Gießen, Donnerstag, den 2. April 1896. Ausgabe Gießen. che Landeszeitung. Redaktion: 65 Kreuzplatz Nr. 4. 28 Erscheint täglich mit Ausnahme der Tage nach Sonn- und Feiertagen. Preis der Anzeigen: 10 Pfg. für die 5spaltige Petitzeile. . Expedition: 24 Kreuzplatz Nr. 4. pkales und Provinzielles. 95 d 7 5 fung„ Gießen, 1. April. Bange machen gilt icht! Unter diesem Motto schreibt man uns: .. April Janche Mutter ruft ihrem fünf⸗ oder sechs⸗ Wuren igen Buben, wenn er mit seinen Geschwistern ddt dn an Ait Frieden halten will oder wenn er sich nach 15 und aug m Befehl nicht von der Stelle rührt, zu: 5 Jenn Du nur erst zur Schule kommst, dann finalen fi, id der Lehrer Dir Deine Streitsucht, Deinen meinde w usinn schon austreiben!“ Ganz Recht, liebes ug Fitterchen, der Lehrer muß ungezogenen Buben 2 Uhr, Beh, Neuüber Ernst gebrauchen, sonst steckt Einer . Anderen au, und er kann mit den 50 oder noch mehr kleinen Geistern nicht auskommen. if den hene, Ban aber dem kleinen Paul oder wie er sonst lh, Kalbe Fit, bei jeder Gelegenheit die Schule als der Ort , ihn die Augen geführt wird, in dem es„Haue“ ba At, so enlsteht in dem kleinen Kopf doch ein 6101 z falsches Bild von der Schule. Er denkt Guse e sich als eine schreckliche Prügelanstalt und o Müde, I Lehrer als den bösesten Prügelmeister. Damit ec, 70. 7 It man aber dem zukünftigen Schüler und 0, Kattaffan e Ach weniger der Schule und dem Lehrer einen er 50% M. allen. Der Kleine bekommt, wenn er das ort Schule hört, eine Gänsehaut. Und je ser der Tag heranrückt, an welchem er zuerst große Haus betreten soll, desto weiter wünscht ihn weg. Sein ruhiger Schlaf, den jedes And sehr nötig hat, wird gestört durch häßliche ume. Er ist in großer Aufregung, voll rer Angst, wenn er den ersten Schulgang an Hand seiner Mutter antritt. Kaum hat sie dann nach einem zärtlichen Abschiedskuß ver⸗ eu, so bricht ein lautes Heulen los. Wenn der Lehrer nicht da stände, würde er der er schnell nachlaufen. Wie viele versuchen och! Es ist für den Lehrer kein leichtes , Nerautb. i, Sick Arbeit, in den ersten Tagen die kleinen don E. Ottmann Aale zusammen zu halten. Die neue unbekannte iebung wirkt zu verwirrend auf sie. Der eine seine Mütze verloren, der andere sein Ränzel, dritte sein Butterbrot. Alles spricht, ruft J weint durcheinander. Die Verwirrung wird . wesentlich vermehrt durch die Angst. Angst flucht dumm und hülflos. Wenn das Kind in uhlicher Erwartung die Schulstube betritt, so ud es aufmerksam auf das Wort des Lehrers; un ihm aber die Angst den Hals zusammen⸗ 3 Jahre al, uch in lohn b. Kummer, 60 caßhen⸗Assstent ze 76. 9 Lupus, geb. ilterin zu Bad en Klinil. f 1 lükblech Ch hrten Zink⸗ le vielen von eipolbt, 1 8 5 0. gal in Art, so wird es nichts hören und nichts sehen; 478 ird recht„täppisch“ sein. Mit seinem Schreien daes bald die Zielscheibe des Spottes für die isteren und eine Folter für die Nerven des 1 sters. Wenn auch alle Kinder mit Mut und Sttrauen den bedeutungsvollen ersten Schulgang u 31. Mig, teten, so wird in der ersten Zeit der Lehrer erleichtert aufatmen, wenn der Tag vorüber denn seine Nerven müßten von Stahl sein, f„mm sie nicht angegriffen würden. Wenn aber 9 0 2 Volks nige unter der Zahl vor Angst konsequent weinen nung. i nach Hause wollen, dann ist es zum Davon⸗ fen.— Wenn nun aber der Aengstliche sich un Nedakteulz lich überzeugt, daß es in der Schule gar nicht N: f uk 5 ner, Rik Mtargot's Muff. . 115 Von Cethegus. e en(Nachdruck verboten.) Es war ein sehr schöner Morgen im Februar. ö 10 Bäume und Sträucher des Stadtparks hatten . et Frost aus ihren Gliedern geschüttelt und fingen sich mit verheißungsvollen Knospen zu schmücken. Wind, der noch vor wenigen Tagen als ein keischer alter Straßenkehrer dürres Laub und hee miteinander zusammengefegt, hatte sich in en übermütigen Jüngling verwandelt und fand U 1 größtes Vergnügen daran, in Margot Feldheim's f B inden Stirnlöckchen zu spielen und die Wangen sondere 1 einsamen Spaziergängerin hübsch rot zu färben. fährtroft 10 Ueberaus schwärmerisch blickten Margot's blaue 1 oder„ Aten in den sonnenhellen Morgen hinaus und 55 frei i für den blonden Stirnlöckchen wirbelten die 0 ntischsten Verse und die weltschmerzlichsten Ge— he in schöner Unordnung durcheinander. Sie te sich das erlauben, denn sie war erst vor 1 Vierteljahr aus dem Pensionat entlassen, und Vater war der reichste und sicherste Vertreter Fett- und Thranbranche in der Residenz,— in na Gotthold Feldheim selig Witwe und Söhne. 1 Unter der Fülle von vorzüglichen Zeusuren, page ue Margot aus dem Penstonat mitzubringen 1e ie digte, hatte die Litteraturgeschichte stets die erste 4 inznummer geliefert. In dem Fache konnte sich le mit ihr messen. Selbstverständlich berück⸗ 05— 6 wigte die Litteraturstunde im Pensionat außer den g be Jelannten Klassikern nur allenfalls noch solche ter, welche nachweislich und unbestritten tot so schlimm ist, wie die Mutter immer gedroht hat, was soll dann das Kind von seiner Mutter denken? Glaubst Du nicht auch, verehrte Mutter, daß das felsenfeste Vertrauen Deines Kindes auf Dein Wort einen Stoß bekommt, der es bedenklich zum Wanken bringt?“ Gießen, 1. April. Unsere Stadt wird nach Errichtung des Kaufmännischen Ver— einshauses wieder um ein monumentales Gebäude reicher sein und es lohnt wohl schon jetzt, den nach dem Entwurf der Architekten Stein und Meyer auszuführenden Bau zu be— sprechen. Das Vereinshaus soll bekanntlich an der Nord⸗Anlage auf dem von der Stadt zu diesem Zwecke kosteulos überlassenen Gelände, welches gegenüber der Stadtknabenschule belegen ist, errichtet werden. Nach dem Entwurf präsen⸗ tiert sich das Gebäude als fein durchgebildeter Renaissancebau in Putz mit sparsamer Verwen⸗ dung von Sandstein gedacht. In der Mitte der Facgade befindet sich das in Sandstein durch— zuführende Hauptportal des Hauses, über dem⸗ selben in einer Nische stehend präsentiert sich die Statue des„Merkur“ in Lebensgröße. Ein zweiter Eingang, welcher direkt in das Treppen⸗ haus führt, ist an der Seite des Hauses vor— gesehen. Ein französischer Dachstuhl, dessen steile Flächen mit Schiefer abgedeckt werden und dessen Plateau in Holzeement⸗-Dachung auszuführen ist, iebt dem Bau einen gefälligen Abschluß. Im Iller des Hauses dient das Souterrain zu Küchen⸗ und sonstigen Wirtschaftszwecken. Das Erdgeschoß enthält ein Zimmer für den Vorstand des Kaufmännischen Vereins, ein Sitzungszimmer für die Großh. Handelskammer, einen Raum zur Unterbringung des Sekretariats der Handels⸗ kammer, einen Raum für die Bibliothek des K. V. und ein Zimmer, welches noch für Zwecke der Handelskammer Verwendung finden soll. Das große Restaurationszimmer, welches eben⸗ falls im Erdgeschoß liegt, befindet sich nach hinten heraus und ist der Austritt von hier aus, mittels einer vorgesehenen Terrasse nach dem Garten zu, edacht. Im Obergeschoß sind drei geräumige zehrsäle, sowie ein Raum für das Lehrlingsheim vorgesehen. Die Wohnung für den Hausverwalter hat im Dachgeschoß nach dem Garten heraus Platz gefunden. Wenn man zum Hauptportal in das Gebäude eintritt, befindet man sich in einem Vestibüle, dessen Decke durch ein imitiertes Kreuzgewölbe geschlossen ist. Der Bau ist frei⸗ stehend gedacht, von drei Seiten umrahmen ihn Gartenanlagen, während er von der linken Seite von der von der Nord-Aulage zur Steinstraße führenden Durchfahrt begrenzt wird. * Gießen, 1. April. Gestern Mittag ver⸗ starb dahier infolge eines Schlaganfalls der in Friedberg am 30. Juni 1833 geborene Poli⸗ zeirat Wilhelm August Fresen ius. Der Verlebte kam 1874 als Polizei⸗Kommmissar von Darmstadt nach Gießen, wo sein Vater im Jahre 1848 Hauptmann der Bürgerwehr ge— wesen war. Im Jahre 1882 erhielt er den Titel Polizeirat. Fresenius gehörte der Bur⸗ schenschaft Germania an, er war ein Beamter alt⸗ hessischen Schlages, ein abgesagter Feind der sogenannten Schneidigkeit und erfreute sich inner— halb der Bürgerschaft allgemeiner Sympathieen. Gießen, 1. April. Gestern Nachmittag hat die Finanz-Kommission über die zu vergebende neue 3½% Anleihe der Stadt Gießen in Höhe von 1. 1,800,000 beraten; über deren Beschlüsse ꝛc. ist Amtsverschwiegenheit proklamirt. Soviel sind wir aber schon jetzt in der Lage mit⸗ teilen zu können, daß eine stattliche Anzahl erster deutscher Bankinstitute und Bankhäuser, unter Letzteren auch Gießener Firmen, um unsere Stadtanleihe sich beworben haben. Die Ver— treter der Genossenschafts-Bank und der Mittel- deutschen Kredit-Bank waren persönlich von Frankfurt gekommen, um ihre Offerten in der Bürgermeisterei abzugeben.— Auch sollen die Angebote erheblich über Pari lauten: ein gewiß erfreuliches Zeichen über die Bonität unseres städtischen Kredits. Gießen, 1. April. Dem Vernehmen nach wird zu der am 16. Mai vorgesehenen Ent- hüllungsfeier des Kaiserdenkmals in Frankfurt, bei der auch das Kaiserpaar anwesend sein wird, die I. Kompagnie des 116. Juf.⸗Reg. Kaiser Wilhelm als Ehrenkompagnie in Frank⸗ furt a. M. Dienst thun. * Gießen, 1. April. Die s. Zt. in der Versammlung bei Spieß gewählte Viehmarkts⸗ Kommission hat eine Petition an den Stadtvorstand beschlossen, in der darauf hin⸗ ge viesen werden soll, welche Schädigung die Altstadt erleiden würde, wenn der Viehmarkt nach dem Süden der Stadt in die Nähe der Margarethenhütte verlegt werden sollte. Die Petitionsbogen werden in den nächsten Tagen öffentlich an verschiedenen Stellen der Stadt zum Zwecke des Unterschreibens ausgelegt werden. * Gießen, 1. April. Die von uns gebrachte Notiz über die Fernsprechanschlüsse stellen wir dahin richtig, daß der Lohnkutscher Junker unter der angegebenen Nummer bereits ange⸗ schlossen ist. Die 4 anderen Anschlüsse werden erst in 2 bis 3 Wochen erfolgen. * Gießen, 1. April.(Besitzwechsel.) Malermeister Gottlieb Nauheimer verkaufte sein Frankfurterstraße 3 belegenes Haus für 80000 4 an den Zahnarzt Eduard Jäger. * Hungen, 31. März. Unserer Stadt ist vor einiger Zeit ein bisher einer Witwe ge⸗ höriges Haus zu dem Zweck überlassen worden, darin eine Kranken anstalt zu errichten. Da man sich der sonst günstigen Verhältnisse in Be⸗ zug auf Armenpflege für Hungen selbst davon wenig verspricht, hat Herr von Oven, als Ver⸗ treter der Stadt, im Kreistag beantragt, das Haus zu einem Bezirkskrankenhaus umzu⸗ gestalten. Nach den hierüber in der letzten Kreis⸗ kagssitzung gepflogenen Verhandlungen erachtet man die Verwendung des Hauses als Bezirks⸗ krankenhaus für angängig, da in Provinz⸗ verwaltung ein Stiftungsfonds sich befinde, dem die Kosten für die Verwaltung des Hauses ent⸗ nommen werden könnten. Es ist beabsichtigt, vorerst die Aufnahme von Kranken aus der alten Grafschaft Hungen zu ermöglichen und die dazu gehörigen Gemeinden zu veranlassen, zu den Unterhaltungskosten beizutragen; doch soll, falls die Gemeinden hierauf nicht eingehen, die Ueber⸗ nahme des Hauses auf den Kreis im Auge be⸗ halten werden. Mainz, 31. März. Die preußische und hessische Regierung haben ein Verstaatlichungs⸗ Angebot der Hessischen Ludwigsbahn zugehen lassen. Danach sollen die in den Provinzen Rheinhessen und Starkenburg belegenen Eisenbahn⸗ strecken des Hessischen Ludwigsbahn-Unternehmens am 31. Dezember 1896 als Staatsbahn erklärt werden. Den Aktionären soll eine Abfindung für je eine Aktie von 600 1 Schuldverschreibung im Gesamtwerte von 700& in preußischen und hessischen Staatspapieren unter der Bedingung angeboten werden, daß vorab der Beamten⸗ Kautionsfonds wie der Reservefonds und der Erneuerungsfonds der Gesellschaft in ihren Bilanz⸗Sollbeständen durch Verwendung dis⸗ ponibler Grundstücke effektiv wiederhergestellt werden. Als Liquidationspreis werden achtzig Millionen Mark seitens beider Staaten bezahlt. Bis zum 15. Juli soll die endgiltige allseitige Entscheidung getroffen werden. Vermischtes. — Sonderlinge. Aus Bamberg wird der Mün⸗ chener Allgemeinen Zeitung berichtet: Dieser Tage starb dahier der 75jährige Gärtnermeister Ignaz Och, der letzte von 5 Geschwistern. Diese Geschwister hatten vor ca. 8 Jahren an den Fiskus einen größeren Komplex von fruchtbaren Feldern abzutreten zur Erweiterung des Bahn⸗ hofes und zu Kasernenbauten, waren indeß durchaus nicht freiwillig hierzu zu bewegen, weshalb das Expropriations⸗ verfahren eingeleitet wurde. Da die Geschwister Och den Kaufpreis anzunehmen sich weigerten, so wurde derselbe bei der k. Bank für dieselben deponirt. Der Betrag liegt heute noch als Depot bei der Bank und die Summe hat sich auf ca. 27,000 Mark vermehrt. Als der Tod einige der Geschwister hinweggerafft hatte, deckten die Ueber⸗ lebenden für die Verstorbenen eine Zeit lang den Tisch täglich, wie wenn die Betreffenden noch am Leben wären, der Platz beim Essen wurde bereit gehalten und die Speisen nach dem Essen wieder abgetragen. Die Ge⸗ schwister bewohnten eine abgeschlossene Gärtnerswohnung. Kein Mensch konnte sie dort aufsuchen. Der Steuerbote konnte bei seinen Zustellungen nur mit List und durch Benützung einer Leiter in das Haus eindringen und auch der die letzte Oelung spendende Geistliche mußte auf die Weise in das Haus gelangen. Jetzt theilen sich in die obengenannte Summe lachende Erben. — Elephantenappetit. Aus London wird ge⸗ schrieben: Taunton wurde dieser Tage durch den Besuch einer reisenden Menagerie geehrt, deren piece de résistance eine liebenswürdige Elephantin war, die über drei Tonnen wog und so groß war, wie eine Vorstadtvilla. Besagte Elephantin, die das Einerlei ihrer Existenz etwas satt hatte, beschloß, sich das niedliche Städtchen etwas auf eigene Faust anzusehen. Sie machte sich denn des Nachts waren. Sobald aber Margot dem Schulzwange entwachsen war, fing sie an, auch den Lebenden zu ihrem Rechte zu verhelfen. Mit einigen gleich be⸗ geisterten und gleichfalls aus guten Familien ent— stammten Freundinnen stiftete sie ein Kränzchen, in welchem man sich allwöchentlich zusammenfaud, um Schokolade mit Schlagsahne, Himbeerlimonade, Torten und schöne Litteratur zu genießen. Sie lasen die Braut von Messina, die Jungfrau von Orleans und die Maria Stuart mit verteilten Rollen, aber vor Allem viel Lyrisches, und schlossen bei letzterem auch neueste Dichter keineswegs aus, vorausgesetzt nur, daß diese sich recht weltmüde und weltschmerz— lich gebahrten und an Gottes schöner Schöpfung kein gutes Haar ließen. Und in dieser Hinsicht hatte auf Margot und ihre Freundinnen keiner einen so allseitig befriedigenden Eindruck gemacht, als Franz Tober mit seinem vorjährigen Erstlings— werke:„Götterdämmerung und Totentrompeten. Aus meiner lyrischen Schmerzenskammer.“ Es war fraglos Derjenige, der es am besten vermochte, die Reize der Schokolade mit Schlagsahne und Kirsch— törtchen noch durch ein wuseliges Gruseln zu er— höhen. Seine jungen Verehreriunen wußten als— bald ganze Seiten aus dem Büchlein auswendig und verglichen mit der dem Deutschen uuentbehr⸗ lichen Neigung zu vergleichen den Dichter frischweg mit Lenau. Das war die höchste Auszeichnung, welche sie ihm zusprechen konnten; deun unter den Aelteren war der schwermütige Lenau ihr größter Held. Mit tiefer Wehmut und unter allgemeinem Thränenvergießen hatte Margot in dem letzten Kränzchen jenes Gedicht Franz Tober's aus dem Kopf deklamiert, welches so einfach und schön über— schrieben ist:„Abschied ist Tod“ und anfängt: „O lebe wohl!— und glutenpfeilig Bohrt sich Dein Blick mir in das Herz! Ein Flüchtling bin ich. Kaum hier weil' ich, So schlägt auch schon der Abschiebsschmerz“ denn sie sollte auf drei Wochen ihre Tante besuchen, die in einer ziemlich entlegenen Stadt sich bemühte, die Zinsen eines höchst ausreichenden Vermögench standesgemäß zu verbrauchen. Uebrigens freute sich Margot sehr auf diese Reise; in der großen Villa der Tante mit dem weiten Garten dahinter hatte sie es immer furchtbar nett gefunden. Was aber ihre Freude aufs Höchste steigerte, war eine Briefkastennotiz, die sie just am Tage ihrer Abreise in einer Zeitschrift fand. Sie ersah daraus, daß der Dichter Franz Tober zur Zeit in derselben Stadt wohnte, welcher sie selbst für die nächsten drei Wochen angehören sollte. Freilich erfuhr Margot gleich nach ihrer An— kunft eine herbe Enttäuschung. Es erwies sich, daß weder die Tante noch irgend einer der anderen Verwandten und Bekannten etwas von dem großen Dichter wußte, sie schienen sich nicht einmal dieser Unkenntnis zu schämen und unterhielten sich lieber mit allerlei Familien- und Geschäftsfragen: daß Margot so hübsch groß geworden sei, daß sie in der Gesichtsbildung immer mehr auf Tante Hedwig herauskomme, daß Konrad sein Patent als Reserve⸗ lieutenant bei den siebenten Husaren bekommen habe, daß die Flaue in Petroleum wohl noch anhalten werde und daß Onkel Ludwig in der letzten Zeit sehr dick geworden sei. Margot machte im Stillen einige für die Tochter des Matadors der Fett- und Thran-Branche nicht recht passende Bemerkungen über„banausische Naturen“ und nahm sich nun fest vor, den Dichter selbst zu entdecken. Wie alle Dichter und wie sie selber liebte er ohne Zweifel die einsamen Spaziergänge, und daß sie ihn erkennen werde, wenn sie ihm im Stadtpark begegnete, wußte sie; das Bild, welches sie sich nach seinen Dichtungen von ihm gemacht hatte, war ja zuver⸗ lässiger als jeder Steckbrief. schönen Februarmorgen, der sie in den Park lockte, das hohe Glück, ihrem Helden zu begegnen. Sie erkannte ihn sogleich: breiter, weicher Schlapphut, echt künstlerisch; der dicke braune Flausrock, un⸗ leugbar etwas abgetragen,— ach, er hatte ja nicht umsonst gesungen: „Was ist das Loos des Dichters? Zu lungern Verachtet umher, und oft zu verhungern!“— Das lange Haar und der früh ergraute Bart etwas verworren, genialisch ungekämmt; um die vollen Lippen eine tiefe Falte des Weltschmerzes; das Haupt er⸗ hoben, die Augen oft wie geistesabwesend umher⸗ spähend,— wenn ihm„die Muse leichten Flügel⸗ schlags vorüberstrich.“ Vor Allem aber das sin— nende Aufhorchen, weun von fern ein Hund bellte, — wie hieß es doch so schön in dem Gedicht „Um Mitternacht“: „Von ferue bellen Hunde durch die Nacht; Vom schlummerlosen Schlaf bin ich erwacht; Was weckst Du, Sterblicher, mit Wauwaulaut, Mich, den vor'm Fluche, nie zu sterben, graut?“ (Schluß folgt.) Und wirklich hatte sie nun gleich an dem ersten — — ———— .. — r—ů — los und entkam, ohne den Schlaf ihrer Wärter zu stören. Bevor sie auf ihrer Expedition weit gekommen, kitzelte ein lieblicher Geruch ihren Rüssel. Der Geruch war vielver⸗ sprechend; er entstieg einem Backhaus, und unsere Aben⸗ teurerin entschloß sich, ihm nachzugehen. Sie brach mit sanfter Gewalt die Thüre auf und entdeckte— ein lieb⸗ liches Frühstück. Sie that ihm alle Ehre und verzehrte stillvergnügt zwei Sücke Mehl zu je 140 Pfund, 20 Pfund Rosinen, 14 Büchsen Himbeereingemachtes, 14 Pfund Mandeln und 7 Pfund Zitronenschalen. Das Frühstück versetzte die Elephantin in so gute Laune, daß sie in einem benachbarten Hof ein Tänzchen aufführte, im Verlauf dessen sie zwei Brunnen und andere kleine Hindernisse über den Haufen warf. Das Geräusch, das sie dabei machte, war ihr Verhängniß; ihre Wärter eilten herbei und machten der kaum gewonnenen süßen Freiheit ein Ende. Der geschädigte Bäcker fordert energisch, daß Elephanten künftig Maulkörbe tragen sollen. — Der Kaninchenplage in Australien hat bisher keine Maßregel wirksam Einhalt thun können. Neu⸗Süd⸗ wales hat über 3000 Kaninchenjäger angestellt, die ein 0 wahres Gemetzel unter den Tieren anrichten— maucher Jäger verdient die Woche 240%— alles ohne rechten Erfolg. Die Flut der Kaninchen steigt immer mehr. 0 Vergebens hat die Regierung einen Preis von 500 00⁰ 1. für ein Mittel ausgeboten, mit dem man in absehbarer Zeit der Plage Herr werden könnte; mehr als 2000 Vor⸗ schläge sind darauf eingegangen, aber brauchbar war keiner. Was den Kampf gegen das gegenwärtige au ralische Kaninchen so besonders schwierig macht, ist, daß diese Tiere sich den Bedingungen, unter denen sie leben müssen, voll⸗ kommen angepaßt haben. Wenn bei einer Dürre jedes andere Tier vor Hunger und Durst zu Grunde geht, dann gedeiht noch das Kaninchen. Fehlt das Gras, dann wird es zum Kletterer, und man hat in manchen Gegenden Bäume getroffen, deren Rinde bis acht Fuß vom Boden ringsum abgenagt war. Die Zoologen behaupten sogar, daß durch diese Kletterübungen ihre Vorderbeine länger und die Zehenstellung anders geworden sei, als bei ande⸗ ren Kaninchen. Man hat zu seiner Bekämpfung seine natürlichen Feinde, Marder, Frettchen und Iltisse, einge⸗ führt. Diese Tiere scheinen sich dort auch einzuleben; 9 aber bei der fabelhaften Vermehrung der Kaninchen er⸗ 74 schöpft sich ihr Appetit. Selbst Gift hat das Vordringen 1 nicht hintanhalten können, obwohl sie dadurch so zahlreich „„ getötet wurden, daß stellenweise der Boden mit Kaninchen⸗ 5 6 knochen wie besäet ist. Der Schaden, den allein Süd⸗ australien unter dieser Plage erleidet, wird nach der Täg⸗ 1 lichen Rundschau alljährlich auf 5 Millionen geschätzt. Große Strecken hochkultivierten Landes haben vor den Kaninchen geräumt werden müssen; allein in Viktoria sind 38 Millionen Acker unter dieser Plage verödet. Infolge der Prämien, die das Land für die Erlegung der Kanin⸗ chen zahlt, wird ihnen mörderisch nachgestellt. So hat z. B. Neu⸗Südwales in einem einzigen Jahre 27 Mill. Felle gekauft, und um den Fang noch mehr zu ermutigen, und um die großen Kosten etwas zu verbilligen, hat man das Kaninchen für Industriezwecke nutzbar zu machen ge⸗ sucht. Man sieht jetzt schon australische Kaninchen in Form von Pasteten, in Konserven ec. auf dem englischen Markt; australische Kaninchenfelle sind ein starker Ausfuhrartikel. In großartig angelegten Werkstätten werden sie zu Filzhüten verarbeitet; eine ein⸗ zige Fabrik stellt jährlich mehr als 370000 her. Aber alle diese Maßregeln richten immer noch so gut wie gar nichts gegen die Plage aus. Auch durch mechanische Mittel hat man ihr Vordringen hemmen wollen, indem man die von Kaninchen bereits besetzten Gegenden durch ausgedehnte Drahtzäune gegen die noch freien absperrte. An der Grenze von Queensland erhebt sich ein Zaun von 651 Kilometer Länge, ein anderer, 553 Kilometer lang, soll den Westen von Neu-Südwales schützen. Queensland selbst ist im Augenblick damit beschäftigt, sich durch eine Mauer gegen die Kaninchen Neu-Südwales einzuhegen. Es giebt in Australien im ganzen mindestens 25000 Kilometer Schutzzäune gegen die Kaninchen. Aber auch das hilft nur wenig; denn wie sind Zerstörungen in Schutzwehren von solcher Länge zu vermeiden! Die großen Drahtzäune nützen also nur für einige Zeit, und man hat deshalb vorgeschlagen, das ganze Land durch Gitterwerk in ein Netz von Bezirken aufzutheilen, um so den Feind zu zersplittern und ihn in seinen einzelnen Haufen zu vernichten; aber es glaubt so recht niemand daran, daß dieses Mittel mit der Palge aufräumen wird. Die ein⸗ zige Hoffnung auf endliche Befreiung liegt bei den Bak⸗ teriologen; eine verheerende Seuche unter den Thieren, und die Plage wäce vielleicht mit einem Schlage gehoben. Leider aber haben sich bisher die für zahme Kaninchen verderblichen Krankheiten den wilden australischen gegen⸗ über als ganz unschädlich erwiesen. Neueste Telegramme. Hd. Graz, 1. April. In hiesigen aristo⸗ kratischen Kreisen verlautet, daß sich die Gräfin Hartenau, die Witwe des verstorbenen Fürsten Alexander von Battenberg, demnächst mit einem hohen Offizier verloben soll. Die Gräfin, welche jetzt in Frankfurt a. M. wohnt, fährt Ende Mai nach Graz zurück. Hd. Lemberg, 1. April. Seit gestern herrschen hier und in ganz Galizien heftige Schneefälle verbunden mit Kälte. Hd. Paris, 1. April. Der Unterrichts⸗ minister Combes wird in der ersten Kammer⸗ sitzung nach den Osterferien die nötigen Kredite beantragen, um eine Mission behufs Betrach⸗ tung einer totalen Sonnenfinsternis in Japan, welche am 9. August dieses Jahres stattfindet, nach dort zu entsenden. Hd. Paris, 1. April. Wie nachträglich fest⸗ gestellt wird, hat die Madagaskar⸗Expedition genau 6135 Menschenleben gekostet, und zwar sind 5010 Soldaten während der Expedition meistens an Fieber gestorben, 1025 auf dem Heimwege oder in den französischen Militär⸗ Hospitälern. Vier Prozent der kranken Soldaten begingen Selbstmord, der Rest erlag den An⸗ strengungen des Marsches. Hd. Paris, 1. April. Wie verlautet, soll Präsident Faure seinen ganzen Einfluß aufbieten, um zu verhindern, daß der Senat ein Votum gegen das Ministerium annehme. Die Debatte über die auswärtige Politik wird morgen im Senat wieder aufgenommen werden. Die Kammer wird für heute von einer Interpalltion Abstand nehmen, und man glaubt, daß die Regierung morgen eine Besserung der auswärtigen Lage ankündigen kann. Es wird behauptet, der Rück⸗ tritt Berthelots sei ausdrücklich von Rußland verlangt worden. Ferner heißt es, Courcel hätte zum Minister des Auswärtigen und Hano— taux zum Botschafter in London ernannt werden sollen. Diese Kombinationen seien aber auf den Einspruch Rußlands gescheitert. Hd. Havre, 1. April. 700 Italiener schifften sich hier in den letzten Tagen ein, um nach Amerika zu fahren. Eine größere Anzahl sind Reservisten, welche sich ihrer Militärpflicht entziehen wollen. Hd. Rom, 1. April. Aus Massaua über London eingegangenen Meldungen zufolge, wird es General Baldissera vor der Regenzeit nicht mehr gelingen, Adigrat zu befreien. Die Garniß dieses Platzes soll nur noch für 5 Tage mit Lebensmitteln versehen sein. 5 Hd. London, 1. April. Ein Be⸗ amter des französischen Auswärtigen Amtes versicherte dem Korrespondenten der Pall Mall Gazette, der deutsche Kaiser selbst habe nach Beratung mit den Ver⸗ tretern der Dreibundmächte England eine Aktion zu Gunsten Italiens em⸗ pfohlen und gleichzeitig die Unterstützung Deutschlands zugesichertrt. Hünderttausende werden weggeworfen durch unzweckmäßige Abfassung von Annoncen und durch Benutzung ungeeigneter Zeitungen. Ein Inserat muß nicht allein sachverständig und treffend abgefaßt sein, sondern es ist auch der Leserkreis der Zeitungen in Betracht zu ziehen. Auf dem weiten Felde des Zeitungswesens wird sich der Laie nicht leicht orientieren und deshalb eines erfahrenen und zuverlässigen Rathgebers be dürfen, um sein Geld nutzbringend anzulegen und mit einiger Sicherheit Erfolge zu erzielen. Ein berufener Führer ist die älteste Annoncen⸗Expedition Haasenstein u. Vogler, A. G., Frankfurt a. M. Vertreten in Gießen durch Gust av Wohlmuth, Seltersweg. Durch 40jährige Praxis, welche zu den intimsten Ver⸗ bindungen mit allen Organen der Zeitungspresse des In⸗ und Auslandes geführt hat, ist sie mit ihren zahlreichen Zweighäusern und Agenturen vorzugsweise in der Lage, dem inserirenden Publikum sich in jeder Weise nützlich zu machen. Alle Aufträge werden prompt und billigst aus⸗ geführt, da nur die Originalzeilenpreise der Zeitungen berechnet werden, und kommen auf diese Preise bei belang⸗ reicheren Aufträgen noch die höchsten Rabatte in Abrech nung. Man versäume deshalb nicht, sich bei obiger Firma vor Vergebung eines Annoncen-Auftrages erst ge⸗ nau zu informiren. f scung diese usbne be agg eines echt e an Ausatbe Sterbefälle. Am 31. März. August Wilhelm Fresenius, 62 Jahre alt, Großh. Polizeirat in Pension dahier, Bahn⸗ hofstraße 60. Die Beerdigung findet Donners⸗ tag, den 2. ds. Mts., nachmittags 3 Uhr vom Aulcten⸗Versam Sterbehause aus statt. 1 Leitung elles — Bestreitun Verleger: Paul Bader in Marburg, q Bee mterung und 2b erforderten , Juli 1804 dakteur: i. V. A. Kleinschmit, Druck von E. Ottmann, beide in Gießen. 0 0 163— . ham in Gie bank zu Ft Holzversteigerungen. Städt. Schlachthaus Oberförsterei Treis a. d. L. Die Holswersteigerungen vom 26. und 27. März 5 550 genehmigt und können die Abfuhrscheine v Dienstag, den 7. April und die folgenden F reibank. age bei Großh. Rentamt Gießen in Empfang genommen werden. Die Holzüberweisung Heute, erfolgt Mittwoch, den 8. April, wobei Holzabfuhr stattfinden kann. Gebote auf die diesjährige Loh-Ernte der Gemeinden: Milnchholzhausen etwa 60 Ctr., Lohrinde⸗Versteigerungen. Klein⸗Rechtenbach etwa 60 Ctr., Reiskirchen etwa 200 Ctr., Weidenhausen etwa 15 Ctr., sind verschlossen und mit entsprechender Aufschrift versehen bis 8. April einschl. an die Bürger⸗ meisterei Groß⸗Rechtenbach einzureichen. Verkaufsbe dingungen, Karte über Lage ꝛc. der Schläge können daselbst eingesehen werden. Krofdorf. soll vergeben werden. geben werden. Submissionen. 1. Der chausseemäßige Ausbau des sogen. Haarbergwegs bei Garbenheim 2. Die Anlage von Futtermauern am Friedhof zu Garbenheim soll ver⸗ Die Kostenanschläge und Bedingungen liegen auf der Bürgermeisterei zur Ein⸗ sicht offen. Versiegelte Angebote sind bis um 13. April bei mir einzureichen. Ochsenfleisch nicht ladenrein, pro Pfund 51 Pfg. Mehrere jüngere Hausirer für Artikel, welche in jeder Fa⸗ milie leicht verkäuflich, gegen hohe Provision sofort gesucht. Cau⸗ tion nicht erforderlich. Näheres zu erfragen bei C. 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