A X n rk 18 ür on zi⸗ Hessische Volkszeitung. N 15. Freitag, 16. Juni 1818. T ã g Li erscheint dieses Blatt und kostet hier vierteljährig 1 Gulden, monatlich 20 kr. die einzelne Nummer 2 kr. Auch wird die Samstagsnummer als besonderes Abonnement für 15 kr. vierteljährig abgegeben. Einrückungsgebühr für Anzeigen ist 2 kr. die Zeile. Bestellungen darauf nehmen alle löbl. Postämter und Zeitungserpeditionen an. Republik und Republik. Wir hatten vorgestern eine republikanische Kundge⸗ bung in Gießen. So wird es auch an andern Or⸗ ten gewesen sein. Man wird aber sagen: Das war ja nur eine Kinderei; Späßchen mit Fähnchen, mit Kokarden und Bändchen. Ja wohl! aber so fängt man die Sache an. Erst die Knaben voran; sie führen das Ding als Kinderei auf, dann sammeln sich Erwachsene und nehmen scherzweise Antheil. Am andern Tage spielt die Sache wieder, und mehr un⸗ ter Erwachsenen. Man gewöhnt sich über Nacht daran, es ernsthaft zu nehmen; ehe man sich um⸗ sieht, ist es auch Ernst. So werden wir auch hier zu ernsthaften Ausrufen der Republik kommen, wenn auch nicht in den ersten Tagen, doch aber später. Denn für diesesmal ist der Schuß noch durchs Zünd⸗ loch gebrannt, oder mit andern Worten: die Volks⸗ versammlung zu Hochheim vom ersten Pfingsttag ist bei zahmen Anträgen geblieben, man hat ihr nicht vorzulegen gewagt, was nach allen Voranzeichen vorgelegt werden sollte. Wenn es nun aber zur Republik kommen sollte, so ist eine große Frage, und eine Frage, welche die Mehrzahl gar nicht zu sehen scheint, die Frage: Was für eine Art von Republik? 1) Es giebt eine Republik, die ist bloß republi⸗ kanische Staatsform, mit dem Kern des bisheri⸗ gen Staatswesen— 2) Dann giebt es eine Re⸗ publik, welche Grundverbesserung unseres gesellschaft⸗ lichen Zustandes an die Hand nehmen will, soweit, wie es die Zeit zur Nothwendigkeit macht; Das kann auch das Fürstenthum thun; jedenfalls muß es ge⸗ schehen, haben wir nun Fürstenthum oder Republik). — 3) Dann giebt es eine Republik, die will(wie man es ausdrückt) krassen Communismus, d. h. Theilen und Plündern.— Republik und Republik ist also ein Unterschied, fast wie Tag und Nacht, je nachdem man Eins oder das Andere hiervon im Auge hat. Wie wird's denn nun hergehen, wenn Alle, die zu verlieren haben, die Hände in den Schooß legen, und Die gewähren lassen, die sich mit der Sache gerade befassen wollen. Ich denke nicht gar gut. Der liebe Gott hilft Dem nicht, der die Hände selbst nicht bewegt. Lernt das begreifen! Volksthümliches Fürstenthum würde uns am Er⸗ sten dasjenige Vertrauen zurückführen, das noth thut, damit Handel und Gewerbe nicht noch tiefer sinken. Kann es nicht sein, müssen wir Republik haben, ehe wir recht staatsmündig geworden sind; so sollen wir doch jedenfalls die Republik dritter Sorte fern von uns halten. Ich sage Euch aber, Mitbürger, ich habe hier in Gießen schon einzelne Stimmen gehört, die nach dieser Republik schrieen. Darum rathe ich: Bürger, die Ihr es wohl meinet mit Euch selbst und mit Anderen, mögt Ihr für Fürst oder für Repu⸗ blik gestimmt sein, tretet in offener Versammlung zu⸗ sammen, und sprechet: Ordnung und Sicher⸗ heit wollen wir Alle; wir wollen keine Republik der Gesetzlosigkeit, der Knechtung durch we⸗ nige Schreier, des Theilens und Plünderns. Wir wollen unsere Staatsform durch freie Abstim⸗ mung festsetzen und dabei bleiben so lange es uns gut dünkt! Jeden Anfang einer Knechtung durch Schreier, ei⸗ ner Schreckensherrschaft, wollen wir im Keime er⸗ sticken. Und darnach thut auch; so könnt Ihr Euch sicher vor Unheil bewahren. Tragen wir bei weitern Kundgebungen besorgli⸗ cher Art durch Städte und Dörfer die deutsche Fahne mit der Inschrift:„Ordnung, Sicherheit, keine Herrschaft des Schreckens, kein Thei⸗ len und Plündern!“ Dieser Fahne wird eine Mehrheit folgen, vor der die Freunde des Schreckens in den Winden zerstieben. F. F. Der Pendel der Weltuhr geht seinen ruhigen Gang seit Jahrtausenden. Aber die Menschen sind nicht die Weltuhr. Jahrhunderte ruhen sie in Stumpf⸗ heit; dann, wenn die Zeit kommt, geht es im Sturm⸗ schritt. Was gestern noch recht war, ist heut schon veraltet. Bürger! Das Volk ist sein Selbstherr! Es reibt sich die Augen und vergißt wie einen Traum, was es gestern noch glaubte. Fragt jetzt nicht mehr aus⸗ schließlich: Was ist gesetzlich? Fragt, was ge⸗ recht ist und nützlich. Das bloß⸗Rechte tritt man mit Füßen, wenn die Gewalt, die es schützte, dahin ist. Das an⸗sich⸗Gerechte allein läßt sich hal⸗ ten, selbst im Sturm läßt sich's halten, wenn man offen und ehrenhaft dafür auftritt, ehe trunkene Zü⸗ gellosigkeit die rohe Masse erfaßt hat. Ihr Monarchisten der frühern Schule(des geschicht⸗ lichen Bodens), und Ihr Republikaner, von früher und von jüngsther, die Ihr das Vernunftmuster an⸗ strebt, bedenkt Dieß auf gleiche Weise. Geschicht⸗ liches Recht, das im ewigen Recht keinen Grund hat, ist mit einer neuen Geschichte entwurzelt. Ver⸗ nunftmuster in Boden gesetzt, den Unsinn gebaut hat, der gährt und kocht, kann nicht Wurzel fassen. In solchen Boden pflanzt, was darin gedeihlich kann wachsen. F. F. Staatsdiener. Staatsdiener heißt es stets, wenn man gegen Ver⸗ nunft, die aus dem Mund eines Beamten kommt, keine Gründe hat. Und der Advokatenstand, der überall die meisten Kämpfer für die Volksrechte ge⸗ liefert hat, findet es nöthig, zu zeigen, der Advokat sei kein Staatsdiener! Das ist der falsche Weg, sol— chen Vorwurf, solche Verdächtigung zu bekämpfen. Trete man hin und sage: Ja, wir sind Staatsdie⸗ ner, aber wir sind auch Bürger. Frage man: ob wir Ehrenmänner sind; seien wir dann Staatsdiener oder keine. Wer hat vor 1848 gekämpft? Bürger auch, aber in der Mehrzahl waren es Staatsdiener, Advokaten und Solche, die im Sinne gehabt hatten, Eins oder das Andere zu werden,(nehmlich Litera⸗ ten). Frage man die Verdächtiger: Warum ist man⸗ cher Staatsdiener zaghaft? Ist er es nicht bloß da⸗ rum, weil er als der„Studirte“ das Wort führen sollte, und fürchten mußte, daß, während er spraͤche, sich die Bürger neben und hinter ihm verziehen wür⸗ den, wie Nebel vor Ostwind.„Wir haben's nicht verstanden; er hat uns verführt!“ hieß es dann noch.— Ich sage Euch, Bürger: Wären die Staats⸗ diener sicher gewesen, daß das Hinterglied Stand ge⸗ halten haben würde, da wäre Mancher voran; selbst die Meisten, die auf der Hofseite waren, wären auf Bürgerseite gewesen, denn Nummero Sicher wäre dann gerade hier und nicht dort gewesen F. F. Die deutsche Reichstags zeitung, welche be⸗ kanntlich von Männern der äußersten Linken heraus⸗ gegeben wird, hält in ihrer neusten Nummer nicht den Boden des unbedingten Republikanismus für Deutschland. Diese Erscheinung, in Zusammen⸗ haltung mit dem Ausdruck der Volksversammlungen zu Hochheim und zu Neustadt a. d. H., beweist, daß man selbst auf der äußersten Linken dem Prakti⸗ schen Gehör zu schenken gedrungen und geneigt ist. Wir geben hier jenen Aufsatz, welcher mit aller Bestimmtheit den Ausspruch unseres deut⸗ 58 schen Verfassungsrathes geachtet wissen will. Er lautet wie folgt: Was wir wollen. Wir erstreben: 1) als ersten und letzten Zweck: Wohlstand, Bil⸗ dung und Freiheit für Alle im Staate; 2) erkennen als einziges Mittel hierzu an: die unumschränkte verfassungsmäßige Geltung und Herr⸗ schaft des Willens des ganzen Volkes als höchsten und einzigen Gesetzes, sowohl in jedem einzelnen deutschen Staate für diesen als in ganz Deutschland für dieses; auch in Bezug auf die Wahl der Regie⸗ rungsform. Diese entscheidet der Wille eines jeden einzelnen Volkes in jedem einzelnen deutschen Staate für diesen und in verfassungsmäßiger Form eben so selbstständig, als der Wille des gesammten deutschen Volkes in ganz Deutschland für dieses; 3) wollen wir für den neu zu gründenden deut⸗ schen Bundesstaat mit dem Volke nicht nur dem Wesen, sondern auch der Form nach die Volksherr⸗ schaft; daher eine mit vollständiger Freiheit und All⸗ gemeinheit der Stimmberechtigung und Wählbarkeit von und aus dem Volke gewählte Nationalversamm⸗ lung als gesetzgebende Gewalt; als ausübende und vollziehende aber ein aus dieser Reichsversammlung hervorgehendes verantwortliches Bundesstaatsministe⸗ rium mit einem verantwortlichen Präsidenten; keine neue, zumal erbliche Kaiserschaft(Kaiser⸗, König⸗ oder Fürstenherrschaft), keinen neuen Hofstaat und keine neue Civilliste; 4) die endgültige Bestimmung und Vollziehung der Verfassung Deutschlands überlassen wir einzig und allein der constituirenden Nationalversammlung, als dem einzigen Organe des deutschen Volkes zur Grün⸗ dung der Einheit und Freiheit desselben; 5) diese Einheit muß mindestens das Maaß⸗, Münz⸗, Gewicht⸗, Post⸗, Eisenbahn⸗, Heer- oder Militair⸗, Kriegs⸗ und Gesandtenwesen; ferner die Grund- und Freiheitsrechte deutschen Staatsbürger⸗ thums, die Freiheit des innern Verkehrs und Han— dels im ganzen Deutschland von allen Zöllen, Stra⸗ ßen⸗, Fluß⸗ und Schifffahrtsabgaben; die Freiheit des Grundes und Bodens von allen auf ihm lasten⸗ den Abgaben(Zehnten, Lehngeld u. s. w.), sowie die Freiheit des nothwendigen Erwerbs und Lebens⸗ unterhalts von aller und jeder directen und indirec⸗ ten Besteuerung, und endlich eine äußere nationale Handelspolitik umfassen. 6) Neben möglichster Beschleunigung des Verfas⸗ sungswerks, der Gründung und Befestigung der neuen Ordnung und der Wiedererweckung des Vertrauens und Muthes im Handel und Wandel wünschen wir auch direkte und unmittelbare Beförderung des Han⸗ dels, der Gewerbe und der Volksarbeit durch die constituirende N.⸗V., als höchste Macht in Deutsch⸗ land, deren Hülfe und Einschreiten überall, wo Noth ist und es Noth thut, als in ihrer unumschränkten Machtvollkommenheit nicht nur gerechtfertigt, sondern auch gefordert, und diese nicht lediglich auf die Gründung der Verfassung Deutschlands beschränkt. Dieß sind unsere Grundsätze, Zwecke und Mittel; so verstehen wir den Auftrag des deutschen Volks; so wirken wir für dasselbe, mit demselben, durch dasselbe. Tagesneuigkeiten. Paris, 11. Juni. Bei den letzten Ersatzwahlen in Paris hat sich ein großer politischer Indifferen⸗ tismus durch die geringe Anzahl der Stimmenden kund gegeben. Nur die ultra-radicale und die com— munistische Partei scheint bei diesen Wahlen rührig gewesen zu sein, sonst könnte man sich's nicht erklä⸗ ren, Männer, wie Leroux, Proudhon und La⸗ grange, gewählt zu sehen.— Pierre Leroux, ein noch in der Blüthe seiner Jahre stehender Mann, war früher Anhänger der Lehre des Saint-Simon. Als dies System seinem kritischen und mehr nach dem Abstracten strebenden Geiste nicht mehr genügte, verfolgte er besonders die philosophische Richtung der socialen Wissenschaft. Menschheit ist bei ihm Gleichheit.— Den letzten Schritt zum offenbaren Communismus thut Proudhon. Er stellte, angeregt durch eine Preisfrage der Academie von Besançon, in einer Abhandlung den Satz auf: das Eigenthum ist Diebstahl.— Lagrange, ein muthiger und fana— tischer Republikaner, war seit dem Jahr 1830 bei allen Aufständen der radicalen Partei aufs stärkste betheiligt. Er ist der wahre Held der Barrikaden, das Haupt aller Blousen. Bei der letzten Februar— revolution soll er es gewesen seyn, der durch einen Schuß auf den commandirenden Offizier der Muni⸗ cipalgarde vor dem Hotel des Ex-Minister Guizot die republikanisch-socialistische Schilderhebung provoeirte. (Vom 11.) Verhaftung von 800 Tumul⸗ tuanten. Die Zusammenrottungen nahmen ge⸗ stern Abend in den Umgegenden der Porte St. Mar⸗ tin und der Porte St. Denis einen bedenklichen Cha— rakter. Die Patrouillen der Linie, der mobilen Garde, der Nationalgarde und der Dragoner machten lange vergebliche Anstrengungen, die Massen zu zerstreuen, die immer vor ihnen zurückwichen und sich auf an⸗ deren Punkten sammelten. Endlich wurde Befehl ge— geben, die Aufwiegler und die Neugierigen, die sich nicht zerstreuen würden, zu verhaften. Es wurden nun mehrere Chargen ausgeführt, um die Zusam— menrottungen auseinander zu treiben. Bis um 1 Uhr Nachts waren 800 Tumultuanten verhaftet. Sie wurden unter starker Bedeckung nach der Poli⸗ 59 zeipräfectur gebracht, wo sie die Nacht über in den Höfen bivouakiren mußten. Bei den Chargen büßte, wie man hört, Niemand das Leben ein; doch kamen mehrere Verwundungen vor.— Die napoleonische Partei fängt an rührig zu sein.— In einer Ver⸗ sammlung von 400 Mitgliedern der N.-V. wurde viel gesprochen von den in den letzten Tagen statt⸗ gehabten Wahlen, die auf eine Aenderung in der öffentlichen Meinung deuteten, und von Prätenden⸗ ten(Louis Napoleon), deren Einfluß zunehme, wie der des Vollziehungsausschusses schwinde. Der Voll⸗ ziehungsausschuß will daher die Vertrauensfrage so⸗ fort vor die N.⸗V. bringen.— Es wird mit ge⸗ waltigen Anstrengungen für Louis Napoleon gewirkt, um ihn zum Präsidenten der Republik zu machen. Achern. v. Idstein hat die Wahl in dem deut⸗ schen Verfassungsrath abgelehnt. Stuttgart. Pfingstmontags Abends. Alles ist in fieberischer Spannung. Es soll losgehen,— was, weiß man nicht. Gestern ließ ein Regiment Heckern hochleben, und jagte den Obersten aus der Caserne. Darmstadt. Der Turnlehrer für Gymnasium und Gewerbschule bezieht 2000 fl. Gehalt. v. Ga⸗ gern, von dem dieß ausgeht, wird darum heftig getadelt.— Ein Erlaß des Ministeriums des In⸗ nern an die Kriegsdienstpflichtigen des Großherzog— thums Hessen stützt sich darauf, daß vor Erlassung einer neuen Wehrverfassung für ganz Deutschland die alte nicht außer Kraft gesetzt werden könne. Offenbach. In Darmstadt soll sofortige Ent⸗ lassung der Kriegsreserve und Wehrhaftmachung des ganzen Volkes beschlossen worden sein. Prag. Vom Slaven-Congreß läßt sich nicht viel Bemerkenswerthes sagen. Dieser theatralische Pomp, mit sogenannten nationalen Costüms, die, aus der alten Rumpelkammer herbeigeschleppt, selbst in den Ländern ihres Ursprungs jetzt fremdartige Erscheinungen sind— diese Prahlereien mit öffent⸗ lichen Gottesdiensten, Aufzügen, Fahrten und Bäl⸗ len— mögen dem hiesigen Pöbel, und insbesondere unserem deutschen Pöbel mit Glacé-Handschuhen, ein Gegenstand des Interesses sein.— Die Mit⸗ glieder der Slavenversammlung sehnen sich nach Hause. Es sollen alljährliche Slavenversammlun⸗ gen gehalten werden. Die fortlaufenden Geschäfte soll ein Ausschuß leiten. In einer offenen Erklä⸗ rung soll Leben und Geist des zu kräftigem Leben wiedererwachten Slaventhums allen Völkern kund⸗ gethan werden. Die Grundzüge desselben sollen sein freiestes Volksthum. Posen, 6. Juni. Unter den blutigen Thaten, welche Posen zu einem schrecklichen Schlachtfelde ge— macht haben, wird uns auch folgende furchtbare Scene berichtet. Unser Berichterstattet, ein Offizier, war vor einigen Tagen bei dem Ausgraben von 8 Leichen, etwa 1½ Stunde von Posen, nach Sluczewo, commandirt. Sämmtliche Leichen lagen in voller Uniform mit auf der Brust zusammengebundenen Hän⸗ den, mit dem Gesichte der Erde zugekehrt, in einem Grabe. Da die Aerzte keine äußere Veranlassung des Todes finden konnten, so müssen dieselben le⸗ bendig beerdigt sein.— Es soll dies die That der Krauthofer'schen Vehme gewesen sein. Es ist eine That von furchtbarer Gräßlichkeit, und den⸗ noch— sie ist ein Spiegelbild unserer Zustände. Berlin, 9. Juni. Die früheren Minister Eich⸗ horn, Thile und Graf Stolberg sind jetzt in Pots⸗ dam und häufig bei der k. Tafel. Graf Stolberg wurde in der Begleitung des Prinzen von Preußen gesehen, als derselbe in Potsdam ankam. Die HH. Erminister sollen sich keineswegs der Zurückgezogen⸗ heit und einem Privatleben hingeben. (Vom 11.) Gestern wurden in allen Clubs und auf allen Straßen wiederum neue Ministerlisten vertheilt. Die an uns gelangte ist eine wunderliche Composttion: Kirchmann, Ministerprästdent; Milde, Finanzminister; Pinde, Minister des Junern; Dahl⸗ mann, Minister des Aeußern; Laue, Justizminister; v. Pfuel, Kriegsminister; Lobeck, Cultus- und Un⸗ terrichts⸗Minister; v. Unruh, Minister der Arbeiter. Der große Handwerkerverein(in der Jo⸗ hannisstraße), der in den Bewegungen der letzten Wochen von der Tüchtigkeit und Nothwendigkeit sei⸗ nes Strebens mannichfache Proben gegeben, hat auf den 18. Juni einen Congreß aller verwandten Ver⸗ eine Deutschlands ausgeschrieben. Viele mit Man⸗ daten versehene Deputationen sind bereits angemel⸗ det. Zweck der Zusammenkunft ist Centralisation der gemeinsamen Bestrebungen, Verbrüderung der gleich⸗ artigen Vereine ce. Von Mitgliedern der constitui⸗ renden Versammlung in Frankfurt ist der Berliner Handwerkerverein veranlaßt worden, seine auf Er⸗ reichung dieser Zwecke zielenden Anträge auf dem Wege der Petition an die Versammlung gelangen zu lassen. Die Ruhegehalte der Beamten sollen stark beschnit⸗ ten werden.— Unentgeltliche Ertheilung des Un⸗ terrichts in allen Lehranstalten würde den Staat 6 Millionen Thaler kosten. Breslau. Eine Anzahl Katholiken erklärt sich in einer Zuschrift an die preuß. N,⸗V. gegen meh⸗ rere Punkte des Verfassungsentwurfs. Sie betref⸗ fen sämmtlich Kirchliches. Namentlich will man keine Trennung der Schule von der Kirche; daneben un⸗ bedingte Lern- und Lehrfreiheit, und das Recht, in beliebige religiöse Verbindungen zusammenzutreten. Innsbruck. Man hält die Mittel unserer Trup⸗ pen in Italien für unzureichend zu angriffsweisen Un⸗ 60 ternehmungen. Die Eroberung von Friaul und des venetianischen Gebiets ist die höchste Leistung, die bei gegenwärtigem Kräftemißverhältniß zu erwar⸗ ten ist. Wien. Eine am 7. d. von Prag angelangte Abordnung stellt die Kluft zwischen Deutschthum und Czechenthum nicht als unübersteiglich dar. Wesel, 10. Juni. Seit einigen Tagen findet man Morgens Placate, die zur Errichtung der Re⸗ publik und zum Fürstenmord auffordern, jedoch mehr belacht als gefürchtet werden. Frankfurt, 14. Juni. Die N.⸗V. hat soeben mit großer Mehrheit beschlossen: daß die Bundes— versammlung zu veranlassen sei, zur Gründung des Anfangs einer Kriegsmarine die Summe von 6 Mill. Thlr., für deren Verwendung die zu bildende provisorische Centralgewalt der N.-V. verantwort⸗ lich sein muß, auf verfassungsmäßigem Wege ver⸗ fügbar zu machen, und zwar 3 Mill. sofort, die übrigen 3 Mill. nach Maßgabe des Bedürfnisses. Vilbel. In der Nacht vom 12. auf den 13. kam es hier zu blutigen Händeln zwischen den ver— schiedenen Ortscorporationen. Die Bürgerwehr schritt kräftig ein, und verhaftete die Haupträdels führer. Oberitalien. Die Stimmung ist entschieden für den Anschluß an Piemont, nicht für eine Republik. Brüssel. Die bevorstehenden Wahlen werden bedeutsam sein, und der Kammer eine veränderte Gestalt geben. Weder die Radikalen noch die Re⸗ trograden werden Einfluß behalten. Nußland. General v. Saß, der so tapfer ge⸗ gen die Tscherkessen gefochten hat, seither aber außer Dienstthätigkeit war, ist dem Oberbefehlshaber der Armee in Warschau(Paskewitsch) beigegeben worden. Um Mißverständnissen zu begegnen, halte ich mich zu folgender Erklärung verpflichtet: Als ich gestern zufällig auf der Straße mit dem Aufzug, den ich für eine Abtheilung der Bürger— garde ansah, zusammentraf, schloß ich mich einer Aufforderung zufolge, an, zum Theil in der Hoff— nung, auf die Gemüther, die mir etwas aufgeregt schienen, nöthigenfalls günstig einwirken zu können. Meinen bereits bewährten politischen Grundsätzen bleibe ich treu für Freiheit und Reform gegen Anar⸗ chie und Reaction und verwahre mich gegen alle Mißdeutungen. Gießen am 14ten Juni 1848. Dr. H. Köhler. Auf den Wunsch des Herrn Dr. Lanz erkläre ich, daß er zu den Herausgebern der Volkszeitung nicht gehört. Dr. F. Fischer. Verantwortlicher Redacteur: Dr. F. Fischer. Druck und Verlag von G. D. Brühl J, in Gießen.