Kr. 148. Erscheint fünfmal wöchentlich, wenn es nöthig ist mit Beilagen (Sonntag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag, mit Aus- nahme der hohen Festtage). Hessischer Erster Jahrgang. Preis vierteljährlich mit Post⸗ aufschlag im Thurn⸗ und Taxis'schen Postbezirk 1 fl. 20 kr., in Gießen mit Bringerlohn 1 fl. 20 kr.— Einzelne Numern 2 kr. Anzeigen kosten die Orittelzeile 2 kr. Für Abonnenten bis 25 Zeilen die Hälfte. Zuschauer. Gießen, Donnerstag den 25. Juli 1850. Zur Finanzfrage. II. 5 Civil- und Militärpenstonen. (Schluß.) Ein fernerer Umstand, wodurch dem Lande, be⸗ sonders in neuester Zeit, eine große Masse von Pen- sionsunkosten entstanden sind, ist der, daß man Beamte, welche in politischer und anderer Beziehung mißliebig wurden, ohne Bedenken in Ruhestand versetzt. So sind 3. B. erst kürzlich zwei Beamte, ein Landrichter und ein Obereinnehmer, wider ihren Willen pensionirt worden. Dieselben, noch ganz rüstige Männer, hätten noch 15 bis 20 Jahre lang ihren Dienst versehen können, wodurch die jetzige Mehrausgabe von 39 bis 52,000 fl. hätte vermieden werden können. Ein an⸗ deres höchst augenfälliges Beisptel von Penstontrungs⸗ maßregeln liefert der jetzige Vicepräsident des Ober⸗ Consistoriums, Herr Jaup. Derselbe wurde, aus dem einzigen Grunde, weil er politisch oder vielleicht auch persönlich mißliebig war, von Herrn du Thil mit 4000 fl. im Jahr 1835 pensionirt, und setzte noch auf dem Wege des Processes durch, daß ihm auch die Pferdefourage gezahlt werden mußte. Wegen einer Caprice des Herrn du Thil mußte also das Land 13 Jahre lang 4300 fl., also im Ganzen 55,900 fl. im wahren Sinne des Wortes„für die Katzen“ zahlen.— Ein Graf Pappenheim, der früher einmal Gesandter in Paris war, und— wie man sagt— wegen Un⸗ fähigkeit pensionirt wurde, bezieht jährlich über 3000 fle der bekannte Fürst von Wittgenstein soll an Pensionen mehr als 20,000 fl. erhalten; Herr du Thil genießt für seine saubere Thätigkeit als Minister mehr als 8000 fl. jährliche Pension, ja sogar der steinreiche Herr von Rothschild in Frankfurt erfreute sich, als · früherer landgräflicher„Hofjude“, einer Pension von circa 160 fl. Die angeführten Beispiele, welche leicht noch ver⸗ vielfältigt werden könnten, werden mehr als genügen, um zu zeigen, daß seither nicht so, wie es sein sollte, bei Vertheilung von Pensionen mit den Staatsgeldern gewirthschaftet wurde, und daß eine Revision dieses Zweiges unseres Budjets durch eine aus bewährten Volksmännern zusammengesetzte Kammer, vor Allem Noth thut. Denn die übrigen Ausgabe⸗ posten werden von den Ständen jedesmal nur für die Dauer von drei Jahren bewilligt, während eine Pen⸗ sion an einen, noch nicht sehr bejahrten Beamten er⸗ theilt, dem Lande durschnittlich 15—20 Jahre aufge⸗ bürdet bleibt. Nehmen wir z. B. nur die Vermehrung der Pensionen um 55,000 fl., welche in den bei den letzten Jahren eintrat, und ziehen wir davon noch 10,000 fl. ab für solche höhere Beamte(wie z. B. Ministerial⸗ rath Breidenbach), welche später wieder im Staats⸗ dienste verwendet werden, so ist dadurch dem Staate eine Ausgabeverbindlichkeit von 12 oder 18 mal 45,000, oder 540,000 810,000 fl. aufgehalst. Zieht man aus dem Vorgehenden einen Schluß, und bedenkt man, daß allein bei den oben erwähnten einzelnen Beispielen von unnöthigen oder zu hohen Pensionirungen wenigstens 30,000 fl. hätten erspart werden können, so wird die Behauptung: daß die jähr⸗ liche Ausgabe von 475,000 fl. für Pensionen, min⸗ destens um ½ oder um circa 120,000 fl. vermindert werden muß, gewiß jeden Unbefangenen als vollkommen begründet und gerechtfertigt erscheinen.— (Wird demnächst fortgesetzt.) Gießener Universitätsverhältnisse. Den zweiten Hauptgrund des unwissenschaftlichen Lebens auf unserer Universität, finden wir in den Professoren selbst, resp. in einem großen Theile derselben, und dieß ist gerade der Punct, auf den wir näher einzugehen beabsichtigten.— Es ist nicht in Abrede zu stellen, daß einzelne Leute an der Universität sind, welche wir, obwohl wir viel über ihre Persönlichkeiten sagen, viel schöne Geschichten aus ihrem Privatleben erzählen könuten, wegen ihrer wissenschaftlichen Vortrefflichkeiten nicht anzutasten wagen. Wir erinnern nur an den Träger und Begründer des Rufs der Gießener Universität, an Liebig, dem man in an⸗ deren Fächern noch Einzelne beigesellen kann, wie z. B. v. Löhr und Bischoff. Daneben finden wir aber auch eine große An⸗ zahl Vertreter der ärmsten Mittelmäßigkeit, der anerkanntesten Untüchtigkeit. Man erwarte nicht, daß wir die ganze Anzahl junger Leute durchnehmen, welche in jedem Semester Collegia ankündigen, ohne sie zu Stande zu bringen, oder die höchstens nur vor 2—3 getäuschten und gelangweilten Zuhörern lesen. Leute, wie Schilling, Helmolt, Wetter, Mettenhei⸗ mer, Willbrand sind zu harm⸗ und ruflos, als daß wir unsere Tinte um sie verschreiben möchten. Allein Einzelne aus verschiedenen Facultäten dem Publicum einmal vorzuführen, können wir uns, obgleich wir ungern auf Persönlichkeiten ein⸗ gehen, doch nicht enthalten. Unter den Professoren der evang. Theologie, von denen Credner wegen seines in der vormärzlichen Zeit geführ— ten ehrenvollen Streites gegen Linde; Baur, wegen seines ehrenhaften Privatcharakters; Knobel, weniger wegen seinen wissenschaftlichen Leistungen, als wegen seiner die ganze Aula erfüllenden und bis auf die Straße dringenden Stimme(welche uns schon oft beim Vorübergehen erschreckt hat), einer Erwäh⸗ nung verdienen, ist besonders Prof. Köllner einer ganz be— sonderen Beachtung würdig, nicht wegen seines neulich von an⸗ derer Seite schon erwähnten unzertrennlichen schwarzen Fracks, sondern wegen seines ganzen Auftretens auf dem Lehrstuhle, wie BS K 7 8 ii —— 1 1 1 1 5 570 Tagesneuigkeiten. * Gießen, 23. Juli. Die Constitutionellen nehmen es den Demokraten weidlich übel, daß sie nicht steuern wollen für Schleswig⸗Holstein, und beschuldigen sie der „Parteiverbissenheit“ und„Inconsequenz.“ Auch den Herausgebern des Zuschauers ist dieser Vorwurf ge⸗ macht worden. Was uns betrifft, so können wir diese Vorwürfe ruhig zurückweisen. Wir hielten nie was Rechts auf diesen meerumschlungenen Spektakel. Wollten doch diese Schleswiger schon zur Zeit des deutschen Bundes deutsch werden, zu einer Zeit also, wo es eine Schande und ein Unglück war, zum politischen Deutsch⸗ lande zu gehören. Und was thaten sie später? Sie schickten den Beseler, Waitz und andere jammervolle Menschen in die Nationalversammlung, Menschen, die sich zur Zeit nicht schämten, den Malmber Schand⸗ vertrag gutzuheißen. Und dieser Beseler sitzt noch heute in der holsteinischen Regierung, und die Genossen seiner Armseligkeit sind auch diesmal wieder in großer Anzahl in die holsteinische Landesvertretung gewählt worden. Wie aber kann sich ein Demokrat für eine Sache be⸗ geistern, die von so kläglichen Passagieren geleitet wird und deren nächstes Resultat im glücklichen Fall am Ende sein wird, daß statt des lustigen Matrosenkönigs von Dänemark, der unbedeutende Augustenburg, regierender Herzog von Schleswig⸗Holstein werden wird. Wir waren immer der Meinung, daß man erst das übrige nichtschleswig⸗holtsteinische Deutschland frei und stark machen möge, ehe man sich in einen Krieg mit Dänemark oder gar Rußland einlasse. Gestalten sich die Verhältnisse im Norden so, daß etwas Ersprieß⸗ liches für die deutsche Freiheit von dort zu erwarten steht, dann werden die Demokraten nicht zurückbleiben. Hr. Willisen hat sich den Eintritt von freiwiligen Nichtmilitärs in die schleswig⸗holsteinische Armee ver⸗ beten, offenbar weil er das demokratische Element aus seinem Heere fern halten will; Geld aber ver⸗ schmäht er nicht, eben weil man's dem nicht an⸗ riecht, ob's von Demokraten oder Augustenburgern gesteuert worden ist. Dieser Offenheit des Hrn. Willisen gegenüber, dürfen auch die Demokraten schon offen sein und sagen, daß und warum sie vor der Hand nichts geben. 9 Aus Oberhessen, 23. Juli. Der von unserer Partei zum Abgeordneten für die erste Kammer in Aus⸗ sicht genommene Conrector Steinberger zu Butzbach, ist verhindert, diesmal eine Wahl anzunehmen, weil er sich für verpflichtet hält, den Schulen seiner Vaterstadt gerade jetzt seine ganze Zeit und volle Kraft zu widmen. Nach einer kürzlich getroffenen Einrichtung sind nämlich gegen 400 Schüler in 6 Klassen vertheilt, während nur 4 Lehrer den ganzen Unterricht zu besorgen haben. Auf dem zeitigen ersten Lehrer, dem Conrector, liegt unter diesen Umständen eine besondere Verantworlichkeit und es würde eine nachtheilige Störung entstehen, sollte derselbe auch nur für kurze Zeit seiner amtlichen Thä⸗ tigkeit entzogen werden. Er hat deßhalb an einen be⸗ freundeten Verein eine Erklärung eingesandt, woraus sich die Gründe ergeben, welche ihn zu der Bitte ver⸗ anlassen, statt seiner, einen anderen Candidaten auf⸗ zustellen. So sehr wir es bedauern, daß der erwähnte Mann am nächsten Landtage nicht erscheinen kann, so müssen wir doch auch es anerkennen, daß er bei dem Zweifel, ob er einem an ihn ergehenden Rufe folgen solle, durch seine Berufstreue, durch die Rücksicht auf das Wohl seiner Vaterstadt, sich leiten ließ. ak Offenbach, 23. Juli.[Gehen Sie nach Hause, arbeiten Sie Etwas!] Seit einigen Tagen finden die Durchzüge der badischen Dragoner und Artillerie nach ihren preußischen Bestimmungsorten statt.— Letztere wird von dem sich immer zahlreich versammelnden Publikum mit, Lebehoch“ Rufen begleitet, wozu die Offiziere immer schiefe Gesichter schneiden. Gestern hatte sogar ein Polizist die Frechheit, einem Bürger, der auch sein„Lebehoch“ rief, zuzuschreien: „Gehen Sie nach Haus und arbeiten Sie Etwas“, worauf dieser jedoch gleich diente:„Wenn Sie nicht so faul wären, wären Sie nicht Polizeidiener.“ Heute ist nun das„Gehen Sie nach Haus und arbeiten Sie Etwas“, sprüchwörtlich und die Empfangsdemonstra⸗ tionen wiederholten sich bei Ankunft der Artillerie in „Hurrah's“ und mit Blumenwerfen auf's Lebhafteste. Es ist hier noch zu bemerken, daß obiger Bürger durch die dienstfertige Dazwischenkunft des hier so sehr be⸗ liebten(21) Adjutanten Aßmus auf einige Stunden eingesteckt wurde! f 5 (0 Darmstadt, 22. Juli.[Hallwachs.] Sie wollen etwas von mir über den neuen Ministerpräsi⸗ denten wissen. Was kann ich Ihnen sagen? Redet man von den Blumen, die im Verborgenen blühen? Hallwachs! Wer ist Hallwachs? Noch nie dage⸗ wesen— und doch Ministerpräsident! Wie erklärst du, Oerindur, diesen Zwiespalt der Natur? Obgleich der Name ein gewisses Wach sthum anzudeuten scheint, möchte doch dieser Stern nicht zum Wachsen bestimmt sein. Vielleicht bedeudet der Name auch nur, daß sein Inhaber mit der Klebrigkeit des Wachses am Alten festhängen wird.— Sie lachen über meine Bemühungen, im öffentlichen Leben. Von den Rationalisten für orthodox ge⸗ halten, von den Orthodoxen als unentschieden verstoßen, kann er eigentlich keine Partei finden, die ihn haben möchte, und gerade diesem Umstande müssen wir jenes beständige Umsichbeißen zu⸗ schreiben, das uns oft auf dem Katheder an ihm ergötzt hat, und ihn auch im öffentlichen Leben charakterisirt. Was sollen wir weiter von ihm sagen? Als wissenschaftliche Autorität ohne 5 Namen und Bedeutung sucht er sich als Hauptredner des Vater⸗ ländischen Vereins einen Namen zu erwerben; er zieht auf dem Lande herum und predigt auf allen Gassen als ein zweiter Peter von Amiens das Kreuz gegen die Demokraten, wird aber trotz seinen Wühlereien so wenig in den Landtag gewählt, als nach Erfurt, und bekommt mit jedem Semester weniger Zuhörer, was auch wohl das Motiv einiger Artikel der Darmstädter Zei⸗ tung gegen die Studienfreiheit sein mag, in denen wir die Feder des allerdings unter der Studienfreiheit leidenden Prof. Köllner zu erkennen glauben. Bei Gelegenheit der theologischen Facultät können wir jedoch nicht unerwähnt lassen, daß fich gerade die ihr angehörenden Studenten nicht durch den besten Geist auszeichnen, indem bei ihnen mitunter die übelste An⸗ bringerei zu Hause ist, was jedenfalls die Herren Professoren am leichtesten ausrotten könnten. Unter den juristischen Professoren, von denen sich Löhr, Renaud und Birnbaum durch Kenntnisse und Gelehrsamkeit auszeichnen,(letzterer jedoch nicht sehr rühmlich als Mitglied des erfurter Staatenhauses) verdient besonders Professor Weiß, der Repräsentant der Mittelmäßigkeit auf unserer Universität be⸗ sondere Erwähnung. Dieser Mann würde sehr wohl gethan haben, wenn er sich schon längst um eine andere Stelle im Staate, wie sie sich ja besonders eben an der Eisenbahn darbieten, beworben hätte. Nicht im Stande auch nur die kleinste Be⸗ merkung frei vorzutragen, dietirt er, wozu man doch ebensogut jeden Stiefelputzer brauchen kann, ein ganzes Semester hindurch das ledernste, geistloseste Zeug, weiß sich aber, wie wir hören, durch die Art seines Examinirens so in Furcht zu setzen, daß seine Vorlesungen doch besucht sind, was er wahrscheinlich dem 571. etwas aus dem Namen herauszuschlagen; aber, wo die Person fehlt, da muß man sich an die Namen halten. Doch halt— ich thue dem Manne Unrecht. Sollte man gar Nichts von ihm wissen? Ist er nicht derselbe, der fich Verdienste um das schöngeisternde Publikum in Darmstadt erwarb, bei ästhetischen Thee'n und ver⸗ geisterten Butterbemmen? Derselbe, der im Costüm Theaterstücke vorgelesen und dafür Beifall über seinen Vortrag geerntet hat? Ja, so ist's, so war's zu jener schönen Zeit, wo noch Myrthen und Veilchen blühten, und du Thil Minister war, und Tieck nach Darm⸗ stadt kam. Außerdem wissen wir noch, daß Herr Hall⸗ wachs einen kleinen Sohn besitzt, der auch in Politik und Tagesblättern macht und konstitutionelle Plakate mit unterschreiben darf. Seine kindlichen Gedanken werden ohne Zweifel jetzt Einfluß gewinnen. Das ist man bei uns schon gewohnt.„Jaup und Sohn“, Detailhandlung in politischen Kinderspielsachen— das Geschäft ist fallirt, die Firma ist jetzt:„Hallwachs und Sohn“, und wird mehr nach dem Kindlichen hinstreben, ohne wie Schiller, einen tiefen Sinn hineinlegen zu wollen. Wahrhaft komisch ist es anzusehen, wie die Darmst. Zeitung sich bemüht, diese Aenderung in den höchsten Regionen, als keine Aenderung erscheinen zu lassen.„Wohlunterrichtet“ war sie diesesmal gewiß nicht. Und Herr Hallwachs, meint sie, wird Hessen's Abfall von der Union vor den Ständen vertreten. Als ob sich noch Jemand von Verstand um solches Zeug kümmerte! Vertreten! Freilich daran fehlt's uns nicht. Doch, es fällt mir noch etwas aus dem Leben meines Mannes bei: Herr Hallwachs ist 60 Jahre alt, war Ministerialrath unter du Thil und ist jetzt Vorsitzender des vereinigten Ministeriums. Die Ober⸗ postamtszeitung wünscht, daß ihn die Presse mehr be⸗ rücksichtigen möge. Wir haben ihn, soweit möglich, von vorn betrachtet; die Zeit wird nicht fehlen, wo wir ihn auf dem Rücken sehen werden! Genug davon. Wenn Ihnen mein Geschreibsel recht ist, so will ich Ihnen nächstens einen läutenden Artikel über gewisse Leute senden.(Soll uns sehr erwünscht sein. D. Red.) + Aus der Residenz, 22. Juli. Komische Geschich⸗ ten passiren hier fast alle Tage, die, wenn auch un⸗ wichtig, doch Stoff zum Lachen geben. Kaum ist der Ministerwechsel vollbracht und der gute Bürger be⸗ ruhigt, so müssen ihn wieder andere Dinge in revo⸗ lutionäre Unruhe bringen. Vor einigen Tagen ereignete sich folgende Tragikomödie: Ein kleiner Lieblingshund eines Bourgeois hatte sich die ungeziemende Frechheit genommen, ohne gehörigen Rechtsgrund widerrechtlich in das nahegelegene Nachbarhaus einzudringen, welches Interesse der Studenten an seinen geistreichen Vorträgen zu⸗ schreibt. Ueber die Art und Weise wie er zur Professur gelangt, erzählt man sich eine merkwürdige Geschichte. Er soll nämlich, als er als Privatdocent gelegentlich des großen Kartoffelkrieges im Jahre 1830 auf einem Wachtposten stand, indem man auch hier das Rebellenheer erwartete, einen Hammel geschossen haben, den er von weitem für einen feindlichen Kundschafter, oder etwas Aehnliches hielt, und der ihm natürlich auf sein Werdarufen so wenig Antwort geben konnte, als Herr Weiß die Fragen beantworten würde, die ihm in einem gründlichen Examen in vielen Fächern der Jurisprudenz vorgelegt werden würden. Genannte Heldenthat soll ihm die Professorenstelle ver⸗ schafft haben. die Ehre hat, von Herrn Staatsanwalt Dr. Siebert bewohnt zu werden. Derselbe fühlte sich— ob in amtlicher Eigenschaft oder nicht, ist uns unbekannt— durch diese Oecupation seiner Terrainverhältnisse ver⸗ letzt. Herr Siebert ist bekanntlich von der Natur mit einem sehr cholerischen Charakter beschenkt worden,„der Hauptmann der war ein gar zorniger Mann!“ Er griff also nach dem Organ seiner Hundspeitsche, er⸗ klärte den fremden Eindringling in Belagerungszustand, und octroyirte ihm sodann eine körperliche Züchtigung, welche bleibende Verletzungen zur Folge hatte. Wer würde an der ganzen Geschichte etwas gefunden haben? Nun kommt aber der Eigenthümer des Hundes und fühlt sich gekränkt. Selbsthülfe verschmähend und eine Klage verachtend, tritt er mit Löwenmuth und Gebrauch machend von den Errungenschaften an die Presse, in's Bureau des Anzeigeblatts und denuncirt Herrn Siebert vor der gebildeten und politisch selbstbewußten Residenz⸗ welt, der Thierquälerei, da er einem friedlichen Hünd⸗ chen ohne Anlaß ein Auge aus dem Kopf geknutet habe. Der Hund muß jetzt ein Glasauge tragen. Ist das nicht zum Todtlachen? Und der gute Bürger wird unzufrieden!— Seit einigen Tagen haben wir Durchmärsche ba⸗ discher Truppen. Sie werden von den Residenzlern mit verdienter Verachtung betrachtet, die hessischen„Mi⸗ litärsoldaten“ dürfen ihnen keinen Blick schenken. Die brave Artillerie, die ganz nach preußischem Schnitt uniformirt ist, scheint sehr traurig, weniger die ebenfalls in Pickelhauben und Waffenröcke gesteckten Dragoner, die sich bekanntlich im vorigen Sommer ziemlich zwei⸗ deutig benahmen. Unter den Officieren der letzteren bemerkte man einen, der sich nicht scheute, das Zeug⸗ niß, gegen sein Vaterland gekämpft zu haben, in Ge⸗ stalt eines„Ehrenzeichens“ auf der Brust zu tragen! Kassel, 20. Juli.[Was in Kurhessen die con⸗ stitutionelle Monarchie bereits gekostet. Nach einem Leitartikel der„Hornisse“ haben die Kurhessen für ihre constitutionelle Monarchie von der ersten Finanz⸗ periode 1831 bis zum 1. Januar 1850 bezahlt Sechszig Millionen Reichsthaler oder genauer 60,151,000 Thlr., hierbei sind die Pa⸗ piergelder und Anleihen von 1849 und 1850 und ein Deficit von 600,000 Thlr. nicht einbegriffen. Die Steuerlast vermehrte sich seit dieser Zeit fortwährend. Im Jahr 1831 betrugen die Steuern 2,901,621 Thlr., 1834 aber schon 3,176,480 Thlr. und im Jahr 1849 5 5 sogar 5,527,330 Thlr. Nimmt man an, daß in Kurhessen während dieser 19 Jahre 140,000 Familien zu den Staatslasten bei⸗ getragen haben, so fallen auf die Familie 400 Thlr. oder 700 fl. Rechnet man den durschnittlichen täg⸗ lichen Arbeitslohn auf 10 Silbergroschen, die Durch⸗ schnittseinnahme der Familie also auf 120 Thlr., so muß⸗ ten jene 140,000 Familien den Arbeitslohn von vier ganzen Jahren opfern, um diese vortreffliche Staats⸗ maschine 19 Jahre(das Jahr zu 300 Arbeitstagen gerechnet) lang im Gang zu halten. Für den Hof wurden seit 1831 an 7 Millionen Thlr. vom Lande bezahlt. Derselbe verausgabte aber während dieser Zeit nahe an 16 Millionen, die ihm die Revenüen des fürstlichen Hausschatzes„das Blutgeld un⸗ serer Väter“ noch außer der Civilliste einbrachten; für das Heer wurden ausgegeben 14¼ Mill. Thlr.— Was die absolute Monarchie vor 1830 gekostet, weiß man nicht; soviel nur weiß man, daß der fürst⸗ 4 1 7 . 572 liche Schatz Anno 1830 über 20 Millionen Thaler ent⸗ hielt, Das abgerechnet, was in der Geschwindigkeit daraus entfernt wurde, und daß sämmtliche unzählige Maitressen und Bastarde der Landgrafen und Kurfürsten mit Millionen bereichert worden sind.— Nachrichten aus Schleswig⸗Holstein. Schleswig, 21. Juni. Nachdem Willisen den Dänen ihre vortheilhaften Stellungen um des lieben Friedens willen hat einnehmen lassen, erläßt er jetzt eine Proklamation an die Soldaten, worin es heißt, „der Tag der Entscheidung sei da. Auf die vom König von Dänemark verlangte Unterwerfung und gebotenen Versprechungen sei nun nicht mehr ein⸗ zugehen, er werde jedenfalls bei ihnen ausharren.“ Eiin komischer Heiliger, dieser Willisen, der wirk⸗ lich ausharren, also nicht ausreißen will. Während andere Feldherrn zuerst die guten Stellungen für sich nehmen, und dann dem Feind den Frieden dictiren, hat Herr Willisen um des„Friedens willen“ den Feind die guten Stellungen beziehen lassen und nachher um Frieden gebeten. Nun, wenn die Schleswig⸗Holsteiner geschlagen werden, so mögen sie sich damit trösten, daß sie um des„lieben Friedens willen“ geschlagen worden sind.— Der Parlamenteur, von dem neulich die Rede war, ist nicht von den Dä⸗ nen, sondern von Willisen abgeschickt worden. Die Dänen sind von Flensburg aus vorgerückt, man erwartet ihr Hauptquartier am 21. in Grossolt, zwei Stunden südlich von Flensburg.— Am 19. Abends war nach der„Nordd. fr. Presse“ in Schleswig die Nachricht von einem Gefechte bei Ständerupholz ange⸗ langt, wahrscheinlich war dies jedoch nur ein Geptänkel der recognoscirenden Vorposten. Von der russischen Grenze. Die an der polnisch⸗ preußischen Grenze aufgestellten russischen Truppen haben plötzlich Befehl erhalten, nach dem nördlichen Rußland aufzubrechen.— Diese Nachricht wird durch Depeschen der französischen Gesandtschaft in Petersburg bestätigt. Nach denselben soll sogar das Heer bedeutend(80,000 Mann) verringert, und alle Truppen, bis auf 10,000 Mann, aus den Donaufürstenthümern gezogen werden. Ein Hauptgrund dieser friedlichen Maßregeln sei die Finanznoth, da die Staatsschuld sich in den letzten 3 Jahren um 500 Millionen vermehrt habe. Volksversammlung. Die auf Sonntag den 21. Juli nach Utpha ausgeschriebene Volksversammlung konnte nicht abge⸗ halten werden, weil die Anzeige davon nicht 24 Stun⸗ den vorher, wie dies das Gesetz vorschreibt, bei der betreffenden Regierungscommission gemacht worden war. Es wurde daher heute an Ort und Stelle beschlossen, die für heute beabsichtigte Volksversammlung Sonntag den 28 Jul d J. abzuhalten, was hiermit zur Kenntniß der Wähler gebracht wird. Utpha, 21. Juli. Die Veranstalter der Volksversammlung. Anzeigen. Antwerpen und New-⸗YPork. Regelmäßige Poftschifffahrt zwischen Gesuch. Ein Abgeordneter, der in der hessischen Ständekammer, im Parlament und in Erfurt seine Brauchbarkeit hinläng⸗ lich bewiesen hat, sucht auch bei den nächsten Abfahrt von Antwerpen am 1. und 15. jeden Monats. Die Schiffe dieser Linie, wie Luconia, Capt. Hamilton; Edwina, Capt. Parmelee; Cotton Planter, Capt. Pratt; Roscoe, Capt. Thompson u. s. w., sind alle als vorzügliche amerikanische, gekupferte Dreimaster erster Classe bekannt, und werden von erfahrenen menschenfreundlichen Capitainen geführt. Denjenigen Auswanderern, welche in der nächsten Zeit ihre Reise antreten wol⸗ len, diene zur Anzeige, daß die Enbleme, Capitain Cammett, am 15. Juli und Seath Sprague,„ Wadsworth,„ 1. August expedirt werden, und daß sie zur Sicherung ihrer Plätze sich frühzeitig an die Unter⸗ zeichneten und deren Agenten wenden müssen.“) 8 Außer obigen Schiffen expediren wir auch schöne amerikanische Dreimaster nach New⸗ Orleans. Nähere Auskunft über Preise und Bedingungen ertheilen: Dr. G. Strecker A. J. Klein Joseph Stök in Mainz. in Bingen. in Creuznach. Strecker, Alein& Stöchk in Antwerpen. In Frankfurt a. M. bei Herren W. Eckert& Comp. und Ch. Fr. Strauch Sohn. In Oberhessen: Vilbel bei Hrn. Gemeindeeinnehmer Jacob. Grünberg bei Hrn. Gemeindeeinnehmer Butzbach bei Hrn. M. Kuhl. Schäfer. Ehringshausen bei Hrn. Postexpeditor Wüst. Laubach bei Hru. Louis Walther. en bei Hrn. Wm. Fertsch. Lauterbach bei Hru. B. Bernhard List. Gießen bei Hrn. G. Schmidtborn. *) Unser Schiff Cotton Planter ist in 22 Tagen, die Edwina in 27 Tagen nach New-Pork gesegelt 1 Wahlen Vertreter des Volks zu werden. Er verspricht es allen Parteien, so viel als es möglich ist, recht zu machen, und allen Verhältnissen Rechnung zu tragen. Mit unglaublicher Unverdrossen⸗ heit wird er trotz eintreffenden Miß⸗ trauensvoten seinen Posten so lange keine Gefahr vorhanden, besetzt halten, und mit unerhörter Anspruchslosigkeit auf die Gunst seiner Wähler keine Rücksicht nehmen. Er besitzt eine staunenswerthe Zungengeläu⸗ figkeit, ohne daß es ihm dabei jedoch ernst ist, das Gesagte jemals auf sich selbst an⸗ zuwenden. So declamirt er unter Anderem mit großem Pathos die Uhland'schen Strophen: Jetzt wahret Männer, eure Würde, Seht auf zum männlichen Entscheid! Damit ihr nicht dem Land zur Bürde, Dem Ausland zum Gelächter seid. Es ist gesprochen fort und fort, Es ist geschrieben und gehandelt,— So sprecht denn euer letztes Wort. Und kann es nicht sein Ziel erstreben, So tretet in das Volk zurück: Daß ihr vom Rechte nichts vergeben, Sei euch ein lohnend stolzes Glück: Verharret ruhig und bedenket: Der 1 Morgen steigt herauf, Ein Gott ist's, der die Sonne lenket. Und unaufhaltsam ist ihr Lauf. Verantw. Herausgeber: A. Becker und F. O. Schenck.— Verleger: C. Sartorius. Druck von M. Merck in Gießen.