Freie Hessische Zeitung. Alles durch das Volk. Jeder Arbeit ihr Lohn. Nr. 3. Gießen, Donnerstag den 23. März 18.8. Heinrich Gagern. Mit so freiem, kühnem, offnem Wort hat noch kein deutscher Minister sein Amt angetreten als der unsrige; Hessen, das seither in der politischen Entwicklung zurückstand, wird um seinetwillen schon von Baden beneidet, wo man der Regierung seinen Geist und seine Entschiedenheit als Muster aufstellt. Wie unter dem Druck der Herrschaft Napoleons Friedrich Wilhelm III. einen Stein, Hardenberg, Scharnhorst berief um eine Wiedergeburt des Vaterlandes dadurch einzuleiten daß dem Volk die Rechte und Freiheiten gewährt würden für welche es sich lohnte in Kampf und Tod zu gehn, so hat jetzt unser Erbgroßherzog in Ueberein⸗ stimmung mit dem Willen der Bürger einen Deputirten berufen um die Maßregeln zu vollstrecken, die derselbe seit— her als Redner der Opposition so dringend und laut als Foderungen der Vernunft, als Bedingungen des Gemein⸗ wohls gefodert hatte. Es ist nicht gewartet worden bis die Noth der Knechtschaft beten gelehrt, sondern um sie zu verhüten hat man die geeignetsten Mittel ergriffen, und der Sturm aus Westen, vor dem das alte, längst von der öf— fentlichen Meinung verlassene System wie Spreu zerstiebte, hat den rechten Mann an den rechten Platz gestellt. Heinrich Wilhelm August Freiherr von Gagern ward den 20. August 1799 als Sohn eines Hachenburger Regierungspräsidenten geboren. Der Vater wirkte hierauf als Nassauischer Minister und Gesandter in Paris, war als Privatmann in Verbindung mit Hormayr für den Tyroler Aufstand thätig, unterzeichnete als Niederländischer Geschäfts— träger die Bundesacte, war einige Jahre Mitglied des Bundestags, dann der zweiten und ersten hessischen Kammer. Mancherlei aristokratisch mittelalterliche Erinnrungen ver— mögen nur flüchtig den Eindruck zu trüben, welchen Gagern der Vater als Menschenfreund und Patriot macht, wenn er zur Nationalität die rechte Würdigung von Ehre, Wahrheit, Wort und Freiheit verlangt, und eine wohlverstandne Va⸗ terlandsliebe, das Bewußtsein einer großen, gesegneten, in sich verbundnen Nation anzugehören, nächst den religiösen Ideen das höchste, das wärmste, das seligste Gefühl auf der Erde nennt, und den beklagt welcher dessen entbehre. Sein Sohn ward in kriegerischer Zeit für den Kriegsdienst be— stimmt und 1812—1814 in München vorgebildet; zwar zog derselbe bald einen bürgerlichen Berufskreis vor, trat aber 1815 bei der Wiederkehr Napoleons als junger Freiwilliger unter die Waffen, ward Officier, und focht bei Waterloo, eine Wunde von dort als ehrendes Erinnrungszeichen nach— ——— haus tragend. Von 1816 an widmete er sich in Heidelberg, Jena, Göttingen dem Studium der Rechts- und Staats⸗ wissenschaft. Er gehörte zu den Stiftern der Burschenschaft. Er bekannte sich dazu in einer Rede, die er den 24. Juni 1833 in der Kammer hielt, wo er unter Anderm sagte: „Die Grundidee dieser Verbindungen bestand darin daß auf den großen deutschen Bildungsanstalten welche wir Univer⸗ sitäten nennen, und welche niemals das Gepräge des Par⸗ ticularismus, unter welchem Deutschland so sehr leidet, angenommen haben, noch annehmen sollen, daß man unter den diese Bildungsanstalten Besuchenden das Gepräge des Particularismus entfernt halte und auf diesen großen Na— tionalanstalten sich zunächst als Deutscher betrachten lernen solle. Vor dem Jahr 1819 herrschte in Deutschland Auf— regung weil nichts von allen Verheißungen in Erfüllung gegangen war, welche in den Jahren 1813 und 1815 von den Fürsten ausgegangen, weil nichts für die Verwirklichung der Idee der Einheit Deutschlands, nichts zur Realisirung der versprochnen Freiheit geschehen war. Die Aufregung im Jahre 1830 hat einen ähnlichen Grund. Es ist eine wahre Entweihung, eine Verläumdung des Geistes deutscher Nation, wenn man sagt es sei bloße Nachahmung dessen was in Frankreich vorgegangen ist. Die Aufregung welche der Julirevolution folgte, ist zunächst hervorgerufen worden durch das schmerzliche Gefühl das jede deutsche Brust be⸗ klemmte über die Geringschätzung welche unsre Nationalität von fremden Nationen ertragen mußte; dies Gefühl ist es welches das deutsche Volk empört hat, welches das Bestreben erzeugte die Einheit wieder zu erlangen und den lebendigen Wunsch hervorrief daß der Bund deutscher Nation sich so gestalten möge, damit der Deutsche mit Stolz jedem ent— gegentreten und sagen könne: wir sind eine Nation und werden diese Nationalität bewahren und vertheidigen! Die Burschenschaften, welche ganz geeignet waren diese Nationali⸗ tät verwirklichen zu helfen, weil sie in den jugendlichen Gemüthern die Idee und das Bewußtsein ausbildeten einem großen Volk anzugehören, diese Grundidee derselben hat man unterdrückt, man hat sie unterdrückt, weil man diese Einheitsidee nicht genährt haben wollte.“— Wir finden in dieser Erinnrung an das Studentenleben einen der ritter⸗ lichen Züge Gagerns, und knüpfen daran die Hoffnung daß eine nothwendige gründliche Reform unsers Universitätswe⸗ sens in ihm einen Förderer finden wird. 5 Gagern trat 1821 als Landgerichtsassessor in hes⸗ sischen Staatsdienst; 1823 berief ihn Grolman in das Geheime Staatssekretariat des Ministeriums des Innern und der Justiz; 1829 ward er Regierungsrath in Darmstadt. Schon 1827 hatte er sich in einer kleinen Schrift über Land⸗ tagsangelegenheiten freimüthig ausgesprochen; jetzt wählte ihn Lorsch, wo er Beamter gewesen, zum Deputirten. Er wurde Präsident des Finanzausschusses und entwickelte sich bald zu einem der ausgezeichnetsten Redner in deutschen Kammern. Seine Grundsätze gingen so entschieden als besonnen darauf daß die Verfassung eine Wahrheit und das constitutionelle Leben volksthümlich fortgebildet werde. Die sichere Ruhe einer hohen festen Persönlichkeit war der Trä— ger seiner Ideen, und ließ ihn die Geistesgegenwart auch da nicht verlieren, wo das lebendige Gefühl ihn zu leiden⸗ schaftlicher Gewalt fortriß, sodaß er einmal bekennen konnte er sei stolz darauf mit Aufregung und Indignation verkehrte Dinge mit ihrem rechten Namen genannt zu haben. Er zeigte etwas von der Gabe Mirabeau's, sowohl ein mäch⸗ tiges Schlagwort zu finden als die einzelnen Gegenstaͤnde auf die Höhe der Principienfragen zu erheben. So z. B. in einer Rede über die Verhaftung Weidigs, derethalb er den Minister wollte in Anklagestand versetzt wissen. Hier entwickelte er die unveräußerlichen Rechte auf persönliche Sicherheit, Freiheit und Eigenthum, und suchte die Grenzen der Polizeigewalt zu ziehen. Er nannte es einen sehr aus⸗ gedroschnen Satz, wenn man von derselben sage sie sei be⸗ rufen die Verbrechen zu verhüten, da dies durch eine gute Rechtspflege selbst geschehe, er nannte es einen unsinnigen Satz, wenn man weiter schließe daß die Polizeigewalt um Verbrechen zu verhüten sich jeder Mittel bedienen und Uebel zufügen könne, welche größer sind als diejenigen denen sie begegnen wollte. Meine Foderung an den Staat, sprach er, geht dahin daß Gerechtigkeit herrsche. Was hilft mir die Gerechtigkeit der Gerichte, wenn ich in jedem Augenblick der Willkür der Polizei in die Hände fallen kann? Der Satz, die Polizei sei zu Eingriffen in die Freiheit der In⸗ dividuen unabhängig von den Gerichten in ihrem selbstän⸗ digen Wirkungskreise befugt, und dabei an diejenigen gesetz⸗ lichen Voraussetzungen nicht gebunden, unter welchen von den Gerichten die persönliche Freiheit beschränkt werden kann, dieser Satz— ich habe kein andres Wort dafür— er ist nicht allein ein unsinniger, sondern auch ein ver— brecherischer. (Schluß folgt). Einige Worte der Aufklärung über die dem hes⸗ sischen Volke durch die Proclamation des Erb⸗ großherzogs und Mitregenten am 6. März ge⸗ i machten Bewilligungen. An die hessischen Bürger und Bauern. Noch ist der Jubel nicht verklungen, den die Verkün⸗ digung der jüngsten frohen Botschaft hervorgerufen hat, noch zittern eure Herzen von der freudigen Erschütterung, welche nach einer langen Reihe dumpf dahingeträumter 10 Jahre sie durchbebte. Ein großes Weltereigniß im Westen hat so mächtig auch an eure Pforten geklopft, daß ihr aus dem argen Traume erwacht seid und einer froheren, freieren Zukunft entgegenathmet. Aber noch reibt ihr euch die Augen, noch schlagen manche von euch traumhaft um sich, ohne zu bedenken, welcher Schaden durch ihr Recken geschieht. Ich möchte euch einem Seefahrer vergleichen, der, nach langer Fahrt endlich den festen Boden gewinnend, immer noch den schwankenden Bord des Schiffes, das wogende Blau des Meeres unter seinen Füßen wähnt.— Ich glaube, daß bei dem tausendfachen Vivat- und Bravorufen euer Herz es eben so aufrichtig meinte, als eure Stimmen laut waren. Aber Viele von euch— das werdet ihr selbst eingestehen— haben die inhaltschweren Worte, welche euch eine bessere Zeit verkünden, ihrem vollen Umfange und ihrer wahren Meinung nach noch nicht begriffen. Euch hierüber aufzu⸗ klären, den Boden unter euren Füßen zu befestigen, damit ihr stehen und gehen lernt in der bewegten Zeit— das ist der Zweck dieser Zeilen. Die erste der uns gemachten Verheißungen, welche be⸗ reits durch ein von den Landständen angenommenes Gesetz zur Wahrheit geworden ist, lautet: Die Presse ist frei, die Censur hiermit aufgehoben. Hierdurch ist ein altes Recht, welches in früheren Jahr⸗ hunderten dem deutschen Volke zustand, aber allmählich durch die Anmaßung der Kirche geschmälert und durch despotische Fürsten ganz unterdrückt worden war, wiederhergestellt. Bis zum 6. März d. J. durfte in Hessen keine Schrift von ge⸗ ringerem Umfang als zwanzig Bogen im Drucke erscheinen, bevor ein vom Staate hierzu bestellter Mann, der s. g. Cen- sor seine Erlaubniß dazu ertheilt, den Inhalt derselben ge⸗ prüft und die seiner Ansicht nach für die Offentlichkeit nicht geeigneten Stellen daraus gestrichen hatte. Druckschriften von mehr als zwanzig Bogen liefen dagegen, falls sie von der Polizei mißliebigem Inhalt waren, Gefahr, beim Erscheinen confiscirt und unterdrückt zu werden. Alle freie Gedanken, welche auf dem Wege der Druckerpresse die Oeffentlichkeit suchten, mußten es sich gefallen lassen, zurückgehalten oder durch die von einem Einzelnen gehandhabte Censurscheere beschnitten und verkrüppelt zu werden. Welches schreiende Unrecht an der Menschheit! Doch klagen wir nicht langer! Dem geschilderten traurigen Zustande ist ein Ende gemacht: die Censur ist aufgehoben, die Presse frei. Das heißt, ihr dürft schreiben und drucken lassen, was ihr wollt; ihr dürft, einzelne wie alle, eure Beschwerden durch die Zeitungen be⸗ kannt machen und mit der gewaltigen Stimme der Oeffent⸗ lichkeit euer Recht begehren. Aber glaubt nicht, daß ihr jetzt befugt seid, durch Schrift und Druck Verbrechen zu begehen, glaubt nicht, daß es erlaubt sei, in öffentlichen Blättern Aufruhr und Gesetzwidrigkeit zu predigen oder die Ehre eurer Mitbürger zu kränken. Wenn durch die Presse solche Vergehen verübt werden, so erfahren diese nach unseren Strafgesetzen eine um so strengere Ahndung, als das ange⸗ richtete Uebel durch den Druck eine schnellere und größere Verbreitung gewonnen. Seid also im Gebrauch der Presse frei und offen, aber auch wahr und gerecht. 4 11 Weiter ist euch zugesagt: den Ständen soll eine allgemeine Volksbewaffnung in Vorschlag ge— bracht werden. Durch vollstaͤndige Ausführung dieses Ver⸗ sprechens wird ein großer Riß in den seitherigen Verhält⸗ nissen geheilt, ein großer Mißstand, der in dem Staate bestehende Militärstaat abgeschafft werden. In den meisten deutschen Staaten werden dem Volke seine Söhne entzogen, um einen abgeschlossenen, dem Bürger vielfach schroff gegen— überstehenden Stand zu bilden. Wozu hat das Militär in dem langen dreißigjährigen Frieden gedient, als um den Glanz und die Macht der Regierenden zu erhöhen, als um das Streben seiner Brüder nach freier Entwicklung gewalt⸗ sam niederzuhalten. Dieses Uebel wird aufhören: jeder waffenfähige Bürger wird die Waffen tragen, um für seine Rechte und das Vaterland selbst einzustehen. Wir werden ein größeres, weniger kostspieliges und tapfereres Heer haben, tapferer darum, weil es nur dann kämpfen wird, wenn es gilt, das Theuerste zu vertheidigen. Die aus Launen der Fürsten hervorgegangenen Kriege, die Cabinetskriege, das zwecklose Hinmetzeln von Tausenden werden nie wiederkehren. Der deutsche Bürger wird zu keinem Kampfe seine Hand erheben, der nicht ein Kampf des Volkes wäre, und wir werden es nicht mehr erleben, daß der deutsche Krieger El— tern und Brüdern feindlich gegenübertritt. In allen großen Kämpfen, wo es sich um die Existenz der Völker handelte, haben diese mit ihrer ganzen Masse gestritten. Bei der Ab⸗ schüttelung der französischen Herrschaft haben die Freiwilligen sowie die Landwehr ihre zahlreichen Schaaren gestellt und den Sieg erringen helfen. Dieses erkennend habt ihr euch bereits an vielen Orten als Volksgarden organisirt und sehet ungeduldig dem Gesetze entgegen, welches euch die Waffen in die Hand geben wird, zu deren Dienst ihr euch schon vorbereitet. Vor Allem aber müßt ihr durch vaterländische Gesinnung eures neuen Berufes euch würdig zeigen, müßt durch eure Liebe zur Ordnung beweisen, daß man das Wohl des Staates euch anvertrauen kann. Die dritte bereits in Erfüllung gegangene Zusage: das Militär wird auf die Verfassung sofort beeidigt werden, geht mit der vorigen Hand in Hand. Sie macht den Mangel der vollständig organisirten Volks⸗ bewaffnung in dieser bewegten Zeit weniger fühlbar, indem der Soldat angewiesen ist, sich vor allen Dingen als Bürger zu fühlen, und die Erfüllung seiner militärischen Pflichten nur insoweit von ihm begehrt werden kann, als sie mit seinen Bürgerpflichten in Einklang stehen. Daß unser Fürst schon jetzt seine Truppen entlasse, ist bei der gegenwärtigen politischen Lage Deutschlands nach Innen und Außen rein unmöglich; denn das Volk ist in den Waffen noch nicht geübt und bis jetzt noch unbewaffnet. An mehren Orten unseres Landes sind Unruhen und Gesetzwidrigkeiten vorge⸗ kommen, die, wenn es nicht anders geht, mit Gewalt der Waffen unterdrückt werden müssen. Die provisorische Re⸗ gierung Frankreichs hat zwar ihre friedlichen Absichten ver— kündet; wer weiß aber, ob nicht die sociale Bewegung in jenem Lande zu Verwicklungen führen wird, welche einen Krieg nach Außen nothwendig machen? Für solche Fälle müssen wir jeden Augenblick gerüstet sein. Im Uebrigen hat ja unser Regent bereits die Absicht ausgesprochen, nach dauernd befestigter Ruhe den Bestand der Truppen zu ver⸗ mindern. Die weitere Concession, daß den Ständen unver— züglich ein Gesetzentwurf auf Aufhebung des Art. 81 der Verfassungsurkunde vorgelegt wer— den solle, damit das Petitionsrecht und das Recht der Volksversammlungen frei ausgeübt werden könne, ist ebenfalls schon erfüllt, und das betref⸗ fende Gesetz von den Ständen angenommen. Der euch so lange gesperrte Weg zu dem Ohr eures Fürsten und eurer gesetzlichen Vertreter ist euch wieder eröffnet. Ihr habt das Recht, euch öffentlich zu versammeln, eure Angelegenheiten zu berathen und Beschwerden und Wünsche sowohl privater als auch politischer Natur durch Petitionen an den Thron wie an die Stände gelangen zu lassen. (Fortsetzung folgt.) Politische Rundschau. Endlich hat auch Preußen sich dem von seinen Fesseln befreiten übrigen Deutschland angeschlossen, es ist in die Reihe der constitutionellen Staaten eingetreten, nachdem erst der gewaltige Sieg in Oestreich den Eigensinn des Königs und seine unvolksthümlichen Minister gebeugt hat. Es ist aus den Nachrichten nicht bestimmt zu erkennen, ob sie nicht das Aeußerste versucht haben und erst durch die Tapferkeit und die Aufopferung des Volkes zur Nachgiebigkeit ge⸗ zwungen wurden. Denn ein fürchterliches Blutbad hat in den Straßen von Berlin vom 18. auf den 19. März Statt gefunden, dem Volke ist eine Schlacht geliefert worden, in der es viele Hunderte von Todten und Verwundeten ge⸗ geben hat, in der mit Kartätschen geschossen und Barricaden errichtet und genommen wurden. Die Ursache dieses Kampfes scheint ein Mißverständniß oder ein unglücklicher Zufall ge⸗ wesen zu sein, indem, während die Proclamation geschah, ein Schuß fiel und das Volk sich verrathen glaubte. Soviel ist gewiß, die Wünsche des Volkes sind erfüllt; der König hatte schon am Mittag des 18. der Cöllner Deputation un⸗ bedingte Preßfreiheit und Berufung des Landtags auf den zweiten April zugesagt: die Patente sollen schon in der Staatszeitung verkündet gewesen sein, ehe der Kampf los- brach, in dem der General von Möllendorf von den Stu— denten gefangen wurde, und die Neufchateller Jäger zum Volk übergingen. Die Minister Thile, Eichhorn, Savigny sind entfernt, dagegen sind Vinke, Graf Schwerin, Camp⸗ hausen und Auerswald nach Berlin berufen, um die Ruder des Staates zu übernehmen. Doch ist dieses letztere nur ein Gerücht. Am 19. verließ das Militär die Stadt, die Landwehr wurde einberufen, um den Sicherheitsdienst zu versehen. Zu den Schrecken des Straßenkampfes am 18. kam noch, daß in der Nähe der Charite ein fürchterlicher Brand ausbrach, der in der Nacht fortwüthete. Die Wiener erfreuen sich der so schön errungenen neuen Freiheit. Die Ruhe ist wieder hergestellt, die Staats⸗ papiere sind im Steigen. Am Metternichschen Palais wurde ein Galgen errichtet, und der Exminister in elligie aufge— knüpft. Die Polizei legte kein Hinderniß entgegen. Wo Metternich hingekommen, darüber ist noch nichts Sicheres bekannt, wahrscheinlich ist, daß er sich nach dem Rhein ge— wendet. Ungarn hat ein verantwortliches Ministerium erhalten. Graf Louis Bathiany ist zum ersten und der Pesther De— putirte Kossuth zum zweiten Minister ernannt. Einem Privatbriefe aus Darmstadt vom 20. entnehmen wir die Nachricht, daß sich dort eine starke Unzufriedenheit unter den Unteroffizieren und Gemeinen Kund giebt. Einer von den ersteren wurde gestern wegen Aeußerungen einge— steckt, die Soldaten liefen in die Wirthshäuser und binnen einer halben Stunde war das zweite Regiment in der Ca- serne rebellisch und wurde von mehreren Tausenden aus dem Volke unterstützt. Hauptmann Frank und Pabst, welche commandiren wollten, wurden, nachdem sie den Degen ge— zogen und dieser zerbrochen, auf die Erde geworfen und alle Fenster im unteren Stock eingeworfen. General von Stosch, welcher durch eine Rede das Volk besänftigen wollte, bekam dicht am Kopf vorbei einen dicken Stein geworfen, welcher das ganze Fenster mitnahm. Erst nachdem der Gefangene frei gegeben, wurde das Volk ruhig. Advokat Hofmann, welcher die Republik gepredigt, hat im Arresthaus gesessen, ist aber heute losgelassen worden. Politische Amnestie. In Baden und Nassau sind Deerete veröffentlicht wor— den, die Amnestie für politische Vergehen aussprechen, und so eben kommt uns die erfreuliche Nachricht zu, daß auch unser geliebter Erbgroßherzog den Antritt seiner Regierung durch einen gleichen Aet der Gerechtig— keit bezeichnet hat. Durch denselben sind auch alle weiteren Strafzahlungen aufgehoben. Das Deeret sagt in— dessen nichts von einer großen Zahl Männer, die unter dem vorigen nichtswürdigen Regiment blos von der Instanz absolvirt wurden;: sind auch diese wieder in ihre vollkom— menen Staatsbürgerrechte eingesetzt, oder wird dieß nur durch ein von den Ständen ausgehendes Gesetz geschehen? Welker und Bassermann gehen als Gesandte Badens an den deutschen Bund: von Würtemberg wird Ludwig Uhland geschickt: wir hoffen, daß von Kurhessen Sylvester Jordan oder Bruno Hildebrand erschei— nen: wir Hessen könnten keinen bessern Vertreter haben, als Heinrich Gagern, den wir mit Stolz den unsrigen nennen. 12 Marburg, 19. März.— Hier sieht es ganz kriegerisch aus, man hält sich für alle Fälle gerüstet und läßt es an Vorübungen nicht fehlen. Die Bürgergarde, vollkommen uniformirt und gut bewaffnet, zieht 50 Mann hoch mit Musik auf die Rathhauswache, welche Tag und Nacht be— setzt ist. Da oben herrscht ein rechtes Wachtstubenleben; zuletzt war eine Abtheilung Studenten an der Reihe, welche mit großen Säbeln bewaffnet und nach der Art von Ca— valleristen gekleidet sind. Die Mehrzahl der Studenten ist als Infanterie organisirt, an ihrer Spitze steht Stud. Wachs. Außerdem giebt es noch eine Abtheilung Turner, in leinenem Gewand, mit Büchsen bewaffnet; zuletzt noch die Reserve— garde, aus älteren Bürgern bestehend. Im Ganzen sind es etwa 1200 Mann. Auch auf dem Lande sind bereits Bürgergarden eingerichtet, in Roßdorf, Mardorf, Holz— hausen, Schweinsberg, so daß für die Ruhe dieser Gegend nichts zu fürchten ist. Es war hier freilich weiter nichts nöthig, als die früher bereits bestandene Einrichtung wieder ins Leben zu rufen. Die Bauern sind nämlich bis vor etwa 6 Jahren noch als Bürgergarde organisirt gewesen, allmählich ist die Sache aber eingeschlafen. Sie sind mit Spießen bewaffnet, statt der Uniform tragen sie blaue Kittel mit rother Verzierung am Kragen. Jeder Bauer zwischen 20 und 60 Jahren muß sich an diesem Dienst betheiligen.— Will man verhüten, daß die Sache aber— mals einschlafe, so ist es vor Allem nöthig, zeitweise(und nicht zu selten) sich zu großen Exercitien zu vereinigen. Gestern Abend ist die Gründung eines Sprech- und Leseklubs beschlossen worden; Listen zur Unterzeichnung liegen bei J. Ricker, E. L. Ferber, Lotz und Kunz offen; nähere Bestimmungen werden Freitag Abends um 8 Uhr im Prinzen Karl stattfinden. Gießen, 21. März. Sämmtliche Bürgergardisten werden ersucht, sich mit weiß⸗rothen Armbinden zu versehen und dieselben nach den Modellen, welche auf dem Rathhause sich befinden, einzu⸗ richten. In dem Falle eines allgemeinen Ausrückens, sowie überhaupt im Dienste wird die Armbinde angelegt. Die Rottenführer tragen auf der Armbinde eine eben— falls weiß⸗rothe Rosette; die Lieutenants eine Schärpe um den Leib und eine einfache Armbinde; die Hauptleute nur eine Schärpe. Es ist zu wünschen, daß diese Dienstzeichen baldmöglichst hergestellt werden. Der Oberst C. Vogt. Verantwortlicher Redacteur: E. Dieffenbach, unter Mitwirk. von M. Carriere u. C. Vogt. Von diesem Blatt erscheinen von heute au wöchentlich drei Nummern(Dienstags, Donnerstags und Samstags); der Preis für das Vierteljahr ist 1 fl., wozu für Auswärtige noch der Postaufschlag kommt. Auswärtige abonniren bei den zunächst gelegenen Postämtern, die Bewohner unserer Stadt und Umgegend bei der Unterzeichneten. Juserate aller Art werden in der unterzeichneten Buch⸗ handlung und in der Buchdruckerei von W. Keller angenommen und mit 3 kr. Petitzeile berechnet. für die gespaltene J. Ricker'sche Buchhandlung. Verlag der J. Ricker'schen Buchhandlung.— Druck von W. Keller.