CC ͤ ²˙ mA — — W ienilche Beilage der Oberbessichen Volkszeitung Nummer 20 Dienstag, den 19. Rugust 1913 2. Jahrgang Aus Vebels Werdegang. Bebels Memorabilienwerk„Aus meinem Leben“ ent⸗ nehmen wir die folgenden Momentbilder seiner Lebens⸗ etappen: Das„Licht der Welt“, in das ich nach meiner Geburt blickte, war das trübe Licht einer zinneren Oellampe, das notdürftig die Wände einer großen Kasemattenstube be⸗ leuchtete, die zugleich Schlaf- und Wohnzimmer, Salon, Küche und Wirtschaftsraum war. Nach der Angabe meiner Mutter war es abends Schlag neun Uhr, als ich in die Welt trat, insofern„ein historischer Moment“, als eben draußen Hor der Kasematte der Hornist den Zapfenstreich blies, be— kanntlich seit„unvordenklichen Zeiten“ das Zeichen, daß die Mannschaften sich zur Ruhe zu begeben haben. Prophetisch angelegte Naturen könnten aus dieser Tat⸗ fache schließen, daß damit schon meine spätere oppositionelle Stellung gegen die bestehende Staatsordnung angekündigt wurde. Denn streng genommen verstieß es wider die mili— tärische Ordnung, daß ich als preußisches Unteroffizierskind in demselben Augenblick die Wände einer königliched Kasemattenstube beschrie— und ich soll schon bei meiner Ge⸗ burt eine recht kräftige Stimme gehabt haben— in dem der Befehl zur Ruhe erlassen wurde. . Aber die so folgerten, täuschten sich. Es hat später noch 0 geraumer Zeit bedurft, ehe ich mich aus den Banden der ue Porurteile befreite, in die das Leben in der Kasematte und 0 die späteren Jugendeindrücke mich geschlagen hatten., un. 8 N 5 1„ 4 5 I Mein lebhaftes kindliches Interesse weckten die Be⸗ , wegungsjahre 1848 und 1849. Die Mehrzahl der Wetzlarer h Eeinwohner war entsprechend den Traditionen der Stadt , krepublikanisch gesinnt. Diese Gesinnung übertrug sich auch % gauf die Schuljugend. Bei einer Disputation über unsere ßolitischen Ansichten, wie sie unter Schuljungen vorzukom⸗ men pflegt, stellte sich heraus, daß nur ein Kamerad und ich monarchisch gesinnt waren. Dafür wurden wir beide mit einer Tracht Prügel bedacht. Wenn sich also meine politischen 1 Gegner über meine„antipatriotische“ Gesinnung entrüsten, ein weil nach ihrer Meinung Monarchie und Vaterland ein 10 und dasselbe sind, so ersehen sie aus der vermaldeiten Tat⸗ fache, vielleicht zu ihrer Genugtuung, daß ich schon fürs Vaterlang gelitten habe, als ihre Väter und Großväter in ihrer Maienblüte Unschuld noch zu den Antipatrioten ge⸗ hörten. Im Rheinland war wenigstens zu jener Zeit der Mößere. Teil der 8 W n— In Leipzig war damals das politische— 5 n sche rege. 0 galt als einer der Hauptsitze des Liberalismus und der Demokratie. Eines Tages las ich in der demokrati⸗ „ schen Mitteldeutschen Volkszeitung, auf die ich abonniert Far und die der Achtundvierziger Dr. Peters redigierte, der Ehemann der bekannten verstorbenen Vorkämpferin für die e Louise Otto⸗Peters, die Einladung zu einer Volksversammlung zur Gründung eines Bildungsvereins. Diese Versammlung fand am 19. Februar 1861 im Wiener Saal statt, einem Lokal, das in der Nähe des Rosentals in Leiinem Garten stand. Als ich in das Lokal trat, war dasselbe bereits überfüllt. Mit Mühe fand ich auf der Galerie Platz. Es war die erste öffentliche Versammlung, der ich beiwohnte. . Der Präsident der Polytechnischen Gesellschaft, Professor Dr. Hirzel, hatte das Referat; er teilte mit, daß man einen gewerblichen Bildungsverein als zweite Abteilung der Poly⸗ technischen Gesellschaft gründen wolle, weil Arbeitervereine auf Grund des Bundestagsbeschlusses von 1856 in Sachsen nicht geduldet würden. Dagegen erhob sich Opposition. Neben Professor Roßmäßler, der Mitglied des deutschen Parlaments in Frankfurt a. M. gewesen und von seiner Professur an der Forstakademie zu Tharandt durch Herrn von Beufst gemaßregelt worden war, nahmen Vahlteich, Fritzsche und andere Redner das Wort und verlangten volle Selbständigkeit des Vereins, der ein politischer sein müsse. Die Verfolgung von Unterrichtszwecken sei Sache der Schule, nicht eines Vereins für Erwachsene. Ich war zwar mit diesen Rednern nicht einverstanden, aber es imponierte mir, daß Arbeiter den gelehrten Herren so kräftig zu Leibe rückten, und wünschte im stillen, auch so 1 8 55 zu können. Der Verein wurde 9 und obgleich die Oppo⸗ sition ihren Zweck nicht erreicht hatte, trat sie dem Verein bei. Ich wurde ebenfalls an jenem Abend Mitglied.. ** 0 An der Spitze des Vereins stand ein vierundzwanzig⸗ köpfiger Ausschuß, in dem der Kampf um den Vorsitz ent⸗ brannte. Roßmäßler unterlag gegenüber einem Architekten Mothes, aber die Opposition arbeitet planmäßig weiter. Bei dem ersten Stiftungsfest 1862 hielt Vahlteich die Fest⸗ rede, die ausgeprägt politisch war. Er forderte das allge— meine Stimmrecht. Bei der Neuwahl des Ausschusses wurde cuch ich in denselben gewählt. Meine Sehnsucht, öffentlich reden zu können, war bei den häufigen Debatten im Verein rasch befriedigt worden. Ein Freund erzählte mir später, daß, als ich zum ersten Male einige Minuten sprach, um einen Antrag zu begründen, man sich an seinem Tisch gegen⸗ seitig angesehen und gefragt habe: Wer ist denn der, der so auftritt? Da im Ausschuß verschiedene Abteilungen für die verschiedenen Verwaltungsfächer gebildet wurden, wurde ich in die Bibliotheksabteilung und die Abteilung für Vergnüg⸗ ungen gewählt. In beiden wurde ich Vorsitzender. S* 1* 5 Liebknecht war vierzehn Jahre älter als ich, er hatte also, als wir uns kennen lernten, eine lange politische Erfahrung vor mir boraus. Liebknecht war ein wissenschaftlich gebildeter, Mann, der fleißig studiert hatte; diese wissenschaftliche Bil⸗ dung fehlte mir. Liebknecht war endlich in England zwölf Jahre mit Männern wie Marx und Engels in intimem Ver⸗ kehr gestanden und hatte dabei viel gelernt, ein Umgang, der mir ebenfalls fehlte. Daß Liebknecht unter solchen Umstän⸗ den erheblichen Einfluß auf mich ausüben mußte, war ganz jelbstverständlich. Andernfalls wäre es eine Blamage für ihn gesdesen, daß er diesen Einfluß nicht auszuüben verstand, oder eine Blamage für mich, daß ich aus dem Umgang mit ihm nichts zu profitieren wußte. Einer meiner Bekannten aus jener Zeit schrieb vor einigen Jahren in der Leipziger Volkszeitung, er habe(1865) gehört, wie ich in kleinem Kreise von meiner Bekanntschaft mit Liebknecht erzählt und dazu bemerkt hätte:„Donnerwetter, von dem kann man was lernen!“ Das dürfte stimmen. Aber Sozialist wäre ich auch ohne ihn geworden, denn„Dazu war ich auf dem Wege, als ich ihn kennen lernte. Im beständigen Kampfe mit den Lassaleanern, mußte ich Lassalles Schriften lesen, um zt *.. 5 a wissen, was sie wollten, und damit vollzog sich in Bälde eine Wandlung in mir. Mein Grundsatz ist allezeit im Leben gewesen, sobald ich einen Standpunkt, den ich bisher in einer Frage verfochten hatte, als unhaltbar erkannte, ihn zu ve rlassen und rückhalt⸗ los der neuen gewonnenen Ueberzeugung zu solgen und sie auch öffentlich und nachdrücklich zu vertreten. Im vorliegen- den Falle war es die Haltung der liberalen Wortführer, so⸗ wohl in der Politik, wie insbesondere den Arbeiterfragen gegenüber, die mir das Verlassen des alten Standpunktes und meinen Uebergang ins sozialistische Lager erleichterten. Große Scelenkämpfe hat mich diese Wandlung nicht gekostet, und wenn alte, liebgewordene persönliche 3 dabei geopfert werden mußten, nahm ich dieses als selbstverständ⸗ uche Konsequenz hin. Ich habe, wie ich glaube, allezeit die Sache über die Person gesetzt und mich weder durch Ver- wandtschafts- noch Freundesbande davon abbringen lassen zu tun, was ich im 9 95 einer von mir vertretenen Sache für unumgänglich hielt Im vorliegenden Falle hat zweifellos mein Umgang mit Liebknecht meine Mauserung zum Soziolisten beschleunigt. Dieses Verdienst hat er. Aehnlich ist es mit der Behauptung, Liebknecht habe mich zum Marxisten gemacht. Ich habe in jenen Jahren viele sehr gute Vorträge und Reden von ihm gehört. Er sprach über das englische Gewerkvereinswesen, die englischen und französischen Revolutionen, die deutschen Volksbewegungen, über politische Tagesfragen usß. Kam er auf Marx und Lassalle zu sprechen, dann stets polemisch. Längere theoretische Auseinandersetzungen hörte ich meiner 40 de, zta Erinnerung nach nicht von ihm. Zu privaten Unterwei— fungen hatte aber weder er noch ich Zeit, die Tageskämpfe und was damit zusammenhing, ließen uns zu privaten theoretischen Erörterungen nicht kommen. Auch war Lieb— knecht nach seiner ganzen Veranlagung weit mehr großz zügiger Politiker als Theoretiker. Die große Politik war seine Lieb- lingsbeschäftigung. Ich bin vielmehr, wie fast alle, die damals Sozialist wurden, über Lassalle zu Marx gekommen. Lassalles Schrif— ten waren in unseren Händen, noch ehe wir eine Schrift von Marx und Engels kannten. Wie ich von Lassalle beeinflußt worden war, zeigt noch deutlich meine erste Broschüre„Un- sere die Ende 1869 erschien. Gegen Ende 1869 fand ich aber auch erst auskömmlich die Zeit und Ruhe, den im Spätsommer 1867 erschienenen ersten Band„ Kapital' von Marr gründlich zu lesen, und zwar im Gefängnis. Fünf früher, he 5 ich versucht, die 1859 erschienene Schrift Bara“ Ziele 2 Das 0 0 Jahre ron Marx„Zur politischen Oekonomie“ zu studieren, aber es blieb bei dem Bersuch Ue eberar beit und der Kampf um die Existenz gewährten mir nicht die nötige Muße, die 28 schwere Schritt geistig zu verdauen. D„Kommunistische Manifest“ und die anderen Schriften von Marx und Engels wurden aber der Partei erst gegen Ende der sechziger Jahre a8 und Anfang der siebziger Jahre bekannt. Die erste Schrift, die mir von Marx in die Hände kam, und die ich mit Genuß las, war seine„Inauguraladresse für die Gründung der Internationalen Arbeiterassoziation“. Diese Schrift lernte ich 1865 kennen. ich Arbeiterassoziation Ende der Internationalen bei. 1866 trat Vebel und die Revolution. Um die Auffassung Bebels über„Revolution“ zu illu⸗ strieren, führen wir zwei Stellen aus— Verhandlungs- bericht des„Leipziger Hochverrats-Proz an, der vor dem Leipziger Schwurgericht vom 11.20. Mürz 1872 gegen Bebel, Liebknecht und Hepner spielte. Bezüglich unserer politischen Stellun 9 bekenne ich, wie schon an den vorhergegangenen Tagen, daß ich unter„freien Volksstaat“ die Republik verstehe. Die Anklage folgert nun, daß, wenn von uns die Republik als Ziel hingestellt wurde, wir auch darüber eint esen sind, die Republik mit Ge⸗ oder in Parteitersammlungen berhandelk worden. Dag haben wir der Zukunft überlassen; wir Wollen abwarten, wie die Dinge gehen und ob allmählich die öffentliche Meinung, die Majorität, sich dafür erklären wird. Ich will aber gar nicht verschweigen, daß nach meiner Ansicht in dem Falle, wenn die Majorität der Bevölkerung sich für die Republik ausspricht, diese Majorität auch das Recht erlangt, der Re⸗ dierung, wenn diese die Republik mit Gewalt verhindern will, Gewalt entgegenzusetzen. Der Staat ist das Volk und wohl ohne Fürst, nicht aber ohne Volk denkbar; die Regierung ist die Dienerin des Volkes. Die Staatsdiener sind aber abzusetzen, wenn sie sich im Konflikt mit den Gewalten befinden, welche die öffentliche Meinung und die Gesetzgebung bestimmen. Wenn daher einem Parla- mente mil Gewalt entgegentreten wird, so ist es Pflicht eines jeden Staatsbürgers, Gewalt mit Gewalt zu vertreiben. „Revolutionär“ ist unser Programm allerdings, aber nicht im Sinne der rohen Gewalt, sondern nur insofern, als wir eine gründliche Umgestaltung der öffentlichen Zu⸗ stände und Verhältnisse anstreben. In Wirklichkeit aber haben wir kein Wort mehr gesagt als der geheime Hofrat und Staatsrechtslehrer Bluntschlii, welcher schreibt:„Die natürliche Voraussetzung der Revo⸗ 7 lution ist der Notzustand des Volkes— Mangel an gesetz⸗ licher Befriedigung der dringend gewordenen Volksbedürf? nisse— dem nur durch die gewaltsame Umgestaltung 4 der Verfassung Hilfe geschafft werden kann“. Und der ein 1 „Recht auf die Revolution“ mit klaren Worten zugibt, wenn 1 wat den Bedürfnissen des Volkes nicht Rechnung getragen wird, was dann als unzweifelhaft nicht angesehen werden darf, 4 dei wenn eine Regierung in dem von uns vorausgesetzten Falle 70 Mtiöf Kundgebungen der Majorität des Volkes durch seine Volks ⸗ at vertretung unbeachtet läßt oder gar 2 Gewalt zu ver⸗ 8 Agung hindern sucht. Er motiviert dieses„Recht auf die Revo? lache lution“ also:„Das Recht der Revolution ist das Recht der Volksnatur, die sich nicht mehr 5 anders zu retten weiß. Wenn die Hoffnung der uh Reform in einem naturkräftigen Volke untergeht, dann bde⸗ 175 ginnt die Verzweiflung der Revolution.“ Herr Bluntschli 5 begnügt sich aber nicht damit, das Recht auf Revolution als c ein vollberechtigtes und natürliches anzuerkennen, er geht 1 noch weiter und erklärt rund heraus:„Die Hauptverschuldung un! ist auf der Seite der legitimen Gewalthaber, welche ihre Autorität mißbrauchen und ihre Pflicht verletzen, nicht auf der Seite der mißregierten Nationen, die einen natürlichen 1 und besseren Rechtszustand fordern.“ 1 6 un Aus August Bebels Reden und Schristen. 10 Das Denken der Menschen. d6Z Vorurteilslosigkeit ist das erste Erfordernis für die Erkenntnis der Vahrheit, und rücksichtsloses Aussprechen dessen, was ist und 2 werden muß, führt allein zum Ziel.„Frau“, Seite 8. un 0 Meinungsverschiedenheiten wird es immer geben. Was wilrde 0 das für eine langweilige Gesellschaft, wo sie nicht wären. Da wollte 1. ich lieber morgen sterben oder gehe zu den Botokuden, von denen ich doch annehme, daß ich bei ihnen Opposition finden wllrde. 5 Ou. 1808. 0 11 Beherrschen die Interessen der Menschheit nicht auch ihre Ge- 0 danken?— Warum denken denn die bestimmten verschiedenen 1 Schichten der Gesellschaft ganz verschieden? Warum urteilt bie Bourgeoisie, warum urteilt der Handwerkerstand, warum der Arbeiterstand, ein Stand vach dem anderen, die eine über die andere total verschieden? Aus dem einfachen 0 weil ihre Lebensinteressen grundverschieden sind. A. 10. 4 walt einzuführen. Ueber die Art der Einführung der * ch * Republik ist aber nie, weder vom Ausschusse, noch unter uns Die Menschlichkeit hat keinen Kurs an der Vörse. 55„Frau“, Seite 288. Es ist der erste und Hauptgrundsatz aller Unterdrücker, die unterdrückten in der Unwissenheit zu erhalten. Stellung. Die auf dem Autoritätsglauben beruhende Geschichtsauffassung ist in einem ökonomisch unentwickelten und damit zusammenhängend geistig tiefstehenden Gesellschaftszustand entstanden und sie wird heute gelehrt, gepflegt und begünstigt, weil sie eine Existenzbedingung N für die Herrschenden ist. Mit dem Sturz des Autoritätsglaubens auf dem geschichtlichen Gebiet; mit der Anerkennung, daß es die Lebens⸗ und Fortschrittsbedingungen der Menschheit im allgemeinen und jedes einzelnen Volkes im besonderen sind, die auch die politische Entwicklung bedingen, haben die Autoritäten ohne Ausnahme auf⸗ gehört, ist es mit dem Personenkultus zu Ende, das Volk nimmt seine Geschichte selbst in die Hand. B. 1875, Seite 2. * Klassenherrschaft, geschichtlicher Autoritätsglaube und Religion hängen also eng miteinander zusammen, stehen und fallen mit⸗ einander. B. 1875, Seite 4. 5 Keine Religion(besitzt) das Privilegium, der in der Kultur sortschreitenden Menschheit auf die Dauer zu genügen, und für jede (kommt) der Zeitpunkt, wo sie mit den Kulturbedürfnissen der Menschheit in Widerspruch tritt, weil sie selbst ein vorübergehendes Produkt einer bestimmten Kulturperiode ist. M. VI. Bei dem innigen Zusammenhang der sozialen, politischen und religiösen Institutionen gab und gibt es darum auch keine rein polltische oder religiöse Revolution oder Reformation, alle diese Be⸗ dingungen, ohne Ausnahme, Ursachen. entsprangen und entspringen sozialen B. 1875, Seite 4. * Die Formen der Unterdrückung und Ausbeutung haben seit drei Jahrhunderten gewechselt, die Unterdrückung und Ausbeutung selbst ist geblieben. Wohl ist der Bauer des neunzehnten Jahrhunderts kultivierter und zivilisierter geworden als sein Vorfahr aus dem sechzehnten Jahrhundert.. aber relativ, im Vergleich zu der Lage des großen Gutsherrn von heute betrachtet, ist seine soziale Lage kaum eine bessere geworden. B. 1875, Seite 229. * Alle(bürgerlichen Parteien) fürchten die Aufklärung der Massen wie Gift. Die kleinen Kreise bürgerlicher Aufklärer, die es mit ihrer Arbeit für die Bildung der Massen ehrlich meinen, haben keine Macht und Bedeutung, ihre Existenz bestätigt nur die Regel in dem herrschenden Zustand. Angesichts solcher Verhältnisse bleibt nur eines übrig. Die Organisationen der Arbeiterklasse müssen die Aufklärungsarbeit selbst in die Hand nehmen; sie müssen ausrotten, was die Schulen und die Kirchen der herrschenden Klassen und Gewalten an geistigem Unkraut in die Köpfe der Proletarier ge⸗ pflanzt haben. Das ist keine leichte Arbeit. Aber es ist eine dank⸗ bare Arbeit, weil diese Aufklärungsarbeit dem Sehnen nach menschenwürdiger Stellung und höherer Erkenntnis entspricht und darum gierig von ihnen aufgenommen wird. Ein Lot Wahrheit vernichtet einen ganzen Zentner Dummheit. Daher wird die Wahr⸗ heit von den Herrschenden so gefürchtet und bekämpft. Yv. 1908. * Dem Eifer, mit dem Staat, Kirche und Gemeinde— in denen die besitzenden Klassen noch überall das Heft in der Hand haben— für die Festigung ihrer Herrschaftsstellung kämpfen, muß der zehn⸗ sache Eifer der unterdrückten und besitzlosen Klassen für ihre Be⸗ sveiung entgegengesetzt werden. Yo. 1908. 5* Die Macht der Bourgeoisie beruht auf ihrem Gelde, auf ihren Millionen und Milliarden, aber die gewaltige Zahl der Köpfe gibt der Arbeiterklasse, sobald sie sich dieses Umstandes bewußt wird, ein Jo gewaltiges Uebergewicht, daß sie die Macht der Bourgeoisie, und haben sie Zehntausende von Millionen im Kassenschrank, schließlich überwindet. Jena 1906. * Die große Mehrzahl bildet sich ja allerdings noch heute ein, man könne im Grunde genommen jedem einzelnen Menschen bei⸗ bringen, was man will; man könne die Ideenentwicklung in einem gegebenen Zeitalter und einem gegebenen Volke beliebig beein⸗ flussen. Aber das ist eben nicht möglich. Ich kann nur immer wieder betonen: man denkt nicht, was man will, man denkt, was man muß. Und das Denkenmüssen nach einer bestimmten Richtung ist gegeben durch das Maß von Interessen und Anschauungen, die aus den sozialen Interessen einer bestimmten Schicht oder einer bestimmten Klasse der Gesellschaft sich entwickeln. A. 1897. Die grundsätzliche Auffassung von der verhältnismäßig ge⸗ ringen Rolle, die die einzelne Persönlichkeit in der Geschichte spielt, unterscheidet uns von den Anarchisten. Att. 1898. Der Glaube an den übermäßigen Einfluß bedeutender Persön⸗ lichkeiten in einflußreicher Stellung auf den Gang der Geschichte ist durchaus bürgerlicher Herkunft. Att. 1898. * — Wag einer ist, das hat die Gesellschaft aus ihm gemacht. „Frau“, Seite 407. 8 Die Menschen können alles, was sie wollen; aber um etwas wollen zu können, müssen ste einsehen, daß es notwendig ist, und die Einsicht kommt durch die Not. Die Christen sagen: Not lehrt beten. Wir Sozialisten sagen: Not lehrt denken. A. 1897. 2 Eine auf vollkommener demokratischer Gleichheit beruhende Gesellschaft kennt und duldet keine Unterdrückung. Nur die vollste Meinungsfreiheit ermöglicht den ununterbrochenen Fortschritt, der das Lebensprinzip der Gesellschaft ist.„Frau“, Seite 462, * Wir brauchen Intelligenzen, je mehr, je lieber. Ha,, 1899. * Begeistere die Menschheit für ihr Recht als ihre Pflicht, und für ihre Pflicht als ihr Recht!„Volkswehr“, 1898. 7 Ein Quentchen Tatsache ist wirksamer als ein ganzes Pfund Theorie. Ha., 1899, Vom Gange der Entwicklung. Immer hinter dem Ofen hocken, bei der Pfeife und dem Glas Vier, das ist ein elendes Gewerbe für einen aufrechten und intelli⸗ genten Mann. Für ihn gehört es sich, selbst einzugreifen und zu arbeiten und zu kämpfen für die höchsten Ziele der Menschheit, die zugleich die höchsten Ziele für ihn und seine Familie sind. Reichstag 1907. 8 Von dem Augenblick, wo wir ins Leben eintreten, hat die Politik schon eine Einwirkung auf uns insofern, als unseren Eltern vorgeschrieben wird, wie sie uns zu registrieren und zu numerieren haben, und das geht durch das ganze Leben fort bis zum Tode, wo man uns die letzte Ehre erweist. A. 1897. 8 Es ist die Pflicht eines jeden Menschen, von dem Augenblick an, wo er die Fähigkeit eines selbständigen Urteils erlangt, sich um die öffentlichen Angelegenheiten zu kümmern, weil die ganze soziale Existenz, die ganze soziale Entwicklung der einzelnen in höherem Grade von den Einrichtungen und Zuständen abhängt, die der Gesamtheit der Gesellschaft eigen sind, als von seinem eigenen Wissen und eigener Tüchtigkeit, eigenem Können. A. 1897. 2 Eine soziale Bewegung, die in allen Kulturländern der Erde fortgesetzt und immer mehr sich ausbreitet, immer weitere Kreise in Bestrebungen hinemzieht, sollte doch jedem denkenden Menschen von vornherein die Vermutung nahelegen: das kann doch nicht purer Zufall sein, das kann doch unmöglich das Werk einzelner Leute sein, die vielleicht aus egen den bestehenden Staat, die bestehende Gesellschaft, die 1 diese Ideen verbreiten und propagieren und durch die Macht ihrer Worte, durch ihre Beredsam⸗ keit die Massen ihre Seite bringen. Denn dann müßte doch nichts leichter sein, als ebenfalls durch die Macht die Wortes, des gesprochenen wie des geschriebenen, dieser Bewegung entgegenzu⸗ treten und mit A. 1897. auf diesen Ideen endgültig aufzuräumen. Bewegungen werden auch nicht fallen nicht vom Himmel, sie ie Bewegung muß in der Natur der Dinge von einzelnen erzeugt; ein ihren Boden haben, nur dann allein ist sie lebensfähig, nur dann allein kann sie sich entwickeln. 11. Dezember 1895. 2 Treten irgendwo Bestrebungen auf, die, zuerst allerdings durch Agitatoren angeregt, größeren Widerhall in den Massen finden, so darf man nicht darüber hinweggehen, als über etwas, das nur vor übergehend und ohe Bedeutung sei. Ob solche Vestrebungen uns gefallen oder mißfallen, muß uns, objektiv betrachtet, gleichgültig sein; wir haben zu untersuchen, we ins Leben riefen dieser J is die Ursachen sind, die dieselben und zur Eutfaltung brachten. Haben wir uns mit rage beschäfti„daß uns beschäf⸗ die Anti, 1894. erk die unt tigende Erscheinung zu Mine zu Nittel zu der untersuchen, mit deren Hilse sie beseitigt werden kann. * Nicht die Revolutionäre sind es, die die Revolutionen machen, sondern zu aller und jeder Zeit die Reaktionäre. Schon der große Goethe hat seinem Eckermann gesagt, es Ne sind nur die Re schuld, wenn d gierungen e Revolution kommt. Ha., 1899. * Die Großkapitalisten, dies sind in Wahrheit die Revolutlonäre, dle Umstürzler. Je mehr diese Herren arbeiten, je mehr sie tätig sind, wie sie heute tätig sind— und tätig sind sie sicher—, desto mehr Sozialdemokraten schafsen sie. Anti, 1894. * Die Fabriken sind unendlich bessere Einrichtungen für die Propaganda des Sozialismus als die Kirchen für die Propaganda der heiligen Ordnung. 11. Dezember 1895. * Je mehr dle bürgerliche Gesellschaft sich entwickelt, desto mehr schreitet der Sozialismus vorwärts. 11. Dezember 1895. 5 Die kapitalistische Wirtschaftsordnung ist der Boden, auf dem Sozialdemokratie naturgemäß erwachsen mußte, genau so, wie auf einer gewissen Höhe der Entwicklung der seudalen Gesellschaft die bürgerliche Gesellschaft erwuchs, die teils auf ruhigem, gesetz⸗ lichem Wege, teils auf gewalttätigem Wege die alte feudale Gesell— schaftsordnung untergrub und zerschlug und die heutige bürgerliche Gesellschaftsordnung einzelnen Erscheinungen ins Leben rief. So gut also die heutige bürgerliche Gesellschaft erst das Produkt eines Entwicklungsganges ist, der innerhalb der alten seudalen Gesell— schaft begann und sich zu immer höherer Vollendung entwickelte, so kommt aus dem weiteren Entwicklungsgang der bürgerlichen Gesell⸗ schaft das moderne Proletariat zum Klassenbewußtsein und strebt ebenfalls nach höherer Entwicklung und menschenwlürdiger Stellung in der Gesellschaft, nach einer neuen Form der Gesellschaft, die de⸗ gründet wird, weil sie in der naturgesetzlichen Entwicklung der Gesellschaft unausrottbar liegt. So wenig die Feudalmacht imstande war, die bürgerliche Gesellschaft aufzuhalten, so wenig ist diese im- stande, die sozialistische Gesellschaft aufzuhalten. Ist auch die bürgerliche Gesellschastsordnung die beste und vollkommenste aller bisherigen Gesellschaftsordnungen, so ist sie doch nicht die denkbar beste und nicht die letzte Entwicklungsstuse der Menschhelt. Hinter der bürgerlichen Gesellschaftsordnung steht eine neue, werdende Gesellschaftsordnung, die sozlalistische. dle Stellung. e Me d sterblich, die Institutionen sind vergänglich, die Volker leben weiter, die Völker entwickeln sich. 11. Dezember 1808. * Die Frau und ihre Bei ceiung. Spricht man von der Gleichheit aller Menschhelk, dann ist ein Unding, davon die Hälfte des Menschengeschlechtes ausschließen zu wollen.„Frau“, Seite 248. Das weibliche Geschlecht in seiner Masse leidet in doppelter Beziehung: einmal leidet es unter der sozialen und gesellschaftlichen Abhängigkeit von der Männerwelt— bies wird durch förmliche Gleichberechtigung vor den Gesetzen und in den Rechten zwar ge⸗ mindert, aber nicht beseitigt— und durch die ökonomische Abhängig⸗ keit, in der sich die Frau im allgemeinen und die proletarische Frau im besonderen, gleich der proletarischen Männerwelt, befinden. „Frau“, Seite 0. *„ Die sprichwörtlich gewordene Frauenzunge ist wie die sprich⸗ wörtlich gewordene und von den Dichtern so viel besungene und bes wunderte Geduld und Sanftmut der Frauen nur das anerzogene und ane rerbte Resultat der Tyrannei der Männer, das Resultat 13 vieltausendjähriger Zucht und Vererbung, das auch auf diesem Ges 194 biet— arwins Entdeckungen zur Ehre bringt. Die Geduld, Sanst⸗ mut und Nachsicht der Frauen ist häufig dem Manne gegenüber keine Tugend, sondern die Folge der Schwäche und ein Uebel. Stellung. * Die Tyrannel der Männer über das weibliche Geschlecht ist ähnlich der Tyrannei der Bourgeois über die Proletarier, in manchen Stücken ist die erstere noch schlimmer. Stellung. *„ Der Mann hat dle Rechte, die Frau die Pflichten. Stellung. Mit dem den Frauen innewohnenden seinen Gefühl, welches sie als Selbstunterdrückte für die Unterdrückten stets empfanden und das ihnen instinktiv die Hoffnung gab, durch die Befreiung eines Unterdrückten ihre eigene Unterdrückung zu beendigen oder zu er⸗ leichtern, haben sie noch in jeder großen Bewegung ihre Rolle ges spielt und sich mit Eifer hingegeben. Es zeigt sich dies bei der Gründung und Ausbreitung des Christentums, bei allen religlös⸗ sozialen Bewegungen des Mittelalters, im Bauernkrieg, in der französischen Revolution, in der Junischlacht, in der Kommune⸗ bewegung. Stellung. 5* Auch der genialste Mann wurde von einer Mutter geboren, der er oft das Beste, was er besitzt, verdankt. Mit welchem Rechte will man also der Frau die Gleichberechtigung mit dem Manne ver⸗ sagen?„Frau“. e. 7* Eine Frau, die Kinder gebiert, leistet dem allgemeinen Wesen mindestens denselben Dienst wie ein Mann, der gegen einen ers oberungssüchtigen Feind Land und Herd mit seinem Leben ver? teidigt.„Frau“, Seite 907. * 1 1 Die Zahl der Frauen, die infolge von Geburten sterben ober siechen, ist weit größer als die der Männer, die auf dem Schlacht⸗ feld fallen oder verwundet werden.„Frau“, Seite 908. Die Frau hat das gleiche Recht wle der Mann auf Entfaltung ihrer Kräfte und auf Betätigung derselben. Sie ist ein Mensch wie der Mann.„Frau“, Seite 248. 8*. N Erklärung der Abkürzungen. Antl 1894= Rebe über den Antisemitismus in Köln 1894: Essen 1007= Rede dem Parteitag zu Essen 1907: A. 1897„Akademiker und Sozlalis⸗ mus“: Att. 1898=„Attentate und Sozialdemokratie“; Y. 1908 Glossen zu Yves Gunot: Ha. 1890= Rede auf dem. Hannover 1800: Je. 1006 Rede auf dem Parteftag in Jena 1 Frau„Die Frau und der Sozialismus“; Stellung„eber gegenwärtige und künftige Stellung der Frau“; Volkswehr 1898 z Jür Volkswehr, gegen Militarismus“; B. 1895„Der krieg“: R.=„ Mohammedanisch-arabische Kulturpersode 1 in 1 die * 9 0 1 7 . c 2 ö 6 ö 2 7 N ö 1 18 0 E N 1 N 1 f . l g . 2 14 1 1 114 1 1 15 1 5 1 9 1 * 9* 1 27 1 a 85 55 N 1 4 8 5