Oberhes Organ für die Interessen des werktätigen Volkes der Provinz Oberhessen und der Nachbargebiete. — Aedaktion: Gießen Bahuboffraße 22 dtrnpehtr 2b. 0 0 kitung bpebitlen: Sleßes Bahnhofstraße 22 ötrusprecher 2008. Die Oberh. Volkszeitung erscheint jeden Werttag vormittag in Gießen. Der ae mit den Beilagen, Das Blatt der Frau“ und„Land⸗ wirtschaflliche Beilage“ beträgt monatlich 780.— Pet. einschl. Bringerlohn. Durch die Post bezogen 780.— Me. einschl. Bestellgeld. Einzelnumm. 20.— Mt, Verantwortlicher Redakteur: F. Vetters. Für den Inseratenteil verantwortlich: R. Strohwig. Verlag von Hermann Neumann& Cie., sämtlich in Gießen. Druckt: Verlag Offenbacher Abendblatt G. m. b. H. Offenbach a. M. Der Anzeigenpreis beträgt für die Millimeterzeile(5 mm breit) oder deren Raum lokal 7.— Met., auswärts 10.— Mt, die Retlamemillim 80.— Mk. Bei größeren Aufträgen oder Wiederholungen wird entspre der Rabatt gewährt— Anzeigen⸗Annahme bis 6 Uhr abends. Nr. 38 Gießen, Donnerstag, den 11. Januar 1923 18. Jahrgang Die Besetzung der Nuhr. Die Feststellung der„absichtlichen“ Verfehlung. Die Reparationskommission stellte am Dienstag in dreistündiger Sitzung mit drei Stimmen gegen eine die absichtliche Verfehlung Deutschlands in der Frage der Kohlenlieferungen fest. Bradbury stimmte da⸗ gegen. Vor der Abstimmung machten der Direktor des deutschen Kohlensyndikats, Lübsen und Geheim⸗ rat Ruppel vor der Kommission längere Aus⸗ führungen. Der Vormarschbeschluß des Pariser Kabinetts. Der Chicago Tribune zufolge hat der Kabinettsrat in Paris beschlossen, mit dem Vormarsch ins Ruhrrevier am Mittwoch morgen vor Tagesanbruch zu beginnen. Falls Marschall Foch sowie seine Mitarbeiter im Arbeits- und Finanzministerium bis dahin noch nicht bereit sein sollten, soll der Vormarsch bis spätestens Donnerstag morgen hin⸗ ausgeschoben werden. Bei diesem Kabinettsrat sollen mehrere Stimmen dafür abgegeben worden sein, mit dem Vormarsch bis nach dem 15. Januar als dem Fälligkeitstage der nächsten deutschen Barzahlung zu warten. Die Mehrheit beschloß jedoch, daß die deutschen Verfehlungen in den Kohlen. und Holzlieferungen als Grundlage für den Vormarsch genügen. Der Befehl an die Truppen lautet auf die Besetzung don Essen und Mühlheim. Bochum und Gelsenkirchen sollen besetzt werden, falls die Lage die Notwendigkeit dazu er⸗ geben sollte. Die französischen Vorbereitungen. Der kommandierende General des von Belgiern be— setzten Brückenkopfes Düsseldorf hat alle Besitzer von Kraft⸗ wagen, sowohl Lastkraftwagen wie Personenkraftwagen, so⸗ weit ihnen schon ein Requisitionsbefebl zugegangen ist, auf⸗ gefordert, diese Kraftwagen sofort an der Kaserne Napoleon in der Tannenstraße vorzuführen. Der Oberbürgermeister oder ein von ihm bestimmter Vertreter müssen bei der Vor⸗ führung der Kraftwagen zugegen sein. Wer diesem Be⸗ fehl nicht Folge leistet, wird neben der Beschlagnahme der Wagen mit der Aburteilung vor einem Kriegsgericht bedroht. Für die Requisitionszeit dürfen Kraftwagen das Gebiet des Brückenkopfes Düsseldorf nur mit besonderen Erlaubnis⸗ scheinen der Besatzungsbehörden verlassen. Die Folge dieser Anordnung war, daß sich sofort lange Kolonnen von Kraftwagen vor der Kommandantur bildeten, deren Führer Erlaubnis zum Verlassen des Gebietes des Brückenkopfes Düsseldorf einholen wollten. In Duisburg haben die französischen Behörden außer dem Lyzeum und dem staatlichen Gymnasium noch acht weitere Volksschulen für Truppenkasernierung beschlag⸗ nahmt. Damit ist Duisburg fast ohne Schulgebäude für Unterrichtszwecke, weil die Besatzungstruppen schon bisher eine Reihe von Schulgebäuden für ihre Bedürfnisse beschlag⸗ nahmt hatten. Das Hotel„Berliner Hof“ ist von den Be⸗ satzungstruppen als Generalswohnung beschlagnahmt. Der Duisburger Bahnhof steht voll französischer Truppen. Nach einer Mitteilung der Eisenbahndirektion Elberfeld fordert die Interalliierte Kommission die Gestellung einer großen Anzahl von Zügen für militärische Transporte. Die internationalen Züge, die Kohlenzüge für die Internationale Kommission, Arbeiterzüge, möglichst auch die Personenzüge sollen beibehalten werden. Aufruf des Neichspräsidenten. Reichspräsident Ebert hat an die Bevölkerung des von der neuen Besetzung bedrohten Gebietes durch öffentlichen Anschlag folgenden öffentlichen Aufruf gerichtet: Mitbürger! Gestützt auf militärische Gewalt schickt sich fremde Willkür an, erneut das Selbstbestim⸗ mungs recht des deutschen Volkes zu verletzen; abermals erfolgt ein Einbruch unserer Gegner in deutsches Land. Die Politik der Gewalt, die seit dem Friedensschlust die Verträge verletzt und die Menschenrechte mit Füßen tritt, bedroht das Kerngebiet der deutschen Wirtschaft, die Hauptquesle unserer Arbeit, das Brot der deutschen Indu- strie und der gesamten Arbeiterschaft. Die Ausführung des Friedensvertrages wird so zur absoluten Unmöglichkeit. Zugleich werden die Lebensbedingungen des schwerleidenden deutschen Volkes noch weiterhin zerrüttet. N Der Vertrag von Versailles sollte den Völkern den er⸗ sehnten Frieden bringen. Was hier geschieht, ist aber eine f Fortsctzung des Uẽrechts und der Gewalt: es ist Vertrags bruch, angetan einem entwaffneten, wehrlosen Volke. Deutsch⸗ land war bereit, zu leisten, soweit seine Kraft reicht. Trotz⸗ dem wird es nun überfallen. 8 Diesen Gewaltakt klagen wir vor Europa und der ganzen Welt an; laut erheben wir unsere Stimme, daß hier eine fremde Macht das heilige Recht des deutschen Volkes am eigenen Boden und sein Recht zum Leben vergewaltigt. Nun sollt Ihr für das ganze deutsche Vaterland das harte Los der Fremdͤherrschaft erleiden! Harrt aus in duldender Treue, bleibt fest, bleibt ruhig und bleibt be⸗ sonnen! Tretet im Gefühle unseres guten Rechts in ernster Würde den fremden Gewalthabern entgegen, bis der Morgen tagt, der dem Recht seinen Platz und Euch die Frei⸗ heit gibt. Wir aber geloben Euch treue Hilfe; unsere rast⸗ lose Sorge wird sein, nichts ungeschehen zu lassen, um die Dauer der Fremdherrschaft abzukürzen, Eure Not zu lindern und den Weg zum wahren Frieden zu finden. An deutschem Gemeinsinn und an opferfreudiger Vaterlands⸗ liebe werden die fremden Machtpläne zerschellen! Haltet alle Zeit hoch die deutsche Einheit und unser gutes Recht! Reichspräsident: Ebert.— Reichskanzler: Cuno.“ Die Stellung der Reichsregierung. Aus Berlin wird uns gemeldet: Die Reichsregierung hat die am Montag abgebrochene Beratung über die Maßnahmen gegen die französische Aktion im Ruhrgebiet am Dienstag fortgesetzt und vorläufig abgeschlossen. Die ausgearbeiteten und als moralische Gegenaktion gedachten Pläne tragen naturgemäß solange provisorischen Charakter, als die Besetzung Essens oder anderer Gebietsteile nicht Tatsache geworden ist. U. a. spricht man in politischen Kreisen auch von der Abberufung des deutschen Botschafters in Paris, sobald Essen besetzt ist. Wir sind der Auffassung, daß die Reichsregierung sich hüten sollte diesen Schritt zu machen, da durch eine Berufung des Herrn v. Mayer nach Berlin die Situation nicht gebessert wird und wir der moralischen Geste, die im Augenblick vielleicht für Deutschland spricht, nach vier Wochen notge⸗ drungen eine moralische Niederlage werden folgen lassen müssen, indem wir unsern Botschafter wieder nach Paris zurückschicken. Die Arbeiterschaft Essens denkt nicht daran, die neue Gewalttat Poincarés ohne weiteres hinzunehmen. Sie beab⸗ sichtigt andererseits aber auch nicht, den Franzosen durch irgendwelche Handlungen Anlaß zum Eingreifen zu geben. Soweit wir unterrichtet sind, soll bald nach der Besetzung Essens ein halbstündiger Proteststreik proklamiert werden, der den Franzosen zu verstehen geben wird, daß sie auf Sym⸗ pathien bei der Arbeiterschaft nicht zu rechnen haben. Rückkehr Dr. Luthers nach Essen. Laut Berliner Tageblatt wird Reichsernährungsminister Dr. Luther angesichts der schweren Bedrohung, der die Stadt Essen aus⸗ gesetzt ist, einen längeren Urlaub antreten und sein früheres Amt als Oberbürgermeister der Stadt Essen vorübergehend wieder über⸗ nehmen. Das französische Aufgebot. Ueber die militärischen Vorbereitungen Frankreichs bringt die Liberte ausführliche Meldungen, denen folgendes entnommen sei: Die Besetzung von Essen soll morgen früh beendet sein. Es ist die ganze Rheinarmee, bestehend aus dem 30., 32. und 35. Armeekorps, in Alarmzustand. An der Spitze der ins Ruhrgebiet einrückenden Truppen wird die 510. Tankgruppe marschieren. Ferner gehören zu der Armee eine Kavalleriedivision und 6 Feldartillerieregimenter sowie 3 Regimenter schwerer Artillerie. Auch eine große Abteilung Flieger ist aufgeboten worden. Es sind ferner alle Vor- kehrungen getroffen, daß der Eisenbahndienst und der Schiffahrtsdienst von französischen Beamten kontrolliert und aufrechterhalten wird. Die Techniker, die den deutschen Bergwerken beigegeben werden, sind bei dem Generalstab in Düsseldorf vereinigt. Sitzung des englischen Kabinetts. Das englische Kabinett ist für Donnerstag einberufen worden. Bonar Law wird einen Bericht erstatten über die Pariser Konferenz. Das englische Kabinett wird sich in dieser Sitzung auch mit der durch den französischen Vor⸗ marsch in das Ruhrgebiet geschaffenen veränderten Lage befassen. Die Londoner Börse zur drohenden Ruhr⸗ besetzung. Aus London wird gemeldet: Als Folge der Unsicherheit in der politischen Lage zeigte sich gestern an der hiesigen Börse ein scharfer Fall der Continentalen Wechsel⸗Raten. Die deutsche Mark erlitt bei Eröffnung der Börse einen neuen Rekorttiefstand von 50 000 für 1 Pfund Sterling. Später erholte sie sich jedoch wieder etwas und notierte bei Schluß der Vörse 46000. Auch der fran⸗ zösische Franken erlitt eine ähnliche Abschwächung. Er notierte anfangs 70 für 1 Pfund Sterling und erholte sich später eben⸗ falls um weniges. Die belgische und italtenische Währung be⸗ wegte sich in den gleichen Linien und waren zum Schiuß der Börse wesentlich schwächer als vorgestern. Die englische Nate auf New⸗Jork wurde von den starken Schwankungen der Con⸗ tinentalen Währungen nicht beeinfußt. Das Pfund Sterling zeigte zu Beginn der Börse eine kleine Gedrücktheit. Italien und die Ruhrbesetzung. Auf einen Antrag des Abgeordneten Cianfarra, von der Partei der Popolarie, faßte die Kommission für das Auswärtige Amt einen Beschluß, gegen die Beteiligung Italiens an den franzö chen Ope⸗ rationen im Ruhrgebiet. In der Begründung wird nsbesondere darauf hingewiesen, daß die Frage der Reparationen auf das engste mit den interolliierten Schulden verknüpft sei. Während der anglo⸗ amerikanischen Verhandlungen soll man also Deutschland ein kurzes Moratorium gewähren. Weiter wird gemeldet, wenn der amerika⸗ nische Standpunkt über alle anderen den Sieg davon trage, so werde auch Italien diese Politik aufgreifen und alle einschlägigen Probleme von neuem betrachten. Die Kommission ist der Ueberzeugung, daß die französische Aktion an der Ruhr für den europäischen Frieden ge⸗ jährlich ist, weil sie die Gefahr vergrößert, daß sich die deutsch⸗russische Annäherung nur noch 7— vollzieht, besonders angesichts der französisch⸗englischen Entsernung.. 5 Auf diesen Beschluß ist wohl auch die Meldung der Kölnischen Zeitung zurückzuführen, wonach Vorstellungen Italiens Poincarẽ veranlaßt hätten, seine Absicht, das Vorgehen im Ruhrgebiet gleich nach der Erklärung der Verfehlung Deutschlands in der Kohlenfrage zu beginnen, aufzugeben und bis zum 15. Jannar zu verschieben. Neues vom Tage. Die neuen Löhne der Staatsarbeiter. Die Verhandlungen im Reichs finanzminifterium mit den Spitzenorganisationen über die Erhöhung der Dohne der Reichsarbeiter haben damit abgeschlossen, daß in der ersten Ortsklasse der angelernte Arbeiter für die erste Hälfte Januar eine Stundenlohnerhöhung von 50 Mark, für die zweite Hälfte von 100 Mark gegenüber den Löhnen der zweiten Dezemberhälfte erhalten soll. Es steht zu erwarten, daß die heute zusammentretenden Vorstände der Gewerk⸗ schaften dem Ergebnis zustimmen. Das Reichskabinett wird sich unmittelbar nach dem Abschluß der Verhandlungen nit den Beamten und Angestelltenorganisationen über die Regelung der Bezüge der Beamten und Angestellten mit der Gesamtfrage befassen. Die dringende Säuberung. Der Reichssportkommissar Dr. Saemisch beabsichtigt jetzt endgültig, das Reichspensionsamt als selbständige Behörde aufzulösen. Dieses Amt hat tatsächlich nicht nur keine sach⸗ liche Berechtigung im verarmten Deutschland, sondern war auch bei seiner Zusammensetzung aus altpreußischen Beamten und Offizieren bisher der Herd wildester Agitation gegen die Republik. Zurzeit schweben nicht weniger als fünf Disziplinarverfahren gegen höhere Beamte An wegen herabsetzender Aeußerungen gegen die republikanische Staatsform. Wenn also hier der Besen des Sparkommissars zuerst ansetzt, so ist es an einer Stelle, die dringend der Säuberung bedarf. Schade, daß sie nicht schon unter dem Kabinett Wirth geschah. Deutschvölkische Umtriebe in Oberschlesien. In Deutsch⸗Oberschlesten macht sich in den letzten Tagen das deutschwölkische Unwesen in besonders auffälliger Weise bemerk⸗ bar. In verschiedenen Orten ist es zu Umzügen von rechts n Gruppen gekommen, die mit Knsippeln und Gewehren bewaffnet waren. Auch die Organisationen der rechtsradikalen Gruppen, besonders die in verschleierter Form auftretenden Werkturnver⸗ eine, Militärvereine usw., breiten sich in den letzten Wochen in auffälliger Weise aus. Bemerkenswert ist, daß zahlreiche bayerische Agitatoren zurzeit in Deutsch⸗Oberschlesien weilen. Der Oberpräsident von Oberschlesten, Geheimrat Bitta, der übrigens die Altersgrenze schon lange überschritten hat, hat bisher in keinem einzigen Falle von seinen besonderen Vollmachten zur Unterdrückung dieses Unwesens, das auch außenpolitische Ge fahren bringen kann, da es in der polnischen Presse in über · triebener Weise dargestellt wird, Gebrauch gemacht. Auch der Re⸗ gierungspräsident von Oberschlesien scheint seine Polizei nicht vollständig in der Hand zu haben, da sonst ein Einschreiten ber mehr als einer Gelegenheit schon selbstverständlich gewesen wäre. Die Verordnungen Severings gegen die rechtsradikalen Gruppen werden zwar in den oberschlesischen Zeitungen abgedruckt. nehmen sich aber angesichts dieser Vorgänge als rein akade mische Erörterungen aus. Politische Uebersicht. Republik und Reichswehr. In der letzten Sitzung des Reichstagsausschusses zur Prüfung der Vorwürfe gegen die Reichswehr befaßte won 9 dieses Amtes 8 7 5 N 3 982 N ——.— U 1 8 übrigen sei das Ministerium beteuernd auf das sich auch mit der Frage, ob in der Reichswehr republikanische Gesinnung unterdrückt werde. Reichswehrminister Dr. Geßler stellte fest, daß nach feiner Ueberzeugung die Offiziere ihren Eid ohne Vorbehalt geleistet haben. Im nicht berechtigt, bei seinen Offizieren die Frage zu stellen, ob sie die Republik für die allerbeste Staatsform hielten, sondern es handele sich darum, daß alle Mann der Republik vorbehaltlos und treu dienen.— r Geßler ist von einer geradezu sträflichen Naivetät. Da haben die staatlichen Gewalten im alten Deutschland über die Freiheit des politischen Vekenntnisses der Beamten anders, realpolitischer gedacht. So hat die Disziplinar⸗ kammer in Kassel im Jahre 1903 gegen einen Postbeamten auf Dienstentlassung erkannt,„weil der Beruf eines Be— amten erfordert, daß der Beamte die Ordnung, auf der sein Amt als solches beruht,, in die es eingefügt ist,„als sittlich berechtigt anerkennt“. Und weiter heißt es in dem be⸗ treffenden Disziplinarerkenntnis:„... als Beamter ist er um der Tatsache einer die Amtstreue ausschließenden Ge⸗ sinnung(gemeint die den Staat, dem er geschworen hat, ablehnende Gesinnung. Anm. der Red.) willen der Achtung, die sein Beruf erfordert, unwürdig.... Diese Unwürdig⸗ keit schließt insbesondere die Möglichkeit gewissenhafter Er— füllung der Amtspflichten aus. die dem Beamten in der Stellung eines Vorgesetzten erwachsen“. Und der kaiserliche Disziplinarhof in Leipzig hat das Urteil bestäligt und in der Begründung von jedem Beamten„je an seinem Teile eine dienstliche wie außerdienstliche Förderung des Staatsinteresses gefordert“. Wir wollen den früheren Staatsgewalten bei dieser Auffassung der Beamtenpflichten gewiß nicht bis in die letzten Konsequenzen folgen, aber ein Offizier der reyublikanischen Reichswehr, dessen Beruf und Amtspflicht es ist, die republikanische Verfassung mit seinem Leben zu schützen, kann sein Amt nicht erfüllen, wenn er in seiner Gesinnung den republikanischen Staat niht„als sittlich berechtigt“ anerkennt sondern ihn innerlich ablehnt. * 4 6 Ein Zentrumsurteil über Dr. Becker⸗Hessen. Unter der Ueberschrift„So wandeln sie, die„starken Männer“ schreibt die Zentrums. Partei ⸗Correspondenz (G. P. C.). Unter den Parlamentariern, welche dem Kabinett Dr. Wirth wegen seiner„Erfüllungspolitik“ Opposition mach⸗ ten, war einst einer der hartnäckigsten und eigensinnigsten der Führer der Deutschen Volkspartei, Dr. Becker Hessen. Er war in dem Punkte mitunter noch verständ⸗ licher als sein Parteikollege Hugo Stinnes. Es ist schon bekannt, daß Dr. Becker⸗Hessen mit dem Eintritt in das Kabinett Dr. Cuno einen Gesinnungswandel vollzogen hat, Ohne solchen Gesinnungswandel hätte er in ein Ka⸗ binett, das die Politik Dr. Wirths sortsetzen wollte, und obendrein einen Reichsfinanzminister Dr. Hermes ent⸗ hielt, nicht eintreten können. Es ist weiter bekannt ge— worden, daß bei den Vorberatungen für die Vorschläge in Paris Dr. Becker⸗Hessen und Dr. Hermes sehr einträchtig zusammengearbeitet haben. Zu alledem legt nun noch der neue Reichswirlschaftsminister in der Neujahrsnummer g Sparteilichen Zeitung Die Zeit ein offenes Bekennt⸗ nis ab für seine neue Auffassung üher die Forderungen der tschen Politik in der Reparationsfrage, die im Grund genommen nichts anderes ist, als eine Anerkennung der fa der Politik Dr. Wirths in der Reparations⸗ rage. N Dr. Becker⸗Hessen gehörte zu den sogenannten starken Männern im Reichslbage, die sich der 7 60 9 103 Die Sängerin. 5 Novelle von Wilhelm Hauff. „Kein Umstand ist bei solchen Vorfällen gering, meine liebe Kleine,“ antwortete der Mann der Polizei;„wenn Sie irgend etwas wissen—“ „Ich glaube fast, Signora ist zu diskret und will nicht recht mit der Sprache heraus; als sie den Stich bekam und in meinen Armen ohnmächtig wurde, war ihr letzter Seufzer— Bolnau.“ „Wiek“ rief der Direktor entrüstet,„und das verschwieg man mir bis jetzt? Einen so wichtigen Umstand; haben Sie auch recht gehört— Bolnau?“ „Auf meine Ehre,“ sagte die Kleine und legte die Hand Herz.„Bolnau, sagte sie, und so schmerz⸗ lich, daß ich nicht anders glaube, als so heißt der Mörder; aber bitte, verraten Sie mich nicht!“ Der Direktor hatte den Grundsatz, daß kein Mensch, er sehe so ehrlich aus, als er wolle, zu gut zu einem Verbrechen sei. Der Kommerzienrat Bolnan, und einen anderen wußte er nicht in dieser Stadt, war ihm zwar als ein geordneter Mann bekannt, aber— hatte man nicht Beispiele, daß ge⸗ rade solche Leute, denen man vor der Welt nichts nachsagen konnte, der Justiz am meisten zu schaffen machen? Konnte er nicht mit diesem Chevalier de Planto unter einer Decke spielen? Er setzte unter diesen Betrachtungen seinen Weg weiter fort, er näteerte sich der Breiten Straße es fiel ihm bei, daß um diese Zeit der Kommerzienrat sich dort zu er⸗ gehen pflegte; er beschloß, ihm ein wenig auf den Zahn zu fühlen. Richtig, dort kam er die Straße herab, er grüßte rechts, er grüßte links, er sprach alle Augenblicke mit einem Bekannten, er lächelte, wenn er weiter ging, vor sich hin, er schien munter und guter Dinge zu sein. Er mochte etwa Joch fünfzig Schritte vom Direktor entfernt sein, als er seiner ansichtig wurde; er erbleichte, er wandte um und wollte in eine Seitenstraße einbiegen.„Ein verdächtiger, sehr verdächtiger Umstand!“ dachte der Direktor, lief ihm nach, rief seinen Namen und brachte ihn zum Stehen. Der Kommerzienrat war ein Bild des Jammers: er brachte in hohlen Tönen ein„Bon jour, Bon jour“ hervor, er schien lächeln zu wollen, aber die Augen gingen ihm über und sein Gesicht verzog sich krampfhaft; seine Knie zitterten, seine Zähne schlugen hörbar aneinander. „Ei, ei, Sie machen sich recht rar. Habe Sie schon ein paar Tage nicht an meinem Fenster vorbeigehen sehen: Sie uneingeschränkten Sympathie selbst der Rechtsstehenden erfreute. Mit dieser Sympathie wird es naturgemäß jetzt vorbei sein. Dr. Becker⸗Hessen bemerkt in seinen Ausführungen, daß„ge⸗ rade bie jetzige Regierung“ ihren Verständigungswillen mit Frankreich oft genung klar ausgesprochen hat. Man könnte fast darin einen Vorwurf gegen das Kabinett Dr. Wirth⸗Rathenau heraushören, wenn dazu eine Veran⸗ lassung vorläge. Jedenfalls bemerkt man an dieser Wendung, wie stolz Tr. Becker-Hessen auf diese Eigenschaft der Ver⸗ ständigungsbereitschaft des neuen Kabinetts ist. Ja, es ist schon manch einer ous einem Saulus ein Paulus geworden, aber nichts für ungut. wie wünschen Dr. Becker⸗Hessen mit seiner neuen Politik, die wir kür weit richtiger halten. als seine alte parlamentarische Politik der Mißtraucusooten gegen Dr. Wirth, guten Ersolg— im neuen Jahre. 8 8 1 2 1 Ist es schon Tollheit, hat es doch Met) ode. Die unerträglichen Lasten der Rheinlandbefatzung. Die Rheinlandbesatzung beträgt zur Zeit 140 000 Köpfe, ist also rund doppelt so groß, wie die Gesamtstärke der vor dem Kriege im Rheinland befindlichen deutschen Garnisonen(70 000 Köpfe).. Die„Rheinlandkammission“ soll vertragsgemäß aus 4 Mit⸗ gliedern bestehen, umfaßt aber tatsächlich rund 1300 Köpfe. 5 Die Gesamtausgaben für die Rheinlandbesatzung und die Rheinlandkommission können dis Ende 1922 auf 4%½ Milliarden Goldmarl beziffert werden. Deutschland muß also allein an Be⸗ satzungskosten für die ersten 4 Jahre der Rheinlandbesetzung eine Summe aufbringen, welche die ganze Kriegsentschädigung, die Frankreich nach 1870/71 an Deutschland zu zahlen hatte, schon jetzt weit übertrifft. Die Reparationskommission allein erfordert im Jahr einen Aufwand von 36 Milltarden Papiermark, d. h. genon die Hälfte desjenigen Betrages, den Deutschlaud für die Besofdung ämt⸗ licher Reichsbeamten, it Ausnahme der Eisenbahn⸗ und Post⸗ beamten, nach dem Stande von Ende November 1922 jährlich aufwendet. Die Kontrollkommissionen verursachten im Oktober 1922, ohne die Heimatgehälter, einen Betrag ven 300 Millionen Mark mo⸗ natlich, oder, auf das Jahr umgerechnet, 3,6 Milliarden Mark. Eine Summe also, die etwa gleich groß ist wie der Gesamtbetrag, der im Reichshaushalt für die Gewährung von Kriegsbeschädig⸗ ten⸗Renten an rund 1,6 Millionen erwerbsbeschränkte deutsche Kriegsbeschädigte im Rechnungsjahr 1922 vorgesehen ist. Ein einfacher Soldat der Rheinlandbesatzung erhielt nach dem Stande vom Oktober 1922 allein an„Deutschlandzulagen“ neben seiner Heimatlöhnung und neben freier interkunft monatlich auen Vetrag von rund 140 000 Mk., das ist mehr als das da⸗ zalige gesamte Monatsgehalt eines deutschen Generals oder Staatssekretärs und annähernd ebensoviel wie das Oktober⸗ gehalt eines deutschen Reichsministers. 1 Ein englischer Generalpräsident einer der interalltierten Kom⸗ missionen bezieht einschl. seines Heimatgehalts den Betrag von 600 Mek., wozu noch die sehr erheblichen Kosten für die Unterkunft kommen. Ein einsacher eunlescher Soldat erhält, ohne die Unterkunftkosten jährlich 5 022 000 Me. in bar. Der deutsche Reichskanzler bezieht nach dem Stande vom Dezember 1922, ohne die Aufwandsentschädigung, ein Dienstein⸗ kommen von 2 230 000 Mk., also noch nicht 5 v. H. des gesamten Diensteinkommens, das ein englischer Generalpräsident in Deutschland bezieht. Ein deutscher Reichsminister bezieht alles in allem einschl. seiner Aufwandsentschädigung ein Nettodiensteinkommen, das noch drei Fünftel des Diensteinkommens eines einfachen engli⸗ schen Soldaten oder Schreibers der Kontrollkommissionen erreicht. Nothilfe für die V. S. P. Hessens. Die große Notlage der Ver. Sozd. Partei Hessens veranlaßt das Bezirkssekretarigt, die Spender freiwilliger Beiträge für die Parteikasse, soweit sie nicht Notstandsmarken kaufen, periodisch öffentlich bekannt zu geben. 5. Januar 1923 von Staatspräsident Ulrich erhalten 10 000 Mark. W. Widmann, Bezirkssekretär. Hesen und Nachbargebiete. 5 5 Gießen und umgebung. 1 —— 9 2* Geschichts talender. 11. Januar.. 0 1753 Charlotte Buff, das ur der Lotte in Goethes„Werthers Leiben“, in Wetzlar geboren. 7 1784 Erste Aufführung von Schillers„Fiesco“ in Mannheim. 9 1820 Ter Literarhistoriker Friedrich v. Schlegel in Dresden ge⸗ ö 6 storben. i 1919 Planmäßiger Augriff der Regterungstruppen gegen— Berliner Spartakisten. Rückeroberung des Vorwärts usw. 1 — Not treibt zum Tod! Die Frankfurter Zeitung meldet:„In einer eee in Essen wurde mitge⸗ teilt, daß in den letzten Wochen im Ruhrrevier über hundert Selbstmorde aus Nahrungssorgen verübt worden seien.“ 2 i J 1 Nachrichten über Freitode aus Verzweiflung finden. 3—— ̃——. jetzt ungeheuer zahlreich in den Lokalblättern aller Landes⸗ teile, vornehmlich der Städte. In Berlin sprang ein Man in die Spree, der zum Zeichen der Not vorher mehrere Schüsse auf das Börsengebäude abgab. Diese Verzweiflungs⸗ täten Notleidender sind eine furchtbare Anklage gegen die heutige Wirtschaftsordnung und der auf ihr aufgebauten 0 sozialen Klassenherrschaft. Vielleicht sind es Sozialrentner, 7 Krüppel, Kriegsverstümmelte, Kleinrentner usw., die aus Verzweiflung als letztes Mittel den Freitod wählen. Diese Opfer sind für uns alle eine erschütternde Mahnung und ein Ansporn, nun erst recht und doppelt unsere Pflicht im sozialen Ringen zu tun. Nur die organisierte Gemeinschaft ö aller Schaffenden kann einst die Macht aufbringen, die Wirt⸗ schaftskräfte zu bändigen, sie durch Ueberführung in Gesell⸗ schaftsbesitz zu entfalten, zu steigern und so die Not des ein⸗ zelnen zu einer Angelegenheit der Allgemeinheit machen. Ist diese Grundlage geschaffen, so ist die Not auch schon be⸗ seitigt und die dauernde Niederhaltung des Elends verbürgt. Durchgeführter Sozialismus bedeutet die Erlösung aller Verzweifelnden. Bis dahin muß aber auch gerade für die am meisten der Not Ausgesetzten schon jetzt mehr getan wer⸗ den, wenn sich die Zahl der Selbstmorde dieser Aermsten und Bedrücktesten nicht erschreckend vermehren soll. Das Stadtparlament der Stadt Gießen, das am 19. Nopember vorigen Jahres neu gewählt wurde, trat am Dienstag zur ersten Sitzung zusammen. Die Versammlung war fast komplett, es fehlten nur zwei Mitglieder, die wegen Krankheit verhindert waren. Die Zusammensetzung der Stadtverordneten⸗Versammlung haben wir kurz nach der Wahl in unserem Blatte angeführt, sie sei nochmals wiederholt. Es gehören ihr an: Stadtver⸗ waltung: Oberbürgermeister Keller, Bürgerm. Kren⸗ 4 zien, Beigeordn. Dr. Seib, Beigeordn. Dr. Frey, Beigeordn. Rosenberg, Beigeordn. Klingspor. Stadtverordnete: Sozialdemokratische Partei: Beckmann, Diener, Goß, Kiel, Frau Lorenz, Maier, Mann, Frau Martin, Moosdorf, Schmidt, Vetters; Demokratische Partei: Frau Biermann, Fischer, Höhn, Mayer, Simon; 20 Zentrumspartei: Goerz, Schwab; Vereiniglte Bürgerliste(Deutsche Volkspartei, Deutsch⸗ nationale Volkspartei, Bürgerverein usw.): Appel, Becker, Dr. Borgmann, Gottmann, Horn, Kirchner, Kling, Krailing, Frau Kramer, Dr. Krausmüller, Löber, Loh, Müller, Frau scheinen nicht recht wohl zu sein?“ setzte der Direktor mit einem stechenden Blick hinzu.„Sie sind so blaß, fehlt Ihnen etwas?“ „Nein— es ist nur so ein kleines Frösteln— ich war wirklich einige Tage nicht wohl, aber gottlob, es geht mir besser.“ „So? Sie waren nicht wohl?“ fragte jener weiter. „Das hätte ich kaum gedacht; ich glaubte Sie doch noch vor wenigen Tagen auf der Redoute recht munter gesehen zu haben.“ „Ja freilich; aber gleich den folgenden Tag mußte ich mich legen; ich bekam meine Zufälle wieder, aber ich bin jetzt ganz wieder hergestellt.“ „Nun, da werden Sie nicht versäumen, die nächste Redoute zu besuchen; es ist die letzte und soll sehr brillant werden, ich hoffe Sie dort zu sehen; bis dahin adieu, Herr Kommerzienrat!“ 10. „Werde nicht manquieren!“ rief ihm der Kommerzien⸗ rat Bolnau mit jammervollen Mienen nach.„Der hat Ver⸗ dacht!“ sprach er zu sich.„Der weiß etwas von dem Wort der Sängerin. Zwar sie soll swvieder hergestllt sein; aber kann nicht der Verdacht im Herzen dieses Polizisten um sich fressen? Kann er mich nicht aus Argwohn beobachten lassen? Die geheime Polizei wird mich verfolgen; auf allen meinen Schritten und Tritten sehe ich schlaue, fremde Gesichter. Ich darf nichts mehr reden, so wird es rapportiert, gedeutet; ich werde, o Gott im Himmel, ich werde ein unruhiger Kopf, ein gefährliches Individuum; und doch lebte ich still und harmlos wie Wilhelm Tell im vierten Akt!“ So sprach der unglückliche Bolnau bei sich; seine Angst vermehrte sich, als er über die verfängliche Frage wegen der nächsten Redoute nachdachte.„Er meint gewiß, ich werde mich nicht in die Nähe der Sängerin wagen, aus bösem Ge⸗ wissen; aber ich muß hin, ich muß ihm diesen Verdacht be⸗ nehmeni Und doch— wird mich nicht in ihrer Nähe ein Zittern und Beben überfallen, gerade weil er glauben kann, ich werde aus Gewissensbissen und Angst zittern?“ Er quälte sich ab mit diesen Vorstellungen, sie beschäftigten ihn tagelang, er erinnerte sich, daß ein berühmter Schriftsteller in einer Schrift bewiesen habe, daß man Angst vor der Angst haben könne, und dies schien ihm ganz sein Fall zu sein. Aber er fühlte, daß er sich ein Herz fassen und der Gefahr entgegengehen müsse. Er ließ sich vom Maskenverleiher den prachtvollen Anzug des Pascha von Janina(dieser spielte zu Beginn der griechischen Freiheitskämpfe am Anfang der zwanziger Jahre eine vielbesprochene Rolle) holen; er zog ihn alle Tage an und übte sich vor einem großen Spiegel, recht unbefangen aus seiner Maske hervorzuschauen. Er machte sich aus seinem Schlafrock eine Puppe und setzte sie auf einen Sessel; sie stellte die Sangerin Bianetti vor. Er ging als Pascha um sie her, näherte sich ihr und sprach:„Es freuet mich unendlich, Sie in so erwünschtem Wohlbefinden zu sehen.“ Am dritten Tage konnte er seine Lektion schon ganz ohne Zittern sagen, daher legte er sich noch Schwereres auf. Er wollte recht artig und unbefangen sein und ihr einen Teller mit Bonbons und Punsch offerieren. Er übte sich mit einem Glas Wasser, das er auf einen Teller setzte. Von Anfang klirrte es schrecklich in seiner zitternden Hand; aber auch diese Schwachheit überwand er, ja er konnte ganz lustig dazu sagen:„Verehrte, beliebt Ihnen nicht etwas weniges Punsch und etliche Bonbons?“ Es ging trefflich; kein Sterblicher sollte ihn beben sehen. Ali Pascha von Janina fühlte Mut in sich, trotz seiner Angst, auf die Redoute zu gehen. Der Medizinalrat Lange hatte es sich nicht nehmen lassen, die Genesene zum erstenmal wieder unter die Leute zu führen. Sie hatte es ihm gerne zugesagt; hatte er doch durch seine treue Pflege, durch die väterliche Sorgfalt, wo⸗ mit er sich ihrer angenommen, ein Recht auf ihre wärmste Dankbarkeit gewonnen. So kam er mit ihr auf die Redoute, und er schien sich nicht wenig auf den Platz an der Seite des schönen, interessanten Mädchens zugute zu tun. Die Leute in B. sind ein sonderbares Volk. In den ersten Tagen hatte man von den nobelsten Salons bis hinab in die Bierschenken von der Sängerin Uebles gesprochen; als aber Männer von Gewicht sich ihrer annnahmen, als angesehene Damen sich öffentlich für sie erklärten, drehte sich die Fahne nach dem Wind, und die Ber liefen, gerührt über das Schicksal des armen Kindes, in den Straßen umher und starben bald vor Entzücken, daß sie genesen. Als sie in den Saal der Redoute trat, schien alles nur auf sie, als die Königin des Festes, gewartet zu haben; man jubelte und jauchzte, man klatschte in die Hände und rief Bravol, als hätte sie eben die schwersten Rouladen zustande gebracht. Auch dem Medizinal⸗ rat fiel sein Anteil am Beifall zue„Sehet, der ist,“ riefen sie,„das ist ein geschickter Mann, der hat sie gerettet.“ g (Fortsetzung folgt.) 0 15% * Naumann, Rumpf, Frau Schenck, Schmahl, Schwieder, Siebert, Wenzel, Winn;. Kommunistische Partei: Bierau, Haupt, Seng. Gegen 5½ Uhr eröffnete Oberbürgermeister Keller die Sitzung mit folgender Ansprache: Meine Dame, Herren! Es ist meine Aufgabe, die bei der Menneh ber Sladtwerordnelen-Versammlung am 19. November vorigen Jahres gewählten Stadtverordneten in ihr Amt einzuführen und uu verpflichten. Ich begrüße zumächst diejenigen, Stadtverordneten, die bereits früher der Stadtverordneten⸗Versammlung ange ört und auf Grund ihrer Wiederwahl berufen sind, auch in den ihre Kräfte dem Wohle unserer Stadt zu die Stadtverwaltung von großem Wert, eine Mitarbeiter vorzufinden, die durch mehr⸗ tigkeit mit den schiierigen und vielseitigen Aufgaben gabe wird es. so bofse ich erordneten bald gelingen, die Kenntnis und Erfahrung zu gewinnen, die zur gedeihlschen Ausübung des. n . ine Damen und Herren! Sie alle bringen durch Ihre Bereitwilligkeit zur Mitwirkung an den städtischen Geschäften ein großes Opfer und ich erwarte von der Bevölkerung daß sie diese Opferwilligkeit und Verantwortungsfreudigkeit ihrer er⸗ wählten Vertreter dankbar anerkennt. Das Amt eines Stadk⸗ verordneten ist in der heutigen Zeit so schwer, verantwortungsvoll und arbeitsreich, daß ein beträchtliches Maß von Pflichtgefühl und Gemeinsinn erforderlich ist, es zu übernehmen. Das begormene wird— man gebe sich keiner Täuschung hin— ein Jahr von nie dagewesener Schwere wer⸗ den. Der Friedens nertrag von Versailles hat nuch nach 3% Jahren dem deutschen Volke keinen Frieden gebracht, sondern Kampf: Kampf gegen Willkür und Gewalt Kampf um den Bestand des Reiches Kampf ums nackte Leben des deutschen Volkes. Von Tag zu Daa vermehrte Not und neues Elend hervor⸗ rufend, drückt der Versailler Vertrag auch auf die Städte, die an der Front des wirtschaftlichen Lebens auf dem vordersten Posten stehen. Aber Got“ hat noch keinen Deutschen verlassen der sich nicht selbst aufgegeben hat. Wer den Blick rückwärts wendet in die Geschichte der deutschen Städte, weiß, daß schon über manche deutsche Stadt im Laufe der Jahrhunderte schweres Unalfick gekommen ist, Krieg und Pestilenz, das Gespeust des Hungers die Not des Feuers und des Wassers, und daß noch immer die Kraft der Städtebürger des Unglücks Herr geworden ist. So glaube ich daß das deutsche Volk auch das gegenwärtige, allerdnas beispiellos harte Schicksal schließlich wird melstern können. Diese Hoffnung muß ich aber an Vorausetzungen kmüpfen. die ich Sie. meine Damen und Herren, bei Ihrer öffentlichen Wirksamkeit sehr zu beachten und zur Richtschnur Ilwes Handelns zu machen bitten möchte. f Vor allem muß das deutsche Volk. frei von aller Illusion, mit unbeirrtem Blick seine fürchterliche Lage erkennen und mit klarem Wirklichkeitssinn die Tatsachen sich vor Augen halten. Gar manche Selbsttäuschung hat den Gesundungsprozeß verlangsamt. Sodann kann der gemeinsamen Not nur begegnet werden durch Einmütigkeit und Geschlossenheit aller Volkskreise so wie wir es in den letzten Wochen bei den herzbewegenden Kundgebungen unserer schwer geprüften deutschen Volksgenossen im besetzten Gebiet erlebt haben. Wenn nach Schiller dem Sänger der Freiheit und Einigkeit, die Weltgeschichte das Weltgericht ist, so wäre allerdings dae deutsche Volk vor der schichte gerichtet, sofern spätere Geschichtsschreiber feststellen müßten, wie nach dem gemeinsamen Erleben eines gewaltigen Weltkrieges und unter dem Drucke eines tief ermiedrigenden Friedens vertrages— wie da noch immer im deutschen Volke die alte Zwietracht der Parteien der alte Gegensatz der Interessen in so kleinlicher und gebäffiger Weise fortwirken und die Kräfte lähmen und zersplütern konnte, statt sie zu vereinigen zu kraftvoller Arbeft am Ansbau des gemeinsamen Vaterlandes Darum möchte ich die Stadtverordneten⸗Versammlung dringend ersuchen, bei allen ihren Entschließumgen von diesen Erwägungen sich leiten zu lassen. Es ist niichterne, den unmittelbaren, prakti⸗ „schen Bedürfnissen der Bevölkerung zugewandte fachliche Ar⸗ beit, die in diesen Räumen zu leisten ist; die Parteipolitik hat im Reichsparlament und in den Landesparlamenten für rund 1800 Parlamentarier genügend weites Feld zu jedweder Be⸗ tätigung. Wer das Seelenleben des deutschen Volkes genau beob⸗ achtet, namentlich die Wahlmitdiokeit des letzten Jahres richtig wertet merkt deutlich wie im deutschen Volke doch die Erkenntnis zu reifen beginnt daß es etwas Höheres gibt, als die folgerichtig Durchführung des Partefinteresses. Ideen. die über die Partei Hinaus streben nämlich das Gefühl der Zugehörigkeit zum Staatsganzen, die Mitarbeit am Staatswohle, das Gefühl der Verpflichtung gegen das Volksganze das in allen Gliedern lebendige Gefühl der Daseinsberechtigung und der Lebenswerte des eigenen Volkes. Meine Damen und Herren! Wenn neugewählte kommunale Vertreter zum ersten Male sich versammeln, so ist naturgemäß, daß sie ein lautes und affenes Bekenntnis ablegen zu einer freien, lebensvollen städtischen Selbstverwaltung, der Selbstverwaltung, die dereinst die Städte groß, blühend und stark zu wichtigen Gliedern des Reiches und Staates gemacht hat, der Selbstverwaltung, die auch heute berufen ist. die aufbauen⸗ den Kräfte mit beizutragen, deren das Reich so dringend bedarf. Freilich mfüssen wir da zu unserem Bedauern feststellen, wie ge⸗ rade in den letzten Jahren mit abwegiger Staatsklugheit büro⸗ kratisches und parlamentarisches Zentralisationsstreben die Selbst⸗ werwaltung auf vielen Gebieten einschnürte. Meine Damen und Herren! Ich schließe damit, daß ich sage: es ist ein schweres, überaus verantwortungsvolles Amt, das Sie heute übernehmen und in den 3 folgenden Jahren zum Wohle unserer Stadt zu verwalten haben werden. Sie können Ihren Aufgaben am besten gerecht werden, wenn Sie sich bei allen Ihren Entschließungen leiten lassen von klarem Wirklichkeitssinn, größter Einmütigkeit, unbeirrter Sachlichkeit, vom Blick auf das gemein⸗ same große Ganze und von dem Bekenntnis zu freier, verant⸗ wortungsbewußter Selbstverwaltung. Hierauf wurden die neu eingetretenen Mitglieder vom Ober⸗ bürgermeister durch Handschlag verpflichtet, diesenigen, die bisher sschon der Versammlung angehörten, bezogen sich auf ihre frühere Verpflichtung. Die wenigen Punkte der öffentlichen Sitzung waren hierauf bald erledigt. Für Abgabe von Matersalien aus dem Durchgangslager an den Theaterbauverein wird beantragt, den dafür ge⸗ schuldeten Vetrag zu erlassen. Dem wird zugestimmt. Für Einbinden der Grundbuchkarten muß der bereils bewilligte Kredit auf 25 500 Mark erhöht werden. Die Versammlung stimmt dem zu. J Von den Kosten der Neubauten des Eisenbahner⸗ Heimstätrtenvereins an der Klinikstraße ete. liegt die Schlußabrechnung vor. Danach wird der Stadt noch ein Betrag von 27586 Mark geschuldet, welcher hypothek isch sithergestollt werden soll. Ene Frage des Stadt. Höhn ob nunmehr auch die Tätigkeit der Stadtoerordneten im Vorstand erloschen sei, wird dahin beantwortet, daß dies nicht der Fall sei.— Zur Deckung der Wahlkosten wird die Bewilligung eines vorläufigen Kredits von 250 000 Mark beantragt. Von der Stadt sind die Kosten der Wahl vorläufig vorgelegt worden. Der Krebft wird bewilligt. Damit war die Tagesordnung der öffent⸗ lichen Sitzung erschöpft.— In der nichtöffentlichen Sitzung be⸗ schäftigte sich die Versammlung mit der Wahl der Ausschüisse, De putationen usw. Volkshochschule und Arbeiter. Die Volkshochschulbewegung, die nach dem Kriege so stark einsetzte, hat sich in unserm Kulturleben einen festen Platz erobert. In der von Eugen Diederichs herausgege⸗ benen Monatsschrift Die Tat finden sich eine Anzahl Briefe von Arbeitern, die an Kursen im Volkshochschulheim Deißigacker(bei Meiningen) teilgenommen haben. Sie erzählen, was sie von diesem Besuch der Volkshochschule ge⸗ habt haben und gewähren damit einen tiefen Einblick in die Auswirkung dieser Bestrebungen. So schreibt z. B. ein Metallarbeiter, daß er seine Ar⸗ beitsstätte verlassen habe,„um über alles, was mich bewegte, zu einer größeren Klarheit zu kommen“.„Dann war ich in Dreißigacker und saß in einem Saal an einem großen Tisch und hörte die Frage:„Was wollen Sie alle in Dreißig⸗ acker?“ Und alle wollten nicht Wissen und Stoff, sondern alle wollten Antwort auf Fragen haben, die aus inneren Nöten gewachsen waren, mit denen der einzelne nicht fertig wurde. Dann folgte das Leben in Dreißigacker. Die Unter⸗ richtsstunden, die Leseabende, die Diskussionen unterein⸗ ander, die Gruppenarbeit, die Hauptparlamentssitzungen, die Wanderungen, das Leben in Dorf und Stadt, die Feier⸗ stunden, die Besuche, das eigene Erarbeiten, das Lesen von Büchern— auf eine Einheit gebracht: das rege geistige Leben von Dreißigacker. Welch ein Gegenpol gegen die andere Einheit, aus der ich kam: mechanisierter Arbeits ⸗ prozeß im Großbetrieb. In diesen beiden Polen liegt für mich das stärkste Erlebnis in dieser Zeit, stark deshalb, weil ich alles messen mußte, was ich dort sah, an meiner sozialisti⸗ schen Weltanschauung. Ein Bergmann schildert die Wirkung der Volkshoch⸗ schule auf ihn folgendermaßen:„Daß ich ein anderer war, zeigte sich sogleich im Kreise unserer Familie. Meine Be⸗ strebungen waren rein kultureller Natur, die unserer Familie wirtschaftlicher, materieller. Obwohl man das eifrige Be⸗ streben zeigte, mich zu verstehen, vermochten sie es nicht. Jede Debatte, die sich über irgendein Thema entwickelte, wurde auf die Sandbank des Materialismus gezogen. So ist es auch an der Arbeitsstätte. Es ist schwer, ein Gespräch zu führen über ein allgemeines kulturelles Thema, weil man hinter allem gleich Parteiinteressen wittert und der übergroße Teil resigniert und pessimistisch ist. Die einzigste Möglichkeit ist, im kleinen Kreise zu wirken. Trotzdem hat sich der Idealismus gefestigt, nur mit dem Unterschied, daß ich jetzt klarer sehe und mit einem unbeugsamen Willen an mir und meinen Mitmenschen arbeite.“ Ein Maschinenschlosser hatte besonders den Wunsch, Klarheit über sein Leben zu gewinnen, und er fand in Dreißigacker Erfüllung:„Man konnte hier sein Ideal vor der menschlichen Gesellschaft prüfen. Es waren dort Menschen, die uns nicht als willenlose Objekte des Welt⸗ getriebes ansahen, sondern uns zu bewußten Weltgestaltern machen wollten, die uns auch den Sinn des ganzen Welt⸗ getriebes klar machen wollten. Was für ein anderes Ge⸗ fühl ist es, irgend etwas zum Getriebe der Dinge tun zu können. Es ist mir klar geworden, daß jeder Mensch eine Pflicht im Leben zu erfüllen habe, der er sich nicht entziehen darf. Dieser Pflicht will ich mich nicht entziehen, schon um der anderen Menschen willen. Wenn sie mich brauchen, so werde ich da sein, wenn auch hinter dem Ganzen kein Sinn erkennbar wird. Was im Großen keinen Sinn hat, hat es im Kleinen. Die Menschen dort wiesen mich auf Wege, auf denen ich dorthin kommen konnte, wo ich nach ihrer Ansicht hingehörte. Kam mir mein bisheriges Leben als unnützes Zeitumbringen vor, so glaube ich jetzt, die Zeit bewußter umzubringen wie bisher.“ Was hier von den Kursen in einem Volkshochschulheim gesagt ist, trifft auf die Volkshochschule im allgemeinen zu und auch die in Gießen, Wetzlar und andern Orten. Der Petitionsansschuß setzte am Dienstag seine Beratungen über die Gegenstände betr. Feldbereinigung fort. Zu der bereits befür⸗ worteten Vorstellung Heinrich Benner Treis a. Eda. wurde nach der Regierungsantwort die Erledigterklärung beschlossen. Die Re⸗ gierung wird ersucht, die Auszahlung der Entschädigung zu beschleu⸗ nigen. Zu der Vorstellung Wilh. Gerhardt 3 Langd bei Hungen wurde beschlossen, die Regierung zu ersuchen, die Bürgermeisterei zu veranlassen, eine Verständigung im Wege einer Besprechung zwischen dem Petidenten, den Nachbarn und den Berichterstattern zu ver⸗ dem Petitenten, den Nachbarn und den Berichterstattern zu ver⸗ suchen. Der gleiche Beschluß wurde zu der Vorstellung Chr. Karl Hartmann Wwe. Grüningen gefaßt. Die Borstellung Fischer Erben in Lich wurde dem Regierungsvertreter zur gutachtlichen Aeußerung iiberwiesen. Die weiteren Punkte der Tagesordnung wurden teils für erledigt erklärt, teils zurückgestellt, teils auch dem 2. Ausschuß als Material bei der Beratung des Gesetzes über die Abänderung des Feldbereinigungsgesetzes, überwiesen. Neue Postgebühren⸗Erhöhung. Vom 15. Jammar werden die Portosätze aufs neue gewaltig erhöht. Es gelten danach folgende Sitze: für Postkarten im Orts verkehr 10 Mk., Fern⸗ verkehr 25 Mk, für Briefe im Orts verkehr bis 20 Gr. 20 Ml., über 20 bis 100 Gr. 30 Mk., über 100 Gr. bis 250 Gr. 50 Mk., für Briefe im Fernverkehr bis 20 Gr. 50 Mk., üb. 20 bis 100 Gr. 70 Mk., üb. 100 bis 250 Gr. 90 Mk.(Für nicht⸗ oder unzureichend freigemachte Postkarten u. Briefe wird das doppelte des Fehlbetrages, mindestens aber ein Betrag von 50 Pfg. nach⸗ erhoben.)— Für Drucksachen bis 25 Gr. 10 Mk., über 25 Lis 50 Gr. 20 Mk., über 50 bis 100 Gr. 30 Mk., über 100 bis 250 Gr. 50 Mk., über 250 bis 500 Gr. 70 Mk., üb. 500 Gr bis 1 Kilo 90 Mk., über 1 bis 2 Kilo(nur für einzeln versandte, ungeteilte Druckbände zulässig) 180 Mk.; für Ansichtskarten, auf deren Vorderseite Grliße oder ähnliche Höflichkeitsformeln mit höchstens 5 Worten niedergeschrieebn sind, 10 Mk.(Ansichtskarten, die weitergehende schriftliche Mitteflungen enthalten oder bei denen sich Mitteilungen auf der Rlückseite befinden, unterliegen der Postkartengebühr.) — Steuerermäßigung für Kriegsbeschädige. Nach§ 40 des Einkommenstenergesetzes konnten auf Autrag bei den zuständigen Finanzämtern den Kriegsbesschädigten erhöhte Werbungskosten zu⸗ gebilligt werden. Dieses hat nun eine Vereinfachung erfahren. Kriegsbeschädigte von einschließlich 90 Prozent aufwärts kommen unter Vorlage des Steuerbuches sür 1923 und des Rentenbescheids bei den zuständigen Finanzämtern in den Genuß der erhöhten Werbungskosten. Diese erhöhten sich um den Prozentsatz, mit welchem der Autragsteller bei der Versorgungsstelle anerkannt Würde. Zum Vesspiel: Werbungskosten für 1923 12 000 Mark, auerlauntes Leiden 60 Prozent von J 0% Mark== Ta Mark, erhöhte Werbungskosten 19 200 Mark. Eine frühere Verfügung hatte eine Staffelung vorgesehen und unter den oben angeführten Unterlagen auch eine Verdienstbescheinigung verlangt Dieses ist nun in Wegfall gekommen. Mehr Kaxrtosselsusel! Amtlich wird geschrieben: Durch Be⸗ kanntmachung des Reichsministers für Ernährung und Landwirt⸗ schaft vom 28. Dezember 1922, deren Veröffentlichung im Reichs⸗ gesetzblatt in diesen Tagen erfolgen wird ist das Brennrecht für Kartoffeln von 20 Prozent auf 60 Prozent des Gesamtbrenurechts erhöht worden. Es steht sest daß die Ernte mindestens 390 Mil⸗ lionen Tonnen beträgt und bereits der versorgungsberechtigten Bevölkerung 5 Millionen Tonnen zugeführt worden sind. Bei diesem Sachverhalt bestehen vom Standpunkt der Versorgung der Bevölberung mit Speisekartoffeln Bedenken nicht mehr.— Mir wollen abwarten, ob nicht zur Begründung eines anderen Zweckes bald das Gegenteil behauntet wird. Tatsächlich haben noch sehr. sehr viele Menschen nicht genügend Kartoffeln zum essen. Schnaps dagegen ist schon im Ueberfluß zu haben. — Die Feuerbestattungen haben in der letzten Zeit bedeutend zugenommen. In Dresden fand kurz vor Schluß des alten Jahres in der städtischen Feuerbestattungsanstalt in Dre Tolkewitz die 1000 fte Einäsche rung statt. An Einäsche rungsösen sind zur Zeit zwei vorhanden, ein dritter Ofen kann noch eingebaut werden. Die In⸗ betriebnahme der Feuerbestattungsanstalt erfolgte am 22. Mat 1911. Die Kosten einer Einäscherung sind in Dresden wesentlich niedriger als die einer Erdbestattung. — Warnung ffir Telephon⸗Inhaber. Von polize licher Seite wird mitgeteilt: Es wurde festgestellt, daß underufene Personen an⸗ geblich im Auftrag des Postamts, sich bei Telephonbesitzern einfin⸗ den, um die Apparate in Ordnung zu bringen. Sie benutzen diesen Trick, um Wohmungen zu etwaigen Diebstählen n. Die Postbeamten und Postarbeiter sind im Besitze einer Legitima⸗ tionskarte, welche sich die Interessenten vorzeigen lassen sollen, um unberufenen Personen das Handwerk zu legen. i — Fahrplan⸗Aenderung. Von Montag, den 15. Jannar 1923 ab erhält Pz. 793 von Langgöns bis Fronhausen folgen⸗ den Fahrplan: Langgöns ab 3.19 nachm., Gr.⸗Linden ab 3.25, Gießen an 3.33, ab 3.30, Lollar ab 3.50, Friedelhausen ab 3.56, Fronhausen (Lahn) an 4.02 nachm., und weiter wie bisher. — Ausverkäufe. Nach der Bekanntmachung des Kreisamts Gießen vom 2. Februar 1910 dürfen Saison⸗ und In ventur⸗ Ausverkäufe nur in der Zeit vom 2. Januar bis 15. Februar und vom 1. Juli bis 15. August jedes Jahres, jedoch nur auf die Dauer von je 14 Tagen abgehalten werden. Ausverkäufe, die außer⸗ halb dieser Zeit stattfinden sollen, sind unter genauer Angabe des Grundes und unter Einreichung eines Verzeschnisses der auszuver⸗ katfenden Waren sieben Tage vor der Ankündigung bei der Han⸗ delskammer Gießen anzuzeigen. Im Zuwiderhandlungsfalle müßten Strafanzeigen erhoben werden. — Gefundenes Fahrrad. In der Nacht zum 8. Januar wurde ein Fahrrad gefunden. Der Eigentümer soll sich auf der Kriminal⸗ abteilung im Polizesamt melden. — Diebstätle. Entwendet wurde aus einer Auslage 1 Paar braune Boxkalfherrenschrürschuhe Größe 42, 1 Paar kaffeebraune wildlederne Damenhalbschuhe zum Schnüren, Größe 38, ein ein⸗ zelner schwarzer Boxkalfschnürschuh, Größe 40. — Eine Auto⸗Spritztour. Hier wurde am Montag ein Chauffeur festgenommen, der mit dem Personenauto seiner Firma, ohner deren Genehmigung, nach Gießen gefahren war und hier Sachen ver⸗ kaufte, die der Firma gehörten. — Lang⸗Göns. Kan inchen⸗ und Geflügelaus⸗ stellung. Am Samstag, den 13. und Sonntag, den 14. Jauuar 1923 hält der Kaninchen⸗ und Geflügel⸗Zuchtverein Lang⸗Gön⸗ eine große Lokal⸗Ausstellung in der geräumigen Turn bo- Prämiierung ab, wozu alle Freunde und Gönner See, Tei eingeladen werden. — Langsdorf. Eine bedeutende En schuft hat, wie verlautet, der hiesige Polizeidiener Bender gemacht. Von Ver⸗ wandten in Amerika erbten er und sein Schwager Bommersheim in Bettenhausen 40 000 Dollar, was nach dem jetzigen Kursstande 85—90 Millione... 8macht. Kreis Schotten. Gedern. Der am Sonntag hier abgehaltene Kursus der Ge⸗ meindevertreter war von 36 Genossen aus der Unngegend besucht. Genosse Wittig referierte über die Tätigkeit der Gemeindevertreter und fanden seine Ausführungen reichen Beifall. In der an⸗ schließenden Diskusston wurden verschiedene Anfragen gestellt und beantwortet. Von Rednern wurde scharf gegen die Erweiterung der Koalition Stellung genommen. Der nächste Kursus soll nicht wie beabsichtigt am 21. Januar stattfinden, da die Metallarbester an diesem Tage in Hirzenhain Generalversammlung haben, son⸗ dern erst am 28. Januar. Von Nah und Fern. Frankfurt a. M., 9. Januar. Notstands arbeiten. Für weitere Notstandsarbeiten im Südbecken des Osthafens und für In⸗ standsetzungsarbeiten in städtischen Gebäuden stellte der Magistrat insgesamt 75 Millionen Mark zur Verfügung. J Frankfurt a. M., 9. Januar. Ein nicht empfehlens⸗ werter Werkmeister. Als er zum fünftenmal mit einem Ge⸗ nossen in eine Schuhfabrik einbrechen wollte, wurde der Werkmeister Michael Kahl überrascht und der Polizei übergeben. Frankfurt a. M., 9. Jannar. Jugendliche Einbrecher. Drei 16jährige Hilssarbeiter stahlen durch Einbruch aus einer Jigarettensabrik in der Lahnstraße für 500 000 Mark Zigaretten. Sie wurden überrascht und verhaftet. Frankfurt a. M., 8. Jan. Karnevalverbot. Das Karne⸗ valperbot, das sich auf öffentl. Umzüge, sowie Maskenbälle, Kostüm⸗ feste usw. bezieht, während geschlossene Gesellschaften der e migung bedürfen, ist heute vom Polizeipräsidenten auf die Ankün⸗ digung öffentlicher Karnevalsveranstaltungen an den Anschlagssäulen ausgedehnt worden. 5 Frankfurt a. M., 9. Januar. Internationale D.⸗Zug⸗ diebe. In Saßnitz verhaftete die Kriminalpolizei ein Frankfurter Paar, das seit langen Monaten den Schrecken aller D.⸗Zugreisenden bildete, namentlich auf den Strecken Frankfurt⸗Basel, Frankfurt⸗ Berlin und verschiedenen norddentschen Linen. In der Wohnung fand man ein nach vielen Millionen wertendes Lager gestohlener Gold⸗ und Silbersachen, Wäsche⸗ und Kleidrngsstücke, sowie mehr als ein Dutzend Koffer. Das Paar wurde während der Fahrt von Saßnitz nach Stralsund auf frescher Tat überrascht und feste Der Mann war im Besitz eines Ausweises als Eisenbahnkontrolleur, der ihm die Ausführung der Diebstähle wesentlich Erleichterte. Darmstadt, 9. Jan. Die Verhandlung über den Raubmord von Gadernheim wurde heute weitergeführt. Für die Verhandlung sind über 60 Zeugen und ärztliche Sachver⸗ ständige geladen.— Der jüngere Jakob Roßmann hat sein Ge nis während der gestrigen Verhandlung derart behauptet. daß er Tat selbst ausgeführt habe, aus freiem Entschluß selbst gehandelt habe. Er schildert die Tat ohne jede Reue mit brutaler Kaltblütig⸗ keit.— Bezeichnend für ihn ist, daß er mit 14 Jahren bereits mit dem Gericht wegen Fahrraddiebstahl in Konflikt kam. Er wurde freigesprochen, doch der Zwangserziehumg zugeführt. Im Jabte 1921 wurde er wegen Fahrraddiebstahl angeklagt. Er hat damals seinen Bruder der Anstiftung bezichtfol. Das Verfahren schwebt moch. Der ältere R. war bei der Reichs wehr und gehörte später der Schunn an. Num wollte er seinen Bruder zur Reichswehr mitnehmen und die Mittel aus dem Raubmord gewinnen. Mit dem gerandten Gelde ließ der ältere R. in einer Wirtschaft einen Grammophon spielen. Er wollte damit verräterischen Zufällen vorbeugen. Mit seinen Ge- ständnissen und teilweisem Widerruf hat J. R. öfters gewechselt, doch war dasjenige, nachdem seine Angehörigen den von ihm durchae⸗ schmußgelten Brief an die Gendarwerie abgelfefert hatten, in allen A a 2 —— Einzelheiten der dem Bruder zur Last gelegken Anstiftung von großer Bestümmtheit und Ausflührlichkeit. Jetzt will er jenen falsch 55 schwersten Verbrechens mir deshalb bezichtigt haben, weil es ihm von einem Mithäftling zwecks Milderung der eigenen Tat angeraten worden sei. Er weiß genau, daß als Jugendlicher seine höchste Strafe mur in 15 üngnis bestehen kann, dem älteren Bruder jedoch flir Anstiftung zum Raubmord die Todesstrafe droht. Die Verhandlung wurde gegen 6 Uhr abgebrochen. Fortsetzung 8 gegen Abend dürfte wohl das Urteil zu er⸗ warten Vom Zuge zermalmt. Am Sonntag abend wurde in Darm at im Osibahnhofe der am Ende der 40er Jahre stehende Hch. üller von dort itberfahren und getötet. Es wird ange⸗ nommen, daß derselbe bei der Abfahrt des Zuges noch ein Stück weit neben dem fahrenden Zuge herging, zu nahe an die Tritt⸗ bretter kam und so auf die Schienen geschleudert wurde. Der örper des Verunglückten wurde in vollständig zermalmtem Zu⸗ a hervorgeholt. Eine Typhus⸗Epidemie ist in Lützen bei Leipzig ausge⸗ n. Es ergab sich, daß ein Brunnen verunreinigt war. 27 Personen erkrankten, zwei sind gestorben. Neuere Mitteilungen besagen, daß die Epidemie überwunden sei. Großer Silberdiebstahl. Der 28jährige Kaufmann Karl Rohrweg von Hanau stahl hier 225** 9 0 1 1 7 05 Silber, a seiner Fre er n ange en, er nach kurzer Zeit 2 Frankfurt verhaftet wurde. Bubenhände. Auf dem Friedhofe in Bad⸗Soden haben Bubenhände eine Grabdenkmäler ihrer Bronzeteile beraubt. Auf die Ermitt⸗ lung der Täter wurde eine hohe Belohnung ausgesetzt. Deutsch⸗algerische Allianz. Die Josteiner Zeitung bringt folgende interessante Verlobungsanzeige: Annie Müller Meérouani Salah N Verlobte Jostein Ain M. Lila(Algerians). 2 Exläuterung sei bemerkt, daß in Idstein ein Bataillon algeri⸗ Schlitzen liegt. Wucherer als Straßenkehrer. Endlich wurde nach langer Zeit ein radikales Mittel gegen die Lebensmittelwucherer eingeführt. Die Geldstrafen und Arreststrafen verfehlen den Zweck und bringen die Wucherer von dem Wege des Preiswuchers nicht ab. Es wurden also Stras⸗ abteilungen gebildet, denen die Wucherer einverleibt und dem Magtstrat zugeteilt wurden. Dec Magistrat verwendet diese Strafabteilungen zum Straßenkehren. Jeder der Wucherer er— hält die Straße und das Revier zum täglichen Kehren, in dem sich sein Geschäft befindet. Diese drakonische Bestrafungs⸗ methode wird letder nicht in Deutschland, sondern in Prag, der Hauptstadt der Tschecho⸗Slowakei, ausgeübt. Lokale Parteinachrichten. Gemeinbvertreterkurse, 5.. Friedberg⸗Bübingen⸗ 5 tten. kul turgeschichtlich Werte Genossen! Am Sonntag, den 14. Januar finden die Ge⸗ meindevertreterkurse in folgenden Orten statt: Gr.⸗Karben, vorm. 9 Uhr in der Turnhalle, Reserent: Genosse ö Schaub ⸗Blüdesheim. Butzbach, vorm. 9 Uhr bei Verzinski, Referent: Genosse Lux⸗ Nieder⸗Florstadt. Echzell, vorm. 9 Uhr bei A. Alt, Ref.: Genosse Wittig⸗Butzbach Laubach, worn i ihe in Bereielsial, fiefe oenosse Recheben⸗ Die Kurse am vergangenen Sonntag waren sehr gut besucht und wird erwartet, daß auch diese Kurse von den neugewählten Gemeinde⸗ rats mitgliedern und Vorstandsmitgliedern besucht werden. Mit Parteigruß! Bruno Wittig, Setretär. Arbeitsrecht, Gewerkschastliches, Arbeiterbewegung. Sthlichtungsausschuß und„wilder Streik“. Werücht hin im hafen seti Generalstreik. Daß sie das Op und weder im Rhein stand. nahm sie die Arbeit nicht wieder auf sondern verharrte im„wilden den Vetrieb wieder nen auf stellte jedoch drei der früheren Alr⸗ beiter. darunter zwei bisherige Betriebsratsmitglieder, nicht wieder ein. Diese riefen den Schlichtungsausschuß an und be⸗ Schutz 5 ung eine Maßregelung und unbillige Härte darstelle. Der Schlichtungsausschun Ludwigshafen wies durch endgültige Entscheidung den Einspruch als unbegründet ab. Die Ent⸗ lassung sei zu Recht erfolgt da die Arbeiter, ohne vorher die Gewerkschaft. mit der die Fabrik in Tarifvertrags⸗ verhältnis stand. zn verständigen oder die Vermittlung des Schlichtungsausschusses anzurufen. in Streik ge⸗ treten seien. Dieser wilde Streik sei Tarifbruch und unbefugtes Verlassen der Arbeit im Sinne des 8 123 der Reichsgewerbe⸗ ordnung. Die Einspruchsführer hälten daher die Kündigung ihres Arbeitsverhältnisses durch 55 eigenes Verhalten verschuldet und könnten sich nun nicht auf den Schutz des Betriebsrätegesetzes be⸗ rusen, da im Falle eigenen Verschuldens des Arbeiters an der fristlosen Entlassun, kein unbillige Härte vorliege. Es liege im Ermessen des Unternehmers wen er nach einem solchen wilden Streik wieder einstellen wolle. Eine Maßregelung. die gegen eine gefetzliche Bestimmuna verstoße oder ein gesetzlich gesiche rteßs Recht des Arbeiters verletzte, sei ex nicht gegeben. da die Arbeiter durch ihr Verhalten ihre Entlassung verschuldet hätten. Schlichtungsausschuß der Provinz Oberhessen in Gießen. Verhandlung vom 9. Januar. Von dem Haarhutstoffabrikant Jöckel. der seinen Betrieb von Lauterbach verlegt, verlangten ein Arbeiter und drei Arbesterinnen Weiterbeschäfligung. Jöckel sicherte den An⸗ tragstellern die Westerbeschästigung in dem neuen Betrieb zu. legte aber dar daß er den Tag der Betriebseröffnung noch nicht wissen könne. Der Schiedsspruch erging im Sinn dieser Zusicherung. Einen landwirtschaftlichen Arbeiter des Gutes Hof⸗Güll ver⸗ wies der Schlichtungsausschun mit seinem Anspruch auf vorent⸗ haltenen Lohn auf den Rechtsweg denn über die Lohnhöhe bestand kein Streit. erledigten sich durch den. 57 8 Die übrigen Verhandlungsgegenstände Zurücknahme der Anträge oder mußten vertagt wer Die Arbeitslosigkeit im Tabakgewerbe, dessen stewerliche Belastung infolge des ständig erhöhten Goldch ll⸗ zuschlages und infolge der mittels der Durchstaffelung dauernd gestiegenen Banderolenstewer eine unerträgliche Höhe erreicht hat, hat eine solche Form angenommen daß schnellste Hilfe vonnöten ist. Von den am Berichtstage, dem 30. November, erfaßten 137 135 Arbeftern waren 20 519, gleich 15,76 Prozent, vollkommen arbeitslos. Nur 42 432 Arbeiter also 32,63 Prozent, arbeiten noch 46 Stunden in der Woche davon die meisten für den Export. Die übrigen 64 182 Aybelter also 51.37 Prozent, arbeiten ver⸗ kürzt, davon die meisten nur 21 Stunden und weniger in der Stunde. Außerdem wird vom Deutschen Werkmeisterverband ge⸗ meldet, daß etwa 1000 Zigarrenwerkmeistern zum 1. Januar ge⸗ kündigt worden ist Steigerung der Arbeitslosigkeit. Die Lage auf dem Arbeitsmarkt hat sich im November be⸗ deutend verschlechtert Vom 1. November bis 1. Dezember 1922 stieg die Zahl der Hauptunterstützungsempfänger von 24 738 auf 42 593, die Zahl der Zuschlags empfänger wuchs on 28 169 auf 50 120, sodaß insgesamt 92 722 Personen Erwerbslofenunter⸗ stützung bezogen. Das bedeutet gegenüber dem Vormonat ein An⸗ wachsen um fast 40 000. Deingegenüber ist auch die Summe der für die Erwerbslosenunterstützung aufgewandten Beträge gewaltig gestiegen. In der Zeit vom 1. Oktober 1922 bis 1. November 1922 wurden 31610 705 Mi, für Erwerbslosenunmterstlitzung ver⸗ ausgabt. In der Zeit vom 1. November bis 1. Dezember 1922 mußten nach dem vorläufigen Ergebnis für denselben Zweck 77877 752 Mk. aufgebracht werden. Die Mehrzahl der Haupt⸗ unterstützungsempfänger, einschließlich der teilweise Unterstützten, befindet sich in Preußen. nämlich 21 302. An zweiter Stelle steht Sachsen mit 9088. Dann folgt Hamburg mit 3978, Bayern mit 2947, Thüringen mit 1482, Bremen mit 1245, Mecklenburg⸗ Schwerin mit 1080. Württemberg. Baden, Hessen, Braunschweig und Lübeck haten weniger als 500, Oldenburg, Anhalt, Lippe. Schaumburg⸗Lippe und Waldeck weniger als 100 Unterstützungs⸗ berechtigte. Preußen mußte nach dem vorläufigen Rechnungs⸗ ergebnis vom 1.—30 November 38 079 862 Mk. Sachsen 16 799,231 Mark, Hamburg 7967 722 Mk. Bayern 6 173 229 Mk. Thllringen 2650 177 Mk. Bremen 1651541 Mk., Mecklenburg⸗Schwerin 1120 774 Mk. und Baden 1045 163 Mk. für Erwerbslosenfürsorge ausgeben. In den angeren Staaten bewegen sich die Ausgaben zwischen 5466 Me und 728 594 Mk. Der Baugewerksbund. Der Zuscuumenschluß der Gewerlschaften nach Industrien hat mit der Gründung des Deutschen Baugewerksbundes einen entschei⸗ denden Schritt getan. Am 1. Januar 1923 haben sich der Deutsche Bauarbeiterverband, der Zentralverband der Töpfer und Ofensetzer und der Zentralverband der Glaser zusammengeschlossen zum Deut⸗ schen Baugewerksbund. Es handelt sich bei diesem Zusammenschluß nicht um eine Verschmelzung, nicht um ein Aufgehen aller Berufs⸗ gruppen in einer einheitlichen Organisationsform, sondern um eine enge Zusammenfassung verwandter Berufe derselben Industrie, unter Wahrung der beruflichen Grippierung zur Wahrung der besonderen Berufsinteressen. Zwei dieser Organisationen, die der Töpfer und der Bauarbeiter, waren nicht mehr Berufsorqanfsationen im engeren Sinne des Wortes, sondern umschlossen bereits mehrere Berufe, be⸗ sonders der Deutsche Banarbesterverband. Die neue Organisation bildet zugleich eine wesentliche Erweiterung und engere Gruppierung auf Grund des 8 84 des Betriebs rätegesetzes, da bieser Zusammenfassung, die das Produkt einer tngsamen, aber irre aufhal wirtschaftlichen Entwickl. ist. a 25 10 anderen. e e 8. 15 obachten. Selbst im Lande Hassischen N ö 5 b. e e Industrieorgantsation in 5 0 rischritte gemacht. Was besonders bie Nane berenft. bereits vor etwa zwei Jahren in Eng⸗ i ö von den Pflaste⸗ 2 die e e aller a 112 Diese Tubache hat bazu geflihr daß der letzte internationale arbeiterkongreß, der im September 1922 in Wien 3— 4 5 die Bauarbeiter⸗ Internationale auf alle Berufe Gleichzeitig erfolgte damals die Gründung des n Verbandes der Baugilden. 5 symptomatisch, weil sie aufzeigt, wie eng verkniipft die Entwicklung der Baugilden mit den Bauarbeftergewerkschaften it und wie diese „ werden durch die würtschaftliche Eroberungsar⸗ beit der Baugilden. Der Deutsche Baugewerksbund tritt mit einer Mitgliederzahl Sea en nge g de de Berufsorganisationen, worunter der Zentralve Zimm mit über 100 000 Mitgliedern die stärkste ist, außerhalb des Bau⸗ . ee ee e 1 eine rein bei der neuen n n e 0 nahe Riesengewerkschaft handelt, sondern daß diese auch tatsächlich die alleinige gewerkschaftliche Vertretung der Berufsangehörigen ist, die sich im Baugewerkebund zusammengeschlossen haben. Was von den dort organisterten Berufen noch außerhalb des bundes ist, besonders in Groß⸗Berlin, wo die Kommunmisten als be⸗ rufsmäßige Gewerkschaftszerstörer unter dem Namen„Verband der Ausgeschlossenen“ ein Organisatiönchen zu etablieren versuchen, das sind nur noch bedeutungslose Organisationssplitter, Über die die Ent⸗ wicklung achtlos himwegschreitet. g Aus den amtlichen Bekanntmachungen. Das Amtsverkündigungsblam für den Kreis Gießen usw. Nr. 3 vom 9. Januar 1923 enthält: Einziehung der Beiträge zur Invaliden⸗ und Hinterbliebenenversicherung für Hausgewerbe⸗ treibende.— Zuckerversorgung.— Hausiererlaubnisscheinpflicht für Gießen.— Maul und Klauenseuche.—. Veterinärpolizeiliche Beaufsichtigung der Zuchthengste.— Einsendung der Kirchen⸗ rechnungen für 1921.— Entschädigung der Gemeinden für die Erledigung von Dienstgeschäften für die Reichsfinanzverwaltung. — Erhöhung der Erwerbslosenunterstittzung.— Bezüge der Ver⸗ trauensmänner der Landbewerber.— Preise für Umlagegetreide. — Ausstellung von Wandergewerbescheinen.— Gewerbe⸗Legiti⸗ mationskarten.— Auflösung der Wassergenossenschaften 5 heimerwegfeldgenossenschaft“ und„Bruchweggenossenschaf zu Steinheim.— Eröffnung des ordentlichen Lehrganges 1922/3 an den Hessischen Landwirtschaftlichen Schulen.— Bezug von Wasser aus dem Wasserwerk der Gemeinde Treis a. d. Lumda.— Dienst⸗ nachrichten.— Feldbereinigungen Holzheim und Lang⸗Göns.— Gefunden; verloren. Die Maul⸗ und Klauenseuche ist ausgebwochen in: Kessel⸗ bach, Beltershain und Nieder⸗Ohmsen. ö Gefunden, verloren. Das Polizeiamt Gießen gibt bekannt: In der Zeit vom 1.—45. Dezember 1922 wurden in hiesiger Stadt gefunden: 1 silberner Bierzipfel 1 schwarzer Sammetmuff, 1 Wagensitz 1 schwarze Handtasche aus Stoff, 1 Ring mit Inschrift „Wingold“ 1 Armkettchen. 1 hellgrauer Damengürtel aus wolligem Stoff, 1 Markttasche aus geblüümtem Stoff. 1 Schmierbock, eine Ledermütze mit Pelzbesatz 1 Handschuh gus Wildleder, 1 wei Taschentuch 1 braungrümer Kinderhandschuh. 1 schwarze Brief⸗ e eee 7 u Atleber ein schuh, 1 aus m Wildleder ein Fünfmarkschein, etwa 5 Liter Oel, 1 steifer, schwarzer Hut, 1 Zipfel⸗ 1 4 e Schiel erloren mit Futteral, eine An süssel; ver 2 Damenuhr, 1 lackledernes Portemonnaie mit Inhalt 1 goldener Ring mit rötlichem Stein, gez. L. Sch., 1 silbernes Zigarrettenetui, 1 gestrickter brauner Handschuh 1 weißes Taschentuch, gez. C. B. 1 Lorgnette aus Nickel mit Stahlkette, 1 kleiner Kniderpelz ein Brillant, 1 Pelzkragen(Edelmarder). Die Abholung der ge⸗ fundenen Gegenstände kann an jedem Wochentag von 10—12 Uhr vormittags umd von 3—3 Uhr nachmittags, außer an Samstagen, beim Polizeiamt Zimmer Nr. 3, erfolgen. Dollarstand gestern mittag 12 Uhr: ca. 10 000 Mark. Versammlunagskalender Wahlverein. Samstag, 13. Jamrar, Saasen. a abends 8 Uhr Versammlung ber Gastwirt Schepp am Bahnhof. Vorlage der Jahresvochnung. Mitgliedsbücher sind mitzubringen. Treis a. Lda. Volksverein. Samstag. 13. Januar, abends 8 uhr: General versammlung. 1. Geschäfts⸗ und Kassenbericht, 2. Vorstandswahl, 3. Sonstiges. Das Erscheinen aller Genossen ist sehr erforderlich. Staufenberg. Freie Turnerschaft. Samstag, 13. Januar, abends 8 Uhr. Mitgliederverfsammlung. Zahl⸗ reiches Erscheinen erwünscht. 5 Flaschen-Ankaufstelle H. Schneider, Neuen weg 6 ufe FIL ASCHHN aller Art zu den höchsten Preisen. Bestell. werd. abgeholt. Giessener Konzert-Verein Infolge der andauernden Geldentwertung müssen 0 wir auch von den Abonnenten folgende Ielläge Hr de nichst 5 Monnenenslonrere erhaben, und zwar für 1. PI. 450 Mk., 2. Platz 380 Mk., 3. Plata 300 Mk.(Der Zuschlag für das letzte Chorkonzert in der Kirche kann erst 5 später, berechnet werden) Die Nachzahlung hat bis spätestens 13 januar 1923 unter Voriegung des Abonnements bel Ernst Challler zu erfolgen. Abonnements ohne Zuschlag verlieren ihre ist sparsam im Gebraueh undi billig. ALC negs rette e. MENNK ET& Cie., ousskroonr 1 N N eit. Nuchstes Konzert: Sonntag. 21. Januar 1928 Lieder- und Duettenabend. Dr. Rosenthal und Partei-Literatur Buchhandlg. Oberhess. Volksztg. Gestorbene. b 8. Januar. Regina Süß. geb. Baer, Witwe, 77 Jahre alt, Ebelstraße N 1 1 0 8. Januar. Hilde Muhl, 1 Monat alt, Frankfurterstraße 57. 0 igung: 11. Januar, 2¼ Uhr nachm. eee Kauinchen⸗xuud Geflügelzuchtverein Lang⸗Gönz] Am Sanztag, den 13. und Sonntag, den 14. Januar in det Turnhalle zu Lang- Gin; Große Lokalausstellung Sonntag abend von d Uhr ab Tanz Ui ladet höflichst ein 1161 der Vorsen!. Soeben erschienen: Taschenbuch für Kommunalpolitiker 290 Seiten Oberhess. Volkszeitung Irtie Turuerschaft Gießen. Samstag, 20. Jannar abends 8/ Uhr im Gewerkschaftshaus ordentliche beßeralperlammlung Die Mitglieder werden um zahlr. Ersch. ersucht. Der Vorstand. Einfach möbl. Zimmer gesucht. Offerten unter Nr. 1148 an die Oberb. Volksztg. erbet. Viotor Noack Unentbehrsich tür alle, die sich mit Gemelndeangelegenheften u. s. W. zu befassen haben. Preis 720 Mk. Buoh handlung zugleich auf, daß es Lühnchen 1 Nickelbrille