3 8 5 Der Festkommers. Der große Festkommers sollte den Abschluß und in ge⸗ wissem Sinne den Gipfel der ganzen Jubelfeier bilden. Fand sich doch nur auf ihm die ganze Ludoviciana, vom er⸗ habenen Rector magnificentissimus bis zum jüngsten Fuchs in einhelliger Festlust zusammen. Für die etwa 5000 Teil⸗ nehmer reichten die Tische und Bänke der riesigen Festhalle sehr wohl aus, dagegen fanden die Damen, für die 450 Karten ausgegeben waren, offenbar nicht auf der Tribüne Platz, denn schon bald nach Beginn des Kommerses sah man sie in großer Sahl mitten unter den Herren lustwandeln.— Der Platz reichte für die gewaltige Dersammlung aus, aber nicht die Stimmen der Redner, nur sehr wenigen, am besten wohl dem ersten studentischen Redner auf Kaiser und Groß⸗ herzog, gelang es, sich durch die ganze Festhalle hin ver⸗ nehmlich zu machen,— und je weniger die entfernter Sitzen⸗ den die Sprecher verstehen konnten, um so mehr wuchs die allgemeine Unruhe. So ist mancher kluge Gedanke, manches fein geprägte Wort nieht zu der verdienten Wir⸗ Rung gekommen und deshalb halten wir es für unsere Pflicht, die Reden so vollständig als der verfügbare Raum es gestattet wiederzugeben. Der Kommers wurde von Seiner Magnifizenz mit der jubelnd aufgenommenen Mitteilung eröffnet, daß Seine Königliche Hoheit geruhe, das Ehrenpräsidium zu über⸗ nehmen. Dann erscholl als erstes Lied der preisgekrönte Festgesang von Herrn Professor König, das wir zusammen mit den beiden anderen gekrönten Liedern am Schluß dieses Berichts abdrucken. Bald folgte die Rede auf Kaiser und Großherzog von Herrn stud. phil. Schmidt(Normannige) mit beneidenswerter Stimmkraft vorgetragen: Königliche Hoheit, Kommilitonen! Wenn wir am heutigen Abend zusammengekommen sind, um die dritte Jahrhundertfeier unserer Universität nach althergebrachter, echt deutsch studentischer Sitte durch einen fröhlichen Kommers zu begehen, so wollen wir dabei auch des Mannes nicht vergessen, dem das mühevolle Amt obliegt, unser gesamtes deutsches Vaterland nach außen und nach innen zu vertreten, unseres deutschen Naisers. Kaiser Wilhelm II. verkörpert die höchsten Hoffnungen, die Cieblingswünsche Deutschlands. Er ist der Träger und Förderer jener im edelsten Sinne des Wortes volksfreund⸗ lichen Politik, welche ihrem Schöpfer den herrlichen Namen eines Vaters des Daterlandes eintrug. kin dieser Politik festzuhalten, sie in gleichem Geiste weiterzuführen und zu krönen, hat sich Kaiser Wilhelm II. zur vornehmsten Auf⸗ gabe seines Herrscherwaltens gesetzt. Ganz Deutschland und mit ihm vor allem die deutsche studierende Jugend, sie blicken, das Herz von freudigem Stolze geschwellt, auf einen Herrscher, der da lebt des festen Willens, ein Fürst des Friedens nach außen zu sein, und der mit nicht minder gewaltiger hand im Innern den Frieden zu schirmen weiß, indem er Gott gibt, was des Gottes ist, dafür aber auch verlangt, daß dem Kaiser gegeben werde, was des Kaisers ist. Geben wir deshalb als echte deutsche Stu⸗ denten, was des Naisers ist: Unsere unbedingte deutsche Treue. g Und was der Uaiser für das Reich ist, das ist der Großherzog für unser engeres Vaterland. Die Treue und Liebe zum angestammten Fürstenhause ist, wie die Geschichte bezeugt, ein unveräußerliches herrliches Erbe unseres Stammes, und so ist der heutige Tag ein Fest der ganzen hessischen Studentenschaft, die ihre ehr⸗ erbietigste Huldigung dem allerhöchsten Herrn entgegenbringt, der im innigsten Mitempfinden und in fürsorgender Ciebe den Hesttag mitbegeht. In langjähriger, reichgesegneter Regierung hat es unser geliebter Candesfürst Ernst Ludwig verstanden, unser Vaterland auf den Bahnen maßvollen Nunstfortschritts zu leiten, Kunst und Wissenschaft, handel und Verkehr zu heben und zu fördern, und unter seinem Szepter hat sich eine Fülle von Segnungen auf Land und Volk ergossen, das in der Reihe der deutschen Bundesstaaten eine hochgeachtete Stel⸗ lung einnimmt. Es bedarf nicht vieler Worte, es ist doch allbekannt, wie unser allgeliebter Landesherr am Wohl und Wehe der Bewohner des Landes, mit denen er mit den innigsten Fasern verwachsen ist, persönlich den regsten Anteil nimmt, wie er insbesondere im Geiste seiner hoch⸗ herzigen, unvergeßlichen Mutter, der lebensverschönernden Kunst, einer der edelsten Blüten des menschlichen Geistes, eine bleibende Stätte in seinem Lande bereitet, und nach wie vor mit regem Geiste für sie wirkt— ein Wirken, das in der Geschichte der modernen Kunst und des Kunstgewerbes rühmlichst verzeichnet ist. Möge unser vielgeliebter Landesherr in diesem Sinne weiterhin in recht gedeihlicher Weise zum Segen unseres engeren und weiteren Daterlandes ein Förderer sein van Kunst und Wissenschaft, möge sich aber auch unsere hessische Studentenschaft stets bewußt bleiben der innigen Bande, die sie mit unserem lieben Landesherrn als Rector magni- kicentissimus zur Verwirklichung dieser Ziele verbindet. So machen wir uns denn zum schlichten Dolmetsch der Gefühle, die die hessische Studentenschaft heute beseelt, indem wir ausrufen: Sott segne, schütze und erhalte Seine Königliche Hoheit den Großherzog und seine Schutzbefohlene, die alma mater Ludoviciana. Und zum Ausdruck dieser Gefühle fordere ich meine Kommilitonen auf, mit mir einzustimmen in den Ruf: Seine Majestät der deutsche Kaiser Wilhelm II. und Seine König⸗ liche Hoheit der Großherzog Ernst Ludwig, sie leben hoch, hoch, hoch! An den brausenden Gesang der Derse„Heil Dir im Siegerkranz“ und„Heil unserm Fürsten Heil“ schloß sofort die Verlesung der Kaiserlichen Depesche durch den Rektor. Der höchst ehrenvolle, stürmisch bejubelte Gruß Seiner Majestät hat folgenden Wortlaut: Seiner Magnifizenz dem Rektor der Großherzoglich hessischen Ludwigsuniversität, herrn Geh. Hofrat Professor Behaghel. Telegramm aus Swinemünde,„Hohenzollern“, 151 W 1907, den 2. 8. um 8 Uhr 37 Min. v. Der Großherzoglich hessischen Ludwigs⸗Universität entbiete Ich zu der heutigen, in Gegenwart ihres erlauchten Rector magnificentissimus stattfindenden Jubelfeier ihres dreihundertjährigen Bestehens Reinen haiserlichen Gruß und Glückwunsch. Seit ihrer Gründung durch Land⸗ graf Ludwig V. den Getreuen, hat die mit hervor⸗ ragenden männern der Wissenschaft reich begnadete Ludoviciana allzeit bereitwillig ihre Pforten den Angehörigen auch der übrigen Bruderstämme geöffnet und in fruchtbringendem Wirken dem deutschen Daterlande ausgezeichnete Diener des Staates, der Kirche und der Wissenschaft zugeführt. Su ganz besonderer Freude gereichen Mir die guten Be⸗ ziehungen, welche zwischen der Universität und Meinem Regiment, dem tapferen hundertundsechzehner bestehen. Möge die altehrwürdige Hochschule auch in kommenden Jahrhunderten als eine segensreiche Stätte treuer deutscher Geistesarbeit blühen und gedeihen. Wilhelm, I. R. In Beantwortung des Allerhöchsten Telegramms hat der Rektor der Candesuniversität folgendes Telegramm an Seine Majestät den Kaiser abgesandt: Ew. Majestät wollen gnädigst genehmigen, daß ich namens der Ludoviciana in tiefster Ehrfurcht Dank sage für die gnädigen Beweise Kllerhöchster Huld, die Ew. Majestät der hessischen Landesuniversität bei ihrer dritten Jahrhundertfeier haben zuteil werden lassen. Der Rektor: Behaghel. Im Anschluß an die Verlesung der Naiserlichen Depesche hielt der Vertreter Sr. Majestät, Excellenz v. Eichhorn, General der Infanterie und Kommandeur des 18. Urmee⸗ kor ps, die folgende schwung⸗ und gedankenreiche Unsprache: Königliche Hoheit! Durchlauchtigste Festversammlung! Das ehrwürdige Alter der Ludoviciana ist es, das uns an diesem Tage festlich vereint hat, und doch dünkt es mich, meine Herren, ist es nicht ein Fest des kilters, das wir feiern, sondern ein Fest der Jugend, denn immer wieder verjüngt sich ja die Universität, in deren Tore in jedem Semester von neuem wissensdurstige Jünglinge einziehen. So steht die Uni⸗ versität in ewiger Jugend da; in alter Weisheit neue Er⸗ kenntnis gebend. So ist der heutige Tag recht ein Fest der Jugend deutschen Studententums. Neue Aufgaben warten Ihrer. Denn das ist Ihr Beruf, in Zukunft einst auf fast allen Gebieten das Führeramt des deutschen Volkes zu über⸗ nehmen. Dieser hohen Kufgabe entsprechen besondere Ver⸗ pflichtungen. Ein heiliges Feuer muß die Jugend durch⸗ glühen, in dem sie die geistigen Waffen schmiedet und das ihre Herzen erfüllt. Denn jede Generation muß sich von neuem das Rüstzeug für das Leben schaffen. Nur das be⸗ sitzt man, was man sich erringt und was man sich erarbeitet hat. Hier in diesem akademischen Kreise darf ich an das bekannte Wort des römischen Dichters erinnern: Fortes creantur fortibus et bonis, Est in juvencis, est in equis patrum Virtus, nec imbellem feroces Progenerant aquilae columbam: Doctrina sed vim promovet insitam Rectique cultus pectora roborant. 2 Hier, meine jungen Herren, ist das gesagt, was uns not tut: zu gemeinsamen Leben und Wirken, zu gemein⸗ samer Freude und Arbeit müssen sich die deutschen Männer erziehen. Drei Leitsterne müssen Sie auf Ihrem Lebens⸗ wege geleiten. Wahrheit, die die Wissenschaft sucht und die Sie in Ihrer ganzen Persönlichkeit ergreifen soll. Wahr⸗ heit in der Erkenntnis und Wahrheit im Handeln. Die Ehre, die den Ehrenschild blank hält und alles unlautere von sich weist, die Ehre, die in Ihrem eigenen Bewußtsein gegründet ist und nicht nach äußerem Schein verlangt, Ihrem Leben Zweck und Inhalt gibt. Endlich die Liebe zum Vaterlande, von dem der alte griechische Dichter sagt: „Des Menschen Liebstes ist ja wohl sein Vaterland, und keine Zunge spricht es aus, wie lieb es ist.“ Wir Kllten treten bald von der Bühne ab und Sie treten in die rena. Ihnen ge⸗ hört die Zukunft. Die Zukunft, in der Sie zu wirken berufen sind, wird keine leichte sein. Vielleicht schwerer als die Seit, die die jetzige Generation durchlebt hat; denn es gilt, unsere Stellung in der Welt zu behaupten und die inneren Gegen⸗ sätze zu überwinden, welche unsere Volkseinheit erschüttern und am letzten Ende zum Umsturz und zum Chaos führen müssen. Diese Aufgaben sind eng miteinander verknüpft. Die letztere ist schwerer als die erste. Es ist leichter, gegen äußere Gewalt zu kämpfen, als gegen Unverstand und Cüg e. Vor allem, meine jungen Herren, wahren Sie Ihren Idealismus gut, der zu höheren Dingen befähigt als der nüchterne Verstand. Aber nicht einen Idealismus, der sich schönen Träumereien hingibt und in Rührseligkeit verfällt: sondern einen Idealismus, der sich hohe Ziele steckt, einen gesunden Idealismus, der in dem Wahlspruch gerade der studentischen Jugend dieser Universität zum Ausdruck kommt: „armis et litteris ad utrumque parati“. Drum auch den Kampf nicht gescheut, von dem das Horazianische Wort spricht: 81 fractus illabatur orbis, Impavidum ferient ruinae. Wir Alten sehen getrosten Mutes in die Sukunft, die in Ihren Händen liegt. Mit sieghaftem Optimismus mögen auch Sie dereinst in das Leben hinaustreten, damit des Dichters Wort in Erfüllung gehe: 5 „Und es mag am deutschen Wesen Einmal noch die Welt genesen.“ In diesem Wunsche, in dieser Hoffnung ergreife ich den Becher und rufe:„Die studentische Jugend aller Hochschulen, die hier vertreten sind und die der Cudoviciana insbesondere, sie leben hoch!“ Die nächste Rede galt den akademischen Cehrern. Herr stud. jur. Abt(Darmskadtiae) sprach wie folgt: Ew. Königliche Hoheit! Rector Magnificentissime! Hochverehrte Professoren! Hochansehnliche Festversammlung! Wenn ich mich des mir zuteil gewordenen ehrenvollen Auftrags entledige und unseren hochverehrten Professoren den Dank der Gießener Studentenschaft darbringe, so ge⸗ ziemt es sich wohl, zuerst in tiefster Ehrfurcht unseres Aller⸗ durchlauchtigsten Rectors magnificentissimus zu gedenken. Steht er doch als hochsinniger Förderer von Kunst und Wissen⸗ schaft dem idealen Streben unserer Landesuniversität als leuchtendes Vorbild stets vor Augen. Denn ihm verdankt unsere alma mater die Grundlage alles gedeihlichen und erfolgreichen Wirkens: die absolute Lehrfreiheit.— Zum dritten Male bereits als Rector magnificus steht an der Spitze des Lehrkörpers unser allverehrter Herr Geheimer Hofrat Behaghel. Seiner selbstlosen, aufopfernden Cätig⸗ keit ist in erster Linie der der Bedeutung dieses Festes würdige Verlauf zu danken. In unermüdlicher Fürsorge haben andere Professoren hierbei Se. Magnifizenz unter⸗ stützt, wofür auch ihnen hier der Dank der Gießener Stu⸗ dentenschaft dargebracht sei. der Tag, an dem wir das 4 Gedächtnis der Gründung unserer Ludoviciana erneuern, a 3 2 lenkt unseren Blick zurück in die Vergangenheit. Von kn⸗ beginn an haben an unserer Hochschule akademische Lehrer gewirkt, Leuchten ihrer Wissenschaft, die wahre Führer wur⸗ den der Jugend, die zu ihren Füßen saß. Dieselbe Be⸗ geisterung, die sie erfüllte, pflanzten sie in die Herzen ihrer Schüler, und so wurde die alma mater Ludoviciana die geistige Führerin des ganzen Landes, der ewig in gleicher Klarheit sprudelnde Quell der Kultur des Hessenvolkes. Und wie ehemals ist es noch heute. Als ernste Forscher im Dienste der hehren Wissenschaft und lauteren Wahrheit, als Lehrer der akademischen Jugend, wecken sie in unseren Herzen die Begeisterung für die Ideale des Wahren, Guten und Schönen. Als unsere Dorbilder erziehen sie uns zu charakterfesten Männern, die die auf der Universität gewonnene Bildung des Geistes und des Herzens auch im praktischen Ceben zu Taten befähigen wird. Diese geistigen Güter, die wir hier dankerfüllten Herzens von unseren Lehrern empfangen, wol⸗ len wir wuchern lassen, daß sie reichlich Früchte tragen im Dienste des Vaterlandes und unseres Volkes. Unser künf⸗ tiger Beruf, sei es im Dienste des Staates, sei es anderwärts, erfordert unsere ganze Hingabe, um teilzunehmen an der Arbeit für das soziale Wohl und um die überkommenen Güter unserer Kultur zu bewahren und zu mehren. Dieses hohe Siel haben uns unsere Professoren gesteckt. Ihre Hoffnung nicht zu täuschen und ihrer Lehre Ehre zu machen, ist unser aller Vorsatz. Den Gefühlen aber, die uns in dieser festlichen Stunde beseelen, den Gefühlen der Danhbarkeit gegen unsere akademischen Lehrer und dem festen Willen, unablässig unseren Idealen entgegenzustreben, geben wir Ausdruck, indem wir rufen: Die Lehrer der alma mater Ludoviciana, an ihrer Spitze unser Allerdurchlauchtigster Rector magnificentissi- mus leben hoch! hoch! hoch! Nun dankte Seine Magnifizenz der Rektor mit folgen⸗ dem Trinkspruch auf die akademische Jugend: Kommilitonen! Im Namen Eurer Lehrer sage ich Euch den herzlichsten Dank für den schönen begeisterungsvollen Gruß, den Ihr durch den Mund Eures Sprechers uns dargebracht habt. Unter den vielen liebenswürdigen Klängen, die in diesen Tagen an unser Ohr gedrungen sind, hat Euer Gruß für uns etwas besonders Beglückendes und Bedeutungsvolles. Ein deutscher Professor hat einmal bitter geklagt über sein unglückseliges Doppelleben, daß er zugleich Forscher und Lehrer sein müsse. Der das sprach, er war ein armer Mann; der Lehrer ohne den Forscher, er ist kaum besser als der Besitzer eines Warenhauses, der wahllos da und dort zusammen kauft, bald Gutes, bald Schlechtes seinen Kunden in die Hände gibt. Der Forscher, der nicht Lehrer ist, ihm entgeht der köstlichste Cohn für seine Arbeit, ihm fehlt der Raßstab, der wirksamste Stachel. Wenn Ihr leuchtenden Augs zu uns aufblickt, wenn Ihr abgespannt nach den Zeigern schaut, die endlos langsam weiter rücken, das ist eine Kritik hundertmal wahrer und unbestechlicher als die Weisheit der Zeitung und des Literaturblatts. Wer forschend sich einspinnt in seiner Klause, er braucht nur zu sagen, was er sagen mag. In der engsten Beschränkung mag er sein Glück finden. Ihr aber fordert, daß wir an allem teilnehmen; Ihr zwingt uns, daß wir unablässig weiter schreiten; nur dann ja können wir Euch helfen, neue Fragen zu stellen, neue Fragen zu lösen, wenn wir un⸗ aufhörlich selber die Fragen auf uns eindringen lassen. So danken wir's Euch, wenn wir nicht rasten und rosten, wenn wir jung bleiben bis zum letzten Atemzug. So dankt es Euch die Universität, wenn sie durch drei Jahrhunderte hindurch jung geblieben ist bis auf den heutigen Tag. Was wir zum Dank Euch wiedergeben, die Klarheit, die Reife des Alters, Ihr sollt es nicht eintauschen anstatt der Jugend; Ihr sollt jung bleiben, Ihr sollt tatenlustig hinein⸗ stürmen in das Leben, voll Begeisterung den Kampf Kämpfen, den wir selber einst gekämpft haben, und den 27 wiedergeben: niemand Euch abnehmen kann. Nur die Waffen können wir schärfen für Euch, Euch üben in ihrer Führung, und lächelnd ertragen wir's, wenn Ihr, durch uns befreit, die Waffen gegen uns selber kehrt, wenn Ihr hinwegschreitet über unser Können mit Eurem besseren Können. Das ist Euer Recht, das ist Eure Pflicht. In diesem Sinne wollen wir, geschmückt mit dem Palmenzweig des heutigen Festes, Arm in rm in das neue Jahrhundert hineintreten, so Gott will, einer schönen, großen Zukunft entgegen. Ich bitte die ganze Korona, mit mir einzustimmen in den Ruf: unsere Gießener akademische Jugend, sie lebe hoch, hoch, hoch! i Bald darauf erschienen die Chargierten aller studentischen Korporationen in einem langen, stolzen Zuge an der Ehren⸗ tafel, um einzeln mit dem hohen Ehrenpräsiden anzustoßen. Seine Königliche Hoheit wurde nicht müde anzustoßen und wieder anzustoßen, bis der letzte Vertreter vorbeigezogen war. Die kleine Szene bot ein besonders hübsches Bild und wird gewiß jedem Teilnehmer in der Erinnerung bleiben. Die Reihe der Reden wurde fortgesetzt durch Herrn Oberbürgermeister Urecum, der die ehemaligen Lehrer und Schüler der Ludoviciana mit folgenden Worten begrüßte Königliche Hoheit! Meine Herren! Sie haben vorhin den schönen Vers gesungen:„Der Philister ist uns gewogen meist“. Da werden Sie mir, der ich heute abend hier die Philister offiziell vertrete, ge⸗ statten, daß ich das auch meinerseits bestätige. Ja, der Phi⸗ lister ist Ihnen gewogen; die nunmehr dreihundertjährige Ehe zwischen Universität und Stadt ist glücklich gewesen; und mag es auch hier und da einmal ein kleines häusliches Schmollen gegeben haben, es hat uns die Freude nicht trüben können! Wir wissen und haben stets gewußt, was uns die Ludoviciana bedeutet. Deshalb betrachten wir jeden, der ihr, sei es als Lehrer, sei es als Schüler angehört hat, als den Unseren, auch wenn das Leben ihn weitab von uns geführt hat; und wenn irgend etwas unsere Festesfreude erhöhen kann, so ist es die Tatsache, daß so viele aus weiter Ferne und nach langen Jahren den Weg hierher wieder gefunden und mit ihrer Hochschule auch unserer Stadt ihre Anhänglichkeit bewiesen haben. Mancher von Ihnen mag in diesen Tagen mit Wehmut gesehen haben, daß das alte Gießen nicht mehr ist, dessen Bild er im Herzen trug; er mag beklagen, daß damit ein Stück Poesie dahingeschwunden ist, und mit Trauer im Herzen mag er gedacht haben: o quae mutatio rerum! f Wer aber unbefangen um sich blickt, wird sich nicht verhehlen, daß der Wandel, der sich hier vollzog, auch nötig war. Wohl sind die Spuren der Mauserung noch nicht ganz verwischt, und das Bild, das Sie jetzt von Gießen mitnehmen, ist nüchterner als das von den goldenen Fäden der Erinnerung umsponnene Bild Ihrer Jugend. Wir hoffen aber, Ihr Urteil wird sein, daß, wie die Ludoviciana sich zu ungeahnter Blüte entwickelt hat, es auch in unserer Stadt vorwärts gegangen ist. Heute aber bitte ich Sie, mit mir in die Vergangenheit zurückzublichen. Mein Glas gilt den ehemaligen Lehrern und Schülern der Ludoviciana, die heute unter uns weilen. Sie leben hoch! Dem deutschen Daterlande galt dann die begeisterte Rede des herrn stud. phil. Kracke(Arminiae), die wir ihrer beträchtlichen Länge wegen mit einigen Kürzungen Hohe Festversammlung! Manche Rede, manch prangendes Wort ist aus Anlaß unseres großen Festes erklungen aus bedeutenderer Redner Mund, als ich es zu sein vermag. Um ein Geringes nur will ich! der Worte und Reden Sahl vermehren. Sie lesen im Programm: Vaterlandsrede. Vaterland! ein Wort so oft gebraucht, am meisten wohl in der Seit, wo keines vorhanden war. Konnte nicht einst Moritz Arndt fragen: „Was ist des Deutschen Vaterland?“ Wenn er auch wußte, was er damit bezeichnen wollte — sein Cied bringt es zum Ausdruck—, so waren andere, die das Wort anders verstanden, die es nur auf eine eng be⸗ schränkte Heimat anzuwenden gelernt hatten. Etwas über ein Menschenalter erst ist es her, daß für den Deutschen über das, was er unter Vaterland zu verstehen hat, kein Zweifel mehr sein kann: 1870—71, da fand das deutsche Volk seinen Staat.—. heute kann man wohl vom deutschen Volk und deutsche Staat reden, es gab eine Seit, wo man das nicht konnte, nicht einmal erhoffen wollte; so meinte Goethe:„Sur Nation Euch zu bilden, Ihr hofft es, Deutsche, vergebens.“ Kein deutsches Volk, nur deutsche Völker. Wie es dem Einzelnen oft schwer fällt, sich als Glied eines Ganzen zu fühlen, Sonderinteressen den allgemeinen unterzuordnen, so muß das einer Mehrheit, einem Dolks⸗ stamm, noch viel schwerer fallen. Daher haben wir im Verlauf der deutschen Geschichte dies ständige Hin⸗ und Herwogen deutscher Stammesinteressen, daher die sprich⸗ wörtliche deutsche Sersplitterung. Bald braust, mächtig, wie verheerende Sturmflut deutsche Nation gegen alles Entgegen⸗ stehende, unwiderstehlich in ihrem einheitlichen Drang, bald wieder, wie im aufgewühlten Binnensee Woge gegen Woge anstürmt in rasendem Vernichtungskampf, kämpfen deutsche Stämme gegeneinander. Ein Bewußtsein von Susammengehörigkeit war von jeher vorhanden bei den deutschen Stämmen, mehr als bloß der RKassenstolz, eine Art Nationalgefühl, wie wir heute sagen. So tritt es uns entgegen im Kampf der Germanen gegen Rom; Armins, des Fürsten der Cherusker Licht⸗ gestalt, wurde Befreier Deutschlands vom römischen Joch. Kaum war die Gefahr überwunden, war die Flut des Römertums vom deutschen Grenzwall zurückgeebbt, da begann wieder die Eifersucht der Stämme untereinander, der Völker im Volk. Dem Kufschwung hatte die nachhaltige Kraft gefehlt, nur die negative Seite des Nationalgefühls, der Widerwille gegen das Fremde, war hervorgetreten. Die Stürme der Seiten, die wir Völkerwanderung nennen, führen durch Europa; wir begegnen keiner so ge⸗ waltigen Außerung eines deutschen Nationalgefühls, wie der ersten, nur von außen her wird den Stämmen eine Ver⸗ einigung aufgezwungen, ein mächtiger Herrscher wie Karl der Große kann sie in gemeinsame Bahnen bringen, kann versuchen, aus den Völkern ein Volk zu machen. Doch für seinen Herrscherthron fand sich kein Nachfolger. N Aus der Sertrümmerung seines internationalen Reiches ging dann eine Vereinigung der deutschsprechenden Stämme hervor. Aber in allmählicher Entwicklung treten die Stammes⸗ und Sonderinteressen hier wieder in den Vorder⸗ grund, und diese Richtung wird nun, wenn auch manchmal aufgehalten, ununterbrochen weiter verfolgt und führt zu vollständiger Auflösung des Reiches. Kein deutsches Reich war das gewesen, man nannte es das hl. röm. Reich deutscher Nation. Doch diese Nation hatte ihre Eigenart, ihr National⸗ gefühl nicht verloren. War Armin der Befreier von römischer Herrschaft in staatlichem Sinne, so begann mit Luther die geistige Befreiung Deutschlands, denn abermals drohte römische Knechtschaft. Der Kampf, der schon Jahrhunderte lang vorbereitet war, kam da zum Ausbruch. Kein erfreuliches Bild vom deutschnationalen Stand⸗ punkt aus bieten dann die folgenden Jahrhunderte der Geschichte. Der Deutsche hatte kein Vaterland, nur der Preuße, der Bayer, der Hesse hatte seines. Wieder mußte erst eine fremde Gewalt Einheitlichkeit in die Interessen⸗ richtungen bringen. Die Kriege der Revolution, die Befreiungskriege einten die deutschen Völker, sie machten dem Nationalgefühl Luft und gaben ihm Nahrung. Eine natio⸗ nale Begeisterung wurde entfacht, die nicht mehr zu ersticken war, wenn auch dunastische und reaktionäre Verständnis⸗ losigkeit sie zu unterdrücken suchte. Die Geschichte der alten Burschenschaft erzählt genug davon. Auf solchem Untergrunde konnte dann Bismarcks Werk gelingen, konnte ein deutsches Reich aufgebaut werden in gereinigter nationaler Form. Ob auch nicht alles erreicht ist, was hier zu wünschen wäre, so ist das deutsche Volk ihm doch Dank genug schuldig für das, was er getan. Kommilitonen, unsere Sache ist es, dafür zu sorgen, daß, was erreicht, nicht verloren gehe, daß nie der Ruhm des deutschen Namens möge verdunkelt werden. Suchen wir den Bau, der begonnen ist, zu vollenden, daß spätere Geschlechter uns in gleichem Maße Dank schulden, wie wir denen, die uns vorhergegangen. Laßt uns gedenken der oft zitierten Worte unseres Schiller:„Ans Vaterland, ans teure, schließ' dich an, hier sind die starken Wurzeln deiner Kraft“, und sorgen wir, daß auch außerhalb der B deutschen Landes die deutsche Nationalität gewahrt bleibe! Ich komme zum Schluß. Kommilitonen, welche Gegen⸗ sätze auch unter uns herrschen mögen, seien wir Studenten, oder stehen wir im bürgerlichen Leben, darin wollen wir keine Gegensätze kennen: wenn es gilt, für Nation und Vaterland einzutreten! Die Gäste feierte Herr stud. phil. Bär(Phil.⸗Hist. Ver.) wie folgt: i Königliche Hoheit! Hohe, ansehnliche Festversammlung! Wir sehen zu unserer Freude an dem so zahlreichen Erscheinen der hochverehrten Gäste unserer alma mater Ludoviciana, daß unsere Jubelfeier auch außerhalb der Mauern Gießens und außerhalb des Bannkreises unserer Universität das tiefste Interesse erregt hat und als freudiges Ereignis der gesamten akademischen Welt empfunden wird. Seien Sie versichert, hochverehrte Festteilnehmer, unsere Cudoviciana hat sie zu Gast geladen, unsere Ludoviciana wird auch zu bieten suchen, was Sie zu finden hofften. Zu höchstem Danke für ihr freundliches Erscheinen verpflichtet sind wir zunächst am heutigen Tage denen, die kein Opfer scheuten, die hohen Siele und Bestrebungen un⸗ serer alma mater Ludoviciana in die Wirklichkeit umzu⸗ setzen. Es sind dies zunächst die hochverehrten Herren Ver⸗ treter der Staatsregierung unseres engeren Vaterlandes. Allenthalben nimmt man den Ernst und die Liebe wahr, womit man an maßgebender Stelle das erfreuliche Empor⸗ 19 6 unserer Landesuniversität zu stützen und zu fördern ucht. 5 Durch ihre Anwesenheit haben uns außerdem hoch⸗ erfreut die herren Vertreter der beiden Kammern, die jeder⸗ zeit einen offenen Blick und ein warmes Herz gezeigt haben für die geistige Hochburg des Hessenlandes. Möge es nun nicht etwa als eine„captatio benevolentiaea Ihnen gegenüber ausgelegt werden, meine hochverehrten Herren Bertreter des Finanzausschusses, doch dürfte zweifellos kein Balsam lindernder wirken als das segensreiche Walten des Finanzausschusses. Seien Sie uns daher, meine ver⸗ ehrtesten herren, wie sonst, so auch gerade heute am Jubel⸗ tage der Universität aus vollem Herzen willkommen. Aber wie die Staatsregierung im großen Stile sorgt für das stete Blühen und Gedeihen unserer Ludoviciana, so stehen auch die geschätzten Herren Stadtverordneten der Stadt Gießen mit ihrem Oberbürgermeister nicht an letzter Stelle, wenn es gilt, der ihnen schutzbefohlenen Universität ein Opfer, und sei es das größte, zu bringen. Das glück⸗ verheißende Verhältnis zwischen Stadt und Universität muß es uns äußerst angenehm machen, die Herren des Stadt⸗ verordnetenvorstandes zu Gaste zu haben. Herner danken wir den herren Vertretern des hiesigen Regiments, dem die studierende Jugend Gießens so manchen Soldaten stellt, daß sie der Einladung zu unserem Universitäts⸗ Jubiläum in freundlicher Weise Folge geleistet haben. 1 N 5 b 8—— .— 1 —— Außerdem haben zu unserer höchsten Ehre und Freude unsere akademischen Schwesteranstalten, die mit uns Schul⸗ ter an Schulter die gleichen Ziele verfolgen, die Universi⸗ täten, Hochschulen und Akademien deutscher Zunge zu un⸗ serem Jubelfeste ihre Vertreter entsandt. Im Namen der studierenden Jugend Gießens heiße ich Sie aufs Herzlichste willkommen. 5 Muß es uns nun nicht mit Wehmut und zugleich mit stolzer Freude erfüllen, wenn wir heute als Spiegelbild mit⸗ unter längst vergangener Tage eine stattliche Fahl ehemaliger Herren Dozenten in alter Anhänglichkeit an ihre alma mater Ludoviciana unter uns weilen sehen. Don der Maas, von der Memel, von der Etsch und von dem Belt sind sie herbei⸗ geeilt, um mit uns die n e unserer alma mater feierlichst zu begehen. Wir danken Ihnen für Ihre un⸗ wandelbare Treue zur alten Musenstadt und rufen Ihnen aus vollem Herzen den Willkommengruß entgegen. Aber auch die hochverehrten alten Herren unsere Cudo⸗ viciana; wenn ich Sie so nennen darf, Sie, ohne die wir uns eine studentische Feier im großen Stile nur schwer denken Können, Sie sind es, die das Gesamtbild des heutigen Tages vervollständigen helfen und Ihnen gilt unser Willkommen⸗ gruß nicht weniger herzlich. Mögen Sie sich heute noch⸗ mals jung fühlen, mögen Sie sich zurückversetzen in die Tage der Jugendfreude und Jugendlust und mögen Sie die Stunden der Jubelfeier unserer alma mater nicht zu den verlorenen zählen. Möge nun der heutige Festabend schöne Stunden der Erinnerung in allen Festteilnehmern wachrufen, mögen Sie Alle einige Stunden echt studentischen Frohsinns verleben und möge Ihnen der heutige Abend unvergessen bleiben. Ich fordere daher die sehr verehrten Herren Dozenten der Ludoviciana sowie meine Kommilitonen auf, mit mir auf unsere hochverehrten Gäste einen urkräftigen, donnern⸗ den Salamander zu reiben. Den Dank der Gäste brachte Herr Wirkl. Geh. Ober⸗ regierungsrat Harnack zum KHlusdruck. Sein Auftreten wurde von Beifallsstürmen begleitet, und noch einmal gelang es auf Minuten die wogende Unruhe zu stillen. Er sagte: Meine Herren Kommilitonen! . mein Herz ist voll Dank erfüllt und ich weiß, daß alle Gäste, die Sie soeben freundlich haben leben lassen, dieselbe Empfindung mit mir teilen. Diese Gäste sind erstens solche, die noch niemals hier gewesen sind. Sie werden zurück⸗ kommen mit dem Bewußtsein, ein Stück unvergänglichen deutschen Lebens gesehen zu haben in dem Spiegel eines herrlichen Landes, so wie es unser Deutschland ist. Jeder Teil seine Eigenart, und doch das Ganze unser Daterland. Aber zweitens sind solche Gäste da, die hierher zurück⸗ gekommen. Sie sind zurückgekommen in ihr altes Paradies, in das Paradies, in welchem ihnen die Flügel gewachsen sind und das sie nie vergessen werden. Meine Herren, dieses Gießen, welches heute wieder bewiesen hat, daß es in freiem Streben hinter keiner Hochschule zurücksteht, dieses liebe Gießen ist heute für uns verkörpert in Seiner Magnifizenz, der da als dreihundertjähriger Rektor nach seinen Taten verdient hätte, Rector perpetuus zu bleiben. Meine Herren, ich fasse den Dank der Gäste in das Wort zusammen: Gießen und Seine Magnifizenz, unser verehrter Rektor, sie leben Hoch! Herr Geh. Mirchenrat Krüger brachte sodann in warmen Worten Exzellenz v. Eichhorn den Dank der Festversamm⸗ lung dar: Es ist mir in dieser vorgerückten Stunde nicht mehr möglich, gebührende Worte des Dankes zu sprechen, für das, was Se. Majestät der Naiser der Universität Gießen an Huldbeweisen getan hat. Aber die Seit ist noch nicht so vorgerückt, daß wir nicht unsern ehrerbietigen Dank aus⸗ aussprechen können, dem unter uns weilenden Abgesandten Sr. Majestät. Se. Exzellenz der Kommandierende General 29 des 18. Armeekorps, Herr v. Eichhorn, hat vorhin durch seine gütigen Worte gezeigt, daß er in seiner Person während unseres Festes so oft zitierten Wahlspruch verkörpert. Er hat eine staunenswerte Kenntnis des Horatius gezeigt und eine Sicherheit im Verszitieren, die in diesem Rugenblick ge⸗ wiß keiner unter uns ihm nachmachen kann. Wir wissen aber, daß das bei Sr. Exzellenz sozusagen nur eine schöne Beigabe ist: denn Se. Exzellenz gehört zu denjenigen Füh⸗ rern der deutschen Armee, von denen diese Armee und wir alle jetzt und in Zukunft bei jeder Gefahr alles Große erwarten. Meine Herren, ich fordere Sie alle auf, erheben Sie Ihre Gläser und rufen Sie: Se. Exzellenz der kommandierende General des 18. Armeekorps, Herr von Eich⸗ horn, lebe hoch! Den Beschluß der offiziellen Reden bildete der Trink⸗ spruch des Herrn stud. math. Nuß(Tlassorhenaniae), der den Damen geweiht war: Hönigliche Hoheit! Sehr verehrte Damen! i Hochansehnliche Festversammlung! Deutsch ist unser Herz und deutsch unser Sinn. Und wo immer deutsche Studenten sich bei Frohsinn und Becherklang zusammenfinden, halten sie es für ein Gebot der echten deutschen Rittersitte, den deutschen Frauen ein frohes Minnelied zu singen. So war es immer deutscher Brauch in unseren Landen gewesen! i Wenn Sie darum, hohe Festkorona, nach den vielen glänzenden Reden, die Sie aus beredtem Munde vernommen, meinen Worten auf die deutschen Frauen in vorgerückter Stunde lauschen, so geschieht dies sicherlich in erster Linie aus ritterlicher Höflichkeit und Galanterie gegen die Damen, deren blumenreicher Kranz die Festesstimmung dieses glanz⸗ vollen Kommerses erhöht. a Fürwahr, wollte man mich heute fragen, was hat dir am besten zugesagt von all dem Schönen, und wem würdest du den Preis zuerkennen, so möchte ich begeistert ausrufen: „Blick ich nun hin zu jenem hehren Throne, Welch' hoher Anblick macht das Herz erglüh'n, Von holden Frauen eine Blumenkrone a In blüh'nder Pracht, so herrlich, frisch und grün.“ Es ist eine ehrenvolle Aufgabe, die mir der heutige Abend auferlegt, Ihnen, meine sehr verehrten Damen, den herzlichsten Dank zu übermitteln, dafür, daß Sie in so stattlicher Schar und mit so sichtlicher Begeisterung zum Glanze dieses Kommerses und der gesamten Jubiläums feier beigetragen haben und noch beitragen werden. Frauenehre und Frauenwürde, welch herrliche sittliche Ideale! Ja, von Frauenehre und Frauenwürde singen und sagen unsere deutschen Dichter aller Seiten und aller Jahr⸗ hunderte. Wie ljeb und traut klingen die Weisen eines Walter von der Dogelweide an unser Ohr, wenn er uns von der deutschen Frau erzählt. Goethe und Schiller haben in mancher Perle ihrer Dichtungen den Frauen gehuldigt⸗ Das:„Ehret die Frauen, sie flechten und weben Himmlische Rosen ins irdische Leben“,. es war das Leitmotiv nicht nur eines Schiller, nein auch jedes deutschen Dichters, der mit der deutschen Gemütstiefe sittlichen Ernst verband. 1 Und die Tonkunst hat die herrlichsten Orchesterklänge und schönsten Töne gefunden zum Preise der Frauen. Alles Schöne und Erhabene, was unsere Musik zu deutschem Frauenlob erfinden konnte, es braust noch einmal zusammen zu mächtig erhebendem Gesang in den Tonschöpfungen des großen Bayreuther Meisters. i Und was unsere deutschen Meister zum hehren Lob der deutschen Frauen ersannen, das sind keine inhaltlosen Phrasen, das sind berechtigte Lobeshymnen, die solche Geister aus einem edlen Born schöpfen, aus dem Born deutschen Gemütslebens. Berechtigte Lobeshymnen! Denn blättern wir zurück in der Geschichte aller Jahrhunderte, so finden * 9 5 . 8 1 JJ ͤ... ͤ. — * e 2— wir jederzeit deutsche Frauen, die in der Betätigung deutscher Tugenden, in der Betätigung echter Daterlandsliebe ein leuchtendes Vorbild sind. Ich erinnere nur an eine Elisabeth von Thüringen, an eine große Landgräfin Karoline von Hessen, an eine edle Königin Cuise! Und fürwahr, ein Land, das solche Frauen besitzt, das solche Fürstinnen hervorbringen Konnte, kann nie genug Dichter finden, die in der deutschen Frau ehren deren Eigenart, deren Charakter, deren Ge⸗ mütstiefe und deren sittlichen Wert. Wir sind deutsche Studenten, und als solche werden wir oft genug die zukünftigen Träger und Pioniere deutscher Wissenschaft und Kultur genannt. In der richtigen Wür⸗ digung des Wesens der deutschen Frau liegt auch ein gut Stück kultureller Betätigung. Wohlan denn, werte Kommili⸗ konen, arbeiten Sie mit an der pflege und Förderung dieser Kultur als echte deutsche Studenten, als wackere und würdige Söhne unseres herrlichen deutschen Vaterlandes! Bedenken Sie, daß wir im Ciede singen: Wer des Weibes weiblichen Sinn nicht ehrt, Dem ist auch Freiheit und Freund nicht wert!“ ö„Frei ist der Bursch!“ a i Als freie Burschen, als freie Studenten wollen wir auch hier in Gießen die deutschen Frauen ehren. Dieser schöne, ich möchte sagen historische Festkommers zur 500 Jahr⸗Feier unserer alma mater Ludoviciana darf nicht vorübergehen, ohne den deutschen Frauen den Tribut schul⸗ diger Ehre und Achtung gezollt zu haben. Sao fordere ich Sie denn Alle auf, mit mir einzustimmen in den Ruf:„Unsere deutschen Frauen, sie leben hoch, hoch, hoch!“ Damit war der offizielle Teil des Festes beendet und die Fidulitas trat in ihr Recht. Sie fand in unserm all⸗ verehrten Minister Exzellenz Braun einen schneidigen Prä⸗ siden. Den Schläger in der Rechten schwingend, hielt er folgende oft von lautem Jubel unterbrochene Einleitungsrede: Seine Magnifizenz, der Herr Rektor, haben den Wunsch ausgesprochen, daß ich für den weiteren Verlauf des Abends das Präsidium übernehme. Grau ist der Kopf geworden und wahrlich, mir würde Recht und Neigung fehlen, mich diesem Auftrag zu unterziehen, wenn ich nicht seit heute mich in dieser Korona als der jüngste Fuchs zu fühlen hätte, nach⸗ dem die Vertretung der Hochschule mir heute die höchste Ehre verliehen hat, die sie zu verleihen hat, und die mir wieder klar macht, was es heißt, dem corpus academicum einschließlich aller Kommilitonen anzugehören. So rauschen sie herauf, die herrlichen Tage goldener Jugendzeit und wieder sauft's durch Kopf und Sinn und macht das Herz wieder warm und sagt, sei wieder mal jung mit den Jungen. Und einer, dem es geglückt ist, daß er wieder einmal unter Euch sein konnte, der stellt sich in diesem Augenblick die Frage,— denn ja auch eine feine Fragestellung reicht allein aus zum Ehrendoktor der Ludo⸗ viciana—, er stellt an Euch alle die Frage, was sollen wir sagen zum heutigen Tag? Darauf lautet die Antwort: wieder jung sein, wieder singen„O wonnevolle Jugend⸗ zeit, mit Freuden ohne Ende“. Das, was uns die Sukunft nicht bringen kann, was nur die Vergangenheit gebracht Hat, nämlich Luft, Licht, Freiheit, das mag in uns wieder neu werden. Und so übernehme ich gern das Präsidium, indem ich hoffe, es mag aus dem Jungbrunnen glücklicher Jugend, in den wir niedergetaucht sind, uns alten Semestern allen wieder einmal eine Erfrischung werden auf Jahre und Jahre 85 So wiederhole ich„O wonnevolle Jugendzeit mit Freuden ohne Ende“. Und wem soll das Wort gelten, in dem sich für uns alles ausdrückt? Eben der Jugend der Ludo⸗ piciana, jener alten lieben Cudoviciana, die uns reich beschenkt hat mit all den Schätzen des Geistes, mit dem Rüstzeug, von dem ich in feierlicher Stunde sprechen durfte. Der Ludoviciana, unserer alma mater, ihr unser Empfin⸗ den, ihr unsere Ciebe, ihr unsere Dankbarkeit und ihr 30 unsere Huldigung in freudiger Stunde. Ludoviciana, hoch, hoch, hoch. Unsere alma mater Und was war das Band, das uns alle zusammenhielt, als wir zu den Füßen unserer Lehrer saßen? Wir wußten, es ging um ernste Dinge, aber trotzdem, es war nicht die Empfindung des Ernstes allein, sondern über allem schwebte der Ton„Gaudeamus igitur“, weil wir jung waren. Und darum, meine ich, wir sollten heute die Fidulitas anfangen mit den Klängen des Gaudeamus. Von der allgemeinen Stimmung mitgerissen, blieb auch der Großherzog noch eine geraume Seit während der Siduli⸗ tät, und wann die letzten Lieder verklangen, entzieht sich unserer Kenntnis. Als Anhang geben wir die drei Preislieder: J. 1. Strömt herbei, ihr Hessensöhne, von des Rheines grünem Strand, von des Odenwaldes Höhen, von des Dogels⸗ berges Rand. Seht die Fahnen fröhlich flattern, hört der Glocken Festgeläut! Ludoviciana ist es selber, die uns heut den Willkomm beut. 2. Hus dem Glaubensstreit geboren, aus dem Swiste trotzig, blind, wuchs sie auf in Kampfesjahren, selbst ein trotzig Hessenkind; teilt des Vaterlands Bedrängnis, Deutsch⸗ lands Schmach und Deutschlands Ehr, und erblüht zu Kraft und Schönheit in des Friedensreiches Wehr. 5. Schiffenberg und Gleiberg blicken, Zeugen jener wildren Seit, heut als traute Sechgenossen auf die junge Herrlichkeit. Und die Lahn in sanftem Bogen und der Wälder grüner Kranz! Cudoviciana laß uns preisen deines Kleides zarten Glanz. 4. Die Ihr einst an dieser Stätte heißer Tage Ernst erprobt, die Ihr hier in Jugendwonne goldne Nächte habt durchtobt, rückt zusammen auf den Bänken, Jung bei Alt und Alt bei Jung, und zu gleichem Schlag des Herzens ein' uns die Erinnerung! N 5. Hoch und Heil aus vollen Rehlen der Jahrhundert Jubelbraut, alten Wissens, neuen Schaffens heil'ger Mutter, tön' es laut! Hebt die Gläser! Schwingt die Speere, daß die Funken feurig sprühn! In dem Dienste alles Guten soll ihr ew'ge Jugend blüh'n! II. 1. Vom Gleiberg schaut ins Lahnrevier der Herr der stolzen Veste:„Dies Hessenvolk, ich lob' es mir, verspricht es doch das Beste. Doch tief noch steckts in Sumpf und Wald, auf Bildung kanns nicht denken: man sollt ihm, mein' ich, möglichst bald'ne hohe Schule schenken.“ 2. Doch anders im Familienrat alsbald ward es be⸗ schlossen, solch ungestüme Fortschrittstat hätt' allgemein ver⸗ drossen.„Mit Wissenschaft verseh'n die Welt der Uirche würd'ge Diener: ein Kloster baut von eurem Geld für fromme Augustiner!“ 5. Gesagt, getan: das Kloster stand, den Stiftern macht es Ehre, versorgte mit Kultur das Land und mancher guten Lehre. Indes der Mönche Bildungswerk sollt kurzen Ruhm genießen, denn zwischen Glei⸗ und Schiffenberg erwuchs das muntre Gießen. 4. Die Musenstadt, da war sie ja, man brauchte nur zu wollen! Das Gute lag auch hier so nah für jeden Ein⸗ sichtsvollen: recht mitten drin im Weltverkehr, bequem im luft'gen Tale, und lieblich floß die Lahn daher wie Neckar, Main und Saale. 5. Talab noch mancher Tropfen rann— gut Ding will Weile haben!— dann brach die höh're Bildung an für Hessens wackre Knaben. In Deutschlands stolzen Hoch⸗ schulchor trat spät die Gießener Schwester; selbst Marburg, leider, war ihr vor um dritthalb Schock Semester. 6. Das wäre denn die Urgeschicht' der hohen Schul' zu Gießen! Was weiter folgt, wer hört es nicht mit Jubelschall gepriesen: wie Ludwigs treue Liebesmüh sie Marburg schuf zum Crutze, wie wohlgehegt sie spät und früh in seines Hauses Sdutze. f Walter König. l ä 5 N ß ß— 2 8—— 5 J ³·Ü 1w/ 8 8 7. Auch sonst wohl hat man allerhand gehört und auch gelesen, was Wunder sie dem Hessenland drei Säkula gewesen. Wohlan, den alten echten Sinn sie fest und treu bewahre, dem Vaterland zum Vollgewinn noch viele hundert Jahre! Bruno Sauer. III. 1. Das war der Landgraf Ludewig, der sprach zum Hofgesind:„Das ganze heil'ge röm'sche Reich nennt meine Hessen blind! Sagt's mal, wagt es mal und sagt's mal, ob sie es wirklich sind? Das ganze heil'ge röm'sche Reich nennt meine Hessen blind.“ 2. Da naht sein Kanzler lobesam:„ich Herr,'s ist leider wahr! Doch gründet eine hohe Schul, die sticht dem Volk den Star! Klug ist's! Klug ist's und kein Trug ist's, zwar teuer, das ist wahr,— doch gründet eine hohe Schul, die sticht dem Volk den Star.“ 3. Der Landgraf ritt an Kaisers of:„Herr Rudolf, seid mir hold; gebt mir ein Hochschul⸗Privileg für tausend Gulden Gold. Tut es, tut mit gutem Mut es, rund ist das Geld und rollt; gebt mir ein Hochschul⸗Privileg für tausend Gulden Gold!“ 4. Der Kaiser lacht in seinen Bart:„Herr Vetter, 's ist nicht schlecht, daß Ihr, zu bilden Euer Volk, mir tausend Gulden blecht! Kund sei und in aller Mund sei Ew. Liebden Gründungsrecht; da Ihr, zu bilden Euer Volk, mir tausend Gulden blecht.“ 5. Froh ritt von Prag Herr Ludwig heim, da kam er an die Lahn:„Mein gutes Städtchen Gießen soll die hohe Schule ha'n. Raus da, raus da aus dem Haus da: Philister, freie Bahn! Mein gutes Städtchen Gießen soll die hohe Schule ha'n.“ 6. Und was herr Ludewig gesagt, Herr Ludewig machts wahr. Die alma mater gründet er; sind grad' drei⸗ hundert Jahr!... heil ihr! heil werd' reich zuteil ihr! Wie sticht sie brav den Star! Tloreat“ für jetzt und immerdar! 3 Frühschoppen. Noch einmal fand sich eine große Morona in der Fest⸗ halle zusammen zu einem klbschiedstrunk, nicht in trübseliger Eugen Netto. Katerstimmung, sondern in dankbarer Freude über die un⸗ vergeßlich schönen Tage, die man hatte durchleben dürfen. Die Scharen, die sich zum Frühschoppen von ½12 an in der Halle versammelten, mochten wohl halb so zahlreich sein wie die Kommersteilnehmer. Nach einleitenden Worten des Herrn Dr. jur. Eger übernahm wieder Exzellenz Braun die Leitung der Tafelrunde, die sich heute wesentlich leichter mit der Stimme beherrschen ließ als gestern. Gern würden wir über die Eröffnungsrede des hohen Präsiden etwas mitteilen, aber sie enthielt gleich im Anfang ein so starkes Mißtrauensvotum gegen den Berichterstatter, daß er trauernd sein Haupt verhüllen mußte und nichts mehr hören konnte.— Lied reihte sich an Lied, und nur zögernd trennten sich die Gäste von der lichtdurchfluteten, luftigen Festhalle, als die Festlichkeit längst den linspruch auf die Bezeichnung Früh schoppen verloren hatte. 8 Volksfest. In auswärtigen Zeitungen ist mit Recht hervorgehoben worden, daß unsere Jahrhundertfeier sich von ähnlichen Veranstaltungen durch das Sehlen akademischer Steifheit und Exklusivität unterschied. Wie der Landesfürst mit seiner Hochschule feierte, so das ganze Land. Es entsprach durch⸗ aus dem demokratischen Tharakter des Festes, daß nach Abschluß der akademischen Feiern die weite Festhalle am 31 Sonntag noch einmal einem großen Volksfest geöffnet wurde. Da gab es keine Festkarte, keinen Husweis über Fugehörig⸗ keit zur Ludoviciana, keine Altersgrenze mehr, jeder war willkommen, der da kam, Bürger und Bauer, Greis und Kind. Wie weithinaus dieser Ruf gedrungen war, davon legten die vielen malerischen Volkstrachten Zeugnis ab, die man im Gewühl bewundern konnte. Dichter ats selöst beim Kommers waren heute Tische und Bänke besetzt und besonders auf der großen Treppe war das Gedränge fast beängstigend. Aber musterhaft blieb auch heute wieder die Ordnung und Selbstzucht des Publikums. Die Fülle des Gebotenen war überraschend groß. Um von den üblichen Karussels und Schaubuden am Fuß der Anhöhe zu schweigen, die Kapelle unseres Regiments, die unter Leitung ihres verdienten Musik⸗ direktors Krauße in diesen Tagen faft Uebermenschliches geleistet hat, bot neben lustigen Walzern und Märschen auch sehr gediegene Musik, standen doch gleich an der Spitze des Programms die großen Namen Beethoven, Brahms, Berlioz, Wagner; ferner vereinigte sich unter Herrn Görlachs Diri⸗ gentenstab ein gewaltiger Sängerchor zu vortrefflichen Dar⸗ bietungen, und die Männerturnvereine Gießens fanden für ihre tüchtigen Ceistungen verdientes Lob. Ein großes, glänzendes Feuerwerk, von einer Pracht wie sie Gießen wohl selten gesehen hat, krönte den kibend. Huch hier wieder beteiligte sich das Land in weitem Umkreis an der Festlust. Nicht nur beim Festplatz prasselten die Feuerräder, stiegen die Raketen und Heuergarben zum stillen Nachthimmel empor, zunächst auf dem Nahrungsberg, dann auf dem Schiffenberg, Gleiberg und Vetzberg fanden sie ein feuriges Echo; es war als wollten alle die Stätten, die einst für die Kultur unseres Candes Wert gehabt haben, ausrufen:„Seht, wir feiern mit der Stadt das heutige Fest; auch wir bringen der Ludoviciana unsern jubelnden Ruft:„vivat, crescat, Ehrengruß dar!“ Die feurigen Sterne der Raketen sind erloschen, aber in unauslöschlichem Glanze strahlen in aller Teilnehmer Gedächtnis diese Festtage mit ihrer Fülle von Geist und Leben, von gehaltvollem Ernst und jubelndem Frohsinn. Und so schließen wir mit dem in diesen Tagen immer wieder erklungenen Ruf:„Alma mater Ludoviciana vivat, crescat, floreat in aeternum! 3 Ruf vielfachen Wunsch fügen wir dem Festbericht ein lustiges Nachspiel hinzu, das am 30. Juli in den Spalten des„Gießenen Knzeigers“ bereits zu lesen war. Ein lustiges Unkraut unter dem Weizen. Einige Wochen vor dem Beginn der Dreijahrhundert⸗ feier unserer Cudoviciana traf bei Professoren und Beamten der Universität das Warnungsschreiben des Allgemeinen deutschen Zentralverbandes zur Bekämpfung des kilkoholis⸗ mus ein, das bereits in Nr. 169 vom 22. Juli des„Gieß. Unz.“ abgedruckt wurde. f Es ist selbstverständlich, daß der Rektor sogleich durch reitende Eilboten den Engeren Senat zusammenrufen ließ, um darüber zu beraten, wie die Jahrhundertfeier der Uni⸗ versität dem Schreiben anzupassen oder ob sie ganz ab⸗ zubestellen sei. Denn die Dreihundertjahrfeier stimmt mit jedem öffentlichen und Familienfeste darin überein, daß man bei den schuldigen Bewirtungen der zugereisten Gäste nicht glaubte, den Marktbrunnen zur Löschung des Durstes zur Derfügung stellen zu dürfen, sondern Wein zu kredenzen die feste ÜUbsicht hatte. Es geriet nun alles ins Wanken. Die Senatsitzung dauerte bis 2 Uhr nachts.(So viel uns bekannt, wird in den Sitzungen des Engeren Senats nichts, also auch kein Alkohol getrunken. Die Redaktion.) Man kam zu der Ansicht, daß änderungen ganz unmöglich seien und daß das antialkoholistische Kulturdokument zu spät eingetroffen sei. Die Speisenfolge des Festmahls war gedruckt. Man konnte nicht mehr die gefährlichen Weinsorten mit edlen TTT 32 Sprudelmarken überdrucken. Auf telephonische Anfrage wurde gemeldet, daß der Malzauszug des für den Kommers bestellten Bieres schon in vollster, nicht mehr aufzuhaltender Gärung begriffen sei, so daß es unmöglich wurde, den Kommers bei süßer, Geist und Kehle besänftigender Mumme Abzuützalten. kluf den Vorschlag des Rektors, trotz alledem das Fest im Inkeresse der Moral und des kraftvollen Fort⸗ bestandes des deutschen Volkes ganz fallen zu Jassen, da nur das die in dem Schreiben geforderte„Konsequenz“ sein könne, entgegenete ein nicht unerfahrenes Mitglied des Senats, daß die Verhandlungen mit der vorgesetzten Behörde über diese Frage voraussichtlich sechs Wochen dauern würden: Es ent⸗ sehe dann die größere Gefahr, daß die Ehrengäste, um sich die Seit bis zur Entscheidung zu vertreiben, viel, ach! viel mehr klkohol zu sich nehmen würden, als in den drei vorgesehenen Fe Und wenn das Fest dann doch„verfügt“ würde, dann kämen diese drei Tage noch hinzu. Mit schmerzlichem Bedauern wurde also für unveränderte Abhaltung des Festes gestimmt. Die Professoren haben sich aber das Wort gegeben, das Fest mit dem Anschreiben in der Tasche zu feiern und haben sich verpflichtet, keinerlei „ kademische Trinksitten“ zu dulden, namentlich weder unter⸗ Einander noch mit Studenten„Bierjungen“ zu trinken, und streng zu verbieten, daß die Fakultäten sich gegenseitig mit „Ganzen“ in die Luft sprengen. Damit ist sicher die größte Sorge des Zentralverbandes zur Bekämpfung des Alkoholis⸗ mus(E. L.) beseitigt. 8 Wäre das Schreiben früher eingegangen, so hätte man im Sinne des Zentralverbandes eine Programmnummer zur Fffentlichen Verhöhnung des(llkoholismus einschieben können. Wie man in China und Indien hohen Gästen zu Ehren eine Hinrichtung vorführt, so hätte man einen rodensteinischen Enkel durch einen Abstinenten niedertrinken lassen sollen. Das wäre eine hübsche Nummer mit mora⸗ lischem Schlußeffekt gewesen. Aber es ist zu spät. Kein Abstinent war bereit, sich jetzt noch ordentlich im wassertrinken zu trainieren, und leider ist die Gegenpartei immer trainiert. Hätte nur der Sentralverband wenigstens seine Epistel in Versen verfaßt. Man hätte sie dann in das Kommers⸗ liederbuch mit aufgenommen, und sie hätte zur Hebung der studentischen Fidelität und Moral in gleicher Weise bei⸗ getragen. Der Zentralverband hätte sogar noch die Kussicht gehabt, den für das beste Kommerslied ausgesetzten Preis von 20 Flaschen edlen Selterwassers zu gewinnen. Ein Professor, den wir allerdings nicht für ganz objektiv halten, weil wir ihn schon einmal bei Ortenbach in Wetzlar getroffen haben, verfocht Meinungen, die wir hier zwar wiedergeben, aber natürlich, ohne sie anzuerkennen. Er meinte, der Sentralverband habe seine Befugnis als Verein überschritten und schade einer guten Sache, indem er sie selbst der Lächerlichkeit überliefere. Denn er werde lebhaft bei dieser Gelegenheit an eine Bestimmung des alten Bonner Statuts erinnert, wonach es den Studenten streng untersagt war, sich bei Hochzeiten und Festen einzudrängen, eine Bestimmung, deren Kuffrischung er dem Sentralverbande für seine Statuten empfahl. Wir teilen diese Unsichten natür⸗ lich nicht.(Aber wir. D. Red.) Doch möchten auch wir noch bescheiden fragen, warum gerade Gießen in dieser Pre⸗ digt(Kapuzinerpredigt! D. Red.) so scharf ermahnt wird. Gießen! welches den genialen Erfinder des Fleischextraktes, dieser himmelsgabe für Abstinenten, sein nennt, die Fleisch⸗ extraktbüchse als Symbol der Mäßigkeit anführen kann. Hllerdings wollen wir das etwas verdächtige Wort „Kommers“ nicht totschweigen. Aber die Kommerse in Gießen bedeuten wesentlich eine alte Form fröhlicher Geselligkeit und niemals eine„Offizielle Anerkennung akademischer Trinksitten“. Diese Meinung des Sentralverbandes kommt wohl daher, daß er noch die älteste Kuflage des Nonver⸗ sationslexikons benutzt. Auch der Kommers ist schon„um⸗ gewertet“. Du weißt es, Bacchos, Göttlicher! daß unsere Studenten gar nicht alle Wein und Bier trinken. Du sahst es, vielleicht mit Mißfallen, daß schon Korporationsstudenten bei ihren Kneipen Mineralwasser schlürfen. Aber wie du auch darüber denken magst, hilf uns voll göttlicher Gerechtig⸗ keit und bestätige, daß wir niemals„Alkohol“ tranken, nicht einmal schwedischen punsch, wie in hamburg i dem Sitz des Sentralverbandes, bei Festen üblich! Ein großer Trost erwächst der Ludoviciana dadurch, daß der Vorwurf:„Die Veranstalter der gehen Jahrhundertfeier machen sich der Förderung des Klkoholismus fchuldig!“ sie eigentlich gar nicht angeht. Der Sentralverband hat die an allen Postanstalten angeschriebene Aufforderung:„Rich⸗ tige Adresse nicht vergessen!“ nicht beachtet. Veranstalter der Dreijahrhundertfeier sind nicht die Professoren und Be⸗ amten der Universität, sondern die Staatsregierung. Der oben zitierte, uns etwas unangenehme Professor behauptete sogar, er müsse es ganz und gar bezweifeln, daß dem Sen⸗ tralverband zur Bekämpfung des Alkoholismus unbekannt sei, daß keiner der Adressaten den Klkoholgenuß empfehle oder dazu ermuntere, weil längst jeder Universitätsdozent die Studenten viel besser als der„Abstinententag“ über den Schaden des Alkoholgenusses aufkläre und die Universitäts⸗ lehrer durch Enthaltung von alkoholischen Getränken sich selbst vor Schaden bewahren und mit ihrem Beispiel voran⸗ gehen. Umso mehr halte er es für eine Torheit, die die Narrenkappe verdiente, mit Kapuzinerpredigten bei studenti⸗ schen Festlichkeiten aufzutreten. Er behauptete, man könne dem„Sentralverbande“ ganz andere positive Aufgabe empfehlen, deren Nichterfüllung seinem Siele täglich entgegenarbeitet. J. sollte der Sentralverband, statt Proteste zu drucken, einmal für einen preiswürdigen und trinkbaren Ersatz der alkoholischen Getränke sorgen. Die alkoholfreien Getränke des Handels sind sämtlich abscheuliche Flüssigkeiten, deren Fabrikation nichts beabsichtigt, als sich auf Kosten wohl⸗ meinender Menschen zu bereichern. Die Schlechtigkeit, Unbe⸗ kömmlichkeit und der erstaunliche Preis dieser edlen Ge⸗ mische unbekannter Husammensetzung sind Ursache, daß viele wieder zu den besseren und billigeren alkoholischen Getränken zurückkehren. 2. Der Sentralverband sorge dafür, daß nicht bloß auf den Akademien, sondern auch anderswo Freiheit in Trink⸗ sitten herrsche. Warum protestiert er nicht dagegen, daß man in den großen Hotels der Sommerfrischen, wo sich Körper und Geist erholen soll, gezwungen wird, tag ⸗ lich ein anständiges Guantum alkoholischer Getränke zu vertilgen. Hier ist nicht, wie bei einem Feste, ein idealer Nebenzweck vorhanden, sondern bloß der reale Gewinn der Wirte die Triebfeder. Wenn man 6 Wochen gezwungen wird, gute, wenn auch schädliche alkoholische Getränke zu genießen, dann gewöhnt sich mancher die alkoholfreien Ci⸗ sanen wieder ab. a Diese Rügen erscheinen nicht unberechtigt, aber man müßte wohl fragen, hat denn der Sentralverband nicht längst diese Mängel abgestellt? was tut er denn eigentlich? (schimpfen! Die Red.) Soviel ist sicher, daß in der Alkohol⸗ frage nur Erfolg zu erwarten ist, wenn man dem Fatze, das Bessere ist der Feind des Guten, genügt. Hier muß Wahr⸗ heit werden: a Das Gute, dieser Satz steht fest, Ist stets das Böse, das man läßt. Der Himmel bewahre uns aber vor den Verhältnissen amerikanischer Temperenzstädte, denen der Zentralverband offenbar zustrebt. Wir bitten uns alle beim Abschiedsfrüh⸗ choppen geleerte Selterswasserflaschen zu überlassen, die dem Zentralverband als unwiderleglicher Beweis für die Vortritt der Ludoviciana bei Bekämpfung aller„Krebsschäden“, auch des Klkoholismus, zugesandt werden sollen. Sonst würden uns Onkel Franziskus, Tante Ottilie und Tante Gertrud doch nicht glauben. Ein Privat⸗Abstinent. Verantwortlich für die Redaktion: kl. Körte. Druck der Brühl'schen Universitäts⸗Buch⸗ und Steindruckerei. R. Cange, Gießen.