Di senistsacht Wöchentliche Beilage der Oberhessischen Dolks zeitung Nummer 5 Dienstag, den 15. Juli 1913 2. Jahrgang Ein Kulturpionier! Zum 75. Geburtstage Graf Zeppelins. Die Beschäftigung mit dem Probleme, wie man einen zuftballon steuerbar machen, ihm eine starke Eigenbewegung geben könne, ist fast so alt wie die Geschichte des Luftballons albst. Schon der berühmte französische Luftschiffer Flanchard, der 1785 als erster Mensch den Aermelkanal berflog, hatte an seinem Ballon künstliche Flügel und Steuerruder angebracht. Eine wirkliche Lenkung konnte aber Zur dann erzielt werden, wenn es möglich war, dem Luftschiff ine so starke Eigenbewegung zu geben, daß es damit in den Stand gesetzt wurde, auch gegen den Wind fortzukommen. Zum ersten Male gelang das dem Franzosen Henry Gäffard, der 1855 einen spindelförmigen Ballon von 4 Meter Länge und 12 Meter Durchmesser erbaute, der eine Dampfmaschine von 3 PS. trug. Diese verlieh durch Drehung ines Schraubenpropellers dem Ballon eine Geschwindigkeit on 3 Metern in der Sekunde(gleich 10,8 Kilometer in der Stunde). Giffard konnte zwar mit seinem Ballon einige Bewegungen vollbringen, mußte aber sehr bald landen, weil ein Apparat nicht genügend das Gleichgewicht bewahrte. Mehr Erfolg hatte der Pariser Dupuy de Löome mit einem Ballon, der mittels einer von 8 Männern bedienten Schraubenspindel bewegt wurde. Ein Segel am hinteren Ende der nachenförmigen Gondel diente als Steuerruder. 872 führte de Lome eine zirka zweistündige Fahrt nach vor⸗ er bestimmtem Ziele aus, wobei er erfolgreich gegen den, benn auch nur schwachen, Wind ankämpfte. Den ersten freilich nur bei Windstille zuverlässigen durch⸗ dus lenkbaren Ballon erbauten die Franzosen Renard und krebs im Jahre 1884. Ihr Luftschiff konnte eine Eigen⸗ eschwindigkeit von 21,6 Kilometer in der Stunde entwickeln. Nittleren Windgeschwindigkeiten gegenüber waren daher die onstrukteure völlig machtlos.— In neuerer Zeit zeichneten ich besonders die Lenkballons des Santos Dumont lurch Schnelligkeit und leichte Steuerbarkeit aus. Auch sie rteichten längst nicht die staunenswerten Flugleistungen der kuftschiffe des Grafen Zeppelin. Graf Zeppelin, der am 8. Juli 1913 seinen 75. Geburts- ag feiern konnte, führte im Ballonbau ganz neue Grund- sitze durch. Die Luftschiffe seiner Vorgänger waren mit ganz Benigen Ausnahmen unstarr, d. h. ihr Tragkörper bestand Tur aus einer mit Gas gefüllten, dehnbaren Hülle. Zeppelin Hallons sind dagegen starr. Sie bestehen aus einem im g Querschnitt sechszehn⸗ bis vierundzwanzigeckigen Aluminium- ö serippe, das mit sehr fester und leichter Ballonseide umkleidet st. Das Ganze sieht wie ein riesiger, langer Zylinder aus, er an den Enden spitz zuläuft. Das erste 1899/1900 von Zeppelin erbaute Luftschiff war 128 Meter lang und hatte fänen größten Durchmesser von 11,65 Meter. Innerhalb les großen Hohlzylinders, der in 17 Abteilungen geschieden Bar, befanden sich 17 kleine, kugelförmige Ballons, in jedem Fach einer. 3 Meter unterhalb des Ballonkörpers hingen schei Gondeln, an jedem Ende eine, deren jede einen Benzin⸗ montor von 14,7 PS. Leistung trug. Die Gondeln waren lurch einen Laufsteg miteinander verbunden. Die Motoren birkten auf bier vierflügelige Schrauben von je einem Meter Durchmesser ein, die in der Minute 1100 Umdrehungen machen konnten. 28 Meter unter dem Ballonkörper hing an nem stählernen Tau ein 100 Kilogramm schweres Lauf-! gewicht, das in der Ebene um 7 Meter vor- und rückwärts bewegt werden konnte. Es sollte sowohl das Luftschiff im Gleichgewichte erhalten als auch das Aufrichten oder Senken der Spitze erleichtern helfen. Am Ballonkörper befanden sich vier Steuerruder, 2 vorn und 2 hinten. Am 2. Juli 1900 Von dieser Zeit an begann für den Erbauer eine lange Reihe von Mißgeschicken und Glückszufällen, die er alle mit soviel Ruhe wie energisch überwand. Zahllose Verbesserungen nahm Zeppelin, unterstützt von seinem Oberingenieur Dürr, an seinen Luftschiffen vor— aber im wesentlichen brauchte an ihrer Konstruktion nichts geändert zu werden. Die riesenhafte Entwicklung der modernen Motoren- industrie in den letzten Jahren, deren Erzeugnisse im Ver— hältnis zu ihren Leistungen immer leichter wurden, ermög⸗ lichten es dem Grafen, seinen Luftschiffen eine immer größere Geschwindigkeit zu geben. Während seine ersten Bauten eine Schnelligkeit bis zu 32½ Kilometer in der Stunde ent⸗ wickelten, erreichen sie heute mit zwei Motoren von je 150 PS. Eigengeschwindigkeiten bis zu 80 und mehr Kilometer in der Stunde, d h. sie können selbst noch gegen starken Sturm an⸗ kämpfen und vorwärtskommen. Die Fortbewegungs- und damit Steuerungsmöglichkeit cines Ballons hängt natürlich in der Hauptsache von der Art und Kraft seiner Antriebsmaschinen ab. So würde auch Zeppelin nie seine großartigen Erfolge in den letzten Jahren errungen haben, hätte ihm die Industrie nicht sehr starke und dabei doch leichte Motoren zur Verfügung gestellt. Aber es bleibt ihm doch der Ruhm, durch geschickte Zusammenfassung der vorhandenen Möglichkeiten ein wirklich brauchbares und zuverlässiges Luftschiff erbaut zu haben. Wenn auch in neuester Zeit die Flugmaschinen mit ihren Leistungen die der Zeppelinballons bei weitem hinter sich ließen, vor allem un⸗ vergleichlich viel schneller fuhren, so werden jene wahrschein⸗ lich doch unter den Verkehrsmitteln der Zukunft eine wichtige Rolle als Beförderer von Massengütern spielen. Und wenn jetzt auch noch der menschenmordende und kulturwidrige Militarismus die Zeppelinschiffe seinen auf Zerstörung gerichteten Zielen nutzbar macht: deshalb bleiben sie doch Er⸗ zeugnisse höchsten Kulturwertes und deshalb muß auch ihr Schöpfer Graf Zeppelin zu den Kulturpionieren gezählt werden so gut wie James Watt und Stephenson! bd. Nichtfachliches von der Leipziger Baufach⸗ 0 Ausstellung. Die seit Anfang Mai dieses Jahres eröffnete Internationale Baufach⸗Ausstellung in Leipzig, die Weltausstellung sür Bauen und Wohnen, wie man sie noch passender bezeichnen kann, erfreut sich von Woche zu Woche eines regeren Besuches. Konnte sie doch kürzlich an dem Sonntage der Einweihung des Leipziger Luftschiffhafens durch zwei Zeppelinschiffe in Gegenwart des Königs von Sachsen und des Grafen Zeppelin sogar den Besucherrekord der Dresdener Hygiene⸗Ausstellung vom Jahre 1911 schlagen! Auf den schönen baumbestandenen Wegen zwischen den reizenden gärtnerischen An⸗ lagen des Ausstellungs⸗ und unter dem schattigen Blätterdache des Vergnügungs⸗Viertels drängen sich besonders an schönen Tagen die Scharen der Einheimischen und der zahlreichen auswärtigen Be⸗ ucher. a. ach Aus senungk Wieviel Ungezählte mag es geben, dite, abgeschreckt durch die strenge technische Sachlichkeit dieses Namens, in der diesjährigen Leipziger Weltausstellung nicht entfernt das suchen oder zu finden glauben, was die Ausstellung in Wirklichkeit bietet. Freilich haben all die Tausende von Gegenständen, Bildern. MNobellen, Naschsnen, Plänen, ble hler gezeigt werden, in letzter Linse irgend etwas mit dem Baufach in seinem weitesten Umfange zu tun. Infolge der bedeutend weiteren Ausdehnung des Begriffes des„Bauens“ auch natürlich noch mehr, als so viele der seiner Zeit auf der Dresdener Hygiene⸗Ausstellung vorgeführten Objekte etwas mit„Hygiene“ zu schaffen hatten. Der Baumeister hat eben weit ältere Ahnen beim Menschengeschlechte als der Hygieniker. Eben wegen dieser viel umsassenderen Begrisse des Bauens und Wohnens ist darum auch auf der Leipziger Ausstellung— neben den hier natürlich auch in reichster Fülle vorhandenen rein fachtechnischen Kusstellungs⸗Gegenständen— eine so große Masse von Dingen zu schen, die jeden Gebildeten, Mann wie Frau interessieren müssen, das auch schon bei einer nur oberflächlichen Besichtigung jenes oben erwähnte etwaige Bedenken gegen eine zu große„Fachlichkeit“ dieser Ausstellung sich als durchaus unhaltbar und hinfällig erweisen muß. Man kann getrost sagen, daß die Leipziger Ausstellung sich in bezug auf das rein menschliche Interesse, das man ihr entgegenbringen muß, durchaus mit ihrer Dresdener Vorgängerin messen kann, ja jene hinsichtlich der Geschlossenheit ihrer Gesamtidee noch übertrifft. Von diesem Reinmenschlichen der Ausstellung soll im Folgenden zu Nutz und Frommen von etwaigen späteren Besuchern die Rede seln. Die weite, weite Welt und die graue Vorzeit tritt uns, abge⸗ sehen von Nachbildungen von Newyorker Wolkenkratzern, englischen Städten und ähnlichem, besonders in der vom Leipziger Museum für Völkerkunde veranstalteten Sonderausstellung anschaulich vor Augen. Hier sehen wir die Höhlenwohnungen unserer Urahnen, die sie noch gegen den Höhlenbär und den Höhlenlöwen zu verteidigen hatten, die Pfahldörser, die Siedlungen der Stein-, Bronce- und Eisenzeit, wie die Wohnstätten unserer jüngeren Vorfahren, das sächsische und fränkische Haus und anderes. Wir sehen in das leichte Holzhaus des Japaners mit seinen Schiebewänden, Papiersenstern und seinem kärglichen Hausgerät, wir sehen die hohen Lehmburgen der Be⸗ wohner Zentralafrikas, die Fellhütten der Patagonier, die Baum⸗ siedelungen Neu-Guineas, die Jurten der nomadisierenden Mongo⸗ len. Von der engeren europäischen Heimat ist besonders unser Bundesstaat Oesterreich reich mit Bildern und plastischen Modellen aus den schönen Alpenländern vertreten. Vesonders jetzt vor der nahen Ferienzeit, die den österreichischen Alpenländern so viele Be⸗ sucher zuführt, werden diese Gegenstände interessieren. Modelle von Bergbahnen führen uns auf berühmte Aussichtspunkte, kühne Eisen⸗ bahnbrücken Über tosende Gießbäche, ein Modell der aussichtsreichen Mendelstraße geleitet aus dem im Sonnenglanze brütenden Etschtale auf den luftigen Mendelpaß in 1362 Meter Höhe, eine Nachbildung der Stilfser Jochstraße von Trofoi bis zur Dreisprachenspitze in un⸗ gezählten Kehren, an den Gletschern des Ortlergebietes vorüber, sogar bis 2754 Meter hinauf. Aus der schönen, weiten Welt in die schöne Heimat zurck. Der Verein Sächsischer Heimatschutz gibt in seinem eigenen Pavillon im Bild, in Modellen und im Original die schönsten und denkwürdigsten Stätten und Naturdenkmale des Sachsenlandes, Sachsens Vögel- und Blumenwelt, seine Mineralien, die schlichten bunten Spielsachen der erzgebirgischen Industrie, dle einfachen, gesunden Erzeugnisse einheimischer Töpferindustrie und dergleichen. Bei dieser Gelegenheit sei erwähnt, daß auch Oester⸗ reich eine Art Naturdenkmal geschickt hat, einen Granitwürfel von 7 Kubikmeter Inhalt und einem Gewicht von„nur“ 370 Zentner. (Jortsetzung solgt.) 7 5. Das Problem der Armut. Deutscher und englischer Staatssozialismus. Das englische Ehepaar Webb ist der deutschen Arbeiter- schaft nicht unbekannt, seine Arbeiten über die engste deutsche seitdem britischen Arbeiterorganisationen in den neunziger Jahren von Eduard Bernstein u. a. in unsre Sprache übersetzt worden sind. Das jüngst erschienene„Das Problem der Armut“' mutet den deutschen Sozialpolitiker insoweit zum Buch: » Sidney und Beatrice Webb:„Das Problem der Armut“. Autorisierte Uebertragung von Helene Simon. Diederichs in Jena 1012. Teil frem Verlegt bei Eugen dartig an, als in ihm der Individualcharakter des nit merkwürdiger Breite behandelt wird; eine Eigen⸗ nlichkeit, die als Rückwirkung der von Regierungsmännern geübten Vorurteilslosigkeit zu betrachten sein mag. Aber gerade indem die Verfasser den moralischen Sumpf schildern, in den die untersten Schichten des englischen Volkes herab- gesunken sind, vergessen sie nie die gesellschaftlichen Zusam⸗ menhänge, durch die die sittlichen Verwüstungen veranlaßt oder doch gefördert worden sind. „Wer die Gestalten, Geräusche und Gerüche der Armen⸗ viertel kennt,“ so heißt es im ersten Kapitel des Buches,„oder wer gar mit den Leidensgeschichten von Familien unterhalb der Armutsgrenze vertraut ist, dem schärft sich der Blick für eine Art moralischer Malaria, deren unheilvoller Einfluß die geistige Lebenskraft untergräbt. Mag hier und da ein moralisches Genie überleben, trauriger geworden, aber ohne Schaden an seiner Seele; die Masse einer jeden Generat erliegt allmählich, während sie inmitten tierischer Gemeinhei heranwächst, dem Stumpfsinn und zynischen Unglauben an alles Bessere. Häufen sich solche Menschengruppen, bilden sie gar buchstäblich abgesonderte Städte der Armen, so de⸗ deutet das eine Erkrankung des Gemeinwesens, dem sie an- gehören.“ Gegen dieses Elend ist die Armenpflege ohn⸗ mächtig hier sind Maßnahmen im Interesse der Gesamthei am Platze, die dem Reichen nicht minder Leben und Gesun heit sichern wie dem Armen. Das Wirken der öffe Gesundheitsbehörden hat zur Folge gehabt, daß Typhus und Cholera als Epidemien beseitigt wurden; und die Frage, es denn gestattet seit, daß Staat und Gemeinde dem einz Vorschriften machen, in das viel berufene Recht der Fami eingreifen, beantwortet sich durch den Erfolg sozialen Wi von selbst. 2 Auch dem wirtschaftlichen Elend können die öffentlichen Gewalten steuern, vor allem, wenn man in Betracht zie daß die Arbeiterschaft in ihren Organisationen selber Hand ans Werk gelegt hat und es nur Sache von Staat und meinde ist, diese Organisationen zu stärken. Unter den eng lischen Gewerkschaften haben Anspruch auf Unterstützung guten Zeiten 98 Prozent, in den schlechten Jahren, wo mehr bereits ausgesteuert sind, immer noch 89 Prozent. Nach 5 den in der englischen Armenwesenkommission gemachten An⸗ gaben erreicht die im besten Jahre des letzten Jahrzehnts in Großbritannien verausgabte Lohnsumme etwa 700 lionen Pfund Sterling; die im schlechtesten Jahre veraus⸗ gabte Summe betrug kaum weniger als 680 Pfund, was be- deutet, daß selbst in der schwärzesten Periode geschäftlich Tiefstandes immer noch Fünfzehnsechzehntel aller Loh arbeiter Beschäftigung fanden. Das eine Sechzehntel der Are beitslosen umfaßt immerhin Hunderttausende von Arbeiternz aber der Staat wäre imstande gewesen, Einrichtungen zu treffen, die verhüteten, daß die periodischen Gef stockungen ein Fallen der gesamten Warennachfrage be⸗ wirkten. Mag es auch nur bedingt zutreffen, was die Bere fasser behaupten, daß nämlich die Herstellung öffentlicher Arbeiten in Zeiten der Krise annähernd normale Verhälk⸗ nisse schaffen kann, so zeigt die Aufrollung des Problem doch, daß die land an den treten. Diese Forderungen berühren weiter das Gebiet der beiterversicherung und der Armenpflege im weitesten Si und hier zeigt sich, daß England, die angebliche Hochburg individualistischer Rücksichtslosigkeit, dem deutschen„Stage der Sozialreform“ ein beträchtliches Stück im sozialen Pflich bewußtsein voraus ist. Wo ist der deutsche Sozialpolitiker der heute schon schreiben könnte, daß die Behauptung bestimmten Lohnsatzes, unter dem niemand arbesten nicht nur das allgemeine Prinzip; der Gewerkschaft sondern daß es auch heute bereits die Anerkennung Nationalökonomen gefunden habe, daß alle Parteien des Parlaments diesem Prinzip zugestimmt hätten, soweit siaat⸗ liche Arbeiten oder Lieferungen in Betracht kämen, und 2 s im Schiedsgerichtsgesetz von 1908 für bestimmte f 5 Sozialpolitiker auch im„manchesterlichen“ Eng- Staat mit sehr bestimmten Forderungen heran⸗ 8 strien tatsächlich zum Gesetz erhoben worden sei? 3 Aber weiter! Die Verfasser beschäftigen sich eingehend mit der Frage der staatlichen Versicherung gegen Ar- beitslosigkeit, die sie neben andern staatlichen nahmen für eine Selbstverständlichkeit halten. Hier kennen sie keinen andern Weg, als daß der Staat in der Art de Genter Systems die Gewerkschaften zu Trägern Versicherung macht. Und zwar soll dies, was bez 0. für die englische Auffassungsweise ist, vornehmlich aus moralischen Gründen geschehen. Der Staat allein sei nicht imstande, zu verhindern, daß Arbeitsscheue und andere 5 würdige die Unterstützung mißbrauchen, ebensowenig wie 7 1 chne 8 2 arbeitslosen Mitglieder zu tragen; ihnen verbleibe Entscheidung, ob eine gebotene Stellung anzunehmen oder nicht. Ihre Sache sei es auch, die als notwendis 2 das achteten Peaßnaymen gegen das Slmulantentum zu treffen. Eine Einmischung des Staates in die Verwaltungsangelegen⸗ heiten der Gewerkschaften sei zu verwerfen. Wenn man aber nach der moralischen Berechtigung der Verwendung öffent— licher Gelder für solche gewerkschaftlichen Zwecke frage, so sei zu antworten, daß der alljährlich gezahlte staatliche Zuschuß als Gegenleistung für einen von der Gewerkschaft der Gesell— schaft erwiesenen Dienst zu gelten habe. Sei es doch dem gewerkschaftlichen Unterstützungswesen zu danken, daß die Armenverwaltung nicht habe einzugreifen brauchen, und daß der Organisierte Erziehung zur Sparsamkeit, Selbstver⸗ waltung und Selbstbeherrschung genossen habe. Jedoch die Unorganisierten? Gegen diese kann, wie die Verfasser ausführen, nur der Zwang helfen. Von ihnen habe der Staat eine besondere Steuer in bestimmter Höhe zu er⸗ heben, ohne daß er verpflichtet sei, den Ertrag der Steuer auch wieder gleichmäßig zu verteilen.„Wer durch freiwillige Versicherung(in der Gewerkschaft) über und neben der Staatssteuer seinen Befähigungsnachweis zur Sparsamkeit und Selbstverwaltung erbringt, dem kann man mit aller Ruhe und Gerechtigkeit nicht nur eine höhere Summe aus der gemeinsamen Kasse bewilligen, sondern auch das Vorrecht, seinen Anteil durch die eigne Hilfskasse oder den Gewerk⸗ verein als frei verfügbares Geldeinkommen zu beziehen. Dagegen müssen alle nicht freiwillig Versicherten während der Dauer der Krankheit oder Arbeitslosigkeit sich im öffent— lichen Interesse der für sie vorzusehenden Fürsorge fügen. Gilt es doch, die außerhalb des erzieherischen Einflusses der Organisationen verbliebenen Arbeiter in staatliche Kur zu nehmen.“ Wem fällt hier nicht der immense Unterschied des Ver— trauens auf, mit dem in England und in Deutschland Ar— beiterführer oder radikale Sozialpolitiker dem Staat be⸗ gegnen? In Deutschland kommt aus nur zu berech— tigten Ursachen bei den Gewerkschaften das stärkste Miß— trauen gegen den Staat zum Ausdruck. Dieser Staat hat die Arbeiterorganisationen seit Menschengedenken gehetzt und verfolgt sie bis auf den heutigen Tag. Er hält ihre Mit⸗ glieder aus öffentlichen Betrieben fern, und gemäß der Be— urteilung in der Zuchthausvorlage des Jahres 1899 ist ihm heute noch der Streikbrecher das Ideal des Arbeiters, ir den Staat besonders nützliche Element“, während der Ausständige, insbesondere wenn er Streikposten steht, vom Schutzmann zu drangsalieren ist. In England hingegen ist der Unorganisierte in der Augen der Arbeiterführer der moralisch Minderwertige, den der Staat zur Gesittung zu erheben hat, damit er würdig würde, an den Unterstützungseinrichtungen freigewerkschaft— licher Organisationen schließlich teilzunehmen. Es erübrigt sich, auf die Frage einzugehen, ob im klassischen Lande der kapitalistischen Entwicklung und des Gewerkschaftswesens der Staat tatsächlich in absehbarer Zeit die ihm zugedachte Aufgabe übernehmen wird. Es kommt hier nur darauf an, daß gezeigt werde, wie in einem politisch vorgeschrittenen Lande die Begriffe von Staatssozialismus, vom erziehlichen Wirken der Staatsgewalt ganz andre sind als im polizistischen Preußen⸗Deutschland. Der Völkerkrieg der Fürsten. Die Kriege 1813/15. Von Kurt Eisner. Drittes Kapitel: Jacobinerspiel und Opfer⸗ 5 legende. 1 Im Jahre 1815 sagte Friedrich Paris zur Gräfin Saint⸗Aulaire:„Et pour comble de malheur, j ai encore dũ faire le Jacobin.“(Und zu allem Unglück habe ich noch den Jacobiner spielen müssen.) 5 Das war das zynische Geständnis, daß er 1 8 revolutionäre Verheißungen seine Untertanen verlockt habe, sich für die Befestigung seines erschütterten Throns zu opfern; mit anderen Worten: daß die Völker, die in die Freiheitskriege gingen, die Opfer eines be⸗ wußten Fürstenbetrugs geworden find. So empfanden und deuteten ihr Schicksal die enttäuschten und gdehetzten Freiheitskämpfer nach 1815. Wilhelm III. von Preußen in Und dies war bisher die Zar und Freiheit! Deutsche Einbeit von bürgerlsch⸗radirale Entlarvung der dynastischen Legende von 1813. Indessen, ein tiefer schürfendes Studium jener Zeit muß die An⸗ klage des Betruges und des Verrats zu erheblichem Teile ein⸗ schränken. Die Volkstragödie der Freiheitskriege war viel furcht⸗ barer, als sie gewesen wäre, wenn nur die Täuschung durch ver⸗ brecherische Fürsten die Deutschen um den Ertrag ihrer blutigen Opfer betrogen hätte. Aber, wie schon in diesen Betrachtungen an⸗ gedeutet wurde, die Sache steht unendlich schlimmer. Die Fürsten und ihre feudalen Spießgesellen haben sich garnicht sonderlich Mühe gegeben, ihre wirklichen Pläne zu verbergen. Friedrich Wilhelm III. hat übertrieben, als er über sein Jacobinerspiel witzelte. Er hatte nicht einmal den Girondisten gemimt, sein ganzes„revolutionäres“ Getue bestand darin, daß er in den papiernen Kundgebungen des März einige Mal erkannt hatte, daß es so etwas wie ein Volk gäbe, das ein Recht hätte, sich zu betätigen, dem die Freiheit zustehe, frei⸗ willig seinen König zu retten. Das war die Bedeutung der Märzerlasse, deren Worte weit über ihren Buchstaben und noch weiter über ihre Absicht hinauswirkten, die so mächtig halfen, all den in dumpfer Enge ge⸗ fesselten fromm heldenmütigen Idealismus einer emporringenden Jugend ewig anbetungswürdig zu entfesseln und zu befördern. Es waren im Grunde nur ein paar Sätze, die jacobinisch klangen und klingen sollten. So im Breslauer Aufruf vom 17, März („An mein Volk“), wenn die Brandenburger, Preußen, Schlesier, Pommern, Litauer angeredet wurden:„Bleibet eingedenk der Güter, die unter ihnen unsere Vorfahren blutig erkämpften: Gewissens⸗ freiheit, Ehre, Unabhängigkeit, Handel, Kunstfleiß und Wissen⸗ schaft.“ Das war in der Tat eine unerhörte Sprache in dem Bereich des preußischen Landrechts, das dem Untertanen überhaupt kein Recht zugestand, sich um öffentliche Angelegenheiten zu kümmern, das auch die— von Söldnern und militärischen Leibeigenen ge⸗ leisteten— Kriegsdienste den Bürgern verwehrte. Darum konnte ein Theodor Körner schwärmend ausrufen:„In einer solchen Sprache hat noch kein König, kein Fürst zu seinem Volke geredet, so lange Deutsch gesprochen wird... König und Volk, Staat und Vaterland sind hier in innigster Gemeinschaft verbunden.“ Heller noch war der volksmäßige Ton in dem preußischen Auf⸗ ruf„An mein Kriegsheer“:„Vielfach habt ihr das Verlangen ge⸗ äußert, die Freiheit und Selbständigkeit des Vaterlandes zu er⸗ kämpfen. Der Augenblick dazu ist gekommen! Es ist kein Glied des Volkes, von dem es nicht gefühlt würde. Freiwillig eilen von allen Seiten Jünglinge und Männer zu den Waffen... Des ein⸗ zelnen Ehrgeiz— er sei der Höchste oder der Geringste im Heer— verschwinden in dem Ganzen. Wer für das Vaterland fühlt, denkt nicht an sich... Gewisser Lohn wird treffen den, der sich auszeichnet; tiefe Schande und strenge Strafe dem, der seine Pflicht vergißt!“ Befonders der Satz von dem gewissen Lohn wurde weithin und überdeutlich gehört; es erweckt eigene Gefühle, in jugendlichen Patriotenbriefen der Zeit neben den Beteuerungen todesmutigen Freiheitssinns auch sehr nüchterne Hinweise der zu⸗ meist wirtschaftlich bedrängten Jünglinge zu lesen, daß ihnen nach dem Siege eine behagliche Staatsanstellung gesichert sei. Am revolutionärsten aber scheint jener von dem Generalissimus Kutusoff unterzeichnete Aufruf an die Deutschen Kalisch, 25. März). Da wurde vom Zaren und dem preußischen König„den Fürsten und Völkern Deutschlands die Rückkehr der Freiheit und Unabhängigkeit“ angekündigt. Man ließ sich berauschen vom Worte„Freiheit“ und überhörte das zum Ver⸗ dacht mahnende„Rückkehr“. Unveräußerliche Stammgüter der Völker— Wiedergeburt eines ehrwürdigen Reiches— Ehre und Freiheit, so schäumte es in diesem Erzeugnis, einem verstümmelten Entwurf des Freiherrn vom Stein: „Möge jeder Deutsche, der des Namens noch würdig sein will, rasch und kräftig sich anschließen; möge jeder, er sei Fürst, er sei Edler, oder er stehe in den Reihen der Männer des Volkes, den Befreiungsplänen Rußlands und Preußens beitreten mit Herz und Sinn, mit Gut und Blut, mit Leib und Leben!.. „Der Rheinbund, diese trügerische Fessel, mit welcher der Allentzweiende das erst zertrümmerte Deutschland selbst mit Namens neu umschlang, kann als Wirkung Werkzeug fremden Einflusses länger ben Ihre Majestäten, einem beklommener Brust zurück⸗ begegnen, wenn sie icht anders als in russischen en, in welchem Se. edergeborenen Es kann dentschen in Einheit gehaltener desto verjüngter, 1 0 s Völkern erscheinen wird Deutschland wieder können.“ Wer nur den Hall der flatternden Worte hörte, der konnte in der Tat wähnen, daß da ein einiges freies Deutschland verheißen werden sollte. Aber mußte man nicht stutzen vor dem Widersinn: Rußlands 8 9 2— 3 1 p——— 2 . 2 . —— ——— Gnaden! Und war das nicht, von allem gaukelnden Schimmer gelöst, die Sprache des alten Europen vor 1780, der absolutistisch feudal ständischen Welt? Ward nicht bereits der Wiener Kongreß angekündigt und die Karlsbader Beschlüsse? War's nicht ein heiliger Krieg für die Freiheit der Privilegierten, die der Unterdrücker beraubt hatte? So hätte man mißtrauisch sein können, auch wenn man damals nicht wissen konnte, wie sehr der ursprüngliche Entwurf Steins in der veröffentlichten Proklamation von Kalisch verkümmert war. Stein hatte wenigstens das Ende der deutschen Potentaten wirt⸗ schaftlich ankündigen wollen:„Man wird diejenigen, welche länger als sechs Wochen zaudern(sich den Verbündeten anzuschließen), mit dem Verluste ihrer Staaten bedrohen.“ Aus diesem unzweideutigen Ultimatum wurde in der Proklamation die verwischte Phrase:„Und so fordern sie(die verbündeten Monarchen) dann treues Mitwirken, besonders von jedem deutschen Fürsten, und wollen dabei gern voraussetzen, daß sich keiner finden werde unter ihnen, der, indem er der deutschen Sache abtrünnig sein und bleiben will, sich reif zeige der verdienten Vernichtung durch die Kraft der öffentlichen Meinung und durch die Macht gerechter Waffen.“. Diese und ähnliche Kundgebungen waren das ganze Jacobiner⸗ tum. Auch sie waren schon zweideutig und verdächtig genug und hätten, ruhig gelesen, erkennen lassen, was für eine Art russisch⸗ preußischer Freiheit erkämpft werden sollte. Indessen, es ist be⸗ greiflich, daß man damals nicht ruhig lesen konnte und wollte. Weniger begreiflich aber ist es, daß man die anderen preußi⸗ schen Kundgebungen überhörte, die ganz den Stil des alten Preußen hatten, und die überdies keine unverbindlichen schönrednerischen Aufrufe, sondern gesetzlich zwingende Edikte und Verordnungen waren. Denn auch die Freiwilligkeit“ der Freiheitskämpfer ist eine Legende, und zwar die Legende, an die niemand in diesem Jubiläumsjahr zu tasten wagt, obwohl sie durch offen be⸗ reitliegende Urkunden widerlegt wird. Gewiß, ungezählte Jünglinge haben sich freiwillig dargeboten: aber sie hätten auch kommen müssen, wenn sie nicht gewollt hätten. Und diese echt preußischen Zwangsgesetze— aus den Früh⸗ lingstagen der herrlichen Begeisterung— hätten sie wiederum auf— klären müssen, was von einer russisch-preußischen Freiheit zu er⸗ varten war. Aus unserer Sammelmappe. Zehn Jahre„Schönheit“. Karl Vanselow, der verdiente Herausgeber der„Schönheit“, hat soeben den 11. Jahrgang seiner Zeitschrist mit einem textlich und illustratiwv prächtig ausgestatteten Hefte begonnen. Die Tatsache, daß eine Zeitschrift, die ihrer kühnen Idee und des ausgesprochen ästhetischen Charakters wegen immer nur Publikums bestimmt ist, auf 10 Jahre fruchtbarer Arbeit und 50 dauernder Erfolge zurückblicken kann, beweist von neuem, wie hoch für eine Auslese des die„Schönheit“ über den sonstigen Schöpfungen und Erfindungen unseres nervösen Alltags hervorragt. Es ist wohl heute nicht mehr notwendig, über die Ziele, die Vanselow in seiner Zeitschrift ver⸗ folgt, einen erläuternden Kommentar zu verlauten, denn die„Schön⸗ heit“ hat in den 10 Jahren des Bestehens eindringlich genug für sich selbst gesprochen. Jahrgang dieses viel gerühmten, aber auch bestgescholtenen Blattes zur Hand und über⸗ Man nehme nur einen zeuge sich von den künstlerischen Werten, die hier für jedermann zu⸗ gänzlich geboten werden. Oder man blättre auch nur in dem ersten Heft des neuen Jahrganges und man wird neben prächtigen Bildern die seinsinnigsten Gedanken finden, wie sie Künstler und Dichter seit langem in dieser Zeitschrift aus zusprechen pflegen. Neben einem eindringlichen Kapitel über die derzeitige Tanzkunst, das uns die be⸗ kannte Jsadora Duncan liest, finden sich nach Form und In⸗ halt vollendete Brautbriese des begabten Karlsruhers Edwin Krutina darinnen. Johannes Marr plaudert interessant und eindringlich über Promenade und Korso, und Lothar Eisen erzählt eine feine, historisch gefärbte Novelle im Stile Bruno Willes und von tiefen gedanklichen Perspektiven durchzogen. Künstlerische Albrecht, Back, Vanselow, Skulpturen Aktaufnahmen von Wimmer, und Bilder von Breuer, Schult, Volkmann usw. ergänzen das Heft Die„Schönheit“ kostet halbjährlich 8.— Mk., für das Ausland 6,50 Mk., inkl. Porto und ist durch jede Buchhandlung oder direkt vom Verlag, Werder a. Havel, zu beziehen. Einzelne Bände ge⸗ bunden zum Preise von 12.— Mark. a „Natur“, Dalbmonatsschrift für alle Natur⸗ freunde. 4. Jahrgang Heft 19. Theod. Thomas Verlag, Leipzig. Jährlich 24 reich illustrierte Hefte und 5 wertvolle Bücher zum Preise von zusammen nur 6.— Mark. Sehr vielversprechend beginnt diese prächtige Zeitschrift das letzte Quartal ihres vierten Jahrganges. Sie bietet ein inhaltlich reiches und interessantes Heft, in dem jeder Artikel, jeder kleinste Aufsatz uns zum Lesen einladet. Viel Beachtung wird besonderz der Beitrag von Dr. Otto Antonius„Die Zebras und ihre Domesti⸗ kation“ finden, nicht zum wenigsten durch die 8 entzünkenden Bilder, zeigen.„Vor unseren Augen“, schreibt der Verfasser,„vollzieht sich im dunklen Erdteil ein trauriges Schicksal: die Vernichtung einer ur⸗ alten, eigenartig schönen Tierwelt. Was in Europa, das einst eine ganz ähnliche Fauna beherbergte, im Laufe von Hunderttausenden von Jahren wiederholte Schwankungen des Klimas bewirkten, das hat in Afrika der Kulturmensch in kaum 100 Jahren fertig gebracht: verschwunden sind aus weiten Gebieten die Antilopen und Giraffen, die Elefanten und Nashörner und Büffel. Zu den Großtieren aber, an welchen sich dieses traurige Geschick am raschesten erfüllt, gehören die schönen Verwandten unseres Pferdes. Eine Form, das Quagga (Equus quagga) aus den Ebenen des nördlichen Kaplandes, ist seit elwa 1880 vollständig ausgerottet, mehreren Verwandten steht das gleiche Schicksal unmittelbar bevor“. Das temperamentvolle Ein- treten des Verfassers für den Schutz dieser schönen Tiere muß von jedem, der Freude an der Natur und ihrer Erhaltung hat, aufs Freudigste begrüßt werden. All diesen wird die„Natur“, die ja in leder Weise für den Naturschutz eintritt, ein unentbehrlicher Freund und Berater sein. Da der Bezugspreis der Zeitschrift wirklich ein außerordentlich geringer zu nennen ist, können wir unseren Lesern ein Abonnement nur empfehlen, um so mehr, als sie dadurch Mit⸗ glieder der Deutschen Naturwissenschaftlichen Gesellschaft werden, deren mannigfache Vergünstigungen sie ohne jede weitere Verpflich⸗ tung genießen. Anmeldungen können bei der nächsten Buchhand⸗ lung oder der Geschäftsstelle der D. N. G., Leipzig, Königstraße J, aufgegeben werden. Der Grottenolm. Zu den sonderbarsten Bewohnern unter⸗ irdischer Wasserläufe gehört ohne Zweifel der Grottenolm oder Proteus, über den wir einige interessante Angaben im neuesten deft des Kosmos-Handweisers(Stuttgart) lesen. Diese Amphibie wurde im Jahre 1797 vom Forscher Löwengreif in der Adels⸗ berger Poik entdeckt und gab den Naturforschern manches Rätsel zum Lösen.“ Er gehört zu den Schwanzlurchen, ist also ein entfernter Ver⸗ wandter unseres gewöhnlichen Teichmolches, aber wie verschieden ist er von dem lichtbewohnenden Vetter! Veränderte Lebensbedingungen haben ihn völlig umgestaltet, und das erste Opfer der Anpassung war der Verzicht auf das Seh⸗ vermögen, das in der gänzlichen Finsternis keinen Zweck hätte; zwar sind die Augen noch vorhanden, doch liegen sie bereits unter der Körperhaut, so daß sie wohl noch einen Lichtreiz empfinden, jedoch kein Bild auf der Netzhaut mehr hervorbringen können. Weiter mußte der Olm auf seine Hautfarbe verzichten: die Dunkel⸗ heit hat ihn entfärbt und seinen Leib fast durchscheinend gemacht. Die Füßchen sind so verkümmert, daß sie die Last des Tieres nicht mehr tragen, nur schwimmend bewegt sich dieser Bürger der Unter⸗ welt, dessen sonderbaren Habitus die stark verästelten rosaroten Kiemenbüschel vervollständigen. Ein langes ungelöstes Nätsel bil⸗ dete die Vermehrungsweise des Grottenolms, bis es endlich der biologischen Station in Wien gelang, diesen Vorgang aufzuhellen. Befinden sich die Tiere in einem Wasser unter einer Temperatur von 15 Grad Celsius, dann bringt das Weibchen normal entwickelte Junge zur Welt, steigt die Wassertemperatur aber über dieses Maß, dann setzt es Eier ab, aus denen fußlose Embryonen aus⸗ nach der illustrierken Seite. schlüpsen. 1 welche diese lustig gestreifte Gesellschaft in lebensvollen Stellungen.