Das Fest im Philosophenwald. Für keine der festlichen Veranstaltungen der Jahr⸗ hundertfeier war die Gunst des Wetters eine so unbedingt nötige Doraussetzung zum Gelingen wie für das Fest im Philosophenwald. Feierliche Reden kann man in Aula und Kirche halten und hören, auch wenn draußen der Himmel seine Fluten niederströmen läßt, für Festmahl und Kommers sicherte das schirmende Dach der Festhalle wenigstens Trockenheit von oben, selbst die Glut der Fackeln wird durch einen Regenguß nicht so leicht gelöscht, aber ein Waldfest vieler Tausende mit aufgespannten Regenschirmen ist ein Unding. Je größeren Wert die Festleitung gerade auf die gesellige Vereinigung im Philosophenwald legte, die weite Kreise der Bürgerschaft mit den unabsehbaren Scharen der auswärtigen Gäste, mit Dozenten und Studenten zusammenführen sollte, je mehr Mühe und Arbeit die Vor⸗ bereitungen zur Plazierung und Verpflegung der Tausende dem unermüdlichen Leiter dieser Veranstaltung, Herrn Pro⸗ fessor Biermer, gemacht hatte, um so angstvoller schauten ungezählte Augen nach dem Himmel auf, der seine Launen noch in der ersten hälfte der Woche so unbarmherzig spielen ließ. Aber die Hoffnungen der unverbesserlichen Opti⸗ misten, zu denen sich der Schreiber dieser Seilen zählt, sind nicht zu Schanden geworden. Noch wenige Minuten bevor der Sonderzug der Großherzoglichen Herrschaften in den Gießener Bahnhof einlief, ängstigte uns ein neuer Regen⸗ schauer, aber als sie den Wagen bestiegen, hörte er auf, bald brach die Sonne schüchtern durch, und seitdem erfreuen wir uns eines Wetters, das man nach den schlimmen Er⸗ fahrungen dieses Sommers vortrefflich zu nennen geneigt ist. Wind und wechselnde Bewölkung bei niedriger Temperatur hatten die Herren der Wetterwarte freilich nicht mit Unrecht angekündigt, aber es regnete doch nicht, immer freundlicher strahlte die Sonne auf die festlich geschmückte Stadt und die festlich gestimmten Menschen herab, der Wind ließ nach und die Temperatur hob sich. Die vorangegangene Kälte und die Nässe bedeuteten für das Waldfest sogar einen großen Vorteil, denn sie hatten die Entwicklung der Mückenschwärme gehindert. Glaubwürdige Seugen versichern, daß sie bei mehrstündigem Aufenthalt im Philosophenwald gestern von keiner Mücke gestochen worden sind, und welcher Gießener könnte sich entsinnen, jemals im August ohne Müchkenstiche aus dem Philosophenwald gekommen zu sein? So konnte die Feier werden, was sie sein sollte, ein in ihrer Anspruchslosigkeit und Ungebundenheit besonders har⸗ monisches Fest für die Bürger der Stadt, für die auswärtigen Gäste, für die Familien der Dozenten und für die Studenten. Was die Stadt an der Universität und was die Universität an der Stadt hat, trat vielleicht nirgends bei der ganzen Feier so unmittelbar und herzerfreuend hervor, wie dort unter den prächtigen Bäumen des Philosophenwaldes. Tausende fanden in den allenthalben im Walde und an der Wiese aufgeschlagenen Bänken und Tischen Platz, zahlreiche Zelte spendeten Erfrischungen aller Art und wo die Bedienung versagte, da bediente man sich in guter Laune selbst. Ein Podium auf der Wiese gab der Jugend Gelegenheit, ihre Ausdauer im Tanz zu bekunden, die Kapellen der 81 er und 1687er ließen abwechselnd ernste und fröhliche Weisen erschallen, und kraftvolle Männerchöre klangen weithin durch den Wald. Den Höhepunkt aber erreichte die Festfreude, als ganz wider Erwarten gegen 7 Uhr Se. Ugl. Hoheit der Großherzog, begleitet von Herrn Oberst v. Lindenau im offenen Wagen heranfuhren. Umbraust von einem Jubel, der so recht aus vollem Herzen kam, fuhren Seine König⸗ liche Hoheit zweimal im Schritt durch den Wald, und wie wir hören, haben sie sich sehr erfreut über das hübsche Bild, den begeisterten Empfang und die Dielseitigkeit der Veranstaltungen der Hestleitung ausgesprochen. Der Eintritt der Dunkelheit machte dem fröhlichen Treiben noch keines⸗ wegs ein Ende, für festliche Beleuchtung war bestens ge⸗ sorgt und erst um 11 Uhr wanderten die letzten Scharen zur Stadt. 8 Glückwunsch Sr. Majestät des Kaisers. Freitag um 9 Uhr vormittags versammelte sich in der kleinen Aula des Kollegiengebäudes der Rektor, die Dekane, die Mitglieder des engeren Senats und der Nusschuß der Studentenschaft, sowie die zu der Feier eingeladenen Herren Herr Provinzialdirektor Geheimerat Dr. Breidert und Herr Oberbürgermeister Meeum, um Seine Exzellenz, den kom⸗ mandierenden General des 18. Armeekorps, von Eichhorn, zu empfangen, den Seine Majestät der Kaiser als seinen Dertreter entsandt hat, um der Universität seine Glückwünsche auszusprechen. Nachdem Se. Exzellenz den Allerhöchsten Auf⸗ trag vollzogen, überreichte er dem Rektor der Landesuni⸗ versität im Auftrag Seiner Majestät die Insignien des Kronenordens zweiter Klasse. Seine Magnifizenz erwiderten etwa folgendes: Eure Exzellenz bitte ich Seiner Majestät den ehrfurchts⸗ vollsten Dank der Cudoviciana zu Füßen legen zu wollen für die außerordentliche Huld, die Seine Majestät der Ludo⸗ viciana erwiesen haben, indem Seine Majestät zu unserer Jahrhundertfeier einen Vertreter entsandten und dem Rektor der Ludwigs⸗Universität eine so hohe Kuszeichnung ver⸗ liehen haben. Ich bitte Eure Exzellenz, Seiner Majestät berichten zu wollen, daß der Wahlspruch unserer Studenten⸗ schaft von altersher gewesen sei„armis et litteris ad utrumque parati“. Jede nationale Bewegung hat unsere Studentenschaft aufs tiefste ergriffen und mitgerissen. Sie wird jederzeit wieder bereit sein, wenn der Ruf des obersten Kriegsherrn erschallt. Die Universitäten sind von jeher ein Hort nationalen ⸗Empfindens und ein Herd vaterländischer Bestrebungen gewesen, das kleine Gießen will hier hinter keiner seiner Schwestern zurückstehen. Hierauf ergriff Oberst von Lindenau das Wort zu der Mitteilung, daß das Regiment 116 der Universität das Bild des Kaisers schenke für das Versammlungszimmer der Professoren, worauf der Rektor mit lebhaftem Dank ant⸗ wortete. 5 8 Festakt in der Stadtkirche. Dieselbe erlauchte Dersammlung, die gestern die neue Kula gefüllt hatte, fand sich heute wieder in der Stadt⸗ kirche zusammen, nur konnte in dem größeren Raume der Kreis der Teilnehmer sehr beträchtlich erweitert werden. Die klare übersichtliche Urchitektur des mit Unrecht kahl gescholtenen Baus wirkte im Schmuck der Tannengirlanden würdig und ernst. heute hatte auch unser akademischer Gesangverein unter der Leitung seines temperamentvolle Dirigenten Professor Trautmann Gelegenheit, sich in den Dienst der alma mater zu stellen, mit sicherer Kraft und großem Wohlklang sang er bei Beginn, in der Mitte und am Schluß der Feier drei stolz und wuchtig daherschreitende Chöre aus Brahms' Triumphlied. Su beiden Seiten des Altars, im Gestühl der Konfirmanden hatten die Dozenten und die Herren der Bibliothek ihre Plätze, in den vorderen Reihen des Schiffs saßen die Ehrengäste, in der vordersten vor dem Mittelgange die Großherzoglichen Herrschaften, die wiederum von Rektor und Dekanen an der Tür der Kirche empfangen und zu ihren Sitzen geleitet wurden. Nachdem die mächtigen Klänge des ersten Thors aus Brahms' Triumphlied verhallt waren, bestieg Professor Her⸗ mann Oncken, den wir leider jetzt nach Heidelberg ziehen sehen, die hohe Kanzel, um die historische Festrede zu halten. Da dieselbe sofort als Tudwigsprogramm und im Buch⸗ handel erscheinen wird, können wir uns hier mit einer knappen Andeutung der Gedankengänge des Kedners, welcher nahezu 1½ Stunde lang die gespannte Aufmerksam⸗ keit der Festversammlung zu fesseln wußte, begnügen. Er ging aus von der Bedeutung der CTudoviciana als Landes⸗ universität. Ihre Gründung und ihre Weiterentwickelung sind mit dem Hessenlande und seinem Fürstenhause innigst verbunden, ja in den ersten Menschenaltern lassen Uni⸗ versitätsgeschichte und hessische Landesgeschichte sich kaum voneinander trennen. Und so ist auch die Jubelfeier kein häusliches akademisches Fest, sondern ein Fest des ganzen Landes. Den territorialen Ursprung und die Bestimmung für die territorialen Bedürfnisse teilt Gießen mit fast allen an⸗ deren deutschen Universitäten, diese Faktoren haben geradezu den Typus der deutschen Universität gegenüber dem anderer Kulturländer bestimmt. Das ist kein Zufall, denn während eines Jahrtausends wird der Gang der deutschen Geschichte durch das Erstarken des staatlichen Lebens in den Cerri⸗ torien bei gleichzeitigem Erstarren und berlöschen der Zentralgewalt bestimmt. Unter den territorialen Gewal⸗ ten aber stehen bei der Begründung lebenskräftiger Univer⸗ sitäten die weltlichen Fürsten voran, weder geistliche Für⸗ sten noch freie Städte haben hier dauernde Erfolge zu erzielen vermocht. Unter den weltlichen Fürsten nun sind wieder die stärksten zuerst und am erfolgreichsten als Universitäts⸗ gründer tätig. So ist denn auch der mächtigste hessische Fürst, er der Großmütige, in gewissem Sinne der erste Ahnherr der Ludoviciana, denn sie wollte bei ihrer Gründung an der lutherischen Lehre hing. verbunden. ee nichts anderes sein, als die legitime Erbin der 1527 ge⸗ stifteten Philippina in Marburg. Philipps Gründung steht schon unter dem Seichen der Reformation, die plötzlich dem Staate weite Gebiete des geistigen Lebens zuwies, die bis dahin wesentlich der Hirche gehört hatten. Die Universitäten als Bildungsstätte für ihre Geistlichen, Lehrer und Beamte wurden der territorialen Politik der Fürsten unendlich wichtig und sie setzten alles daran, diesen Quell geistigen Lebens rein zu erhalten und zu bewachen. Als sich dann die dogmatischen Gegensätze immer mehr verschärften, wurden die Universitäten als Träger der reinen Lehre auch zu einer hochwichtigen Ge⸗ wissensangelegenheit für die Landesherren. kus diesem Geiste heraus sind die Streitigkeiten zu begreifen, die unter Philipps Enkeln nicht um Land und Leute allein, sondern wor allem um die Universität Marburg ausbrachen. Landgraf Philipp selbst hat durch seine unglückliche Erb⸗ teilung diesen Streit heraufbeschworen. Er teilte sein Fand unter seine vier Söhne mit starker Bevorzugung der ältesten Linie, die Univerfität aber sollte gemeinsamer Besitz sein. Nach dem baldigen Erlöschen der beiden mittleren Linien blieben Hessen⸗Cassel und Hessen⸗ODarmstadt allein übrig, und sie vermochten es nicht, sich in Frieden über die Marburger Erbschaft auseinanderzusetzen. Moritz von Cassel, verschwen⸗ derisch begabt, aber unstät, neigte dem Calvinismus zu, während der bedachtsam zähe Ludwig von Darmstadt fest Damit waren zugleich Gegensätze der Reichspolitik gegeben, die Calvinisten ar⸗ beiteten in der Union an der Sprengung des alten Reichs⸗ verbandes, während die lutherischen Fürsten an Kaiser und Reich in Treue festhielten. Als Moritz die Marburger Universität 1605 in calvi⸗ nistischem Geiste umzubilden begann, nahm Ludwig die ver⸗ triebenen Theologen auf und gründete mit lebhafter Zu⸗ stimmung der lutherischen Geistlichkeit seines Landes in Gießen 1605 ein gymnasium illustre, das 1607 am 9/19. Mai nach Einholung des Kaiserlichen Privilegs zur vollen Universität wurde. So ist Gießen eine der letzten Universi⸗ täten, die unter dem Seichen des alles geistige Leben bestimmenden Vonfessionalismus gegründet sind, Luthertum und hessen⸗darmstädtisches Interesse waren dabei aufs engste Patriarchalische Verbindung mit dem Fürsten⸗ haus und heftige Gegnerschaft gegen die Calvinisten bilden in der ersten Zeit die Kennzeichen der Ludoviciana. Dieser Gießener Geist blieb sich auch gleich, als die Hochschule 1625 nach dem vom KNaiser seinem kinhänger Ludwig zugesproche⸗ nen Marburg verlegt wurde, mit Recht rechnet man diese 25 Marburger Jahre doch der Ludoviciana zu. Das neue Gießen von 1650 an hat sich beschieden, allein den hessen⸗ darmstädtischen Landen zu dienen, zunächst im Zinne des alten lutherischen Konfessionalismus. Aber dann hat in der theologischen Fakultät, die noch immer vorherrschend blieb, der Geist der Spenerschen Bewegung früher als in irgend einer anderen deutschen Hochschule Aufnahme gefunden, und um die Wende des 17. und 18. Jahrhunderts ist der Pietis⸗ mus mit seiner Verinnerlichung des religiösen Lebens, seiner Erweichung der starren Dogmen, aber auch mit seiner Nei⸗ gung, die Erbauung vor die Studia zu stellen, bestimmend für die ganze Universität. Noch einmal wurde er von einer matteren Form der Orthodoxie abgelöst und dann mußte diese der Aufklärung weichen, die auch das patriarchalische Verhältnis von Landesherr und Universität veränderte. An⸗ dere, literarische Interessen wurden in Darmstadt am Hofe der großen Landgräfin Karoline maßgebend— es waren die Jahre, da auch Goethe von dem nahen Wetzlar oft nach Gießen herüber kam. Der Fürsorge des aufgeklärten Fürstentums für die wirtschaftliche Wohlfahrt des Landes entsprang 1777 die Gründung einer fünften ökonomischen Fakultät, deren Fächer auch nach Aufhebung ihrer Sonder⸗ stellung der Universität erhalten blieben. So stehen bis heute auch die wirtschaftlichen Bedürfnisse des Landes zu der Candesuniversität in besonders enger Beziehung. Als dann das alte Reich zusammenbrach, und Hessen gleich den anderen Staaten des südlichen und westlichen Deutschlands in die Gefolgschaft des Kheinbundes und unter die Fahnen des französischen Imperators gezwungen wurde, da wurde der für Gießen charakteristische Mann, Crome, einer der entschiedensten Bonapartisten in der deutschen Wissenschaft und Publizistik. Aber die Umkehr kam bald, und die akademische Jugend war es, die von dem durch das Volk wehenden Sturm der Befreiung zuerst ergriffen wurde. Wie jubelten sie Blücher zu, als er an der Spitze des Heeres einzog und in der Universitätsaula zu ihnen sprach, wie freudig zogen sie in den Kampf, als wenige Wochen später auch der Landesherr zur deutschen Sache übertrat und den Aufruf zur Bildung freiwilliger Jäger erließ. Nach dem Hbschluß des Krieges stieß die deutschnationale Begeisterung der Studentenschaft, die in der deutschen Burschenschaft ihren reinsten Ausdruck fand, hart zusammen mit dem alten Bona⸗ partismus, und die wachsende Enttäuschung über den Aus⸗ gang der deutschen Sache trieb gerade hier in Gießen die Jugend in einen republikanischen Radikalismus hinein, der bald in hellem Wahnwitz das Verhängnis einer volksfeind⸗ lichen Reaktion beschleunigen sollte. Trotz aller Irrungen dürfen wir uns aber heute der starken Gefühle freuen, die sich in diesen Jahren wieder ans Licht rangen. In der Hauptsache ging fortan die wissenschaftliche Ar⸗ beit an der Universität ihren weg unberührt von der politischen Entwicklung des engeren und des weiteren Dater⸗ landes. Das Glück, welches den meisten deutschen Univer⸗ sitäten einmal geworden ist, bahnbrechend voranzugehen und mit dem Glanze großer Namen ihren Schwestern die Wege zu weisen, hat der größte aller Gießener Professoren, Justus Liebig, auch unserer Hochschule für ein Menschenalter hindurch verschafft. Indem er von Entdeckung zu Entdeckung schritt, hat er die induktive Methode in den Unterricht ein⸗ geführt und das chemische Studium in einer Weise organi⸗ siert, die an deutschen und ausländischen Universitäten vor⸗ bildlich geblieben ift.— Auch die alten Disziplinen, die einst den Geist der Universität gelenkt hatten, haben unter dem Einfluß der entwicklungsgeschichtlichen Betrachtungs⸗ weise ihr Antlitz und ihr Wesen verändert. Das gilt von der Jurisprudenz, wie Ihering sie in seinem Geist des römischen Rechts auffaßte, und von der Theologie, seit Stade sie auf neue Wege führte. Die Gegensätze, die äußerlich und innerlich die Geschichte der Ludoviciana durchzogen, sind seit dem letzten Menschen⸗ alter in einer höheren Einheit und Harmonie aufgehoben. Territorialismus und Keichsinteresse bekämpfen einander nicht mehr; immer aufs neue empfinden wir, welchen Segen die einst politisch verhängnisvolle Territorialisierung des alten Reichs der Vielfältigkeit unserer höchsten Bildungs⸗ anstalten gebracht hat, und wir freuen uns, daß der bundes⸗ staatliche Charakter unseres Reichs die Erhaltung ihrer Sonderart auch weiterhin verbürgt. Der Redner schließt mit einem Ausblick auf die neuen Aufgaben, die die Zukunft dem Gesamtleben unseres Volkes und damit auch den Hochschulen bringen wird. Das alte Losungswort der Ludoviciana„armis et litteris ad utrum- que parati“ muß auch von ihrer zukünftigen Arbeit gelten, nicht in dem alten buchstäblichen Sinne, aber Erkenntnis und Forschung und Treue in der Arbeit, das sind die Waffen, die wir blank und scharf zu erhalten haben, damit wir Deutsche auch mit diesem Rüstzeug vor den Völkern bestehen. Hiernach betrat Se. Magnifizenz die Kanzel zu folgender Ansprache, welche den zweiten Akt der heutigen Feier, die Ehrenpromotionen, einleitete: Mitten in dem realen Leben des modernen Staates erhebt sich als unsichtbare Nacht der Freistaat der wissen⸗ schaftlichen Welt. Ein seltsam Gebilde dieser Staat, ohne feste Verfassung, ohne den Stufenbau amtlicher Gewalten, ohne den Unterschied von Gebietenden und Gehorchenden. Wer in diesem Staat über andere hervorragt, er tut es nicht als Sprößling alter Geschlechter, er dankt es nicht der Ernennung durch Kaiser oder König, oder der Wahl durch die Massen; er dankt es der eigenen Uraft, und seiner hoheit kann von außen nichts zugetan, nichts weg⸗ genommen werden. Solche Männer, sie spenden ihren Segen, ohne auszuschauen nach Gunst oder Dank. Aber, die diesen Segen empfangen, ihnen ist es dennoch Bedürfnis, laut in die Welt hinauszurufen: Ihr habt nicht umsonst gelebt, es der stumpfen Welt zu verkünden, das sind Eure Helden, zu denen schaut auf in Andacht und Ehrfurcht. Wertvolle Worte der Anerkennung, köstliche Gaben der Teilnahme, der werktätigen Hilfe sind uns in diesen Tagen entgegen gebracht worden. Dankbar freuen wir uns dessen. Aber wir empfinden es als teure Pflicht, selbst denen zu danken, deren Geist unseren Pfad erhellte, deren Arbeit die unsrige förderte und stützte; treu altem, schönem Brauch wollen heute unsre Fakultäten das einzige geben, was sie geben können; sie wollen sich selber ehren, indem sie jene Förderer und Mitarbeiter bitten, die höchsten akademischen Würden aus ihrer Hand entgegen zu nehmen. Es ist eine bedeutsame Runde von Geistesgrößen, an die die Fakultäten heute mit solcher Bitte herantreten. Aber eine Promotion darf heute vollzogen werden, die für unsere Cudoviciana eine Ehrung darstellt von ganz einziger Art, eine Promotion, die weit hinausführt über die gewohnten Bahnen des akademischen Lebens und die dennoch— heil uns!— im Kreise derer bleibt, die zu uns in den engsten Beziehungen stehen. Die Philosophische Fakultät hat beschlossen, die Würde eines Doktors der Philosophie ehrenhalber zu verleihen: Seiner Königlichen Hoheit dem Großherzog Ernst Ludwig von Hessen und bei Rhein, unserem erlauchten Rector magnificentissimus, und Seine Königl. Hoheit der Großherzog will die Gnade haben, diese Würde entgegenzunehmen. Ich bitte den Herrn Dekan der philosophischen Fakultät, die Verkündigung dieser Promotion vorzunehmen. Hierauf verlas der Dekan, Herr Professor König, das Doktordiplom, welches folgenden Wortlaut hat: Tief durchdrungen von der Bedeutung der Kunst und des künstlerischen Empfindens für die Erziehung unseres Volkes haben wir, die philosophische Fakultät der Groß⸗ herzoglich Hessischen Landesuniversität, beschlossen zur Feier des dreihundertjährigen Bestehens unserer Hochschule un⸗ sern Allergnädigsten Landesherrn und Rector Magnificentissimus, den verständnisvollen und un⸗ ermüdlichen Förderer aller idealen Bestrebungen in unserm hessischen Vaterlande, den kunstbegeisterten Fürsten, der freien Geistes und unbefangenen Urteils durch Berufung hervorragender Kräfte Seine Hauptstadt zum Mittelpunkt einer neuen künstlerischen Entwickelung gemacht und eine Fülle fruchtbarer, künstlerischer Anregungen in Seinem Lande ausgestreut hat, geine Fönigliche Hoheit den Großherzog Ernst Ludwig von Zessen und bei Bhein ehrenhalber zum Doktor der Yhilosophie zu ernennen. Dessen zum Seugnis ist diese Urkunde ausgestellt, mit dem großen Siegel der Universität versehen und von Rektor und Dekan unterschrieben worden. Gießen, am 2. August 1907. Der Rektor: Behaghel⸗ Der Dekan: König. Die übrigen Ehrenpromotionen vollzogen die Dekane in der historischen Reihenfolge der Fakultäten. Es begann Herr Geh. Kirchenrat Krüger wie folgt: Die theologische Fakultät hat erst vor wenigen Jahren eine größere Zahl von Promotionen vollzogen. Die Ge⸗ dächtnisfeier der Geburt Landgraf Philipps des Großmüti⸗ gen im Jahre 1904 gab ihr willkommenen Anlaß, sich im Kreise der hessischen Geistlichen nach Männern umzuschauen, die würdig sein möchten, mit der höchsten, von einer Fa⸗ kultät zu verleihenden Ehrung ausgezeichnet zu werden. Das Fest, das wir heute begehen, ist ein im besonderen Sinne akademisches Fest, und dabei die Ukademiker zu ehren, liegt uns vor allem am Herzen. Aber auch diesmal hat sich die Fakultät es nicht versagen mögen, der Hessen zu gedenken, die, im praktischen Amte stehend und von seinen Forderungen voll in Anspruch genommen, doch Fühlung halten mit der Wissenschaft und ihr mit ihrer Arbeit zu dienen suchen. Ich promoviere zu Doktoren der Theologie Karl Weber, Pfarrer in Lich, Johannes Waitz, Pfarrer der Martinsgemeinde in Darmstadt, jenen als den gründlichen und feinsinnigen Nenner der Humnologe und der Liturgik, diesen als den scharffinnigen und anregenden Forscher auf dem Gebiet der altkirchlichen Literatur. Die an den evangelisch⸗theologischen Fakultäten noch immer zu Recht bestehende Sitte, für die Bekleidung des akademischen Lehramtes im weiteren Sinn den Besitz des Grades eines Lizentiaten der Theologie für ausreichend zu halten, die Würde eines Doktors der Theologie aber in der Regel erst den Inhabern eines ordentlichen Cehramtes inner⸗ halb einer Fakultät zu übertragen, hat vielfach die Folge, daß verdienten Gelehrten, denen aus irgend einem Grunde ein solches Lehramt noch versagt geblieben ist, der Schmuck der höchsten akademischen Würde allzulange vorenthalten blieb. Wir haben aus der Sahl dieser Gelehrten zwei her⸗ ausgehoben, denen wir den Soll unserer Hochachtung dar⸗ zubringen besondere Veranlassung zu haben glauben: den außerordentlichen Professor der Theologie an der Universi⸗ tät Kiel i ö Lic. Albert Eichhorn, den gedankenreichen Fragensteller, Anreger und Pfadfinder, den selbstlosen Berater der religionsgeschichtlichen For⸗ schung; den außerordentlichen Professor der Theologie an der Universität Göttingen Lic. Dr. Rudolf Otto, der, in historischer Forschung wohl bewandert, durch Kennknis der Naturwissenschaft der Gegenwart ausgezeichnet, natu⸗ ralistischer Weltansicht gegenüber die religiöse zu behaupten wußte. a Handelt es sich bei der Promotion der genannten Aka⸗ demiker um einen Akt ausgleichender Gerechtigkeit und ver⸗ dienten Anerkennung, so ist doch diese Jubelfeier vor allem geeignet, den Dank zum Kusdruck zu bringen, den wir den Männern schulden, die, obwohl Nichttheologen, unsere Wissenschaft in hervorragender, oft bahnbrechender Weise gefördert haben. Die Fakultät erinnert sich am heutigen Tage gerne daran, was die Leistungen der Geschichtswissen⸗ schaft, insbesondere der Religionsgeschichte, auch für ihre Arbeit bedeuten. Und dabei darf unser Blick der Grenz⸗ pfähle nicht achten, die die Völker scheiden. Daß die Wissen⸗ schaft international ist, muß auch in diesen Ehrungen zum Husdruck kommen, die ihre berufenen Vertreter verteilen. In unserem Vaterlande hat die klassische Altertums⸗ wissenschaft seit längerer Zeit an der geschichtlichen Er⸗ forschung religiöser Probleme lebhaften Anteil genommen, und es il ihr gelungen, dabei neue Wege zu zeigen und selbst zu gehen, die der cheeologischen Fachwissenschaft zu erschließen kaum gelungen wäre. Neidlos begrüßen wir die Bundesgenossen, wo sie sich selbst das Verständnis bewahrt haben für die Reinheit und Höhe des Christenkums, als der Blüte aller religiösen Entwicklung und es als solche freudig anerkennen. Darum promoviere ich den ordentlichen Professor der klassischen Philologie an der Universität Breslau, Paul Wendland, der aus der Fülle seiner Gelehrsamkeit die Beziehungen der hellenistisch⸗römischen Kultur zu Judentum und Christen⸗ tum bahnbrechend untersucht und in neue Beleuchtung gerückt hat. Unter den Ausländern gedenken wir an erster Stelle des Nestors unter den Gelehrten englischer Zunge Dr. henry Charles Lea in Philadelphia, des ausgezeichneten Forschers auf dem Gebiet des mittel⸗ alterlichen Ablaßwesens und der Inquisition, und schließen ihm einen jüngeren Gelehrten an: Frederick Cornwallis Conybeare, ehemaligen Fellow des Universitn College in Oxford, Fellow der British Hlcademn, Officier d'Hcademie, Mitglied der Ar⸗ menischen Akademie in Venedig, den gelehrten Kenner, den verdienstoollen Ausleger und Übersetzer der altchristlichen armenischen Literatur. Aber auch unseren Nachbarn jenseits des Rheins ent⸗ bieten wir unsern akademischen Gruß. In dem Bewußtsein, damit auch an unserem Teil der Einigung der Völker im Ringkampf um die höchsten Güter der Renschheit zu dienen, verleihen wir die Würde eines Doktors der Theologie zwei französischen Gelehrten, deren Name weit über die Grenzen Frankreichs bekannt geworden ist: dem Professor der Re⸗ ligionsgeschichte am College de France Jean Réville, dem verdienstvollen herausgeber der Revue de Phistoire des Religions, dem feinfühligen und formsicheren Darsteller der zellenistischen Religion, dem ausgezeichneten Erforscher früh⸗ christlicher Einrichtungen und Vorstellungen, und dem Pfarrer Paul Sabatier, Doktor der Universität Oxford, Mitglied der Accademia dei Lincei, Ehrenbürger von Assisi, dem glänzenden, kunstreichen Darsteller des Lebens des hl. Franziskus, dem glücklichen Finder und scharfsinnigen Ausleger neuer, für die Kenntnis des Heiligen und seines Ordens wichtiger Quellen, dem lief⸗ lichenden und unparteiischen Betrachter der schweren kir⸗ Kenpolitischen Kämpfe im gegenwärtigen Frankreich. Die Geschichtswissenschaft erleuchtet mit ihrer Fackel die vielfach verschlungenen Pfade vergangener Zeiten. Wir gedenken auch der Gegenwart und schauen in die Zukunft. So freuen wir uns der Genossen im Kampf um die Welt⸗ anschauung und für die Erhaltung freien unabhängigen Sinnes an unseren hochschulen. Wir bringen ehrfurchts⸗ vollen Dank dem reifen kilter, freudig aufmunternden Gruß der kühnen Jugend entgegen. So promoviere ich zum Schlusse dieser feierlichen handlung: den ordentlichen Pro⸗ fessor der Philosophie an der Universität Berlin Dr. Friedrich paulsen, den tapferen und gerechten Forscher, den gütigen und ehr⸗ ürdigen Lehrer, den fruchtbaren und einflußreichen Schrift⸗ eller, den besonnenen Freund und Förderer der evangeli⸗ en Kirche, Theologie und Schule, endlich den Lizentiaten er Theologie ü Friedrich Michael Schiele in Tübingen, den wirksamen Kenner deutschen Glaubens und deutscher Denker, den umsichtigen Beobachter der christlichen Gegen⸗ wart, den treuen Freund der protestantischen Volksschule, den schlagfertigen Kämpfer für freie Wissenschaft an den theologischen Fakultäten deutscher Hochschulen. Den neuen Doktoren nah und fern und uns allen rufe ich die alten Worte zu: Wir können nichts wider die wahr⸗ heit, sondern für die Wahrheit. Die Wahrheit wird uns frei machen. — — S. W nach dem Dekan der theologischen Fakultät trat der der juristischen, herr Professor van Calker, auf: Auch die Juristenfakultät der Ludoviciana übt, ihres dreihundertjährigen Promotionsrechts mit dankbarem Stolze gedenkend, beim Eintritt in ihr viertes Jahrhundert freudig den alten Brauch. Sie verleiht zum heutigen Tage die Würde eines doctoris juris utriusque honoris causa ö Seiner Exzellenz dem Großherzoglichen Staatsminister und Minister der Justiz Karl Ewald, der lange Jahre hindurch als Mitglied des deutschen Reichs⸗ gerichts für deutsche Gerechtigkeit und deutsches Recht ge⸗ wirkt hat, der auf den Ruf seines Fürsten seines Lebens Arbeit in den Dienst der hessischen Heimat stellte, dem höchsten Berater der Krone, dem hochgesinnten Freunde und Förderer des Rechts und der Wissenschaft; dem Wirklichen Geheimen Gberregierungsrat, Professor Dr. Adolf Harnack, Generaldirektor der Bibliotheken in Berlin, dem hervor⸗ ragenden, von uns wie im Auslande mit Recht gefeierten Gelehrten, der mit dem Reichtum seiner Gedanken das eigene wissenschaftliche Gebiet wie kaum ein Sweiter an⸗ geregt und gefördert hat, dem Forscher, dessen Werke auch für die Geschichte des kirchlichen Rechts und der kirchlichen Derfassung neue Probleme nicht nur gestellt, sondern selbst in mustergültiger Weise gelöst haben, dem früheren Mit⸗ glied des Lehrkörpers unserer Hochschule, dessen Namen 1 Andenken die Ludoviciana mit Stolz in ihren Annalen ührt; dem Professor der Nationalökonomie an der Universität Leipzig, Dr. Karl Buecher, dem langjährigen und beliebten Lehrer auch der juristischen Jugend, der durch die Erforschung des ökonomischen und sozialen Lebens der Vergangenheit der Rechtsgeschichte neue Grundlagen gebaut, der durch tapfere Aufklärung wirt⸗ schaftlicher Verhältnisse der Gegenwart der Gesetzgebung wertvolles Material geschenkt hat; dem Professor der deutschen Geschichte an der Universität Göttingen, Dr. Max Lehmann, der in nie ermüdender Forschung die in den Archiven schlummernden Urkunden deutscher Geschichte und deutschen Rechts mit neuem Leben erfüllt hat, der die kirchenpolitische Entwicklung des Mönigreichs Preußen in ihren Grundlagen untersucht, der die Wiedergeburt des preußischen Staats und das Emporwachsen Preußens in den höchsten nationalen Aufgaben durch eine glänzende, begeisternde Darstellung des Lebens seiner größten Männer geschildert hat; dem Professor an der Universität Florenz, Girolamo Ditelli, dem ausgezeichneten Altertumsforscher, dessen palaeo⸗ graphische Meisterschaft und umfassende Sachkenntnis in seiner Veröffentlichung griechischer Rechtsurkunden dem Studium der antiken Kechtsentwicklung die wertvollsten Dienste geleistet hat; Gberlandesgerichtsrat Wilhelm Keller in Darmstadt, dem langjährigen angesehenen Mitgliede des Oberlandesgerichts und des Derwaltungsgerichtshofes zu Darmstadt, dem verdienstvollen Mitbegründer und Heraus⸗ geber der Hessischen Rechtsprechung; dem kaiserlichen Oberstaatsanwalt am Oberlandes⸗ gericht Colmar, Hugo Molitor aus Alzey, dem einstigen Schüler der alma mater Ludoviciana, der durch seine schöpferische Mitarbeit bei dem Erlasse des elsaß⸗ lothringischen Ausführungsgesetzes zum deutschen bürgerlichen Gesetzbuchs dem Vordringen des deutschen Rechts an der Westmark des Keichs siegreiche Bahnen gewiesen hat, der durch vortreffliche Interpretation jenes Gesetzes sich um die Einheit und um die Wissenschaft des bürgerlichen Rechts verdient gemacht hat; dem kgl. sächs. Hofrat Hermann Tredner; Verlagsbuchhändler in Leipzig, dem hochangesehenen Ver⸗ leger zahlreicher, die Wissenschaft und die Praxis des Rechtes fördernder Werke, der mit pietätvoller Liebe an der alten hessischen heimat hängt und für sie auch in seiner neuen Heimat wirkt, dem treuen Sohne der Stadt Gießen, der eingedenk seines Ursprungs aus dem akademischen Kreise sich um das Wohl der Witwen und Waisen der Dozenten der Cudoviciana hochverdient gemacht hat. An dritter Stelle sprach Herr Professor Kossel: Von dem Gefühl des Dankes beseelt, gedenkt die medi⸗ zinische Fakultät heute der Männer, die, obwohl selbst nicht Hrzte, im Sinne ärztlicher Bestrebungen gewirkt haben und durch ihre Forschungen Mitarbeiter an dem Ausbau der medizinischen Wissenschaft geworden sind. Hus ihren Reihen ernennen wir ehrenhalber zu Dok⸗ toren der Medizin: Se. Exz. Artur Graf von posadowsky⸗ Wehner, den hervorragenden Staatsmann, der sich an die Spitze der Bewegung zur Bekämpfung der verderblichsten Volkskrank⸗ heit gestellt hat, dessen Tätigkeit auf dem Gebiete der so⸗ zialen Gesetzgebung reichen Gewinn für die Hebung der Volksgesundheit zu tragen verspricht, den Professor für Phusik an der Universität Freiburg Franz himstedt, den Professor für Philosophie an der Universität Würzburg i Oswald Külpe den Professor für Zoologie an der Universität Utrecht Wilhelm hubrecht, den Professor für Phufik an der Universität Leipzig Otto Wiener, die Meister der Beobachtung und des Experiments, aus deren Arbeiten die Wissenschaft von den Lebensvorgängen stets neue Anregung schöpft, den Geheimen Kommerzienrat Couis Merck zu Darmstadt, den berdienstvollen Leiter der Firma E. Merck, die vor einem Jahrhundert mit der Reindarstellung unserer wich⸗ tigsten Heilmittel vorangegangen ist und in der Neuzeit die Errungenschaften der synthetischen Chemie verwertend, die Heilkunde mit einer großen Sahl wirksamer Stoffe be⸗ reichert hat, den Sahnarzt Georg Wilhelm Koch zu Gießen, den Ehrenvorsitzenden des Vereins hessischer Zahnärzte, für deren Ausbildung er ein halbes Jahrhundert hindurch seine besten Kräfte eingesetzt hat, denen er allzeit ein treuer Helfer beim Lernen und ein ebenso gewissenhafter wie wohl⸗ wollender Prüfer gewesen ist. Zu Doktoren der Veterinärmedizin ernennt bei dem Jubelfest die vereinigte medizinische Fakultät: die Professoren der Tierheilkunde an der tierärztlichen Hochschule zu Berlin [Eugen Fröhner und Wilhelm Johann Schü tz, den Professor an der tierärztlichen Hochschule zu Han⸗ nover Karl Dammann, die ausgezeichneten Lehrer und Forscher, die Wissenschaft und Anwendung der Tierheilkunde in gleichem Maße ge⸗ fördert haben, 22 77 . 1 — den Geheimen Regierungsrak im Kaiserlichen Gesund⸗ Heitsamt Georg Röckl, den früheren Hochschullehrer, der, lange Jahre im Reichs⸗ dienst unermüdlich tätig, bedeutsamen Anteil an dem Aus⸗ bau der Seuchengesetzgebung genommen hat, den Professor der hygiene an der Universität Greifswald Friedrich Löffler, den hervorragenden Bakteriologen, der rastlos bestrebt ist, wissenschaftliche Errungenschaften für die Bekämpfung an⸗ steckender Tierkrankheiten nutzbar zu machen. Den Beschluß machte Herr Professor König: Neben den drei großen Fachfakultäten stand einst die philosophische Fakultät als diejenige, welche die Wissenschaft um ihrer selbst willen pflegte; sie war es, die im Gegen⸗ satz zu den praktischen Anwendungen der Grundlagen aller Wissenschaften behandelte und die zugleich das Band einer allgemeinen wissenschaftlichen Bildung um die Hörer der drei andren Fakultäten schlang. Cängst hat sie diese Stellung verloren; auch unsere Hörer sind heute Studenten eines besonderen Faches und was sie treiben, ist ein Brotstudium. kiber die Universalität ihrer ursprünglichen Aufgabe hat die philosophische Fakultät behalten. Sie kommt nicht bloß darin zum Ausdruck, daß diejenige Wissenschaft, von der sie ihren Namen trägt, die Philosophie noch immer an der Spitze der Fakultät steht. Sie kommt nicht minder zum Husdruck in der bielseitigkeit der Sonderfächer, in die der ursprüngliche Lehrinhalt der Fakultät sich im Laufe der Entwicklung gespalten und durch Angliederung praktischer Fächer erweitert hat. Entsprechend dieser Vielgestaltigkeit ist die Zahl der Namen, die die Fakultät heute in die Ehren⸗ liste ihrer Doktoren einverleibt, größer als bei den Schwester⸗ fakultäten, und bunter und wechselvoller sind die Gründe, die für die Auswahl dieser Namen maßgebend waren. Vor allem hat es die Fakultät als eine Pflicht der Dankbarkeit erachtet, der Förderung zu gedenken, die bei Aufgaben der wissenschaftlichen Forschung und Bildung alle Jeit durch unsere Staatsregierung erfahren. Es sei uns gestattet, in dieser Stunde den Empfindungen des Ver⸗ trauens und der Derehrung Kusdruck zu geben, die wir dem Manne entgegenbringen, der seit kurzem an der Spitze des Ministeriums des Innern steht. Aber wir dürfen ihm unsere Huldigungen bei diesem Anlasse doch noch in einem ganz anderen Sinne darbringen. Er ist seit Jahren die Seele der sozialpolitischen Gesetzgebung in Hessen. Seiner vorwärtsdrängenden Tatkraft verdankt hessen eine Reihe bedeutsamer und vorbildlicher wirtschaftspolitischer Maß⸗ nahmen. Dem Sozialpolitiker, dem glücklichen Vermittler zwischen wirtschaftspolitischen Gegensätzen gilt es, wenn ich Se. Exzellenz den Minister Ernst Braun bitte, das Diplom eines Ehrendoktors der Philosophie aus meiner Hand entgegenzunehmen. Mit besonderer Freude benützen wir die Gelegenheit zu einer öffentlichen Kundgebung unserer Dankbarkeit dem Manne gegenüber, der als Verkreter der Stadt Gießen im hessischen Landtage unermüdlich mit Kraft und Wärme für die Interessen der Landesuniversität eingetreten ist. Wir bringen diesen Dank zum Ausdruck, indem wir ehren⸗ halber zum Doktor der Philosophie ernennen den Justizrat Dr. jur. Egid Gutfleisch in Gießen. Die Fakultät gedenkt ferner in dieser Stunde der Män⸗ ner, die an unserer Hochschule in früheren Jahren gelehrt haben, und wünscht Seugnis dafür abzulegen, daß das Gedächtnis ihrer Wirksamkeit und das Interesse an ihrer wissenschaftlichen Arbeit an der Ludoviciana unvermindert erhalten bleibt. In diesem Sinne ernennt sie ehrenhalber zum Doktor der Philosophie den Professor der Theologie an der Universität Halle, i b Ferdinand Kattenbusch, in Erinnerung an seine langjährige hiesige Lehrtätigkeit und in Anerkennung seiner bahnbrechenden Forschungen über Glaube und Leben der christlichen Kirchen in Dergangen⸗ heit und Gegenwart. Aber nicht bloß dem akademischen Berufsgenossen gel⸗ ten unsere Huldigungen, sondern jedem, der selbstlos und hingebend seine Kräfte dem Dienste der wissenschaftlichen Forschung widmet. Wir freuen uns in diesem Geiste gemein⸗ samen wissenschaftlichen Strebens die höchste akademische Aus⸗ zeichnung zwei Männern unseres Hessenlandes zusprechen zu können, dem Oberlehrer Professor Karl Berger in Darmstadt, der in seinen Schriften über Schillers Asthetik und in seiner Schillerbiographie philosophische Einsicht mit gründ⸗ licher Gelehrsamkeit und vortrefflicher Darstellungsgabe ver⸗ bindet, und dem Konservator am naturhistorischen Museum in Mainz, a a Wilhelm von Reichenau, dem wir unsere Anerkennung in gleichem Maße für seine Beiträge zur geologisch⸗paläontologischen Erforschung des Mainzer Beckens, wie für seine ausgezeichneten Leistungen im Dienste der naturwissenschaftlichen Bildung als Organi⸗ sator der Mainzer naturhistorischen Sammlungen aussprechen müssen. In dem gleichen Sinne der Knerkennung hervorragender wissenschaftlicher Leistungen senden wir unsern akademischen Festgruß einer Reihe von Männern unseres weiteren Dater⸗ landes. Wir ernennen ehrenhalber zum Dohtor der Phi⸗ losophie den Geheimen Oberregierungsrat Heinrich Brunner, Professor der Rechte an der Universität Berlin, den bedeutendsten Dertreter der Rechtsgeschichte in Deutsch⸗ land, der durch seine zahlreichen Arbeiten auf diesem Ge⸗ biete, vor allem durch seine groß angelegte deutsche Rechts⸗ geschichte ebenso sehr der allgemeinen historischen wie der speziell rechtsgeschichtlichen Forschung die fruchtbarste und nachhaltigste Anregung gegeben hat. Mir ernennen zum Ehrendoktor unserer Fakultät den Architekten Georg Kawerau, Direktorial⸗Assistenten bei der Station der Möniglich Preußischen Museen in Nonstantinopel, in Anerkennung der ausgezeichneten Hilfe, die seine Kenntnisse, sein Scharfsinn, seine zeichnerische Kunst der Erforschung griechischer Ruinen⸗ stätten leistet. Wir verleihen die gleiche Würde dem unübertroffenen Kenner der Bienen, Herrn heinrich Friese in Schwerin, in Würdigung der großen Verdienste, die er sich durch seine unermüdlichen Forschungen über die Jystematik und die Le⸗ bensweise der Bienen erworben hat. Wir reichen den wissenschaftlichen Lorbeer dem kühnen Besteiger des Kilimandjaro, dem Professor Dr. jur Hans Meyer in Leipzig, dem unermüdlichen Erforscher und Förderer unserer Nolo⸗ nien, der zugleich der rührige Leiter eines alten hoch⸗ angesehenen Verlagshauses ist. Die Fakultät wünscht endlich in dieser Stunde ihre be⸗ sonderen Sympathieen noch zwei Männern unseres deutschen Vaterlandes auszudrücken, deren Tätigkeit, gerichtet auf die Verfeinerung und Vertiefung unseres sprachlichen und unseres künstlerischen Empfindens, nicht einem Spezialgebiete der Wissenschaft, wohl aber dem Geistesschatze unseres gesamten Volkes, seiner Geistes⸗ und Herzensbildung zu Gute kommt. Wir ernennen zu Ehrendoktoren den Geheimen OGberbaurat Otto Sarrazin in Berlin, der als Vorsitzender des deutschen Sprachvereins den Kampf für deutsche Art in der deutschen Sprache kämpft, und den Schriftsteller Ferdinand Avenarius in Dresden, * * 9—— 3 3 N den erfolgreichen Förderer der ästhetischen Kultur in Deutsch⸗ land. Aber so stolz wir uns des Besitzes bedeutender Männer erfreuen, so wenig wollen wir vergessen, daß die wissenschaft⸗ liche Forschung an keine Landesgrenzen gebunden ist. Auch die Philosophische Fakultät bedient sich des schönen Vorrechts, bei so feierlichem Anlasse ihren akademischen Ehrengruß den Fachgenossen anderer Fänder zuzurufen. Wir begrüßen als unseren Ehrendoktor aus dem stammverwandten Ester⸗ reich den K. K. Hofrat Adolf Ritter von Guttenberg, Professor an der K. K. Hochschule für Bodenkultur in Wien, der durch seine vortrefflichen Schriften über die verschie⸗ densten Gebiete der Horstwissenschaft, durch seine erfolgreiche Lehrtätigkeit und durch ausgedehnte praktische Berufs⸗ arbeiten sich um die Horstwissenschaft, besonders um die Forstbetriebseinrichtungen, ausgezeichnete Verdienste erwor⸗ ben hat. Unsere Gedanken wandern über die Alpen und huldi⸗ gen der Wissenschaft Italiens in der Person des Professors Pio Rajna in Florenz, des ausgezeichneten Kenners der romanischen Citeratur des Mittelalters, und sie überschreiten die Grenze, um die einst so hart gekämpft worden ist, um die höchste Ehrung einer deutschen Universität einem französischen Forscher dar⸗ zubringen, der sich in besonderem Maße um die friedliche Eiinigung der beiden Völker durch die Vermittelung der Kenntnis deutscher mathematischer Forschung an seine Lands⸗ leute verdient gemacht hat, dem Professor der Mathematik Jules Molk in Nancy. Wir gedenken endlich der ausgezeichneten Leistungen englischer und amerikanischer Forscher, indem wir ehren⸗ halber zu Doktoren ernennen: den Professor des Arabischen an der Universität Cam⸗ bridge, Edward G. Browne, den hervorragenden Kenner der Literatur und Geschichte der Perser und der Türken, dem wir vor allem für seine ein⸗ gehenden Studien über die modernen Reformbewegungen innerhalb des persischen Islam zu Danke verpflichtet sind; ferner den Professor der politischen OGkonomie an der Universität Chicago, 4 J. Laurence Caughlin, den scharfsinnigen Kenner der Finanzwissenschaften und ener⸗ gischen Förderer der wissenschaftlichen Annäherungsbestre⸗ bungen zwischen Deutschland und Amerika, der seinen Lands⸗ leuten die Methoden und Resultate deutscher nationalökono⸗ mischer Forschung zu vermitteln bestrebt ist und die Deutschen hinwiederum mit den Grundlagen der nordamerikanischen Dolkswirtschaft vertraut machte; endlich den Professor der Physik Ernest Rutherford, bisher an der Universität zu Montreal, künftig an der Universität zu Manchester, den kühnen Erforscher und Deuter der radioaktiven Erscheinungen, der in seinem großen Lehr⸗ buche der Kadioaktivität eine meisterhafte Darstellung dieses neuen wunderbaren Gebietes gegeben hat und der mit seiner Lehre vom radioaktiven Atomzerfall auf neuen, vielverheißen⸗ den Bahnen unserer Naturerkenntnis wandelt. Der alte akademische Brauch ist vollzogen. Wie bei der Gründung unserer Hochschule, und bei den früheren Jahr⸗ hundertfeiern, haben wir auch dieses Mal eine stattliche Anzahl von Namen der bedeutendsten Seitgenossen in das goldene Buch der Cudoviciana eingetragen. Möge ihr Glanz weit hinausleuchten in das kommende Jahrhundert unserer Hochschule, als Wahrzeichen und Wegweiser in der tastenden Forscherarbeit, als Panier, unter dem wir kämpfen, als Dorbild, dem wir nachstreben und nachzustreben lehren. So sei es geschehen den Alten zur Wehr, den Jungen zur Lehr, Allen zur Ehr. 5 2³ Gartenfest Sr. Königlichen Hoheit. Die Großherzoglichen Herrschaften hatten um 1½ Uhr im Hause Sr. Magnifizenz des Rektors das Frühstück ein⸗ genommen, um 4 Uhr empfingen sie unter den herrlichen Bäumen des botanischen Gartens die Ehrengäste, die Herren des Lehrkörpers und der Bibliothek mit ihren Damen, die Assistenten und Beamten der Universität, sowie Vertreter der Sivil⸗ und Militärbehörden und der Bürgerschaft. Die hohen Herrschaften unterhielten sich huldvoll mit vielen der Geladenen, denen der Kufenthalt in dem schönsten Garten Gießens auch durch Musik und Erfrischungen aller Art verschönt wurde. 8 Nachträge zu Nr. 2. Durch ein Versehen ist in der gestrigen Nummer der Ver⸗ fassername der zündenden Jubiläumsposse ausgelassen wor⸗ den. Es werden ihn wohl alle Leser des Tageblatts kennen, aber der historischen Genauigkeit zu Liebe wollen wir doch ausdrücklich sagen, daß der reizende Scherz ein Werk des Geh. Hofrats Professor Dr. Eugen Netto ist. Wir fügen hinzu, daß die Herren Netto und Fabricius in der Pause von den Großherzoglichen Herrschaften in ihrer Loge em⸗ pfangen wurden. Nachzutragen ist auch eine bedeutsame Ehrung, die der juristischen Fakultät von allen früheren juristischen Dozenten Gießens erwiesen worden ist. Professor Frank (Tübingen) überreichte in ihrer aller Namen eine Fest⸗ schrift, zu der 14 von ihnen Beiträge geliefert haben. Un Tagen so gedrängter Arbeit, wie sie das Fest für Berichterstatter und Setzer mit sich bringt, feiert der Druck⸗ fehlerteufel seine fröhlichsten Orgien, die Leser werden seine Bosheit auch in den Spalten des Tageblattes merken— und hoffentlich verzeihen. Feststellen wollen wir heute nur, daß die Kette das Zeichen der Ehrung, nicht Verehrung, ist, daß die einzelnen Universitäten ihre Glückwünsche natürlich nicht in Abrissen, sondern in Adressen niedergelegt haben, und daß sich der Rektor der Baseler Universität noch immer Meier(nicht Meyer) schreibt, wie das Verzeichnis der Ehren⸗ gäste in Ur. 1 ja richtig angibt. Wir sind auch in der Lage, den gestrigen Trinkspruch des Herrn Geh. Kirchenrat Krüger nach einem Stenogramm Königliche Hoheit! Hochansehnliche Festversammlung! Se. Exzellenz der Herr Staatsminister hat soeben in mitzuteilen: überaus wohlwollenden Worten der Landesuniversität ge⸗ dacht und dabei, wie heute früh schon Se. Exzellenz der Herr Minister des Innern, mit besonderem Nachdruck das hohe Maß von Selbstverwaltung hervorgehoben, das unsere Universität, darin vor manchen anderen Nörperschaften bevor⸗ zugt, genießt. Wir sprechen Sr. Exzellenz, als dem ersten Vertreter der Regierung, deren Spitzen in diesem Raume versammelt sind, unseren ehrerbietigsten Dank aus, einen stolzen Dank, wenn das Wort gestattet ist, denn wir sind uns bewußt, daß wir unsere Pflicht erfüllen, und daß wir das große Dertrauen, das unsere Regierung in uns fetzt, völlig rechtfertigen. Wir versprechen der Großh. Regierung unter Einsetzung unserer Person, daß wir die Craditionen, die wir übernommen haben, hochhalten, sie selbst weiter schaffen und auf die künftigen Geschlechter vererben wollen. Gestützt auf die Vergangenheit, mit sicherem Fuß durch die Gegenwart schreitend, mit kühner Hoffnung der Hukunft entgegen, so wollen wir die geistigen Güter, die unserer Hut anvertraut sind, hegen und pflegen in Gemeinschaft und Gefolge einer erlauchten Regierung, die uns dazu die wege offenhält. Um das zu können, find wir freilich nicht nur auf das Wohlwollen unserer Regierung angewiesen. Wir haben auch den Landständen zu danken, die die schwere Hlufgabe haben, den immer wachsenden Bedürfnissen der Universität nicht nur das gleiche Interesse, sondern auch die gleiche Opferwilligkeit entgegenzubringen. Wir wissen es and genau, meine Herren von der Ersten und Sweiten ammer, daß der Haushalt der Universität allmählich zu einer Höhe angeschwollen ist, die für einen kleinen Staat kaum noch erträglich scheint. Aber wir halten es für unsere Pflicht und werden von dieser Pflicht nicht lassen ohne Rücksicht auf irgendwelche außerhalb der Universität liegenden Verhältnisse, unsere wünsche geltend zu machen. Gb diese Wünsche befriedigt werden können, das ist freilich Sache der Stände. Wir danken den Vertretern der Stände, die unter uns weilen, und bitten um ferneres Wohlwollen. Wir danken auch der Provinz und Stadt nicht nur für die reichen Schenkungen, sondern auch für das mannigfaltige Entgegenkommen, für die reiche Unterstützung, die wir bei der Vorbereitung dieses Festes gefunden haben. Wir tun es aber auch im Bewußtsein, daß wir nicht nur der empfangende, sondern auch der gebende Teil sind und dabei wollen wir nicht zu den gemeinen Naturen gezählt werden, die, mit Schiller zu reden, mit dem zahlen, was sie haben, sondern die damit zahlen, was sie sind. Das macht uns freilich oft unbequem, aber man muß sich daran gewöhnen, daß die erwachsenen Söhne nicht immer den Weg gehen, den ihnen die sorgsame Mutter in zarter Fürsorge vorschreiben will. Wir danken Ihnen aber, meine Herren von der Pro⸗ vinz und Stadt, für alles Freundliche, was Sie uns erwiesen haben in diesen Tagen. Wir danken insbesondere den Herren, die uns nicht nur mit Rat, sondern auch mit Tat unterstützt haben, gedenken an dieser Stelle auch dessen, dessen Rat hier für die Vorbereitung des Sestes sehr wert⸗ voll gewesen war und der es nicht mehr hat erleben dürfen. Auch dem Militär schulden wir Dank. Es ist nicht leicht, meine Herren Kollegen aus Gießen, daß ein Offiziers korps so zu sagen seine Kapelle in Urlaub gibt, wo doch Dienst und Geselligkeit im eigenen Korps nicht stille stehen. Aber mehr als das gelten uns die freundschaftlichen Winke und Ratschläge, die uns der Oberkommandeur des Kaiser⸗Regi⸗ ments hat zu teil werden lassen, und die wir zu unserem Nutzen befolgt haben. Und nun denken Sie wohl, ich sei am Ende? Das bin ich noch nicht. Das Schönste an der Jubelfeier ist das Wiedersehen mit den alten herren. Hunderte und Tausende feiern augenblicklich in unserer Stadt ein solches Wiedersehen. Auch an dieser festlichen Tafel sitzen da und dort gute Bekannte und liebe Freunde, dahin winkt die hand und hierhin grüßt Verantwortlich für die Redakklon: K. Körte. Druck der Brühl'schen Universitäts⸗Buch⸗ und Steindruckerei. R. Tange, Gießen. das Huge und der Sonnenschein der Freude liegt auf den Gesichtern. Fast ein halbes Hundert unserer früheren Kollegen sind unserer Einladung gefolgt. Sie haben damit gezeigt, daß sie an Gießen nach wie vor mit besonderer Suneigung hängen. Worauf gründet sich das? Und was ist denn das für ein Geheimnis, das Sie immer wieder nach Gießen zieht, meine Herren Kollegen? So bevorzugt ist doch Gießen nicht, daß es sich mit den berühmten Städten messen könnte, in denen viele unserer Freunde jetzt dozieren. Ich will es Ihnen verraten, das Geheimnis, meine Herren Kollegen. Es ist nicht nur die freie Luft in Gießen, was sie hierher zieht. Sie haben in Gießen die Jahre verbracht, in denen alles, was in Ihnen zum Lichte strebte, zu reifen begann, in denen sie es besprochen, mit lieben Gesellen und guten Freunden in Slur und Wald, um es nachher beim Schein der Studier⸗ Lampe zu vergleichen, zu verarbeiten,— es an klugen Schülern so zu sagen auszuprobieren, um es dann allmälig hinüber zu führen in diejenige Form, in der es auf weite Kreise nah und fern wirken soll. Das ist es, da sitzt das Geheimnis. Und deshalb zieht es Sie wieder hierher, wo alles so frisch und selbstverständlich war, wo ein jeder arbeitete und rührig schaffte und keine Seit hatte für Kliquenwesen, wo ein jeder den anderen achtete, weil er einen tüchtigen Kerl in ihm witterte. Die freie Luft in Gießen, die gleich⸗ gestimmte Kollegialität und die Abweisung jeglichen Man⸗ darinentums, das sind die Schlüssel zu dem Geheimnis, von dem ich zu Ihnen sprach. i Und damit wende ich mich zu Ihnen, meine Herren Rektoren der auswärtigen Universitäten, Hochschulen und Akademien. Ich spreche Ihnen unsere Freude und Genug⸗ tuung dafür aus, daß Sie alle gekommen sind, zumeist vertreten durch ihre Rektoren, auch unsere deutsch⸗öster⸗ reichische Schwesteruniversität. Was ich jetzt sagen werde, ist mein ausdrücklicher Wunsch. Ich möchte Sie neidisch machen. Ich möchte, daß Sie von Gießen mit dem Wunsche weggehen, daß hier gut sein ist. Einer meiner hochver⸗ dienten Freunde, der jetzt an einer großen Universität unseres großen Nachbarstaates wirkt, hat mir einmal ge⸗ schrieben, Gießen sei ein Idyll. Nun, es ist nicht alles idyllisch hier, aber es ist schon etwas daran. Sagen Sie Ihren herren Kollegen an den verschiedenen Uni⸗ versitäten, daß Gießen eine Universität ist, in der sich gut leben läßt. Nun, meine herren Nollegen von der Universität Gießen, ich habe in Ihrem Namen und Auftrag gesprochen, hoffentlich doch auch in Ihrem Sinne. Erheben Sie die Gläser und noch mehr Ihre Stimme und rufen Sie mit mir: Unsere auswärtigen Gäste, ins⸗ besondere unsere lieben alten Kollegen, sie leben hoch!