wöchenniche Beilage der Oberhessischen Dolkszeitung fmummer Mittwoch, den 10. April 1912 I. Jahrgang Unser Weg und unser Ziel. „Wissen ist Macht“— mit dröhnendem Hammer hatte vor rund 300 Jahren Baco von Verulam das Wort ans offene Tor geschrieben, das von der mittelalterlich muffigen Wissenschaftlichkeit der Scholastiker und der Metaphysik hinaus in die neue Zeit der wissenschaftlichen Erkenntnis, ins Land der auf natürlicher Erfahrung aufbauenden empirischen Forschung und Wissenschaft führte. „Wissen ist Macht“— so hatte fast noch an der Wiege der deutschen Sozialdemokratie deren Altmeister Wilhelm Liebknecht mahnend der deutschen Arbeiter— schaft zugerufen. „Wissenist Macht“— die Hüter der kapitalistischen Wirtschafts⸗ und Gesellschaftsordnung hatten sehr bald die unumstößliche Wahrheit des Wortes erkannt und verstanden, und darum haben sie und setzen sie heute noch all ihre Kräfte daran, die aufwärtsstrebende Arbeiterschaft von den Quellen des Wissens und der Wissenschaft und damit von den Quellen der Macht fernzuhalten, die bishor ihre Macht geblieben ist. „Wissen ist Macht“— von keiner Erkenntnis ist heute die nach dem Lichte der Freiheit sich durchringende Arbeiterschaft mehr durchdrungen als von dieser. Und „Wissen ist Macht“— so haben wir unsere neue, der wissen⸗ schaftlichen Fortentwicklung unserer Gesinnungsgenossen dienende Beilage genannt, die wir heute am Ostertage zum ersten Male ins frühlingsjunge Land hinausschicken. Mit dem Motto:„Wissen ist Macht“ ist auch das Ziel gegeben, das wir dem jüngsten Sproß unseres Abend— blattes gestellt haben. Und der Weg zu diesem Ziele? Er ist einfach und übersichtlich. Naturforschung und Grund— erkenntnis im weitesten Sinne des Wortes müssen die Grund— lage aller Wissenschaft bilden, so wie es Baco von Verulam einstens verkündet hat. Darum wird unsere Beilage bemüht sein, ihren Lesern naturwissenschaftliche Bildung zu ver— mitteln und ihnen zugleich zu zeigen, wie der Mensch es mit Hilfe seiner Naturerkenntnis versteht, die Naturkräfte mit Hilfe der Technik in immer erstaunlicherem Umfange sich und seinen Menschheitszwecken untertänig zu machen. Weil aber für den Menschen der Mensch Mittelpunkt der Gesamtnatur ist und sein muß, soll unsere Beilage insbesondere auch die Kenntnis von der Geschichte der Menschen, ihrer Gesellschafts— ind Stgatsordnungen und ihrer Kultur vermitteln, und das um so mehr, als die Schule des Klassenstaates gerade die Geschichtswissenschaft nur dazu benutzen darf, die breiten Schichten der Unterdrückten möglichst mit ihrer gottgewollten Abhängigkeit zu versöhnen. Naturerkenntnis und Geschichtserkenntnis sollen zur Erkenntnis der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zu— sammenhänge führen helfen, und darin wird unsere Beilage vor allem versuchen, der hoffentlich bald recht groß werdenden Gemeinde ihrer Freunde ein treuer Führer und Weggefährte zu sein. Nicht proletarische oder sozialdemo⸗ kratische Wissenschaft wollen wir bieten, denn eine solche gibt es nicht, sondern nur eine Wissenschaft ist: die Wissenschaft der Wahrheit. Diese eine Wissenschaft aber, diese Erkenntnis der Wahr— heit aber muß und wird— das ist unsere tiefste Ueberzeugung — die nach ihr strebende Arbeiterschaft zu dem Ziele führen, das Wissen vom Sozialismus heißt und der Urquell unserer kommenden Macht ist. Und so wird letzten Endes unsere Beilage nichts anderes sein als eine Rüstkammer im großen Kampfe für die Verwirklichung des Sozialismus. Indessen über der Ausbreitung der wissenschaftlichen Erkenntnis, über der Vertiefung der Verstandsbildung soll unsere Beilage niemals vergessen, daß das höchste Ziel 5 Bildung nicht die Züchtung einseitiger Parteimänner, son— dern die Entwicklung ganzer und voller Menschen sein muß. Zum ganzen Menschen aber gehört nicht nur der Verstand, sondern auch das Gemüt und das Herz. Darum soll unsere Beilage neben den Wissenschaften auch den Künsten gewidmet sein, sie soll auch ästhetische Bildung vermitteln. Die Aufgaben, die wir uns gestellt haben— gewiß sie sind umfassend und schwer, und nun, wo wir zum ersten Male an ihre Lösung herangetreten sind, will uns die Bangigkeit beschleichen, ob unsere Kräfte ihnen auch immer gewachsen sein werden. Doch wenn ernster Wille die größten Hinder— nisse zu besiegen vermag: der wird uns nicht fehlen. Und so geben wir mutig und froh an das neue Werk mit dem festen Entschlusse, daß unsere Beilage immer ein freudiges und starkes Bekenntnis zu jenem Geschlechte sein soll, das aus dem Dunkel der Unwissenheit stets und unablässig zum Lichte der Erkenntnis strebt. Die Geschichte des Wortes Die Wörter„Sozialismus“ und„Sozialist“ nungen, die nicht übermäßig alt sein können. aus dem Lateinischen gebildete Wörter, aber man würde sie vergeblich in der lateinischen Literatur suchen. Nicht nur die Römer kannten diese Wörter nicht, auch in deli bis nahe der Gegenwart reichenden Zeiten, die die lateinische Sprache als die der Gelehrten und der Gesetzgebung benützten, kannke man diese Wörter nicht. Der Wiener Universitätsprofessor Karl Grünberg ist in seinen Forschungen über die Ge— schichte des Sogialismus den Wörtern„Sozialismus“ und „Sozialist“ nachgegange Er hat eine Reihe von Unter⸗ suchungen veröffentlicht über das erste Auftreten dieser heute unentbehrlichen Wörter. Seine letzte Arbeit, die er dem ersten„Sozialismus“ widmet, ist soeben in dem von ihm herausgegebenen„Archiv für die Geschichte des Sozialismus und der Arbeiterbewegung“ erschienen. Diese Wörter sind in den letzten Jahren des 19. Jahr⸗ hunderts zuerst gebraucht worden. Die Vermutung, daß sie im Zusammenhang mit Babeufs Plänen der Aufrichtung einer kommunistischen Wirtschaftsordnung gebraucht wurde und daß ihnen damals derselbe Begriff unterlegt wurde wie heute, trifft nicht zu. Mann stößt zuerst auf die Wörter Sozialismus und Sozialist im Jahre 1803. Als Gegner⸗ schaft zum Individualismus gebraucht der Kleriker aus Vicenza Giacomo Giuliani das Wort Sozialismus in seinem philosophischen Werke„L'antisocialismo confutato“. —* 25 2 7 „Sozialismus“. sind Bezeich⸗ Wohl sind es In dem Werke 5 als ganz neugeschaffene Wörter socialismo, socialista, soclalizzare in einem von dem heutigen durchaus verschiede nen Sinne vor, aber doch immer im Gegensatz zum Individualismus, welcher Ausdruck ihm übrigens noch nicht bekannt war. Ein katholischer 5 hat somit als erster diese heute von seinen Nachfolgern so schwer gehaßt ten Wörter geprägt. Unabhängig von ihm schel it auch ein protestantischer Geistlicher auf diese Wörter gekommen zu dei n. Am 12. November 1831 erschien in der Wochenschrift„Le Semeur“ ein Artikel: Catholicisme et socialisme“. Er rührt wahrscheinlich von dem schweize⸗ bischen Pastor Alexander Vinet her, der im Jahre 1846 in] Jahren it das nominelle Aktieukapilal Über 7 mal all Divibenbe Ben ein französisches Buch erscheinen ließ, 1 den notleidenden Aktionären zu vückdezahlt, im Jahre alse nach seinen Grundsätzen betrachtet“. Aber es ist in dem] durchschnittlich mit etwa 48 Prozent. Buche gar nicht vom Sozialismus die Rede. Kaum vier Damit ist bieser kapitalistische Widersinn aber keineswegs hin⸗ Monate später veröffentlichte der Saint⸗Simonist H. Jen reichend charakterisiert, denn die Fülle des Dividendensegens wurde kieres im Le Globe, dem Organ dieser Schule, die Be. false den in dieser Beziehung doch keineswegs schüchternen Aktio⸗ sprechung e Buches von 2 Hugo, in der er das Wort] nären so unheimlich, daß sie sortgesetzt eine geradezu sich Über- Soziali 1 G atz zum Indivi lismus anwendet! stürzende Erhöhung des Aktienkapitals vornahmen, um die Divi⸗ und unter Sozialismu org en Zusammenhang des dende nicht ius direkt Aufreizende wachsen zu lassen, sondern auf Menschen begr Der e Si einer nach Aktionärbegrissen anständigen Höhe zu halten. Vor nisten ausge edene Be stli 15 Jahren nämlich betrug das Aktienkapital noch 900 000 Mark. Es Sozialismus, 9 e Leroux ede dann fortwährend ganz enorm erhöht und beträgt letz: des Globe, hatte um die Mitte 9 Millionen Mark, ist also in 15 Jahren auf das Zehnfache ge⸗ Philosophie Sociale de s bracht, ohne daß das der Dividende den geringsten Abbruch getan lichen in u 5 2 hat. Auch die jetzige Generalversammlung hat wieder eine Er⸗ sich in G 2 höhung des Aktienkapitals um drei Millsonen Mark beschlossen. hänger,! er e 2 Diese Kapitalserhöhungen bedeuten nicht nur eine Kulisse zur 12. April, also vor P N Verdeckung eines allzu auffälligen Dividendensegens, sondern zu⸗ Pellarin das Wort S g gleich auch einen gewaltige ee für die Aktionäre. Denn ange! det. Er! jon selbstredend bleiben die neuen Aktien den Altionären reserviert, des heutigen die sie zu einem Kurse von 250 Prozent erhalten. Da nun der . e sch d Börsenkurs der Aktien etwa 645 Prozent ist, so erhalten die 3 Mil- listen 0 eng lionen neuer Aktien einen Vörsenwert von zirka 19½ Millionen dem O 0 Mark, für die die Aktionäre nur 7½ Millionen zahlen, so daß diese Coop tive Magazin and Monthly Herald, bezeichnet.] Akt jenverurhrung für sie einen plötzlichen unverdienten Ver⸗ Aber damit war dief Wort noch lan nicht allgemein ge- mögensgewinn von rund 12 Millionen Marl bedeutet. So„schafft“ bräuch Sprachgut geworden. 1833 und 1835 ist das] der moderne Kapitalismus sozusagen aus nichts, nur auf Grund W sc zeitschriften nachweisbar; von daf seines Kapitalabsolutismus, plötzlich Kapitalwerte, für die der nilag es in ner neu und heute noch gebräuchlichen Be-] Arbeiter in gesteigertem Maße schassen und die konsumierende deutung nach Frankreich gekommen, dann von Pierre Le- Welt zahlen muß, um für dieses plötzlich diltierte und in die Welt roux und spät dem unserer Partei feindlich gesetzte Vermögen, für das die Aktionäre keinen Finger krumm distoriker des Soztallsmus Reybaud aus ewendet gemacht haben, neue 45 Prozent Dividende aufzubringen. Jede in, dem man lange Zeit die Schöpfung dieses Wortes zum Aktienkapitalvermehrung seit 15 Jahren ist von solch einem Lobe e rechnet hat. Riesenprofit begleitet gewesen, und ungezählte Millionen sind auf f t sich, daß ein latholischer Geis ersten⸗] diese Weise In die. der Aktionäre geflossen. Schlimmer 1 ses Wort at geworden] kann vom Standpunkt volkswirtschaftlicher Logik aus die Ueber⸗ zu sein über den Il t, den es später erhalten, und über die] spauntheit der kapitalistischen Entwicklung nicht ad absurdum ge⸗ waltige Bed die es gewinnen sollte. Noch weniger] führt werden. del lie he Ge stliche erwartet, daß er ein Wort Keineswegs war die Aktienkapitalvermehrung durch die Aus- schalsen wut in allen Sprachen der Welt heimisch sein] dehnung des Geschäfts notwendig, denn über die Riesendloldende 5 1 lie de s Schicksals hat es mit sich gebracht,] hinaus brachte die Gesellschaft durch allerlei besondere Reserven daß auch ein protestantischer Pastor in der französischen und übernormale Abschreibungen derartige Gelder hinter sich, daß Schbeis dieses Wort selbständig n fte. Aber] davon die Erweiterung des Werkes spielend zu decken gewesen ist. in den ie, wie die Wörter Sozialist] Man braucht sich ja nur die neueste Bilanz anzusehen. Ganz ab- heute gebran ht werden, finden hon einem] gesehen davon, daß selbst vom Grundstlickskonto, dessen Wert sich Oweniten, also von einem Vorläufer der mod a doch niemals vermindert, Abschreibungen vorgenommen stnd, ist lösten gebre l. Von En gland kam das Wor zum Beispiel das„Gebäudekonto für Beamten⸗ und Arbeiter- ich, wo es ve riß 2 lis Wohnhäuser“, das am 31. Dezember 1911 noch mit 1694 318.94 . 0 de E 0 eb Mark zu Buche stand, jetzt vollständig abgeschrieben, ebenso das Ind 80 A.„Fabrik⸗utensilien-Konto“, das mit 797 909.903 Mark zu Buche stand. a Namen Re 0 au schr!« das Wort Sozialist] Aehnliche enorme Abschreibu i sind auf das Gebändekonto(18 al im Jahre 1848 angewendet. Ob dies die erste] Prozent!), das Maschinen-Konto(40 Prozent!) vorgenommen. 1 endung des Wortes Soziglismus in Deutschland war Jus gesamt sind 1962 164.19 Wart abgeschrieben, nur um den Ge⸗ b N 1 ssor 6 ht feststelle Feste Heim 1 nicht zu hoch erscheinen zu lassen, der dennoch 5 085 097.30 Mk. auch de ung n f dem Worte Sozial us“ Lorenz] beträgt, aus dem außer der Dividende für die Aktionäre noch ..* 2 7 W wurde, durch se Ries men von Hunderttausenden für die Direktoren und e 1842 ö Sozie Tantiemen für die Aufsichtsräte von mindestens je 60 000 Mark 8 d Frankre b f Neben dem gesetzlichen Reservesonds hat man einen g sich k* keine K a Spe zial-Reservesonds“ und einen„Garantiefonds“ von je einer d f Million hinter sich gebracht. Das alles beweist, wie die Gesell⸗ N a haf Geld rad rstickt und alle möglichen Manipulationen l ß, um die R a e, die Ueberffülle des Geld⸗ 32 5 + 25 seg zu verbergen Ein kapitalistisches Dividenden⸗Ungehener 9760 Arbeiter und Augestellte zählt dieser Betrieb, den diese 5 0 ent dag und Nacht im Gange halt Ununterbrochen die 0 rcha-C Hannover** fel 5 8 2* 5 und ohne Unterbrechung fließt aus dem Be der 1 8 6 U 2 die Tasck der Aktionäre, die selber zur Erzielung den 2 a iden Aktio- d. Finger zu rühren brauchen. Einmal im a f 0 de elung! Jahre kommen sie zusammen, um den Di densegen einzu⸗ L d b erge Werden doch] sack Freudef lend ziel von inen, sich gegen⸗ eder einmal 45 Prozent Dividende verteilt. Es ist das keines⸗]seitig zu dem gl den Geschäf ickwünschend, um dann etwas B sondern d bliche Durchschnitts⸗fübers Jahr wiederzukommen. Die Arbester und die Angestellten dividende, wie f chon eine ganze Reihe von Jahren aber werden abgespelst mit Worten, die nichts kosten: dadurch, daß Jahr für r verteilt wird. Denn seit 1898, also in 17 Jahren, man der Vortrefflichkelt des Beamtenkörpers und der Arbeiter- sind 709% Dividende verteilt, das heizt. in diefen 17 schaft“ Anerkennung spendet, fühen sich die Aktiondre ihrer Ver⸗ ——— 2 — 2— bleseff gegenüber entledigt. 9700 Personen lud an der Erzeugung der Waren beteiligt. Diese Arbeitsmänner und die Monopolstellung der Gesellschaft speisen das Füllhorn, das alljähr⸗ lich über die Aktionäre ausgeschllttet wird. Wahrhaft eine prächtige Olustratlon zu den Verhältnissen, wie sie bie heutige Wirtschafts⸗ ordnung erzeugt, und wert, den weitesten Volkskreisen zur Kennt⸗ nis gebracht zu werden, als Beispiel für die Vortrefflichkeit der „vöttlichen Weltordnung“, die dem einen für sein Kapital ohne Ar⸗ deit pro Jahr 45 Prozent Zinsen und mehr, dem arbeitenden Volke aber nicht gibt, was es zur Fristung einer menschenwürdigen Existenz nötig hätte. Staat und Religion in der Türkei. Der Islam prägt dem Staate im allgemeinen einen viel be— stimmteren Charakter auf als das Christentum. Dies erklärt sich schon daraus, daß der mohammedanische oder mosleminische Staat aus der Religionsgemeinde entstanden ist. Mohammed der Prophet wurde auch das weltliche Oberhaupt seiner Anhänger. Seine Nach⸗ fag die Kalifen, waren zugleich geistliche Oberhäupter und welt⸗ iche Herrscher, bis sie nach einigen Jahrhunderten die weltliche Macht verloren und bloß die geistliche Würde behielten. Noch während die auf diefe letzte Würde beschränkten Kalifen aus dem früher so mächtigen Hause der Abaffiden in Bagdad und dann in Kairo residierten, war fast jeder weltliche Fürst der Mohammedaner— Emir oder Sultan— das geistliche Oberhaupt im Bereiche seines Gebietes. Er war Vorbeter(Iman), so wie die arabischen Statthalter der Kalifen einst auch das Predigeramt ver— sehen mußten. Endlich riß ein Sultan der Osmanen— Selim J., als er im Jahre 1517 Aegypten eroberte— die Kalifenwülrde selbst an sich, indem er den damaligen abassidischen Kalifen von Kairo wie einen Gefangenen nach Konstantinopel mitnahm und sich von ihm— angeblich— die Kalifenwürde abtreten ließ. Seitdem ist diese Würde ein Akzessorium des osmanischen Sultanats. Dies ist aber nicht das einzige Merkmal des eigentümlichen theokratischen Charakters, den der mohammedanische Staat besitzt. äre der Sultan auch nicht Kalif, so wäre er doch nicht nur eg seiner persönlichen religiösen Pflichten, sondern auch hinsichtlich seiner politischen Herrschertätigkeit an das Gesetz des Propheten Mohammed gebunden. Dieses Gesetz, das Schersat, ist der Koran mit seinen Ergänzungen: 1. Hadis, die Ueberlieferungen der im Koran nicht enthaltenen Aussprüche und Taten des Propheten, e Wia 1 fgert scheidungen der vier ersten Kalifen, J. Kllas, gemi c anderer als Autoritäten anerkannter, sehr alter 0 Rechtslehrer. Die hauptsächlich in Hadis und Ibschmna arge voll Ueberlieferungen bilden die Sunna, die von den Sunniten voll, von den Schiiken aber nur teilweise anerkannt wird. Das Scheriat it nicht nur religiöses, sondern auch bürgerliches Geseg: es enthält auch Normen für die politische Verwaltung, e für die Zivil⸗ und Straffustiz, und zwar unter der San 0 licher Vorschrift. Obwohl der Koran, welcher Mohammed. für den. größten wahren Propheten erklärt, auch Christus und Moses 8 anerkennt und die heiligen Bücher der Christen und In en 17 tiert, ist er doch feindselig gegen alle e währt ihnen nicht die gleichen Rechte wie den Moslemins Moham⸗ medanern), wenn auch mehr Recht als den Sklaven.. Nach den Grundsätzen des Scheriatrechtes gehört alles exo 8 Land der Gesamtheit der Moslemins(Gläubigen). ee e Jahrhundert verfaßte Sammlung der r— enthält auch folgenden Ausspruch:„Alles de 25 e heißt der Kalif respektive Sultan) erobert, wird ente 8 n Gläubigen verteilt oder den Einwohnern gegen Bezah 17 1 Kopfsteuer und des Landtributs belassen; die 1— 8 Iman töten oder in die Sklaverei führen oder er läßt sie frei als Untertanen der Gläubigen. r 5 An diese Grundsätze des Islams hielten Fe lange sie Eroberungen machten. Wenn sie ein S eroberten, wurde ein Teil der Einwohner in die. 8 schleppt, die männliche Jugend größtenteils e e 5 korps gesteckt(unter Bekehrung zum Islam), ein ei N 1 als Zehentgrund an türkische Soldaten verliehen un Pe übrige Teil gegen Eutrichtung der Grund⸗ und Erkragf euer fs der Kopfsteuer deu christlichen, Einwohnern Slann, 1 Nach dem Scheriatrecht können ferner n 1— Gerichten nur Muslims, aber keine Audersglaabügen, amine Zeugenschaft ablegen, infolgedessen an 779 0 8 des 40. Jahrhunderts N facto beinahe e 5 3 hunderte hindurch wurden überdies die teinschlägigen Schers gesetz in einem den Christen möglichst en angewendet. Die Christen konnten keine Kirchen Jane 1 8 keine Glocken läuten, keine Waffen tragen, nicht einman nals fattelten Pferden reiten und nicht sich so kleiden e Muslims; sie konnten selbstverständlich kein Staatsamt erhalten und der⸗ gleichen. 5 ölkerung— abgesehen 5 10 in der Türkei die Bevölkerung— abgesel Anfangs schied man in der Moslemins und Nicht⸗ n Sklaven— nur in zwei Klassen: A ins un l este welch letztere gewöhnlich als Rafah, das 8 bezeichnet wurden. In diesem Ausdrucke„Herde lag urspringlee⸗ 1 Auch mohammeßansche Bauern waren Najah ihrer Lehens ritter. Nach Aufhebung des türkischen Lehenwesens blieb„Rajah“ die Be⸗ zeichnung der christlichen Untertanen des Sultaus, bis diese Be⸗ 3 auf Wunsch der europäischen Diplomatie abgeschafft wurde. „Den geistlichen Oberen der Christen übrigens, namentlich den griechischen Patriarchen, wurde, schon seitdem der Sultan Moham⸗ med I. sich noch der Eroberung Konstantinopels als den Erben des byzantinischen Kaisers betrachtete, eine angesehene Stellung und eine fast unabhängige Gerichtsbarkeit über ihre Glaubensgenossen eingeräumt und auch katholischen Geistlichen(besonders den Fran⸗ ziskanern in Bosnien) wurden manche Privilegien gewährt. In allem übrigen aber sah sich die türkische Regierung— nach einem schwachen Anlauf im 18. Jahrhundert— erst im 19. Jahrhundert — zwangsweise— zu einer billigeren Behandlung ihrer christlichen Untertanen bewogen. Dann ging sie aber darin so weit, als es mit den Grundsätzen eines islamitischen Staates irgendwie ver⸗ einbar erscheint. Insbesondere hinsichtlich der religiösen Toleranz steht jetzt das osmanische Reich— wenigstens was die Regierung betrifft— kaum einem anderen Staate nach. Man hat im mohammedanischen Staate wohl schon früh er⸗ kaunt, daß die Vorschriften des auf der religiöfen Grundlage ruhenden Scheriatgesetzes nicht immer ausreichen, um ein Reich regieren zu können. Glücklicherweise fanden die gesetzkundigen Ulemas schon früh in Koran eine Stelle, welche besagt, daß der Herrscher solche Verfügungen treffen könne, die ihm für das Staats⸗ wohl notwendig scheinen. Davon haben nun die Sultane schon seit Jahrhunderten ausgiebigen Gebrauch gemacht, indem sie neue weltliche Gesetze hinausgaben. Diese weltliche Gesetzgebung heißt„Kanun“(ein vom griechisch⸗ lateinischen Kanon oder Canon abgeleitetes Wort). Sie kann die Lücken des Scheriatgesetzes ausfüllen, soll aber mit demselben nicht in Widerspruch stehen. Es sind jedoch tatsächlich viele Kanuns er⸗ schtenen, deren Inhalt dem religiösen Gesetze offenbar zuwiderläuft. Dies war nur insofern zulässig, als der Koran selbst viele, wenn nicht gerade widersprechende, so doch verschiedenartige Auslassungen zulassende Aussprüche enthält, deren einer oder anderer zur Unter⸗ stützung eines solchen Kauuns herangezogen werden konnte. Es ist eine Aufgabe der Muftis und besonders des den Titel Scheich lil Islam führenden obersten Muftis von Konstantinopel, ein motiviertes Gutachten(Fetwa) über die religiöse Zulässigkeit eines neuen Gesetzes abzugeben. Die Muftis geben ihre Fetwas auch in Privatstreitigkeiten ab. Gewöhnlich wird ihnen die strittige Frage in prinzipieller Form, ohne Nennung der Person, so vorgelegt, daß dre ee eee oed ge ele wor: werden pflegk. Eist Sstkkäst if, vbwonr ene. Ken Tbes⸗ das heißt, er hat nicht die Studien eines mohammedanischen hege sogen, er gehört nicht zu den Ulemas: deshalb ernennt er einen folchen zum Scheich ül Islam, damit dieser an seiner Stelle Ne Obliegenheiten des geistlichen Oberhauptes des Islams in seinem 1 eres edanischen Geistlichen sind aber keine Priester. Die mohammedanischen f 6 durch Gottesmacht Sie haben keine Weihe, durch welche ihnen durch n priesterliche Machtbefugnisse übertragen würden, sie verwalten e geistlichen Mysterien, sie sind bloß die des ih nene digen, dessen Lehrer, Ausleger und Vollzieher. Wie die 1 das Scheriatgefetz für konkrete Fälle auszulegen haben, so haben die Scheichs, Muderis und Chodschas dieses Gesetz zu lehren und haben sich die Kadis nach ihm zu richten, während die 5 eigentlich nur Vorbeter sind. Alle diese Personen sind im weitere! Sinne mohammedanische Geistliche. Zu den Ulemas“ rechnet Sinne mohammedanische e ee 5 icht die men aber nur die vollkommen ausgebildeten Theologen, n 15 15 einfachen Chodschas und Imams. Uebrigens ist auch der Kalif e s mohammedanischen Volkes. am“, der oberste Vertreter de l N ö Wes, 1 Scheich fil Islam erhält ebensowenig eine ens, 5 8 2 2 7 Aan 0* Weihe wie die anderen mohammedanischen Geistlichen. Er wird 1 1„ 1 2 2 einfach vom Sultan willkürlich aus der Reihe 1 e dieser höchsten geistlichen Würde ernannt. Er. wird al 7 1 Ernennung eine dem Sultan selbst gefährliche Persön ü 1 f 1 er kann nicht nur Anordnungen e lens N machen Koran widersprechend findet, verhindern oder ung! ee sondern sogar auch den Sultan durch ein Fetwa al e unwürdig erklären und dessen Absetzung n 1* im Osmanischen Reiche öfter vorgekommen, jedoch hande die S nur als Werkzeuge des ich ü 3 in f Fällen meistens Sche Islams in solchen Fällen meistens nu, b 888 80 illens oder r politischen Partei. In dieser Befugnis des i egt ein Korrektiv gegen die despotische Macht n aber nur selten vom 0 Die Ulemas verlangten nur den ruhigen Genuß ihrer Privilegien und a Sultan nach seiner Willkür schalten und walten, Sai eee ue Recht auf Leben und Tod der Untertanen, insbe ondere e di 4— klaven betrachteten Reichsbeamten, wurde dem Su an— sen Gesetz und von Hütern nicht verkümmert, und 3 5 5 eise erhoben die Ulemas Einsprache 1 die sul. Tyrannei. Erst in der neuesten Zeit beteiligten sich sogar die Softas(Theologie Studierende) an der Politik. 5 Gefügige, vorurteilsfreie Scheich il Jslams N Benne möglich gemacht, 8 5 3 f künstlichen Umwegen— Gleichberechtiguu 5 5 e.— 5 9— zuerkannt und größtenteils auch 8— währt wurde. Durch diesen Fortschritt, welcher anfang Smanischen iltane m eherrscht oder e geleitet. meistens 2 nahmsweise 5 l A dalrfärchalische es, sondern nur die, orientalisch patriarchalische Beeiann des Verbiliules der Untertanen zu ibrem Herrscher. mobammedanischen Bevölkerungsmehreit ein Greuel war und die * christlichen Untertanen doch nicht versöhnte, hat die Türkei alten, ftreng mohammeda en Staatscharakter größtenteils ein⸗ a gebüßt, aber ihr wesentlichen Einrichtungen nach blieb sie doch 1 mmedanischer Staat, — wie sie eben g 1 aten, trotz mancher grundverschied ll eutopäis äußerlichen Nachahr gen Eine solch dem Islam n gemäß kaum vereinbare, aber v toleranten, liberal gesi Ulemas doch für zulässig erklärte Einführung des Parlamentarismus, wurde, aber damals bal' scheiterte wird. Der Prophet Mohammed hängern— das schein r ein Parlament zu sprechen, aber nicht für ein Parlament, in welchem auch Nichtmohammedauer sitzen und bei den Beschlüssen mitstimmem Den theokratischen Chaxakter kann die mohammedanische Monarchie nicht ablegen, ohne ihre Grund— lage zu erschüttern, und ein theokratischer Staat kann überhaupt nicht leicht parlamenarisch regiert werden. Daß die Tülrkei trob aller Reformen und Tolerauz noch immer ein islamitischer Staat geblieben ist, zeigt sich— abgesehen von den Eigentümlichkeiten der inneren Einrichtung nach außen am auffälligsten in der unabänderlichen Konsession der Dynastie, in der Zulassung der Sklaverei und in dem(wenigstens bis jetzt) rein mohammedanischen Heere.(Die Sklaverei ist infolge des Ver botes des öffentlichen Sklavenhandels ebenso wie die legale Poly- gamie in den Hintergrund getreten und hat, von den Harems der Reichen abgesehen, in der Türkei sast keine Bedeutung mehr.] Es ist aber nicht zu übersehen, daß das gegenwärtige Osmanische Reich— nicht etwa erst seit der jungtürkischen Revolution vom Jahre 1908, sondern schon seit einem halben Jahrhundert— ein modern mohammedanischer Staat ist, der sich von dem oben be— sprochenen alten streng mohammedanischen Staate ebenso stark unterscheldet, wie von den christlichen Staaten und der sich diesen auch noch etwas mehr nähern kann, weil sich das Scheriatgesetz, wie wir sehen, in politischen Dingen durch Auslegungen und Ergän⸗ zungen vielsach anpassen oder ausschalten läßt, sobald nicht bloß die Regierung, sondern auch die mosleminische Geistlichkeit mitsamt dem Volke soweit gebracht ist, die Notwendigkeit davon einzusehen. Nachahmung ist insbesondere die welche im Jahre 1876 versucht 0 Lohnarbeit und Kapital. Aus Karl Marx im Jahre 1849 geschriebenen Abhandlung arbeit und Lauital“. a g r AMfheiten 5 ä——— (Gry ui enter, Steine klopft, träßk üssw.— gilt ihm dies zwölfstündige Weben, Spinnen, Bohren, Drehen, Bauen, Schau— feln, Steinklopfen als Aeußerung seines Lebens, als Leben? Um⸗ gekehrt. Das Leben fängt da für ihn an, wo diese Tätigkeit aufhört am Tisch, auf der Wirtshausbank, im Bett. Die zwölfstündige Ar- beit dagegen hat ihm keinen Sinn als Weben, Spinnen, Bohren usw. sondern als Verdienen, das ihn an den Tisch, auf die Wirts⸗ bausbauk, ins Bett bringt. Wenn der Seidenwurm spänne, um seine Existeng als Raupe zu fristen, so wäre ex ein vollständiger Lohnarbeiter. i „Lohn nun — Die Judustrie führt zwei Heeresmassen gegeneinander ius Feld, wovon eine jede in ihren eigenen Reihen zwischen ihren eigenen Truppen wieder eine Schlacht liefert. Die Heeresmasse, unter deren Truppen die geringste Prügelei stattfindet, trägt den Sieg über die entgegenstehende davon. Die Interessen des Kapitals und die Interessen der Arbeiter ind dieselben, heißt nur: Kapital und Lohnarbeft sind zwei Seite eines und desselben Verhältnisses. Die eine bedingt die andere * .(Lapltal und Arbeitslohn.) Selbst die gü n stig ste Situat kon für die Arbeiterklasse, mög lichst rasches W 0 ch sen des Na pitals, so sehr sie das materielle Leben des Ar⸗ 3 8 8 Gegensas zwischen seinen Juteressen f 1 Bourgeois⸗Interessen, den Interessen des Kapftalisten, nicht aus. Profit und Arbeitslohn stehen nach wie vor im um gekehrten Verhältnis. * g(Arbeits konkurrenz und Arbeitslohn.) In dem⸗ selben Maße, worin die Arbeit unbefrledigender, ekel⸗ hafter wird, in demselben Maße nimmt die Konkurrenz zu, und der Arbeitslohn ab. Der Arbeiter sucht die Masse sesues Arbeitslohnes zu behaupten, indem er mehr arbeitet, sei 68 daß er mehr Stunden arbeitet, sei es, daß er mehr in derselben Stunde liesert. Durch die Not getrieben, vermehrt er also noch dle unheilvollen Wirkungen der Teilung der Arbelt. Das Resultat in le mehr er arbeitet, um so weniger Lohn erhält er und ihren und jetzt neuerdings versucht di orlet fie zue 4 11 91 1 8 1 1 3 1 2 beriet sich auch mit seinen Au-] Die Feldherren, die Kapitalisten, wettessern untereinander, wer am meisten Industriesoldaten entlassen kann. Vitarbeitern Konkurrenz macht, sich daher ebensoviel Konkurrenten Nfatbete! us seinen Mitarbestern macht, die sich zu ebenso schlechten Beding⸗ anbieten wie er selbst, weil er also in letzter Instanz sich elb'ist Konkurrenz macht, sich selbst als Mitglied der Arbeiterklasse. Der industrielle Krieg der Kapitalisten untereinander hat das Eigentümliche, daß die Schlachten in ihm gewonnen werden, weniger irch Anwerben als durch Abdanken der Arbeiterarmee Je mehr das produktive Kapital wächst, desto mehr dehnt sich die Teilung der Arbeit und die Anwendung der Maschinerie aus. Je mehr sich die Teilung der Arbeit und die Anwendung der Ma⸗ schinerie ausdehnt, um so mehr dehnt sich die Konkurrenz unter den Arbeitern aus, je mehr zieht sich ihr Lohn zusammen. Wächst das Kapital rasch, so wächst ungleich rascher die Kon- kurrenz unter den Arbeitern, d. h. desto mehr nehmen verhältnis⸗ mäßig die Beschäftigungsmittel, die Lebensmittel für die Arbeiter- klasse ab, und nichtsdestoweniger ist das rasche Wachsen des Kapitals die günstigste Bedingung für die Lohnarbeit. Aus unserer Sammelmappe. Die Entstehung der Notenschrift. Eine der schwierigsten Fragen der Musikgeschichte ist die über die Entstehung und Entwicklung der Noteuschrifst. Um sie zu lösen, hat der gelehrte Augustiner J. 8. Thibaut, Mitglied des Russischen Archäologischen Instituts zu Kon⸗ stantinopel, in der St. Petersburger öffentlichen Bibliothek früh⸗ mittelalterliche Musikhandschriften durchstudiert. Bei dieser Ge⸗ legenheit ergab sich, daß dies die reichste derartige Sammlung ist, die sich irgendwo in der Welt findet; wenn bisher noch niemand etwas von diesen Schätzen wußte, so kam das daher, daß die be⸗ tressende Abteilung der Bibliothek nicht einmal einen Katalog be— sitzt. Auf Grund dieser nen aufgefundenen Dokumente ist nun 17 2 5 7 n f denen, vr— Ergebonissen der modernen Musikgeschichte, von Riemann u. Fleischer, beträchtlich abweichen. Wie er in einem im Petersburger Konservatorium gehaltenen Vor⸗ trag mitteilte, sieht Thibaut als Ausgangspunkt der ganzen Ent⸗ wicklung der Notenschrift die Interpunktionszeichen an, die zuerst der hl. Hieronymus in die Evangelien⸗ und sonstigen sakralen Handschristen einführte. Anfangs beschränkten sich diese Zeichen auf einen leeren Raum zwischen den einzelnen Perioden, später differenzierten sie sich und nahmen eine Vielgestaltigkeit an, die sich nur durch die Annahme erklären läßt, es handle sich um musi⸗ kalische Lortragsbezeichnungen für den rezitierenden Sänger. All⸗ mählich fing man an, die Zeichen nicht nur am Ende des Satzes anzugeben(wo sie nur als mnemotechnisches Hilfsmittel für den auswendig Singenden dienen konnten), sondern sie über die ein⸗ zelnen Wörter und Silben zu setzen. Im 9. Jahrhundert war dieser Zustand sowohl im lateinischen als im griechischen Sprach⸗ gebiet erreicht; aus dem letzteren gelangte die neue Errungenschaft auch in die flawischen gottesdienstlichen Bücher. Im griechisch⸗ slawischen Kulturgebiet entwickelte sich diese Art der Notierung bis zu dem von Thibaut genannten„hagiopolitischen“ System, das vom Abendlande übernommen wird und hier„neumatische“ Notie⸗ rung heißt(10. Jahrhundert). Den Namen leidet Thlbaut ab · weichend vom bisherigen Usus, von Pneuma— Atem ab Alse Neume musikalische Formel, die mit einem Atemzug gesungen wird. Seit Guido v. Arezzo kommt— zwecks genauer Fixierung der Tonhöhe,— zuerst eine, dann mehrere Linien in Gebrauch Mit dem Beginn der Mehrstimmigkeit(12. und 13 Jahrhundert) tritt der Rhythmus in den Hintergrund(musica W die Viel⸗ gestaltigkeit der Neumen geht allmählich in die Gleichförmigkeit det viereckigen Note Über. Die profane(Figural-) Musik bemächtigt sich dieses Systems, gestaltet es ihren Bedürfnissen entsprechend um — und unsere Notenschrift ist fertig. Interessant ist auch eine von Thibaut erdachte Paralelle zwischen der Entwicklung der musikali⸗ schen Zeichensprache und dersenigen der menschlichen Sprache über haupt. Haben für Strabo„Worte, Verse und Gesänge einen meinsamen Ursprung“,„spricht“ nach Rousseau„die Melodie“ 15 ist für ihn die Musik die zur höchsten Potenz erhobene Sprache. Verantwortlicher Redakteur: 3 Vetters Gießen zwar aus dem einfachen Grunde, weil er in demselben Maße seinen Verlag von Krumm& Ci a Dru: Verla Sffenbacker ubenbblatt, C. m. S. S. Ossentach a M