Gießen, Dienstag, den 5. Oktober 1897. Postztg. Nr. 3319. Telephon⸗Nr. 112. allexei o * 00 beisen. ssische usgabe Gießen. aldeszeitung. Postztg. Nr. 3319. Telephon⸗Nr. 112. Redaktion: Kreuzplatz Nr. 4. 8 Lokales und Provinzielles. Gießen 3. Okt. Auf den diesjährigen 5 Geflügel ⸗Ausstellungen in Soutra, srten Bewohnen„ bannover und Butzbach hat Herr Conrad übfamen im Ganzen 28 Preise auf seine ktober Zuchten von Nutz hühner n(Italier) und schwere n Refa iutzenten erhalten. Darunter befinden sich uralte erste, 8 zweite und 8 dritte Preise. Außerdem rhlelt Herr Rübsamen zwei Ehrenpreise, darunter ikner gestiftet vom landwirtsch. Zentral⸗Verein und die filberne Staatsmedaille für hervorragende Eeistungen in der Rouen⸗Entenzucht. * Gießen, 4. Okt.(Stadt⸗Theater.) Bor einem zahlreichen Auditorium ging gestern bend das vieraktige Lustspiel„Wohlthätige Frauen“ von L Arronge in Szene. Wir sagen im Voraus, daß die Besucher einen recht genuß⸗ leichen Abend verlebten. Der Verfasser hat mit diem Stück unstreitig einen guten Griff gethan. Es bleibt immer neu. In seinem Inhalt spiegelt sich das beliebte Steckenpferdchen der heutigen sugen. besseren Gesellschaftskreise, die Wohlthätig⸗ elt im großen Stil“, in den grellsten Farben ab. Diese Sorte von Wohlthätigkeit zwingt nur gur zu häufig dazu, von der komischen Seite aulgesaßt zu werden. Das mag auch der Be⸗ weggrund sein, daß L' Arronge seinem Lustspiel een Charakter verliehen, der es mehr als eiue eidge det g u sen, dung g Beine und voll salrageh Aufenthalt. lug. Freunden und Ju aft aal“ meine verehrten g Erport- Bie Posse erscheinen läßt. Das Stück erfuhr gestern 1 Abend eine mustergiltige Aufführung. An der i Spitze der„wohlthätigen Frauen“ stand die ver⸗ ungsvoll witwete Geheimrätin Clementine v. Praß, welche entin n Frl. Her vad eine überaus würdige Ver⸗ 5 tteterin fand. Imponierend war ferner das Auftreten des Herrn Fritzschler als Major b. Rodeck. Der etwas charakterschwache Leder⸗ händler Friedrich Möpsel, der seiner ordenssüch⸗ igen Frau zu Gefallen Mitglied des„Suppen⸗ bereins“ werden mußte, spielte Herr Janson mit vielem Geschick, während sich Frl. Mar⸗ loff mit der Rolle der„wohlthätigen“ Frau untag hin berg ber Möpsel gut zurecht finden konnte. Das komische Flement lag ausschließlich in den Händen des Herrn Ee ume der wieder einen guten Abend alte. Er spielte mit ausgezeichneter Laune den nes ereinsdiener der Suppen⸗ und sonstigen Wohl⸗ thätigkeitsvereine und hatte die Lacher auf seiner Seste. Alles in allem, sämtliche Mitglieder ernteten für ihre Leistungen den wohlverdienten Helfall. Man kann mit Recht sagen, daß die Theaterdirektion bei Auswahl ihrer Kräfte dies⸗ mal viel Glück hatte.— Heute Abend gelangt zum zweiten Mal der Blumenthalsche Schwank „Zwei Wappen“ zur Aufführung. Gießen, 4. Oktober.(Stadttheater). Aus dem Theaterbureau wird gemeldet, daß als nächste Novität Carl Nieman's historisches Lust⸗ spiel in 4 Akten„Wie die Alten sungen“ in Aussicht genommen ist und möglichst noch im Ja dieser Woche zur Aufführung gelangen oll. Gießen, 4. Okt. Das gestrige Konzert unserer F in„Steins Garten Konzertstücke zur Aufführung. Flötist Herr Jonas sowie der Pistonvirtuos großen Beifall. * Gießen, 4. Okt. Erscheint täglich mit Ausnahme der Tage nach Sonn⸗ und Feiertagen. Preis der Anzeigen: 10 Pfg. für die Sspaltige Petitzeile. Der jugendliche Herr Schwarz ernteten durch ihre Solovorträge Eine Versammlung Während der Arbeitsruhe gebe es Gelegenheit genug, seine Nebenkollegen zu dem neugeschaffenen Verein zu gewinnen. * Gießen, 4. Okt. Gestern Abend hielt der auf „Zither-Klub“(Wohlthätigkeitsverein) der städtischen Arbeiter, wohl die erste in Gießen, fand gestern Vormittag im Gasthaus „Zum Riesen“(Neustadt) statt. Der Einberufer, Herr Lang, eröffnete um ½12 Uhr die Ver⸗ sammlung und erteilte Herrn Dahmer, der das Referat übernommen, das Wort. Letzterer sprach über die Bedeutung und Ziele der Organisation. Auch die städtischen Arbeiter, die bis jetzt noch isoliert daständen, sollten sich gegenseitig die Hand reichen und ihre Lage dadurch zu verbessern suchen. Die mißlichen Zustände der letzten Zeit hätten zur Genüge bewiesen, daß der Einzelne nicht imstande wäre, das zu erreichen, was eine zusammengeschlossene Masse durchführen könne. Nachdem Redner geendet, wurde einstimmig beschlossen, daß eine Organisation geschaffen werden solle. 15 Mann zeichneten sich sofort in die Mitgliederliste ein. In den Vorstand wurden gewählt: Lang als 1. Vorsitzender, Schneller als Kassierer und Schmidt als Schriftführer. Ferner wurde ein vom 15. Oktober zu entrichtender Wochenbeitrag von 10 Pfennig festgesetzt. Herr Lang schilderte hierauf die Behandlung der Arbeiter seitens des städtischen Straßenmeisters. Nicht nur die unschmeichelhaften Redens⸗ arten, die Letzterer gegen die Mannschaften gebrauche, sondern auch die hohen Strafen, die in Anwendung kämen, wären die Motive, die sie zu dem heutigen Schritte bewogen hätten. Die geringste Kleinigkeit, so das kurze Verlassen der Arbeit, werde mit mindestens 1&& bestraft. Wohin dies Geld fließe, wisse Niemand. Es sei erforderlich, in einer Eingabe an den Herrn Oberbürgermeister diese Mißstände zu rügen und anzufragen, wozu die Strafgelder verwendet würden. Im Jahre 1891 sei von der Stadt⸗ verordnetenversammlung eine Lohnerhöhung von 20 Pfg. pro Tag und Arbeiter bewilligt worden. Stadtbaumeister Stief habe damals diese Lohn⸗ erhöhung von 20 Pfg. einbehalten, um(im Zeit⸗ raum vom 15. April bis 15. Oktober jeden Jahres) einen Betrag zu sammeln, der dem Arbeiter die Möglichkeit gebe, sich für den Winter den Bedarf an Holz, Kohlen, Kartoffeln usw. zu verschaffen. Dieser Betrag sei bisher Manchem, der„bestraft“ worden sei, ganz oder teilweise vorenthalten worden. Ein älterer Arbeiter, der etwa 11 Jahre bei der Stadt be⸗ schäftigt und nur einmal während dieser Zeit mit 1 4„bestraft“ sei, habe man nur 17,50 4. von dem ersparten Betrag, der die Höhe von 36,80 l erreichte, ausgezahlt. Auch bekämen die Arbeiter bei jedem kleinen Vergehen vom Straßenmeister zu hören,„daß er es ihnen am 15. Oktober(bei 8 des ersparten Be⸗ trages) gedenken werde“. Zum Schluß nimmt noch Herr Dahmer das Wort und ermahnt die Arbeiter, während der Arbeitszeit jede Agi⸗ tation zu unterlassen, damit gewissen Leuten dem Lenzschen Felsenkeller ein Familien⸗ abend ab, welcher sehr gut besucht war. Die Zithervorträge wurden in exakter Weise durch⸗ geführt. Die Teilnehmer blieben bis zur frühen Morgenstunde in fröhlicher Stimmung versammelt. * Gießen, 4. Oktober. Durch die am Sams⸗ tag Abend erfolgte Eröffnung des Restaurants Royal am Seltersweg ist die Stadt um ein elegant ausgestattetes Etablissement, das den Ansprüchen der Neuzeit vollkommen entspricht, reicher geworden. Man steht, daß Herr Elges keine Kosten gescheut hat, die Lokalitäten so komfortabel als möglich herrichten zu lassen. Die neuen Lokalitäten wurden gestern hauptsächlich von Familien sehr stark besucht. „Gießen, 4. Oktober. Gestern Nachmittag 4 Uhr fand auf Oswalds Garten ein Match zwischen dem Dauerläufer Gerhardt aus Han⸗ nover und einem hiesigen Radfahrer statt. Den Umkreis von 250 Meter umlief Ersterer in 60 Minuten 72 mal, während es der Radfahrer nur auf 87 Runden brachte. Eine minimale Leistung gegenüber Gerhardts. Nächsten Sonntag Nach⸗ mittag findet nochmals ein Wettlauf mit einem bekannten hiestigen Radfahrer statt. * Gießen, 4. Okt. Vor einigen Tagen wurde bei den von dem Maurermeister Stein- bach ausgeführten Reparaturarbeiten an der Zeughauskaserne der sogen. Schlußstein entdeckt. Aus dessen Inschrift geht hervor, daß genanntes Gebäude im Jahre 1588 erbaut wurde, also bereits über 300 Jahre steht. * Grünberg, 3. Oktober. Heute Vormittag erfolgte unter dem üblichen Cermoniell die Ueber⸗ führung der Leihe des am Freitag verstorbenen Steuerkommissars Kritzler nach seinem Heimats⸗ orte Darmstadt. Der Verstorbene, welcher in verschiedenen Heilanstalten vergebens Genesung suchte und sich zuletzt in der Gießener Klinik einer Operation unterzog, erfreute sich während seiner Amtsthätigkeit allseitiger Beliebtheit. Schwurgericht. W. Gießen, 2. Okt. Der Vorsitzende, Landgerichtsrat Wehner, eröffnet um 8¼ Uhr die Sitzung. Es wird in die Verhandlung gegen den mehrfach vorbestraften 34 Jahre alten Zim⸗ merer Ernst Thomas von Rudingshain wegen Meineids eingetreten. Die Anklage vertritt Staatsanwalt Zimmermann. Als Verteidiger ist Rechtsanwalt Weidig erschienen. Es sind 19 Zeugen zu vernehmen. Der Angeklagte bestreitet das ihm zur Last gelegte Verbrechen begangen zu haben. Der Thatbestand der Anklage ist der folgende: Gegen Michael Neumann von Rudingshain war vom Amtsgericht Schotten Straf⸗ befehl erlassen, weil er am 24. Dezember 1896 im Forst⸗ distrikt Lappenstein, Gemarkung Rudingshain, Forstfrevel verübt habe. Als Beweismittel hierfür war der Ange⸗ klagte Thomas angegeben. Neumann erhob aber gegen den Strafbefehl Einspruch und so kam die Sache am keine Gelegenheit zur Denunziation geboten werde. wär gut besucht. Es gelangten mehrere neue Eine reiche Partie. Erzählung von Felir von Stenglin. (Nachdruck verboten). Schluß.) Puhlmanns standen in einiger Verlegenheit da. Endlich sah Röschen unter Thränen zu ihrem Oaen auf, und ein glücseliges Lächeln verklärte 4 ihr Antlitz.„Ich habe Dich wieder!“ sprach sie doller Hingebung. Und in bestimmterem Ton setzte e iazu„Und jetzt bleibe ich bei Dir, was auch 1 komme V i 5 f 1955 et. n mag. erzeihst Du mir 5. 21 st Du so etwas Bebien. ö Ich Dir? Röschen, wie kann ö 2 sugen! Och bin es ja, der in Deiner Schuld ist. und ich sehe auch ein, daß Dein Vertrauen zu mir 22 nicht so schnell zurückkommen kann „O doch!“ f „Laß, Röschen! Ich verlange es nicht heute, nicht morgen. Aber ich hoffe bestimmt, es wird 1 mit der Zeit kommen. „Es ist schon da, Geliebter! Und nun sage, * a tlust wie hängt alles zusammen? Und wie kommt i80l N Es, daß Du so anders denkst? b Mel.„Das muß ich Dir in Ruhe erzählen, liebes e nfroß„ erz. Nur soviel, daß wir mit Warnshagen im — Reinen find und daß ich eine Stelle habe und Dich vai en kan 0 roh l Eine Stelle?“ fragte sie und lachte ihn schel⸗ 0 21 zournie N cnisch an. lat„Als Inspektor in Frauensee.“ ich so anders denke, das muß wohl Last von meiner Seele fort ist. so schroff und hart zu denken hier find noch mehr Leute im „Und daß kommen, weil die Da hört man auf, Aber ich glaube, immer a 3 eundlich wandte Hellmuth sich zu den Und fr. Eltern seiner Frau wie zu dem Onkel und drückte ihnen die Hand. „Guten Tag, Schwiegervater! Guten Tag, f utter! Guten Tag, Onkel Fritz. Na, ellen wie nur gleich 5 Lichter am Weih⸗ anzünden.“— nach r Karl Puhlmann betrachtete seinen Schwieger⸗ sohn immer noch mit Mißtrauen. „Wat war denn dat uu eijentlich,“ fragte er, als Hellmuth mit dem Anzünden der Lichter fertig war und Arme genommen hatte. schon wieder sein junges Weib in die Dat Sie von de Frau 1 wegjingen, war nicht nötig. Zu leben hatten Se doch.“ 5 Das wohl, aber auf diese Weise wollte und i Ich hatte auf die konnte ich nicht weiter leben. s au Anderer spekuliert, und das rächte sich schwer. r das unbezwingbare Verlangen, mich auf 17 5 Füße zu stellen. Und ohne gute Früchte ist diese Zeit für mich nicht gewesen. Ich habe schwere, anstrengende Arbeit durchgekostet und weiß jetzt die Arbeit anderer besser zu würdigen. Auch praktisch, im Maschinenwesen, hab' ich manches profitiert, das mir in meinem Beruf als Landmann zu Gute kommen wird. Vor allen Dingen aber hab' ich Hilfe e Aud glacelig barg sie den Kopf an der Schulter senl des Galen. 3 50 8 b lh* mir durch diese Zeit mein Weib erobert.“ ———— 23. März 1897 zur öffentlichen Verhandlung vor das Expedition: Kreuzplatz Nr. 4. 2 E Forstgericht Schotten. Während hier Neumann mit aller Entschiedenheit bestritt den Frevel begangen zu haben, bekundete der unter dem Eid vornommene Angeklagte Thomas, er sei am Tage vor Weihnachten nach dem Lappenstein gegangen, habe dort gehört, daß Holz gehauen werde, er sei dem Schalle nach gegangen und habe ganz nahe dabel gestanden und gesehen, wie Michael Neumann eine Buche mit einer Axt bearbeitete. Obzwar er den Neumann bestimmt erlannt habe, sel er doch nicht an denselben herangegangen, da er befürchtet habe, sich selbst dadurch dem Verdacht der Thäterschaft auszusetzen. Auf Grund dieser Aussage wurde Neumann vom Forstgericht verurteilt, doch legte derselbe hiergegen Berufung ein. So kam diese Sache an das Landgericht Gießen. Hier machte Thomas die gleiche eidliche Aussage, die er vor dem Forstgericht abgegeben. Er setzte hinzu, daß er am frag⸗ lichen Tage zwischen 8 und 10 Uhr vormittags am Lappenstein gewesen und an jenem Tage den Neumann überhaupt nicht gesprochen habe. Die Anklage behauptet, daß die Bekundung des Angeklagten vor dem Forstgericht sowohl, als auch vor der Strafkammer Gießen, von der die Verurteilung der 1. Instanz bestätigt wurde, wissentlich falsch abgegeben sei. Michael Neumann, als Zeuge vernommen, bestreitet ganz entschieden, den Holzfrevel begangen zu haben, er sei am gedachten Tage überhaupt nicht auf dem Lappenstein gewesen. Am 23. Dezember jeden Jahres werde in seiner Heimat die sogenannte lange Nacht gefeiert und würde am Abend des Tages tüchtig getrunken, sodaß es sehr spät werde, ehe man ins Bett komme. Aus diesem Grunde sei er am 24. Dezember, am Tage, wo der Frevel begangen sein soll, um 9 Uhr vom Lager auf⸗ gestanden, habe gemütlich Kaffee getrunken, dann das Vieh gefüttert, erst dann sei er von Hause fortgegangen um sich von Hrch. Müller eine diesem geliehene Axt zu holen, es sei dies gegen 10 Uhr gewesen. Die Ehefrau Neu⸗ manns und dessen Söhne Ludwig und Otto bestätigen unter Eid, was dieser über die Vorgänge des morgens bekundet und bemerken, daß kurz nach dem Weggange des Familienoberhauptes es vom Kirchturm 10 Uhr ge⸗ läutet habe. Die Ehefrau des Hrch. Müllers und deren Sohn bestätigen, daß Neumann an jenem Vormittag in ihr Haus gekommen sei, um seine Axt zu holen, als der Che⸗ mann resp. der Vater dasselbe bereits verlassen, dieser sei aber um /½10 Uhr ausgegangen. Der Zeuge Georg Hrch. Müller, ein Nachbar des An⸗ geklagten Thomas ging am fraglichen Morgen an dessen Haus vorüber, es war um diese Zeit genau 10 Uhr. Es interessierte ihn, ob Thomas seine Festesfreude von der langen Nacht schon verschlafen, er sah daher zum Fenster der Thomasschen Wohnung hinein und sah, daß dieser noch im Bett lag. Auch die übrigen Zeugen bekunden sämtl ich, den Neu⸗ mann um die fragliche Zeit gesehen zu haben. Die an die Jury zu richtenden Schuldfragen gehen dahin: Ob der Angeklagte in zwei Fällen und zwar vor dem Forstgericht Schotten und vor dem Landgericht Gießen in der Strafsache gegen Neumann wegen Forstfrevel wissent⸗ lich falsch geschworen und ob sich die That des Ange⸗ klagten als eine einzige strafbare Handlung darstellt. Staatsanwalt Zimmermann plaidiert für schuldig des Meineids, indem er eine Handlung für vorliegend hält. Die Bekundungen des Angeklagten, die dieser unter Eid gemacht, seien aus der Luft gegriffen, um einen ganz un⸗ schuldigen Menschen ins Unglück zu bringen. Der Verteidiger Rechtsanwalt Weidig gesteht zu, daß die Belastungszeugen einen sehr guten Eindruck gemacht hätten, die Geschworenen aber hätten doch die Pflicht, zu prüfen, ob sie diesen vollen Glauben schenken könnten, —BBBBr c — Hellmuth drückte Röschen an sich und sah ihr zärtlich in's Auge. Frau Puhlmann faltete die Hände, und ob ste auch den Zusammenhang dieser Dinge nicht ganz begriff, sie war doch so dankbar für das glückliche Ende. Leise sagte sie:„Ehre sei Gott in der Höhe!“ Herr Pahlmann aber schüttelte mißbilligend den Kopf. Da er nicht verstand, wurde er unge⸗ halten. Breitbeinig dastehend, die Hände in den Hosentaschen, sagte er brummig:„Nu kommen Se ja doch widder zu Puhlmann'n. Un helfen muß er ja doch!“ Hellmuth löste sich ein wenig von Röschen und antwortete mit ernster Miene:„Sie irren. Meine Frau und ich nehmen von Ihnen keinerlei Unter⸗ stützung an. Dafür, daß Sie mir meine Schulden bezahlt haben, verzichten wir jetzt auf jede Beihilfe.“ Puhlmann sah seinen Schwiegesohn starr an. Er hatte wohl nicht recht gehört.„Se woll'n keenen Zuschuß?“ „Nein.“ „Aber nu sind Se doch nicht so!“ meinte Frau Puhlmann. „Ich bitte Sie dringend, keine weiteren Ver⸗ suche zu machen. Sie haben Ihren Stolz, ich habe meinen auch.“ „Ff!“ machte Onkel Fritz. Der Bauer schüttelte den Kopf. Das hatte er nicht für möglich gehalten. Man wies sein Geld ———— zurück, sein schönes, bares Geld! Und der Mann seiner einzigen Tochter that ihm das an! „Na wat soll ick denn mit dat ville Jeld?“ fragte er unmutig. Hellmuth zuckte die Achseln. schon Verwendung finden.“ Erstaunt wandte Frau Puhlmann sich zu ihrem Gatten.„Haste denn noch so ville?“ Onkel Fritz lachte laut, so daß er einen Husten⸗ anfall bekam. Als er vorüber war, hörte man aus der Ecke des Zimmers, wo der Weihnachtsbaum stand, die schwache Stimme Frau Puhlmanns herüber tönen. Sie hatte das Gesangbuch vor und sang für sich allein das Lied:„Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren.“ Die Anderen warteten still, bis sie fertig damit war. Dann kam Onkel Fritz auf seine Schwägerin zu und faßte ihre Pand.„Dat Jeld?“ fragte er und zeigte daun mit dem Daumen herüber nach Hellmuth und Röschen.„Dat bliwt für de Enkelkinner!“ Hellmuth aber ergriff mit der Rechten die Hand des Schwiegervaters, während er mit der Linken Röschen umfaßt hielt.„Glauben Sie mir,“ sagte er zu Herrn Karl Puhlmann, und warf zwischen⸗ durch einen liebevollen Blick auf seine Frau, „ich habe trotzdem eine reiche Partie gemacht!“ Frau Puhlmann war zu Thränen gerührt. Und„Ff!“ meinte auch Oatel Fritz.— Noch an demseloen Abend brachte Hellmuth, wie er es seinen Eltern zugesagt hatte, die junge Frau in sein väterliches Heim. „Dafür wird sich hätten dieselben nur den mindesten Zweifel an der Schuld des Angeklagten, so müßten sie doch auf Nichtschuldig ihren Spruch fällen. Die Geschworenen gaben ihren Wahrspruch im Sinne des staatsanwaltlichen Plaidoyers ab. Staatsanwalt Zimmermann beantragte unter Hinweis auf die gemeine Gesinnung gegen den Angeklagten 3 Jahre Zuchthaus und die üblichen Nebenstrafen. Der Vertei⸗ diger bat um ein milderes Urteil und Anrechnung der Untersuchungshaft. Der Gerichtshof erkannte auf 2 Jahre 6 Monate Zuchthaus, Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte auf die Dauer von 5 Jahren und dauernde Eidesunfähigkeit. W. Gießen, 4. Okt. Es wird in die Verhandlung gegen den Müllers sohn Heinrich Dörr von der Dammesmühle(bei Arnshain) wegen Mordversuchs eingetreten. Bel Auslosung der Geschworenen machen der Staats⸗ anwalt Koch, der die Anklage vertritt, als auch Rechts⸗ anwalt Katz, der als Verteidiger erschienen, von dem ihnen zustehenden Recht der Ablehnung vollen Gebrauch. Es sind 24 Zeugen von der Staatsanwaltschaft und 9 Zeugen von der Verteidigung geladen. Dr. med, Brückner Gießen ist als Sachverständiger erschienen. Dem am 22. Januar 1872 geborenen, wegen Dieb⸗ stahls vorbestraften Angeklagten, wird nach der Anklage zur Last gelegt, daß er in der Nacht vom 23. zum 24. Juli d. Is. den Versuch gemacht habe, das 22jährige Dienstmädchen seines Vaters, die Bertha Bondio von Seibelsdorf, zu ermorden. Der Angeklagte erklärt, auf der Mühle seines Vaters geboren und von dort nie fortgekommen zu sein. Auf der Mühle find seit der Verheiratung seiner Schwester 2 Dienstmädchen, darunter auch die Bertha Bondio. Die Mädchen schlafen im 2. Stock des Gebäudes, während der Angeklagte, wenn er in der Mühle nichts zu versorgen hatte, mit seinen Brüdern und dem Vater in einer Kam⸗ mer schlief. Am Abend der That hatte der Angeklagte die Mühle zu besorgen. Der Vater habe ihn um 11 Uhr geweckt, worauf er die Mühle frisch aufgeschüttet und dann wieder schlafen gegangen sei. Der Angeklagte erkllärt, er wisse sich nicht zu erinnern, daß er mit dem Mädchen seines Vaters in unerlaubtem Verkehr gestanden hätte gestellt zu haben. Der Angeklagte bestreitet weiter, der Vater des von der Bondio zu erwartenden Kindes zu sein. Es sei unwahr, daß er dieselbe habe morden wollen, er glaube der ganze Vorgang sei von dieser er⸗ funden, um von ihm etwas erpressen zu wollen. Sein Bruder habe ihm gesagt, die Bondio habe ihn als ihren Verführer angegeben; er habe dieselbe deshalb ge⸗ schlagen. Sein Vater sei ein kranker Mann und habe ihn mit Schlägen gedroht, für den Fall, daß er sich mit der Bondio abgegeben. Der Angeklagte will dann seinem Vater und seinem Bruder am Tage aus dem Wege ge⸗ gangen sein. Der Vorsitzende erklärt dem Angeklagten, er wäre am 24. Juli solange fort gewesen, daß man angenommen habe, er habe sich ein Leid angethan und nach ihm am Wasser gesucht. Der Angeklagte bleibt hierauf eine Erklärung schuldig. Es wird dem Angeklagten ein Strick vorgelegt, den er nicht kennen will. Weiter erklärt Angeklagter, daß er gesehen habe, wie sich die Bondio mit einem anderen Mann in der Scheuer abgegeben. Staatsanwalt Koch macht darauf aufmerksam, daß der Angeklagte heute angiebt, es sei ihm nicht bewußt, während er früher alles, was er heute nicht mehr wissen will, bestimmt als unwahr in Abrede gestellt. Der Angeklagte erklärt, er glaube die Bondio habe in der Nacht vom 23./24. Juli in der Scheuer einen miß⸗ glückten Selbstmordversuch gemacht und wolle ihn nur verdächtigen, um von seinem Vater 1000& zu erhalten. Die Bondio habe ja früher schon Worte gebraucht, aus denen zu entnehmen, daß sie sich mit Selbstmordgedanken getragen. Die Bondio habe sich früher schon einmal in der Scheuer heruntergestürzt. Die Zeugin Bertha Bondio erklärt nach eingehender Ermahnung, die Wahrheit zu sagen, daß sie am 3. Weihnachtstage vorigen Jahres auf die Dammesmühle in Dienst gegangen sei. Sie habe mit dem andern Mädchen im 1. Stock zusammen in einem Zimmer ge⸗ schlafen und zwar war die Thür desselben unverschlossen. Der Angeklagte habe sich ihr genähert und mit ihr in⸗ timen Umgang gepflogen, trotzdem sie anfangs sich dagegen Angeklagten Vorwürfe gemacht, und ihm vorgestellt, sie sei arm und käme durch ihn ins Unglück. Da habe sie dieser vertröstet und ihr die Ehe versprochen, aber in sie gedrungen, Niemand, besonders seinen Angehörigen, zu sagen, daß er der Vater ihres Kindes sei. Häufig sei der Vater des Angeklagten in sie gedrungen, zu sagen, mit wem sie Umgang gehabt, sie habe dies aber nie ge⸗ than, weil der Angeklagte es ihr verboten gehabt. Am 23. Juli habe ihr der Vater des Angeklagten wieder Vorstellungen gemacht, worauf sie ihre Stelle gekündigt und erklärt, wenn sie weggehe, wolle sie ihm den Namen dessen nennen, der sie ins Unglück gebracht. In der Nacht darauf will die Zeugin vom Ange⸗ klagten leise geweckt worden sein. Er habe ihr bedeutet, ihm in die Scheuer zu folgen, er wolle mit ihr sprechen und ihr Geld geben. Die Zeugin will dieser Auf⸗ forderung gefolgt sein. In der Scheuer angekommen, habe der Angeklagte zu ihr gesagt:„Komm mit nach oben, ich stecke da die Laterne an, damit wir das Geld sehen können, mein Vater könnte kommen.“ Der An⸗ geklagte sei die Leiter zuerst emporgestiegen, sie hinterher. Alles geschah im Dunkeln. Oben angekommen, habe ihr der Angeklagte eine Schlinge um den Hals gelegt und ihr gleichzeitig einen Stoß gegeben, wobei sich die Schlinge zugezogen habe. Sie sei ihn die Tiefe hingefallen. Auf dem Boden habe sie sich von der Schlinge losgemacht. Inzwischen sei auch Dörr zu ihr gekommen und habe ihr einen weiteren Stoß gegeben, so daß sie in die Tenne flog. Hier habe sie hilflos gelegen. Als der Angeklagte zu ihr trat habe sie gesagt:„Heinrich, laß mich, Du willst mich wohl morden?“ worauf“ er gefragt habe ob sie Schmerzen habe. Sie will dann die Hüfte als denjenigen Theil bezeichnet haben, der sie schmerze. Der Angeklagte habe sich in die Mühle begeben, um auf⸗ zuschütten. Bei seiner Rückkehr habe er ihr 2 Schläge mit einem harten Gegenstand auf den Kopf versetzt, Sie habe sich losgemacht und sich fortgeschleppt bis auf ihre Kammer wo sie sich ausgezogen, um wieder ins Bett zu gehen. Am nächsten Morgen sei sie nicht aufgestanden, habe die Schwester des Angeklagten rufen lassen und dieser gesagt, daß ihr Bruder(der Angeklagte) ihr Ver⸗ führer sei und sie in der vergangenen Nacht habe ums Leben bringen wollen. Man habe sie von dem Zeit⸗ dann einige Tage nach dem Vorfall in die Klinik nach Gießen verbracht worden. Hierauf wird den Geschworenen die Situation in der Scheuer an einer Handzeichnung und Verlesung dez Augenscheinsprotokolls klar gemacht. Vermischtes. — Ein angenehmer Orden. Die guten Eigenschaften siamesischer Ordensdekorationen treten erf jetzt zu Tage, nachdem der König; von Siam dem gastlichen Europa den Rücken gekehrt hat. Es ist bekannt daß der asiatische Herrscher während seiner Spazierfahr durch die europäischen Länder nach rechts und links hin Ordenskreuze und Ritterwürden verteilt hat, besonders an Personen, die sehr oft mit ihm in Berührung kamen. Diese Kreuze und Ritterwürden sind unn wertvoller, alz man glauben mag. So giebt das einem Admiral ver⸗ liehene Kreuz dem glücklichen Besitzer das Recht, in jedem siamesischen Hause ein Gericht Reis und Fisch gratis zu verlangen. Noch besser daran ist der russische Minister⸗ präsident Graf Murawieff. Kraft seiner siamesischen Ordensdekoration darf er in Siam zehn Millionen. Schulden machen— vorausgesetzt natürlich, daß ihm jemand zehn Millionen pumpt. Neueste Telegramme. Hd. Schwerin, 4. Oktober. Gestern Nachmittag traf die Leiche des Her zogs Friedrich Wilhelm hier ein und wurde in feierlichem Zuge nac dem Dom überführt, woselbst der Sar 9— 55 morgigen Beisetzung aufgeste eibt. Hd. Holtenau, 4. Oktober. In Gegen⸗ wart des Prinzen und der Prinzessin Heinkich, als Vertreter des Kaiserspaares, fand hier gestern Vormittag die Einweihung der Kanal⸗ Dankeskirche statt. Verleger: Paul Bader in Marburg, Verantw. Redal⸗ teur: Wilhelm Sell in Gießen; Druck der E. Ottmanyschen Buchdruckerei, Gießen, Schloß gasse 18. Er bestreitet entschieden, der Bondio unfittliche Anträge! wehrte. Als sie die Folgen davon gemerkt, habe sie dem punkt an in der Kammer eingeschlossen. Die Zeugin ist 5—— Ke— ** Bekanntmachung. Submissionen. Für dae Hospital werden 35 alter Speise⸗ Gießen. Die durch Vergrößerung bezl. Höherlegung des Daches von 4 bis 6 Babn⸗ kartoffeln benötigt, deren Lieferung auf dem Submissionswege vergeben werden soll. Offerten mit Preisangabe und Proben sind bis zum 9. d. Mts., nachmittags 4 Uhr, in dem Hospitale— Seltersweg 11— nieder⸗ zulegen. Gießen, den 4. Oktober 1897. Die Armen⸗Deputation der Stadt Gießen. wärterdienstwohnungen der Strecke Ostheim Lollar(Main ⸗Weser⸗Eisenbahn) vorkommenden Maurer-, Zimmer-, Dachdecker⸗, Schreiner- und Weißbinderarbeiten sollen im Ganzen oder Einzelnen in öffentlicher Ausschreibung vergeben werden. und mit entsprechender Aufschrift versehen portofrei bis zum Termin am 15. Oktober d. J. anf dem Bureau der Großh. Hess. Eisenbahn⸗Betriebs⸗Inspektion 1 abzugeben. und Angebotsformulare gegen Erstattung von 1 Mark daselbst in Empfang zu nehmen. Zu⸗ schlagsfrist 2 Wochen. Butzbach (Arbeitsvergebung). Schriftliche Angebote find versiegelt Bau einer Turnhalle und Ver einshauses zu Butzbach. Voranschlag in der Hühe von 60 000 Mark kaun bei Großh. Bürgermeisterei einge⸗ sehen werden.— Offerten wolle man bis 10. Oktober d. J. einreichen. Bedingungen Städt. Schlachthaus . U 45 a Ochsenfleisch, nicht ladenrein, pro Pfund 50 Pfg. 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