unge part ettelt has — ramme Landes N senber, an Frühstüc de isend Steh lrbeit ein cburg, Veraue Dttmaun, b — nar, rem. Handl ö 50 Jupes, Herren. B te Ausstattuug in eigene fluf Hliesse ich bewähnt 3 pfiebl Thüren ep, Bechstal oßgasse 10. schlssachen, tserteilun nossenschaftel 921 Huss Gesuchen eee fer Deelteitn. den: Täglich 2 nd von 2 5 bon 9 A . Bubi fubrob 1 ernbtoh ö len 15 elle 1 Künne f 1 8tellhe cob, gt. 1 beso Gülhit, krag im einzelnen Falle noch mehr vermindern. ll Gießen, Sonntag, den 6. Dezember Postztg. Nr. 3239 a. Telephou⸗Nr. 112. Ausgabe Gießen. Postztg. Nr. 3239a. Telephon⸗Nr. 112. — Redaktion: 1 Kreuzplatz Nr. 4. 2 Erscheint täglich mit Ausnahme der Tage nach Sonn⸗ und Feiertagen. Preis der Anzeigen: 10 Pfg. für die Ispaltige Petitzeile. Expedition: Kreuzplatz Nr. 4. 2 dokales und Provinzielles. * Gießen, 3. Dez. Welche Vorteile gewährt Invaliditäts⸗ und Alters versicherungs⸗ sesetz den Versicherten? 1) Invalidenrente. ges ist die Hauptsache des Gesetzes. So wird jedem wührt, der mindestens 235 Wochen Wartezeit erfüllt t und durch Krankheit außerstande ist, etwa ein Drittel ortsüblichen Tagelohnes des Beschäftigungsortes zu dienen. Die Wartezeit wird erfüllt durch Verwendung an Beitragsmarken auf Grund versicherungspflichtiger üͤschäftigung oder in geeigneten Fällen durch freiwillige krtsetzung oder Versicherung oder Selbstversicherung, ferner uch Krankheits⸗ und Militärdienstwochen. Die Erwerbs⸗ nfähigteit muß dauernd sein, d. h. keine Hoffnung auf liederherstellung in absehbarer Zeit geben oder vorüber⸗ chend und mindestens 1 Jahr lang gewährt haben. de Rente beginnt mit dem Tage, an welchem die Hoff⸗ ung auf Wiederherstellung in absehbarer Zeit geschwunden „bezw. mit der 53. Woche nach Erwerbsunfähigkeit; i richtet sich lediglich nach Höhe und Anzahl der ge⸗ teten Beiträge und beträgt 111 bis 415, jährlich. 2) Altersrente erhält derjenige, welcher 70 Jahre t ist, für 18881890 mindestens 141 Beschäftigungs⸗ ochen nachweist und die Wartezeit erfüllt hat. Letztere chiet sich nach dem Geburtstag und beträgt höchstens 410 Wochen— 30 Beitragsjahre. Die Höhe der ltersrente richtet sich nach der Höhe des Jahresverdienstes 1888— 1890 und der Höhe der Lohnklasse, in welcher e Versicherung erfolgt ist; die Rente beträgt 106,80 bis 91,40 4 jährlich.— Invaliden⸗ und Altersrenten werden le nebeneinander gewährt. Wenn ein Alters⸗ kuner invalid wird, so tritt auf Antrag die In⸗ saltdenrente an Stelle der Altersrente. Dies ist zur dann ein Gewinn, wenn die Invalidenrente höher ist is die Altersrente.— 3) Die Witwe und die unter 15 Jahre alten vaterlosen Kinder erhalten die Hälfte ö zer für den verstorbenen Ehemann, bezw. Vater geleisteten beiträge zurück, wenn mindestens 135 Beitragswochen vor⸗ egen und keine Invalidenrente oder Altersrente gewährt Bar, sowie keine Unfallrente aus Anlaß des Todes ge⸗ en wird.— 4) Weibliche Versicher te, die selraten, erhalten die Beitragshälfte zurück, wenn 235 beltragswochen vorliegen und der Antrag 3 Monate nach em Eheschluß gestellt wird.— 5) Erkrankt ein Ver⸗ schherter dergestalt, daß zu befürchten ist, er werde in⸗ lalid werden und den Anspruch auf Invalidenrente er⸗ gen, so kann die Versicherungsanstalt das Heilver⸗ fahren übernehmen, wenn der Arzt bezeugt, daß dadurch ahrscheinlich die Invalidität abgewendet und die Er⸗ erbsfähigkeit hergestellt wird. Das Heilverfahren ge⸗ ht durch Entsendung in einen Badeort, Luftkurort, bezlelle Heilanstalt, Hospital, Klinik, mediko⸗mechanisches Institut oder auf sonstige Weise.— Der Versicherte hat sagegen zu leisten; Woche, in welcher er beschäftigt ist. die Hälfte des Beitrages für jede Die andere Hälfte Fägt der Arbeitgeber. In der II. Lohnklasse zahlt z. B. b Arbeiter jährlich 2 5.20 Mk., für 235 Wochen:— 23.50 Mk. Da nun Krankheits⸗ 15 90 Militärdienstwochen ebenfalls gleich einer Marke II. asse gelten, so kann sich der von ihm zu leistende 505 ar keinen Vorteil von der Versicherung hat hauptsächlich nur derjenige, welcher vor Erfüllung der Wartezeit von 235 Wochen stirbt oder invalid wird. Es ist jedem Versiche⸗ rungspflichtigen dringend anzuraten, sich rechtzeitig für ordnungsmäßige, vollständige Versicherung zu sorgen und die erforderlichen Nachweise für Beschäftigung und Krank⸗ heit zu beschaffen. Für die Ausführung der Versicherung ist zwar der Arbeitgeber verantwortlich, es empfiehlt sich aber für den Arbeiter, dabei mitzuwirken. * Gießen, 5. Dez. Die Einberufung der zweiten hessischen Kammer dürfte, wie der„W. Ztg.“ geschrieben wird, erst im nächsten Jahre 0 9 Nach derselben Quelle macht der Abschluß des vorzulegenden Staats— budgets diese Verzögerung nötig, wenn auch jetzt schon feststehen dürste, daß der preußische Land⸗ tag den Staatsvertrag mit Hessen und damit die Verstaatlichung der Hessischen Ludwigsbahn gut⸗ heißen wird. Eine hochwichtige Frage für das hessische Budget sei, ob das schon lange und viel⸗ besprochene Beamtengesetz mit damit berbundenen Gehaltserhöhungen schon demnächst zur Vorlage gelangen wird. Die dadurch entstehenden Mehr⸗ ausgaben sollen sehr beträchtlich und nicht weit von 1 Million Mark sein. Dazu kommen vom 1. April 1897 an die gesetzlich bereits festgelegten Gehaltserhöhungen für die Volksschullehrer mit einer jährlichen Mehrausgabe von ca. 380,000% Wenn, wie die Kammern und Gemeinden wollen, künftig auch die Kosten der obligatorischen Fort⸗ bildungsschulen auf die Staatskasse übernommen werden, so tritt eine weitere Jahresausgabe von 150,000/ hinzu. Diese Entlastung der Ge⸗ meindekassen wäre aber billig. Die vorgenannten Mehrausgaben werden vermutlich den größten Teil der höheren Einnahmen aufbrauchen, welche die Deklarationspflicht für die höheren Ein⸗ kommen von 2600 an seit 1. April 1896 der Stadtkasse, vorzugsweise aus den Städten ein⸗ bringt. * Gießen, 5. Dezember. In Betreff der Wirkungen von Deklarationspflicht und Progression bei Veranlagung der Ein⸗ kommensteuer ist wiederholt in der Presse die Behauptung einer sehr erheblichen Mehreinnahme aufgestellt worden. Es wurde insbesondere ein Mehrbetrag von etwa 530000 Mark als der⸗ jenige bezeichnet, welcher nur als eine Folge der Selbsteinschätzung und der ver⸗ besserten Progesston für das Steuerjahr 1896/97 sich ergeben habe. Diese Angabe ist, wie die„Darmst. Ztg.“ meldet, irrig und führt zu Mißverständnissen und falschen Be⸗ urteilungen der eingetretenen Gesetzesänderungen und des Standes der Staatseinnahmen. Für die laufende Budgetperiode 1894/95, 1895/96 und 1896/97) war der jährliche Er⸗ trag der sämtlichen direkten Steuern mit 9700 000.. eingestellt worden. Bei dieser Feststellung gingen Regierung und Stände im Anschluß an die Erträge früherer Budgetperioden von der Unterstellung aus, daß — ganz unabhängig von einer Gesetzesänderung — die durchschnittliche Zunahme des jährlichen Ergebnisses der sämtlichen direkten Steuern auf etwa 200 000 J. zu veranschlagen sei; es wurde für 1894/95 ein Ertrag von 9 500 000, für 1895/96 ein Ertrag von 9700000% und für 1896/97 ein solcher von 9000 000, und dem- nach im Durchschnitt 9700900 im Hauptvor⸗ anschlag für jedes Jahr vorgesehen. Ausweislich der im Regierungsblatt bekannt gemachten Steuerausschläge betrug nun derjenige für 1894/5 9 292 758 s 9 429 997 , eee 9 951 810 sonach der Ausschlag aller direkten Steuern für die drei⸗ jährige Finanzperiode 28 674 565 Nach dem Budget sind nach obigem für dieselbe Periode vorgesehen(3549700000) 29 109.000 Der Gesammt ausschlag (also das Einnahmesoll) hat hiernach ein Minus ergeben Dil Hiervon sind in den beiden ersten Jahren durch Nach— träge gedeckt worden im Jahre 1894/95 147725 1895/96 201463 425 435 349 188 und verblieb ein Rest⸗Minus für dieses Jahr von. 76 247 A. Dieser Betrag wird zwar durch die Steuer⸗ nachträge pro 1896/97 zweifellos gedeckt, es geht aber aus der vorstehenden Zusammenstellung zur Genüge hervor, daß von einem erheblichen lleberschuß des budgetmäßig vorgesehenen Er⸗ trags der direkten Steuern für die gesamte jetzt zu Ende gehende Budgetperiode nicht die Rede sein kann. Die Einkommensteuer allein ergab in fünfzehn von 31 Steuerkommissariatsbezirken, also in der Hälfte derselben ein Minus gegen das Vorjahr (hauptsächlich infolge der Ha der Ein⸗ kommeunsteuerkapitalien der unteren Klassen) und in sechzehn Bezirken ein Plus. Unter den letzteren sind diejenigen der größeren Städte, und ist der Mehrbetrag sogar fast aus⸗ schließlich den letzteren zu verdanken, deren Er⸗ träge diejenigen des Vorjahres erheblich über⸗ stiegen und hierdurch zugleich das Minus der Landbezirke aufwogen und den Minderertrag der beiden vorderen Jahre deckten. Es betrug nämlich 1. das Plus an Einkommen⸗ steuer in 16 Steuerkom⸗ missariatsbezirken... 478 385 A. 2. das Minus in 15 zirlen 8 3 39822„ Verbleibt ein Plus von— 78563 Nahezu dieser ganze Mehrbetrag fällt auf die fünf größten Städte, nämlich l Mainz J 142 152% Darmstadt 88 877„ Offenbach 96 206„ Be⸗ 19 Worms„ Gießen. 1 427 T7 7 Von dem Mehrertrag an Einkommensteuer des laufenden Jahres in dem vorstehend be⸗ zeichneten ziffermäßigen Betrag von 438 563, muß etwa ein Drittel als regelmäßige Steige⸗ rung, ein Betrag aber von etwa 280000% als Folge der Deklarationspflicht und hauptsächlich der Progression in den größeren Städten an⸗ gesehen werden. Von einem erheblichen Gesamt⸗ überschuß, wie solcher von manchen Seiten erwartet und behauptet worden ist, kann also zweifellos nicht gesprochen werden. * Gießen, 5. Dez. Gestern Vormittag um 9 Uhr begann vor dem Schöffengericht die Verhandlung gegen den Obermeister Pirr wegen Beleidigung des Schlachthoftierarztes Dr. Liebe. Zahlreiche Personen aus Metzger⸗ und Viehhändlerkreisen bezeugten ihr In⸗ teresse für die vorliegende Sache, welche schon einmal ver⸗ handelt werden sollte, aber damals vertagt wurde. Der Obermeister der Fleischer⸗Innung, Metzgermeister Pirr, wird beschuldigt, in einer Innungsversammlung, in der auch ein Nichtinnungsmitglied anwesend war, im Februar d. J. in Bezug auf den Schlachthofstierarzt Dr. Liebe behauptet zu haben, dieser handhabe die Fleischbeschau partelisch, er verwerfe von den Tieren, welche bei der Kasse der Gießener Schlachtviehversicherung versichert würden, weniger, und nehme dagegen die Sache bei nicht⸗ versichertem Vieh strenger. Die Anklage wird diesesmal vom Amtsanwalt Brühl vertreten. Als Vertreter für den Nebenkläger Dr. Liebe ist Assessor Neuschäfer an⸗ wesend. Die Verteidigung des Pirr führt Rechtsanwalt Dr. Jung. Der Angeklagte bestreitet die fragliche Aeußerung, so wie sie ihm zur Last gelegt, gethan zu haben. Er habe in der fraglichen Innungsversammlung im Februar d. J. nur die Verhältnisse der Gießener Schlachtvieh⸗Versicherung erörtert, ihm stehe hierbei der § 19 schützend zur Seite, denn er habe zweifellos das Recht gehabt, diese Verhältnisse einer Kritik zu unterzieheu. Eventuell aber sei er bereit, die Wahrheit des von ihm Gesagten voll und ganz zu beweisen. Zeuge Kreis⸗ veterinärarzt Prof. Dr. Winkler erklärt, daß er in Streitfällen die höhere Instanz für die Beurteilung des Fleisches auf dem Schlachthofe sei. Er müsse sagen, daß er nie Anstände gegen Dr. Liebe gefunden habe. Der⸗ selbe sei ein äußerst gewissenhafter und pflichttreuer Be⸗ amter, der allerdings in Zeitungsartikeln wegen der von ihm geübten Fleischbeschau heftig angegriffen sei. Assessor Dr. Neuschäffer bittet diesen von Pirr verfaßten Artikel zu verlesen. Rechtsanwalt Jung protestiert gegen das Eingehen auf diesen Zeitungsartikel als zu der in Frage stehenden That in keiner Beziehung stehend. Amtsanwalt Brühl hält die Verlesung dieses Artikels für wichtig, um Schlußfolgerungen für die vorliegende Sache daraus Mächte der Finsternis. 0 ö Roman von Helmuth Wolfhardt. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzeng.) „Dieser Rodewald ist doch ein ausgemachter Sonderling“, hatte der Beamte gesagt.„Er ist der reichste Gutsbesitzer hier in unserer unmittel⸗ baren Umgebung. Aus einem Komplex ausgesogener Aecker und verwahrlostem Forst hat er Sandhofen zu einer vielgerühmten Musterwirtschaft gemacht, und jeder seiner adeligen Nachbarn würde sich's als eine Ehre anrechnen, mit ihm in Verkehr zu treten. Dabei führt der Mann in seinem weitläufigen Herrenhause das Leben eines Einsiedlers. Er macht so wenig einen Besuch, als er welche empfängt, und wenn er es durchaus nicht vermeiden kann, mit anderen Menschen in Berührung zu kommen, wie zum Beispiel heute Abend mit uns, so setzt er sich in eine Ecke und bleibt vollständig stumm.“ „Man müßte es eigentlich als eine Beleidigung ansehen“, ergänzte ein Anderer,„denn wenn wir uns auch an Wohlhabenheit nicht mit dem Herrn Rodewald messen können, so ist er am Ende doch auch nichts Besseres als wir.“ Der ältere Mann, welcher mit dem Ausdrucke des Mitleids die Geschichte des Packmeisters erzählt hatte, und welcher mit den Verhältnissen der Gegend 3 besten vertraut schien, schütlelte mißbilligend den Kopf. ei thun dem Besitzer von Sandhofen schweres Unrecht, wenn Sie ihn für hochmütig halten“, sagte er.„Er dünkt sich ebenso wenig etwas Besonderes, als er daran denkt, die Menschen zu hassen Ich weiß das aus eigener Erfahrung, denn ich muß ihn oft genug im Interesse der Ortsarmen in Anspruch g i be bei ihm noch jederzeit offenes oe e 5 Das Meiste thut Herz und offene Hand gefunden. er obendrein im Stillen, ohne daß ein Anderer etwas davon erfährt als Derjenige, welchem er seine Wohlthaten erweist. Daß er aber vereinsamt ist und sich scheu vor jeder Berührung mit der Welt zurückzieht, kann nicht gar zu sehr Wunder nehmen Es ist ihm in seiner Ehe noch schlimmer ergangen als dem Packmeister Milow. Jahrelang hat er seine von schwerer Krankheit befallene Frau mit auf⸗ opfernder Hingebung gepflegt, bis er sie endlich, als sich zu dem körperlichen Siechtume auch noch geizig gesellte, in eine Irrenanstalt bringen mußte. 3 Ich weiß nicht, ob die Unglückliche bereits von ihrem Leiden erlöst wurde oder ob sie sich noch immer am Leben be⸗ findet, denn Rodewald selber spricht niemals von ihr oder von seiner Tochter.“ „Von seiner Tochter?“ fragten mehrere zugleich. „Man hat ja gar nichts davon gehört, daß er auch eine Tochter habe.“ „Aber es ist so“, fuhr der vorige Sprecher mit behutsam gedämpfter Stimme fort.„Sie dürfen mirs schon glauben! Ich habe das Kind bis zu seinem fünften oder sechsten Lebensjahre gekannt und habe gesehen, mit wie abgöttischer Zärtlichkeit Rode⸗ wald an ihm hing. Dann aber— es mögen wohl zehn Jahre seitdem vergangen ein stellten sich eines Tages bei der kleinen Hertha die ersten drohenden Vorzeichen derselben fürchterlichen Krank⸗ heit ein, an der die unglückliche Mutter seit der Geburt ihres einzigen Kindes litt. Damals sah ich den stillen und ernsten Mann bei einem Besuche auf Sandhofen in der wildesten Verzweiflung, und wie lange Zeit auch seitdem verstrichen ist, muß ich mich jenen erschütternden Anblickes doch immer noch erinnern, so oft ich ihm begegne. Er reiste dann mit seinem gefährdeten Liebling zu den ersten und berühmtesten ärztlichen Autoritäten, obwohl er da⸗ mals noch keineswegs der reiche Mann war, für welchen er heute gilt. Nach Verlauf eines Viertel⸗ jahres kam er zurück, tief gebeugt und— allein! Man hatte ihm gesagt, daß die einzige Hoffnung, Hertha vor dem Schicksal ihrer Mutter zu be— wahren, in einem längeren, vielleicht mehrjährigen Aufenthalte im Süden unter der ständigen Obhut eines geschickten und sorgsamen Arztes zu erblicken sei. Ich bin gewiß, daß ihm der Gedanke an diese Trennung beinahe das Herz gebrochen hat, aber er hatte sich um des Kindes willen dennoch in dieselbe gefügt. Ich habe ihn später hier und da nach dem Ergehen seiner Tochter gefragt und erfahren, daß sie noch immer nicht stark genug sei, um in das rauhe Klima des Nordens zurückzukehren; aber es bereitete ihm unverkennbar jedesmal so viel Herze⸗ leid, von dem armen Kinde sprechen zu müssen, daß ich seit Langem auf alle weiteren Erkundigungen verzichtet habe. Sie sehen, meine Herren, daß Rodewald nach solchen Schicksalsschlägen weder ein hochmütiger Narr, noch ein hartherziger Menschen⸗ feind zu sein braucht, um kein sonderliches Gefallen an lustiger Gesellschaft und an gleichgiltigen Ge— sprächen zu finden.“ Es schien in der That, als ob die Zuhörer dies jetzt einsähen, denn Niemand fand sich veranlaßt, dem Erzähler zu widersprechen, und eine längere Stille folgte seinen Worten. Gleichsam, um die etwas bedrückende Wirkung derselben aufzuheben und der Unterhaltung eine minder ernste Wendung zu geben, sagte der Bahnhofsinspektor, indem er nun eben⸗ falls einen Blick auf die Wanduhr warf: „Der gemischte Zug hätte bereits vor zwanzig Minuten einlaufen sollen, und nun ist noch nicht einmal seine Abfahrt von Steinfelden signalisiert.“ Fast die nämlichen Worte richtete in demselben Augenblick der Gutsbesitzer Rodewald an den dienst⸗ thuenden Stationsassistenten, welcher draußen auf dem regennassen Bahnsteige zu ihm getreten war. „Ja, es ist eine fast unbegreifliche Verspätung“, trüben Lichte der im Winde flackernden Laterne auf— fallend ernst erschien.„Erwarten Sie Jemand mit diesem Zuge, Herr Rodewald?“ Mit merklichem Zögern nur wurde die Antwort gegeben. „Ja, ich erwarte meine Tochter, die nach zehn⸗ jähriger Abwesenheit aus dem Süden zurückkehrt.“ Der Beamte vermied es, ihn anzusehen, und blickte angelegentlich in die nächtliche Finster nis hinaus, nach jener Richtung, aus welcher der fällige Zug hätte kommen müssen. „Eine unbegreifliche Verspätung“, wiederholte er langsam,„und hoffentlich nichts anderes als eine Verspätung.“. Eine heftig zitternde Hand ergriff seinen Arm. „Was wollen Sie damit sagen, Herr Thomas?“ kam es hastig und heiser wie im höchsten Entsetzen von Rodewalds Lippen.„Sie glauben doch nicht, daß dem Zuge ein— ein Unglück widerfabren sei?“ „Ich habe bis jetzt keine dahin gehende Meldung erhalten, und ich bitte Sie, meine Worte nicht schlimmer zu deuten, als sie gemeint waren. Nur eine entfernte Möglichkeit ist es, an die ich dachte, und selbst, wenn irgend ein Unfall vorgekommen wäre, brauchte er ja noch keineswegs die Reisenden gefährdet zu haben.“ Rodewald umklammerte mit beiden Händen den Elfenbeingriff des Stockes, auf den er sich stützte. Seine Brust arbeitete ungestüm, wie wenn er müh⸗ sam nach Atem ringen müsse. „Sie würden nicht so zu mir sprechen, Herr Thomas“, sagte er endlich,„wenn es sich wirklich um nichts anderes als um eine fernliegende Mög⸗ lichkeit handelte. Aber ich beschwöre Sie, mir Alles mitzuteilen, was Sie von dem Schicksal des Zuges und von den Ursachen dieser Verspätung wissen.“ (Fortsetzung folgt.) erwiderte ihm der Beamte, dessen Gesicht unter dem r r — 2 49 D 2 — 22 r —— . — — ————— * zu ziehen. Es wird darauf konstatiert, daß der vom Zeugen Winkler erwähnte Artikel mit dem Namen des Angeklagten unterzeichnet in der„Deutschen Fleischerzeitung“ erschienen ist. In diesem Artikel, dessen Autorschaft Pirr zu⸗ giebt, wird der Schlachthofstierarzt Dr. Liebe maßlos angegriffen und zwar wegen eines angeblich tuberkulosen Ochsen. Prof. Winkler erklärt, daß ihm dieser Fall bekannt und daß es unwahr sei, daß jenes Stück Vieh Tuberkeln gehabt habe. Prof. Winkler bleibt als Sach⸗ verständiger während der Verhandlung im Saale an⸗ wesend. Als zweiter Zeuge wird der Schlachthausver⸗ walter Möhl vernommen. Dieser erklärt, die Fleisch⸗ beschau werde im städtischen Schlachthaus gewissenhaft vorgenommen, es werde ein Stück Vieh so behandelt wie das andere, ohne Rücksicht, ob dasselbe bei der Gießener Schlachtviehversicherung versichert sei oder nicht. Im Gegenteil seien ihm Fälle bekannt, wo bei der Kasse versichertes Vieh viel strenger kontrolliert worden sei als anderes, nicht versichertes. Der Zeuge Möhl glaubt, daß kein prozentualer Unterschied zwischen den beanstan⸗ deten Schweinen, die versichert waren, und denen, die unver⸗ sichert waren, vorhanden sei. Nach einer vom Zeugen vorgelegten Berechnung waren für einen bestimmten Zeit⸗ raum von 8960 versicherten Schweinen 145 Stück, von 2427 nicht versicherten Tieran 35 Stück beanstandet, so daß von einem Mißverhältnis nicht die Rede sein könne. Verwalter Möhl giebt nun weiter an, wie mit Ge⸗ nehmigung der städtischen Behörde Dr. Liebe als tech⸗ nischer Beirat, er(Zeuge) als Rechner für die Gießener Viehversicherung thätig sei. Ein Gehalt bezöge er für diese Thätigkeit nicht, wohl aber erhielte seine Familie Geschenke und Gratifikationen dafür, denn seine Frau unterstütze ihn sehr bei den Arbeiten für die Kasse. Von diesen Geschenken sei die Bürgermeisterei unterrichtet und die Annahme derselben mit deren Genehmigung geschehen. Möhl stellt es entschieden in Abrede, daß je von ihm oder in seinem Beisein von Dr. Liebe auf irgend jemand ein Druck ausgeübt sei, sein Vieh zu versichern. Metzgermeister Julius Rosenbaum, Mitglied der Gießener Viehversicherung, erklärt, im Februar d. J. als Mitglied der Fleischer⸗Innung von dem Obermeister Pirr in eine Versammlung geladen zu sein, wo die heute in Frage kommende Aeußerung gefallen sei. Es habe sich um die Schlichtung von Differenzen zwischen den Mit- gliedern der Innung gehandelt. Obermeister Pirr habe bei dieser Gelegenheit über die Schlachtviehversicherung von deren Gründung an referiert, er habe deren Thun und Lassen besprochen, wobei er die Aeußerung gethan: „Es ist keine Kunst, die Kasse zu gründen. Die Schweinehänd⸗ ler sind gegen ihren Willen gezwungen worden, zu versichern. Früher(ehe dieselben ihr Vieh versicherten) waren es vom Hundert 13 Schweine, die verworfen wurden, und seitdem dieselben versichern, fallen nur noch 3 aufs Hundert.“ Hierin hat der Zeuge eine Beleidigung des Fleisch⸗ beschauers Liebe erblickt und dies auch dem Obermeister sofort erklärt, ihm aber versichert, er werde nicht hingehen und ihn bei Dr. Liebe denunzieren. Pirr stellt in Abrede, daß die Aeußerung so gelautet, wie Rosenbaum behauptet. Er habe gesagt— was man nicht auf direktem Wege erreichen könne, läßt sich indirekt erwirken.— Zeuge Rosenbaum erinnert sich dieser Redewendung nicht mehr. Schluß folgt.) Gießen, 5. Dez. Der erste Vortrags⸗ abend in der Gesellschaft für Erd- und Völkerkunde fand gestern von 7½ Uhr ab im großen Saale des Gasthofs„Zum Einhorn“ statt, in dem sich eine außerordentlich zahlreiche Zuhöxrerschaft eingefunden hatte. Vor Beginn des Vortrages begrüßte der Vorsitzende die Er⸗ beten und legte nochmals in kurzen Worten en Zweck der Gesellschaft dar, die bis jetzt eine Mitgliederzahl von 193 aufzuweisen habe. Weiter wurde bekannt gegeben, daß an jedem zweiten Montag im Monat sog. Referier⸗ abende abgehalten werden, in denen Referate einschlägigen Inhaltes aus dem Kreise der Mit⸗ glieder gehört werden und zu welchem auch nur Mitglieder Zutritt haben. Betreffs einer An⸗ regung nach, welcher für die jüngeren Kaufleute eine Vergünstigung bei Besuch der Vortrags⸗ abende gewünscht wird, steht der Beschluß des Vorstandes noch aus. Der Vorsitzende begrüßte sodann den Redner des Abends, Wirkl. Geh. Admiralitätsrat Prof. Dr. Georg Neumayer, Direktor der deutschen Seewarte in Hamburg, dessen Vortrag„Ueber die Südpolarfrage“ wir kurz skizzieren: Der Südpolarfrage liegen nicht allein ideale, sondern auch praktische Ziele zugrunde. Seit 50 Jahren ist zur Erforschung des Südpols leider nichts geschehen, und auch in einem Teile des Publikums glaubt man nicht, daß diese Frage eine so große Bedeutung habe. Nur der Wissenschaftler hat die Aufgabe, diese Frage immer wieder vorzubringen, damit dieselbe in den Wogen der wissenschaftlichen Bestrebungen nicht untergeht. Vor 40 Jahren wurde vom Redner zu Melbourne ein Observatorium ge⸗ gründet, das lediglich dem Zweck dienen sollte, eine Basis für die Erforschung des hohen Südens zu 5 Schon das im Jahre 1837/38 erschienene Werk über„Die Theorie des Erdmagne⸗ tismus“ hing mit der Südpolarfrage zusammen. Man gründete damals Observatorien auf dem Kap der guten Hoffnung, auf Vandiemensland, auf Helena, um die Phänomene des Erdmagne⸗ tismus zu beobachten. Von diesen Observatorien aus wurden dann Expeditionen, darunter zwei im Jahre 1838/43, von Melbourne aus nach der Südpolarzone unternommen. Aber so viel Resultate die Expeditionen auch heim brachten, vor allem blieb die Frage, ob man es im Kerne des Pols mit kontinentalen Massen zu thun habe, ungelöst. Auch heute schwebt diese Frage noch im Dunkeln. Es ist daher unmöglich, auf dem Gebiete des Erdmagnetismus weitere Fort⸗ schritte zu machen, so lange es noch nicht ge⸗ lungen ist, in den hohen Süden vorzudringen. Man hat sich vergeblich bemüht, im hohen Süden Beobachtungsstationen qu errichten und hat bis jetzt nur bis zum 57. Grad südlicher Breite vordringen können, trotzdem vom Sommer 1882 bis dahin 1883 nicht weniger als 14 Expe⸗ ditionen unternommen wurden. Die gemachten Beobachtungen genügen nicht, um etwas Ersprieß⸗ liches zu leisten. Ueber die Klimatologie des Erdballes können keine vollständigen Ergebnisse geliefert werden, wenn große Gebiete wie das⸗ jenige der Südpolargegeud fehlen, da keine Beobachtungen daselbst gemacht sind.— Durch Observatorien ist dies zu erreichen.— Man hat nur eine geringe Klarheit über gewisse Phänomene, Depression, Strömungen der Luft und des Wassers, obgleich ein ausreichenderes Wissen über diese Dinge im Interesse des Handels und Verkehrs notwendig wäre. Die Südgrenze aller Erdphänomene ist noch nicht bestimmt. Auch die Bestimmungen über die Schwerkraft der Erde sind nur vereinzelt gemacht worden. Es ist wichtig, die Figur der Erde, die Abplattungen an den Polen zu kennen. Das vorhandene Material ist dürftig. Man erkennt immer mehr, daß es keine wissen⸗ schaftliche Frage der Gegenwart giebt, die mehr Bedeutung hat, als die Südpolarfrage. Auch die geographische Kenntnis der Südpolarzone ist noch Stückwerk. Man schließt aus den in Eis⸗ stücken vorgefundenen Fragmenten, daß kontinen— tale Gebirge vorhanden sind, ebenso können Län⸗ dergruppen, von Wasser umspült, vorhanden sein. Die britische geographische Gesellschaft ist gegen⸗ wärtig beschäftigt, eine Expedition auszurüsten, welche im nächsten Jahre zur Erforschung der Südpolarzonen ausgesandt werden soll. Doch auch die deutsche Nation muß sich an der Lösung der Frage beteiligen. Der Kernpunkt der Frage ist aus deutschem Geist entsprungen. Von ganz besonderer Bedeutung ist diese Frage für die maritime e e Nichts stählt den see⸗ männifchen Geist mehr als die Fahrt nach den Polen. Die praktische Bedeutung ist die, die Beeinflussung des Verkehrs durch die Störungen des Wassers und der Luft zu ergründen, denn vom Wesen des Erdmagnetismus weiß man noch nichts. Die Erforschung des Südpols ist eine große Aufgabe, die zu erledigen eine Pflicht der Kulturvölker ist. Gießen, 5. Dezember.(Stadttheater). Wir machen auf die morgige Aufführung des Lustspiels„Renaissance“ von Schönthan und Koppel⸗Ellfeld hierdurch ganz besonders auf— merksam. Im Berliner Theater hat das Stück im Sturm die Gunst des Publikums errungen und wurde bisher stets vor ausverkauftem Hause gegeben. Auch der Kaiser und die Kaiserin, die jüngst einer Aufführung desselben beiwohnten, sprachen ihre höchste Befriedigung sowohl über den Inhalt des Stückes als dessen Aufführung aus. Es ist entschieden eins der schönsten Stücke, die Schönthan geschrieben hat. * Gießen, 5. Dezember.(Stadttheater.) Die gestrige Aufführung des„Kleinen Lord“ fand bei recht gut besetztem Hause statt. Käthe Basté erntete auch hier den gewohnten Beifall in überreichlichem Maße. Der gute Ruf, welcher der Künstlerin vorausgeeilt war, hat glänzende Bestätiguug gefunden. Aber auch die heimischen Kräfte unseres Theaters boten ihr Bestes. Be⸗ sonders gut waren Herr und Frau Helm als Hobbs resp. Mistreß Errol und Herr Peickner als Graf Dorincourt. Anerkennenswert war auch die Leistung des Fräulein Ella Dellmar. Die übrigen Mitwirkenden fanden sich mit ihren kleinen Rollen recht gut ab.— Der gestrige Abend war ein wahrhaft genußreicher. Es steht wohl außer allem Zweifel, daß am kommenden Montag das Haus ausverkauft sein wird. Frl. Basté tritt bekanntlich an jenem Tage in Halbes „Jugend“ auf. Gießen, 5. Dez. Der Arbeits nachweis der Stadt Gießen hat im ersten Monat seines Bestehens, dem Monat November, eine verhältnis⸗ mäßig rege Inanspruchnahme erfahren u. man darf wohl erwarten, daß in Zukunft, wenn die Bevölkerung sich mehr an die neue Einrichtung gewöhnt hat, die Dienste dieser städtischen Arbeitsvermittelungs⸗ stelle noch häufiger in Anspruch genommen werden. Seitens der Arbeitgeber gingen 89 Gesuche ein, und zwar wurden 23 gewerbliche Arbeiter(darunter 12 Lehrlinge), 30 ungelernte Arbeiter und 36 weibliche Personen gesucht. Dem Angebot standen 114 Anfragen nach Ar⸗ beit gegenüber; von dieser Zahl entfallen auf die gewerblichen Arbeiter 33, auf ungelernte Ar⸗ beiter 63, und auf weibliche Arbeitskräfte 18 Gesuche. Während seitens der Herrschaften 33 Dienstmädchen gesucht wurden, haben nur 12 Dienstmädchen ihre Arbeit angeboten; vorerst noch scheinen die letzteren zum größten Teil die Dienste der Gesindevermieterinnen, welche sich für jede Vermittelung eine nicht unbedeutende Ver⸗ gütung bezahlen lassen, der kostenlosen Stellen— vermittelung durch den Arbeitsnachweis vorzu⸗ ziehen. In 32 Fällen erhielt der Nachweis die Mitteilung, daß durch ihn Stellen besetzt worden sind. Es ist jedoch anzunehmen, daß durch die Thätigkeit des Arbeitsnachweises eine noch größere Zahl von Stellen vermittelt wurde, ohne daß demselben eine diesbezügliche Mitteilung zu⸗ gegangen ist. Im Interesse eines guten Ge⸗ schäftsganges ist es aber unbedingt nötig, daß Arbeitgeber und Arbeitnehmer, welche den Nach— weis in Anspruch nehmen, sofort demselben unter Bezugnahme auf den Tag der Anfrage Kenntnis geben, sobald sie, sei es durch den Nachweis, sei es ohne denselben die erforderten Arbeitskräfte oder die gesuchte Arbeit erlangen. 85 Gießen, 5. Dez. Im Monat Oktober 1896 haben sich im Vergleich zum selben Monat des Vorjahres bei den Oberhessischen Hauptbahnen im Personen verkehr Mehr⸗ einnahmen von ca. 6,07 pCt., im Güter⸗ verkehr dagegen Mindereinnahmen von ca. 4,58 pt. ergeben. Im letzteren Verkehr sind hauptsächlich Ausfälle bei Transporten von Zuckerrüben, Braunkohlen und Briketts, Steinen und Erzen zu ver⸗ zeichnen.— Hinsichtlich der Nebenbahnen ist nur der Ausfall im Personenverkehr der Strecke Stockheim⸗Gedern auffällig, der indessen lediglich aus einer Verschiebung des Ortenberger Marktes in den Monat November herrührt. lesen wir: Eine wahre Parforcejagd wurde gestern gegen Abend durch verschiedene Straßen auf einen Soldaten des 116. Infanterie⸗ Regiments von Gießen gemacht. Derselbe fand das Soldatenleben unschön und kam ohne Urlaub hierher. Die Schutzmannschaft hatte Weisung, denselben zu arretieren. Gießen, 5. Dezember. Oeffnet die Fenster! In der kalten Jahreszeit sieht man wieder häufig, daß in vielen Wohnungen die Fenster ängstlich zugehalten und vielfach den ganzen Winter über nicht geöffnet werden. Be⸗ tritt man ein solches ungelüftetes Zimmer, so strömt uns eine widerliche Luft entgegen, die das Atmen in der ersten Zeit fast unmöglich macht. Die Annahme, daß man bei geschlossenen Fenstern und Thüren eine wärmere Stube be⸗ kommt und dadurch an Brennmaterial spart, ist eine ganz irrige, denn reine Luft erwärmt sich viel leichter als unreine. Jede Wohnung muß täglich einigemale gelüftet werden, ganz speziell wenn sich Kinder darin aufhalten. Um ein Zimmer mit frischer Luft zu versehen, genügt übrigens im Winter eine Spalte des geöffneten Fensters. Viele Krankheiten, vor allem die lästigen Kopfschmerzen ꝛc., lassen sich dadurch vermeiden. Vermischtes. — Schiffsuntergang. Nachdem der Kapitän Vanselow mit der Mannschaft der Danziger Bark „George Linck“ in Danzig eingetroffen ist, liegen auch über den Untergang des Schiffes nähere Nachrichten vor. Die Mannschaft des Schiffes hat Leiden zu erdulden ge⸗ habt, wie sie wohl selten vorkommen. Am 20. Sep⸗ tember ging das Schiff von Quebec mit einer Ladung Holz nach London in See; vom 24. September an be⸗ gannen bereits die Drangsale, die einen vollen Monat währen sollten. An dem genannten Tage geriet das Schiff in schwere See, welche die Schanzkleidung zum Teil losschlug. Die Ladung scheint durch das Schlingern und Stoßen in Bewegung geraten zu sein und an der untersten Ladeluke eine Beschädigung veranlaßt zu haben. Die Mannschaft konnte nicht zu dem Leck kommen; man setzte nun die Windmühlen⸗ und andere Pumpen in Bewegung, die, da die Stürme nicht nachließen, fast unausgesetzt in Bewegung gehalten werden mußten. Trotzdem nahm das Wasser im Schiffe nicht ab, sondern stieg immer mehr. Man sah sich veranlaßt, die Deckslast über Bord zu werfen und zu diesem Zwecke die Reeling zu rasiren. Am 15. Oktober stand das Wasser bereits 8—9 Fuß; an diesem Tage wurde beim Ueberbordwerfen der Ladung ein Matrose schwer verletzt. Am 18. Oktober versagte die Windmühlenpumpe, und von nun an mußte die Mann⸗ schaft allein die Pumpen bedienen. Das Wasser nahm immer mehr zu und stand am 23. Oktober bereits zirka 12 Fuß. Am Tage darauf versammelte Kapitän Van⸗ selow, nachdem zwei Schiffe in Sicht gekommen waren, seine Mannschaft und beratschlagte über die weiteren Schritte. Die total erschöpften Leute weigerten sich, die Pumpen weiter zu bedieuen und blieben nach dreimaliger Aufforderung dabei, so daß nun das Notsignal gesetzt wurde. In dieser kurzen Zeit, während welcher die Pumpen nicht im Betrieb waren, stieg das Wasser auf 13½ Fuß. Von einem Viermaster, dem Schiffe „General Gordon“ aus Liverpool, wurde ein Boot an Bord des„George Linck“ entsandt. Dem englischen Steuermann erklärte Herr Vanselow, er müsse das Schiff verlassen, in dem etwa 15 Fuß Wasser ständen und das binnen Kurzem volllaufen müßte. Man schaffte die Effekten, den Proviant usw. an Bord des„General Gordon“. Als dies geschehen war, wurde noch einmal das Wasser im Raum gemessen und 18½ Fuß gefunden. Hierauf legte, damit das Wrack nicht eine Gefahr für die Schiff⸗ fahrt würde, der englische Steuermann Feuer in der Kajüte an, das sich bald über das Schiff fortpflanzte. Die Danziger Mannschaft rühmt die freundliche und ent⸗ gegenkommende Aufnahme auf dem englischen Schiffe. — Ueber die Ausdehnung der Morphium⸗ sucht in Paris hat zunächst ein Pariser Arzt bemerkens⸗ werte Angaben gemacht. Auf Grund von Mitteilungen einzelner Apotheker und Aerzte kann die Zahl der in Paris lebenden Morphiumsüchtigen auf mindestens 50 000 veranschlagt werden. Die Mehrheit davon, mindestens 30000, gehört dem weiblichen Geschlechte an. Ein ebenso auffallendes als lehrreiches Ergebnis bietet die Zusammen⸗ stellung mehrerer hundert Fälle vou Morphiumsucht nach den Berufen. Da kommen zunächst die Aerzte mit ihren Frauen, die fast ein Drittel der Kranken ausmachen, die zweitstärkste Ziffer weisen die Offiziere auf, denen sich dann die Apotheker anreihen. Ungewöhnlich viel Mor⸗ phiumsüchtige findet man unter den Handwerkern und Tagelöhnern, weniger heimgesucht von diesem Laster sind der Künstler⸗ und Schriftstellerstand. Die seltsame Er⸗ scheinung, daß gerade die Aerzte, welche die unheilvollen Folgen der Morphiumsucht am besten kennen, den größten Teil des Heeres der Morphiumsüchtigen bilden, kann nur damit erklärt werden, daß sie infolge ihres so häufig un⸗ dankbaren und aufreibenden Berufs am leichtesten in die Versuchung geraten, in dem Morphiumrausche ihre Müh⸗ sale zu vergessen. Das Schlimmste dabei ist, daß der morphiumsüchtige Arzt einen unwiderstehlichen Hang hat, für seine Leidenschaft Propaganda zu machen, daß er diese erst in seiner Familie und dann unter seinen Kranken verbreitet. In ähnlicher Weise tragen auch die Apotheker an dem Ueberhandnehmen des Morphiumlasters Schuld, da sie teils aus Gewinnsucht, teils aus einer gewissen Sympathie für die diesem Laster fröhnenden Kunden, den strengsten Vorschriften zum Trotz, das Gift oft sogar ohne jedes Rezept verabfolgen. So wurde vor Kurzem ein Pariser Apotheker zu einer Geldstrafe verurteilt, weil er einer reichen Dame innerhalb weniger Monate ohne ärzt⸗ liche Verordnung eine große Menge Morphium verkauft hatte. Ebenso leicht, wie es den Morphiumsüchtigen ge⸗ macht wird, sich das verderbenbringende Gift zu ver⸗ schaffen, können sie auch in den Besitz der erforderlichen Pravazschen Spritze gelangen; denn nicht nur der Er⸗ zeuger chirurgischer Instrumente, sondern auch andere In⸗ dustrielle haben sich auf ihre Herstellung verlegt. In Paris giebt es Juweliere und Goldschmiede, deren Haupt⸗ geschäftszweig die Herstellung eleganter Pravazscher Spritzen ist. Sie verkaufen Schirmgriffe, Fächer, Riech⸗ fläschchen, ja selbst Bucheinbände, die nichts anderes sind, als ein Versteck für das zierliche und doch so schlimme Gefahren bringende Instrument. — Im fernen Westen Amerikas spielt bei Prozessen außer der advokatischen Beredtsamkeit oft auch So wird jetzt aus Spokane im der Revolver eine Rolle. * Gießen, 5. Dez. Im„Offenb. Abendbl.“ Territorium Washington gemeldet: Ein Prozeß, der ganzen Pacific⸗Küste und namentlich 119 Kreisen Aufsehen erregte, ist hier nach langw handlung zum Abschluß gekommen, und nur eine 1 Stunde bedurfte die Jury, um sich auf einen fre den Urteilsspruch zu einigen. Henry Seiffert, e Rechtsanwalt, hatte am 31. Juli d. J. im bieten richtsgebäude den Advokaten und Politiker L. e. dun nach kurzem Streite erschossen und sich darauf dem Sherß; 0 des Nachlasses des reichen Brauers Rudolph Cad, 5 Eu gestellt. Seiffert war dem Nachlaßrichter als kurz zuvor gestorben war, empfohlen worden. hatte sich ein Jahr vorher mit einer Varietäten⸗Kün verheiratet, die Ehe war aber unglücklich verlaufen m f Garkow hatte auf Scheidung geklagt und in 0 Testamente der Frau nur einen Dollar ausgeworfen Ehe die Klage verhandelt werden konnte, trat der dazwischen. Frau Garkow focht das Testament an un! engagierte Platter als Anwalt. Dieser opponierte Seiffert Ernennung und machte dabei einige Bemerkungen, die 585 Angegriffene als ehrenrührig auffaßte. Nach der Ver. handlung bot Seiffert Platter, mit dem er bis dahit befreundet war, die Hand und erbot sich, ihm sein Unren nachzuweisen. Platter versetzte als Antwort Sesffert nl dem Stock einen Hieb, worauf der nochmals Bel 1 seinen Revolver zog und, trotzdem mehrere Advokaten dies zu verhindern suchten, den Menschen erschoß. Die Wer handlung des Prozesses war eine sehr aufregende. Alz der Urteilsspruch verkündet wurde, sank Frau Seiffen ihrem Gatten weinend um den Hals. Die ganze Be⸗ völkerung billigt das Verdikt. Standesamtliche Nachrichten. Geburten. Am 25. November. Dem Kaufmann Wolf Werthe eine Tochter, Martha. 25. Dem Schneider Hei Heinze ein Sohn, Gustav.— Am 27. November. Den Vorarbeiter Heinrich Kaspar Müller ein Sohn. N Dem Gemüsehändler Bernhard Schmitt eine Tochter, Emma Elise Anna.— Am 28. November. Dem ilfe bremser Adam Zinn eine Tochter.— 28. Dem. Wiegand Wagner ein Sohn, Ferdinand Christian mann.— Am 29. November. Dem Tagelöhner Rola Port eine totgeborenes Kind, weiblichen Geschlechts. Aufgebote. Am 27. November. Theodor Karl Ludwig Johgm Frutig, Zahnarzt dahier, mit Elsbeth Agnes Mach Dreßler zu Leipzig. Am 30. November. Seydel, Gärtner dahier, mit Johannette Bellersheim g Wetzlar.— Am 1. Dezember. Heinrich Oestreich, Fuh mann dahier, mit Christine Lippert hierselbst.— 1. Karl Jakob Hermann Finger, Privatdozent dahier, Karoline Marie Luise Weiffenbach hierselbst.— 1. Rudolph Wilhelm Georg Friedrich Koch, Zahnarzt de ji mit Klara Emilie Florentine Krauße hierselbst.— 9 3. November. Heinrich Jakob Schmitt, Schlosser. Gießen, mit Katharine Elise Eich bierselbst.— 3. Alb Neubürger, Kaufmann dahier, mit Ida Nußbaum hie selbst.— Am 4. Dezember. Heinrich Kratz, Statlons Assistent dahier, mit Katharine Karoline Ernstine Wilh.„ mine Anna Marie Rapp zu Nieder-Gemünden.— Markus Bauer, Kaufmann dahier, mit Sophie Baer hierselbst. Eheschließungen.* Am 28. November. Wilhelm Petri, Maschinenarbell dahier, mit Clisabeth Johanna Katharine hierselbst.— 28. Heinrich Knorr, Metzger dahler, Luise Christiane Schmidt hierselbst.— 28. Philipp bel Anerkan Dieses! Pbanzenstoffen lestillier enichllacb, auf and derart gr. Penonen gele den Tabnkant, algen, dnss ul die Sch dehnen vol Ju 100 ung, Mala r. Alp, noni Ju bez Sn enn een Fuhrmann dahier, mit Katharine Susanna Auguste Mol 1 hierselbst. Sterbefälle. 1 Am 27. November. Marie Katharine Hedwig Dauer heim, geb. Stohr, 74 Jahre alt, dahier, Witwe 99 Hauptkassebuchhalter Wilhelm Dauernheim.— 27. Geht Mufang, 35 Jahre alt, von Ilbenstadt.— Am 20 November. Karl Wagner, 8 Monate alt, Sohn 99 Fuhrmann Johann Wagner dahier.— Am 30. Noh Georg Heinrich Schomber, 74 Jahre alt, Rentner dah l — 30. Lützellinden.— Am 1. Dezember. Jahre alt, von Niederdiefenbach. Neueste Telegramme. Hd. Hamburg, 5. Dezember. Haltung der Streikenden fortgesetzt ruhig. Trotz der Prol mation des Generalstreiks ist im Haf⸗ der Verkehr wenig schwächer, als den Tagen vorher. Nur die Quais sind vollständig verödet. Heute Vormittag fanden 10 von der Streik⸗Kommission angesetzte Versammlungen der Aus ständigen statt. Von Seiten der Ar beitgeber ist nicht die geringste Nachgiebigkeit zu erwarten. Deshalb sind die Aufrufe und Flugblätter der Arbeiter in scharfer Sprache gehalten und an heftigen Ausfällen reich. Hd. Bombay, 5. Dezember. Die in der europäischen Kolonie ausgebrochene Pest Die mee hat euche fordert zahlreiche Opfer. eine Anzahl Aerzte zur Bekämpfung der beordert. Hd. Paris, 5. Dezember. Depeschen aus Nantes, Brest, Havre und Calais melden heftige Stürme an der Küste. Marktpreise. Gießen, den 5. Dezember. eler 1 St. 7—8, Enteneier—, Gänseeier——, 5—8, Käsematte 3, Erbsen per Liter 17, Linsen 28 Pfg., Tauben per Paar 50—60 Pfg., Hühner p. St. 901,0 Hahnen 60— 100, Enten 1,50— 1,70, Gänse per 45— 55, Ochsenfleisch 66— 74, Kuh- und Rindfleisch 60 bis 66, Schweinefl. 56— 66, Schweinefl., gesalz. 70—72, Kalbfleisch 50— 54, Hammelfleisch 5065, Kartoffeln pro 100 Kilo 4,00 4,50, Zwiebeln per Zentner 4,00 Mark, Milch per Liter 16 Pfg. 5 — Verleger: Paul Bader in Marburg, Verantw. Redak⸗ teur: Wilhelm Sell, Druc von E. Ottmann, beide in Gleßen. Georg Wenzel, 34 Jahre alt, Wagenputzer 9 on ö Anna Hanappel, 2 Auf dem heutlgen b Wochenmarkte kostete: Butter per Pfd. 1— 1,10, Hühner⸗ 2 1 M0 1555 — 0 1 2 Mittag 8 Leparat 5 1 1 Wir machen hiermit das Publikum N 1 21 aufmerksam, daß on jetzt ab bis zu dem Weihnachtsfeste ie Verkaufsläden W Sonntags von 11 Uhr vorm. bis 7 Uhr abends ffnet sind. Der Vorstand des Detaillisten-Vereins 1635 zu Gießen. * „Rheumatica“. per Hl. 1,70 Mk. incl. Schafswolle. Anerkannt bestes Mittel gegen Rheumatismus. Angemeldet beim Kaiserl. Patentamt 1641½. Dieses aus stark ätherischen, flüchtig und scharf durchdringenden Pflanzenstoffen und Kräutern zusammengesetzte, mit Weinrückständen destillierte Extrakt hat sich, wie aus täglich eingehenden Attesten ersichtlich, auf's Beste gegen rheumatische Leiden bewährt. 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Gießen, den 1. Dezember 1896. 1627 Der Vorstand. Bekanntmachung. Diejenigen hiesigen Einwohner, welche im Laufe dieses Jahres Hunde abgeschafft haben, wollen dies spätesteus bis zum 31. De⸗ zember d. J. entweder schriftlich oder münd⸗ lich in Selbstperson bei der unterzeichneten Stelle anzeigen, indem sonst die Verbindlichkeit zur Entrichtung der Hundeabgaben auch im folgenden Jahre und so lange fortdauert, als diese Anzeige versäumt wird. Gießen, den 4 Dezember 1896. Großh. Bürgermeisterei Gießen f Beigeordneter. Bekanntmachung, belreffend: i der Wasser⸗ eitung. Wegen Vornahme einer größeren Robrver⸗ legungsarbeit in der Liebigstraße sind wir genötigt, Dienstag, 8. Dezember 1896, nachmittags von 1½ bis gegen 3 die Wasserleitung in der 0 95 oberen Ludwigstraße(oberhalb der Oberhess. Eisenbahn), auf dem Riegel⸗ pfad, in der Liebig⸗ und Wilhelm⸗ straße(zwischen Ludwig und Ebel— straße), in der Ebelstraße und auf dem Leihgesternerweg abzusperren, was wir hiermit zur gefl. Kennt⸗ nisnahme der betr. Anwohner bringen. Gießen, 5. Dezember 1896. Städtisches Gas⸗ und Wasserwerk Gießen. Otto Bergen. Wäsche z. waschen u. bügeln wird noch angenommen. 1655 Laudmannstraße 10. Schrapenborg's dass schon überaus viele an Rheumatismus leidende wurden, bevor nur Reklame oder aber auch nur durch Alle Atteste be- 1372 + 2 Ko. Resina Pini. Droguerieen. Alleiniger Fabrikant: 1: uοανεινj,j,ꝓ uud bun sen 1465 Unsere große Weinnachts-Aussfellung Binderspielwaren ist eröffnet. Moritz Gregori& Sohn Kreuzplatz 14. Martini Gas-Glüh-Licht! W tadellose, bl Kompletter Brenner mit Ersatz⸗Glühkörper, N passend, per Stück 1 Mark 20 Pfg. Komplette Lampen werden auf Glocken, Cylinder, L 8 8 0 A. Gretscher. Neustadt 78. Restaurant und Cafe oranien- Bräu. 6 Ludwigsstraße 6. stisch im Abonnemet 65—83 Pfg. peisen à Separate Zimmer Ia carte zu jeder Tageszeit. für Gesellschaften. . Weine. Biere und Liqueure. 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