N F N A r. . Acltin: Giesen 9 Feahuhosstaßt 23 0 daußteltr 20h. 9 Organ für die Interessen a des werktätigen Volkes der Provinz Oberhessen und der Nachbargebiete. 29 Cppedition: Gießen Bahnhofstraße 23 Ferusprecher 2008. je Oberb. Volkszeitung erscheint jeden, Werktag vormittag in Gi 1 5 Abonnements preis mit den Beilagen„Das Blatt der n n wirtschaftliche Beilage 95 0 monatlich 3300.— Mt einschl. Bringerlohn. Vergntwortlicher Redakteur: F. Vetters. Für den Inseratenteil verantwortlich: R. Strohwig. Verlag von Hermann Neumann& Cie. sämtlich in Gießen. Druck: Verlag Offenbacher Abendblatt G. m. b. H. Offenbach a. M. Der Anzeigenpreis beträgt für die Millimeterzeile(35 mm breit) oder deren Naum sokgl 60.— Pet. auswärts 80.— Mk., die Reklamemillimeterzeile 00.— Mi, Ber größeren Aufträgen oder Wiederholungen wird enfiprecherr der Rabatt gewährt— Anzeigen⸗Annahme bis 6 Uhr abends. Durch ie Post bezog. 3300.— Mk. einschl. Bestellgeld. Einzelnumm. 120.—Mk 2 A, 8 Nr. 99 i i Gießen, Mittwoch, den 2. Mai 1923 18. Jahrgang 7* 0 0 Belgische Truppenverstärkungen an der Ruhr. 5 Um das deutsche Angebot enge Seaperdeflörrunsen en der hdg s deutsche Angebot. a e ae e e e, Eine nationalistische Falle. Das deutsche Angebot wird nach den jetzt getroffenen Dispositionen in der Nacht vom Dienstag zum Mittwoch den deutschen Botschaften in den einzelnen alliierten Ländern übermittelt, sodaß es im Laufe des Mittwoch überreicht und am gleichen Abend in Berlin veröffentlicht werden kann. Am Samstag hat sich das Reichskabinett zum erstenmal mit der vorläufigen Formulierung der dentschen Vorschläge beschäf⸗ ligt und an diesem Rohentwurf verschiedene Aenderungen vorgenommen, die, wenn man nicht wieder alles über den aufen wirft, jetzt endlich am Montag die Parteiführer be⸗ chäftigen sollen. Für Dienstag ist auf Wunsch der ein⸗ elnen Länder eine Konferenz der Ministerpräsidenten ge⸗ plant, die sich ebenfalls mit dem deutschen Angebot beschäftigen 7 Sobald das geschehen ist, beabsichtigt das Reichskabinett ie endgültige Förmulierung. Während man sich also in Berlin eine Verzögerung der Absendung des Angebots nach der anderen leistet, wütet der französische Nationalismus schon jetzt fortgesetzt gegen das . Angebot, trotzdem ihm der Juhalt nicht bekannt ist. r Sinn dieser Hetze ist, die deutsche Regierung zu einem Schein angebot zu 5 N verleiten, das inhaltlos und damit zwecklos wärt. Schließlich muß sich eder vernünftige Mensch sagen: was hat ein Angebot für einen Sinn, wenn es doch von vornherein abgelehnt wird? So angebracht diese Schlußfolgerung auch im allgemeinen ist, Augenblick angewandt, müßte sie zur Katastrophe führen. Deutschland hat allen Anlaß, die Weltmeinung auf seine Seite zu bringen, es würde aber noch mehr Porzellan zer⸗ lagen, wenn der bisherige Regierungskurs fortgesetzt wird, wenn man sich weiterhin befleißigte, neben der passiven Resi⸗ enz passive Politik zu treiben. Nein, gerade weil Frankreich ein Angebot, das weitgehend ist und die Grundlage für Ver⸗ handlungen bilden kann, gegenwärtig unangenehm zu sein scheint, muß die Reichsregierung den Regierungen der alliier⸗ ten Länder einen Vorschlag übermitteln, der im wahren (Sinne des Wortes mit der augenblicklichen deutschen (Ceistungsfähigkeit übereinstimmt und der nicht den geringsten Verdacht der Unehrlichkeit auf⸗ kommen läßt. N Hätte man innerhalb dieser Regierung aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt, dann würde man sich längst dazu auf⸗ gerafft haben, die Handlungen in dieser Zeitperiode auf 9 e ö 2 2 8 8 . 0 8 N 5 physische Wirkungen im Auslande einzustellen. So weit ist 11 man aber noch nicht, statt dessen A leistet man sich Verzögerung auf Verzögerung a und gibt der französischen Presse damit Gelegenheit, ihre Agitation gegen Deutschland ungehindert in der ganzen Welt fortzusetzen. Wir würden uns mit der Verzögerung der Uebergabe des Angebots abfinden, wenn sie tatsächlich einen Zweck gehabt hat, wenn dadurch Fehler, die in der ersten Formulierung enthalten waren, ausgemerzt, der Vorschlag allgemein verbessert worden wäre. Aber dafür liegt vor⸗ 2 n 7 läufig kein Beweis vor. Vielmehr spricht alles dafür, daß 6 die Garantiefrage als wichtigstes Kapitel in diesem Angebot verschiedenen Herren der Regierung 4 Kopfschmerzen macht und daß deshalb die Verzögerung ein⸗ Auch diesmal scheinen schlechte Berater am Werke deren Dummheiten schlieslich das ganze deutsche Volk darüber klar sein, Anleihen, die wir getreten ist. zu sein, bezahlen muß. Man sollte sich doch endlich daß die Garantieleistungen für auswärtige doch einmal brauchen, ohne Erfassung der Goldwerte, ohne Zwangshypotheken . nicht geht und daß es besser ist, darüber in dem Ang ff 1 zu sprechen, als durch Unklarheiten über diese Frage Anlaß zu neuen Verdächtigungen über Deutschlands„schlechten Willen“ zu geben. Uns scheint überhaupt notwendig, daß man derartige Garantieleistungen sofort gesetzlich festlegt und einen entsprechenden Gesetzentwurf der Note beifügt. a Die Ministerpräsidenten der Länder werden am Diens⸗ tag Gelegenheit haben, das deutsche Angebot kritisch zu begut⸗ achten. Wir erwarten, zum mindesten von denjenigen, die uns nahestehen— besonders von unserem hessischen Staats- präsidenten— ein offenes Wort gegenüber den eichsregie⸗ rung, falls sich in dem deutschen Vorschlage welche Mängel zeigen. Nur durch Offenheit und Kl durch E ä 3 r 2 . ebot offen und klar — f Die Hauptsache. Nicht das Was, sondern das Wie. Von Gerlach schreibt in der Welt am Montag: „Wichtiger als die Höhe der angebotenen Minimalsumme(mag sie nun auf 20 Milliarden oder etwas höher angesetzt sein), ist für die Welt die Frage, wie die Zahlung dieser Summe verbürgt werden soll. Mit bloßen Milliarden auf dem Papier bringt man die Fran⸗ zosen natlirlich nicht aus dem Ruhrgebiet. 0 Stresemann hat es wiederholt ausgesprochen, daß die Industrie Opfer an Sachwerten bringen müsse. Wo aber ist die Bindung des Reichs verbandes der deutschen Industrie für Opfer in genügender Höhe? Die Welt ist mißtrauisch gegenüber dem Opferwillen der Industrie, seitdem Wirth von dieser Industrie mit der famosen Kredithilse so an der Nase herumgeführt worden ist. And wo bleibt die Landwirtschaft? Sie ist, unendlich leistungs⸗ fähig, aber weder in der Rede Rosenbergs, noch sonst in einer Re⸗ gierimigserklärung ist auch nur mit einem Wort die Land wirtschaft erwähnt worden. Will sie überhaupt nicht opfern? Nun, dann muß sie natürlich gezwungen werden. Es wäre ein schreiendes Unrecht, nur die eine Hälfte der Sachwertebesitzer heranzuzieehn. Es käme cuch zu wenig dabei heraus. Das deulsche Angebot hat überhaupt mir dann einen Wert wenn es nicht bloß Reparationsfinnmen anbietet, sondern auch den Weg angibt, wie sie von Dautschland aufgebracht werden sollen. Mit an⸗ deren Worten: jedes Angebot bleibt ein leerer Rahmen, wenn es nicht substanziert wird durch die Erfassung der Sachwerte.“ Hein Finger breit Landes. Am Sonntag sprach in Köln Genosse Breitscheid über das Theina„Deuischland und Frankreich“ und führte dabei aus, daß die deutsche Regierung eine bestimmte Ziffer, etwa in Höhe von 30 Milliarden Goldmark nennen müsse, wovon Frankreich 26 Milli⸗ arden erhalten soll, in die dann die Besatzungskosten der Ruhr einzurechnen wären. Deutschland und Frankreich könnten sich gegen⸗ seitig verpflichten, auf 100 Jahre hinaus keinen Krieg zu führen, vorausgesetzt, daß die deutsche Grenze gesichert würde. Unter keinen Umständen aber werde man zulassen, daß auch nur eine Straße vom deutschen Land abgetrennt werde. Sosort nach e des neuen Vertrags müsse das Ruhrgebiet gersumt werden. Die Hoffnung der belgischen Sozialisten. Im Brüsseler Peuple analysiert Genosse Louis de Brouckère die politische Lage am Vorabend des deutschen Angebotes. Er umreißt ein Bild von der Angebotsbereitschaft Deutschlands, der Ver⸗ mittlerrolle Englands und der immer noch, wenigstens äußerlich, ablehnenden Haltung Frankreichs und fährt dann fort: „Im Augenblick, wo es nach drei Monaten der Gewalt zu einer Aussprache kommt, scheint es so, daß wir genau wieder zum Ausgangspunkt zurückgekehrt sind! Wenn man jedoch näher hinschaut, bemerkt man zwei wesentlche Unterschiede zwischen der Situation im Mnuar und der der letzten Tage des April. Auf der einen Seite ist die Welt ärmer und vor allem geschrwächt durch neues Mißtrauen. Allerdings wird die Diskussion, zu der es zweifellos kommen wird, wahrscheinlich die Möglichkeit schaffen, die deutschen Angebote besser zu gestalten, weniger je⸗ doch, als es im Januar möglich gewesen wäre, da Deutschland ärmer ist und da die Mächte, die letzten Endes den Konflikt zu lösen haben werden, unbestreitbar jetzt uns gegenüber weniger wohlgesinnt sind. Aber auf der anderen Seite sind die Gefahr, die gewaltsamen Unternehmungen mit sich bringt, die tragischen Folgen, die die Vergewaltigung eines fremden Gebietes zur Folge haben können, allen denkenden Menschen klarer in die Augen gesprungen. Der Appell an den guten Willen, der von den Soziglisten ergangen ist, findet jetzt mehr Echo. Eine euro⸗ päische Meinung kommt stärker zum Ausdruck und wächst. Dem muß man schließlich Rechnung tragen.“ Der Artikel de Broucksres klingt dann in der optimistischen Hoffnung aus, daß Poincaré mit Hilfe von Barthou und Delaerotx eine Nickzugsmöglichkeit findet und daß die belgische Regierung dabei ihre, gewichtige Auffassung in die Wagschale werfen kann. Aber rasch möge man handeln, denn der Schopf, an dem die jetzt sich bietende Gelegenheit gefaßt werden könne, bestünde nur aus einem Haar. 5 Inkrafttreten der neuen Paßzvorschrift am 9. Mai? Die Ordonnanz, die für den Verkehr zwischen dem besetzten und unbesetzten. Deutschland von Behörden der Verbündeten uus⸗ gestellte Passierscheine vorschreibt, soll nach Auskunft von britischer Seite erst in 14 Tagen in Kraft treten. Nach der Fassung der Havas⸗ meldung muß man annehmen, daß der Beschluß der Rheinland⸗ Kommission am 26. Aprll gefaßt worden ist; das Datum des In⸗ krafttretens würde demnach der neunte Mai sein. Cs wird sich erst in den nächsten Tagen entscheiden, ob und in welcher Form sich die britischen Behörden dem Vorgehen der Fronzosen und Belgier an⸗ scließen und wie sie der Schwierigkeiten Herr werden, die sich aus der völligen Umklammerung der britischen Zone durch die Franzosen ergeben. Es dürfte dem raffiniertesten Sophisten schwer fallen, für den neuen Plan gegen das Verkehrsleben des Rheinlandes gend eine Rechtsgrundlage zu entdecken. Durch die neue vollenden Tat⸗ sache, die von der Rheinland⸗Kommission geschassen wurde, soll die Verhandlungsbasis für die deutsche Regierung verkleinert und der Zusammenhang des besetzten und unhesetzten Deutschlands gelockert werden. Daß nebenbei das Wirtschastsleben im besetzten Gebiet rui⸗ niert wird, stört die Koblenzer Machthaber nicht. Gegen die Koksräu ereien, In Abwehr ber Eingriffe der Franzosen und Belgter in die Kokslager hat der Ruhrbergbau alle Kokeresen stillgelegt mit Aus⸗ nahme derjenigen, deren Produktion unmittelbar an deutsche Ver⸗ sian mit 6000 Mann. Diese sollen um 3000 Mann verstärkt werden. Das brutale Vorgehen gegen die Eisenbahner. Bom Bahnhof Montabaur wurden Inspektor Hose und Sekre⸗ tär Ries durch die Franzosen vertrieben. Den gesamten Hausrat behielten die Franzosen untr dem Vorwande zurück, ihn erst dann auszuliefern, wenn die deutsche Reichsvermögen verwaltung für die französischen Eisenbahner Wohnungseinrichtungen geliefert habe. Müde gehetzt. Oberbahnhofsvorsteher Wörner von Ems hat, der ewigen Schwierigkeiten mit den Franzosen und der gemeinen Anwürfe des früheren Eisenbahnsekretärs und jetzigen französischen Bahnhofs⸗ vorstehers Pritsch müde, seine Dienstwohnung freiwillig geräumt. Kurze Zeit darauf erlitt der pflichttreue Mann einen schweren Blutsturz, an dem er hoffnungslos darniederliegt. In die gerämmte Wehnung aber zieht der Hochverräter Pritsch. Französische Verhaftungen in Mannheim. Die Franzosen haben Samstag nachmittag zwei Direktoren einen Belriebsleiler und efnen Meister der Mannheimer Schiffs⸗ werft verhaftet. Wie verlautet, beanstanden die Franzosen, daß ein neues Schiff von seiner Probefahrt nicht zurückgekehrt ist. Sie verlangen einen ungeheuren Zoll und machen die Leitung der Werft für das Verschwinden des Schiffes haftbar. Die Werft liegt inner⸗ halb der Besetzungslinie. ö Dynamitattentat auf einen Franzosenzug. Bei Winningen an der Mosel wurde am letzten Mittwoch ouf einen französischen Personenzug ein Dynamttanschlag verübt, bei dem drei französische Eisenbahnbedienstete getötet wurden. Der 5 ist fehr bedeutend. Einzelheiten über die Tat fehlen bisher. e Politische Uebersicht. Wie Haveustein kneift und Stinnes dementiert. Der Reichsbankpräsident Habenstein, deutschnational in der Gesinnung, hat der Deutschen Allgemeinen Zeitung auf Wunsch eine Erklärung übermittelt, in der es heißt: 0 „Er habe mit seinen Aeußerungen lüber die Vaterlandslosig⸗ keit bestunmter deutscher Wirtschaftskreise. D. Red.) nicht bestimmte Einzelfälle im Auge gehabt und keinesfalls gegen Herrn Stinnes den Vorwurf ungerechtfertigter Devisenkäufe erheben wollen.“ Wir erleben also, daß der verantwortliche Mann der Reichsbank, nachdem er zunächst gewisse deutsche Wirtschafts⸗ kreise verdächtigt hat, diese Kreise in Schutz nimmt, obwohl auch er von den Devisenkäufen des Herrn Stinnes zu Speku⸗ lationszwecken unterrichtet ist. Statt Aufklärung also Sympathie mit dem Spekulantentum! Echt deutschnational. Es ist ein Ding der Unmöglichkeit, daß sich die deutsche Arbeiterschaft diese Kliquenwirtschaft weiter gefallen läßt und wir erwarten deshalb von der sozialdemokratischen Reichs⸗ tagsfraktion, daß sie jetzt mit Entschiedenheit eine Unter ⸗ suchung über die Devisenkäufe des Herrn Stinnes und nähere Aufklärungen über die Andeutungen Havensteins in seiner Rede vor dem Zentralausschuß der Reichsbank fordert. 5 Neuerdings beschäftigt sich auch die Frankfurter Zeitung mit dem Dementi des Herrn Stinnes in der Deutschen All- gemeinen Zeitung. Dieses Dementi besagte,„daß weder Hugo Stinnes noch seine Firma zur Zeit des letzten Mark⸗ sturzes Devisen kauften“. Das genannte Blatt schreibt zu dieser Verdrehung der Tatsachen. „Man faßt sich an den Kopf. Die D. A. Z. begeht da ent⸗ weder eine Silbenstecherei oder ist einer solchen erlegen. Nicht ob noch während des Marksturzes Stinnes kaufte, sondern ob seine vorherigen Aufträge die Stabilität verderben halfen, ferner wie, wieviel und wozu er kaufte, das stand zur Frage Die Hugo Stinnes G. m. b. H. hatte ihre Pfunde schon billig im Sack, als ihren Anfragen und Aufträgen die Hausse auf dem Fuße folgte. Genau wie wir es sagten„in der Vorwoche“, nämlich vor dem Katastrophen⸗Mittwoch, fanden jene Umfragen und Käufe statt, noch zum billigen Preise von 98 000 bis 99 000 Mark pro Pfund Sterling und das bei mehreren Banken oder Firmen. Und wenn nicht dargetan wird, daß der Bedarf ganz plötzlich an die G. m. b. H. herankam daß er echt entstand und nur flir das Allex⸗ nötigste diente(10 Milliarden für Allernötigstes)— dann wird der Eindruck des„Geschäft über alles“, des„sauve qui peut“(Rette sich, wer kann. D. Red.) schwer zu verwischen sein.“ die Vorgänge an der Börse zweifellos außerst gut unter⸗ richtet ist bestatigen sämtliche on uns bisher gemachten Angaben. Sie liefern ferner einen Beweis dafür, daß der Moralist Savenstein auch zu jenen Leuten zu gehören scheint, die, Zenn es darauf ankommt,„Geschäft über alles“ stellen. 8 Sächsische Krise? Die Kommunisten brauchen Ablenkung von ihren inneren Differenzen. Mit auffalligem Eifer verkündeten sie dor einiger Zeit eine angebliche Regierungskrise in Thürin⸗ gen, die durch Verhandlungen der Sozialdemokraten über die Bildung der großen Koalition entstanden sein sollte. Aus dieser Krise wurde ni Jetzt muß Sachsen herhalten. braucher übergeht. Die Koksproduktion ist insolgedessen auf weniger sachgemäße Kritik, wo sie notwendig ist, kann de;»satschen Sache im Augenblick ein Dienst erwiesen werden. als den fünften Teil herabgesunken. Mit allen Mitteln verstanen sie Verwirkung in die Reihen Diese Feststellungen der Frankfurter Zeitung, die über „ der sächsischen Arbeiterschaft hineinzutragen. Die meisten Organisationen unserer sächsischen Genossen haben es abge⸗ lehnt, Abwehrorganisationen gemeinsam mit den Kom⸗ munisten zu schaffen, da die sozialistischen Arbeiter nicht daran denken, sich von der klaren Linie sozialistischer Politit durch die Kommunisten ablenken zu lassen. Die K PDD. hat das in Verhandlungen mit dem Landesausschuß der sächsischen Partei zum Anlaß genommen, diese Haltung unserer Ge⸗ nossen als einen„Bruch der getroffenen Vereinbarung“ zu bezeichnen und sich„völlige volitische Handlungs⸗ freiheit“ vorzubehalten. Diese Erklärung haben sie ab⸗ gegeben, trotzdem unsere Genossen in der weitestgehenden Weise versucht haben, eine gemeinsame Basis zu finden. Es muß abgewartet werden, wie sich die Dinge in den nächsten Tage weiter entwickeln. Da die Entscheidungen für diese Haltung der Komunisten in solchen Fragen von außerhalb diktiert werden, kann man noch nicht end⸗ gültig feststellen, ob sie wirklich jetzt den Moment für gekom⸗ men erachten, die eben erst mit ihrer Zustimmung gebildete sächsische Regierung zu stürzen. Sie müssen schließlich selber wissen, was sie tun wollen. Die Sozialdemokratie hat keine Veranlassung, ein solches Verhalten der Kommunisten zu fürchten. Ihre Zersplitterungsversuche wer⸗ den an dem Willen der sächsischen Arbeiter restlos scheitern. Auflösung der Familiengüter. Das Presseamt Thüringen teilt mit: Nachbem der Landtag von Thüringen das Nachtragsgesetz über Auflösung der Familiengüter verabschiedet hat, steht seine Ver⸗ öffentlichung und der Erlaß der Ausflihrungsverorbnung unmittel⸗ bar bevor. Es ist bestimmt, daß das Zwangsauflösungsverfahren eingeleitet werden muß, wenn nicht am 1. Oktober 1923 der Ent⸗ wurf eines Familienschlusses zur freiwilligen Auflösung des Fanellienguts eingereicht ist oder wenn ein rechtzeitig eingereichter nicht bestätigt wird. Der Familienschluß muß den zwingenden Vorichriften des Gesetzes und der Verordnung Rechnung tragen. Er Hat sonst keine Aussicht auf Bestätigung. Auch wenn er nicht bestätigt werden kann, gilt die Frist als nicht gewahrt und die Zwangsguflösung tritt ein. Die Zwangsauflösung beengt nicht nur die Freiheit der Entschließung der Berechtigten, sondern bewirkt erhöhte Kosten. Den Famtliengütern, die von der Zwangsauflösung betrossen werden, wird ein erhöhter Anteil an den gesamten Kosten des Auflösungsrerfahrens und seiner Einrichtungen auferlegt werden. Die Familiengutsbesitzer und die zum Familtenschluß be⸗ rechtigten Familien mitglieder nützen daher sich selbst, wenn ste die Freiwillige Auflösung mit allem Nachdruck betreiben, die zwingenden Bestimmungen des Gesetzes und der Verordnung im Familien⸗ f uß beachten und den Famtlienschluß möglichft bald beim Auf⸗ loösungsamt einreichen. Das neue Gelbstrafengesetz. Am 1. Ma tritt das vom Neichstag verabschiedete Geld⸗ strafengesetz in Kraft, durch dessen Bestimmungen die Ge⸗ richte instand gesetzt werden sollen, bei der Bemessung aller Geldstrafen der Geldentwertung Rechnung zu tragen. Das war bisher in keiner Weise der Fall. So haben wir es in diesen Tagen erlebt, daß in dem Beleidigungsprozeß des Ge⸗ Rnossen Kuttner gegen Davidsohn dieser zur Höchstgeldstrafe von ganzen 600 Mark verurteilt wurde. Das neue Gesetz wird hier Wandel schaffen. Allerdings gelten seine Vor- schriften erst für die seit dem 1. Mai 1923 begangenen Straf⸗ talen In Zukunft ist die Mindestgelöstrafe bet allen Ver⸗ brechen und Vergehen des gesamten Reichs- und Landes⸗ 9 echts 1000 Mark, die Höchststrafe 10 Millionen Mark, bei 1 5 Uebertretungen 300 Mark bezw. 300 000 Mark. Die Geldstrafe kann jedoch bis auf 100 Millionen Mark erhöht werden, wenn das Verbrechen oder Vergehen auf Gewinn⸗ sucht beruht. Die Geldstrafe soll auf alle Fälle stets den Gewinn oder das Entgelt des Täter übersteigen; zu diesem Zweck kann auch jederzeit die gesetzliche Höchstgeldstrafe über⸗ schritten werden. Hilfe den Invaliden der Arbeit. Deutschland hat augenblicklich über 3 Millionen Invaliden, Er⸗ werbsbeschränkte und Erwerbsunfähige zu versorgen. Ihre Not hat sich in letzter Zeit außerordentlich verschärft. Der Zentralverband der Invaliden und Witwen Deutschlands hat sich daher mit einer Ein⸗ gabe an die gesetzgebenden Körperschaften des Reiches gewandt und folgende Hllfsmaßnahmen vorgeschlagen: ———. 1. Aenderung des Schwerbeschädigtengesetzes dahin, daß in pri⸗ vaten Betrieben 3 Prozent Erwerbslosenbeschränkte statt bisher 2 Prozent beschäftigt werden sollen. 2. Bildung von Wohlfahrtsaus⸗ schüssen für Schwererwerbsbeschränkte in den Betrieben. 3. Errich⸗ tung einer Reichs zentrale für Erwerbsbeschränktenfürsorge mit einem Reichsbeirat zur Bearbestung der Angelegenheit der Erwerbsbe⸗ schränkten. 4. Einrichtung gemeinnütziger Erwerbsbeschränkten⸗Werk⸗ stätten zur Umschulung. 5. Ausbau und Reform der Invaliden⸗ und Unfallgesetzgebung im Interesse der Erwerbsbeschränkten. Gießen und Umgebung. Das zurückgezogene Volksbegehren. In unserem Blatte war mehrfach auf das Volks ⸗ begehren hingewiesen worden, das vom Reichsbund für Siedlung und Pachtung beantragt worden war. Der Gesetz⸗ entwurf, über den beim Volksbegehren abgestimmt werden sollte, wurde bereits vor einiger Zeit im Amtsver⸗ kündigungblatt abgedruckt und dabei bekannt ge⸗ geben, daß die Einzeichnungslisten in der Zeit vom 18. April bis 1. Mai ausliegen würden. Wir haben dann an dieser Stelle noch eingehende Erläuterungen über die technische Durchführung der Volksabstimmung gebracht, wie sie sich aus der Reichsverfassung ergibt. Daraus ging schon hervor, daß die Sache gar nicht so einfach und leicht durch⸗ zuführen. In Nr. 89 unseres Blattes haben wir eine Darlegung unseres Parteivorstandes über diese Angelegen⸗ heit gebracht, in der gegen den zur Abstimmung gestellten Gesetzentwurf beachtliche Einwendungen erhoben und zum Schluß bemerkt wurde, daß für die Partei kein Grund vor⸗ liege, gegen das eingeleitete Siedlungsverfahren Stellung zu nehmen, daß aber den Parteigenossen auch nicht geraten werden könnte, sich daran zu beteiligen. Nunmehr hat der Bund für Siedlung und Pachtung Abstand von der Durchführung des Volks⸗ begehrens genommen, weil es ihm nicht möglich war, die Gemeinden mit den Eintragungslisten zu versehen und weil auch aus den eigenen Reihen des Bundes Ein⸗ wände gegen den Gesetzentwurf vorgebracht wurden.— Von zuständiger Stelle wird darüber u. a. mitgeteilt, daß das vor einem Jahre beantragte Volksbegehren zur Ergänzung des Reichssiedlungsgesetzes im Dezember 1922 zugelassen wurde, nachdem die Vertrauensleute wiederholt mündlich und schriftlich versichert hatten, daß der Antrag ernstlich ge⸗ meint sei, das Volksbegehren unter allen Umständen durchge⸗ führt werden solle und daß die Eintragungslisten entsprechend dem Gesetz auf ihre Kosten beschafft und den Gemeinden in ausreichender Zahl zugestellt werden würden. Darüber ist der Bundesvorsitzende wiederholt über die Schwierigkeiten eines Vollsbegehrens belehrt worden. Nun hat der Bund von der Durchführung des Volks⸗ begehrens Abstand genommen, sondern macht für einen neuen, abgeänderten Gesetzentwurf Stimmung. Gegen eine derartige Handhabung oberster Volksrechte muß entschieden Verwahrung eingelegt werden. Ter große wahltechnische Apporat der staatlichen und gemeindlichen Wahlbehörden ist nutzlos in Gang gesetzt worden wodurch dem Reiche und den Gemeinden nicht unbeträchtliche Kosten erwachsen sind. Das Vorgehen des Bundes für Siedlung und Pachtung ermangelt des politischen Verantwortungs⸗ gefühls. 5 Eine gelbe„Aktion“ gegen die Maifeier. In seiner Samstag⸗Nummer brachte der Gieß. Anzeiger einen Aufruf des sogenannten„Nationalverbandes deutscher Berufsverbände“ zum Abdruck— eine in den weitesten Krei⸗ sen röllig unbekannte Organisation. Von welchem „Geiste“ sie beseelt ist, zeigen folgende Sätze in dem Aufruf: „Für die nationalen Arbeitnehmer ist der 1. Mai angesichts der herrschenden Zustände im deutschen Volk und Vaterland ein Tag der Einkehr und des besonderen Gedenkens ihrer in Schmach und Bande, Not und Elend liegenden Volksgenossen an Rhein und Ruhr. 4 Es ist ein Tag der Feststellung, daß diese Za nur durch Verirrung eines großen Volkstesses z „Internationale“ heraufbeschworen sind, und daß m nachdrücklichste staatsbürgerliche Erziehung inshe der deutschen Arbeitnehmerschaft das deutsche dem⸗Untergang bewahren kann. 1 Die Gauleitung„Sessen⸗Lahn⸗Rhein des 1 verbandes deutscher Berufsverbände“ fordert d 4. 1 nehmer auf, am 1. Mai in ordnungsmäßiger We Arbeit nachzugehen, sich gegen Uebergriffe irgen internationaler Heißsporne nachdrücklich zur setzen und den Veranstaltungen der„Weltpe brigerer“ fern zu bleiben.“ 4 5 Es ist wohl nicht nötig, ein Wort zu diesem Blech zu sagen. Man könnte zu dem Glauben kon sei aus einer Flugschrift des seligen Reichsverbande die Sozialdemokratie abgeschrieben. In Gießen und Wetzla sation bestehen. Wie viel halbe Dutzend Mitglieder f haben mögen? 5 — Ueber die volkswirtschaftliche Bedeutung des Ru sprach am Freitag abend Genosse Dr. M. QOuarck im g sale der Universität. Leider war der inhaltreiche Vortrag, e kanntlich die Gießener Volkshochschule veranstaltete, nur mä sucht, erfahrungsgemäß finden um diese Jahreszeit im alg solche Vorträge geringeres Interesse als sonst. Quarck wie auf Bestimmungen im Friedensvertrag hin, um dadurch eisg die Rechtswidrigkeit der Besetzung des Ruhrgebiets da Gestützt auf zahlreiche statistische Ziffern schildert er weiten in der Welt kaum ein zweites Mal anzutreffende imdustgel wickelung, die sich im Ruhrgebiet in steigendem Maße vollzoge Dieser Landesteil set dadurch zu einer Kraftquellen⸗Sammli ganz Deutschland geworden. An der Entwickelung der vet Industrien sieht man, was das Gebiet bedeutet, nur Unverstan l meinen, daß Deutschland ohne dieses existieren könne. Am sten ist natürlich die Steinkohlenförderung, der beste Koks filr! schickung der Hochöfen werde hier produziert. Gewaltige 9 haben sich dort entwickelt, Redner erwähnt die 5 größten, zusammen 200 000 Arbeiter beschäftigen. Hier hat auch die! tration der Unternehmungen in Trusts und Kartelle die Fortschritte gemacht. Es gelang z. B. dem Kohlensyndikat, di derung und den Verkauf der Kohle völlig in seine Hände; men, sowohl sämtliche Kohlenzechen, als auch alle Kohlenhän 0 vom Syndikat abhängig. Diese wenigen Großen üben eine ge Macht aus. Als das Gesamtergebnis der Entwicklung der industrie kann noch angeführt werden, daß nach einer vor den veröffentlichten Statistik der Millionäre die meisten aus den gebiet stammen bezw. ihre Millionen dort aufgebäuft habe steht die Lage der Arbeiter im schärfsten Widerspruch. 3 spricht Redner die Ueber zeugung aus, daß es den Franzosch lingen werde, die Feinheiten des riesigen Produktions⸗ unk kehrsapparats im Ruhrgebiet zu beherrschen. Die Aus Redners fanden beifällige Aufnahme. 4 — Stadtverordneten⸗Versammlung. Morgen, Donn nachmittags 5 Uhr findet eine öffentliche Sitzung der 8 ordneten statt, in der 26 Gegenstände auf der Tagesordnung Daraus sind hervorzuheben: Erhebung einer Nachtragsumla Aufbringung der Kosten der Handwerkskammer. Erhöhn Vergnügungssteuer. Festsetzung des Ausschlags für die und Gewerbesteuer für 1922. Gewährung von Baukostenvorsshißs an die Baugenossenschaft 1894. Beitritt der Stadt Gier Gemeinwirtschaft Oberhessen. Zuschuß der Stadt Gießen;* 15 hochschule Gießen. Ruhegehaltsverhältnisse der außerplaun Beamten(Bediensteten). Eine Reihe Kred tbewillig⸗ für Bauarbeiten, Gas⸗ und Wasserleitungsverlegungen un willigung von Baukostenvorschüssen an die Baugenosse Rechnungsabschluß des Elektrizitätswerkes für das 9 Tarifvertrag für die Aushilssangestellten. Schulgeld. des Schulgeldes für die in Gießen nicht sortbildungsschu Schüler der gewerblichen und kaufmännischen Abteilung der bildungsschule. Antrag der Stadtv. Haupt und Gen. 1 willigung von Mitteln zur Errichtung einer Volksküche. ordentliche Notstandmaßnahmen für die Rentenempfänger 9 validen⸗ und Angestelltenversiche rung. — Die Frankfurter Nachrichten, ein auch in unserem Beil ve breitetes Blatt, ist, wie es selbst mitteilt, von Hugo Stins gekauft worden. Eine ähnliche Nachricht ging schon im vorigen durch die Presse, nach der neuerlichen Meldung zu urteilen, Geschäft aber erst etzt zustande gekommen. Das Blatt nahm eine reaktionäre Haltung ein, und wird sich vermutlich auc kunft nicht bessern.— Immer wieder muß die arbestende Beil darauf hiegewiesen werden, daß sie ihre Presse nachb lichst unterstützen muß wenn sie ihre Interessen wahre Der Deserteur. 0 * Roman von Robert Buchanan. Das Innere der Kapelle machte einen düsteren, unheim⸗ lichen Eindruck; ein Teil des Daches fehlte und der Regen platschte erbarmungslos auf das Steinbildnis„Unserer lieben Frau“, welches auf einem niedrigen Sockel stand, an einer Stelle, wo sich früher ein Altar erhoben haben mochte. Es war nichts weniger als ein Kunstwerk, aber der Volks- mund schrieb dem arg verstümmelten Ueberrest doch noch göttliche Macht zu. Rund um den Sockel lagen milde Gaben: gewöhnliche Rosenkränze, Blumensträuße aus „Wachs, allerlei bunte Lappen und auch Schmuckgegenstände. Der einst gepflasterte Fußboden der Kapelle wies nur noch wenige Quadersteine auf, Gras und Nesseln wucherten hier wild und streiften die Füße der Madonna. Der alte Mann sah sich seufzend in dem düsteren Raume um, nahm dann seinen Rucksack von der Schulter. öffnete ihn und packte ein Stück Schwarzbrot aus. Er hatte kaum zu essen begonnen, als er durch den Laut einer menschlichen Stimme aufgeschreckt wurde, die aus dem Innern der Kapelle zu dringen schien. Er versuchte das Dunkel zu durchdringen, vermochte jedoch keine menschliche Gestalt zu unterscheiden; als sich aber der Laut wiederholte, stand er auf, schritt auf den Altar zu und entdeckte vor dem Bildnis die flach hingestreckte Gestalt eines Mannes mit dem Gesicht nach unten. Er mußte entweder schlafen oder in Ohnmacht gefallen sein. Tiefes Stöhnen entrang sich seiner Brust, sein abgezehrter Körper war notdürftig mit Fetzen bekleidet, lange wirre Locken, aus denen das Wasser rieselte, hingen ihm über die Schultern herab. Er zitterte vor Kälte, denn er war vom Regen ganz durchnäßt. Der alte Mann neigte sich besorgt über ihn, aber er rührte sich nicht. Erst als er ihn sanft ansprach, sprang er auf und blickte wild und mit blutunterlaufenen Augen um sich. Es war ein herzzer⸗ reißender Anblick, diesen verwilderten und verängstigten 5 755 Riesen zu sehen, in dessen Augen der Wahnsinn dauerte. „Rohan! Rohan Gwenfern, Du hier?“ flüsterte Meister Arfoll entsetzt, denn dieser war es. Rohans Arme, die wie zur Abwehr ausgestreckt waren, sielen schlaff an die Seite hinab, während er seinen alten Gönner mit wild rollenden Augen anglotzte. Erst allmählich wich der raubtierartige Ausdruck aus seinen Mienen und machte einem träumerischen Platz. „Sie sind's, Meister Arfoll?“ kam es schluchzend aus seiner Kehle. Der Wanderlehrer streckte ihm beide Hände entgegen und blickte dem Gehetzten zärtlich ins Gesicht. Eine Weile brachten beide kein Wort hervor, die Aufregung schnürte ihnen die Kehle zu. Endlich rief der Alte erschüttert:„Mein Sohn, Du lebst! Gott sei Dank Du lobst! Drüben in Traontli ging die Kunde, Du seist tot! Aber ich konnte es nicht glauben. Gott sei Donk, Du sebst! Ich suchte vor dem Wetter Schutz; das hier ist ein böser Ort und die ihn auf⸗ such, haben böse Herzen! Was tatest Du hier, mein Sohn? Beten? Zu unserer Frau vom Hasse?!“ „Ja,“ entgegnete Rohan mit scheu zu Boden gesenkten Blicken. „Ah, mein Sohn, Deine Feinde waren grausam gegen Dich. Möge Gott sich Deiner erbarmen, mein armer Rohan!“ „Ich flehe nicht zu Gott, sondern nur zu ihr!“ rief er mit hohler Stimme und zornflammenden Blicken.„Nie⸗ mand kann mir helfen, wenn sie es nicht kann. Ich habe schon oft hier gebetet und wilde Flüche auf das Haupt des Kaisers herabbeschworen!“ Plötzlich wandte er sich mit aus⸗ gebreiten Armen dem Altar zu und tief:„Mutter Gottes, erhöre mich! Mutter des Hasses, erfülle mem Flehen binnen emem Jahre! In einem Jachre! Du hast es mir ver— sprochen!“ Sein totenblasses Gesicht war von Leidenschaft ver⸗ zerrt; er wollte sich in seiner Verzückung wieder auf den seuchten, kalten Boden vor dem Bildnis der Madonna nie— derwerfen, aber Meister Arfoll hinderte ihn sanft daran: „Komm, mein Sohn, wir wollen lieber ein wenig mitein⸗ meinem Rucksack ist Brot, Käse und etwas Rolwei wollen, wie in den guten alten Zeiten. zusammen e n trinken und dabei erzähle ich Dir alles, was ich draißt der Welt gehört habe.“ 0 Die sanfte Art des Lehrers wirkt beruhigend Rohan; er folgte ihm wie ein Lämmchen zu dem Sun neben dem Eingang. Hier nahmen die beiden vom e sal schwer geprüften Männer Seite an Seite Plaß Kapelle war jetzt ganz finster geworden; der Regen aufgehört, aber der Sturm wütete noch immer mit e Heftigkeit. Meister Arfoll packte seine Vorräte auß nöligte den der Nahrung bedürftigen Gast, wacker ander plaudern. Ich habe Dir Neuigkeiten zu 10 sprechen; dann reichte er ihm die Feldflasche, die eint ent f Landwirtin am Morgen mit kräftigem Rotwein 0 hatte Rohan tat einen guten Schluck, das Blut kel mählich in seine Wangen zurück, der raubtierähnlicht druck verschwand aus seinen Zügen und er bean alle Fragen, die Arfoll bezüglich seiner letzten stellte. N ö Nach jener furchtbaren Szene in der Hütte seine nm hatte er mehrere Tage in der von den Menschen gen Moorebene verbracht, um schließlich in die Grotte des gen Gildas zurückzukehren. 1 „ eb mögen die Häscher kommen, sie werden sinden! Ich, Meister Arfoll, nachdem ich den alten 11 umgebracht hatte, konnte ich es im„Trou“ nicht auese Ich sah den ormen Alten immer vor mir mit bl Wunde. die starren Augen vorwurfsvoll auf mich nr Glauben Sie mir, es ist furchtbar, Blut zu veig n Pipriac war im Grunde ein guter Mensch und det Freund meines Naters. Heilige Mutter Gottes, eines ch Todes zu sterben! Ich muß immer daran denken: mic wisser läßt mich weder bei Tag noch bei Nacht ruhen! gebens sag ich mir, daß ich das nicht gewollt und nuf Notwehr niich verteidigt habe!“ i 0 1 (Fortsetzung folat.) 8 e 8 * — ———— . —— 2 5 ratische Verfassung und die Republik schlitzen will. Imm bleibt das Wort Wilhelm Liebknechts wahr:„Die Ni en Abonnenten und Leser der feindlichen Presse sind größtenteils Glieder des arbeitenden Volkes und gerade sie sind es, welche dieser zur Knechtung bestimmten Presse die ungeheure Macht verleihen, über die sie verfügt. Der Arbeiter, der statt eines Arbeiterblattes ein Or⸗ des gan der Arbeiterfeinde hält, begeht einen geisti i .* K igen Selbstmord, ein it dien! Verbrechen an seinen Brlidern, an seiner Klasse. Die Presse ist hene er Jg das wirksamste Mittel der Knechtung. Bemächtigen wir uns dieses % cke und die Presse wird das wirksanste Mittel der Befreiung rge dur 50— Untersuchungsstation für pfychopathische Kinder bag Direktion der psychiatrischen Klinik in Gießen tt 7 at daß ö sich in der Klinik Einrichtungen zur Beobachtung und Behandlun, 1 55 psychopathischen Kindern befinden. Die Amn ne e e em sind dieselben wie sie im allgemeinen in der Klinik gelten. Im 1 ln Hinblick auf das Reichsgesetz für Jugendwohlfahrt vom 9. Juli charge 41922, besonders in Bezug auf die Fürsorge⸗Erziehung(§ 62—70) 06 1 5 7 f ist diese Einrichtung von Bedeutung, da die Unterbringu i dn Fürssorge⸗Erziehung unter ärztlicher Mitwirkung 1 0 soll Es iter“ sind dabei besonder„Minderjährige, die an geistigen Regelwibrig⸗ keiten leiden, Psychopathie, Epilepsie, genannt. br. Wieseck. In der Gemeinderatssitzung am Frei⸗ tag wurden die ausgeschriebenen Arbeiten zum Innenausbau von Schwererziehbarkeit usw.“ des Au. zwei Doppelhäusern genehmigt. Der Bürgermeister und Ge⸗ a meinderat Lauden werden beauftragt, 9055 14255 Firma e. 5. Vorn Müller⸗Gietzen wegen der Lieferung der Türen in Verbindung zu 5% treten.— Die Planjserung des Sportplatzes sollte ver⸗ im 11 geben werden. Das finanzielle Ergebnis war dem Vürgermeister c dun für die Gemeinde zu drückend. Noch Rücksprache mit dem größeren an Teil der Gemeinderäte sollte der Bürgermeister Rücksprache mit wan den beiden Turnvereinen nehmen, damit diese, als die zunächst er m Interessierten, die Planierung übernehmen. Dieser einzig richtige an ˖ 0 5 5 fand aber nur auf einer Seite Verständnis. Nach der Mit⸗ 5 be teilung des Bürgermeisters hätten ihm maßgebende Angehörige wenn b des zinn Lahn⸗Dünsberg⸗Bund gehörige„Turnvereins“ zu er⸗ kennen gegeben, daß sie kein Interesse an der Instandsetzung des der vers f es hätten.(1) Die„Freie Turnerschaft“ sagte zu, mit Unmenge Verlangen allerdings, fitr diese nicht geringe Arbeit und die große ne. J 5 Summe Geld, die der Gemeinde dadurch erspart wird, Sicherungen Wag fh ö 7 72 verlangen. Diese bestanden in der Einräumung des Vorzugs⸗ aal benutzungsrechts und der Gewährung einer Summe, um die ent⸗ standenen Auslagen decken zu können. Der Gemeinderat beschließt, der„Freien Turnerschaft“ ein Vorzugsrecht auf 15 Jahre einzu⸗ räumen und die Auslagen bis zum Betrage von 300 000 Mk. zu er⸗ sstatten.— Ein gleichzeitig vorliegendes Gesuch des„Turnvereins“ ihm einen Schulhof als Uebungsplatz zu überlassen, wird zu⸗ nächst an den Schulvorstand verwiesen.— Zur definitiven Besetzung von zwei Lehrerstellen äußert der Ge⸗ meinderat an der maßgebenden Stelle seine Wünsche.— Der Zu⸗ schuß der Gemeinde zu den Solbadekuren hiesiger Kinder wird ge⸗ battelos einstimmig genehmigt.— Für die neugegründete Frei ⸗ willige Feuerwehr wird die Anschasfenng von 10 Uniform⸗ röcken und 10 Steigergürteln genehmigt, Die Anschaffung, der mech. Schiebeleiter wird zursickgostellt.— Unter„Mitteilungen“ gibt der Vorsitzende u. a. Kenntnis von einem Schreiben des Kreis⸗ annts, wonach dasselbe dem seinerzeitgen Beschluß der Bau⸗ hütte Gießen mit 1 Million Mark Einlage bei⸗ zutreten, die Genehmigung erteilt. Kleine Nachrichten. Franksurt a. M., 20 April. Vom Spiel ins Unglück. Im Stadtteil Bockenheim lief ein 11jähriger Schüler beim Spiel geradewegs in die Straßenbahn, die ihm ein Bein glatt abfuhr. Frankfurt a. M., 29. April, Museumsdiebstähle. Aus dem Völkermuseum wurden letzthin mehrere japanische Figuren aus Elfenbein und eine koftbare 35 em hohe Porzellanvase gestohlen. Frankfurt a. M., 29. April. Vom Arbeitsmarkt. Die Lage des Arbeitsmarktes hat sich in der letzten Berichtswoche weiter⸗ hin verschlechtert. Arbeitsgesuche und Unterstützungsempfänger neh⸗ men um je 500 zu, die offenen Stellen blieben um 300 hinter der Vorwoche zurück. Auf dem Arbeitsamt meldeten sich 7638 Arbeits⸗ suchende, 20—30 offene Stellen waren gemeldet. Für männliche Per⸗ sonen kamen auf 100 offene Stellen 900 Arbeitsgesuche. Eschallbrücken, 29. April. Ein Franzosengaul deser⸗ tiert. Einem französischen Posten ist ein Pferd durchgegangen und hier in den unbesetzten Ort gelaufen. Das Pferd wurde durch Ver⸗ mittlung der Neichsvermögensverwaltung auf dem Truppenübungs⸗ platz wieder zurfckgegeben. Bodenheim, 29. April. Wegen einem angeblichen Sa⸗ botageakt an der Eisenbahn haben die Besatzungsbehörden in den Gemeinden Bodenheim, Nackenheim und Nierstein den Nachtverkehr von 9 Uhr abends bis 5 Uhr morgens bis auf weiteres verboten. Aus der Naturgeschichte eines Hochverräters. Ein in französische Eisenbahndienste übergetretener Eisenbahn⸗ sekretär namens Kurt Pritsch hat eine besonders bewegte Ver⸗ gangenheit hinter sich. Wir erfahren darüber folgende interessante Einzelheiten: Pritsch wurde 1883 in Beuthen als Sohn eines Regie⸗ nungsrates geboren, studierte Jura, fiel zweimal durch das Referen⸗ darexamen, wurde 1909 Leutnant, mußte aber„zwecks Nachsuchung der Auswanderungserlaubnis“ noch im gleichen Jahre seinen Ab⸗ schied nehmen und trieb sich dann vagabunbierend in Oesterreich herum. 1911 trat er in den unteren Eisenbahndienst in Nassau ein, machte Schulden über Schulden und ließ sich auch sonst mancherlet zuschulden kommen. Im Kriege brachte er es zum Hauptmann, später war er in Bad Ems Beamtenvertreter und als solcher ein„Stänker.“ Hier betätigte er sich eifrig als Mitglied der sonderbündle rischen Be⸗ wegung und war zuletzt Redakteur des Republikaner in Ems. Gegen ihn schwebt ein Gerichtsverfahren wegen Unregelmäßigkeiten im Gepäckverkehr(Unterschlagung) und Bebrohung eines Vorgesetzten mit der Ausweisung. Vom Dienst ist er dispensiert. Auf sein 5 konto kommen die Ausweisungen so vieler Bad⸗Emser Bürger.— Und 8 sescher Lump ist Vertrauensmann der Franzosen.— Wir gratulieren! Aus den amtlichen Bekanntmachungen. Das Amtsverkündigungsblatt für das Kreisamt Gießen vom 27. April enthält: Preisbeschilderung von Gegenständen des not⸗ wendigen Lobensbebarfs.— Die Ausflihrung des Reichsgesetze⸗ die Fleischbeschau betreffend; hier, Die Festsetzung der Schlacht⸗ und Beschauzeiten.— Nevision Bierdruckapparate. Er⸗ hehung der Erwerbslosenunterstützung.—. Erwerbslosenfürsorge. — Wahl der Versicherungsvertreter als Beisitzer des Versiche rungs⸗ amts beim Kreisamt Gießen. Kirchen⸗ und Stiftungsvor⸗ anschläge für 1923 und 1923/25.— Dienstnachrichten.— Polizei⸗ liche Bekanntmachungen. 0 15 Gefunden und verloren. In der Zeit vom 28. März 1923 bis 15. April 1923 wurden in hiesiger Stadt gefunden: 2 Broschen, 1 Haarreif, mehrere Schlüssel und Schlüsselbunde, mehrere Geld⸗ träge, 2 Damengürtel, 1 Armband, mehrere Geldtaschen und Hand⸗ beutel, 1 Füllfederhalter, 1 Patronengurt von einem Maschinenge⸗ wehr, 2 Portemonnaies, 1 Regenschirm, 1 Halskette; verloren: 1 goldene Damenarmbanduhr, 1 braunlederne Aktenmappe mit In⸗ halt, 1 grauer Damenhandschuh, 1 bellbrauner Damenhandschuh, 1 Fünftausendmarkschein, 1 Kartosselhacke, 1 silberne Handtasch⸗ mit Juhalt. Die Abholung der gefundenen Gegenstände kann au jedem Wochentag von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags beim Polizeiamt, Zimmer Nr. 1. erfolgen. Brieftasten. g Notiz und Inserat für die Bezirksmai⸗ nachmittag ein: für die Aufnahme in der Mehrere Einsendungen(Gedichte) konnten sch. Ober⸗Schmitten. feier traf erst am Samstag Mainummer zu spät. keine Verwendung finden. Versammlungs kalender. Frauengruppe der Ver. Soz. Partei. Donmers⸗ 8 Uhr im Gewerkschaftshaus Nähabend. e Gießen. tag, den 3. Mai, abends 1 Bilder aus Alt⸗Gießen. (Fortsetzung.) 19 Nach diesem historischen Rückblick wenden wir uns einem Spa⸗ ziergang durch die Stadt zu. Entschulbige, lieber Hörer, wenn wir dabei manchmal einen Sprung machen, aber wenn man in einer Straße ist, fällt einem gerade eine wichtige Begebenheit ein, die sich in einer anderen ereignet hat. Bginmen wir unseren Rundgang mit dem Bahnhof, jenem wun⸗ derbaren Bauwerk, in dem sich mir der Einheimische zurecht findet, und das darum jeder Gießener heilig halten sollte. Die Anlage zeichnet sich durch mancherlei aus, eimnal dadurch, daß seit ihrer Fexrtigstellung in den vierziger Jahren glaube ich, unausgesetzt daran N ggebestelt und gebaut wird. So zeigt der Bahnhof, wie richtig umsexre deutsche Sprache ist, wenn sie einen Unterschied macht zwischen fertig“ und„ganz fertig“. Zum andern ist auch die Lage eine selten 0 koste„gweckmäßige, auf einem Berggipfel, hart an der Lahn und unmög⸗ ut 9 lich, sich in die Breite auszudehnen. Es ist ein Denkmal bürgerlichen zießen zu Gemeinsinms. m als bei Anlage des Bahnhofes die Frage auf⸗ uße rp geworfen wurde, ob man denselben dahin legen solle, wo er sich jetzt willig befindet, oder besser in die Stephansmark, gab Liebig den Ausschlag, ungen ru. indem er erklärte von Gießen wegzugehen, wenn man den Bahnhof 1 nicht an seime jetzige Stelle lege, da ansonst(das wurde natürlich das N! nicht laut gesagt), sein Haus am Seltersweg im Werte sinke. Der geld, eg Gießener brachte„feinem“ Liebig das Opfer, und wirklich war es issue Lauch Liebig, der dem neuen Bahnhof ein hohes praklsches Interesse teilung de entgegenbrachte, indem er von ihm aus bald darauf mit Sack und Gen.* Pack, Kind und Kegel nach München abdampfte und Gießen den küche. Rücken drehte. Uebrigens soll bei dieser Gelegenheit nicht unerwähnt wien Fleiben, daß ber jetzige Bahnhof auch schon einen Vorgänger hatte, ö der sich auf dem Oswaldsgarten befand und seine Entstehung dem Umstand zu verdanken. hatte, daß die Bahn zwischen Gießen und Langgöns wegen der streitigen Bahnhofsfrage eine mehrjährige Llicke aufwies, sonst aber von Kassel bis Frankfurt durchlief. u intelaß l Der Weg zum Bahnhof ging entweder dem jetzigen Bahndamm Blatt n entlang und am Felsenkeller herauf oder iber Selters weg, Liebig⸗ ulich ur! straße. Die Brücke über die Wieseck in der Bahnhosstraße eristierte noch nicht, und auch eine Bahnhofstraße gab es nicht, sondern nur einen Reichensand, aus dem später der gewissenhafte Gießener die Reiches sandbahnhofstraße schuf⸗ Gehen wir die Bahnhofstraße herunter, die so zweckmäßig an⸗ gelegt ist, daß der Ortsfremde, wenn er aus dem Stadtinnern kommt, sie gar nicht findet, so passieren wir eine weitere Stelle, an der früher die Gießener Welt mit Brettern zugenagelt war, und deren Be⸗ seitigunosstelle, vor dem jetzt Metzger Möhl'schen Hause wegen ihrer zweckmäßigen Unpassierbarkeit zur Zeit des Russisch⸗Türkischen Krieges den Namen„Schipkapaß“ erhielt. Vorher sind wir am Tiefenweg vorbeigekommen, in dem früher, als das Pumpwerk hinter der Schule an der Westanlage noch nicht stand, die Bewohner sich sten Bürgermeister, der bei einem l der Name der Straße offenbar mit Recht den Schluß zulasse, daß sich hier der tiefste Punkt der Stadt befände, der für die bevor⸗ stehende Anlage der Kanalisation von Wichtigkeit sein werde. Diese weise Erkenntnis soll unseren dameligen Stadtpätern so sehr im⸗ poniert haben, daß sie sich bei der Wahl ganz allein von ihr lenken ließen. Zwar mag mancher Stadtvater nachher Reue empfunden haben, und einer gar, der wegen angeblicher Terraispekwlation von an Tagen des Lahrllochstendes in Waschbütlen ihre Besuche ab- statteten. Diefem Wege verdankt auch Gießen einen seiner bedeutend⸗ Rundgang festgestellt hatte, daß dem Herren Oberbürgermeister in die Oeffentlichkeit gezerrt wurde, war darob sehr erbost, so erbost, daß er, er stand mit einer Bäckerei, aus der der Bürgermeister seine Backwaren bezog, in Beziehung, es bewirkte, daß„das Mißgeburt am annern Tag kei Weck bekam.“ Vom Ende der Bahnhofstraße biegen wir zuerst links ab in die Neustadt, die ihren Namen daher trägt, daß sich an dieser Stelle vor vielen hundert Jahren die Cvakuierten aus dem benachbarten Dorf Kroppach ninderließen und einen damals somit neuen Stadt⸗ teil begründeten. Ihren damaligen neuzeitlichen Charakter hat die Neustadt denn noch gar lange bewahrt, denn in ihr lagen die Mist⸗ haufen um längsten noch vor der Tür und tummelte sich das Feder⸗ vieh am längsten auf der Straße, in ihr wird auch heute noch vom Osse' Noll und anderen bekannten guten alten Gießenern die Land⸗ wirtschaft hochgehalten. Die Neustadt bringt uns zur Lahnbrücke, die in den vierziger Jahren neu erbaut wurde und an deren Er⸗ bauung auch Liebknecht eifrig teilnahm. Die alte Brücke lag etwas stromaufwärts, von ihr hatte sich einst der alte Heichel heim, des Lebens müde in die kühlen Fluten der Roßkaut gestürzt und im Sprunge„Feuer“ geschrien. Auf dem Rückweg zur Stadt wollen wir noch dem Promenadenhaus ein paar Worte widmen. Es ist wie das Neustädter Tor eine Erinnerung daran, daß hier einst der Gießener Bürger und Ansässer noch um die vier Scheunen oder vor⸗ nehmer ausgedrückt„üwer die Promenad'“, ging bis ihm durch den prächtigen Bahndamm, der Gießen in so weitsichtiger Weise vom Flusse abschnitt, dieses Vergnügen genommen wurde. Auch an der alten Sandgasse wollen wir nicht vorüber gehen, die das alte Arrest⸗ haus birgt, das so manchem Freiheitsdenker und ⸗kämpfer der 30er und 40er Jahre des vorigen Jahrhunderts mentgeltliche Unterkunft gewährte. Dicht dabei stand das„Gießener Bürgerliche Brauhaus“, wenn ich so sagen darf, dessen Bedeutung heute och an zwei alten Inschriften ersichtlich ist, die sich im Eingang befinden. Heute ist bas „Bürgerbräu“ ein Eisen⸗ und Herdlager der Firma Pistor— sie transit gloria mundi. Wir gehen dann weiter und kommen in die Marktstraße. Die Wettergasse, oder wie sie der alte Gießener noch bezeichnet, die Kühgasse, war vor der Emanzipation der Juden das Ghetto, hier machten sie, die alle nahe mit einander verwandt, ihre Geschäftchen. Keiner gönnte dem andern etwas, und als der eine B. einmal in Frankfurt angehalten wurde, weil er beinen Schutz⸗ schein hatte und somit straffällig war, bat er den Konstabler, der ihn zur Wache bringn wollte, doch noch einen Augenblick zu warten, bis sein Bruder, der gerade einmal ausgetreten sei, wiederkomme, der auch keinen Sckutzschein hatte. Soziales, ja fast kommunistisches Emp⸗ findn verbot es dem guten B. dazu beizutragen, daß durch Straf⸗ ersparnis oder gar durch Abschluß eines Geschäftes in Abwesenheit des gerade sestgenommenen Bruders die Vermögensmassen in der Familie eine ungleiche Verteilung bekommen könnten. Auf dem nahen Marktplatz fällt uns das Rathaus auf, das in seinen engen Räumen einst die Universität und das Gymnasium barg und die Hirschopolheke, in der ein Prediger bes westfäl schen Friedens das Licht der Welt erblickte. Einst stand auf diesem Markfwlatze ein alter Ratsbrunnen, dessen zierende Löwen jetzt über die Beschlüsse unserer Stadtväter wacken, ich hätte beinahe gesagt, das Haupt schütteln, aber das können sie ja gar nicht, sie sind ja aus Stein. In der Mäusburg, die mit Mäusen nichts zu tm hat und ihren Namen von einem Hause tragen soll, in dem die„Mauth“, eine Art Oktroi erboben wurde, finden wir noch ein paar alte Häuser aus Gießens grauester Vergangenheit mit ihren ehrwürdigen Namen zum„Nit“er“, zum„Stern“ und so weiter, Häusernamen, die dann Schlachthaus, zuletzt identisch mit der Freibank, denn ein anständiger Metzger, der etwas auf seinen Ruf gab, soll nicht darin geschlachtet haben. Die Schulstraße nebenan war vorn und hinten zu und nur durch schmale Zugänge zu erreichen. So manches Gebäude, das ssch dort befand, so manche Freude von jung und alt ift von dort ver⸗ schwunden, und mit leiser Wehmut gedenke ich der je der Kind⸗ heit, da man zur Oster⸗ und Weihnachtszeit dicht gedrängt vor den Schaufenstern des Konditor Lind, des„jungen Lind“, wie er hieß, stand und die ausgestellten Osterhasen und die Knusperhäuschen be⸗ wunderte; auch die alte Schule, die der ganzen Straße den Namen gab, und der Alexander Meyer, der Mark, der Fronhäuser, der Weitzenkorn, Rickers Buchhandlung, der Spruck, alle, alle haben sie sich von dort verzogen, nur einer ist konservativ dort geblieben(war⸗ um auch nicht?) der Gießener Anzeiger. Ulber den Kanzleiberg begeben wir uns ins alte quartier latin auf den Brand. Seine Entstehung ist genugsam bekannt, und nur einiger weniger Baudenkmäler sei gedacht, die zum Teil nicht mehr stehen. Die alte Burgkirche, das alte Hofgericht, das den Markt⸗ lauben Platz machen mußte und ganz am Ende eine alte Kasematte aus der Festungszeit, der Mordkeller genannt, in dem aber niemals, ein Mord begangen worden sein soll. Im Gegenteil, der ringsum mit Grün umgebene, geschützte Platz, der ein beliebtes Stelldichein zwischen dem nahe kasernierten Soldaten und seinem Schatz be⸗ günstigte, läßt auf alles andere denn auf Mord schließen. In der alten Reitbahn. d. h. der überdachten, befand sich die Anatomie, da⸗ neben die Zehntscheuer mit der davor liegenden Hauptwache, jetzt Gendarmerie⸗— Verzeihung, ich glaube, es heißt jetzt anders— Kaserne. Gegenüber vor dem Eingang der Senckenbergstraße befand sich der Marstall, dessen Leiter, man denke an den alten Balser, dem Wein nie abhold waren. Daß Marstall von dem mittelhoch⸗ deutschen Wort Mähre stammt, mag richtig sein. 5 Zwischen altem und neuem Schloß stand die Universität, im Hintergrunde befand sich die Frauenklinik. Das jetzige Kreisamt, freilich in etwas vereinfachter Form, war das Gymnasium, in dem sich Ecksteins bekumter„Besuch im Karzer“ aospielte. Wir gehen dam zuriick zunn Kirchenplatz, von dem lobend hervorgehoben mer⸗ den muß, daß er noch das alte Gießener Hühneraugenyflaster kon⸗ serviert, denn bis zu ihm hat sich die Flut des Asphalts noch nicht ergossen. Hinter der Stadtkirche mit ihrem uralten Turm, der üb⸗ rigens mit der Kirche selbst in keinem fundamentalen Zusammen⸗ hang steht, befinden sich die ältesten Häuser Gießens, alte Burg⸗ mannenhäuser teilweise avs dem 13. Jahrhundert, darunter maiches Kunstdenkmal wie das Vergolder Leibsche Haus. im ehemaligen Hotel Einhorn befand sich das Stadttor, Walltor genannt, da var auf dem freien Platze stond die Gerichtslinde, hier wurde Gericht gehalten. Etwas weiter nordwärts ist die Zozelsgasse, in der sich die Synagoge, das jetzige Rumpfsche Haus, befand. Hier entstand einst umter den frommen Betern Streit, bei dem es zu Tätlichkeiten kam. Die Polizei mußte einschreiten, und der Polizeirat in höchst eigener Person erschien und erkundigte sich, was denn los sei. Ein kräftiger Hieb mit einem Betschemel über den Kopf und die Mitteflung, mau babe heute Freudenfest, ließen ihn beruhigt nach Hause ziehen. Der Streit war dadurch entstanden, daß Zweie in Streit geraten waren, wer das Hoen(sogenannte Schofar), das bei bestimmten Gelegen⸗ heiten zu ertönen hatte, blasen dürfe. Der Streit wurde ob des betrübenden Vorkommnisses von dem Kreisamt dahin geschlichtet, daß die Ehre des Schosarblasens zugunsten der Kreiskasse zuklinftig versteigert werden sollte, der Racker von Staat war wieder der auf ibre Besitzer überaingen, z. B. der„Sternnol“ In, der nahen Wagengasse befand sich ein Muster einer sanstären Anlage, das tertius gaudens.(Fortsetzung folgt.) D Fthämliche Pekannlmachunge n. BVe'auntmachung. 170 Infolge Erhöhung des Stallpreises für Vollmil e, der Molkereispanne und der gestiegenen Ualosten be⸗ rechnet sich der Milchpreis ab 1. Mai 123 für da⸗ im Milchgebiet der Stadt Gießen ee e 5.— Mik. weten beir Zur Deckung der beson deren Unkosten die durch den Bezug von Milch aus⸗ wärliger Molkereien eutstehen wird von jedem an Verbraucher abgegebenen Liter begeben. 160 sich mühin auf 0„ das Liter und ist gemäß Beschluß der staol⸗ . ee vom 28. April 1923 mit Wir⸗ kung vom 1. Mat 1928 en Krast. Gießen, ben 30. April 1923. Der oberbohr ge rnelter. J. B.: i ö Dr. Seib. 7 1. Arbeitsvergeb un. Unter Hinweis auf den Erlaß, das Verdinaungs⸗ vom 16 vorschrüten werden für den Neubau einer Beamten-⸗ wietwohunng zu Reiskirchen folgende Ardeizen öffem⸗ lich aue geschrieben: Erd⸗ und Maurerarbeiten, Dach deck rarbeiten, Spenglerarbeiten und Schmiedearbeiten. Pläne und Vertragsbedingungen liegen vom 1. Mai 1923 ab bei dem Regierungsbaurgt bei der Kreis⸗ verwaltung Zimmer Nr. 18 zur Einsicht offen gebotsunierlagen werden zum Her stellung⸗preis ab⸗ Termin in Gegenwart erschienener Bewerber. Zuschlagsfrist 14 Tage. Gießen, den 27. April 1928. Juni 1893 nebst Ergänzungs- Wllterei nisse Oeffeutlicher N 8 realschule, Eingang Bismarckstraße. freundlichst eingeladen wiro eine freiwillige Kollette erhoben Das Schicksal Europas und die kommenden großen (nach biblischer Weissagung). den 2. Mai abends 8½¼ Uhr, im Singsaal der Ober Zur Deckung der Unkosten CCC 0 Stadt⸗Theater Freitag, den 4. Mai 1925 abends 8 Uhr Wohltätigkeiks⸗ (Symphonie)-Konzert ortrag Mittwoch, Jedermann ist Redner 5. Beck. Frucht⸗ 9 äcke An⸗ i in K von 45—. 1e 0 feier wales in en den use. egeden pus ene dee g. Ha 10. var. 929 5 käufer an 152 scädt. Leben emittelamt schlossen und postfrei bis zum 12. Mai 19 6, vorefs mit blauen Streifen abzuuhren). Stleinverkaulspreis er- mitzags 10 Uhr bei mir einzureichen. 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