e e e eee N Wissen ist acht Wöchentliche Beilage der Oberhessischen Dolkszeitung mfRummer 21 Dienstag, den 26. Nugust 1913 2. Jahrgang 14 1 0 1 N Die Schriften Bebels. Bebel war ein ungemein fruchtbarer und vielseitiger Schriftsteller. Mit Fleiß und Eifer vertiefte er sich in oft recht schwierige Wissensgebiete, die er dann in volkstümlichen Schriften darzustellen unternahm. Alle seine Schriften sind von jener zündenden agitatorischen Beredsamkeit, die Bebel eigen war. Jede Zeile seiner Schriften atmete denselben Geist hingebungsvoller Liebe für das Proletariat und dieselbe Begeisterung für dessen große Ziele wie seine Reden. Die Schriften Bebels sind so in gewissem Sinne eine Ergänzung seiner Reden, die übrigens ebenfalls in großer Zahl im Druck erschienen sind. Am Beginn der siebziger Jahre erschien in Leipzig eine seiner ersten Broschüren über Kommunalsteuern, die längst ergriffen ist. In einer Broschüre„Christentum und Sozialismus“, die ebenfalls um diese Zeit erschien, setzt Bebel in einer Polemik gegen den Kaplan Hohoff das Verhältnis des Christentums zum Sozialismus auseinander. Diese leichtverständliche, packende Schrift hat schon eine große An— zahl neuer Auflagen erlebt. Mit demselben Stoffe befassen sich die Glossen zu„Yves Guyots und Sigismund Lacroix: Die wahre Gestalt des Christentums“. In knappen, scharfen Umrissen legt Bebel dar, daß alle religiösen Bewegungen im Grunde sozialer Natur sind, wobei er insbesondere auf den reaktionären Kern der Lutherischen Reformationsbewegung verweist. Es sei hier auch darauf verwiesen, daß im Jahre 1894 eine Reichstagsrede Bebels über„Christentum und Sklavenfrage“ erschien, die freilich auch vergriffen ist. Viel gelesen wurde Bebels Buch„Der deutsche Bauernkrieg, mit Berücksichtigung der hauptsächlichen sozialen Bewegungen des Mittelalters“. Es sollte nach Bebels eignen Worten keine Quellenschrift sein, sondern eine für das Volk geschriebene populäre Darstellung der Grundlagen des deutschen Bauern— krieges. Eine sehr bekannte Schrift Bebels ist ferner die Broschüre„Unsere Ziele“, eine Streitschrift gegen die Demo— kratische Korrespondenz. Obwohl der damalige Standpunkt des Verfassers heute nach verschiedenen Richtungen hin als überholt gilt, ist diese Schrift als historisches Dokument wertvoll. Bebel hat sich auch mit größern nationalökonomischen Arbeiten befaßt. Davon zeugt eine Schritf Bebels:„Die Sonntagsarbeit“, Auszug aus den Ergebnissen der Er— hebungen über die Beschäftigung gewerblicher Arbeiter an Sonn⸗ und Festtagen; ferner eine Schrift über„Die Lage der Bäckereiarbeiter“ und eine im Jahre 1898 erschienene Broschüre:„Klassenpolitik und Sozialreform“, die zwei Etatsreden Bebels enthält. Wie vielseitig Bebels Be— tätigungsfeld war, geht daraus hervor, daß er ein sehr ernstes Buch über:„Die mohammedanisch⸗-arabische Kulturperiode“ geschrieben hat, eine interessante Studie über den großen Utopisten Charles Fourier, sowie seine Broschüre:„Die Ent⸗ wicklung Frankreichs vom sechzehnten bis gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts.“ Bebel verfaßte auch ein Hand⸗ buch über„Die Tätigkeit der Sozialdemokratie im Deutschen Reichstag“, das vom Jahre 1871 bis zum Jahre 1893 die be⸗ deutsamsten parlamentarischen Ereignisse Deutschlands sowie die Stellung der Sozialdemokratie hierzu bespricht. Ungemein zahlreich sind die Gelegenheitsschriften und im Drucke erschienenen Reden Bebels: wir nennen nur fol⸗ gende:„Für Volkswehr gegen Militarismus“,„Gewerk⸗ schaftsbewegung und politische Parteien“,„Nicht stehendes Heer, sondern Volkswehr!“,„Akademiker und Sozialismus“, „Sozialdemokratie und Antisemitismus“,„Sozialdemo— kratie und Zentrum“. Eine große Anzahl Reden, die Bebel bei verschiedenen Gelegenheiten im Reichstag, auf Parteitagen und in großen Versammlungen gehalten hat, haben so noch Tausende be— geistert, die seinen Worten nicht lauschen konnten. Außer den schon erwähnten Broschüren behandeln diese Reden fol— gende Stoffe:„Der Zukunftsstaat und die Sozialdemo— kratie“,„Die Arbeiterschutzheuchelei der bürgerlichen Par— teien“,„Der politische Massenstreik und die Sozialdemo— kratie“,„Der Haushalt des Deutschen Reiches“. Ferner liegen Reden vor über Militarismus, Wahlrecht, äußere Politik, staatsrechtliche Fragen, Fragen der Taktik unserer Partei und vieles andere mehr. Eine Quelle ernster Erbauung sind die Memoiren Bebels:„Aus meinem Leben“. Dieses zweibändige Buch entrollt das reiche Arbeitsleben des großen Mannes in an⸗ schaulicher, lebendiger Weise vor uns. Es ist, wie es bei Bebels Bedeutung für die deutsche Sozialdemokratie fast selbstverständlich dünkt, zugleich auch eine geschichtliche Dar— stellung des Werdegangs der deutschen Arbeiterbewegung. Zum Schlusse sei auf das bekannteste und gelesenste Buch Bebels verwiesen:„Die Frau und der Sozialismus“. Dieses Buch hat schon im Jahre 1910 die fünfzigste Auflage erreicht. Es ist eins der bedeutendsten literarischen Erzeugnisse, die der deutsche Sozialismus hervorgebracht hat. Hundert⸗ tausende haben aus diesem Buche ernste Belehrung geschöpft. Hunderttausende haben aus ihm Begeisterung empfangen für den Befreiungskampf des Proletariats. Und dieses Buch wird noch viele Jahrzehnte weiter wirken! Bebel als Redner. Von Adolf Braun ⸗ Nürnberg. Ein Redner, mannigfach in der Behandlung des Stoffes, wie in der Art der Redeabsicht, der Wirkung, wie der Kunst der Rede. Er war der beste Redner im Deutschen Reichstage. In der Volks⸗ versammlung konnte er durch mannigfache Beispiele die Hörer zur Wahrheit führen, sodaß er ein musterhafter Volkslehrer ward. Aber, wenn Gelegenheit und Stoff es forderten, verstand er zur höchsten Kraft, zu flammender Begeisterung die Massen zu erregen. Mit aller Deutlichkeit zauberte er den einheitlichen Willen aus einer scheinbar dumpfen und vorher gleichgültigen Masse durch die Ge⸗ walt seiner Rede. Und wieder ist er anders auf dem Parteitage. Da bestand sein Publikum aus geschulten, erfahrenen Genossen, es schuf ihm eine Menge Voraussetzungen, vor allem die Kenntnis der Partei⸗ geschichte. Oft deutete er deshalb nur an, und doch ward er sofort verstanden. Man sieht, wie das eigenartige Publikum des Partei⸗ tages, dank seiner Redebegabung, gestimmt, oft auch bestimmt wird. Er wirkt auf den Gegner im Reichstage, er wirkt auf die Massen in der Volksversammlung mit durchaus anderen Mitteln, wenn er auch niemals ein Haar breit von dem Standpunkte abgeht. Ganz eigen⸗ artige Wirkungen hat die Parteitagsrede. Jede hatte ihren Reiz, und jede bietet eine Fülle von Anregungen den Parteigenossen, reichliche Belehrung auch dem Gegner, der sich über den Sozialis⸗ mus unterrichten will. Unter den Ehrenpflichten der Partei, dem Andenken August Bebels Macht zu erhalten in den kommenden Generationen, gehört auch die Sammlung der Partei⸗ reden. Es ist eine ganze Geschichte der Partei, die sich uns da aufrollen wird, so wenn wir uns seine Rede am Stuttgarter Partei⸗ tage 1871 über das allgemeine Wahlrecht in den Einzelstaaten in Erinnerung bringen, so, wenn wir die Reden uns vergegenwärtigen, in denen er auf den letzten Parteitagen zur preußischen Wahlrechts⸗ frage Stellung nahm. So mancher Rede merkt man an, wie sich Bebel selbst Rechenschaft zu geben sucht, wie er in sich kämpfte und mit sich rang, wie er zur Klarheit kam und die Genossen auf den gleichen Weg führen wollte.“ wunderbar schön reden gesehen, Die bemerken swerteste, rebnerisch bedeutsamste Ansprache war die auf dem Parteitage zu Halle a. S., als er den Bericht der Partei- leitung gab. 20 Jahre sind verflossen seit dem Hallenser Partei- tag, und heute wirkt noch diese Rede nach durch ihre Kraft wie durch den ästhetischen Reiz des Sprechers. Nie nachher habe ich Bebel so so eindrucksvoll, wenn auch sicher ungewollte Bewegungen der Hände, dieses wunderbaren Kopfes, diefer schönen Haare, so blitzende Augen bewundern können. All das war ein Spiegelbild seiner Stimmung, er war vollständig er⸗ füllt von dem Triumphe der Partei über das Sozialistengesetz. Hier jah man das Un willkürliche, das nicht gesuchte, Mienenspiel, die Be⸗ gleitung der Rede durch die Geste, die die Wirkung steigert. Aber all das wäre dem gelehrigsten Schüler unnachahmlich geblieben, denn nur ein Meister könnte mit all diesen Effekten arbeiten, die sich von selber einstellen, die der größte Schauspieler vor dem Spiegel nicht einüben konnte. Niemals habe ich in einer hundert⸗ köpfigen Versammlung eine so gespannte Aufmerksamkeit, eine so tiese Wirkung, einen so elementaren Ausdruck der Zustimmung er⸗ lebt wie in dieser Versammlung. Erlebt muß man diese Rede haben, man kann sie nicht mit dem Auge lesen und sich dabei den Genuß und die Erhebung vorstellen. die das Ohr vermittelte. Ge— rade an dieser Rede zeigt sich der gewaltige Unterschied bei den berühmtesten deutschen Rednern seit Lassalles Tode bei Bismarck und Bebel. Bismarcks Rede wirkte gelesen wuchtig, eindringlich, sie war der Ausdruck einer großen Persönlichkeit und eines Machtfaktors voll höchsten Selbstgefühls. Aber gehört wirkte Bismarcks Rede nicht, ihm fehlte das Organ zur Wirkung auf das Ohr. Bebels sonore Stimme erzwang sich Gehör und lenkte die Aufmerksamkeit auch des Gegners auf sich. Stundenlang lonnte er sprechen, ohne seine Zuhörerschaft zu ermüden, sie hing an seinen Lippen, sie wax befangen vor der Kraft seiner Rede wie seiner Persönlichkeit. Selbst der ärgste Feind, selbst der gehässigste Gegner konnte sich nicht ent⸗ ziehen dem Eindrucke der gewaltigen Persönlichkeit, dieser höchsten subjektiven Ueberzeugung, dieses unbedingten Glaubens an das, was er sagte, dieser Gestaltung höchster Ehrlichkleit im Worte. Kunstlosigkeit und doch höchste, wenn auch ungewollte Künstlerschaft zeigt uns Bebels Rede. Sie ist das Spiegelbild seiner großen Per- fönlichkelt, sie ist nicht gesucht auf Wirkung gerichtet, ihr sehlt das Raffinement, sie ist nicht Ausgetlfteltes, sie ist eben ein natürlich geschaffenes Kunstwerk. Aber man glaube nicht, daß Bebel— und darin unterscheidet er sich von Liebknecht, einem anderen berühmten Redner der Sozial- demokratie, von einem in mancher Hinsicht vielleicht blendenderen — sich lediglich auf seine Kenntnisse und auf sein Wissen verlassen hat. Jede Rede Bebels war wohlüberlegt, die Gedanken in einer knappen Disposition auf einem kleinen Zettel in winzig kleinen Buchstaben eng aneinandergedrängt und geordnet. Achtlos warf er, war die Rede gehalten, diese Zettel dann weg oder ließ sie auf dem Rednerpulte liegen, diese Zeugnisse seiner Ueberlegung, diese Er⸗ weise seines Pflichtgefühls, des Respekts, den er vor seinen Zuhörern hatte. Er war ein glänzender Zuhörer; geduldig horchte er, wenn die andern sprachen, immer ein Blatt vor sich, den Bleistift in der Hand, was ihn zum Widerspruch reizte, aufzeichnend, es gruppierend und mit dem Zettel dann voller Beweglichkeit zum Rednerpult stürmend und dem Gegner antwortend. Als Zuhörer sah er sast nie gleichgiltig oder gelangweilt aus, sein Mienenspiel zeigte stets, daß er den anderen Darlegungen folgte, daß er ihnen zustimmen kann oder daß sie seinen Zweisel hervorrufen, oder seinen Wider spruch erregen, ja plötzlich entfährt dann dem Gehege seiner Zähne ein Zwischenruf, oft ein ganzer Satz, der die Aufmerksamkeit der Versammlung erzwingt und in dem Kreise der Zuhörer fortlebt. War die Rede auf dem Halleschen Parteitage ein Rechenschafts bericht über die Vergangenheit, ein Programm für die Zukunft, ein Triumphruf über den Gegner, eine Kampfankündigung für den morgigen Tag, so gab es Reden von Bebel auf den Parteitagen, die nicht den allgemeinen Jubel hervorrufen, sondern die Gegensätze in der Partei betonten, ja Sturm heraufbeschworen. Zu denen gehört die berühmte Rede auf dem Erfurter Parteitag(1891) über die Taktik, in der Bebel gegen zwei Fronten mit scharfgeschliffener Damaszener Klinge ficht gegen die Jungen, die Werner und Wild⸗ berger, die Hans Müller und Paul Kampfmeier, denen die Partei damals nicht revolutionär genug war. Gleichzeitig mußte er an⸗ kämpfen gegen den Vollmarschen Standpunkt, den er zusammenfaßt in die Worte:„Kinder, marschiert langsam, seid bescheiden!“ Gegen die antiparlamentarischen Jungen, die sich auf Liebknechts Rede über die politische Stellung der Sozialdemokratie berufen, hat er einen schweren Stand. Er muß erweisen, daß sein Freund Lieb⸗ knecht zwar die Rede wieder neu herausgab, daß aber seine ganze politische Wirksamkeit in den letzten zwanzig Jahren im Wider spruche zu den Ausführungen in dieser Broschüre erscheint. Ex muß eigene Worte klarstellen, gegen rechts und gegen links muß er kämpfen, den Freund heraushauen und die eigene Position ver⸗ teidigen. Selten hat ein Redner so schwierigen Aufgaben gerecht werden müssen: stürmischer Beifall erwies das vollkommene Ge lingen. Wer einmal studieren will, unter welchen Schwierigkeiten man auch zu reden gezwungen sein kann, der nehme die Blätter des wird sehen d. Oiest welch kompli⸗ man in diesem Erfurter Protokolls wieder zur Hand, er jerte Aufgaben Bebe Urotokoll auch die Rede 0 ein Bild der Mannigfaltigkeit der Methoden und Temperamente, der Jähigkeiten und Persönlichkeiten, die in der deutschen Sozial⸗ a1 demokratie wirken. Ein wahrer Genuß ist dieses Protokollbuch das wir nun wieder zur dand nehmen mußten, es erwachen zu Leben die Auer und Schönlank und Grillenberger, die Werner und Wild⸗ berger und so viele andere, die im glänzendsten Redegesechte die Wafsen kreuzten. Auf dem Dresdener Parteitage sehen wir Bebel in mannig⸗ sachen Reden vor unserm geistigen Auge wieder erscheinen. Er be⸗ grüßt den Parteitag mit einer gedrängten wirtschaftlichen Dar⸗ stellung Sachsens und des sächsischen Proletariats, mit der Geschichte der Partei in Sachsen. Darstellung der Bebelschen Rede ihn nicht selbst sprechen zu lassen, müssen wir doch die ersten Worte, die er auf dem Dresdener Partei- tag gesprochen hat, den Lesern ins Gedächtnis rufen. „Ich glaube im Sinne und Geist aller, die hier zum Partei- tag zusammengekommen sind, zu handeln, wenn ich unserem alten Vorkämpfer August Kaden— denn auch er gehört bereits zu den alten— unferen herzlichsten Dank ausspreche für die ebenso schwungvollen wie gutgemeinten Grliße und Beglück⸗ wünschungen, die er soeben ausgesprochen hat.“ Nun deckt seit wenigen Wochen die Dresdener Erde Kadens Grab, und am Sonntag verbrannten sie, was sterblich blieb an August Bebel. Noch im Mai sprach ich mit Bebel über Kadens Ge⸗ sundheit. Bebel war völlig frisch, gesund und lebhaft, er sprach feine Freude aus, daß der alte Dresdener August doch die Krank- heit überwinden werde, die ihn niedergeworfen hat. Doch kehren wir zurück zu dem Dresdener Parteitag, zu der Begrüßungsrede Bebels. Von dem Dank an Kaden geht er über zu dem großen Wahlsieg im roten Königreich, er erklärt das Volks- gericht mit dem ungleichen Recht zum Schaden der Sozialdemokratie mit der Wahlentrechtung, er lobt die sächsischen Genossen als famose Kerle, aber sofort tadelt er sie auch und, in den sächsischen Dialekt versallend, bringt er gemütliche Form in den Widerspruch gegen die alten Freunde. Als er ihre Stimmung gefangen hat, peitscht er sie auf:„Ihr müßt endlich einmal Galle in den Leib bekommen, Ihr müßt endlich einmal Zorn und Leidenschaft bekommen und dem Aus- druck geben.“ Er ist der nie Zufriedene, der immer zu neuen Taten anspornende Redner, Führer und Agitator, niemals nur eine dieser Aufgaben erfüllend, immer alle zusammensassend und dadurch höchste Wirkung erzeugend. Dann erklärt er, warum das Proletariat Sachsens rascher innerhalb der ersolgreichen Sozialdemokratie vor⸗ wärts schreitet. In wenigen Minuten gibt er einen Rückblick über die Sozialgeschichte Sachsens, in höchster Anschaulichkeit fügte er Tatsache an Tatsache, und jeder fühlt den Mörtel des Zusammen⸗ hangs, wie er mächtig Stein auf Stein setzt und das Gebäude der fächsischen Wirtschaftsgeschichte vor uns aufbaut, vom Ende des Mittelalters bis in unsere Zeit die Hörer führend. Er weist auf Leipzig, die größte Handelsstadt, auf das Erzgebirge mit seinem Erzbergbau und seiner Hausindustrie, auf die Reformation und den Revolutionär Thomas Münzer, aber auch auf die Maitressenwirt⸗ schaft des sächsischen Hoses und auf Napoleon, den sächsischen Königs⸗ macher, hin. Helle Lichter wirft er dann auf die alte Ständever⸗ sassung, auf das tolle Jahr, auf die Verpreußung Sachsens, auf den Hochverratsprozeß von 1872, und so zeigt er die Gegenwart ge⸗ worden aus der Vergangenheit. l Diese Rede, von der wir hier sprechen, ist zwar überaus eigen⸗ artig und bedeutsam, sie ist aber nicht die berühmte Dresdener Rede, die Rede, wo er aufs kräftigste unterstreicht, daß der Sozjaldemo⸗ krat Todfeind der bürgerlichen Gesellschaft sein müsse, wo er uns die Gefahren des Kompromisses auseinandersetzt, ausgehend von der Mitarbeit der Sozialdemokraten an bürgerlichen Blättern, wo er in der schärssten Weise persönlich wird, rücksichtslos aburteilt über diejenigen, die er auf falschem Wege in der Partei meint, und gerade durch diese Rücksichtslosigkett, die nicht durch persönliche Stimmungen, sondern durch die Absicht, einen Schaden von der Partei abzuwehren, erzeugt ist, höchste Wirkung, wenn auch gleich⸗ zeitig stärksten Widerspruch hervorrusend. Und diese Rede, in der Hieb auf Hieb folgt, in der ein Strafgericht über zahlreiche Partel⸗ genossen abgehalten wird, sie gipfelt zuletzt mit der Forderung der Einheit und Einigkeit der Partei: Ohne Einheit der Grundsätze und Ueberzeugungen, ohne Ein⸗ heit der Ziele keine Einigteit und keine Begeisterung für den Kampf, keine Möglichteit, die Regimenter, Brigaden und Armee⸗ ktorps ins Gefecht zu bringen, in die Schlacht zu führen und Siege zu ersechten, wie wir sie ersochten haben und wie wir sie weiter ersechten wollen, und wenn auch eine ganze Welt von Feinden sich gegen uns erhebt! Höchsten Nutzen würde es schaffen, würde man Rede für Rehe Bebels zergliedern und die Ursachen ihrer Wirkungen suchen. Man würde dazu kommen, die große Mannigfaltigkeit seiner N Fähigteit und dabei doch das Fehlen der Schablone festzuste Kuf das höchste dankenswert wäre es, die Reden Bebels auf die Ur⸗ sachen ihrer Wirkung zu prüsen, zu untersuchen, wie er seine Ab- lichten erreicht hat, welche Belehrung er verbreitet hat und wie ex auch mit sich gerungen, oft seine Meinung geprüft hat, wie er nie⸗ mals ein Selbstgefälliger und mit sich Zufriedener wie er niemals ein Kommandierer, wie er stets ein Demokrat und ein Ueberzeuger gewesen ist. 27 Die Männer, die die deutsche Sprache wissenschaftlich unte- juchen, sollen dem Satzbau, der Stofsverteilung, den Mitteln der Steigerung und der Führung zum zwingenden Schlusse in Bebels Reden gründliche Untersuchung widmen. Auch die deutsche Sprache, auch die Kunst der Rede hat Bebel vieles und Großes zu danken. —— Obgleich wir uns vorgesetzt haben, in dieser 75 — e 2 * ——ç r 2 75 —— * 3 Adalbert von Chamisso. . Am 21. August 1838, also vor 75 Jahren, starb, 57jährig, der Dichter Adalbert von Chamisso, ein Franzose, der, ein Kind noch, vor der französischen Revolution emigrierte und in Deutschland seine zweite Heimat fand. 5 Diese Verpflanzung eines romantischen Geistes von romanischem Geblüt hat den Dichter Zeit seines Lebens in einem künstlerischen und menschlichen Zwiespalt sein lassen. ö„Ich lese, schreibe, singe, fühle und denke in einer Sprache, die Dir fremd ist“, schrieb Chamisso 1821 an seine Schwester. Wenn man von seinen lyrischen Dichtungen spricht, durch die er sich den hauptsächlichsten Ruhm in Deutschland er— worben hat, kommen nur die in deutscher Sprache geschriebe— nen in Betracht. Seine französischen gehören ausschließlich der Zeit von 1800 bis 1804 an. Schon ehe er vollkommen ein Deutscher in seinem Herzen wurde, war er es im Reden und Schreiben geworden. Die meisten seiner Dichtungen sind in den letzten zwölf Jahren seines Lebens entstanden; und unter diesen waren wiederum die Jahre von 1832 an bedeutend fruchtbarer als die früheren. Von einer Entwicklung, von Dichterperioden wie bei so vielen andern Poeten kann man bei ihm kaum sprechen. In seiner Jugend ein Tasten nach Formen, ein Suchen des Inhalts, eine Unsicherheit in der Sprache, nach— her ein ziemlich langes Verstummen, unterbrochen durch wenige Gelegenheitsdichtungen, und auf einmal steht, fast unmittelbar nach der Verlobung und Verheiratung, der Dich— ter in seiner ganzen Vollendung da. Kein Ansicharbeiten, keine allmähliche Vervollkommnung hat den Dichter gemacht, noch weniger etwa fleißige Lektüre, denn gerade die Jahre der mangelhaften Formgebung waren die des eifrigen Lesens zeitgenössischer und früherer Dichter; in seinen Meisterjahren dagegen las er nach Hitzigs Bericht kein Journal und selten ein neues Buch. Ebenso wie der Dichter in zwei Welten lebte, der alten und der neuen Heimat, der Heimat überhaupt und der Fremde, so lebte er auch in verschiedenen Zeiten, in der Ver— gangenheit und in der Gegenwart. Die Romantiker, denen Chamisso zuzurechnen ist, haben im allgemeinen keine be— stimmte Zeitfärbung; sie geben weder klar erkennbare Bilder aus der Umgebung, in welcher sie leben, noch geschichtliche Schilderungen, die man ohne Kommentar begreift; Chamisso Dagegen hat den richtigen Blick für die größeren und kleine— ven Vorgänge, die er mit ansieht, und für die Ereignisse der Vergangenheit. Jenen bekundet er in der anmutigen, wahr— Haft plastischen Schilderung der Alten Waschfrau, in sehr be— snerkenswerten, damals von den Dichtern, als Verteidigern des alten„gemütlichen“ Schlendrians, durchaus nicht allge— mein geteilten Lobsprüchen der neuen Erfindungen und Ein⸗ bichtungen, zum Beispiel der Eisenbahnen, oder in Des Basken Etchehons Klage, wo er einen Vorgang schildert, der in einer französischen Zeitung erzählt war; diesen in der goetischen Wiedergabe mancher Volkssagen und geschichtlicher Anekdoten aus dem Leben der Korsen und anderer Völker. Er ist kein Altertümler und kein Anmerkungshäufer, aber er weiß vergangenen Zeiten ein so frisches Kolorit zu geben, wie etwa den Schilderungen, die er den auf seinen Reisen beobachteten Gegenständen widmete. Er ist vielleicht nicht unbeeinflußt von seinem Zeit- und Landesgenossen Balzac, ust ein Naturalist im modernen Sinn, indem er aus dem on Hitzig ihm mündlich Erzählten oder aus den in dessen riminalistischen Zeitschriften dargestellten interessanten Fällen“ eine poetische Schilderung gestaltete, Grausiges er— üählte wie Mateo Falcone und anderes. Die Zeitgenossen Hitzig und Nermann bezeichnen dies als abnorm. Neumann meinte geradezu,„wenn derartiges Gräßliches in der Natur ich möglich wäre, in der Poesie müßte es wenigstens un— möglich bleiben.“ Der moderne Naturalismus hat ganz anderes gewagt. Nur muß man bei solchen Dichtungen unseres Poeten bedenken, daß derartige Stoffe selten bei im vorkommen, und daß ihn das Harmonische, Schöne, bdenmäßige wie im Leben so auch im Dichten am meisten zeizte. EE zwiespältiges Wesen zeigt sich aber am besten Arin, daß er in seiner Stimmung Heiterkeit und tiefem Weh, daß er bald ein ungetrübt fröh⸗ licher Humorist bald ein schwermütiger Tragiker ist. Er ist wohl der Schöpfer oder wenigstens der Fortbildner der humo— ristischen Romanze, aber durchaus nicht ein Humorist, der seine schöne Schöpfung durch„ätzende Schärfe“ selbst verdirbt. Wie lieblich und niedlich sind seine Schilderungen kleiner Vorgänge und vorübergehender oder bleibender Stimmungen, wie etwa seine Tragische Geschichte, Recht empfindsam, Der rechte Barbier, Hans im Glück. Wer möchte aus solchen Dichtungen, die ganz zum Volkseigentum geworden sind, etwas anderes entnehmen als echten Humor, der zwar der Zwillingsbruder des Ernstes, nicht aber der Schärfe und des Spottes ist. Trotz aller Zwiespältigkeit seines Wesens, als ein ganzer einheitlicher Mensch steht er vor den Blicken der Nachwelt. Kein Heros und Pfadfinder, aber ein liebenswürdiger Kamerad und Gefährte.„Einen bessern findt man nit“, möchte man mit dem Liede ausrufen. Ein mannhafter Kämpfer, wo es not tat, ein behaglicher Träumer, ein stiller Denker. Unersetzbar als Freund, treu und herzlich als Liebender, als Vater mild und gütig. Die schlichte Einfach heit des Wesens, die Bescheidenheit trotz allen Ruhms, der ihm zuteil wurde, die Reinheit des Charakters sind selten in solchem Verein zu finden. Ein großer Dichter und ein guter Mensch, so steht er zu dauernder Erinnerung vor den Augen der Nachwelt. Ollivier. Der parlamentarische Ministerpräsident der dritten Napoleon, der Mann von 1870, Emile Ollivier, hat hoch betagt seine Augen für immer geschlossen. Es war dem Achtundachtzigjährigen nicht vergönnt, das große Werk seines Rechtfertigungsversuches zu voll⸗ enden und die zeitgenössische Welt nimmt Abschied von einer Per⸗ sönlichleit, die vor dreiundvierzig Jahren in erregter Zeit im Mit⸗ telpunkt des öffentlichen Interesses gestanden hatte. Wenn das Wort, daß die Verhältnisse die Menschen und ihre Schicksale machen, Berechtigung hat, dann gilt es vor allem für Emile Ollivier. Der frühere Oppositionsmann, der, von Eitelkeit und falscher Hoffnungsseligkeit getrieben, in das Lager der herr⸗ schenden Macht hinübergewechselt war, um das liberale, parlamen⸗ tarisch regierte Kaiserreich zu begründen, war kein Kriegshetzer und kein Feind Deutschlands. Im Gegenteil beschuldigte ihn jene Richtung, die in dem preußischen Sieg von 1866 und in der Einigung Deutschlands eine Gefahr für die französische Vormachtstellung er⸗ blickte, ein Freund dieser dem Vaterlande gefährlichen Entwicklung zu sein. Er hat sich, noch als Abgeordneter, am 23. Dezember 1867 im gesetzgebenden Körper gegen diesen Vorwurf verteidigt, er hat mit der Kriegspartei abgerechnet, und was er damals sagte, ist in⸗ teressant genug, um wiedergegeben zu werden. Der Mann der Kriegserklärung vom 15. Juli führte damals aus: Sie begrüßen und verkündigen bei jeder Gelegenheit den Frieden, bei jeder Gelegenheit sprechen Sie Wünsche für seinen Fortbestand aus, und in der Wirklichkeit votieren Sie den Krieg. Ja, jeden Tag votieren Sie den Krieg. Jedesmal, wenn in diesem Hause ein Redoͤner sich erhebt, um Ihnen darzutun, daß zuletzt die in Deutschland vollzogenen Ereignisse weder drohend, noch demüti⸗ gend für uns sind, ersticken Sie seine Stimme durch Ihr Gemurr. Sowie dagegen ein Redner behauptet, daß der Sieg von Sadowa für Frankreich eine Art Niederlage, eine Schwächung, eine Schmälerung seines Prästigiums sei, zollen Sie Beifall. Sie leugnen es? Lesen Sie doch den Moniteur nach! Ja, Sie zollen Beifall. Wohlan! In einem Lande, wie das unsrige, das stolz, empfindlich, leicht reizbar im Ehrenpunkte ist, kann man unmög⸗ lich auf der Tribüne und in der Presse unter jedoͤer Form es denken, behaupten und alle Tage wiederholen, daß wir geschwächt, gefährdet, erniedrigt sind, ohne daß sich eine wirkliche Aufregung kundgebe. Es ist unmöglich, daß wenn der, welcher an der Spitze der Regierung steht, Napoleon heißt, welches auch seine humanen Gesinnungen, sein richtiges Auffassen der Lage, seine Wünsche für den Fortbestand des Friedens sein mögen, daß er lange, daß er immer einem so stetig wiederkehrenden, gebieterischen Drucke wiederstehe. Es müssen also entweder diese Kammern und diese Nation sich nicht nur in das Vollbrachte ergeben, sondern es auch ohne Rlückgedanken hinnehmen, oder aber sie müssen mannhaft die früher oder später unvermeidliche Notwendigkeit eines ernsten, furchtbaren Krieges mit Deutschland ins Auge fassen. Sie können mir widersprechen, Sie können mich dementieren und behaupten, daß Sie den Frieden wollen; das ändert nichts an meiner Ueber⸗ zeugung. Sie haben gut den Frieden wollen: wenn Sie in ihrer gegenwärtigen Politik verharren, so packt Sie der Krieg au wider Ihren Willen. Und aus alledem, was vorgeht, sehe ich keinen anderen Ausweg, als das Schlachtfeld. Als Mittel gegen diese Gefahr empfahl der damalige Depu⸗ tierte die Beseitigung des persönlichen Regiments und die Ein⸗ schwankt zwischen sonniger führung des parlamentarischen Regimes. Die Ernennung Olliviers zum Ministerpräsidenten, die zwel Jahre später erfolgte, war ein Zugeständnis an die Opposstion, deren Stimmenzahl bei den letzten Wahlen trotz behördlichen Drucks nicht mehr weit von der Mehrheit entfernt geblieben war. Ollivier hielt sich für berufen, die Reform des Kaiserreichs in liberal⸗konsti⸗ tutionellem Sinne durchzuführen, und so war sein Trachten in den ersten Monaten seiner im ganzen achtmonatigen, vom 2. Jannar bis zum 9. August 1870 währenden Regierungszeit ganz auf die innere Politik gerichtet. Ja, noch am J. Juni spricht er die geschichtlich be⸗ rühmten Worte aus: Ich erkläre, daß die Regierung keinerlei Besorgnis hegt und daß zu keiner Zeit die Aufrechterhaltung des Friedens gesicherter war als jetzt. Wohin man blickt, kann man nirgends eine Frage entdecken, die vielleicht Gefahren in sich tragen könnte. Vier Tage später kommt die Nachricht, daß Marschall Prim dem Erbprinzen von Hohenzollern die Krone angeboten haben. Am 6. Juli heißt es, der Prinz nimmt an. Am 8.; der Botschafter in Berlin, Benedetti, begibt sich nach Ems, um bei dem preußischen König für die Zurückhaltung dieser Kandidatur zu wirken, am 12. verzichtet der Erbprinz auf den spanischen Thron, und nun erklärt Olllvier in den Couloirs der Kammer, daß die Differenz mit Preußen erledigt, die Kriegsgefahr beseitigt sei. Aber anders als Ollivier wollte der Herzog von Gramont und Graf Bismarck. Sie wollten den Krieg. Die Verhandlungen werden weitergeführt. Man verlangt zu dem gegenwärtigen Ver⸗ zicht des Prinzen einen definitiven des Königs. Es folgen die er⸗ regten Szenen von Ems am 13. Juli, und am 14. wandelt der Eiferne die Chamade von Ems höchsteigenhändig in die weltgeschicht⸗ liche Fanfare um: Nachdem die Nachricht von der Entsagung der Prinzen Hohen⸗ zollern der französischen Regierung amtlich mitgeteilt worden, stellte der sranzösische Botschafter in Ems die Forderung, ihn zu ermächtigen, daß er nach Paris telegraphiere, der König ver⸗ pflichte sich für alle Zukunft niemals wieder zuzustimmen, wenn die Hohenzollern auf die Kandidatur zurückkämen. Der König lehnte jedoch ab, den französischen Botschafter nochmals zu empfangen und ließ demselben durch den Adjutanten vom Dienst sagen: Se Majestät habe dem Botschafter nichts weiter mitzu⸗ teilen. Das war eine Fälschung, aber es war der Krieg. Am 15. Juli erklärt Ollivier in der Kammer: Es kann vorkommen, daß ein König sich weigert, einen Bot⸗ schafter zu empfangen; aber etwas anderes ist es, wenn die Weigerung eine absichtliche ist, wenn sie den fremden Kabinetten durch Telegramme und dem Lande durch Extrablätter notifliziert wird. Dieses Verfahren war um so bedeutsamer, als der Adsu⸗ tant, welcher unserem Botschafter eröffnete, daß er nicht empfangen werden könne, es an keiner Höflichkeitsform fehlen ließ, sodaß unser Botschafter von der beleidigenden Absicht keine Ahnung hatte und uns unter dem ersten Eindruck auch in diesem Sinne tele— graphierte. Ein Hagel von Zwischenrusen antwortet. Thiers:„Da möge nun sedermann richten!“ Aber v. Choiseul:„Man kann unmöglich aus fsolchem Grunde den Krieg erklären!“ Garnier-Pages:„Das sind Redensarten!“ Und Arago:„Wenn man dies hören wird, wird dle zivilisterte Welt ihnen Unrecht geben, und wenn Sie daraufhin den Krieg erklären, wird man wissen, daß Sie ihn um jeden Preis haben wollen!“ Aber Ollivier fährt fort: Man wollte uns demiltigen und uns eine Schlappe beibringen, um sich für die Verzichtleistung des Prinzen von Hohenzollern zu entschädigen.... Tadeln Sie es, daß wir gebrochen haben nach dem in der Person unseres Votschafters empfangenen Schimpf? So begann die große Auseinandersetzung als ein Ehrenhandel, wie er plumper, nichtiger kaum gedacht werden kann. Der Prinz hatte verzichtet, was kam es darauf an, ob dieser Verzicht in dieser oder jener Form, für jetzt oder immer ausgesprochen wurde. Wil⸗ elm J hatte nicht die Absicht, den Botschafter des Kaisers zu belei⸗ igen, die Beleidigung erfolgte erst durch die gefälschte Darstellung der Emser Depesche. Und wenn es wahr gewesen wäre, wenn Wil⸗ helm gegen Herrn Benedetti unwirsch und ungezogen gewesen wäre — war das ein Grund, Europa in ein Meer von Blut zu stürzen? Man lehrt uns in der Schule, daß jeder Krieg erstens eine Ur⸗ sache habe und zweitens einen Anlaß. Ems war natürlich nur der Anlaß— aber an ihn hat sich die geschichtliche Kritik stets geklam⸗ mert. Und das lebende Geschlecht kann aus der Geschichte wenigstens lernen, wie man„Anlässe“ zum Kriege vermeidet. Frankreich war für seine„Ehre“ ins Feld gezogen. hat es dort geerntet? Am 9. August, zwei Tage nach dem Bekanntwerden von Wörth und Spichern fällt das Kabinett Ollivier. Ein Unglücklicher hatte seine Laufbahn geschlossen. Sein Geschick kann keinen lebenden Staatsmann zur Nacheiferung locken. Und was Und dann hat er dreiundvierzig Jahre lang aun einem Werk, das auf zwanzig Bände berechnet war, an seiner Rechtfertigung gear⸗ Er hat sein Ziel nicht erreicht, denn für den Schwachen, der dem Taumel der Leidenschaften unterliegt, gibt es keine Rechtserti⸗ Aber die Art, wie er ver⸗ beitet. ung vor dem harten Urteil der Geschichte. einen Genossen im Unglück, den Marschall Vazatne 1 1 1 zu teidigen suchte, berührt menschlich sumpathisch. Wenige Tage, nachdem der Leib eines Ewiglebendigen zu Asche 0 10 gegangen. August Bebel und Emile Ollivier kraftvolle Zukunft, hoffnungslos derfallen war, ist dann dieser Lebendigtote zu Grabe furchtbare Schuld seines Lebens nicht glauben wollte, gern manches Jahr eines friedlichen Alters gegönnt— nun, da das sich ilber ihm schließt, alles aufnehme, was zur Ze heilvoll lebendig gewesen ist. Und sieh, es kommt ein anderes Geschlecht! „ können wir nur wünschen, daß es mit i 2 80 it seiner Höhe und seines Falles so un⸗ * Aus unscrer Sammelmappe. Unser lateinisches Haus. In der Zeitschrift des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins veröffentlicht Friedrich Sigismund(Wei⸗ 1 mar) eine Plauderei über„Lateiuische Gäste in der deut 7 schen Sprache“, in der er au Beispielen demonstriert, daß man— den Tagesweg durch Haus und Garten, Land und Stadt nicht zu rück⸗ fl legen kann, ohne jeden Augenblick über ein lateinisches Lehnwort zu stolpern.„Fangen wir mit dem Hause an“, schreibt er,„banen* wir es auf. Es braucht ja nicht gerade ein Palast zu sein(lateinisch palatium) oder eine„Villa“, der man den lateinischen Ursprung auf hundert Schritte ansieht— eine bescheidene Familie(lat. samiliag kann sich auch in einem deutschen Haͤuschen glücklich fühlen. Leider del ist aber schon die unumgänglich notwendige Mauer lateinisch(mu- db rus), lateinisch ist der Mörtel(mortarium), der die Backsteine zue“ em sammenhält, der unentbehrliche Kalk(cals), der Gips(aypsum], der sch; Zement(caementum); lateinisch sind die Pfosten(postis), die als ind Träger dienen, und die Tür derf man ja nicht„Pforte“ nennen, unb. denn das ist dem lateinischen porta entlehnt, ebenso die Siegel Jah (ccgula) und die Schindeln(scindula), die Schutz gegen die Unbilden 1 der Witterung gewähren. Und steigen wir vom Dachboden zu den Grundsesten des Gebäudes hinunter, so geraten wir in den lateini-⸗ schen Keller(cellarium).„Ein netter Anfang!“ denkt Miller— aber es kommt noch besser. Das Haus wird im Innern hergerichtet 6 und in einzelne Räume oder Zimmer geteilt, nicht in Kammern (lat. camera). In die Wände, die man tüncht(von tunica] wer Fenster eingelassen(lat. fenestra), und der Boden wird gedielt. So- bald man Estrich legt, gerät man ins Lateinische(astricus), und doch wird man den seuersicheren Estrich in der Küche z. B. nicht entbeh 1 können.... O weh! Auch die Küche(coquina) ist von den Römern geborgt, ebenso natürlich kochen(coquere) und Koch(coquus). Müll- ler fühlt sich durch die Entdeckung tief gedemütigt.„Daben denn unsere Ahnen“, murmelt er,„alles roh gegessen, ehe sie mit den Römern bekannt wurden?“ Kamin ist auch lateinisch(caminums, doch sonst ist die Heizung und was dazu gehört— Osen, Herd, Esse — deutsch. Um so schlimmer sieht es mit der Beleuchtung aus. Zwar ist„Gas“ eine freie Erfindung eines belgischen Alchmien des siebzehnten Jahrhunderts, aber Elektrizität ist griechischen Ur- sprungs, Petroleum und Spiritus sind unverkennbar lateinisch, L* (oleum), Laterne(laterna) und Ampel(ampulla), Fackel(ia 1 g 1 und Flamme(flamma) sind lateinisch; Lampe; Zylinder, Stearin, 4 0 Phosphor gehen in letzter Linie gar aufs Griechische zu rück. 5 ap wird die Wohnung mit den nötigen Geräten—„Fahrnisse“. 1 unsere Ahnen für„Möbel“— ausgestattet. Hier regnet es wieber 110 lateinische Worte. Das Bett, in dem wir schlasen, ist zwar deutich, a allein die Matratze(matratium), auf der wir uns ausstreckten, 5 Ia weiche Kissen(cussinus), mit Flaum(pluma) gefüllt, oder der un poetische„Pfühl“(pulvinus) samt dem Teppich, auf den wit treten dul (tapetum), sind lateinisch. Der Spiegel, in dem wir uns mehr eber 18 minder wohlgefällig betrachten, ist latefnisch('peculum). Wohl it f— die Seise, mit der wir uns waschen, eine germanische Erfindung, 5 10 das Becken, in das wir das Wasser schütten, ist lateinisch(bachinus), 5 2 ebenso das Pulver, mit dem wir unsere Zähne putzen 0 5 5 Gehen wir in die Wohnzimmer, so finden wir neben den deutschen Stühlen und Sesseln, neben dem arabischen Sofa, dem türkischen in Divan, dem französischen Kanapee die Römer: Schemel(camellum.. Tisch(aiscus), Spind(penda), Schrein(erinium). Noch mehr be⸗ a5 leldigt der Schreibtisch Müllers deutsches Empfinden. Nicht nur? die Kunst des Schreibens lateinisch(scribere), sondern beinahe alles, 50 was mam zu ihrer Ausübung braucht: das Papier(pa bie be Dinte(cincta), die Briese(brevis) und Karten(charta), mit benen u wir Linder des zwinzigsten Jahrhunderts so freigebig sinb. 1 0 Vücherschranke hausen, gebunden in römisches Pergament(von 2 gamenus), die lateinisch-griechischen Fremdlinge: Atlas und Lerilon a — und das bescheidene, aber nützliche Kursbuch(vom lateinischen 10 cursus). In der Küche liegen, stehen und hängen die Römer: 3 (cut wia), Pfanne(Patina), Tiegel(tegula), Kessel(eatinus), ö sinkende Vergangenheit! Wi i r hätten dem alten Mann, der an die (amphora), Trichter(traiectarius), Gelte(galeta), g 1 (mulctra), Wanne(vannus) 1. N —