CCC ö 1 5 0. Fünfte Probenummer. Gießen, Sonntag den 29. Dezember Hessisch Ausgabe (oze Gießen. 1895. 7 2 Redaktion: vorläufig Schloßgasse 13. 1 1 — — Erscheint täglich mit Ausnahme der Preis der Anzeigen: 10 Pfg. Tage nach Sonn- und Feiertagen. für die 5spaltige Petitzeile. S 70 27 Expedition: vorläufig Schloßgasse 13. — üonpementsbestelungen „Hessische Landeszeitung“ nehmen unsere sämmtlichen Träger sowie die Expedition Schloßgasse 13 und Bahnhofstraße 61, Ecke Kaplans— gasse zu jeder Zeit entgegen. Kein anderes hiesiges oder auswärti— ges Blatt bietet annähernd die Vor— teile der„Hessischen Landeszeitung“, die der Einwohnerschaft von Gießen und Nachbarorten in zwei Ausgaben an jedem Werktag ausgehändigt wird. Preis nur 60 Pfg. monatlich einschließlich Traͤgerlohn. FE Gießener Neu⸗ und Umbau en im Jahre 1895. Spezialbericht der„Hess. Idztg.“ Fzortsetzung.) 6 Gießen, 28. Dezember. Gehen wir von der Plockstraße nach dem Seltersthore zu, so fällt stets unser Blick zuerst auf das Hotel zum Prinzen Carl, dessen Be⸗ sitzer seine alte unmoderne Thoreinfahrt zu einem vornehmen, dem Range seines Hotels ent⸗ sprechenden Vestibül hat umschaffen lassen. Cs wäre nicht unzweckmäßig gewesen, gleichzeitig den unschönen Balkon am Hause durch einen architektonisch wirksameren zu ersetzen. Am Nach⸗ bargebäude, dem früher Dietz'schen, jetzt dem Hutfabrikanten Wilhelm Schuchard gehörigen Hause, sind im Verlaufe des Jahres nach Plänen des Architekten Kockerbeck bedeutende Umbauten vorgenommen. Das Parterre ist in der ganzen Front des Gebäudes um ca. 1 Meter zurück gerückt, um dasselbe wenigsteus in seinem unteren Geschoß in die Baufluchtlinie zu bringen. Zwei gewaltige Schaufenster flankiren ein vornehm ge⸗ haltenes Vestibül. Seitwärts führen die Ein⸗ gänge zu den beiden neugeschaffenen, hochmodernen geräumigen Läden. Man hat auch versucht, die obere Facade des Hauses architektonisch zu heben, und dabei etwas verschwenderisch Kunst⸗ schreinerei verwendet. Schmiedeiserne Gitter schließen das Gebäude ab, indem sie es mit den Nachbarhäusern verbinden. Nach der Wolken⸗ gasse zu hat die Firma Wilhelm Schuchard ein einfaches Gebäude zu Lager- und Fabrik⸗ zwecken benutzbar, errichtet. An der Ecke des Seltersweges und der Wolkengasse hat der Metzgermeister Seng ebenfalls durch Um bau des Parterre seines Hauses zwei der Zeit angemessene Läden geschaffen und gleichzeitig die früher in der Straßeuflucht gelegene steinerne Treppe zum Eingang seines Hauses zurück gerückt, wodurch das Trottoir frei wurde. Gehen wir weiter nach dem Seltersthore zu, so fällt uns schon von weitem der in den Jahren 1894/95 errichtete Rudolph'sche Pracht bau auf. Dieses Gebäude, nach Zeichnungen der Architekten Stein und Meyer im modernen Renaissancestil erbaut, dürfte wohl derjenige Eck⸗ bau in der Stadt sein, welcher die größte Straßen⸗ front besitzt. In dunkelfarbeuen Gail'schen Ver⸗ blendern mit reicher architektonischer Sandstein⸗ gliederung ist dieser Bau seinem Zweck entsprechend als modernes Geschäftshaus errichtet und hat in seinem Innern einem der größten Klavierlager Deutschlands Unterkunft gewährt. Nicht un⸗ erwähnt wollen wir lassen, daß nach dem Aus⸗ spruch eines unserer bekannten Kriminalverteidiger dieser Bau wegen seines Karyatidenschmuckes s. Zt. als unter das geplant gewesene Umsturz⸗ gesetz fallend, bezeichnet wurde.. Nun J steigen wir den Seltersberg in die Höhe. Da hat auf der rechten Seite der Frankfurter⸗ straße in der Nähe der Hoffmannstraße der Bau⸗ unternehmer Winn im Renaissancestil aus Lung⸗ steinen mit weißer Sandsteingliederung eine Villa erbaut, die in ihrer Eigenartigkeit vorzüglich wirkt. Der auf der einen Ecke des Gebäudes in Holzarchitektur mit kräftig hervortretendem Dache angebrachte turmartige Aufbau giebt dem im allgemeinen für Privathäuser schwer wirkenden Lungsteinmaterial etwas Gefälliges, wozu auch der auf kantigen Säulen ruhende Altan viel beiträgt. Auf der andern Seite der Frankfurter— Wirt Schmidt ein als roter Backsteinbau sich darstellendes Doppelwohnhaus erbaut, welches architektonisch nichts erwähnenswertes bietet. Hoch oben auf dem Seltersberge präsentirt sich uns die demnächst in Benutzung genommene Pspchia— trische Klinik, welche einen förmlichen Stadtteil für sich bildet, welchen wir demnächst besprechen werden.(Fortsetzung folgt.) Lokales und Provinzielles. * Gießen, 28. Dezember. Der Gießener Zitherkranz hielt gestern Abend in Steins Garten seine Weihnachtsfeier durch Ver— loosung ꝛc. ab. Das Arrangement war nicht nur von Mitgliedern, sondern auch von Gästen sehr stark besucht.— Der Männerturnverein, welcher am 2. Feiertage seiner Weihnachtsbe— scheerung mit Stellung von lebenden Bildern (arrangirt vom Maler Fritz) ein abwechselungs— reiches Programm verlieh, machte gestern Nach— mittag einen Ausflug nach dem Schützenhaus, wo sich ein recht flottes Leben bis in die späten Abendstunden entwickelte.— Das gestrige Nach— mittagsconcert unserer Militär-Kapelle in Steins Garten bot wieder ein recht ab— wechslungsreiches Programm, der Besuch des— selben war allerdings nicht so stark wie am Tage vorher. Gießen, 28. Dezember. Ein berühmter Hesse, der zu Lauterbach geborene Land— schaftsmaler Fritz Ebel, ist in Düsseldorf ge⸗ storben. Zunächst Pharmaceut, ging Ebel im 21. Lebensjahre in Darmstadt zur Malerei über und setzte seine Studien 1857 unter Joh. Wilh. Schirmer in Karlsruhe, dem bekannten Meister der historischen Landschaft, fort. Seit dem Jahre 1861 hatte Ebel seinen Wohnsitz in der nieder— rheinischen Kunststadt und übernahm von Düssel⸗ dorf aus mehrere Studienreisen nach Oberbayern, Tyrol, Oberitalien und das südliche Frankreich, sowie auch nach Mitteldeutschland. Ebels Name ist in der Geschichte der modernen Landschafts— malerei rühmlichst verzeichnet; auf der Ehren— tafel der berühmten Hessen hat auch er einen Platz sich errungen. * Gießen, 28. Dezember. Der Viehhändler Jacob erwarb durch Kauf das Haus Westan⸗ lage 42 vom Dachdecker Carle für den Preis von 33,500 Mark. * Gießen, 28. Dezember. Die Verhand— lungen der Strafkammer beginnen mit dem 3. Januar k. J. * Gießen, 28. Dezember. Der Hessische Fechtverein Waisenschutz beging gestern in „Lony's Bierkeller“ sein diesjähriges Weih— nachtsfest durch Tanz und Verloosung, woran sich ein kleines Tänzchen reihte. Die Stimmung war die denkbar beste und wurde der Tendenz des Vereins entsprechend, tapfer und mit Erfolg für arme Waisen gefochten. h. Darmstadt, 26. Dezember. Wie zuver— lässig verlautet, wollen die hessischen Wirte eine große Agitation entfalten, um den Antrag der Mehrheit des Finanzausschusses der zweiten Kammer gegen die Aufhebung des hessischen Weinsteuergesetzes zu bekämpfen.— Aller Wahrscheinlichkeit nach tritt die Zweite Kammer vor Februar nicht zusammen. Mainz, 26. Dezember. Den Mitgliedern der Stadtverordnetenversammlung sind zwei neue Berichte zur Wasserversorgungsfrage der Stadt Mainz zugegangen. Der eine hat Herrn Ingenieur Smreker zum Verfasser; er behandelt die Wasserversorgung aus dem Grundwasser der linken Mainebene. Mit Sicherheit ließen sich aus diesem Gebiet 25— 30,000 Kubikmeter pro Tag gewinnen, doch könne das zu fördernde Wasserquantum auf 50—60.000 Kubikmeter er⸗ höht werden. Die Kosten der Gesammtanlagen berechnet Herr Smreker auf rund 2,000,000 Mk. Das der sozialdemokratischen Fraktion der Stadt⸗ verordnetenversammlung angehörige Mitglied Herr Dr. Frank ist der Verfasser des anderen Berichtes. Dr. Frank ist entschieden gegen die Wasserversorgung aus dem Grundwasser der linken Mainebene, hauptsächlich, weil sie zu viel Geld koste. Er tritt für eine Wasserversorg— ung aus dem Grundwasser der sog. Ingelheimer Aue ein. Die Baukosten sollen sich nur auf 725,000 Mk. und die jährlichen Betriebs- ꝛc. Kosten auf 109,500 Mk. berechnen, während das Smreker'sche Projekt alljährlich 292,000 Mk. erfordert. Vermischtes. Der„frische, fröhliche Krieg“. Aus Kopenhagen schreibt man der„Flkf. gebracht, und als dieser ihn fragte, ob er nicht eine Begebenheit, die er mit seinen Visionen in Verbindung bringen könne, erlebt habe, erzählte der Patient, er habe am deutsch-französischen Kriege 1870 teilgenommen und die blutige Schlacht bei Gravelotte mitgemacht(auf welcher Seite, wird nicht gesagt). Während der Schlacht habe er den Befehl erhalten, eine be⸗ stimmte, näher bezeichnete Stellung so schnell als möglich einzunehmen, und um rasch dahin zu kommen, einen Hohlweg zu passieren. Als er daselbst anlangte, fand er denselben mit Toten und Verwundeten ganz gefüllt. Die Leichen lagen in Schichten übereinander und die Ver⸗ wundeten steckten flehend die Hände gegen ihn aus, daß er mit seinen Kanonen nicht über ihre Leiber hinwegfahre. Der junge Offizier, der noch gegen die Schrecken des Krieges nicht ab⸗ gehärtet war, mußte jedoch dem Befehle gehorchen, — die Angstrufe der Verwundeten und das Krachen der Gebeine, die unter dem Gewichte der Kanonen zermalmt wurden, machten jedoch einen schrecklichen Eindruck auf ihn, sein Pferd glitt in einer Blutlache aus und er selbst stürzte zu Boden. Er wurde ins Lazarett geschafft, wo die Wunde in der Schläfe, die er durch den Sturz vom Pferde davongetragen, geheilt wurde. Er kehrte dann nach Dänemark zurück und hatte seit der Zeit mehrmals jährlich die schweren Anfälle und Vistonen. Als der Arzt dies er— fahren hatte, untersucht er den Patienten von neuem und fand eine kleine Narbe an der linken Schläfe. Er öffnete die Stelle und fand, daß ein Splitter eines Knochens sich gelöst hatte. Er wurde entfernt, und seitdem ist der Kapitän völlig hergestellt. — Ein Getrösteter. Ein jetzt sehr ge— feierter Violinist, so erzählte dieser Tage M. van Biene in einem im Londoner Klub der Kkünstler gehaltenen Vortrage, hatte einst die Ehre, vor dem Könige von Dänemark zu spielen. Nach dem Konzert trat der König auf den Künstler zu.„Ich habe Paganini, Spohr, Vieuxtemps gehört“, sagte er,„Sie aber„und hier berneigte sich der Küustler bereits in abwehren der Bescheidenheit,„Sie aber haben leider“, fuhr der König fort,„diese Vorbilder nicht hören können, trotzdem aber, junger Mann, leisten Sie recht Tüchtiges. Fahren Sie nur so Sprach's klopfte dem Künstler auf die Schulter und— ging. Etwas Geknickteres aber als diesen aus allen Himmeln Gestürzten hat es noch nicht gegeben. Das Gute kommt aber erst. „Der arme Teufel“, sagte der König später, „thut mir leid. Hätte er sich nicht verneigt und dadurch den Ruhm Spohrs und Paganuinis förmlich für sich in Anspruch genommen, so hätte ich ihm etwas Angenehmes gesagt, so aber.... na wissen Se was“— und er wandte sich an den Minister—„geben Sie ihm doch einen Orden. Für den Schreck hat er ihn vollauf verdient“. — Zu der furchtbaren That einer geistesgestörten Mutter, welche ihre drei Kinder und dann sich selbst aus dem Feunster hinausstürzte, werden noch folgende Einzel— heiten berichtet: Die plötzliche Umuachtung der Frau und ihre daraus resultirende That ist aller Wahrscheinlichkeit nach durch ein Leiden hervor⸗ gebracht, das sie bereits seit längerer Zeit be— fallen und das auch ihre zeitweiligellnterbring— ung in einer Anstalt nötig gemacht hatte. In den letzten Tagen hatte ihre Umgebung durch⸗ aus nichts Auffälliges an der Unglücklichen be⸗ merkt. Ruhig war sie ihren häuslichen Ge⸗ schäften nachgegangen, auch hatte sie schon die Vorbereitungen für das Weihnachts fest ge⸗ troffen. So wenig hatte man irgend etwas Außerordentliches an ihr bemerkt, daß ihr Gatte, der Kaufmann Brade, eine Reise unternahm, um einer Kindtauffestlichkeit beizupvohnen. Gegen fünf Uhr sandte die Frau ihr Dienstmädchen fort, und als das Mädchen dann wieder kam, war das Gräßliche bereits geschehen. Nachdem sie ihre Kinder im Alter von einunddreiviertel, drei und fünf Jahreu aus einem Fenster einer in der vierten Etage belegenen Bodenwohnung in den an das Haus stoßenden Garten hinab— geworfen hatte, eilte die Wahnsinnige an das Treppenfenster jener Etage und stürzte sich in die Tiefe. Das jüngste Kind war sofort todt, die Frau und die beiden älteren Kinder wurden schwerverletzt in das Krankenhaus gebracht. Der Zustand der Unglücklichen und des älteren Kindes, bei denen Schädelbruch konstatirt ist, gilt als hoffnungslos. Auch das andere Kind, das schwere innere Verletzungen erlitten hat, dürfte kaum mit dem Leben davonkommen. — Allerhand Geistreiches und Uebergeist⸗ Ztg.“: Ein hiesiger Kapitän hatte in der letzten reiches von Hans v. Bülow finden wir in Zeit an heftigen Kopfschmerzen gelitten und dem jüngst erschienenen„Rachtrag zu Studien gleichzeitig Anfälle gehabt, während deren er über Haus v. Bülow“ von Vianna da Motta, furchtbare Visionen hatte und völlig tob⸗(Berlin, bei Luckhardt) mitgetheilt. straße, jenseits der Klinikstraße ist noch vom süchtig wurde. Er wurde zu einem Irrenarzt bei Bechsteins Flügeln ist sehr schön, „Der Ton aber ich muß gestehen, daß die unteren Oktaven mir etwas zu sehr Kommerzienräthliches haben“.—„Die Ritardandos, die man Mendelssohn zulegt, haben ihn in den unverdienten Ruf einer limonaden⸗ haften Sentimentalität gebracht. Es ist aber edler Wein, keine Limonade.“—„Ich teile die musikalischen Menschen in zwei Klasseu ein: Einigen geht die Musik durch die Beine ins Herz, vielleicht auch in den Kopf, Andern umgekehrt. — Bülow tadelte den tonlosen Anschlag des Spielers.„Dieses Gesäusel— unverstandenes Weimar. Sie haben wahrscheinlich bei einem verdorbenen Schüler Liszts Stunde gehabt. Ich aber hatte Stunde bei deu Vater Frau Schu⸗ manns, der sagte:„Nee, der Ton hat Migräne, spielen Sie gesünder.“—„Wenn ich so lauter Längen höre, werde ich ganz nervös. Sie spielen, wie man im Berliner Dialekt: Kehlnehr sagt, anstatt Kellner“. Das Trichterspiel. Der Rohrleger Karl Nickel hat sich wegen Körper⸗ perletzung vor dem Schöffengericht zu verantworten. Es wird ihm zur Last gelegt, dem Vergolder Greulich ge⸗ legentlich eines Wirtshausstreites mit einem Bierseidel zwei Zähne ausgeschlagen zu haben. Schon bei Fest⸗ stellung der Personalien ereignet sich folgender heitere Zwischenfall. Der Vorsitzende des Schöffengerichts richtet an den Angeklagten unter anderen die Frage, ob er verheiratet sei. Angeklagter: Ick nich, aber meine Olle,— Vorsitzender: Erlauben Sie sich hier keine dummen Redensarten. Angeklagter: Det ick net wüßte, Herr Präsidente. Ick war verheirat't, meine Olle hat sich aber von mir scheiden lassen. Nu hat die sich aber wieder verheirat't, ick aber nich, Also bin ick nich verheirat't, aber meine Olle.— Vorsitzender: Dann haben Sie recht. Sie konnten sich aber anders ausdrücken. Die jetzigen Familien-Verhältnisse Ihrer geschiedenen Frau interessiren uns hier gar nicht. Wir kommen nun zu dem Vorfall in dem Schultz'schen Schanklokale, wo Sie mit dem Vergolder Greulich in Streit gerieten. Bekennen Sie sich der Körperverletzung schuldig?— Angeklagter: Greulich is schuldig, ick aber nich!— Vorsitzender: Dann erzählen Sie uns den Vorfall. Angeklagter: Ick un Greulich sind alle Bekannte, wir hadden uns lange nich jeseh'n, als wir bei Schültz'n uns drafen. Aus Freide darieber schmeißt Greulich eenen Leichenwaagen mit Troddeln.— Vorsitzender: Was ist denn das? Angeklagter: Det is Nordheiser mit Punsch, Herr Präsidente, der wärmt den janzen Menschen.— fort“ Vorsitzender: So wählen Sie doch aber die üblichen richtigen Ausdrücke für Ihren Schnaps und fassen Sie sich nun recht kurz.— Angeklagter: Is jut. Also wie wir unser Nordlicht ausgelutscht haben, schmeiße ick doch een'n un der is denn doch bald alle. Nu macht Greulich den Vorschlag, det wir uns den dritten Leichen⸗ wagen— ach nee, Nordheiser wollte ick sagen— aus⸗ wetten woll'n. Is jut, sage ick, ick bin mit mang. Schultze, unser Budiker fragt, ob wir würfeln woll'n wat mir ja schon jauz recht jewesen wäre, aber Greulich meent, er hätte wat weit Schöneret, een janz neies Spiel, det Trichterspiel. Er läßt sich von Schultze eenen Trichter jeben un hält nu eene lange Rede, um uns auseinander zu quetschen, det Keener nich, blos er alleene, in den Trichter eenen Groschen rin kriegt. Um uns det zu be⸗ weisen, knöpft er sich die Weste uf un steckt sich den Trichter in de Hosen rin, det der obere Teil vom Trichter raus⸗ kiekt. Dann legt er seinen Kopp nach hinten und backt sich een'n Groschen uff seine Stirn. Wir kucken alle zu un lauern nu, wat da kommen soll. Endlich sagt er: Nu passen Se mal uff, meine Herren. Wenn ick den Kopp runtersenke, dann fällt doch der Groschen von meine Stirn weg und muß in den Trichter rin fallen. Er läßt nu seine Schusterkugel Vorsitzender; Was ist denn das wieder für ein unverständlicher Ausdruck;— Ange⸗ klagter: Det is Greulich'n sein Kopp, Herr Präsidente, den nennt er seine Schusterkugel.— Vorsitzender: Ich muß mir doch ein für allemal verbitten, daß Sie hier solche unverständlichen Ausdrücke gebrauchen.— Ange⸗ klagter: Is jut, soll nich wieder vorkommen. Also Greulich läßt seinen Kopp runterbiegen, und der Groschen fällt in'n Trichter rin.— Vorsitzender: Was geschah nun? Angeklagter: Nu kommt ja die jemeine Nieder⸗ trächtigkett von Greulich'n. Er frägt nu, ob ich det nach⸗ machen kann. Jewiß, sage ick, det macht jedet kleene Kind. Jut, meent er, aber erst wetten. Ick wette nu also um een'n jroßen Leichen— nich doch, Nordhäuser mit Punsch, det ick det boch kann, stecke mir den Trichter in die Hosen und lege mir ooch een Groschen uff de Stirn. Greulich hatte nu aus'emacht, dat er kommandiren müsse. Ick stehe nun also mit den Trichter in die Hosen da und kieke mit meinen Groschen nach de Decke ruff und lanre nu uff Greulich'n sein Kommando. Mit een Mal jießt Greulich'n een Glas Wasser jn den Trichter rin. Ehe ick nu vor Schreck den Trichter aus de Hosen reiße, is mir det ganze Wasser in die Hosen und Stiebein rin⸗ jeloofen, und der Groschen lag uff de Erde.— Vo r⸗ sitzender: Das war allerdings ein sehr grober Scherz. Was geschah nun?— Angeklagter: Eene ganz jroße Niederträchtigkeit war et, Herr Präsidente, det könn'n Se sich woll denken. Ick steh da, naß wie'n Pudel, det Water looft mir aus de Stiebeln raus, und de anderen Kadetten, Schulße ooch noch mit mang, woll'n sich vor Lachen den Bauch halten. Damit aber noch nicht jenug, kommt Greulich uff mir mit'n Ilas Bier los und sagt; „Komm Karnickelken“— damit meent er immer mir, weil ick doch Karl Nickel heeße— wir wollen uns wieder verdrajen, jetzt gebb ick een'n Großen. Na, det war mir denn doch zu bunt; ick in meine Wut nehme det Glas, womit er mir det Wasser in'n Trichter jejossen, un haue ihm damit an' Kopp. Dabei wer'n nu woll een paar loren zu haben, wird vom einzig und allein den Vorfall verschuldet, und daß er besser getan hätte, den Angeklagten nicht noch obendrein Angeklagte kommt mit Zähn wackelich jeworden sind. Det schad't aber nischt. Der hat ja falsche Zähne, die wird er sich woll mit Fisch⸗ leim wieder injeklebt hab'n. Die Beweisaufnahme ergiebt den Tatbestand, wie ihn der Angeklagte vorgetragen hat. Dem Zeugen Greulich, welcher bestreitet, falsche Zähne bei diesem Vorfalle ver⸗ Vorsitzenden bedeutet, daß er zur Anzeige zu bringen. Der 10 Mark Strafe davon.— Draußen auf dem Korridor ruft der Verurteilte dem sehr korpulenten Zengen Greulich zu:„Deine Zähne kannst Du uffgeschwemmter Pfann⸗ kuchen mit Beene, Dir in Spiritus setzen“. Heiteres. 5 Aus einer Verteidigungsrede. Daß der Angeklagte ein gutes Herz hat, geht schon daraus hervor, daß er die gestohlenen Sachen 8 Schwiegermutter geschenkt hat. Gellner in der Welt! Frage ich Se da in Schkeiditz en Kellner: haben S Se Bostkarten mit Ansichten? Nee, sagt'r, blos and're! Uns're Gäste schreib'n ihre Ansichten immer felber d'ruf, sagt'r!“(Flieg. Bl.) ———ů— Zivilstand der Stadt Gießen. Geburten. Am 19. Dezember dem Bahnarbeiter Heinrich Jericho 1 Sohn Ludwig Daniel, am 21. dem Taglöhner Karl Georg Falkenheiner 1 Sohn Ernst Peter, am Schbaß' g. Sachse:„ giebt doch schbaß ge „dem Musiklehrer Franz Bauer dem Schreiner Schäfer 1 Tochter, am 22 1 Sohn Franz Christian Karl, am 23. Fuhrmann Christoph Wagner 5. 1 Sohn. Aufgebote. Am 21. Dezember Nicolaus Weßbecher, Schlosier da⸗ hier, mit Katharine Volk hierselbst, am 2 inrich Stumpf, Maurer zu Garbenteich mit Elisabethe Schäfer von Ettings⸗ hausen. Eheschließungen. Dezember Heinrich Karl Lehrmund, Schlosser am 21. Heinrich Am 21. dahier mit Katharine Spuck hierselbst, 21. dem Christian Panz, Dachdecker dahier mit Louise Waldschmidt hierselbst, am 23. Johann Christoph Martin Spengler dahier mit Karoline Marie Justine Pitzer hier⸗ selbst, am 27. Karl Konrad Ockerländer, Uhrmacher zu Ulm(Donau) mit Minna Margarethe Christiane Louise Reuling hierselbst, am 27. Georg Schmidt, Schneider da⸗ hier mit Elise Weinandt hierselbst. Sterbefälle. Am 20. Dezember Johann Schmidt, 68 Jahre alt, Landwirt zu Oberwetz, Kr. Wetzlar, am 23. Katharine Schuhenn, 62 Jahre alt, Ehefrau von Heinrich Schuhenn zu Kausen, Kr. Altenkirchen, am 24. Jean Zacharias Sandner, 61 Jahre alt, Hotelbesitzer daher, am 24. Pau⸗ line Roth, geb. Dilger, 44 Jahre alt, Witwe von Mineral⸗ wasserhändler Heinrich Roth dahier, am 26. Heinrich Schröder, 58 Jahre alt, Schlosser dahier, am 26. Sophie Klingelhöfer, 86 Jahre alt, Privatin dahier, am 26. Günther Friedrich Karl Handrich, 3 Jahre alt, Sohn von Schneider Karl Handrich dahier. Balser, Kirchliche Anzeigen der Stadt Gießen. Evangelische Gemeinde. Sonntag, den 29. Dezember. Sonntag nach Weihnachten. Gottesdienst in der Stadtkirche. Vormittags halb zehn Uhr: Pfarrer Dr. Grein. Abends 5 Uhr; Pfarrer Schlosser. Dienstag, den 31. Dezember. Sylvester. Abends 6 Uhr: Pfarrer Schlosser. Mittwoch den 1. Januar 1896. Neujahr. Vormittags halb 10 Uhr: Pfarrer Dr. Grein. Kollekte für die Armen. In der Johanneskirche. Vormittags halb zehn Uhr: Pfarrer Dr. Naumann. Abends 5 Uhr: siehe Stadtkirche. Dienstag den 31. Dezember. Sylvester. Abends 8 Uhr: Pfarrer Dr. Naumann. Am Neujahrstag 1896 wird eine besondere Kollekte für die Armen erhoben werden. Katholische Gemeinde. Sonntag den 29. Dezember. Samstag Nachmittags um 5 Uhr und Abends um 8 Uhr Gelegenheit zur hl. Beichte. Sonntag: Vormittags von halb 7 zur hl. Beichte; Vormittags um halb 7 Uhr erste hl. Messe; 15 um halb 8 Uhr Austeilung der hl. Kommunion, 5 um 8 Uhr zweite hl. Messe; um halb 10 Uhr Hochamt; Nachmittags um 6 Uhr; Andacht. Gottesdienst in der Synagoge. Samstag den 28. Dezember: Vorabend 4 Uhr. Morgens 0 Uhr an Gelegenheit 9 Uhr, Nachmittags 3 Uhr, Sabathausgang 5 Uhr 20 Minuten. Letzte Telegramme. Hd. Berlin, 28. Dezember. Der Kaiser hat den Lehrern und Schülern des Friedrich-Gymnasiums in Kassel, dessen Schüler er selbst gewesen, ein Exemplar seines be⸗ kannten Bildes:„Völker Europas, wahret Eure heiligsten Güter“ mit eigenhändiger Unterschrift geschenkt. Hd. Rom, 28. Dezember. In allen Städten werden den nach Afrika abgehenden Soldaten von den Bewohnern Ovationen bereitet, wie verlautet, sollen, sobald die gegenwärtigen Verstärkungen in Afrika eingetroffen sind, weitere 10000 Mann folgen. Gegen den 5. und 6. Januar werden die ersten Verstärkungen in Afrika eintreffen. D. B. Hd. Paris, 28. Dezember. Der Chefredakteur der„France“ ist in Betreff der Panamaliste interviewt worden. Er erklärte, daß er volle Beweise für alle aufgestellten Behaup⸗ tungen besitze. D. B. Hd. Paris, 28. Dezember. Ein Tele⸗ gramm aus Petersburg besagt, daß der Herzog von Leuchtenberg dem Präsidenten Faure ein freundschaftliches Schreiben des Zaren überreicht hat. Verleger: Paul Bader in Marburg, Verantw. Re⸗ dakteur: i. V. A. Kleinschmit, Druck von E. Ottmann, beide in Gießen. BENNI. en gros DROGEN K K CHEMIKALIEN IMM. Giessen. 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