Gießen, Sonnabend, den 27. Juni 1896. 9 Ausgabe l Gießen. degzel Redaktion: 6e Kreuzplatz Nr. 4. 8 Erscheint täglich mit Ausnahme der Tage nach Sonn- und Feiertagen. Preis der Anzeigen: 10 Pfg. für die Zspaltige Petitzeile. 5 2 Expedition: Kreuzplatz Nr. 4. okales und Provinzielles. buon a e Sießen, 26. Juni. Die Landwirte 10 000 a feinrich Semmler⸗Ehringshausen, Konrad . a borst Groß⸗Felda und Karl Heinrich Römer stern eulstan koß⸗Felda hatten sich heute vor der Straf- Pilger 1. Emmer wegen Körperverletzung zu verant⸗ ⸗sozialen 5 orten. Die Genannten kamen am 24. Okober ebräle. m Markt zu Rupperterod. Römer hatte auf „Juni.( 155 Wagen die Schweine der Andern ge— slünderte.(den, welche diese auf dem Markt erhandelt eiche Hau atten. Hinter ihnen fuhr auf einem andern und ern Hagen der heute als Zeuge vernommene Knecht konnte 1 Iräbert von Alsfeld. Mit diesem kamen die snageklagten in Streit, zu dem der Horst die seranlassung gab. Es kam zu Thätlichkeiten, sobei ein Schirm und ein Rohrstock und die seitsche eine Rolle spielten. Die dem Träbert gefügten Verletzungen waren nur geringfügige. as Schöffengericht in Alsfeld hatte den Haupt— lastungszeugen Träbert wegen Verdacht der ellnahme nicht vereidet und die Angeklagten, heil sie sich in der Notwehr befunden, freige⸗ hrochen. Die Staatsbehörde legte Berufung in, weil der Zeuge Träbert hätte vereidigt baden müssen urd weil die Ausicht des Schöffen. brichts über das Vorhandensein der Notwehr 101 richtig sei. Der Fall an und für sich läge u milde, doch hätte der Zeuge Träbert eben⸗ s angeklagt werden müssen. Er bittet gegen uin Angeklagten mildernde Umstände zu billigen, igen Semmler 30, gegen Horst 10 und igen Römer auf 20 Mark, eventuell für 1 nagoge. 1896. g, Verantw. J Ottmann, bebe 15 Mark 1 Tag Haft erkennen zu wollen. seechtsanwalt Dr. Fuhr, der Verteidiger des Augeklagten plaidirte auf Freisprechang. Der herichtshof hob das Urteil des Schöffen— Feiichts auf mit der Begründung, daß sich jeder der Körperverletzung mittels eines gefährlichen Werkzeuges schuldig gemacht, daß jedoch den Angeklagten, mildernde Umstände zuzubilligen ien. Semmler wurde zu 20 J, Horst zu 15% und Römer zu 10 x Geldstrafe ver— Die Kosten beider Instanzen fallen den 1 urteilt.. ler Angeklagten zur Last. Der Gerichtshof sprach die Erwartung aus, daß die Staatsanwaltschaft auch gegen den Zeugen Träbert vorgehen werde, um nach dieser Richtung gleiches Recht zu schaffen. Gießen, 26. Juni. Am Turnfest des Gaues Hessen, welches am Sonntag in Bü⸗ ngen stattfindet, beteiligen sich vom Turn⸗ Hitteilung, du rose Sal. zur Verfües dieser Umstand hat den Bedauernswerten in den Lehrervereins Anfang Juli in unserer Stadt ein Konzert zu geben. Die Sängerschaar, welche Bedeutendes leisten, soll besteht aus Volks— schullehrern des Kreises Wetzlar. * Gießen, 26. Juni. Der gestern erhängt aufgefundene Arbeiter war von Mainz eines Leidens wegen zur Consultation in die hiesige Klinik gekommen. Hier erfuhr er, daß ihm ein Arm amputirtwerden müsse, und Tod getrieben. * Gießen, 26. Juni. Hineingefallen. Gestern Nachmittag wurden einem Augestellten einer hiesigen Weinhandlung 6 leere Flaschen von einem Stoßkarren gestohlen. Vermutlich hatte es der Dieb auf die vollen Flaschenu abgesehen, die der Bursche der Wein— handlung gerade gegen die leeren ausgetauscht hatte. In diesem Falle war wohl mehr der Dieb als der Bestohlene der Hineingefalleue. * Gießen, 26. Juni. Heute in aller Frühe wurde ein Hausbursche eines Spezererwaren— hauses, unter dem Verdacht, seinen Arbeitgeber fortgesetzt bestohlen zu haben, in Haft genommen. Der Verhaftete räumte teilweise die Sache ein. Der Arbeitgeber wurde durch ano— nyme Briefe darauf aufmerksam gemacht, welch ungetreuen Menschen er beschäftige. L. Gießen, 25. Juni.„Som mierwohnung!“ — Einigen weckt das bedeutsame Wort Gefühle der Freude im Busen, andere denken mit heimlichen Seufzern daran. Denn es ist leider nichts anderes in dieser un⸗ vollkommensten aller Welten: Einige haben das nötige Kleingeld und Audere nicht. Einige ziehen„auf Sommer— wohnung“, ohne sich deswegen Entbehrungen auferlegen zu brauchen, Andere knickern und knausern das ganze Jahr, um in den Sommerferien und während des Som— merurtaubs etliche Wochen auf dem Lande leben zu können. Wenn sie verheiratet sind, womöglich mit Kind und Kegel, damit sie den lieben Kollegen und befreundeten Familien nur ja recht gehörig imponiren! Lieber sich bis aufs Aeußerste eiuschränken und daheim das Not⸗ wendigste versagen, lieber hungeru und frieren oder Schul— denmachen, als offen einzugestehen, daß die knappen Mittel zu einer Sommerreise, einem sommerlichen Landaufenthalt nicht reichen. Wir übertreiben nicht, wenn wir behaupten, daß die ominöse„Sommerwohnung“, die durchaus be⸗ zogen werden muß, schon zahlreiche Familienväter ins Unglück gestürzt hat. Dann leider gehört der Luxus, sich eine„Sommerwohnung“ zu„leisten“, vielfach zum soge⸗ nannten„guten Ton“ und die Gebote des„guten Tons“ müssen strenger respektirt werden, als die Gebo te der Vernunft und des gesunden Menschenverstandes. Wir göunen gewiß jedem von Herzeu das manchmal recht ländlichen Umgebung keine Erholung und innere Ruhe. Und übrigens: ist es denn im Sommer thatsächlich zu Hause so unerträglich, daß man durchaus in die Ferne schweifen muß? Das Gute liegt oft näher, als man glaubt und die Genüsse, die man sich von der Ferne ver⸗ spricht, enttäuschen zuweilen selbst die bescheidensten An⸗ sprüche. Wir kennen wunderliche Leute, die alljährlich in entfernte Bäder und Sommerfrischen sich begebeu, aber die nächste Umgebung ihrer Heimatstadt nicht kennen und für laudschaftliche Reize, welche unweit der Stadt in verschwenderifcher Fülle sich ausbreiten, absolut kein Auge haben. Eine billige Fußpartie aufs nächste Dorf hinaus, in den nächsten Wald hinein ist oft lohnender, als ein kostspieliger Umzug in die auf Treue und Glauben, aber ohne Kenntuiß der Verhältnisse gemietete Sommer⸗ wohnung. Das sollten sich Alle gesagt sein lassen, die jetzt finster darüber nachgrübeln, wie sie die teuere Som⸗ merwohnung mit ihrem knappen Etat in Einklang zu bringen vermögen. * Lollar, 26. Juni.(Berichtigung.) In unserem Bericht über das Feuerwehrfest sind die Aus⸗ führungen des Herrn Feller insofern unrichtig wieder⸗ gegeben, als derselbe nicht gesagt, daß Lollar die beste organisierte Feuerwehr in Oberhessen habe, sondern„daß Lollar eine der ersten Landgemeinden in Oberhessen ge— wesen, in der eine freiwillige Feuerwehr gegründet worden sei“. D. Z. Aus dem Vogelsberg, 25. Juni. Im Felde wachsen heuer die Disteln in einer ganz erstaunlichen Menge. Wie gesäet stehen sie insbesondere auf den Hafer- und Gersteäckern, sowie auf den Kartoffelstücken. Werden diese Disteln nicht zur rechten Zeit, in welcher sie noch jung und zart sind, ausgejätet, dann bringen sie mehrfachen Schaden. Einmal dämpfen sie die wachsende Saat, das andremal entziehen sie dem Ackerboden seine besten Nährstoffe. Außerdem. aber erschweren sie später die Erntearbeiten, in— dem ihre Stacheln in die Hände dringen und oft peinlichen Schmerz verursachen. Endlich trägt ihr Ausxeifen sehr zu ihrer weiteren Aus— breitung bei, indem ihre Samen durch die leichte n Federkörnchen von den Winden nach allen Rich⸗ tungen getragen werden. Jetzt ausgestochen, liefern die jungen Disteln aber ein ganz vor— zügliches Futter für Rindvieh und Schweine. Die Landwirte sind deshalb fleißig am Distel⸗ ausjäten und bringen tagtäglich ganze Säcke voll nach Hause. D. Z. Aus der Wetterau, 25. Juni. Von der Witterung begüustigt, schreitet der Eisen⸗ bahnbau auf der Strecke Friedberg-Hungen sehr rasch vorwärts. Die ganze Linie ist hin⸗ sichtlich der Vorarbeiten in vier Lose abgeteilt. Die Erdarbeiten des ersten Loses(Friedberg— Beienheim), sowie des vierten(Berstadt-Hungen) sind vollständig, die des zweiten Loses(Beien— heim⸗Wölfersheimer Bergwerk) zum größten Teil fertig. Auf der letzteren Strecke ist über den breiten, tiefen Einschnitt bei Södel eine stattliche Bogenbrücke errichtet, welche eine Weite von vierzehn Meter besitzt. Die Unterbauten des dritten Loses(Wölfersheimer Bergwerk-Berstadt) sind, soweit solche für die Anlage des Bahnhofs bei Berstadt nötig sind, ebenfalls vollendet, während dieselben für die eigentliche Strecke erst vor wenigen Tagen in Angriff genommen werden konnten. Die Ober- und Hochbauten sollen nun auch schon in kürzester Zeit in Angriff genommen werden. Darmstadt, 25. Juni. Die erste Stände⸗ kammer tritt am 13. Juli zu mehreren Sitzungen zusamm en. * Offenbach a. M., 24. Juni. Herr Postdirektor Bruns, der seit vier Jahren dem hiesigen Postamt vorsteht, ist mit Wirkung vom 1. Oktober d. J. in gleicher Eigenschaft an das Hauptpostamt in Düsselderf versetzt worden. Die hiesigen Handels- und Gewerbekreise werden den sehr beliebten Beamten, der den starken Postverkehr in unserer Stadt stets zu fördern bemüht war, ungern scheiden sehen. Mainz, 25. Juni. Der 18 Jahre alte Maurer Franz Joseph Kolb stürzte heute 18 Meter hoch von einem Neubau an der Taunusstraße und hat lebensgefährliche Verletzungen davongetragen. * Mainz, 25. Juni. Die Garnisonverwal⸗ tung untersagt den Geschäftsleuten die Veröffeutlichu ig der Resultate von Sub⸗ missionen der Verwaltung durch die Zeitungen; sollte ein Submittent ermittelt werden, der gegen dieses Verbot verstoßen, so soll er für die Folge weder bei einer öffentlichen noch einer beschränkten Submission zugelassen werden. Wozu diese Ge— heimnisthuerei? * Mainz, 25. Juni. Die Stadt Mainz hat bei der Großh. Staatsregierung angefragt, wie sich die Regierung zu dem Projekte der Ein⸗ führung der städtischen Fäkalstoffe in den Rhein verhalten würde. Die Regierung hat nunmehr mitgeteilt, daß sie dem Projekte sympathisch gegenüberstehe. Vermischtes. — Ein hübscher Zwischenfall spielte sich kürz⸗ lich, wie die„Berl. N. N.“ mitteilen, vor dem Haupt⸗ portal der Berliner Gewerbe-Ausstellung ab. Erschien da ein biederes Ehepaar mit zwei Knaben im Alter von zehn und zwölf Jahren. Der Mann, anscheinend ein Handwerksmeister, trat an den Billetschalter:„Was kostet der Eintritt?“„Fünfzig Pfennige“, entgegnete der Beamte.—„Auch für die Kinder?“—„Jawohl!“— „Für die wären doch 25 Pfennige auch genug.“—„Es thut mir leid, ich kann es nicht billiger machen, der Preis ist einmal so festgesetzt.“— Der Mann vor dem Schalter legt die Stirne in Falten und denkt nach. Zwei Mark — gen in mel, rein Gießen 50 Mann, vom Männer⸗ weifelhafte Vergnügen einer„Sommerwohnung“ raten tegel. Turnverein Gießen 40 Mann. Der T. V. 5500 10515 1250 dann eine solche zu mieten, wenn ö sellt 3 Musterriegen und 16 Preisturner, wäh⸗ man das Geld dazu wirklich übrig hat. Wer mit Hamel. gend der M.⸗T.⸗V. 2 Musterriegen stellen wird. Kummer und Sorgen auf Sommerwohnung zieht, weil 7* Gießen, 26. Juni. Dem Vernehmen nach er nicht weiß, wie er die Kosten des gewagten Unternehmens saratur elne. heabsichtigt der Sängerchor des Wetzlarer! wieder einbringen soll, der findet selbst in der herrlichsten r 2— n ͤ—ũ—ä—m———— Tascheuuhr 0 falls soll er mit größter Aufmerksamkeit bedient 1 R 8 0 e werden und mit mir zufrieden sein! Du hast ge⸗ eine Taschl ie eee 5 1 hört, was er verlangt— absolute Diskretion. Daß 0 +4 5 Machdruck verboten.) Du mir also fein den Mund hältst und die zart f 4(JFortsetzung.) nervige Dame mit keinem neugierigen Blick be— 0,40. 4 Inzwischen war draußen die bestellte Droschkelästigst!“ 8 00 dorgefahren, und Nazi stürmte wieder herein.„Seien Sie ganz beruhigt, Meister! Ich will Uhr ein gust. 4 „Hier ist der Wagen, mein Herr!“ „Danke!“ Der Fremde ließ ein Trinkgeld in Nazis schier von Freudeuschauern durchbebte Rechte gleiten und wandte sich zur Thür. het 2„Also auf morgen abends, mein Lieber! Und iue 5.— daß Sie nicht vergessen; vermeiden Sie jede An— rede der Dame, jede Frage! Sie ist, wie bemerkt, außerordentlich schüchtern.“ „Sie dürfen sich auf die delikateste Bedienung verlassen, mein Herr!“ „Ich will es hoffen!“ men; u, dan begnügte sic nicht vam, die adenchm 5 fel aufzureißen, sondern stürzte sogar hinaus, dem tiefe 15 Fremden den Wagenschlag zu öffnen, während en drang Meister Dingelmann sich an der Schwelle in oh. pendelartigen Verneigungen erschöpfte. her Gro„Wohin?“ fragte der Droschkenkutscher von lhose. stinem Bocke herab, respektvoll den Hut lüftend. , z ö Der Herr wollte rasch antworten, besaun sich aber— im Aublick des ihm wohl allzu dienstfertig erscheinenden Jünglings, der da den Wagenschlag hielt. *„Zum Café Maximilian!“ warf er dan kurz hin und stieg ein. 5 Der Mietwagen rasselte davon, und Prinzipal und Lehrling kehrten in den Laden zurück. „Das war einmal ein nobler Kerl!“ schwor Nazi begeistert.— Der Meister seufzte. „Jg, solche Kunden könnten wir brauchen. Sthade! Es scheint ein Fremder zu sein, sonst hätte er sich kaum zu mir verirrt— und wird wohl nicht lange in unserer Stadt bleiben.— Na, jeden- mich so dünn als möglich machen.“ „Schön. Die vornehmen Leute halten ja darauf, daß sie wie von geräuschlosen Maschinen bedient werden.“ Am Abend des anderen Tages rüstete sich Meister Dingelmann mit seinem jungen„Assistenten“ zum Empfange der in jeder Beziehung außer⸗ 1 Kundschaft— mit einer Alkkuratesse und einer stummen Feierlichkeit, als sähe er der verantwortungsvollsten Operation in seinem Berufe als„approbierter Bader“ entgegen. Genau fünf⸗ zehn Minuten vor Zehn mußte Nazi den Laden schließen, daß nur durch einen Thürspalt das Licht der Gasflamme auf die Gasse hinausdrang, den Erwarteten den Weg zu weisen. Eine halbe Stunde später rollte eine Droschke in das Gäßchen und hielt vor dem Friseurgeschäfte. „Da sind sie!“ lispelte Nazi, und der Prinzipal drohte ihm schon mit dem Finger, ihn zum Schweigen zu ermahnen, als hinge davon ihr irdisches Heil ab. Der Mann stieg zuerst aus und half einer dicht vermummten, weiblichen Gestalt aus dem Wagen. Sie traten in den Laden, von Dingelmann und Nazi nur mit stummen Verneigungen begrüßt. Der Herr mit dem Cylinderhut sprach ebenfalls keine Silbe und bedeutete dem Friseur bloß durch einen Wink, den Laden zu schließen. Nazi that es in einer gewissen fieberischen Erregung, die von Sekunde zu Sekunde zunahm. Diese geheimnis umgebene Dame, die ihr Bruder mittlerweile zu einem Stuhl geführt hatte, fesselte sein ganzes Interesse. Ein dunkler, grünlich schillernder Seidenpelz ohne Aermel umhüllte die schmächtige, kleine Gestalt vom Halse bis fast zu den Füßen, eine schwarzseidene Gesichts— larve mit dichtem Unterschleier ließ gerade nur die kleinen Ohren und einen schmalen Hautstreifen der Stirne frei; ein kostbarer, schwarzer Spitzen— shawl, mit vieler Grazie umgeworfen, bildete die Kopfbedeckung. Ihr Begleiter trug unter seinem Pelze ebenfalls schon das Maskenkostüm, wie aus seiner hellbraunen Beschuhung, dem grauen Trikot an den Waden und aus einer roten Sammetmütze zu ersehen war, die aus der einen Tasche seines Pelz⸗ rockes hervorsah. Zu diesem Aufzuge eines mittel— alterlichen Nobile, wie er gestern angedeutet hatte, mußte sein brünettes, gelbliches Gesicht mit dem pechschwarzen Haupt- und Barthaar ganz vorzüglich passen. Aber Nazi hatte nur einen ganz flüchtigen Blick für den Mann. Sein Hauptbestreben richtete sich darauf, die„schöne Unbekannte“ auszuforschen, — denn daß sie wirklich schön,„schön wie eine Göttin“ sein müßte, das war für seine jugendliche Phantasie eine sofort ausg machte Sache. Der Bruder zeigte für sie eine ganz außer— ordentliche Sorgfalt. Er ließ es sich nicht nehmen, ihr selbst alle die Dienstleistungen zu widmen, die zur Vorbereitung des von Herrn Dingelmaun be— dungenen Toilettenwerkes gehörten. Er nahm ihr geschickt das Spitzenfichu ab, nestelte ihr den Kragen des Pelzmantels auf und schlug diesen soweit über die runde Lehne des Frisierstuhles zurück, daß der herrlich geformte, schneeweiße Nacken der Dame, umschlossen von dem goldgestickten Rande einer hellblauen, ausgeschnittenen Kostümtaille, sicht bar wurde. Wenn aber Nazi darauf gerechnet hatte, nun auch endlich der Gesichtszüge der Dame ansichtig zu werden, so sollte er sich getäuscht haben. Dieser fatale„Bruder“ schien es sich in den Kopf gesetzt welt verschlossen bleiben müsse. Er flüsterte ihr einige Worte in einer fremden Sprache zu, die sie nur mit einem leisen Kopfnicken beantwortete. Die Maske nahm er ihr nicht vom Gesichte Ja, als er bemerkte, daß Nazi unausgesetzt in den Spiegel sah, vor dem die Dame saß, um wenigstens die Augen zu fixieren, die aus der Seidenlarve leuchteten,— da rückte er sie mit dem Stuhle so— weit seihwärts, daß sie zwischen die beiden Wand— spiegel zu sitzen kam und nunmehr ihre Rückenseite zu sehen war. Ehe Meister Dingelmann an sein Werk schritt, bedeutete er dem Nazi unter einem Rippenstoß, sich hinter den Vorhang des„Kämmerchens“ zurück— zuziehen. da er sofort wahrnahm, wie lästig dem eleganten Fremden die Gegenwart des neugierigen Burschen war. Nazi war aber gar nicht böse über diese Verbannung; jetzt brauchte er ja dem Prin— zipal nicht an die Hand zu gehen und konnte— durch Vermittlung eines Loches in dem ver— schlissenen Vorhange— seine Beobachtungen in un— gestörter Muße fortsetzen. Meister Dingelmann löste den griechischen Knoten, in welchem das Haar der Dame aufge- bunden war. Die Maske war mit feinen Gummi— spangen an ihren kleinen, rosigen Ohren befestigt, sodaß sie bei der Aufgabe des Friseurs kein Hinder— nis bildete. Dingelmann war sehr überrascht von dieser Fülle herrlichen Haares, die seine kunstge— übten Hände entfesselten. Was war das für eine Marotte, diesem seltenen Blond, um das sie Tausende beneiden konuten, durch ein Färbemittel künstliche„Auffrischung“ verleihen zu wollen! Wäre er nicht so dringend genötigt gewesen, sich allen Launen seines Auftraggebers zu unterwerfen, so hätte er die Gegenvorstellungen des gewisseuhaften Fachmaunes nicht zurückgehalten. So begnügte er sich nur mit einem fragenden Blick, auf den der zu haben, seine Schwester wie ein Märchengeschöpf zu behandeln, dessen Aublick der profanen Alltags— Herr mit einem leichten Kopfnicken autwortete. (Fortsetzung folgt.) ————— 2 2 . ist eine zu„happige“ Ausgabe, man müsse doch wenigstens ein Fünfzigpfennigstück sparen können. Dann wendet er sich wieder an den Beamten:„Aber Kinder, die noch auf dem Arm getragen werden, sind doch frei?“„Die sind natürlich frei.“— Und der Vater hebt schnell entschlossen den Zwölfjährigen auf den Arm und giebt seiner„Alten“ einen Wink, die mit dem Zehnjährigen ebenso verfährt. Und die Familie zieht unter dem Gelächter der Umstehenden fröhlich in die Ausstellung ein und bezahlt jetzt nur eine Mark alles in allem. Auch der Schalterbeamte schmunzelt und zuckt die Achseln:„Dagegen läßt sich nichts ein⸗ wenden.“ — Selbstmord eines 3½ jährigen Kindes. Von einem 3½ jährigen„Selbstmörder“ berichteten Stettiner Zeitungen. Dort löste der 3½ Jahre alte Sohn des Tischlers Stanull in Abwesenheit der Eltern eine Gardinenschuur und hängte sich damit am Fenster⸗ kreuz auf. Als die Eltern zurückkehrten, war das Kind bereits tot. Das Kind hatte vorher geäußert, es müsse „ein Spaß sein, wenn sich Jemand aufhänge“, und es beging die That, selbstverständlich ohne Bewußtsein von dem, was es that. — Das erste Haus von Minneapolis. In der dieswöchentlichen„Nation“ lesen wir: In dem un⸗ geheuren westlichen Territorium zwischen Chicago und San Francisco ist Minneapolis die größte Stadt; mehr als 200 000 Menschen haben sich in einem, Zeit⸗ raum von weniger als einem halben Jahrhundert au— gesiedelt. Durch die Straßen dieses aufblühenden Ge—⸗ meinwesens bewegte sich an einem der letzten Tage des Monats Mai eine Prozession, wie sie die Welt in dieser Eigenart vordem wohl noch nie gesehen hat. Ein altes Blockhaus wird durch die Straßen gefahren, an dem Gefährt sind zwei Riesenstricke befestigt— jeder 500. Fuß lang— und die Stricke werden gezogen von festlich geschmückten Schulkindern, 1000 an der Zahl. Von Zeit zu Zeit treten andere Tausend an die Stelle und die Fahrt geht weiter, inmitten einer begeisterten Menge. Der Zielpunkt ist ein schöner Park in der Nähe der durch Longfellows Poesie weltberühmt gewordenen Minnehaha⸗ Fälle. Dort entwickelt sich ein großes Volksfest mit feierlichen Ansprachen, und der Mittelpunkt dieser Feier⸗ lichkeit ist ein nerviger Greis mit einem langen Knecht Ruprecht⸗Bart, Colonel Stevens, und seine betagte Gattin. Diese beiden haben die erste Niederlassung in dem heute so stolzen Minneapolis vor 47 Jahren gegründet: Stevens hat mit eigenen Händen das erste Haus in Minneapolis gebaut, und dieses Haus ist es, welches im Triumph durch die prachtvoll geschmückten Straßen von Schul⸗ kindern gezogen wurde, um zum ewigen Angedenken un⸗ weit der Minnehaha-Fälle aufbewahrt zu werden, als Erinnerung an die unbezwingliche Energie amerikanischer Pioniere der Kultur. Der alte Stevens hat die ganze Entwickelung der Stadt Minneapolis an Ort und Stelle mitgemacht; er war lange Eigentümer einer Farm, auf der heute die Geschäftsstadt von Minneapolis errichtet ist. Es gab eine Zeit, wo er auf diesem Terrain Grundstücke für 150 Dollars verkaufte, die heute mehr als 150 000 Dollars wert sind; ist doch heute der Wert der Immo⸗ bilien und zwar von der Steuerbehörde in Minnea⸗ polis auf annähernd 500 Millionen Mark geschätzt. Die staunenswerte Entwicklung des amerikanischen Westens wird in dieser Schulfeier in höchst charakteristischer Weise verherrlicht. Neues vom Planeten Mars. Der Astro⸗ nom Lowell hat auf einer 2200 Meter hoch auf dem Mount Arequipa in Arizona gelegenen Sternwarte sehr zahlreiche Marsbeobachtungen gemacht und über deren Ergebnisse der Pariser Astronomischen Gesellschaft ein⸗ gehenden Bericht erstattet. Lowell hatte mit gutem Be⸗ dacht diesen hochgelegenen Punkt zu seinen Untersuchungen gewählt, da die sonst große Schwierigkeiten bietende Trübung der irdischen Atmosphäre in solcher Höhe geringer ist. Zunächst wandte er sich dem Studium der bekaunten Schneemassen, die an den Polen des Mars aufgehäuft sind, zu und beobachtete die Abnahme derselben im Mars⸗ Sommer, d. h. ihr Abschmelzen. Die weißen Polargebiete schienen deutlich von langen und breiten Spalten durchsetzt. An den Rändern waren diese Regionen von einer tief azurblauen Borte umsäumt, welche durchaus auf eine Flüssigkeitsfläche schließen ließ. Andere, dunkle Flecken, die man bisher für Meere gehalten hat, haben nach Lo— wells Beobachtungen eine mehr grüne als blaue Farbe, und noch merkwürdiger ist die Wahrnehmung, daß die Färbung dieser Flecken mit der Jahres eit wechselt; danach hält Lowell dieselben nicht für Me sondern vielmehr für Vegetationsflächen. Die vielberühmten Kanäle schienen dem Beobachter von einer gleichmäßig grünen Farbe, und er hält dieselben danach gleichfalls für Vegetationsstreifen. Uebrigens entdeckte Lowell deren noch eine ganze Anzahl neue. Ihre Gradlienigkeit, ihre sich mit geometrischer Genauigkeit kreuzenden Systeme und die runden Flecken an den Schnitt⸗ punkten, welche Lowell als„Oasen“ bezeichnet, verraten die Richtung gebende Absicht vernunftbegabter Wesen, die zwar von den Erdenmenschen sicher verschieden, aber auch ebenso sicher von höherem Intellekt sein müssen als unsere Tierwelt. — Einzige Besorgnis. Bauer auf der Eisen⸗ bahn:„Jesses, Jesses, wenn's nur heut kein' Zusammen⸗ stoß giebt!“— Kondukteur:„Warum haben Sie denn solche Angst?“— Bauer:„Ja, wissen S', i hab a Körbl voll Eier bei mir!“ Briefkasten. Mehrere Aengstliche. Unsere Notiz betreffs des letzten Kirchhainer Viehmarkts war, soweit sie sich auf Gießen bezog, thatsächlich falsch. Sie irren aber gründlich, wenn Sie annehmen, es läge da von irgend einer Seite eine Absicht vor. Der Kirchhainer Korrespondent hat sich falsch ausgedrückt; er wollte sagen, daß der Gießener Markt für die preußische Zufuhr nur unter gewissen lästigen Beschränkungen eöffnet ist. Uebrigens hat der Erfolg ja bewiesen, daß Gießen den Löwenanteil erhalten und Kirchhain sich mit wenig Zufuhr hat begnügen müssen. Sie sehen also, daß Ihre Befürch⸗ tungen grundlos gewesen sind. Die Presse als Ganzes ist wohl eine Großmacht; eine einzelne Zeitung indesseu — und mag sie noch so verbreitet sein hat, wenigstens auf dem Gebiet Handels, nicht den Einfluß, den Sie der„Hess. Landesztg.“ zugetraut haben. Erustlich ver⸗ wahren müssen wir uns gegen die Annahme, daß wir Schatten und Licht absichtlich ungerecht verteilen könnten. Ueberlegen Sie sich doch selbst, wie weit wir mit einer solchen Praxis, die moralisch im höchsten Grade verwerflich wäre, kommen würden. Neueste Telegramme. Hd. Berlin, 26. Juni. Der Unter⸗ nehmer Leotardi, der auf der Ge⸗ werbe⸗Ausstellung einen Kinderbrut⸗ apparat nach französischem Muster vorführen wollte und die Genehmigung des Treptower Amtsvorstehers hierzu nicht erhielt, beabsichtigt, beim Land⸗ rath und eventuell beim Regierungs⸗ präsidenten Beschwerde hiergegen zu er⸗ heben. Der französische Botschafter soll ihm seine Unterstützung zugesichert haben. Hd. Paris, 26. Juni. Die Pariser Blätter bringen die Meldung, daß Cornelius Herz thatsächlich nach Amerika abgereist sei und knüpfen daran die verschiedensten Kommentare. Hd. Paris, 26. Juni. Arton verteidigte sich in der gestrigen Verhandlung mit dem Be⸗ merken, er leugne jede Unterschlagung zum Nach- teil der Dynamit-Gesellschaft und protestierte besonders heftig gegen die Bezeichnungen, unter denen sein Namen in der Auklageschrift als„ver— dächtiger Finanz-Agent“, Börsen-Agent u. s. w. figuriert. Hd. Paris, 26. Juni. Die gestrige Kammersitzung verlief äußerst stürmisch. ec er Die Verhandlung betreffend die sozialen und collectivistischen Theorien mußte der Präsident vertagen, und zwar u 5 Uhr, weil der Tumult die Fortsetzun der Debatte unmöglich machte. 0 Hd. Rom, 26. Juni. Wie weise verlautet, ist der bekangte sitionelle Deputirte Cavalotti zum Ju⸗ stizminister ausersehen. Derselbe wird in den nächsten Tagen vom Könige in Audienz empfangen werden. Hd. Petersburg, 26. Juni. Eine 15 köpfige Räuberbande überfiel den unweit Petersburg gelegenen Bahnhof Wolossow, auf dem gerade ein Zug hielt. Bei dem entsponnenen Kampf wurden vier Räuber tödtlich verwundet. Die übrigen entkamen. Hd. London, 26. Juni. Der Gesundheits. zustand des Afrikaforschers Stanley, welcher 0 seit einiger Zeit wegen einer Magenkrankheit das Zimmer hüten muß, hat sich seit gestern gebessert, d. Athen, 26. Juni. Der neuerlichen Einberufung der kretensischen National⸗Versamm-⸗ lung schreibt man hier die Absicht zu, den von ö Abdulla Pascha geplanten Maßregeln einen ge⸗ setzlichen Anschein zu geben. Mau glaubt indes nicht, daß sich bei den unterbrochenen Verbin⸗ dungen und der herrschenden Lebensgefahr die zur Eröffnung der National-Versammlung nötige Anzahl Mitglieder() in Kanea einfindet. Sterbefälle. Am 23. Juni. Christian Klees, 54 Jahre alt, Steinbrecher von Wengenroth, Oberwester⸗ waldkreis. Gestorben in der alten Klinik. Die 5 Leiche wird in die Heimat verbracht. fung. 1 Am 24. Juni. Katharine Althaus, geb. a, al. Er f Bohl, 55 Jahre alt, Witwe von Korbflechter uke J Heinrich Althaus von Wadenrod. Gestorben in 155 Cs lag al der neuen Klinik. ehe doc habe er Am 26. Juni. Johannes Klein, 54 Jahre an ain Nürchgang e alt, Metzgermeister und Wirt dahier, Brand⸗ alt. As er. gasse 2. Die Beerdigung findet Sonntag, den fe eil wibliches 9 28. ds. Mts., nachmittags 4 Uhr, vom Sterbe⸗ dat dne Magichuß auf hause aus statt. u dar Ter auf f Sn 21 2 8 2 Schoch auf Verleger: Paul Bader in Marburg, Verantw. Ne e de Grete berfo dakteur: Wilhelm Sell, Druck von E. Ottmann, beide in dwalf hötte er das Gießen. rc bel Seite und 1 Oetz in das Ob. —— Johan im 55. Lebensjahre, nach kurzem, schweren Leiden sanft entschlafen ist. Giessen, Lich, Steinbach, London, den 26. Juni 1896. Die trauernden Hinterbliebenen. Johannes Klein Witwe und Kinder. Die Beerdigung findet Sonntag, den 28. Juni, um 4 Uhr Nachmittags, vom Trauerhause, Brandgasse 2, statt. Verwandten, Freunden und Bekannten die schmerzliche Mitteilung, dass heute Morgen 6 Uhr mein innigstgeliebter unvergesslicher treuer, guter Vater, Schwiegervater, Grossvater, Bruder, Schwager, Schwiegersohn und Onkel, Herr ies Ale In deren a men: N der a 9 III, Metzgermeister a Herren Jadbe 50 don geilem Hund u; es sah ihn 4 fahm det Jäger htte über die Grenz und bereczte dem to n fuellen, in wie e dug gewirkt hal % sud noch ein Re 12 ball, verendet! u einem Gebiet it bee er das von n dezillen nicht a æaachebracht, u le, da dicht an ih den die Holzh e dc Wild, weches und legen gelassen, Gatte, unser 1 us Frauffu A dug den betreffen Wa si u kommen! i borher gewuf n önnen, denn An nahen. Heise cue Mann De did holen soll algte hatte de a Nauen mi Tochter den Votsal, blech. Iran 105 achte und ersattet Süaftanmer, als g˙ Arg, daß Heisernan für sch zu behalte 842 Bekanntmachung. Die Lieferung von: 600 Ctr. melirte Kohlen 1. Qualität,— 2800„ Nußkoblen 2. Sorte, milie 1%„ Segen e en Familienwohnungen. Hessenbrückerbammer und Under disser Ruorit werden von jetzt ab die zu v 1 Sblerbrilelte 10 e d durch zum Preise v 1 Mark täglich für die städtischen Anstalten fürs Etatsjahr 1896—97 soll unter den auf unserem 115 — Zimmer Nr. 15— offen liegenden Be dingungen vergeben werden. Offerten, in welchen der Preis per Doppel- waggon franko Babnbof Gießen anzugeben ist, ind bis zum 5. Juli l. J., vor⸗ mittags 12 Uhr, mit der Aufschrist„Kohlen lieferung“ versehen im Zimmer Nr. 15 ab zugeben. Gießen, den 22. Juni 1896 Großh. Bürgermeisterei Gießen Gnautbh. Bekanntmachung. „Die Lieserung des Brotes für das Hospital und die Stadtarmen für die Zeit vom 1. Juli 1896 bis 31. März 1897 soll anderweit vergeben werden und sino Offerten bis zum Montag, den 29. Juni een e 6 Uhr, beim Armen⸗ chen, woselbst au ie Bedi 5 Eunsch den 191 00 uch die Bedingungen Gießen, den 25. Juni 1896 Die Armen Deputation der Stadt Gießen statt. Bürger⸗ Ad. 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