohe Töne stehen eigentlich doch nur dem Generalanzeiger für Oberhessen mit seinem geschätzten blühenden Stil zur Verfügung. Es handelt sich aber um einen nationaliberalen Reichskanzler. Was Wunder, daß dessen Munde er⸗ erbte und angeborene Weisheit mühelos entfleußt?(Um in dem gleichen Stile zu deklamieren.) Wir Nationalliberalen sind doch eben(das müssen wir, selbst wenn uns die Ueber⸗ windung unserer natürlichen Bescheidenheit hart ankommt, schließlich aus Selbstachtung bekennen) die eigentlichen Staatsmänner der hohen und höchsten Politik. Und worin besteht nun nach dem so sachkundigen Urteile des Anzeigers die einzigartige„staatsmännische Leistung“ ihres Reichskanzlers? Mam vernehme und be⸗ staune das Lob welches ihm sein Parteiblatt fingt! „Politische Widerstände aller Art erforderten ein kluges Ab⸗ wägen aller noch so leidenschaftlich beherrschten Angriffe.“ Mit Verlaub, was sind„noch so leidenschaftlich beherrschte Angriffe“. Hie gibt uns der blühende Orakelstil des An⸗ zeigers leider(nun sagen wir, um wieder in seinen Bildern zu reden) eine harte Nuß zu knacken. Wenn sie nur nicht taub ist. Aber schließlich, eben wo Begriffe fehlen, da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein. Doch lassen wir dem Anzeiger das Wort:„Im Innern darf es jetzt keine Feinde geben. und so vermied Dr. Cuno nicht allein alles, was Miß⸗ verständnis und Anstoß erregen könnte, sondern er machte beruhigende Zugeständnisse. Er sprach mehrmals von der deutschen Republik, die wir erhalten müßten—. Donnerwetter, ja: der Mann ist tapfer. Auf den können die Anzeigerpolitiker und ihr Anhang stolz sein. Höher geht's nimmer in„stolzen, herzhaften und treffenden Worten“, die für die Einsendung der Nachzahlung zu benutzen bitten.— Solltg versehentlich der Nummer eines Postbeziehers die Zahlkarte nicht bei⸗ liegen, so kann er bei jeder Postanstalt ein Jormular erhalten, das er. wie folgt auszufüllen hat: 5 5 An die Oberhessische Volkszeitung, Gießen Postschecknummer 66 973, Amt Frankfurt a. M. Nachzahlung für März 1000 Mark. Flir Monat Februar(170 Mark) sind noch eine Anzahl Abon⸗ nenten mit ihren Nachzahlungen im Rückstande. Wir bitten um bal⸗ dige Einsendung. 5 Verlag der Oberhessischen Volkszeitung. der Anzeiger auch sonst aus der Rede Cunos herausgehört hat. Man vergegenwärtige sich nur: Der Reichs ⸗ kanzler der deutschen Republik wagt es in einer außerordentlichen Lage der Gefahr und der Not des gemeinsamen Vaterlands,„mehrmals“(wir hören es mit schaudernder Ehrfurcht)—„von der deutschen Repu⸗ blik zu sprechen.“ Wir beugen das Haupt vor so viel Männerwürde. Auch uns ist es ein herzlich„beruhigendes Zugeständnis“ der Tatsache, daß wirklich eine deutsche Repu⸗ blik existiert, wenn eben der Reichskanzler dieser Republik sie zu nennen wagt. O unvergleichlicher Heldenmut des höchsten republikanischen Beamten! Da lodert naturgemä (wem treten in dieser hehren Weihestunde nicht die Tränen politischer Rührung in die Augen?) stimmungsvoll auf die frendig⸗schmerzliche Begeisterung des innerlich doch so all⸗ deutsch⸗kaiserlichen Gießener Anzeigers für solchen Helden⸗ mut. Wahrlich das hohe Lied von... der... deutschen Republik!? Und wer das hohe Lied nicht kann, der fange es wieder von vorne an! So stärkt sich schließlich das Gedächt⸗ nis für geschichtliche Tatsachen, wackerer Anzeiger! — Weiterer Riickgang der Schlachtungen. Im Monat Februav ist im Gießener Schlachthof ein weiterer ziemlich erheblicher Rück⸗ gang der Schlachtungen festzustellen. Es wurden in diesem Monat im Ganzen 527 Tiere geschlachtet und zwar: 1 Ochse, 6 Bullen, 44 Kühe, 61 Rinder, 184 Scheine, 213 Kälber, 11 Schafe und 7 Ziegen. Im Januar dieses Jahres waren es noch 715 Tiere (gegen 1187 im Jannar 1922), im Februar vorigen Jahres sogar 927.— Von auswärts geschlachteten Tieren wurden im Februar dieses Jahres noch 67 eingeführt, dazu 1336 Kilo frisches Fleisch. Es wurden also im Februar dieses Jahres noch nicht die Hälfte Tiere geschlachtet, als im Jannar vorigen Jahres. Das zeigt eine ganz bedeutende Abnahme des Fleischverbrauchs. Man geht wohl nicht fehl, wenn man diese Verminderung auf die ungeheuer gestiegenen Preise zurückführt, die es vielen Familien unmöglich machen, Fleisch zu kaufen. Daß die allgemeine Ernährung sich ver⸗ b hat, wird durch diese Stattstik der Schlachtungen be⸗ wiesen. 1 L— Bildungsvorträge. Der am Donnerstag abgehaltene Vor⸗ trag von Dr. Aaron über die amerikanische Verfassung war ebenfalls gut besucht. Von dem Redner wurden die hauptsächlichsten Bestimmungen der Verfassung der Vereinigten Staaten dargelegt, erläutert und der deutschen Verfassung gegenübergestellt. An dieser gemessen weist die amerikanische Verfassung vom demokratischen Standpunkt aus manche Vorzüge auf, doch trifft in manch anderer Beziehung auch das Umgekehrte zu. Der Vortrag wurde von den Hörern beifällig aufgenommen.— Nächster und letzter Vortrag in dieser Reihe am Donnerstag 8½ Uhr abends. Prof. Kinkel spricht über:„Sozialismus, Religon und Kunst“. — Von der Engel⸗Apotheke meldeten wir vor 8 Tagen, daß sie zu einem sehr hohen Preise verkauft werden sollte. Diese Nachricht ging uns von einer Seite zu, der wir Glauben schenken konnten, sie ist aber nicht zutreffend. Der gegenwärtige Besitzer erklärt uns vielmehr, daß er nicht 5 7— 2 rr.̊emr.⁴.•. ˙¹A TT!* Stadttheater Gießen. Drei Einakter von Hermann Sudermann. In drei Bildern die Frage Morituri. Morituri d. h. Todgeweihte. Botenkönig. der seine Krieger in deu sicheren Tod führt. In talien, sern von der nordischen Urheimat, abgeschnitlen von jeder kälfe, von den Byzantinern gegen das Meer gedrängt, vom Hunger gusenden abgeschlachtet von heimtückischen Feinden, beschließen bönig und Volk, sich im Heldentode aufzuopfern. um durch ihn die umersättlichen Feinde wenigstens zu freiem Abzug für Weiber und dbeinder zu en. In der Hochzentsnacht des Königs soll der ampf beginnen. Als erster der Helden stürmt Teja den Feinden gntgegen. 5. Im zweiten Bild eine Offiziersfamilie der Vorkriegszeit. beutmant, dres Pistolenduelle wegen„Weibergeschichten“ glücklich dsgefochten, der blutjunge Sohn einziger Erbe des Namens und Pater nachzuahmen, wird von einem älteren Kameraden beim 0 dhebruch übexrrascht und aus dem Hause gepeitscht. Ein Pistolen⸗ tuell auf L und Tod bis zur Abfuhr“ ist die Folge. Den kkttzten Abschied von Eltern und einstiger Braut zeigt uns Suder⸗ kann im zweiten Bild„Fritzchen“. Eine andere Sühne des um erlaubt erscheinenden Ehebruchs gibts für etnen Herrn von Drosse micht, als im Duell zu 1 105 Mußte das sein, fragt sich ter Beschauer, wenn der Vorhäng fällt. 1 Das dulte Bild„Das Ewig Männlichen ist eine Fllegorie eine Versvottung des kavallermäßigen Spiels mit dem beben seiner Mitmenschen. Eine„Königin“ wird von einem Maler“ gemalt. Sehr zum Aerger der verliebten Posschranzen, — ä——ů— 8 die sich vor dem bloßen Namen des Königs verngigen, sich aber nicht entblöden alles daran zu setzen, die Liebe der Königin zu erringen. Der Maler muß fort! Der„Marschall“ soll auf den Maler gehetzt werden um ihn im Duell zu töten. Durch den ge⸗ funden Menschenverstand des Malers mißlingt der Bubenst reich, und Marschall und Maler verlassen vereint die blöde Oede des Hofes um edlem Streben und Geisteskampf sich zu widmen, um Fortschritt und Freude als ewig⸗männliche Tugenden zu erringen und zu verbreiten Dichter, Spielleitung und Künstler bewegten sich von„Teja“ bis zum„CEwig⸗Männlichen“ zweisellos auf sinkender Bahn. In „Teja“ ausgezeichnete Ausstattung, lapidar hingestellte Gestalten, würbungsvollste Sprache. im„Ewig⸗Männlichen“ schwache Verse, nicht genügende Szenerie, viel zu langsames Tempo der Hand⸗ lung und Sprache die alles verliert, wenn sie von den Darstellern noch mehr verkünstelt und unverständlich gemacht wird, Georg Heding als„Teja“ verdient uneingeschränktes Lob, es war eine Prachtleistumg, die durch Karla Kellers Kunst als „Königin“ aufs edelste und rührendste unterstitzt wurde. Karl Vol ck meisterte die nicht leichte Rolle des„Bischofs“, in mehr oder minder kleineren Rollen boten Auguste Marcks als Königin⸗ Mulitler, Paul Schubert Hans From ma nm, Franz Brandis als„Große im ehemaligen Gotenreich“, Heinz Bech⸗ stein als„Speerträger des Königs“, Martin Jacob als „Krieger“ und schließlich Gisa Iven sowie Herbert Kemlein und Karl Holl lobenswerte Proben sein einstudierter und tadels⸗ frei 5 Kleinkunst, die besonderer Anerkennung wert ist. Im„Fritzchen“ stellten Paul Schubert als„Mafor“ und Auguste Marcks als dessen Gatlin abgerundete und wirkungs⸗ volle Figuren. Hans Frommann als Träger der Titelrolle eri Kind glaubhaft zu machen. Die an und für sich trefflich wieder⸗ gegebene Zerfahrenheit dürfte vielleicht etwas gedämpft werden. Elfe Engel stellte das arme Majorsnichtchen reizend und gefühl⸗ voll dar. Georg Hedina hatte diesmal einen Salonhusaren zu spielen, der ihm trefflich gelang. Ju der kleinen Parte des „Inspektors“ war Hermann Sichel beschäftigt, während Hein Bechstein wieder ein ausgefeiltes vorzügliches Abbild eine „Dieners“ darbot: auch die sogen.„unbedeutenden“ Rollen(dee 1 nicht gibti) künstlerisch auszuwerten. zeigt echtes Streben an 2 „Das Ewig⸗ Männliche“ kann nur— wie schon betont wurde— bei flottem Tempo wirken. Das fehlte bei der Erst⸗ auffüthrung, sodaß schon hierdurch alle Lelstungen beeinflußt waren. Für Oskar Feigel als„Maler“ und ganz besonders Richard Hellborn als„Kammerdiener“ muß das bei Heinz Bechstein angebrachte Lob wiederholt und verdoppelt werden. Das ganze Stück enthält überhaupt nur sogen.„Nebenrollen“, Träger der Handlung ist keine Person, sondern eine Idee. Karl Juhnke suchte der vom Dichter nur angedeuteten Figur des „Marschalls“ Leben einzuhauchen und Kitty Frauke gab die exalisierte Königin mit regem Bemühen um den Gesst der Allegorie. Die Personem des Hofes waren Martin Jacob, Paul Mehnert, Herbert Kemlein, Karl Holl, Lore Schatte, Luise Schubert⸗ Jüngling, Gisa Jven, Liesel Marcke⸗ witz üertragen. Christine Castein durfte den„Amor“ dar⸗ stellen. 1 Die Theaterleitung hat uns zweifellos einen literarisch, künst⸗ lerisch und menschlich interessanten Abend geboten. Inwieweit das Stück etwa als veraltet bezeichnet werden könnte. soll unter⸗ lassen bleiben. Der Besuch ließ zu wlinschen übrig und das war schade; möchten die Wiederholungen vollbesetzte Häuser sinden. „Morituri“ gibt jedermann zu denken. Ot. mühte sich lebhaft, den schw'erigen Zwiespalt zwischen„Held“ und wissen Sie den Beweis für die überlegene Güte von Feurlo: Setrachten Sie nach dem Seife auf dle haut wirkt, eurso Haushaltseise enthält 80% Lott, waschtag Ihre hände! Wie dle so wirkt sie auch auf oͤie Wäsche. ist rein und milde und ohne Schärse. Vereinigte Lelsenfabrilen Stuttgart A. G. 1 3 1 1 4 30 4 ö bäran denke, die Apokheke zu verkaufen, obwohl ihm schon sehr hohe Angebote gemacht worden seien. Im Gegenteil bemühe er sich schon lange, hier Wohnung zu bekommen, um die Leitung der Apotheke selbst übernehmen zu können. Reichsbanknoten zu 20 000 Mark. Neue Reichsbanknoten zu 000 Mark mit dem Datum vom 20. Februar 1922 gelangen zur Ausgabe. Sie sind 160& 95 Millimeter groß. Das Papier ist weiß. Das Wasserzeichen bildet entweder ein Kugelmuster, oder es besteht aus gradlinigen Figuren in Form eines„2“ und aus sechseckigen Sternen, innerhalb derer, hell auf dunklem Grunde, die Buchstaben„G“ und„D“ abwechselnd wiederkehren. In beiden Fällen erscheint es in heller und dunkler Wirkung. Die Vorder⸗ seite hat einen links und rechts etwa 12 Millimeter, oben und unten etwa 11 Millimeter breiten unbedruckten Rand. Das Hauptbild ist von rechteckiger Form und wird von einem blauschwarzen Zier⸗ rahmen eingefaßt, innerhalb dessen, ebenfalls in blauschwarzer Farbe gedruckt, der Text angeordnet ist. Das Druckbild der Rück⸗ seite ist ebenfalls in verlaufenden Farben in der Mitte grün und nach beiden Seiten hin rot, gedruckt. Innerhalb einer rechteckigen, aus Guillochen gebildeten Umrandung befindet iich eine große guillochterte Vignette, in deren Mitte, hellwirkend mit dunkler Umrandung, die Wertzahl„20 000“ angebracht ist. 5 — Gültigkeitsdauer der Schülerferienkarten. Von der Eisen⸗ bahndirektion Frankfurt wird mitgeteilt: Schülern und Studieren⸗ den aus dem alt⸗ und neubesetzten Gebiet, die wegen Verkehrs⸗ störung ihren Heimatsort bei Beginn der bevorstehenden Oster⸗ und Semesterferien nicht erreichen können, ist die Benutzung der Schülerferienkarten noch zu einem späteren Tage als dem 3. Tag nach dem im Antrag bezeichneten Reisetag gestattet. — Blachetta⸗Volksspiele. Am Donnerstag, Freitag und Sams⸗ tag finden im Kathol. Vereinshause Volksspiele des Malers Walter Blachetta statt, auf die an dieser Stelle besonders hingewiesen sei. An den gleichen Tagen sind nachmittags 4 Uhr Schülervor⸗ stellungen vorgesehen. Die Abendvorstellungen beginnen um 8 Uhr. Wir weisen auf die Anzeige hin. — Der„Gemeinwirtschaft Oberhessen“ traten weiter bei die Gemeinden Reiskirchen, Lollar, Nieder⸗Ohmen. l— Villingen. Für die Ruhrhilfe wurde von der Beleg⸗ schast der Grube„Abendstern“ im Monat Februar eine Schicht verfahren und es konnte die hierbei verdiente Summe von 1056 898 ark dem Deutschen Bergarbeiter⸗Lerband überwiesen werden. Mit Ausnahme eines Arbeiters aus Langd haben sich sämtliche Arbeiter der Grube an der Ruhrhilfe⸗Schicht beteiligt. — Lollar. In der Gemeinderatssitzung vom 7. März wurden einige Gesuche um Unterstützung genehmigt.— Der Orga⸗ nistengehalt wird für 1923 auf 30 000.— Mark festgesetzt mit 7 gegen 6 Stimmen. Wir können in der allgemeinen Notlage der Gemeinden für unproduktive Tätigkeiten solche Gelder nicht be⸗ willigen, sondern halten diese Sachen für einen„Prüfstein“ des Glaubens und der Opferwilligkeit der kirchlichen Gemeinde.— Die Holzhauerlöhne werden un weitere 60 Prozent(also auf 120 Prozent) erhöht. Der Antrag, den Holzhauern 2 Meter Holz zu liefern, wird als unberechtigt abgelehnt.— Der Ruhrhilfe durch die Gemeinde wird zugestimmt.— Da immer noch einige Ein⸗ wohner Wert darauf legen, nicht nur Weltbürger und Staatsbürger zu sein, sondern auch„Orts“bürger werden wollen, so wurde einem hierzu Gelegenheit gegeben. Von Interesse ist hier nur, daß es größtenteils Bürger sind, die weniger Wert auf das Wort„Bürger“ legen, sondern unseres Wissens schon immer mehr für„Untertan“ waren.— Die Beisitzer des Mieteinigungsamtes sind dieselben ge⸗ blieben.— Für die voriges Jahr abgebrannte Scheune des Löwen⸗ wirtes Hofmann wird Nutzholz zum Durchschnittsprets geliefert.— Das Wassergeld wird pro Jahr und Familie auf 8400.— Mk. festgesetzt, dazu kommen die Zuschläge für gewerbliche Betriebe, fü Viehhalter und besondere häusliche Einrichtungen.— Der Gemein⸗ wirtschaft Oberhessen wird gegen 3 Stimmen beigetreten und zwar mit Zahlung in 2 Raten, dies ist nur zu begrüßen und 1 daß sich die Ansichten hierüber ändern können.— Auch dieses Jahr wird für Minderbemittelte Brennholz abgegeben. Vor⸗ aus sic eich kommt der Meter Buchen⸗Scheite auf 29 000.—, Buchen⸗ Kuppel auf 29 000.— Mark. Hoffentlich hat man die richtige Aus⸗ wahl getroffen, sctmer wirds sein.— Nachträglich wurden die Mittel(65 000.— Mark) für einen gekauften Lichtbilder⸗ Apparat für Schulzwecke bewilligt. Wir können nun wohl auch annehmen, daß die Eltern an einem Elternabend bald Gelcgenheit haben werden, die Vorzüge solcher bildlichen Darstellungen für ihre Kinder kennen zu lernen. Die Abende sollten ja längst sein? — Oder war das Interesse der Arbeiterschaft zu rege dafür? War man ängstlich um den„anti“ nationalen Einfluß?—— Die Kilo⸗ wattstunde für Licht beträgt ab 1. Februar 900.— Mark, für Kraft 750.— Mk.— Die neuen Mietsätze für Lollar betragen insgesamt 2380 Prozent und setzen sich zusammen aus: 26 Prozent für Zinssteigerung, 154 Prozent für Betriebskosten, 1400 Prozent fitr innere Instandsetzung, 800 Prozent flir große Instandsetzung. Ueber die Höhe und Berechtigung dieser Sätze hat sich vorigen Sonntag der Mieterverein unterhalten. n. Mesterwald und Unterlahn. Die Postämter im Unterlahnkreis besetzt.— Kautionen für Kraftwagen und Pferde. Alle Postämter im Unterlahnkreis sind jetzt von den Franzosen besetzt, so daß der Postverkehr nahezu unter⸗ brochen ist. Auf dem Diezer Bahnhof werden seit kurzem die durch⸗ fahrenden Züge einer eingehenden Revision unterzogen. Nachdem die Franzosen für jedes Auto, das das besetzte Gebiet verläßt, eine Kaution fordern, eine Millton Mark für einen Personenwagen und 0 Millionen Mark für ein Lastauto, verlangen sie nach einer eldung der Frankfurter Zeitung jetzt auch für jedes Pferd eine Kaution in Höhe von einer Million Mark. Kleine Nachrichten. Frankfurt a. M., 11. 1 Der Spielklub der Er⸗ werbslosen. In einer Wohnung am Geistpförtchen hob die Polizei eine aus 25 Personen bestehende Spielergesellschaft aus, die im Glückspiel„Meine Tante, Deine Tante“ 2 Unter den Spielern befanden sich nicht weniger als 20 Personen, die Er⸗ werbslosenunterstützung beziehen. Es wurden sehr namhafte Geld⸗ beträge beschlagnahmt. Frankfurt a. M., 11. März. Quäle nie ein Tier Im Zoologischen Garten reizte ein 16jähriger Schüler mit seinem Taschentuch einen der Tiger. Die Bestie griff plötzlich mit ihrer Tatze durch das Gitter, zerschlug dem jungen Mann die linke Hand und zog ihn dann zu sich an das Gitter. Nur dem raschen Zu⸗ greifen des Wärters hatte der Schüler es zu verdanken, daß er vor Schlimmerem bewahrt blieb. Frankfurt a. M., 11. März. Unehrlich Volk. Das 28. jährige Hausmädchen Margarethe Steib stahl auf ihren letzten drei Dienststellen erhebliche Silbervorräte und größere Mengen von Kleidern und veranstaltete auf Kosten ihrer Herrschaften, wenn diese nicht zu Hause waren, mit zahlreichen Freunden Zechgelage. Die Seib wurde jetzt überrascht und verhaftet.— Zwei 16 und 18jährige Lehrmädchen stahlen aus ihrem Geschäft große Mengen von Schuhwaren und verschenkten diese in freigiebiger Weise Freunden und Verwandten und Bekannten.— Der holländische Staatsangehörige Johann Gembke pumpte sich unter Berufung auf seinen Guldenreichtum daheim hohe Geldbeträge, mit denen er dann auf Nimmerwiedersehen verschwand.— Der Handlungsgehilfe Franz Wittmann aus Nürnberg bot am Hauptbahnhof den Passan⸗ ten unechte Goldsachen als echte an und fand natürlich reichlich Dumme.— In einer Volksküche griff die Polizei bei einer Revision nicht weniger als sechs Personen auf, die handelten, sich aber nicht im Besitz von Handelserlaubnisscheinen befanden.— Alle genann⸗ ten Personen kamen in Haft. Frankfurt a. M., 10. März. Ein Haus nach Frankfurt geschwommen. Der Bootsverleiher Martin Kittel in Aschaffen⸗ burg hat das stattliche Bootshaus, das er sich vor einem Jahre auf dem Main erbaute, dteser Tage nach Frankfurt verkauft. Das Daus schwamm unter Führung bes bisherkgen Besitzers in zwei Tagen nach hier und liegt jetzt wohlverankert in seinem neuen Heim. Frankfurt a. M., 11. März. Ein Hochverräter. Die Frank⸗ furter Staatsanwaltschaft hat gegen den früheren Herausgeebr der „Fackel“, die übrigens ihr Erscheinen gänzlich einstellen mußte, da sich hier kein Drucker mehr für sie fand, Josef Friedrich Matthes, ein Verfahren wegen Hochverrats eingeleitet. Das Bild des Matthes erscheint augenblicklich in allen deutschen Fahndungsblättern. Idstein i. T., 11. März. Vom Verkehr abgeschnitten. Durch das Eingreifen der Franzosen in den Bahnbetrieb auf ver⸗ schiedenen Stationen der Taunusbahn Höchst⸗Limburg ist der Bahn⸗ verkehr stillgelegt worden. Idstein ist dadurch von der großen Welt abgeschnitten. Von Limburg wird lediglich bis Camberg ein Pendelverkehr aufrecht erhalten. In Wörsdorf hielten die Fran⸗ zosen einen Zug an. Der Lokomotivführer koppelte die Maschine schleunigst los und dampfte, trotzdem die Franzosen wacker hinter⸗ her schossen, nach Limburg zurück. Auch die Strecke Niedernhausen⸗ Erbenheim(Wiesbaden) ist stillgelegt worden. Seligenstadt, 11. März. Raubansall. Zwischen Seligen⸗ stadt und Klein⸗Welzheim wurde ein junges Mädchen von einem Wegelagerer überfallen. Dem Räuber fielen indes nur einige ärztliche Rezepte in die Hände, da das Mädchen ihn durch fort⸗ gesetzte Hilferufe verscheuchte. Gernsheim, 11. März. Die erste Holzversteigerung er⸗ gab einem Erlös von etwa 16 Millionen Mark. Die im Forsthaus Jägersburg stattgefundene Versteigerung wurde aufgehoben, da die Preise zu hoch waren.— Hier wurde beschlossen, jedem Ortsbürger 2 Meter Holz frei zu geben, während Nichtbürger 2 Meter nach dem Tarifpreise erhalten können. Lampertheim, 11. März. Leichenländung. Hier wurde die Leiche eines etwa 50—60jährigen Mannes im Rheine geländet. Die Leiche muß schon einige Wochen im Wasser gelegen haben.— Größere Diebstähle wurden hier ausgeführt. Am Güter⸗ bahnhof wurden aus einem Eisenbahnwagen 20 rohe Kalbfelle ge⸗ stohlen und am Altrhein aus einer Hütte ein sehr wertvolles 14 Meter langes Fischnetz. Von den Dieben fehlt jede Spur. Oppenheim, 11. März. Beschlagnahmt wurden der Firma Georg Nödling 5400 Liter Cognak, die auf zwei Lastautos zun Ab⸗ transport bereit standen. Der Wert wird auf 160 Millionen Mark geschätzt. Der geistesgestörte Arzt. In einem Anfall von Geistesgestörtheit soll am Montag abend der prakt. Arzt Dr. Bandorf in Grenz⸗ hausen seine Frau ermordet haben. Nach der Tat kletterte der Arzt auf das Dach seines Hauses und schrie auf die Straße, daß er seine Frau getötet habe. Als die Polizei zu seiner Festnahme schritt, stand er im Begriff, mit seinem Auto fortzufahren. Es handelt sich um denselben Arzt, der vor etwa Jahresfrist einen Einwohner namens Briß in der Annahme einen Einbrecher vor sich zu haben, erschossen hat. Ganz besonders tüchtige Patrioten sind gewisse Kohlen⸗ händler, gegen die man in Berlin jetzt endlich mit etwas mehr Schärfe als bisher vorzugehen scheint. Dem Kohlenhändler Ernst Schütke, der bereits im vorigen Jahre vom Wuchergericht zu 5000 Mk. Geldstrafe verurteilt worden war, weil er Preßkohlen an gutzahlende Kunden ohne Karten abgegeben hatte, wurde fetzt die Handelserlaubnis entzogen, weil er seine Kundschaft nicht belieferte, dafür aber zahlungskräftige Ausländer Briketts zu übermäßigen Preisen geliefert hat.— Ein anderer Kohlenhändler, Burmeister aus Wilmersdorf, wurde wegen Zurückhaltung von Kohlen und Preistreiberei zu einem Monat Gefängnis und 100 000 Mark Geld⸗ strase verurteilt. Millionenwucher mit kondensierter Milch. Die Braunschwei⸗ ger Polizei hat gegen eine Reihe von Personen, darunter den In⸗ haber der Konservenfabrik Lahndorf, den Geschäftsführer der Lehr⸗ molkerei und die Inhaber einiger Lebensmittelgroßhandlungen, das Verfahren wegen Wuchers und Preistreiberei anhängig machen lassen. 14000 Dosen kondensierte Milch im Werte von 14 Millionen Mark wurden beschlagnahmt. Die Milch war zu Wucherpreisen der Kon⸗ servenfabrik geliefert worden, die sie ihrerseits zu Wucherpreisen den Lebensmittelgroßhandlungen weiterverkaufte. Der Karlsruher Riesendiebstahl in der Nacht zum 24. Februar, wobei für über 50 Millionen Mark Waren erbeutet wurden, konnte jetzt aufgeklärt werden. Als Täter wurde der 24 Jahre alte Schlosser Fritz Görke aus Berlin und der 27 Jahre alte Rohrleger Paul Jor⸗ dan aus Feyerland, ersterer in Karlsruhe, letzterer in Berlin fest⸗ genommen. Die Täter hatten die Waren in einem Handwagen nach der Bürgerstraße zu einem Kaufmann gebracht und zum Teil nach Berlin mitgenommen. Sämtliche Waren konnten beschlagnahmt und dem Eigentümer wieder zugestellt werden. Die beiden Täter sind auch überführt, in einem Geschäft in der Adlerstraße zwei schwere Ein⸗ brüche verübt zu haben, wo ihnen Waren im Werte von einigen Millionen in die Hände gefallen sind. Arbeitsrecht, Gewerkschaftliches, Arbeiterbewegung. Schlichtungsausschuß der Provinz Oberhessen in Gießen. Sitzung vom 9. März. 4 9 Dem Zentralverband der Steinarbeiter r G. m. b. H. Hessische Steinbrüche in Londorf schlug der Schlichtungsausschuß als Spitzenstundenlohn fütr den Februar Mk. 1150.— vor zur Vermeidung eines Rechtsstreits über dass bestrittene Weiterlaufen der bisherigen Entlohnung nach der l Ortsklasse 3 des Bauarbeiterbezirkstarifs. Ueber die Märzent⸗ lohnung, den Umfang der Arbeitsstreckung und etwaige Ent⸗ lassungen sollen die Streitteile noch verhandeln. Sie erhielten Erklärungsfrist.. 8. 5 5 Die Finanzbehörden übernehmen überzählige Post⸗ und Bahnbeamte und kündigen dafür den Angestellten. Ueber den Kündigungseinspruch von 7 Angestellten des Finanzamts und der Finanzkasse in Schotten konnte der Schlichtungsausschuß wegen Versäumnis der Anrufungsfrist der Verordnung vom 12. 2. 20 entscheiden. Er sprach die Erwartung aus, daß den Angeten genügende Uebergangszeiten bis zur Erlangung anderer Beschäß⸗ tigungen gewährt und andererseits keine Schwierigkeiten in den — 1 wenn sie vor dem Ablauf der Kündigungsfrist ausscheiden wollen. 9 Die übrigen Verhandlungsgegenstände erledigten sich durch Verständigung der Streitteile ohne öffentliche Verhandlung. Zum Bericht vom 6. März ist, da Mißverständnisse aufgetreten sind, nachzutragen, daß die Februargehälter der kaufmännischen Angestellten im Großhandel 250 Prozent der Januargehälter be⸗ tt N 1 Arbeitszeitgesetze und Jugendliche. 1 1 ichtungen, ob es 2 Jugendvereine sind, übereinstimmend eine Ver rung Fugendschutzverhältnisso ganz entschieden ablehnten. Gand be⸗ sonders wurde die Absicht verurteilt den Jugendlichen die Arhei G An den Reichstag wurde folgende Ent⸗ ießung gesandt: 5 5 N Der Ausschuß der deutschen Jugendverbände tritt mit aller Entschiedenheit dafür ein daß der Jugendschutz in e herigen Form nicht beschmitten, sondern darüber hinaus Berücksichtigung aller sozialen. erziehlichen gesundheitlichen und wirtschaftlichen Gesichtspunkte ausgebaut wird. Er richtet deshalb an den Reichstag das Erfuchen, bei den kommenden Beratungen der Arbeitszeitgesetze die die Jugend⸗ lichen betreffenden Bestimmungen entsprechend den Beschlüssen des Sozialpolitischen Ausschusses des Reichswirtschaftsrats zu den e über 5„ für gewerbliche Ar⸗ beiter ngestellte zu gestalten. 5 3 Es ist zu hoffen. daß alle Jugendgruppen versuchen werden, die ihnen nahestehenden Reichstagsfraktionen in ihrem Sinne 1 überzeugen. Wie weit dieser Einfluß reicht, dürfte an der gültigen Gestaltung der Gesetze erkannt werden. a Bücher und Schriften. „Der Wanderer“. Von Friedr. A. Seyffert. Verlag J. H. W. Dietz Nachf., Berlin. Das Buch schließt mit Worten:„Du willst erlöst werden? Was tatest Du selbst schon für Deine Erlösung?“ hänge alles Seienden zielt„Der Wanderer“ hin. Nicht mit trockenen, abstvakten Lehren, nicht mit schulmefsterlichen Moralpredigten er zu wirken, sondern mit dem lebendigen, anschautlichen Beispiel: „Der Spaziergang“ heißt das erste Kapitel— und das ganze Buch ist ein Spaziergang durch Wald und Heide, an See und Sumpf. Ein launiger Wanderer plaudert mit uns und lenkt unsere Augen auf die Schönheiten und Merkwürdigkeiten der Natur. Frosch und Eidechse, Vogel und Käfer lösen ebenso Betrachtungen in ihm aus wie Pilz und Halm, Baum und blühende Heide. Er schaut zurück in längst versunkene Jahrtausende, verbindet ste mit der Gegenwart und richtet Fragen an die Zukunft. Reiseerinnerungen, Märchenträume, humor⸗ volle Einfälle geben dem Ganzen ein farbiges Kolorit und einge⸗ streute Verse erhöhen den starken Stimmungsgehalt dieses Buches, das besonders der Jugend empfohlen werden kann, die Herz und Blick weiten und denkend wandern und leben will.— Bestell⸗ ungen nimmt die Oberhessische Volkszeitung entgegen. Dollarstand unverändert. Gestern mittag 12 Uhr: 20 800 Mk. Asitiert für die Oberhessische Volkszeitung. Allgemeine Ortskrankenkasse fürdie Stadt Gießen Nachdem durch Verordnung vom 27. Februar 1923 mit Wirkung vom 5. März 1923 der Höchstgrundlohn auf 14400 Mark festgesetzt wurde, werden ab 5. März 1923 folgende Lohnklassen den seitherigen zugefügt:. Kokosfett, garantiert rein in Tafeln Pfd. k. 3400.— „ lose fd Mk. 3200.— Reine Tafel⸗ Wurharine 3260. 1472 glieder vornehmen werden nicht zurückerstattet. 125 Täglicher Wochenbeiträge Lags Apebe i Stufe Verdienst Grundlohn bei s Arbeits⸗J bei 7 Arbeits⸗ Tagen Tagen XIII 4001 Mk bis 5000 Mk. 4600 Mk. 2484 Mk. 2898 Mk. Garantiert reines Schweine⸗ de,„ 000„ 6500„ 3510„ 4095„ eee,, 00 8500„ 4590„ 5355„ Mal Pfd. 2 XVI 9001„„ 12000„ 11500„ 6210„ 7245„ 5 1 Mk. 8 XVII über 12000 Mk. 14400„ 7770 9072„ Die Herren Arbeitgeber werden ersucht, innerhalb 5 Tagen die entsprechen⸗ den Lohnveränderungsanzeigen bei uns zu erstatten. Nach fruchtlosem Ablauf dieser Frist werden wir gemäß der Verordnung die Einstufung der betr. Mit⸗ hierdurch zu viel bezahlte bezw. angeforderte Beiträge Der Vorstand J. A.: Ad. Volz, 1. Vorsitzender. Eiwa Allerfeinste Tafelmargarine 5. f na 1 Pfd. Aenns eka 5 3460.— Salat⸗ und Speiseöle 7 Schoppen Mk. 2800.— 2 Norwegische Vollheringe 0 Stück Mk. 220.— Vertinigte Sozialdemokr. Partei Ortsverein Gießen. 1 bHolländische Vollheringe 7. Stück Mk 320.— 1 Ia Vollreis. 1 Suppenreis Schade& Füllgrabe. Filialen in allen Stadtteilen. 1373 Piund Mk. 960.— 5 Pfund Mk 800.— Samstag, den 17. März, abends 8½ Ahr im großen Saale des Gewerlischaftshauses März⸗ Gedenkrede: Genosse Profcssor Hüter. i N. Atbeiter⸗Gesangverein Feier itwirliende: Eintracht. Athbeiter⸗Jugend. Eintritt 50 Mark. Restauration findet nicht statt. Der Saal ist gut geheizt. Rauchen nicht gestattet. 1871 Der Vorstand. ——— Ras