Erscheint fünfmal wöchentlich, menn es nöthig ist mit Beilagen (Sonntag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag, mit Aus- nahme der hohen Festtage). Hessischer Zweiter Jahrgang. Preis vierteljährlich mit Post⸗ aufschlag im Thurn⸗ und Taxis'schen Postbezirk 1 fl. 20 kr., in Gießen mit Bringerlohn 1 fl. 20 kr.— Einzelne Numern 2 kr. Anzeigen kosten die Drittelzeile 2 kr. Für Abonnenten bis 25 Zeilen die Zuschan Nr. 2. Vertrauliche Mittheilung zum neuen Jahr 1851. Freuet euch, Brüder, aber haltet euch stille und stört sie nicht: die blutdürstige Wölfin Reaction, der ihr wohl schon einmal das Fell gegerbt habt, die ihr aber bis zur Stunde noch nicht erwischen konntet, wahrhaftig, sie geht euch in die Falle! Sigis⸗ mund die 12 Reform, der Freund und das Sprach- rohr Manteuffels, hat es ausgeplaudert im Zorn. Denn Herr Manteuffel, und folglich auch Herr Kassel, sind sehr böse darüber, daß in Preußen selbst die„Con⸗— servativen“ sehr mißstimmt sind über die Man⸗ teuffel'sche Politik— und da platzt er denn heraus mit dem Geständniß, daß der Hauptzweck der Confe⸗ renzen die Bändig ung der Revolution sei mittelst der Erfahrungen, um die man seit den Karls⸗ bader Conferenzen von 1819 reicher und„weiser“ ge⸗ worden sei. Ist das nicht köstlich? In Karlsbad wurden die Censurmaßregeln, die Mainzer Untersuchungscommission berüchtigten Anden⸗ kens, die Vernichtung der akademischen Freiheit und der landständischen Rechte berathen und beschlossen,— Bübereien, welche auf dem Congreß von Wien im Jahr 1834, später in ein System gebracht wurden— und so ganz vortrefflich wirkten, daß der Reaction Anno 1848 das Fell so tüchtig gegerbt wurde, daß sie fast daran verendet wäre. Und mit solchen Mitteln will die Reaction wieder vorschreiten! O, die prächtigen„tummen“ Esel! wie der alte Fritz sagte. Sie wollen weiser geworden sein? Dümmer sind sie geworden, so dumm, wie Schüttenstroh,— denn, wen Gott verderben will, den schlägt er mit Dummheit. Wahrhaftig, wir fürchteten schon, in Dresden werde man am Ende doch den Anträgen v. d. Pfordtens und Dalwigks einigermaßen Rechnung tragen, und man werde dort so einen parlamentarisch- nationalen Hokus⸗Pokus, ein s. g.„dentsches Volkshaus“ mit großem Maul und dünnen Beinen, so etwas zur Unterhaltung des deutschen Bierphilisters beschließen— und dadurch die Reconstituirung Deutschlands auf ver— nünftigen Grundlagen abermals für eine geraume Zeit vereiteln. Aber nein, Selig Kassel, Wagner E Comp. verstehen es besser. In Karlsbad ist der kastalische Schwefelquell, aus dem sie ihre Weisheit schöpfen. Nur werden sie diesmal noch tiefer schöpfen als 1819. Anno 1819 ergriff man nur halbe Maßregeln; 1851 wird man ganze Maßregeln ergreifen;„in 1819 hat man bloß die Symptome des Uebels unterdrückt, jetzt Gießen, Freitag den 3. Januar „ sonst Selig Kassel, der Redactör von. 1851. aber wird man seine Quellen zu verschütten wissen“— sagt Selig Kassel. 1 Censur, schwarze Untersuchungscommissionen, De⸗ magogenjagden, Aufhebungen der Verfassungen u. s. w. genügt also nicht mehr! Man wird andere Maßregeln ergreifen, aber welche? Wird man die alten Kirchen⸗ gesetze wieder einführen? Wird man uns zwingen, jeden Sonntag zur Kirche und jeden Monat zur Beichte zu gehen? Wird man uns auf den kleinen lutherischen Katechismus verpflichten oder wird man uns alle ka⸗ tholisch, oder adamitisch machen, wie den Assessor Wagner von der„Neuen preußischen Zeitung“, welcher immer noch glaubt, er werde demnächst lebendig und leibhaftig vom Geusd'armenmarkt zu Berlin aus gen Himmel fahren? Oder wird man mit Rußland einen Contrakt abschließen, um alle die nach Sibirien zu schicken, welche die deutsche constitutionelle Kammer⸗ wirthschaft, wie sie ist, nicht für die beste Staatsform halten? Nun, wir sind begierig, was sie aushecken werden! Daß die Oesterreicher nach Schleswig⸗Holstein gehen sollen, um die schleswig⸗holsteinische Armee zu entwaffnen und Schleswig⸗Holstein unter die Botmäßig⸗ keit Dänemarks zu bringen, ist ebenfalls eine unbe⸗ zahlbar köstliche Geschichte. Denn es wird kaum einen norddeutschen Offizier geben, der nicht ein solches Verfahren in der Tiefe seines Herzens für ein wahr⸗ haft niederträchtiges erklären dürfte. Die Offiziere aber müssen wir haben; haben wir die, so haben wir auch die Soldaten— und haben wir die Soldaten, so haben wir die Welt! Napoleon hat gesagt, in 50 Jahren ist Europa republikanisch oder kosakisch. Napoleon hat Recht gehabt. Europa ist republikanisch,— der Gesinnung nach. Es gibt kaum einen anständigen Menschen in Europa, der nicht wünschte, daß die euro⸗ päischen Völker die Leitung ihrer Geschicke selbst in die Hand nehmen möchten. Napoleon hat Recht gehabt, Napoleon war ein kluger Mann,— aber pst! plaudert die Sache nicht aus; behaltet Alles hübsch bei euch und haltet euch ruhig, um die Wölfin nicht merken zu lassen, daß sie am Rande der Grube steht. Es lebe das Jahr 18511—— Tagesneuigkeiten. 4 Giesen, 1. Jan. Die Neujahrsnacht ist dies⸗ mal, im Vergleiche zu sonst, äußerst ruhig vorüberge⸗ gangen. Kam das daher, daß die Polizei diesmal das Schießen u. s. w. nicht ausdrücklich verboten hatte, oder daher, daß sich die öffentlichen Sitten geändert 2———— 8——ů—ů— ꝙ(Vv— k r. 7 — 7 5 2 * haben? Das war sonst so ein rechtes Unterthanen⸗ vergnügen, in der Neujahrsnacht, nachdem man das ganze Jahr hindurch polizeilich geschuhriegelt worden war und sich geduckt hatte, sich voll zu trinken und zu brüllen wie das liebe Vieh und die Polizei durchzu— prügeln. 4 J Giesien, 2. Jan. Nach Conducteur⸗Nachrichten, die indessen immer mit mehr oder weniger Vorsicht aufzunehmen find, follen heute früh 12,000 Oester⸗ reicher(Kroaten, wie man uns sagte) durch Kassel gekommen sein.— Von einem Reisenden aus Mar⸗ burg wurde uns erzählt, es sei dort(in Marburg) vorgestern ein Student von einem bayerischen Soldaten erstochen worden. Zwischen kurhessischen Husaren und den bayerischen Infanteristen soll es neulich beim Durchmarsch der ersteren zu mehrfachen Prügeleien gekommen sein.— f I Darmstadt, 21. Dec. Die Wahlen in Mainz und Oberingelheim sind also im Sinne der Demokratie ausgefallen und alle Manöver mit Ausschluß der dritten Classe in Mainz gescheitert. Die gute Darm⸗ städterin hat sich über diesen ärgerlichen Ausgang der Affaire sehr alterirt und bemerkt in kurzen Notizen, daß sich das souveräne Accessistenthum„nicht entblödet habe“, den wie„Kirgisen und Baschkiren folgsamen Mainzern“ einen ganz jungen und einen Mann, den dort Niemand kenne, aufzuoctroyiren“. Wo sie das Bild von dem asiatischen Knutengehorsam her hat, bedarf keiner Erläuterung— ex ungue leonem!(d. h. frei über⸗ setzt: man sieht's euch an den Federn an, was ihr für Vögel seid!), daß aber Herrn Hillebrand Niemand kennen soll, das nimmt sich im Munde einer„unab⸗ hängigen“ Residenzzeitung, deren Redacteur auf den Namen eines belletristischen Schriftstellers einen zwar unbegründeten Anspruch macht, dem Ver⸗ fasser der berühmten deutschen National⸗ litteratur gegenüber so bornirt aus, daß wir zuerst glaubten, die Darmstädterin habe diese originelle Notiz ihrem Vorreiter, dem Mainzer Journal, entlehnt, dessen pfäffischer Ignoranz die Unbekauntschaft mit Hillebrand zu verzeihen wäre. Allein es ist dem nicht so, der Weheschrei über die beiden Auftragirten ist eine Ori⸗ ginalcorrespondenz, welche aus der Feder eines jener verdienstvollen Juristen, deren durchgängiger Wahl⸗ spruch ist: quod non in notis non in mundo(d. h. frei übers. was ich nicht gelernt habe, gilt mir nicht!), ist wonach freilich wiederum Alles aufgeklärt wäre. Spaßig 1 ist es auch, daß die Darmst. aus dem Octroyiren ihren Gegnern einen Vorwurf macht, nachdem sie es an ihren Freunden oft genug lobend anerkannte. Ueber die Landstandsoctroyirung höherer Verwaltungsbeamten in deren Bezirken durch die denselben ganz untergebenen Bürgermeistern u. dgl. hatte sie nichts zu bemerken. Das Ganze ist eben eine verknäulte Motion, die sich in burlesker Weise auch noch ferner dadurch Luft macht, daß sie wie weiland das Frankf. Journ. die Druckfeh⸗ ler der O.⸗P.⸗A.⸗Z. kritisirte oder wie Donquixote mit Windmühlen focht, der Mainzer Abendpost geographi⸗ schen Unterricht über die Lage von Osterrode gibt! Lernen Sie erst Litteraturgeschichte, Herr Dräxler, das steht Ihnen besser! Mainz, 30. Dec. Ueber die Wahl Hillebrand's und Schmitz's in Mainz berichtet die„N. Zeit“ u. A.: Mehrere von den Conservativen aufgestellte Wahlmänner haben selbst für die demokratischen Candidaten gestimmt, darunter der reichste Banquier von Mainz, welcher über das Herausbugsiren der Wahlmänner 3. Klasse so entrüstet war, daß er seinen bisherigen Gesinnungs⸗ geuossen laut zurief: Es ist eine Schändlichkeit, auf diese Weise das Wahlrecht von 3000 Wählern zu ver⸗ nichten. Ich wähle für die Demokratie. Der Aus⸗ schuß hatte die Wahlmänner von 3000 Wählern aus⸗ geschlossen, weil darunter 2 Leute gewählt hatten, die eine Armenunterstützung erhalten hatten. b Mainz, 29. Dec. Briefe aus Alzei berichten, daß Herr v. Gagern die auf ihn gefallene Wahl zur ersten Kammer abgelehnt habe. Wie verlautet, soll als Kandidat zur Neuwahl Dr. Langen, welchem es bis jetzt noch nicht gelingen wollte, eine Wahl auf sich lenken zu können, aufgestellt werden. Sicherem Vernehmen nach sollen mit Nächstem die rheinhessischen sogenannten Gerichtsaccessisten mit einer neuen Disciplinarordnung beglückt werden, welche wie Alberti's Komplimentirbuch, Verhaltungsmaßregeln für alle nur denkbare Fälle enthält. Der Besuch öf⸗ fentlicher Orte, wie Weinhäuser u. dgl., soll ein größeres Kapitel umfassen, eben so der Umgang mit dritten Personen.(F. J.) Alsfeld, 30. Dec. Im hiesigen e, zur 1. Kammer Landrichter Ellenberger ge I Frankfurt, 31. Dec. Die„Deutsche Zeitung,“ gestiftet 1847 durch Bassermann, Gervinus und Matthy, ist, nachdem sie durch beträchtliche Unterstützungen der gothaer Partei aufrecht erhalten worden war und na⸗ mentlich Hrn. Bassermann sehr viel Geld gekostet hatte, heute, nachdem noch ein letzter Versuch gemacht worden war, sie durch Veränderung der Redaktion und Ten⸗ denz am Leben zu erhalten, endlich verschieden. Friede ihrer Asche! Die Deutsche Zeitung hat manch hartes Wort über die Demokraten gesagt und ihr Mund ist manchmal übergelaufen von Schmähungen der guten Sache des Volks und der Zukunft, aber sie starb als ge⸗ besserte und reuige Sünderin, nachdem auch sie die Hand der Herren schwer empfunden hatte. Sie gehörte zu denen, die nur dadurch, daß man ihnen ins Gesicht schlägt, zur Buße und zur Einkehr in sich selbst gebracht werden können. Offenbach, 30. Dec. In diesem Augenblicke sind die Fabriken Offenbachs damit beschäftigt, die hessische Industrie auf die würdigste Weise bei der großen In⸗ dustrieausstellung in London zu vertreten. Unsere re⸗ nommirten Portefeuillefabriken der Herren Haas u. Comp., Jakob Mönch u. Comp., Klein, Rießer u. Comp., die Wagenfabrik der Herren Dieck u. Köster, welche einen prachtvollen Wagen baut, die Eisenguß⸗ waarenfabrik der Herren Alfred Richard Seebaß und Andere werden Kunstprodukte nach London liefern, welche keine Konkurrenz zu scheuen haben. Nürnberg, 29. Dec. Auch die Bamberger Ztg. bestätigt, daß das in Unterfranken aufgestellte vierte österreichische Armeecorps ausgesprochener Maßen nach dem Norden, Holstein, bestimmt ist. Aus Wien berichtet man uns heute die verschie— denen Manifestationen der dortigen Bank, die geeignet sind, das letzte Vertrauen auf dieses Institut zu unter⸗ graben und ferner zu zeigen, wie der Staat und die Bank gemeinschaftlich das Land zu Grunde richten müssen. Bekanntlich schafft die Bank der Regierung die nöthige klingende Münze zur Bezahlung der Hee⸗ resmassen außer Oesterreich, in Italien, Baiern und Hessen und muß, da Silber immer seltener wird, 120 bis 140 fl. Banknoten für 100 fl. Zwanziger geben, bis 1023 sie die letzten Münzen im Lande erhalten hat. Auf der andern Seite entledigt sich die Bank ihrer Noten dadurch, daß sie jetzt angefangen hat, verzinsliche öster⸗ reichische Staatspapiere aufzukaufen, wodurch sie in Zinsengenuß kommt, während sie dem Publikum diese unverzinslichen Noten dagegen gibt. Ob die Banknoten⸗ Fabrik von dem Staate überwacht wird? wenn der Staat die Hülfe der Bank braucht, ob man überhaupt nur die Ausgabe beschränkt? und wenn dies auch ge⸗ schähe, zu welchem Zustand wird das Land geführt, wenn am Ende bloß Bankzettel und Staatsscheine cursiren, die das Ausland mit Ekel zurückweist? Nürn⸗ berg hat wohl ein Recht, mit Besorgniß auf diese Finanzoperationen zu blicken, da der Staatsbankerutt Qesterreichs hier wenigstens vier Millionen an öster⸗ reichischem Papiergeld vorfindet.(F. J.) * Berlin, 29. Dec. Die Deutsche Reform(von Selig Kassel), das Organ des preußischen Ministeriums, ist ganz böse über die politische„Mißstimmung,“ welche sich nunmehr selbst der Conservativen bemächtigt haben soll, und platzt in ihrem Zorne heraus mit dem, was sie über den eigentlichen Zweck der„Dresdener Con⸗ ferenz“ erfahren hat.„Es läßt sich nicht läugnen,“ sagt sie,„daß die Dresdener Conferenzen allerdings die Begränzung und Bändigung der Revolution im Auge haben werden. Haben auch die Karlsbader Conferenzen ähnliche Intentionen verfolgt, so wird doch zugegeben werden müssen, daß die Verhältnisse seit jener Zeit sich etwas verändert haben(allerdings, sehr 95 daß man an Erfahrungen, Befürchtungen und Lei⸗ den(2) reicher geworden ist. In Dresden wird man die Revolution bekämpfen, ja man könnte dies als Haupt⸗ zweck der Berathung hinstellen, denn die vereinigten Regierungen haben die Pflicht— nicht blos das Recht — die Wiederkehr eines revolutionären Jahres zu verhindern. Wir haben seit 2 Jahren mehr als je erkannt, aus welchen Wurzeln das Wesen und die Gewalt der Revolution entspringt. Es sind dies nicht allein Diejenigen, welche man 1849 als solche zu erkennen gedachte u. s. w.“ Berlin, 30. Dec. Oesterreich mag sich anstellen wie es will, pfiffig oder dumm, aufmerksam oder nach⸗ lässig: das pfiffige Preußen wird immer angeführt. In Olmütz war ausgemacht worden, daß die Kassel⸗ schen Executionstruppen aus nur zwei Bataillonen be⸗ stehen sollten, aus 1 preußischen und 1 kaiserlichen. Nun ist aber Leiningen mit drei Bataillonen dort eingerückt. Peucker beschwerte sich beim König und bat um die Erlaubniß, drei Bataillone Preußen kommen lassen zu dürfen. Als Schwarzenberg das erfuhr, ging er eiligst mit Manteuffel nach Berlin, um die Sache beizulegen. Man hatte in Wien vergessen, dem Leiningen die nöthigen Instructionen zukommen zu lassen. Damit ist die Sache natürlich entschuldigt. * Dresden, 29. Dec. Der Rede, womit Schwar⸗ zenberg die Conferenzen eröffnet hat, kurzer Sinn ist: „Wir hatten früher durch die Franzosen eine tüchtige Lection erhalten und wir errichteten darauf den deut⸗ schen Bund. Der deutsche Bund hat viel Gutes ge⸗ stiftet, nach Außen und nach Innen.(Wirklich?) Aber nichts Menschliches ist vollkommen. Durch die Lection, die wir Anno 1848 bekommen, sind wir wieder um ein Bischen klüger geworden. Dem Bunde fehlte eine starke Exekutiv⸗Gewalt, um die Fluthen der Revolution zu bändigen. Diese starke Exekutiv⸗Gewalt wollen wir jetzt mit Gottes Segen(natürlich!) errichten u. s. w.“ — Weun die übrigen Herrn Diplomaten aus den er⸗ haltenen Lektionen,(welche das Volk übrigens richtig bezahlt hat) keine bessere Weisheit geschöpft haben, als die, welche aus der Rede Schwarzenbergs spricht, so stehen wir ihnen dafür, daß sie noch manche Lektionen empfangen müssen, ehe sie klug werden.— Wien, 29. Dee. Nach dem offiziellen Lloyd sind jetzt die Schwierigkeiten alle beseitigt, welche dem Durch⸗ marsch der Oesterreicher nach Holstein entgegen stan⸗ den. Die Oesterreicher werden durch Preußen(Mag⸗ deburg) theilweise per Eisenbahn spedirt, um so ihrem erhabenen Beruf, unsere deutschen Landsleute in die Hände ihrer Feinde zu überliefern, näher und ent⸗ gegengeführt zu werden. Paris, 29. Dec. In der gestrigen Sitzung der Nationalversammlung wurde die Berathung über das algierische Handelsgesetz fortgesetzt. Hierauf kam eine Angelegenheit zur Sprache, welche aus einer einfachen Interpellation zu einer Niederlage des Ministeriums wurde, da der Minister Rouher hartnäckig auf seiner Ansicht bestand. Larochejaquelin interpellirte nämlich den Justizminister und verlangte, daß der seiner Be⸗ hauptuug nach verfassungswidrig verhaftete Deputirte Mauguin wieder in Freiheit gesetzt werde. Die Un⸗ verletzlichkeit der Deputirten müsse, sagte er, gewahrt werden. Justizminister widersprach. Dieser Schulden halber arretirte Deputirte sei auf Grund eines Ur⸗ theils festgesetzt; es gäbe in Frankreich, wie in allen konstitutionellen Staaten, eine Trennung der Gewalten, und auch die Justiz müsse ihre Rechte wahren. Die Debatte wurde hierauf sehr belebt, selbst stürmisch, bewegte sich meist auf dem Felde der Politik und zeigte den alten Zwiespalt, der zwischen der parlamentarischen und der Executivgewalt besteht. Da die Legitimisten sich in dieser Frage zu der Linken hielten, so wurde das Ministerium geschlagen und die Befrei⸗ ung Mauguin's dekretirt. Paris, 28. Dec. Bei Gelegenheit des Jahres- tages des 10. December haben mehrere fremde Fürsten den Präsidenten der Republik wegen seiner guten Re⸗ gierung beglückwünscht. Der Präsident soll sich durch diese Aufmerksamkeit sehr geschmeichelt gefühlt und auf alle diese Schreiben eigenhändig geantwortet haben. — Dufpin hat mehreren Volksvertretern mitgetheilt, daß nicht er dem Permanenzausschuß zuerst von dem Complott der Rue des Saussaies Nachricht gegeben habe, sondern Lamoriciere und Odilon Barrot, die Beide außerhalb der Nationalversammlung davon reden gehört hatten. Dupin erhob sich dabei mit Energie gegen die ihm gemachten Vorwürfe, daß er das Mi⸗ nisterium von der Entdeckung eines Complottes nicht in Kenntniß gesetzt habe.„Hätte es sich um die Er⸗ mordung des Präsidenten der Republik gehandelt,“— sagte er—„so hätte ich das Ministerium benachrich⸗ tigt. In Dingen, die den Präsidenten der souveränen Nationalversammlung betreffen, habe ich dieser allein Rede zu stehen, nachdem ich in Kraft der von derselben mir verliehenen Vollmachten nach meinem Dafürhalten gehandelt habe.“ — In Portugal dürfte die Niederkunft der Kö⸗ nigin vielleicht mit dem Staatsbankerotte zusammen⸗ treffen. Erstere wird gegen Neujahr erwartet. Die Regierung bekommt nirgends mehr Geld geliehen, die Einkünfte des letzten Monats haben sich um 50 Contos gegen voriges Jahr vermindert.— Die Schwangerschaft der Königin von Spanien wird sich nicht bestätigen. ——ů——— 1024 Palermo, 3. Dec. Französischen Blättern ent⸗ nehmen wir folgende Details über den früher of⸗ fiziell abgeleugneten, jetzt aber von allen Seiten als Thatsache anerkannten Aufstand in Sizilien. „Mehrere bewaffnete Schaaren, sowohl zu Fuß als beritten, haben sich gebildet und auf den Höhen der Berge von der Küste Sciocca bis Carleane Po⸗ sition genommen. Dieselben sind nicht aus Räubern zusammengesetzt, wie unsere barbarische Regierung glauben machen möchte; sie haben keine Diebstähle verübt und Alles, was sie verzehren, wird baar bezahlt. „Mehrere Gefechte haben zwischen ihnen und den mobilen Kolonnen, die zu ihrer Verfolgung ausgeschickt wurden, stattgefunden, aber Letztere haben stets den Kürzeren gezogen. Eine große Abtheilung des 7. Li— nien⸗Jufanterieregiments ist sehr übel empfangen wor⸗ den und mit vielen Verwundeten zurückgekehrt. Kapi⸗ tän Giardono, einer der königlichen Sbirren, ist schwer verwundet, ebenso ein bekannter Renegat, Kapitän Scordato, welcher sogar allgemein todt gesagt war. „In diesem Augenblick empfangen wir die Nach⸗ richt, daß eine ganze Kompagnie Polizeisoldaten von den Insurgenten im Thale von Trepani umzingelt und gefangen genommen worden ist. „In einem improvisirten Kriegsrath wurde be⸗ schlossen, keinen dieser Gefangenen zu tödten, sondern sie im Gegentheil in Freiheit zu setzen, aber nackt und mit Koth bespritzt dem Polizeidirector Moniscalco, dem verabscheuungswürdigsten Polizeiagenten unter der Sonne, zuzusenden. Eine philosophischere Strafe konnte nicht erdacht werden „Diese Männer der That haben das ganze Volk, welches noch immer das von 1848 ist, für sich. Das Manifest des italienischen National⸗Komite's in Lon⸗ don ist mit Enthusiasmus aufgenommen worden und hat die Stimmung der Bevölkerung überall gehoben. Das Vertrauen in die Zukunft ist unerschütterlich!“ (M. A.) Verschiedenes. Im Lloyd liest man! Die letzte Post aus China bringt ein höchst seltsames Dokument chinesischer Po⸗ lemik gegen das Christenthum, und zwar eine Prokla⸗ mation des Präfecten Wan, im Departement Kiaying⸗chau— in der Provinz Kanton. Der Anlaß hierzu war fol⸗ gender: Die Tochter eines chinesischen Christen in dem bezeichneten Departement heirathete einen Heiden. Die Familie desselben, entrüstet über die Bestrebungen der Frau, ihn zu bekehren, oder überhaupt aus Haß gegen die fremde Lehre wußte den Präfekten Wan so sehr anzufeuern, daß er das Signal zu einer neuen Christen⸗ verfolgung gab, wobei Kirchen zerstört und einige Christen eingekerkert wurden. Das Signal zu dieser Verfolgung war die erwähnte Proklamation, die, wie bereits erwähnt, eine förmlich negirende Kritik des Christenthums ist. Zu umfänglich, um sie hier mitzu⸗ theilen, wollen wir zur Probe und als Kuriosum fol⸗ gende Stelle daraus ausziehen:„Es ist bekannt, daß unter allen Nationen jenseits des Meeres keine so sehr an den Herrn des Himmels(Christus) glaubt als Deutschland, und dennoch entbehren dessen Einwohner aller gesellschaftlichen und politischen Bande; seine Macht ist im Verfall, sein Gebiet ist mehr als einmal getheilt worden. Warum hat Deutsch⸗ land kein Glück, wenn es an den Herrn des Him⸗ mels glaubt? Unter den Ländern, die nicht an den Herrn des Himmels glauben, kann sich keins mit, Japan vergleichen. Am Quai seines Hafens steht ein Kruzifix eingegraben, und jeder Kaufmann, der hinkommt und beim Ausschiffen dieses Bilduiß nicht sogleich mit Füßen tritt, wird alsbald enthauptet, um den Andern als Beispiel zu dienen. Noch mehr, am Thore der Stadt ist unter der Schwelle ein Bildniß Jesu eingegraben, damit es Jeden Tag mit Füßen getreten werde; und dennoch dauert dieses Reich schon zweitausend Jahre. Warum hat der Herr des Himmels über dasselbe nicht eine schauderhafte Züchtigung ver⸗ hängt? Dies beweist, daß die angebliche Macht, glück⸗ lich oder unglücklich zu machen, eine unbegründete Fabel ist“. In solchem Ton und mit ähnlichen Ar⸗ gumenten ist die ganze Proklamation abgefaßt, die aber vom französischen Bevollmächtigten in China, Herrn Fort⸗Rouen, bereits dem Gouverneur von Kanton, Seu, nebst einer Aufforderung zur Satisfaktion zuge⸗ sendet worden ist. Dieser hat auch schon einen fran⸗ zösischen Missionär aus dem Kerker befreien lassen, zur Rückstellung der Kirchengeräthe Befehl gegeben und versprochen, den Präfekten Wan zur Rechenschaft zu ziehen. — Wie man fromm macht. Den römischen Soldaten ist durch öffentlichen Anschlag in den Kaser⸗ nenstuben das Lästern des Namens Gottes bei Ge— fängnißstrafe von 10—30 Tagen verboten; das Fluchen gegen Sr. Heiligkeit, den Papst, wird aber mit fünf Jahren Galeeren bestraft. Frage 1. Was ist denn das für ein Gott, den man mit Gefängnißstrafen schützen muß? Frage 2. Wen stellt die Regierung höher, deu Papst oder Gott? Frage 3. Ist es nicht seltsam, daß römische Sol⸗ daten Gott lästern und auf Sr. Heiligkeit fluchen? Wie kommt das? Ist nicht der Sitz des Papstes in Rom und die Heiligkeit da wahrhaft? Frage 4. Wird ein solches Verbot die Soldaten zu besonderer Ehrerbietung gegen den also geschützten Gott und Papst antreiben?(Lucifer.) Theater in Gießen. Freitag, den 3. Jannar. e bora h. Volks⸗Schauspiel in 4 Akten von Dr. S. H. Mosenthal. Anfang präcis 7 Uhr. Ende halb 10 Uhr. Da ich durch den mehrmaligen Abbruch des Theaters bedeutenden Schaden erlitten, und mein Aufenthalt bis Ende Januar bestimmt ist, bitte ich ein geehrtes Pub⸗ likum, mich diese kurze Zeit mit dero gütigen Besuch recht zahlreich zu beehren, damit ich am Schlusse mei⸗ ner Vorstellungen ausrufen kann: Ende gut, Alles gut!— Für diesen Monat sind die Theatertage: Sonntag, Montag, Mittwoch und Freitag. Dero ergebenster Eduard Geyser, Director. Verantwortlicher Redacteur: C. Sartorius. Druck von M. Merck in Gießen.