en ft en ot e. er n, er 'ot * 10. Nov. Dritte Sonderbeilage Herr Professor Dr. Ferdinand Werner, Butzbach, M. d. R. u. d. H. L.: Die Aniversität Gießen hat als Nachbarin von Frankfurt, dem reichen, und Marburg, dem von dem ganzen Zauber studentischer Romantik umflossenen, an sich schon keinen leichten Stand. Dazu kommt nun schon seit Jahren die schwere Not der Zeit, die das gesamte geistige Leben beschattet und drückt, die aber besonders in unserm kleinen Staate mit seinen beiden Hochschulen doppelt stark und drohend auftritt. Hat doch schon manchmal und nicht aus unmaßgeblichem Munde die Frage zur Erörterung gestanden: Kann unser Land sich auf die Dauer zwei hohe Schulen leisten? Muß nicht zum mindesten ein. Abbau von Fakultäten in Gießen unter An⸗ lehnung an Marburg stattfinden? Was eine solche Maßnahme für Gießen, Oberhessen, für das ganze Hessenland bedeuten müßte, braucht wohl nicht auseinandergesetzt zu werden. Dienn Gießen war und ist ein bei dem verschiedenen Charakter unsrer drei Provinzen dringend notwendiges stammliches und geistiges Einigungsmittel ersten Ranges, das wir gar nicht entbehren können. Aber unser Bundesstaat muß ja selber um sein Leben kämofen, und kein noch so radikaler Abbau beseitigt den Fehlbetrag im Staatshaushalt, die Steuerquellen sind dazu, nach Ansicht des Finanzministeriums, erschöpft. Was geschieht also mit unserer lieben Alma mater? Der Staat wird ihr auch in Zukunft leisten was er vermag, den Rest muß private Hilfe decken. Auch hier brauche ich nicht auseinanderzusetzen, weshalb die Zeitverhältnisse überschwengliche Hoffnungen von vorneherein zerstören. And doch muß geholfen werden, wie man den Studenten für Heim und Hilfe gesorgt hat. Ohne wirtschaftliche Grundlagen ist Kultur und geistiges Leben unmöglich. Ansere Aniversität braucht Bücher, Werkzeuge, Einrichtungen, Abungsräume, Heizstoffe und tausend andere Dinge. Denn die Entwicklung darf hier am wenigsten stillestehen. Wer hilft da miterhalten, mehr noch: wer hilft unentbehrlich Neues schaffen? Die staatlichen Mittel zu stärken, der„Gießener Hochschulgesellschaft“ ihr bedeutsames Werk fördern helfen, dies gilt für alle, denen Gießen mehr ist als flüchtige Erinnerung, die es in irgendeinem Sinne Heimat nennen und dich als solche kennen und lieben mit„deiner Gegend Pracht, mein Gießen an der Lahn“. Das Studium der Landwirtschaft an der Universität Gießen. Von Dr. H. Kraemer. In einem prächtigen Buche über„die drei Bevölkerungsstufen“, das ich 1915 auf Wunsch der Lindauerschen Aniversitätsbuchhandlung in München neu herausgab, hat Dr. Hansen in Neuburg an der Donau die Frage der Bedeutung des Bauernstandes für die Blüte der Staaten untersucht. Von den drei Hauptständen der Bevölkerung ist nur jener der Grundbesitzer von Dauer. Der städtische Mittel⸗ stand erneuert sich vorwiegend vom Lande, und der Arbeiterstand nimmt alle die auf, die im Kampf ums Dasein zurückbleiben. So entsteht ein Bevölkerungsstrom, eine innere Wanderung des Volkes, 5 deren Stärke und Schnelligkeit bedingt die kulturelle Höhe des taates. Die Patrizier, die„besten Familien“ der Städte, haben im Mittelalter die Neigung zum Aussterben gezeigt, und immer wieder wurden neue Familien geadelt. So sehen wir auch heute in den Großstädten die Kinderarmut gerade in den wohlhabenden Kreisen, und das rasche Anwachsen der Volkszahl beruht dort vorwiegend auf der Vermehrung der Arbeiter und dem Zustrom vom Lande. Dieser letztere liefert ganz besonders die frischen, gesunden und kultur⸗ fähigen Teile, und wo er versagt, da ist Niedergang und Entartung. An der Geschichte der großen Kulturstaaten wird von Hansen in geistvoller Weise gezeigt, daß diese alle nach ehernen, wirtschaft⸗ lichen und kulturellen Gesetzen zur Macht emporstiegen, um dann aus Mangel an Verständnis für die Bedeutung der Landwirtschaft als urewiger Quelle der Kraft dem Niedergang zu verfallen. Alle führenden Geister im wirtschaftlichen Leben und besonders die Politiker sollten dies Buch einmal lesen, um sich aus engeren Hori⸗ zonten zu weiteren durchzuringen, zur weltgeschichtlichen Betrachtung der Dinge. Von der Stufe einfacher Agrarstaaten steigen die Weltmächte empor. Die Gewerbe entwickeln sich, die Industrien beginnen sich i zu regen, deren Erzeugnisse dann der weltumspannende Handel in alle Erdteile führt. Großstädte entstehen, als machtvolle Mittel⸗ punkte der geistigen und materiellen Kultur. Aber all diese impo⸗ nierenden Größen, die wir nicht missen möchten, gleichen dem Koloß auf tönernen Füßen, wenn nicht die Grundlage gesund bleibt, die Landwirtschaft mit all ihrer Kraft und der vollen Frische der Nerven. Betrachten wir die eigene, die deutsche Geschichte, so erkennen wir leicht, daß wir schon einmal eine gründliche Belehrung erhielten, denn bei den deutschen Reichsstädten des Mittelalters können wir ähnliche Vorgänge wie bei den italienischen Handelsrepubliken wahrnehmen. Sobald sich die Städte entwickeln, beginnt auch der Kampf mit dem Adel. Bei uns aber ist dieser erfolgreicher geblieben, und so wurde die Landwirtschaft am Aufschwung behindert, der Zuzug nach den Städten erschwert, und einer kurzen Blütezeit folgte bald der Verfall. Der dreißigjährige Krieg kam mit seinen furchtbaren Wirkungen hinzu, und die Landwirtschaft brauchte etwa ein Jahr⸗ hundert, um sich allmählich wieder zu erholen. Dann aber kommt diese erste und ursprünglichste Bevölkerungsstufe wieder zu besseren Daseinsbedingungen. Sie gibt den Aberschuß ihrer Kräfte an die städtischen Gemeinwesen ab, und so erlebten die deutschen Lande ihren Geistesfrühling, die Zeit, da ein Klopstock, Wieland, Lessing, Herder, Schiller und Goethe deutsche Kultur an die Spitze der Welt rückten. Angehindert ergoß sich seither der Strom der ländlichen Kräfte in die Städte, und seit nun noch die Gründung des Reiches hinzukam, erkannten wir frohen Auges die machtvolle Entfaltung aller geistigen Arbeit für die Hebung der Zivilisation und Kultur. Nur der Gedanke an unsere wirtschaftliche Lage im Falle eines Weltkriegs erfüllte uns mit tiefen Sorgen. „Ohne einen Schuß“, hat unser großer Moltke geäußert,„ist Deutschland im Kriege verloren, wenn es seine Landwirtschaft einbüßt.“ Wir hatten sie nicht eingebüßt. Dank einer segensreichen Fürsorge von seiten des Staates und Dank eigener Initiative in allen landwirtschaftlichen Organisationen hatte sich das Gewerbe der Bodenkultur stets blühender zu entwickeln vermocht, doch die Gefahr verhängnisvoller Störungen in der Struktur des Volks⸗ körpers bestand weiter, und die führenden Landwirte, die vor dem Kriege dem Ziele zustrebten, das deutsche Volk aus den Kräften der eigenen Scholle ernähren zu können, sind weise und einsichtig gewesen. Sie meinten es gut mit dem Vaterlande, auch wenn man sie„Agrarier“ nannte. Nun hat der Krieg mit all seinen Folgeerscheinungen uns einen neuen furchtbaren Anschauungsunterricht über die Bedeutung der Landwirtschaft für das Volksganze erteilt. Wird er verstanden oder genügt er noch nicht? Doch nach den trügerischen Gewinnen der Inflationszeit ist heute die Not der Landwirtschaft größer denn je. Die verhängnisvolle Abersteuerung, die Kreditnot, die wachsende Verschuldung und die Mißernte treiben Zehntausende von jungen Leuten des Bauernstandes zum Lande hinaus, die in der Fremde der deutschen Heimat verloren gehen. Gediegene, wagemutige Kräfte, wertvollstes Blut unseres Volkes! Da helfen keine Maß⸗ nahmen, die von kurzer Frist sind! Helfen kann nur eine weitsichtige Agrarpolitik zum Schutze des landwirtschaftlichen Gewerbes und die Verbreitung fachlicher Bildung. Wir hören oft singen, ergriffen und in tiefer Wehmut:„Herr, mach uns frei“! Das deutsche Volk wird nicht wieder frei, stark und groß werden, wenn es die Bedeutung der inneren Volksstruktur für unsere Zukunft nicht zu begreifen vermag. Auch die Völker schaffen sich ihre Schicksale selbst. Den Regierungen aber rufen wir zu: Bessere Bildungsmöglichkeiten für die studierende landwirt⸗ schaftliche Jugend, in Formen, würdig des furchtbaren Ernstes der Lage! Wir verkennen nicht, was in der guten alten Zeit vor dem Kriege geschah. Die vierzehn landwirtschaftlichen Bildungsstätten von Hochschulrang wurden allmählich immer besser ausgebaut und mit reicheren Mitteln versehen. Daneben sind etwa dreißig landwirt⸗ schaftliche Realschulen von mittlerer Stufe zu nennen, sowie die zahllosen niederen Winter- und Ackerbauschulen. Fachschulen für Wiesen⸗ und Obstbau, Molkerei und Haushaltung schließen sich an, sowie ländliche Fortbildungsschulen und Kurse für alle Zweige der Landwirtschaftslehre. Immer mehr wurde dadurch Wissen und Einsicht verbreitet, und der Erfolg im praktischen Leben ist nicht ausgeblieben. Dreht es sich hier um eine schulmäßige Belehrung, so ist der Fortschritt der Landwirtschaftswissenschaft im weitesten Sinne des Wortes auch noch in anderen Formen dem bäuerlichen Gewerbe zugute gekommen. 81 Versuchsstationen üben in Deutschland zum Schutze der Käufer einen Aberwachungsdienst über Kunstdünger und Futtermittel aus, um dem verwerflichen Treiben früherer Jahrzehnte Einhalt zu tun. Sie führen Vegetations- und Düngungs⸗ versuche durch und haben durch das Studium des Stoffwechsels im tierischen Körper die Fütterungslehre auf immer verläßlichere Grundlagen gebracht. In ähnlichem Sinne wirken Samenprüfungs⸗ Zune Saatzucht⸗Stationen, Molkerei⸗ und technologische ustitute. Auch Hessen hät an der philosophischen Fakultät seiner alma mater das Bereich der Möglichkeit zum Studium der Landwirtschaft geschaffen. Thaer rief dereinst, 1871, das landwirtschaftliche Institut ins Leben, und seit 1903 führt Gisevius die Verwaltung desselben. Die Zahl der Studierenden— im Wintersemester 1903/04 ganze vier Mann— ist seit dieser Zeit ununterbrochen gestiegen und betrug nach dem Kriege in der Höchstzahl 325, worunter 177 Landeskinder aus Hessen! So bilden die jungen Landwirte eine der stärksten Gruppen an der Landesuniversität! And die Einrichtungen für ihr Studium sind in dem kleinen Hinterhause des physiologischen Instituts an der Senckenbergstraße untergebracht. Dabei ist zu erwägen, daß auch noch die Studierenden der tierärztlichen Fakultät an den Vor⸗ lesungen und Abungen tierzüchterischer Richtung teilnehmen. Der neueste Prospekt, den die Direktion herausgab, betont deshalb vollkommen richtig, was„geschickte Raumausnutzung“ hier möglich gemacht habe: Ein Lesezimmer mit Handbibliothek, einen Hörsaal mit Aniversal⸗Projektionsapparat, einen Sammlungsraum, ein Direktorzimmer, ein Geschäftszimmer, ein milchwirtschaftliches und ein bodenkundliches Laboratorium, ein Zimmer für den Wetter⸗ dienst, ein agrikultur⸗botanisches Laboratorium, ein Wiegezimmer, Arbeitsräume für Dozenten und Assistenten, und sogar noch ein Praktikanten⸗Laboratorium. Bei den Arbeitsräumen für die Dozenten kann freilich auch die fabelhafteste Ausnutzung der so trostlos engen und unruhigen Räume nicht verhindern, daß alle die Kräfte, die hier wissenschaftlich arbeiten sollen und keine andere Anterkunft finden, sich schließlich beengt, gehemmt, verdrossen und ermüdet fühlen.„Das Anzulängliche, hier wird's Ereignis“! Besser ist für die Anternehmungen des landwirtschaftlichen Institutes gesorgt, die eine unmittelbare Fühlung mit der Praxis des Lebens bezwecken. So umfaßt die Versuchswirtschaft für Pflanzenbau dreißig Hektaren. Sie besitzt Stallungen und Scheunen, Maschinenhalle, Fuhrwerkswage, Fruchtspeicher, Räume für den Saatzuchtleiter, den Versuchsfeld-Inspektor und die Arbeiter. Doch lassen wir zum Schlusse den Prospekt selber sprechen. „Die Versuchswirtschaft umfaßt Düngungsversuche, bei denen vor allem die Anwendungsarten für die Düngemittel und die Er⸗ leichterung ihrer Anwendung durch Düngerstreuer aller Art Berück⸗ sichtigung finden; als wichtigstes Demonstrations- und Forschungs⸗ mittel dient der permanente Düngungsversuch. Einen sehr großen Amfang hat die Sortenprüfung angenommen. Ihr dienen Sortenserien, ferner Sortenanbauversuche, unter denen eine hessische Kartoffelkulturstation hervorzuheben ist. Weitere Arbeiten beziehen sich auf die Samenbeize und neue Kulturmethoden. Den pflanzenzüchterischen Arbeiten dienen besondere Räume zum Aufarbeiten der Zuchtpflanzen, ein zwei Hektaren großer Zuchtgarten mit besonderer Einrichtung für Stammpflanzen. Züchterisch bearbeitet werden Winterweizen, Wintergerste, Sommer⸗ gerste, Sojabohne, Erbse, Kartoffel, Rotklee, blaue Luzerne, ver⸗ schiedenste Gräser und Tabak. Zu erwähnen ist ferner der etwa 2%½ Morgen große Obst⸗ und Gemüsegarten, der auch den Stu⸗ dierenden Einblick in Gemüsebau und Gemüsesamenbau gewährt. An diese Gießener Versuchszentrale schließen sich in der weiteren und näheren Amgebung von Gießen zahlreiche Außenversuche bei praktischen Landwirten an, deren Ziel dahin geht, den Wirkungs⸗ wert der auf dem Markt befindlichen und neu erscheinenden künstlichen Düngemittel im exakten Feldversuch zu ermitteln. Auch Boden⸗ Seren werden bei praktischen Landwirten durch⸗ geführt. Seit dem 1. April 1904 wurde bei dem landwirtschaftlichen Institut Gießen auch eine öffentliche Wetterdienststelle eingerichtet, nach dem Eingehen der Wetterdienststelle in Weilburg im Sommer 1923 die älteste deutsche überhaupt. g Ferner ist mit dem Institut die Einrichtung einer Maschinen⸗ prüfungs⸗Stelle, einer Samenkontroll-Station der Landwirtschafts⸗ kammer Wiesbaden und einer Braugersten-Bonitierungsstelle verbunden. Das neu gegründete Tierzuchts-Institut harrt seines weiteren Ausbaues“. g Der Ausbau dieses Institutes, vor dreieinhalb Jahren ver— sprochen, hatte den Anterzeichneten in erster Linie bewogen, nach seiner Hochschul-Laufbahn in Bonn, Bern, Berlin und Hohenheim Stuttgart einer weiteren Berufung an die philosophische Fakultät der Aniversität Gießen in seiner alten hessischen Heimat Folge zu leisten. Damals hätten wir den Schiffenbergdiamanten feiner aus⸗ schleifen können, doch der Begriff„Tierzuchtsinstitut“ war zu neu, um vor primitivsten Mißverständnissen zu schützen. ö Nun sollen auf dem oberen und dem unteren Hardthof die Institute für Tierzucht und Pflanzenbau erstehen. Quod dii bene vertant! Nachdem hier nun endlich großzügig angefaßt worden ist, hoffen wir gerne und mit dem Gefühl tiefer Dankbarkeit, daß auch die Fürsorge in ideeller und materieller Beziehung Formen annimmt, die der gewaltigen Bedeutung der Landwirtschaft für unsere innere Gesundung und kulturelle Machtstellung gerecht werden. 5 Durch die Nachbarschaft von Marburg und Frankfurt hat unsere alma mater einen schweren Kampf zu bestehen. Es liegt deshalb auf der Hand, gerade jene Richtungen besonders zu pflegen, die einstweilen noch zur Eigenart der Aniversität Gießen gehören: Landwirtschaft, Forstwissenschaft und Tiermedizin! Die Aber⸗ lieferung der Jahrhunderte hat die Bedeutung der alten Fakultäten allmählich verstehen gelehrt, die früher um so mehr Ansehen genossen, je mehr sie weltabgewandt und im philosophischen Sinne rein speku⸗ lativ waren. Wir hoffen, es währe nun auch in Deutschland im Zeitalter der gewaltigen technischen Entwicklung nicht mehr all⸗ zulange, bis die weitesten Kreise begreifen, daß auch jene Wissen⸗ schaften des Ansehens und der tatkräftigen Förderung wert sind, die da berufen erscheinen, die materielle Kultur und das werktätige Leben immer schöner, reicher und glücklicher zu gestalten. Tausende und Abertausende von N Der Kreisdirektor des Kreises Schotten, Herr Geheimrat Boeckmann: Eine innigere Gestaltung der Beziehungen der Bevölkerung unsres Kreises im allgemeinen und der schaffenden Erwerbsstände, vor allem der Landwirtschaft, im besonderen zur Gießener Hochschule, ihren Lehrkräften und Instituten wird zweifellos von großer Bedeutung sein. Bisher schon haben das Landwirtschaftliche und das Veterinärwissenschaftliche Institut eine überaus segensreiche Tätigkeit für die Förderung der Viehzucht und Erkennung und Bekämpfung von Vieh— krankheiten im Kreise entfaltet. Sodann ist bei unserer Bevölkerung das Bedürfnis nach belehrenden wissenschaftlichen Vorträgen lebendig. Sie werden in den Landstädtchen sicher auf erhebliches Interesse rechnen dürfen, vorausgesetzt, daß die Vortragenden verstehen, sich dem Verständnis weiterer Kreise einigermaßen anzupassen. Es ist damit ganz ähnlich wie bei dem Bedürfnis nach guter Musik. Ich werde gerne mithelfen, die hohen Ziele der Gießener Hochschulgesellschaft, deren Mitglied unser Kreis ja ist, zum Segen des Vogelsberges und seiner Bevölkerung zu verwirklichen. Schotten, den 1. September 1924. 5525 Ueber Tierseuchen. Von Professor Dr. W. Zwick. Die durch kleinste Lebewesen(Mikroorganismen) verursachten Seuchen der Haustiere verbreiten sich wie die des Menschen auf dem Wege der Ansteckung, entweder unmittelbar von einem kranken Tier auf ein gesundes oder mittelbar, durch Zwischenträger, an denen die Krankheitserreger haften. Einige Seuchen, wie z. B. der Milzbrand, die Tollwut, die Tuberkulose, können fast sämtliche Haustiere, ja sogar wilde Tiere a ergreifen. Andere beschränken sich— auf eine oder wenige Tierarten, so die Ninderpest und die Lungen⸗ 8 seuche auf das Rind, der Rotz,,ñ⸗Æk0 die Druse und die Brustseuche auf das Pferdegeschlecht, der Rot⸗ lauf, die Schweineseuche und die Schweinepest auf das Schwein, die Geflügelcholera und Hühnerpest auf das Geflügel. Gewisse Tier— seuchen, darunter einige recht ge⸗ fährliche, wie der Milzbrand, der Notz, die Tollwut, die Maul⸗ und Klauenseuche, die Tuberkulose, der Schweinerotlauf, sind auch auf den Menschen übertragbar. Bei dem hohen national⸗ ökonomischen Wert der Haustiere ist es ohne weiteres verständlich, daß den Tierseuchen eine erhebliche N volkswirtschaftliche Bedeutung zu⸗ N 2 2 2 . 22 5 4 . 8 — — . kommt. So hat z. B. die so überaus gefährliche Ninderpest in früherer Zeit in Deutschland W 10 e Nindern in kurzer Zeit dahin⸗ gerafft und dem Volksvermögen einen ungeheuren Schaden zu— gefügt. And heute noch seufzt die Landwirtschaft schwer unter den großen Opfern, die die Maul- und Klauenseuche fast alljährlich fordert. Berücksichtigt man ihre rasche Ausbreitung über die Vieh⸗ bestände eines Landes, wobei eine große Zahl von Rindern, Schafen, Ziegen, Schweinen erkrankt, zieht man den nicht geringen wirtschaft⸗ lichen Schaden in Betracht, den die zur Bekämpfung der Seuche not⸗ wendige veterinärpolizeiliche Beschränkung des Verkehrs und Handels mit sich bringt, stellt man in Rechnung die großen Verluste an Milch und Milchprodukten, an Nachzucht, nicht selten auch an Tieren infolge von Todesfällen, sodann den nicht geringen Ausfall an Fleisch, an Arbeit, auch nach der Wiedergenesung der Tiere, so dürfte es ohne weiteres einleuchten, daß diese Seuche mit Recht zu den ver— derblichsten gezählt wird. Dieser von den Landwirten so gefürchtete Gast hat sich in den Jahren 1920 und 1921 in einem in der neueren Geschichte der Maul- und Klauenseuche noch nie gekannten Amfange in Deutschland verbreitet. Viele Tausende von Vindern, Schafen, Ziegen, Schweinen, namentlich in Süd- und Mitteldeutschland, wurden von der Seuche dahingerafft. In nicht wenigen Gehöften Württembergs ist ihr sämtliches Vieh erlegen. Neben der Maul- und Klauenseuche ist die Tuberkulose die schlimmste Geißel der Nindviehzucht. Allerdings wird die wirt— schaftliche Bedeutung dieser Seuche häufig nicht richtig erkannt und sehr unterschätzt, weil sie schleichend auftritt, den seuchenhaften Charakter für das Laienauge nicht ohne weiteres und nicht so deutlich erkennen läßt wie die Maul- und Klauenseuche. Der Amfang der Tuberkuloseverseuchung unserer Nindviehbestände ist aber ein beträchtlicher, er wechselt allerdings in den verschiedenen Gegenden und Gehöften. Man kann im allgemeinen sagen, daß die Tuberkulose da am stärksten verbreitet ist, wo eine Mehrzahl von Rindern in gemeinsamem Stallraum untergebracht ist, während sie in dem Maße abnimmt, als die Tiere im Freien sich aufhalten. In ganz Deutschland beträgt die Zahl der tuberkulösen Rinder etwa 20%. Neues Tierseucheninstitut. In den Jahren 1904 bis 1918 schwankte sie auf Grund der Statistik zwischen 17,89% und 23,47%. Gewiß erschreckende Zahlen! Noch viel weniger als die Gefährlichkeit und volkswirtschaftliche Bedeutung der Tuberkulose ist die des„ansteckenden Verwerfens“ unserer Haustiere bekannt, im besonderen die des Verkalbens der Rinder und des Verfohlens der Pferde. Es ist nicht zu viel gesagt, wenn betont wird, daß die über⸗ wiegende Mehrzahl der Fälle von Verwerfen(Verkalben, Ver⸗ fohlen, Verlammen, Verferkeln), das zur Ausstoßung einer nicht lebensfähigen Frucht vor Ablauf der normalen Trächtigkeitsdauer führt, auf Ansteckung beruht. Diese Seuche schädigt die Viehzucht in ihren Wurzeln, unterbindet den Lebensfaden der sich entwickelnden Frucht im Mutterleibe und ver⸗ hindert die erfolgreiche Be— fruchtung der Muttertiere. Der durch das ansteckende Verwerfen hervorgerufene Schaden erwächst nicht nur aus dem Verluste des Kalbes, des Fohlens, des Lammes oder Ferkels und aus dem mit ihm untergegangenen Zuchtwert. Er tritt noch mehr vor Augen angesichts der Tat⸗ sachen, daß durch das ansteckende Verwerfen in land wirtschaftlichen Betrieben die Zucht völlig lahm⸗ gelegt werden kann, die Milch⸗ produktion eine schwere Beein⸗— trächtigung erfährt, die Muttertiere in ihrer Gesundheit und Zuchttauglichkeit notleiden, ja sogar häufig von der Zucht völlig ausgeschlossen werden müssen. Zieht man noch den ansteckenden und schleichenden Charakter der Krankheit und ihre fortwährende Zunahme in Betracht, so wird über ihre land- und volkswirtschaft⸗ liche Bedeutung ein Zweifel nicht mehr bestehen. Erhebliche Werte gehen ferner der Landwirtschaft verloren durch die ansteckenden Krankheiten der Jungtiere(der Fohlen, der Kälber, der Lämmer, der Ferkel). Diese Infektionskrankheiten bedrohen das Leben der Säuglinge schon in den ersten Lebenstagen. Es ist keine seltene Erscheinung, daß in einem Gehöfte unter ihrem Einflusse fast alle Jungtiere, z. B. Kälber, verenden. Diese wenigen aufgeführten Beispiele dürften genügend zeigen, welch große Rolle der Tierseuchenbekämpfung und der Tierseuchen⸗ forschung, die jener als Grundlage und Wegweiser dient, zukommt. Aufgabe der Seuchenforschung ist es, die Krankheitserreger zu finden, ihre Eigenschaften kennen zu lernen, die Art und Weise ihres Eindringens in den Körper der Haustiere aufzudecken, den Verbreitungswegen des Krankheitserregers nachzuspüren, die Be⸗ dingungen des Zustandekommens einer Ansteckung zu untersuchen, die Reaktionserscheinungen und die Krankheitssymptome des infi⸗ zierten Organismus zu verfolgen. Die genaue Kenntnis der Krank⸗ heitserreger, ihrer Eigenschaften, ihrer Lebensweise und Lebens⸗ bedingungen, ihrer Wirkung in dem von ihnen ergriffenen Tierkörper, eröffnet und vertieft das Verständnis für die Natur, die Ausbreitung und den Verlauf der Seuchen, gibt Fingerzeige für die sichere und zuverlässige Erkennung der Infektionskrankheiten, ist die Voraus- setzung für die Herstellung wirksamer Impfstoffe sowie die Verwen⸗ dung geeigneter Desinfektionsmittel und bildet überhaupt die Anterlage für zweckmäßige Maßnahmen zur Abwehr und zur Ver— hütung der Weiterverbreitung der Tierseuchen. Schon mancher Erfolg ist im Kampfe gegen diese verderblichen Feinde der Tierzucht erzielt worden. Seuchen wie die Minderpest, 1 1 ö 90 1 1 1 2 9 . . A 1 die Beschälseuche der Pferde, die Lungenseuche der Rinder, die während des Krieges und in der Nachkriegszeit ihr Haupt wieder erhoben haben, sind bald nach ihrem Ausbruche getilgt oder doch erheblich eingedämmt worden. Der Notz, der noch vor einigen Jahrzehnten eine beständige und sehr gefürchtete Gefahr für unsere Pferdebestände war, ist wesentlich zurückgedrängt worden, und zwar trotz der Angunst der Verhältnisse während des Kriegs und in der Nachkriegszeit. Gegen die Brustseuche der Pferde besitzen wir in dem Neo⸗Salvarsan ein sehr wirksames Heilmittel. Der Schweinerotlauf, eine immer wieder auftauchende und gefährliche Seuche hat dank dem überaus wirkungsvollen Lorenzschen Impfverfahren seinen Schrecken ver⸗ loren. Die Räude der Pferde, die während des Krieges unter den Pferdebeständen des Heeres und auch des Inlandes sehr stark um sich gegriffen hatte, zeigt sich nur noch in vereinzelten Ausbrüchen. Eine Reihe anderer Tierseuchen, wie z. B. der Milzbrand, der NRauschbrand, wird durch zweckentsprechende veterinärpolizeiliche Maßnahmen und mit Hilfe geeigneter Impfverfahren bekämpft und in Schranken gehalten. Trotz der bisher erzielten Er⸗ Anterdrückung, ist noch viel wissenschaftliche und praktische Arbeit zu leisten. Die Bekämpfung der Tuberkulose hat sich bis 2 2 recht bescheidenen Erfolgen begnügen müssen. Diese Seuche zehrt noch viel zu sehr am Lebensmark unserer Rindviehbestände. Nur ein ausdauernder und verständnisvoller Wille der Landwirte kann, wie Beispiele zeigen, dem von den Tierärzten schon vielerorts auf⸗ genommenen Kampf gegen diese überaus verderbliche Seuche zum Siege verhelfen. ö Es muß hier besonders betont werden, daß die Probleme der Tierseuchenbekämpfung keineswegs rein wissenschaftlicher Art sind, sondern zum großen Teil wirtschaftlicher. Der mangelnde Erfolg, der bei der Bekämpfung gewisser Tierseuchen noch zu verzeichnen ist, ist häufig nicht der Wissenschaft zur Last zu legen, die die ge⸗ eigneten Waffen liefert, sondern denen, die sie nicht oder nicht richtig anwenden. Der Schwerpunkt bei der Bekämpfung einer Reihe von Tierseuchen liegt in der verständnisvollen Mitarbeit der Tier⸗ besitzer, die die tierärztlichen Maßnahmen wirksam unterstützen soll. Nur mit wenigen Strichen und stizzenhaft konnte innerhalb des verfügbaren engen Rahmens ein Bild von den Tierseuchen gegeben folge bei der Bekämpfung der TDierseuchen bleibt aber auf diesem Gebiete noch viel zu tun übrig. Nur mit wenigen Worten will ich dies hier andeuten. Die Erreger einer Reihe von Infektionskrank⸗ heiten, wie z. B. der Ninderpest, der Schweinepest, der Brustseuche des Pferdes, der Tollwut, der Staupe der Hunde, der Geflügel⸗ pest u. a., sind trotz eifriger Be⸗ mühungen zahlreicher Forscher noch unbekannt. Eine überaus gefährliche Seuche, die ansteckende Blutarmut der Pferde, die vor dem Kriege nur herdweise an der Westgrenze Deutschlands aufgetreten war, ist durch zurückkehrende Armeepferde in viele einheimische Pferde⸗ bestände eingeschleppt worden und hat allerorts große wirtschaftliche Werte zerstört. Trotz aller erdenk⸗ lichen Bemühungen der Wissen⸗ schaft und mancher Erfolge gegen⸗ über dieser Seuche ist es noch nicht gelungen, sie niederzuringen. In Oberhessen ist in der letzten Zeit die seuchenhafte Gehirn- und Rückenmarksentzündung(Bor⸗ nasche Krankheit) bei Pferden in starkem Amfange aufgetreten und hat viele Opfer gefordert. Ihre Arsache ist noch in Dunkel gehüllt. Die Maul- und Klauenseuche richtet noch immer viel zu viel An⸗ heil an. Die neuesten Forschungen über diese Seuche berechtigen zwar zu der Hoffnung, daß es gelingen eee werden. Aber es dürfte doch zeigen, welch große land⸗ und volkswirtschaftliche sowie sanitäre Bedeutung ihnen zukommt, zu⸗ gleich aber auch, welch dringen⸗ dem Bedürfnis die Errichtung eines Tierseucheninstitutes an der Veterinärmedizinischen Fakultät unserer Landesuniversität ent⸗ sprach. Zur Ausbildung der Stu⸗ dierenden und zur Fortbildung der Tierärzte auf diesem so wichtigen Gebiete tierärztlicher Betätigung, zur wissenschaftlichen Erforschung der Tierseuchen, zur wissenschaft⸗ lich⸗praktischen Mitarbeit bei ihrer Bekämpfung ist dieses Institut bestimmt. In schwerer Zeit, un⸗ mittelbar nach dem Kriege, der mit einer nicht zu verkennenden Deutlichkeit den hohen Wert der veterinärmedizinischen Wissen⸗ schaft gerade auf diesem Gebiete kennen und schätzen lehrte, ist es ins Leben gerufen worden. Eine schon längst und recht empfindlich fühlbar gewordene Lücke wurde da⸗ mit an der Veterinärmedizinischen Fakultät unserer Landesuniversität ausgefüllt. Der Staatsregierung und dem Landtag gebührt für die weitblickende Fürsorge sowie für die opferwillige Bereitstellung der Geldmittel zum Bau und zur Einrichtung des Institutes größter Dank. Eine weithin werbende Kraft und eine segensreiche Wir⸗ kung wird, wie Beispiele in anderen Staaten zeigen, zum Nutzen der D 1 —— i 8 UAE N 7 E f 8 0 wird, mit einem wirksamen Schutz⸗ impfverfahren ihr zu begegnen, aber große wissenschaftliche An⸗ strengungen werden noch nötig sein, um zu erreichen, daß die Seuche vor den Grenzen Deutschlands Halt macht. „Die Schweinepest, die zur Zeit gefährlichste Seuche der Schweine, wird zwar mit Hilfe von Abwehrmaßnahmen und von Impfungen eingedämmt, aber bis zu dem weiteren Ziel, ihrer gänzlichen Flur im Tierseucheninstitut. heimischen Landwirtschaft bei ziel⸗ bewußter Mitarbeit der Tierärzte des Landes und der Landwirte von dem Tierseucheninstitut ausgehen. Möge es ihm nie an Freunden und Förderern fehlen, die ihm mit der wohlwollenden Gesinnung auch die zur Erfüllung seiner wichtigen Aufgaben so dringend erforderliche, tatkräftige Anterstützung mit Geldmitteln zuteil werden lassen. 8 Fördern Sie die Bestrebungen der Gießener Hochschulgesellschaft durch Ihren Beitritt.“ Anmeldungen sind schrifflich oder mündlich nach Johannesstraße 17 zu richten Jahresbeitrag für außerordentliche Mitglieder.. Mk. 5.— „ Mindestbeitrag) für ordentliche Mitglieder Mk. 10.— Bankkonto: Mitteldeutsche Creditbank Filiale Gießen und deren Postscheckkonto Frankfurt a. M. Nr. 782 Druck und Verlag der Brühl'schen Univ.⸗Buch⸗ und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.