wird. lic — w. Re⸗ ttmann, ae a . Nr. 19 Gießen, Donnerstag, den 23. Jannar 1896. b andes Ausgabe Gießen. kikung. 75 2 Redaktion: Kreuzplatz Nr. 4. Erscheint täglich mit Ausnahme der Tage nach Sonn- und Feiertagen. Preis der Anzeigen: 10 Pfg. für die Sspaltige Petitzeile. 1 Expedition: 2. Kreuzplatz Nr. 4. Die Kommunualbesteuerung der E. W. Fernie'sehen Braunstein⸗ Bergwerke. Gießen, 21. Jan. Der Bezirksverein Süd-West, welcher in seiner letzten Generalversammlung diese Frage erörterte, wird binnen kurzer Zeit der Bürgermeisterei eine Eingabe machen zu dem Zwecke, den Stein aufs Neue ins Rollen zu bringen. Der Stadt Gießen wäre ein Steuerplus von 5 bis 6000 M. zuzuführen, welche heute nach Ansicht des Herrn Rechtsanwalt Grünewald zu Unrecht an die Gemeinde Großen-Linden gezahlt wird. Diese Sache, welche für die Steuerzahler unserer Stadt von großer Wichtigkeit ist, hat schon früher ein— mal die juristische Kommission und darauf die Stadtverordneten⸗Versammlung beschäftigt, und war man damals der Meinung, daß diese schwierige Frage ohne Prozeß nicht zu lösen sei. Man ließ sie deshalb ruhen. In der juristischen Kommission haben nun damals die Herren Rechts⸗ anwälte Dr. Gutfleisch und Grünewald betreffend die Umlagen der Gemeinde Großen— Linden Gutachten erstattet, welche selbst für den Laien Interessantes enthalten und aus denen wir Nachstehendes mitteilen.— Rechtsanwalt Grünewald ist der Meinnug, daß zwei Fragen zur Entscheidung ständen, nämlich: 1. Ist der Juhaber des Gießener Braunstein⸗ bergwerks, sowohl mit seinem Gewerbe, als auch mit seinem Einkommensteuerkapital zu den Kommunalsteuern der Gemeinde Großen-Linden heranzuziehen? und 2. Ist der hierfür zur Zeit bestehende Repartitiousmodus der richtige?— Zu der Frage 1. bemerkt der Gutachter: Die Mo— tive zu den einschlägigen Steuergesetzen geben über die aufgeworfenen Fragen ebensowenig Auf⸗ schluß als der Inhalt der in der 2. Kammer unseres Landtags gepflogenenen Verhandlungen. Man ist also lediglich auf den nicht immer ganz zweifelsfreien Wortlaut der zur Anwendung zu bringenden gesetzlichen Bestimmungen und auf die Interpretation dieses Wortla utes angewiesen Rechtsanwalt Grünewald ist in seinem Gutachten für die ine Bejahung der Frage, daß der Inhaber des Braunsteinbergwerks mit seinem Gewerbesteuerkapital von der Gemeinde Großen— Linden heranzuziehen sei. Es entspreche dieses nicht dem Wortlaut des Gesetzes, sondern decke sich auch vollständig mit dem Charakter dieser Steuer. Anders verhalte es sich aber mit dem Einkommensteuerkapital, denn für die Frage, in welchem Umfange das Einkommen⸗ steuerkapital zu den Gemeindeumlagen heranzu⸗ ziehen ist, soll nach der Iutentive des Gesetzes vom 24.) 9. 1887 grundsätzlich auf die Herkunft, die Quellen des Einkommens keine Rücksicht ge⸗ nommen werden. Es ist deshalb auch im Art. 1 Absatz 1 dieses Gesetzes schlechthin be— stimmt, daß das gesamte Einkommensteuerkapital am Wohnort des Steuerpflichtigen besteuert werden soll. Würde demnach der Inhaber des Gießener Braunsteinbergwerks seinen Wohnsitz in Gießen haben, so würde wohl darüber kaum jemals ein Zweifel entstanden sein, daß derselbe auch mit seinem aus dem Bergwerksbetrieb er— zielten Einkommen ganz zu Gießen zu versteuern wäre, da es eben gesetzliche Vorschrift ist, daß in genannter Beziehung nur der Wohnsitz des Steuerpflichtigen maßgebend sein soll. Der In— haber des Gießener Braunsteinbergwerks ist nun aber Reichsausläuder und hat seinen Wohnsitz außerhalb des Großherzogtums Hessen.— Für solche Fälle hat jedoch das Gesetz vom 24. 9. 1887 für den mangelnden Wohnsitz ein Surrogat ge— schaffen; nämlich den Sitz des Gewerbebetriebes. Es bestimmt der Artikel 1 Absatz 4 des Gesetzes: „Reichsausländer, welche nach Artikel J 36 des Gesetzes vom 8. Juli 1884 die allgemeine Ein— kommensteuer betreffend, einkommensteuerpflichtig sind, werden an dem Ort, wo der Sitz des Ge— werbebetriebes sich befindet, auch nach Maßgabe des ihnen aus dieser Quelle fließenden Ein— kommens zurGemeindesteuerung herangezogen!“— Betrachtet man in diesem Zusammeuhang die vorstehende gesetzliche Bestimmung, so scheint meines Dafürhaltens die vom Herrn Dr. Gut⸗ fleisch in seinem Gutachten vom 21.2. 91 geäußerte Ansicht es seien in dem Art. J des Gesetzes vom 24.9. 87 die Ausdrücke„Ort des Gewerbebe— betriebes“ und, Sitz des Gewerbebetriebes“ nicht in bewußtem Gegensatz zu einander gebraucht, nur schwer haltbar zu sein. Meines Exachtens ist es vielmehr die ausgesprochene Absicht des Gesetzes, daß für die Versteuerung der Einkommensteuer— kapitalien ohne Rücksicht auf die Quellen des Ein⸗ kommens der Wohnsitz des Steuerpflichtigen maß⸗ gebend sein soll und bei Reichsausländern, die im Großherzogtum zwar keinen Wohnsitz wohl aber einen Gewerbebetrieb haben, am Sitz dieses Gewerbebetriebes die Einkommen⸗ steuerkapitalien steuerpflichtig sein sollen.— Wie eiuerseits der Wortlaut des Gesetzes für diese Auffassung spricht, so erhellt andererseits die Richtigkeit derselben der Wortlaut der Bestim— mungen der Art. J Absatz 2 und 3 des Gesetzes, die Gemeindeumlagen betreffend, durch welche ausuahmsweise und durch ausdrückliche Anordnung bei gewissen Gewerbebetrieben, die sich über mehrere Gemeindebezirke erstrecken, das oben aufgestellte Prinzip durchbrochen und für die Versteuerung des Einkommensteuerkapitals nicht der Sitz des Gewerbebetriebes, wie das dem allgemeinen Grundsatze entspräche, sondern aus- nahmsweise das Verhältnis der diesen Gewerbe— betrieben für die einzelnen Gemeinden zur Last gesetzten Gewerbe⸗Steuerkapitalien als maßgebend bezeichnet wird. Auch Billigkeitsrücksichten widersprechen der hier vertretenen Ansicht nicht.— Denn wenn es auch richtig sein mag, daß die den Gemeinden durch den Betrieb des Gewerbes verursachten Lasten häufig am Betriebsdomizile am aller— wenigsten fühlbar werden, so wird doch auf der anderen Seite den hierdurch benachteiligten Ge— meinden dadurch ein genügendes Aequivalent ge— schaffen, daß kraft gesetzlicher Bestimmung in der einzelnen Gemeinde entsprechend dem dort betrie— benen Umfang des Gewerbes, das Gewerbe— steuerkapital zur Versteuerung gelangt.— Aus Billigkeitsrücksichten auch dort noch das Einkommensteuerkapital zur Versteuerung gelangen zu lassen, liegt um so weniger Anlaß vor, als gerade in solchen Gemeinden, wo das Gewerbe in einem größeren Umfange betrieben wird, in den meisten Fällen durch die Verwendung der Gemeinde angehörigen in diesen Betrieben als Gehilfen, Arbeiter ꝛc. das Einkommen der- selben und damit mittelbar zugleich die Steuer— kraft der Gemeinde selbst gesteigert wird. Lokales und Provinzielles. V. Gießen, 21. Jauuar.„Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern“. Uneingedenk dieser Mahnung gab es am 18. d. M. abends bei dem in Steins⸗Saalbau arrangierten all— gemeinen Studentenkommers in Gegenwart zahlreicher„Alter Herren“ eine Rauferei, bei welcher Stühle und Bierseidel eine große Rolle spielten. Die Schlacht wurde zwischen Korps studenten und einer Landsmannschaft ausgefochten. „Kleine Vorkommnisse“ nannte die„Gießener Zeitung“ diese Affaire und fügte hinzu, abgesehen davon sei der Festkommers sehr schön verlaufen. Weun auf einer Dorfkirmes sich die Burschen raufen, hat das Vergnügen gewöhnlich vor dem Strafrichter noch ein Nachspiel, bei welchem die Bierseidel als gefährliche Werkzeuge im Sinne des Strafgesetzbuches augesehen werden. Aber bei den Gebildeten der Nation bleibt ein Bier— seidel ein ungefährlich Ding, und es lohnt für unparteiische Blätter nicht darüber zu be⸗ richten.— Gießen, 21. Januar. Auf Grund der Beschlüsse(Errichtung eines Vereinshauses) der letzten Generalversammlung hat der Vorstand des Kaufmännischen Vereins mit Hilfe der Handelskammer sich kooptiert. Die Herren Kommerzienräte Gail, Heichelheim und Hehligen— städt wurden zugezogen.— Wir können mit⸗ teilen, daß unter den Mitgliedern der Stadt⸗ verordnetenversammlung die Geneigtheit besteht, dem Wunsche des Vereius wegen unentgeltlicher Ueberlassung eines Geländes zur Erbauung eines Vereins-Hauses zu willfahren und zwar umso— mehr, als man überzeugt ist, wie segensreich die kaufmännische Fachschule für den Handelsstand wirkt und daß es bedauerlich sein würde, wenn diese ihr jetziges Domizil im Postkeller gekündigt erhält. D. Z. Viernheim, 20. Januar. Gestern Morgen gegen 3 Uhr brach hier in der neu— erbauten Fabrik von David Sternheimer Groß— feuer aus, das sie in Asche legte und ein umfangreiches Tabak- und Cigarrenlager zerstörte. Eine Menge Rohtabak im Werte von 100 000 Mark fiel dem Feuer zum Opfer. Der Gesammtschaden beziffert sich auf etwa 250 000 Mark. Die Fabrik war erst seit etwa vier Wochen im Betrieb. Der Besitzer ist versichert. h. Darmstadt, 21. Januar. Ueber die goldene Amtskette, die der Großherzog zur Erinnerung an den 28. Oktober 1895, den Tag, an welchem das neue Hauptgebäude der Tech nischen Hochschule in Allerhöchst Seiner Gegenwart u. in Anwesenheit einer festlichen Versammlung ein⸗ geweiht wurde, der Hochschule gewidmet und dem Rektor derselben mit der Bestimmung übergeben hat, daß diese Kette hinfort von dem jeweiligen Rektor als Zeichen seines Amtes zu tragen ist, erfahren wir folgende Einzelheiten: Die Kette ist 78 Centimeter lang und besteht aus 33 vier⸗ eckigen und 34 ovalen Gliedern. Die viereckigen Glieder sind 22 Millimeter lang und 10 Milli⸗ meter breit, die ovalen 11 Millimeter lang. An der Kette hängt die Großherzogliche Krone, an welcher 2 kleine Schleifen angebracht sind. An der Krone ist eine Medaille befestigt. Diese letztere hat einen Durchmesser von 42,5 Milli⸗ meter und ist 2,9 Millimeter dick. Die Vorder⸗ seite zeigt das Bildnis Seiner Königlichen Hoheit des Großherzogs mit der Umschrift: Ernst Lud⸗ wig Großherzog von Hessen; die Rückseite zeigt in Gravierung das Monogramm EE. IL. und darüber eine Krone mit der Umschrift: Virtute res paxrvae crescunt. Gestiftet 28. X. 95. Darmstadt, 21. Januar. Vom Großh. Polizeiamt soll zur Vervollständigung des Signalements von Verbrechern und übel berüchtigten Persönlichkeiten das System der sog. anthropometrischen Messungen, bei denen die Dimensionen einzelner Gliedmaßen des Körpers, z. B. Kopfweite, Spannweite der Arme u. s. w. aufgenommen werden, zunächst versuchsweise eingeführt werden. D. Z. Darmstadt, 21. Januar. In den Bezirkskonferenzen der hessischen Lehrer- vereine wird gegenwärtig auf Anregung des deutschen Lehrervereins die Gründung einer gemeinschaftlichen Krankenkasse ein⸗ gehend behandelt. Auf diese Weise soll der gesamten Lehrerschaft Gelegenheit gegeben werden, Meinungen und Wünsche auszusprechen. Es handelt sich darum, ob die Krankenkasse im Rahmen des deutschen Lehrervereins oder als besondere Hilfskasse oder im Anschluß an eine Versicherungsgesellschaft empfehlenswert ist. Die meisten Stimmen sprechen sich für besondere Hilfskassen im Rahmen der einzelnen Landes⸗ vereine aus, so daß z. B. bei Verwirklichung des Planes der Hessische Landeslehrerverein eine derartige Hilfskasse, jedoch ohne besondere Organi⸗ sation erhielte. Behandelt wird ferner die Frage, ob der Beitritt für jedes Mitglied der betreffen⸗ den Vereine obligatorisch ist oder freisteht, ferner ob die Errichtung als Rechtskasse oder als Unter⸗ stützungskasse nach den Grundsätzen der Pestalozzi⸗ vereine oder aber als Unterstützungskassen nur der außerordentliche Notfälle(langwierige Krank⸗ heiten, Operationen, Badereisen, Aufenthalt in Sanatorien u. s. w.) ins Leben treten soll. Die einzelnen Fragen sind jedem Bezirke zur Beaut⸗ wortung übermittelt und das Material wird behufs Behandlung der Frage auf einem deutschen Lehrertage an den deutschen Lehrerverein ein⸗ gesandt. h. Darmstadt, 21. Januar. Das Großh. Ministerium des Innern der Justiz richtet an die Zweite Kammer das Ausinnen, zur Einstellung des Betrags von 9575 Mk. unter Titel 1 des Kapitels 89 des Staatsvoranschlags für 189497(Vermehrung der Richter⸗ stellen) die verfassungsmäßige Zustimmung zu erteilen. ch. Offenbach, 21. Jan. Eine Duell, Vaterliebe. Erzählung eines Gefangenenwärters. Mitgeteilt von R. Merlin. (Schluß „Dann kannust Du es auch nicht ändern“, be— ruhigte ich ihn. Eine Weile war er still, ich hörte nur seine schweren Atemzüge.„Weißt Du“, sagte er plötzlich,“ ich muß fort— ich muß zu ihm hin! Er hat auch gerufen und verlangt nach mir.“— „Tollheit!“ sagte ich;„fort— das ist ein ganz netier Wunsch. Ich möcht' auch fort. Faß Dich gefälligst und laß mich wieder einschlafen!“— Er, sagte kein Wort mehr, aber am Morgen zeigte sich's, daß er die ganze Nacht über dem Gedanken gegrübelt hatte.„Nächste Nacht breche ich aus, Heinrich,“ sagte er.„Ich muß zu meinem Kinde! Sprich nicht dagegen— ich muß! Gelingt's nicht, gut, dann habe ich den Tod davon. Versprich mir nur— schwöre mir, daß Du mich drei Tage lang nicht verraten wirst, wenn ich herauskomme! Ich muß Zeit haben, meine Heimat zu erreichen.“— Ich versprach's ihm heilig. „Am Abend bei der letzten Zelleurevision kam er nicht wieder herein; das war ein großes Wag— stück. Hätten Sie in die Zelle geleuchtet, daun wär's entdeckt gewesen. Wie er ausgekommen ist, weiß ich nicht.“ Bei dieser Aussage blieb Heinrich Preller. Es wurde sofort telegraphiert und noch an demselben Tage kam die telegraphische Nachricht:„Hülfe verhaftet.“— Zwei Tage später war er wieder hier eingebracht. Er war ganz gebrochen, ruhig wie ein Lamm. So ist er auch geblieben. Die Strafe wegen seines Ausbruchs hat er gelassen auf sich genommen.„'s ist ja nun Alles egal,“ sagte er.„Mein Kind ist ja tot und Alles vorbei“, und als er das sagte. rollten ihm die Thränen über sein bleiches Gesicht. Er erzählte dann auch offen und aufrichtig, wie er seine Flucht ausgeführt hatte. „Ich lief die gauze Nacht,“ sagte er,„wie ge— hetzt, bald auf Wegen, bald querfeldein. Als der Morgen graute, sah ich die Hütte eines Feldhüters liegen. Ich versteckte mich in einem Gebüsch und lauerte. Der Hüter trat nach einer Weile aus der Hütte und ging laugsam fort. Erst als er sich weit genug eutfernt hatte, schlich ich mich in die Hütte und fand, was ich brauchte; einen Rock und eine Mütze. Es hat mir leid gethan, daß ich den armen Kerl bestehlen mußte. Jetzt hat er seine Sachen wieder. Aber ich konnte doch in Sträflingssachen nicht weiter kommen. Meiner alten Muhme, bei welcher mein Kind in Pflege war, jagte ich einen Schrecken ein, als ich plötzlich in der Abenddäm— merung bei ihr eintrat.„Jesus Christus!“ schrie sie auf.„Still!“ sagte ich;„rühre Dich nicht, Alte, oder Du bist ein Kind des Todes!“—„Aber wie kommst Du denn hierher?“ fragte sie geängstigt. —„Niemand darf wissen, daß ich hier bin,“ sagte ich.„Wo ist Ottchen?“— Sie machte eine be— dauernde Bewegung und faltete die Hände. Da hörte ich ein feines mattes Stimmchen rufen: „Vater!“ Ich stürzte in die Nebenkammer und da 5 Er vermochte vor Schluchzen nicht weiter zu sprechen. Lange dauerte es, ehe er sich wieder faßte. Viel hatte er auch nicht mehr zu sagen. Sein Kind lag zum Skelett abgezehrt, auf einem ärmlichen Bettchen, die Augen groß und voll Verstäuduis, die Lippen von Fieberglut verbrannt. Mit deu hageren Händchen faßte der Knabe gierig nach dem Vater, der sich über ihn neigte, umschlang seinen Hals und blieb so.„Ich hab' Dich immer gerufen, Vater“, sagte der Knabe hüstelnd;„Du bliebst so lange?“—„Ich konnte nicht schneller kommen, mein Liebling“, versetzte der unglückliche Mann, mit Gewalt seine Thränen zurückhaltend, „Jetzt gehst Du aber nicht mehr fort, bleib bei mir!“ flehte das Kind. Er klammerte sich in einem langen, schweren Todeskampf an den Vater und ließ erst als seine schwachen Kräfte ganz erschöpft waren, die Hände herabfallen. Zwölf schreckliche Stunden dauerte der letzte Kampf. Als die schweren Tritte der Polizeibeamten auf der Treppe ertönten, entfloh der letzte röchelnde Atemzug des Knaben. Hülse hielt seinen toten Liebling umfaßt und die Häscher blieben eine Weile ernst und still auf der Schwelle stehen. Vaterschmerz, selbst wenn er einem Verbrecher gehört, flößt einem Ehrfurcht ein. Vom Totenbette des Lieblings wurde er dann weggerisseu.„Er hatte mich gerufen und ich mußte kommen“— dies war seine ganze Rechtfertigung. Seitdem siechte der Riese hin. Er nahm kaum die allernötigste Nahrung noch zu sich, verrichtete 1 seine Arbeit mit größter Genauigkeit, war in Allem willig, sprach nur, was er mußte. Dann fing er an zu husten und erlag einer Lungenentzündung. Er hat sein Kind nur drei Monate überlebt. Vermischtes. — Koblenz, 20. Januar. Ein dunkles Ereignis wurde heute in den Abendstunden hier bekannt. Am 22. Dezember v. J. starb hier in einem Hause der Münzstraße plötzlich die Frau eines in der Irrenanstalt weilenden früheren Schlossermeisters. Da nach ärztlicher Beschei⸗ nigung die Todesursache nicht festgestellt werden konnte, wurde die Leiche der Frau beerdigt. Heute Morgen fand nun ein Mann die Leiche eines neugeborenen Kindes, die schon seit einiger Zeit dort gelegen hat. Nunmehr wurde die Untersuchung eingeleitet. — Der gekränkte M. S. In Nr. 3 des „Saalfelder Anzeigers“ findet sich das folgende Inserat:„Meine Verlobung mit Fräulein L. W. erkläre ich hiermit für aufgehoben. So an⸗ schreien lasse ich mich absolut unter keinen Um⸗ ständen durchaus nicht. M. S.“ M. S. hat durchaus Recht. Wenn Fräulein L. W. sogar in der Brautzeit ihren Erkorenen so anschreit, würde es ihm vollends in der Ehe absolut unter keinen Umständen durchaus nicht gut gegangen sein. — Gedankensplitter. Durch das Leben kommt der Dumme leichter, als durch die Schule. ieee — * geschichte macht zur Zeit in unserer Stadt viel von sich reden. Danach hat einer der reichsten Männer unserer Stadt einen hier in Garnison liegenden Lieutenant, in gröbster Weise beleidigt, weil seine Tochter gestand, daß sie den jungen Offizier liebe. Die Forderung erfolgte, ob es aber zum Duell kommt, muß abgewartet werden. Ex. Worms, 21. Jan. Das Preisgericht für die Entwürfe zum hiesigen Brückenbau entschied sich dahin: den ersten Preis erhielt die Maschinenbauaktien⸗Gesellschaft Nürnberg, Filiale Gustavsburg bei Mainz,(10000 Mk.), den zweiten Preis(6000 Mk.) die Guthoffnungshütte, Aktien⸗ verein für Bergbau und Hüttewerk in Oberhausen, je einen dritten Preis(3000 Mk.) die Maschinen⸗ fabrik Eßlingen zu Eßlingen und die Gesellschaft Harkort in Duisburg. Vom 23. Januar bis 5. Februar werden die prämiirten Entwürfe öffent⸗ lich ausgestellt uud zwar in dem Neubau des Dienstgebäudes der Großherzoglichen Centralstelle für die Gewerbe(Neckarstraße 3). * Mainz, 21. Januar. Auf die Tages⸗ ordnung der am 26. Jauuar, vormittags 11 Uhr, in Gundlachs Taunus-Hotel hier stattfindenden Delegierten⸗Versammlung der hessischen In⸗ nungen und freien gewerblichen Ver⸗ einigungen sind folgende Gegenstände gesetzt: 1. Bericht über den gegenwärtigen Stand der Handwerkerbewegung in Hessen, 2. Er⸗ nennung eines Kontroll-Ausschusses der Innungen und Berufsvereine in Hessen, 3. die nächsten Aufgaben dieses Ausschusses, 4. die Bestreitung der Ausgaben. Durch den zu konstituierenden Kontroll⸗Ausschuß soll eine Spitze geschaffen werden, welche die Ermächtigung erhält, im Namen der erwähnten Korporationen den Regie rungen und der Oeffentlichkeit gegenüber zu reden und zu handeln. Letzte Telegramme. Gestern Mittag wurden Isar oberhalb der Maxi⸗ einer hiesigen Bildhauerfrau und deren siebenjährigen Tochter gefunden. Dieselben waren mit einem Stricke zusammengebunden. Vermißt wird ferner noch ein dreijähriger Sohn der Frau, welcher jedenfalls auch den Tod in den Wellen gefunden hat. Mit diesem Selbstmorde wird ein zweiter Selbstmord auf dem Auer-⸗Friedhofe in Verbindung gebracht. Da⸗ selbst erschoß sich ebenfalls gestern Mittag ein ver⸗ wittweter Bader, welcher mit der Bildhauerfrau ein Ver⸗ hältnis hatte. Hd. München, 22. Jan. auf einer Sandbank in der miliansbrücke die Leichen Hd. München, 22. Jan. Gestern Mittag versuchte ein auswärtiger 23jähriger Kaufmann in einem Gast⸗ hause seine Geliebte, eine ledige Stickerin aus Böhmen, durch einen Revolverschuß in die linke Schläfe zu töten, während er sich selbst einen Schuß in die rechte Schläfe beibrachte. Das Mädchen hofft man am Leben zu er⸗ halten. In einem hinterlassenen Briefe gibt der Kauf⸗ mann an, seine Geliebte habe freiwillig mit ihm sterben wollen. Hd. Paris, 22. Jan. Die aus Madagaskar eingetroffenen Blätter schildern die Lage auf der Insel sehr ungünstig. Ueberall herrsche voll⸗— ständige Anarchie. Im Süden haben sich mehrere Stämme gegen die Hovas empört und diese von allen Seiten überfallen. Die Hovas wurden in mehreren Gefechten geschlagen und mehrere ihrer Dörfer verbrannt. Die Nachrichten aus Majunga sind ebenfalls ungünstig. Der Handel daselbst liegt vollständig darnieder und die Fremden sind ganz entmutigt. Mehrere Handelshäuser gerieten infolgedessen in Zahlungsstockungen. In Tanana⸗ rivo herrscht dagegen vollständige Ruhe. Der Minister der Königin hat 5000 Sklaven freige⸗ lassen und seine Landsleute aufgefordert, ein gleiches zu thun, um die Anwendung der fran— zösischen Gesetze zu erleichtern. Der Bischof von Madagaskar ist auf seinen Bischofsitz zurückgekehrt. Hd. Paris, 22. Januar. Die Blätter be⸗ sprechen den nunmehr veröffentlichten Text des englisch-französischen Abkommens sehr abfällig. Sie geben allgemein dem Bedauern darüber Ausdruck, daß die ägyptische Frage nicht gleich— zeitig angeregt worden ist. Hd. Paris, 22, Jan. Das Ministerium wird demnächst der Kammer einen Gesetzentwurf über die progressive Einkommensteuer unterbreiten, demzufolge die Steuer auf die Gesamtlage des Einkommens festgestellt wird. 2500 Fres. unter⸗ liegen der Steuer nicht. Hd. Paris, 22. Januar. Die Reise der Kaiserin⸗Witwe von Rußland nach La Turbin ist offiziell auf die ersten Tage des nächsten Monats festgesetzt. Die Kaiserin wird dort mehrere Wochen verweilen. Hd. Brüssel, 22. Jan. Von 6 Kammer⸗ Abteilungen haben sich 5 für und eine gegen die Verfolgung des Abgeordneten Van der Velde ausgesprochen. Hd. Madrid, 22. Jan. Marschall Martinez Campos hat Havanna an Bord des Dampfers „Alfons VII.“ verlassen. Die Truppen erwiesen dem General militärische Ehren. Die Volks⸗ menge brachte ihm stürmische Ovationen dar und rief bei Abfahrt des Schiffes:„Es lebe Campos, es lebe die Armee.“ Hd. New⸗NHork, 22. Januar. Die Blätter veröffentlichen Depeschen aus Carracas, denen zufolge Deutschland an Venezuela eine Note ge— richtet habe, in welcher es energisch die Zahlung der Eisenbahnschuld forderte. Privattelegramm 5 der„Hessischen Landesztg.“ Hd. Leipzig, 22. Jan. Das Reichs⸗ gericht Friedmann aus dem Rechtsanwalts⸗ stande aus. 8 r Töpnemmentsbestelungen auf die 25 i „Hessische Landeszeitung“ nehmen unsere sämmtlichen Träger sowie die Expedition Kreuzplatz 4 zu jeder Zeit entgegen. Kein anderes hiesiges oder auswärti— ges Blatt bietet annähernd die Vor— teile der„Hessischen Landeszeitung“, die der Einwohnerschaft von Gießen und Nachbarorten in zwei Ausgaben an jedem Werktag ausgehändigt wird. Preis nur 60 Pig. monatlich einschließlich Trägerlohn. Verleger: Paul Bader in Marburg, Verantw. Re⸗ dakteur: i. V. A. Kleinschmit, Druck von E. Ottmann, beide in Gießen. 2 stieß den Rechtsanwalt Fritz 2 XA — — Die E. Dos Srl schellt f zu fel dee Hera uu del. Sdlerpfl beklkiebes —————— —. 2 7 Holzversteigerungen. Oberförsterei Grünberg, Forstwartei Saasen. Distrikte Schafbusch, Kälberstall, Sengkopf, Bauschel, Zeileichen, Güntersgraben, Saaser Heegwald, Hainheege ꝛc. Stämme: 43 Eichen mit 20 km, 9 Buchen mit 7 lin, 4 Lärchen mit 1 sm, 43 Kiefern mit 29 km, 208 Fichten mit 71 lm, Derbstangen: 450 Fichten mit 21 lin, Reisstangen: 355 Fichten mit 1½ km. Dienstag, den 28. Januar d. J., Vorm. 9 Uhr. Zusammenkunft am Pflanzgarten, Distr. Neuhofsheege, auf der Kreisstraße von Reinhardshain nach Winnerod. Nur das Holz in den Distrikten Schafbusch, Kälberstall, Abt. 4, und eivem Teil des Distr. Sengkopf wird bei der Versteige— rung vorgezeigt, alles übrige Holz wird unvorgezeigt verkauft. Steinbach.(Gemeindewald). Distrikte Heegheck und Todtenzipfen. 291 rm Buchen⸗Scheitholz, 86 rm Knüppelholz, 4800 Buchen- und Eichenwellen, 84 rm Buchenstöcke, 28 rm Eichenscheit, 29 rm Eichenknüppel, 48 rm Eichenstöcke, 10 rm Nadelscheit, 171 em Nadelknüppel, 3000 Nadelwellen, 85 rm Stöcke. Mittwoch, den 29. Januar, Vorm. 9 Uhr. Zusammenkunft ist an der Kreisstraße. 2 Submissionen. Zur Erbauung einer neuen Güterumladehalle auf Bahnhof Gießen sollen die Zimmer- und Dachdeckerarbeiten vergeben werden. Die Be— dingungen können in unserem Amtsgebäude, Poststraße 6, Zimmer 26, sowie in dem Dienstzimmer des Regierungsbaumeisters Horstmann in Gießen, Empfangs- gebäude, eingesehen oder durch Letzteren, sowie durch die Eisenbahn-Betriebs— Juspektion 2, Frankfurt a M. gegen post- und bestellgeldsreie Einsendung von 50 Pfennig bezogen werden. Die Angebote sind mit der Aufschrift:„Angebot auf bug einer Umladehalle“ zu versehen und verschlossen bis Mittwoch, den 29. Januar er., Vormittags 11 Uhr, an die bezeichnete Stelle in Frankfurt a/ M. einzureichen, zu welchem Zeitpunkt der Termin zur Er— öffnung der Angebote festgesetzt worden ist. Zuschlagsfrist 4 Wochen. Jagd-⸗Verpachtungen. Treis a. d. Lda. Freitag, den 21. Januar, Nachmittags 2 Uhr, soll die der Gemeinde Treis a. d. Lda. zustehende Jagd, bestehend in: 1. Allein— und Koppeljagd im Mitgebrauchswald, rein Gemeindewald Niederseilbach, von Rabenau'schen Privatwalde Niederseilbach und Neue Wald, ca. 417 Hektar, 2. Allein⸗Jagd im Felde, ca. 700 Hektar, auf dem Gemeindehause zu Treis a. d. Eda, auf 6 Jahre verpachtet werden. Wieseck. Freitag, den 7. Februar l. J., Vormittags 10 Uhr, wird die Jagd der Gemeinde Wieseck unter den bei der Versteigerung bekannt ge— macht werdenden Bedingungen auf hiesigem Bürgermeisterei-Büreau öffentlich verpachtet. Villingen. Samstag, den 8. Februar l. J., Vormittags 11 Uhr, soll auf dem Gemeindehaus zu Villingen die der Gemeinde zustehende Jagd, bestehend in ca. 900 Hektar Feld und Wald, sowie drei Teichen, auf die Dauer von 6 Jahren öffentlich verpachtet werden. Villingen ist Station der Ober— hessischen Eisenbahn(Nebenlinie Hungen—Laubach) und kann von Frankfurt a. M., Darmstadt ꝛc. in kurzer Zeit und bei Vollendung der Linie Hungen— Friedberg von Frankfurt a. M. in ca. 1½ Stunden erreicht werden. Die Jagd grenzt unmittelbar an die Station und bietet einen guten Wildstand, besonders an Rehen. beölg Koch, Dhfmacher und Ootlen Giessen, Neue Bäue 5 nächst dem Kaiserhof, empfiehlt: goldne Herren-Remontoir-Unhren von 50 Mark an, goldne Damen-Remontoir-Uhren von 28 Mark an, silberne Herren- und Damen-Uhren von 12 Mark an, Nickel-Remontoir-Unren sowie Schläüssel-Uhren von 10 Mark an, Wecker, in allen Lagen gehend, von 3 Mark an, Regulateure mit Schlagwerk von 11 Mark an. Reelle Bedienung. Zweijährige Garantie. Reparaturen gut und billig. Brillen, Pincenez,. Barometer. Thermometer, Operngläser zu staunend billigen Preisen. Beste und billigste Bezugsquelle am Platze. Freibank. Heute Ochsenfleisch nicht ladenrein, pr. Pfd. 52 Pf. Schweinefleisch, nicht ladenrein, pr. Pfd. 48 Pf. Pa. Sauerkraut. p. Pf. 10, „Speise- und Salat- Kartoffeln. Alle Arten Gemüse in grosser Auswahl zum billigsten Tagespreisse. J. 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